

Wir schreiben das Jahr 1971. Wieder einmal bin ich per Anhalter unterwegs. Von Wesel, meinem damaligen Heimatort am Niederrhein, nach Tübingen, meinem Studienort im Schwäbischen. Zum Teil, weil in jenen Zeiten das Geld wie immer ein wenig knapp ist. Zum Teil aber auch, weil „Trampen“ immer so ein wenig den Hauch des Abenteuerlichen hat. In Höhe Bruchsal hält endlich ein Opel Rekord. Ein freundlicher Vertreter Richtung Stuttgart. Immerhin. Wahrscheinlich nimmt er mich mit, weil ihm ein wenig langweilig ist. Schon nach ein paar Minuten sind wir im Gespräch. Was ich denn so machen würde. „Studieren.“ „Aha. Und was, wenn man fragen darf?“ „Theologie.“ „Katholisch oder evangelisch?“ „Evangelisch.“ „Na, dann geht’s ja noch.“
Ich weiß nicht, wie oft in meinem Leben ich solche Dialoge – zum Teil wörtlich – geführt habe. Offenbar sind allein die Stichworte „katholisch“ und „evangelisch“ mit bestimmten festen Vorstellungen verbunden. Katholisch – das ist doch vor allem konservativ, mittelalterlich im Denken, hierarchisch, männerdominiert, moralisierend, sexualfeindlich, rituell erstarrt, politisch eher Mitte-Rechts. Die Kirchen: viel zu viel Prunk und Protz. Und vor allem: „Die Priester, die dürfen ja nicht heiraten.“ Furchtbar. – Evangelisch – das ist dagegen doch viel moderner, aufgeklärter, demokratischer, lebenszugewandter, emanzipierter, in Sexualfragen freier, politisch eher links-liberal. Die Kirchen: wohltuend nüchterner und bescheidener. Und vor allem: „Bei euch dürfen ja auch die Pfarrer heiraten.“ Außerdem muss man als Protestant zum Glück nicht jeden Sonntag in die Kirche rennen wie bei den Katholiken. Irgendwie scheint es bei den Evangelischen alles nicht so sehr drauf anzukommen. „Katholisch oder evangelisch?“ „Evangelisch.“ „Na, dann geht’s ja noch.“
Was katholisch ist, mögen andere beantworten. Aber was ist eigentlich evangelisch? Stimmt das überhaupt, dass man hier „alles nicht so eng sieht“? Und wie ist das: Was haben die eigentlich statt des Papstes? Oder wer sagt sonst, wo es langgeht? Gibt es hier auch so etwas, das man „glauben muss“? Warum haben die keine Beichte? Ist Konfirmation so etwas Ähnliches wie Kommunion? Was ist mit Ehe, Pille, Fasten und Karneval? Oder kann hier jeder glauben und machen, was er will? – Tja, was ist eigentlich evangelisch? Gute Frage.
Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Gruppe von Muslimen. Ein paar Tage zuvor hatten bereits einige aus unserer Gemeinde als Gäste am Freitagsgebet der benachbarten Moschee teilgenommen. Nun stand der Gegenbesuch von Seiten der Muslime in unserem Gemeindehaus an. Nach dem Gottesdienst, an dem die kleine Gruppe muslimischer Männer auch teilgenommen hatte, kommt es zu einem Gespräch im Kirchencafé. Beide Seiten sollen einmal in Kürze sagen, was das Wesentliche ihres Glaubens ist. Die muslimische Seite ist damit rasch durch. Kurz und bündig zählen sie die berühmten „fünf Säulen“ des Islam auf: das Bekenntnis zu dem einen Gott und seinem Propheten Mohammed, das tägliche Gebet, der Ramadan, das Almosengeben und die Wallfahrt nach Mekka. Nun ist unsere Seite an der Reihe. Doch da wird es schon wesentlich einsilbiger. Kann man das überhaupt: in ein paar Sätzen sagen, was evangelisch ist?
