PROLOG
Sie haben mir beigebracht, unsichtbar zu sein; das war das Gute.
Vielleicht das einzig Gute.
Bull ging intuitiv vor. Als er das Ende der Gasse erreicht hatte, blieb er im tiefschwarzen Schatten stehen und schaute zu dem Tandoori-Restaurant in der Hauptstraße hinüber. Seine Schritte hatten keinerlei Geräusch verursacht, denn man hatte ihm gezeigt, wie er sich lautlos fortbewegen konnte, unabhängig davon, auf welchem Untergrund er ging oder welche Schuhe er trug.
Er zog die Nachtluft durch die Nase ein. Sie war trocken und kalt. Ob der Brandgeruch real oder bloß eine Erinnerung war, vermochte er nicht zu sagen. Das ständige Klingeln in seinen Ohren verwirrte ihn, ließ die Unterschiede zwischen jetzt und damals verschwimmen.
Er schaute auf seine Uhr.
Es war fast so weit.
Schritte von links, zwei Personen, noch knapp zehn Meter entfernt. Bull reagierte blitzschnell und griff in seine Jackentasche. Als das Paar auf seiner Höhe war, hatte er sich die Zigarette schon angezündet und stand mit dem Gesicht zur Wand, rauchend, schwankend, pinkelnd. Es gab für sie nichts zu sehen.
Er wartete, bis sie vorbeigegangen waren, und ließ noch einige Sekunden verstreichen, ehe er sich wieder umdrehte und kurz zu der Kamera über ihm aufschaute; sie zielte auf die Straße zu seiner Rechten. Auf keinen Fall konnte sie ihn aufnehmen, denn sie war nicht direkt nach unten gerichtet. Auch die beiden nächsten Kameras waren nicht so positioniert, dass sie ihn hätten erfassen können. Mit surrendem Motor schwenkte die Kamera herum, und er stellte sich einen fetten Sicherheitsbeamten in Zivilkleidung vor, der in einem winzigen Kontrollraum saß, auf einem Burger herumkaute und auf betrunkene Teenagerinnen zoomte, wenn diese aus den Pubs heraustaumelten.
Als sich genau nach Zeitplan die Tür auf der anderen Straßenseite öffnete, glitt er noch tiefer ins Dunkel.
Und da war sie.
Rosa trat auf den Gehsteig; zaghaft, allein, um den zerbrechlichen Hals einen Schal gewickelt; ihre Handtasche hielt sie dicht an die Seite gepresst. Er betrachtete ihr Gesicht aus der Dunkelheit heraus und erkannte die üblichen Zeichen. Die Schultern gebeugt, der Blick leer …
Tief in ihm, begraben unter Jahren von Qual und Schmerz, war etwas, das ihn zu ihr hinzog, und dieses Etwas ließ ihn fast aus seiner Deckung treten. Doch er hielt sich zurück. Sich jetzt zu zeigen wäre für keinen von ihnen beiden hilfreich; für so etwas war es viel zu spät. Für Mitleid gab es keinen Platz.
Oder für Mitgefühl.
Rosa zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, überquerte vor ihm die Straße und ging nach Norden zur Kreuzung, ohne auch nur einen flüchtigen Blick in seine Richtung zu werfen. Bull folgte ihr nicht, dazu bestand keine Notwendigkeit. Er wusste ganz genau, wohin sie gehen würde.
Seit sie hierhergezogen war, in diese neue Stadt, in ihr neues Leben, war sie Woche für Woche dem gleichen Muster gefolgt. Um elf schloss das Restaurant, dann räumte sie auf, um Viertel vor zwölf verließ sie den Laden. Dann ging sie die Hauptstraße entlang, bog an der Ecke, wo die Bank war, ab und nahm hinter dem Einkaufszentrum als Abkürzung nach Hause den dunklen, einsamen Fußpfad.
Dort würde Bull zuschlagen.
Er beobachtete, wie sie die Hauptstraße entlangtrottete. Ging sie heute noch langsamer als sonst? Erneut flackerte Mitleid in ihm auf, doch er unterdrückte das Gefühl. Er ließ sich nicht aus dem Konzept bringen, ihm lagen bloß die Nerven blank, und das hatte mit dem zu tun, was er vorhatte. Aber deswegen war es nicht falsch.