Ja, gewiss, irgendwann haben wir einmal im Konfirmandenunterricht etwas gelernt: die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die eine oder andere Liedstrophe. Als sozusagen „eiserne Ration“ eines Christenmenschen. Im Laufe des Lebens sind einem womöglich die verschiedensten biblischen Texte begegnet: Geschichten, Gleichnisse, Psalmen oder auch nur einzelne Verse – etwa als Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch. Aber irgendwie ist dabei vielleicht der Blick für das Ganze verloren gegangen, für den Kern, den oder die zentralen Inhalte des evangelischen Glaubens.
Neidisch blicken wir dann manchmal womöglich auf andere Frömmigkeitsformen oder gar Religionen, in denen uns Menschen begegnen, die anscheinend sehr viel genauer, sehr viel rascher, klarer und selbstbewusster sagen können, was sie glauben. Menschen, die ihre religiösen Formulierungen, manchmal vielleicht auch nur ihre Formeln abrufbar parat zu haben scheinen. Und mit ihren klaren Formeln auch meist ein klares Weltbild zur Hand haben. Ein Weltbild, in dem es eindeutige Grenzen gibt, etwa zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch, gut und böse. Und wo so etwas wie Unsicherheit im Glauben, so etwas wie Zweifel oder Anfechtung gar nicht vorzukommen scheint. Ja, man mag da als schlichter evangelischer Christenmensch manchmal regelrecht neidisch werden.
Ich muss allerdings gestehen: Mich überzeugen solche Glaubenshaltungen, die mit breiter Brust daherkommen, wenig. Mich beeindrucken mehr die Menschen, die auch und gerade in ihrem Glauben Fragende bleiben. Menschen, die den Zweifel und die Anfechtung nicht als einen Feind ansehen, sondern als einen Teil ihres Glaubens akzeptieren. Ich würde mich gerne mit solch einer fragenden und suchenden Haltung auf den Weg machen, wenn es darum geht, was eigentlich evangelisch ist.
Und wie das so ist, wenn man sich auf den Weg macht und sich vielleicht noch ein wenig unsicher fühlt, dann ist es gut, wenn man einen kompetenten Begleiter hat, der sich besser auskennt. Das sollen für uns vor allem die „Väter“ des evangelischen Glaubens, die Reformatoren, sein: Luther, Calvin und wie sie alle hießen. Ihre Namen stehen ja seit der Reformation für ein spezifisch protestantisches „Profil“, wie man heute gerne sagt. Worum ging es ihnen überhaupt – etwa in Abgrenzung zur damaligen römischen Kirche? Und: Was können wir heute in einer völlig veränderten Welt noch mit ihren Einsichten anfangen? Wir leben doch mittlerweile in ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen, in ganz anderen Denkweisen und mit ganz anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen als zu Zeiten der Reformation, also des 16. Jahrhunderts. Auch diese Fragen werden uns zu beschäftigen haben. Ob das immer in knappen fünf Sätzen gelingt, sei allerdings dahingestellt.
Beim Stichwort „Reformation“ fällt uns vielleicht als erstes Martin Luthers berühmter Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ein. Dumpf dringen die Worte des großen Reformators über die Jahrhunderte hinweg an unser Ohr. Vielleicht stehen wir gerade vor dem berühmten Lutherdenkmal in Worms und blicken ehrfürchtig an der erhabenen, in Gussstahl gegossenen überlebensgroßen Figur empor. Vielleicht waren wir seinerzeit in dem überraschend erfolgreichen Luther-Film und erinnern uns der eindrucksvollen Szene, in der der kleine Mönch aus Wittenberg 1521 auf dem Reichstag zu Worms Kaisern und Königen ins Gesicht hinein tapfer widersteht. Vielleicht denken wir auch zurück an die eine oder andere Religionsstunde, in der uns von einer jungen, eifrigen und erzählbegabten Lehrerin die großen Heldentaten der Väter im Glauben nahegebracht wurden. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Diese Worte sind seit vielen Generationen verbales Markenzeichen des Protestantismus. Protestantismus, so haben wir es gelernt, das hat etwas mit Protest zu tun, mit Rückgrat und Zivilcourage, mit einem Einstehen für die Wahrheit und einer unbedingten Bindung an das Gewissen, mit Unbeugsamkeit und Prinzipientreue.
Wer sich allerdings ein wenig mit der Geschichte der Reformation beschäftigt, merkt bald, dass es sich bei jenem berühmten Satz zu Worms nicht um eine allgemein menschliche oder gar typisch protestantische Tugend handelt. Unbeugsamkeit als solche ist noch kein evangelisches Markenzeichen. Einfach „nicht anders zu können“ kann auch Ausdruck von Unbelehrbarkeit, von innerer Starre, von geistiger Enge und unerträglicher Borniertheit sein. Martin Luther aber konnte nicht deshalb „nicht anders“, weil er nun einmal so ein Dickschädel war, sondern weil er von etwas Anderem, genauer: einem Anderen ergriffen worden war. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, das heißt nämlich im Kern: Ich weiß von einer anderen Wahrheit als der, die mir täglich drohend entgegentritt. Nur um jener anderen Wahrheit – nennen wir sie beim Namen: nur um Jesu Christi willen – und nicht um eines Prinzips des Neinsagens willen galt es und gilt es vielleicht auch heute noch, „nicht anders zu können“.
Wir wollen versuchen, uns jene Wahrheit, die sich die Reformatoren – und nicht nur sie – ziemlich viel haben kosten lassen, noch einmal in Ruhe vor Augen zu führen. Nicht aus einer protestantischen Nostalgie heraus. Nicht um die Geschichte unserer Kirche zu verklären. Und schon gar nicht um einer evangelischen Selbstbeweihräucherung willen. Sondern um herauszubekommen, welche Erkenntnisse von „damals“ auch heute noch für uns eine Botschaft bergen. Für uns, die wir ja mittlerweile in einer völlig gewandelten Welt leben. Historische Rückblicke sind schön und gut. Aber wenn sie nicht zu uns zu „sprechen“ beginnen, bleiben sie totes Wissen, allenfalls Hobby für ein paar geschichtlich Interessierte. Die Evangelische Kirche – so viel sei bereits jetzt verraten – lebt aber zentral davon, dass in ihr etwas lebendig ist und sich in der Gegenwart unmissverständlich bemerkbar macht. Egal, ob im Kleinen oder Großen.
Doch eins nach dem anderen.
Was ist eigentlich evangelisch? Man könnte es sich leicht machen und einfach ein schlaues Fremdwörterbuch aufschlagen. Da würden wir dann erfahren, dass das Wort „evangelisch“ von dem lateinischen Wort „Evangelium“ abstammt, das wiederum eine Übersetzung des griechischen Ursprungswortes („euangellion“) ist. „Evangelium“ bedeutet wörtlich übersetzt: „gute Botschaft“.
Das Wort „Evangelium“ kommt vor allem im Neuen Testament vor. Es meint dort durchweg die Botschaft von Jesus Christus. So beginnt z. B. Markus seinen Bericht mit den Worten: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus“ (Markus 1,15). Er verwendet hier das Wort „Evangelium“ offenbar deshalb, weil er der Meinung ist, dass es sich bei dieser Botschaft eben um eine „gute“ handelt. Auch die anderen drei neutestamentlichen Autoren, die einen Bericht über Jesus Christus abliefern, also Matthäus, Lukas und Johannes, verstehen ihre Botschaft grundsätzlich als Evangelium, weshalb wir die Berichte dieser vier Autoren auch selbst jeweils als „Evangelium“ und sie selbst als „Evangelisten“ bezeichnen. Im Inhaltsverzeichnis eines Neuen Testaments finden wir dementsprechend das Matthäus-, das Markus-, das Lukas- und das Johannesevangelium.