Um einen besseren Blick auf sie erhaschen zu können, trat er fast aus dem Schatten heraus. Knapp dreißig Meter vor ihm hatte Rosa die Bushaltestelle am Ende der Straße erreicht. Doch gerade als Bull damit rechnete, dass sie um die Ecke biegen und aus seinem Blickfeld verschwinden würde, tat sie etwas Unerwartetes.
Sie blieb stehen und sah sich um.
Bull sprang jäh zur Seite, glitt hinter die Mauer und konnte sie nicht mehr sehen. Hatte sie ihn bemerkt? Gern hätte er um die Ecke geblickt. Doch was, wenn sie immer noch in seine Richtung schaute und nur darauf wartete, dass er wieder auftauchte?
Ein Bus dröhnte vorbei. Lärm und Abgase ließen Bull zusammenzucken. Er fuhr sich mit beiden Händen in das Gesicht und rieb sich den Staub aus den Augen. In der Ferne hörte er jemanden rufen.
Das ist nicht real.
Gereizt ließ Bull die Hände sinken und konzentrierte sich wieder. Er beugte sich vor und schaute um die Ecke die Straße entlang. Rosa stand nach wie vor da, verharrte noch immer haargenau an derselben Stelle, schaute aber nicht mehr in seine Richtung. Nun begriff er, warum sie dort stand: Sie wartete auf den Bus, der gerade an ihm vorbeigefahren war und jetzt die Haltestelle ansteuerte.
Sie wich vom Plan ab.
Fast hätte er sich in Bewegung gesetzt, erinnerte sich aber im letzten Moment an die Kameras und hielt rechtzeitig inne. Noch suchte ihn die Polizei nicht. Aber bald würde sie es tun.
Er konnte ihr nicht in den Bus folgen.
Rosa stieg ein, die Türen schlossen sich hinter ihr, und als der Bus losfuhr, fluchte Bull, da ihm klar wurde, dass ihn dies eine weitere Woche kosten würde. Neben ihrer Arbeit in einem Sportgeschäft im nahe gelegenen Einkaufszentrum arbeitete sie hier nur an Freitagen. Heute hätte er eine Chance gehabt, und nun entwischte sie ihm.
Als der Bus am Ende der Straße rechts abbog, las Bull die Nummer auf dem rückwärtigen Display.
121.
Sofort wusste er, was zu tun war. Er drehte sich um und betrat den dunklen Fußweg. Vor einigen Wochen hatte Rosa diesen Bus schon einmal genommen. Sie hatte schweres Gepäck dabeigehabt und wahrscheinlich deshalb den Bus gewählt. Bull war ihr nicht sofort gefolgt – es empfahl sich immer, etwas Abstand zu wahren –, sondern hatte auf den nächsten 121er gewartet. Wenig später hatte er herausgefunden, wo sie ausgestiegen war. Der Bus fuhr durch eine Einbahnstraße und bediente auf dieser zwei Haltestellen. Dann hielt er auf der Cecil Road gegenüber der Einmündung der Sydney Road.
Wo sie jetzt wohnte.
Heute Abend war sie vielleicht müde oder ihr war unwohl, weswegen sie den Bus genommen hatte, um nach Hause zu fahren. Das hatte Bulls Plan zunichtegemacht, doch damit konnte er umgehen. Er musste sich bloß auf die veränderten Bedingungen einstellen, durfte sich nicht verzetteln.
Denn er musste diese Sache erledigen.
Wenn er die Abkürzung nahm und sich beeilte, konnte er sie abfangen. Zwar war es riskant, sie in einem Wohngebiet und nicht auf einem stillen Fußweg zu erledigen. Doch die ersten hundert Meter der Sydney Road waren unbeleuchtet und zu dieser späten Stunde meist menschenleer.
Bull beschleunigte seine Schritte, war aber darauf bedacht, nicht zu rennen. Sein verletztes Bein tat ihm schon jetzt scheißweh, und es wäre nicht vernünftig, zwar rechtzeitig anzukommen, sich dann aber durch heftiges Schnaufen zu verraten.
Er erreichte die Abzweigung, bog links ab und entfernte sich von dem allmählich verblassenden gelben Schein der Straßenbeleuchtung, froh über das Licht des Halbmonds. Der Weg war eng. Drahtzäune hielten zu beiden Seiten dichtes Gebüsch im Zaum, während es über Kopfhöhe zusammengewachsen war. Durch die Dunkelheit rannte er weiter. Dabei konzentrierte er sich so darauf, wie er den ersten Schlag ausführen würde, dass er völlig den Einkaufswagen vergaß.
Dicht vor ihm ragte das Gitter als Hindernis aus der Dunkelheit auf. Zwar war er schon vorher daran vorbeigegangen und hatte ihn dicht an den Zaun geschoben. Doch der Wagen blockierte noch immer die Hälfte des Fußpfads.
Bull hielt mitten im Lauf an, um auszuweichen. Doch er blieb mit dem Fuß an dem Metallhindernis hängen, stolperte und stürzte auf die Seite. Während er über den Betonboden schlitterte, schürfte er sich die Handballen schmerzhaft auf, nasse Blätter klatschten ihm ins Gesicht.
Er rappelte sich auf, wischte sich die kleinen Steinchen von den Handflächen, ließ seine Kleidung Kleidung sein und setzte sich erneut in Bewegung. Durch den Sturz hatte er Zeit verloren, und das Ende des Fußpfads war noch immer nicht zu erkennen. Schmerz schoss ihm durch das angeschlagene Bein – überlastete Knochen, die von Muskeln hätten gestützt werden sollen. Er verdrängte den Schmerz und lief nun noch schneller. Als er die Zähne zusammenbiss, knirschte es. Er fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Das Zeug war auf seinen Lippen und in seinem Mund. Vom Sturz.
Sand.
Er hustete und spuckte aus. Dieser Scheiß war überall, wurde vom Wind durch die Luft geweht. Er klappte den Kragen hoch und zog ihn sich vor das Gesicht. Wenn einem der Sand zwischen die Zähne geriet, kaute man tagelang darauf herum.
Jetzt konzentrier dich.
Er schlug sich mit der Hand gegen die Schläfe.
Plötzlich sah er das Ende des Fußpfads vor sich. Ein Lichtstreifen erhellte den Weg und verdrängte die Erinnerungen. Als er die Straße erreicht hatte, blieb er in der Einmündung des Pfads stehen, bemüht, seinen Puls zu verlangsamen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickte er die Fassaden der Läden zu beiden Seiten der Bushaltestelle.
Der menschenleeren Bushaltestelle.
Bull trat so weit vor, dass er das Ende der Sydney Road sehen konnte. Keine Spur von ihr. Entweder war der Bus längst weg und sie hatte zu viel Vorsprung, oder …
Als das Geräusch eines Motors erklang, drehte er sich um. Der Bus näherte sich, die Nummer 121 auf seiner Front war hell erleuchtet. Bull wartete, bis der Bus vorfuhr, und beobachtete, wie Rosa ausstieg und auf der anderen Straßenseite den Gehsteig betrat. Der Bus fuhr wieder an, während sie an der Haltestelle stehen blieb und an den Tasten ihres Musikplayers herumdrückte. Nach einer Weile schien sie den gesuchten Titel gefunden zu haben und setzte sich in Bewegung.
Bull gewährte ihr einen kleinen Vorsprung und hängte sich an sie dran. Er überquerte die nun ruhige Straße und hielt sich in Rosas totem Winkel. Sie bog links in die Sydney Road ab, und als sie den unbeleuchteten Straßenabschnitt erreichte, schloss Bull allmählich zu ihr auf. Die Gegend war heruntergekommen; schrottreife Autos standen am Fahrbahnrand, die Mauern waren mit Graffiti überzogen. Er musste sich die Dunkelheit zunutze machen. Etwa hundert Meter weiter würde im Anschluss an Backsteinmauern und fensterlose Gebäude ein öffentlicher Parkplatz mit Parkscheinautomat folgen, wo das Licht wesentlich heller war. Gleich dahinter stand das verwahrloste Haus, in dem Rosa mit ein paar anderen Mädchen wohnte.
Es musste jetzt sein.
Bull verringerte den Abstand, sah sich nach möglichen Passanten um und griff nach der Waffe in seiner Jackentasche. Er zog den Hammer hervor und hob ihn in die Höhe. Rosa schaute sich nicht um. Welche Art Musik mochte sie ausgesucht haben, der sie nun in ihren letzten Momenten lauschte?
Er holte sie ein.
Und der Hammer fuhr nieder.