Genau genommen bezeichnet das Wort „Evangelium“ also zweierlei. Einmal meint es grundsätzlich die gute Botschaft von Jesus Christus. Und zum anderen meint es die literarische Gattung, in der die neutestamentlichen Autoren Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ihre Berichte über Jesus Christus verfassen. Literaturwissenschaftler weisen darauf hin, dass es sich bei der Gattung „Evangelium“ um etwas ganz Einmaliges, geradezu um ein Unikum handele. Nirgendwo sonst in der Weltliteratur komme diese spezielle literarische Form vor. Vielleicht ein erstes Anzeichen dafür, dass es sich bei dem Inhalt, den diese Form birgt, nämlich der Botschaft von Jesus Christus, in der Tat um etwas Einmaliges handelt?
Jedenfalls begegnet uns in diesem, also dem literarischen Sinne das Wort „Evangelium“ z. B. im Gottesdienst, wenn es dort heißt, nun folge die „Evangeliumslesung“. Gemeint ist, dass nun ein Text aus den vier Evangelien vorgelesen wird. Davon unterschieden ist dann etwa die alttestamentliche Lesung oder die „Epistellesung“. Das Wort „Epistel“ stammt von dem griechischen Wort „Epistolä“ und bedeutet „Brief“. Bei einer Epistellesung geht es also immer um einen der Briefe, von denen wir im Neuen Testament etliche haben, z. B. den Römerbrief, den 1. Korintherbrief, die Petrus- oder Johannesbriefe.
Das Interessante ist nun, dass der Apostel Paulus in seinen Briefen, die ja literarisch kein Evangelium sind, das Wort „Evangelium“ ebenfalls häufig verwendet, nun aber in dem eingangs erwähnten grundsätzlichen Sinne der „guten Botschaft“ von Jesus Christus. So versteht er sich selbst etwa als „Knecht Jesu Christi“, der „ausgesondert ist zu predigen das Evangelium Gottes“ (Römer 1,1). Immer wieder treffen wir bei ihm – und nach ihm auch bei den anderen neutestamentlichen Autoren – das Wort „Evangelium“ in diesem grundsätzlichen Sinne an. Das hat dazu geführt, dass man nicht selten die ganze biblische Botschaft als „Evangelium“ bezeichnet, also nicht nur die Texte der vier Evangelisten oder die Inhalte der neutestamentlichen Briefe. Martin Luther war sogar der Ansicht, dass uns die gute Botschaft von Jesus Christus in jedem einzelnen Wort des Alten Testaments begegnet, wenn auch mitunter auf sehr verborgene Weise.
Das Wort „evangelisch“ bezieht sich nun vor allem auf diesen grundsätzlichen Sinn des Wortes „Evangelium“. Christinnen und Christen, die sich „evangelisch“ nennen, wollen damit zum Ausdruck bringen, dass ihr Christsein wesentlich davon bestimmt ist, dass sie auf das Evangelium, also die gute Botschaft von Jesus Christus, hören. Welche praktischen Konsequenzen das hat, wird man sehen müssen. Und ob diese grundsätzliche Orientierung am Evangelium einem evangelischen Christenmenschen immer gleich anzumerken ist, steht zunächst auf einem anderen Blatt. Gleichwohl halten wir zunächst einmal fest: „Evangelisch“ kommt von „Evangelium“. So weit, so einfach.
Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn warum legt die Evangelische Kirche überhaupt so einen großen Wert darauf, dass diese Grundorientierung am Evangelium schon in ihrem Namen, also gewissermaßen programmatisch zum Ausdruck kommt? Ist das Hören auf das Evangelium für einen Christen – welcher Konfession auch immer – nicht selbstverständlich? Um diese offensichtlich doch nicht ganz so selbstverständliche Selbstverständlichkeit ein wenig zu verstehen, müssen wir für einen Moment die Uhr anhalten und einen kleinen Blick zurück in die Vergangenheit werfen.
Wann genau das Wort „evangelisch“ zur Bezeichnung bestimmter Christen zum ersten Mal auftaucht, lässt sich nicht mehr exakt ausmachen. Es muss in den Jahren der Reformation gewesen sein. Seit seinem berühmten Thesenanschlag zu Wittenberg im Jahr 1517 hatte sich Martin Luther immer wieder heftig mit seiner Kirche angelegt. Vieles an ihr störte ihn, ja sah er sogar in eklatantem Widerspruch zur Botschaft der Bibel: Ablasshandel, Messopfer, Werkgerechtigkeit, Papsttum, kirchliche Hierarchien, Prunksucht, Heiligenverehrung und Reliquienkult, um nur einiges zu nennen. Luther erkannte als Hauptursache für diese Missstände, dass sich die Kirche seiner Zeit eben nicht mehr, zumindest nicht mehr ausschließlich auf die biblische Botschaft von Jesus Christus bezog. An die Stelle der Heiligen Schrift war aus seiner Sicht die Kirche selbst getreten – mit ihrem Anspruch, das Heil zu verwalten, die Frömmigkeitsformen vorzugeben und unbedingten Gehorsam zu fordern. Was zu glauben oder nicht zu glauben war, war von der Kirche vorgegeben. Wer dem nicht folgte, hatte mit Ausgrenzung und nicht selten auch Verfolgung zu rechnen, um es einmal vorsichtig auszudrücken.
Demgegenüber Luthers erster, wenn man so will: „evangelischer“ Grundsatz: allein die Schrift. Die Kirche ist nicht um ihrer selbst und schon gar nicht um ihres eigenen Machterhalts willen da, sondern ausschließlich, um das Evangelium Gottes in der Welt laut werden zu lassen. Dieses finden wir aber nicht in kirchlichen Traditionen, Lehrsätzen oder noch so frommen Frömmigkeiten. Wir finden es zuallererst und einzig in seinem Wort, so wie es uns eben in dem Text, der Jesus Christus zum Inhalt hat, begegnet, also dem Text der Bibel. Sie, nur sie allein – und nicht etwa auch noch Dogmen und Traditionen – ist das Dokument, der Kanon, die Richtschnur der Wahrheit. Deshalb kritisiert Luther die Römische Kirche auch nie aus einer sozusagen pubertären, antiautoritären Haltung heraus. Er kritisiert sie immer nur über der aufgeschlagenen Bibel. Sie ist die Instanz, an der sich alles messen lassen muss. Sie ist das kritische Korrektiv der Kirche. Deshalb der Grundsatz: allein die Schrift. Lateinisch: sola scriptura. In diesem Sinne hat Luther mitunter auch seine eigenen Schriften als „evangelisch“, also als auf die Heilige Schrift und nur auf diese bezogen bezeichnet.
Dass solch eine radikale Sicht der Dinge nicht lange gut gehen konnte, liegt auf der Hand. Wer lässt sich schon gerne nachsagen, er läge mit seiner Art Christsein völlig daneben, gar im Widerspruch zum Wort Gottes selbst? Die Kirche der damaligen Zeit jedenfalls nicht. Wir kennen die heftigen und nicht selten auch gewalttätigen Auseinandersetzungen der Reformations- und Nachreformationszeit. Zimperlich ging es da auf beiden Seiten nicht eben zu. Bis hin zu den schrecklichen und blutigen Kämpfen etwa des Dreißigjährigen Krieges gut hundert Jahre später.
Was die Selbstbezeichnung der Menschen, denen Luthers Protest gegen die damalige Kirche eingeleuchtet hatte, angeht, so begegnet uns – offenbar in Ermangelung von etwas Geeigneterem – zunächst der Begriff der „Lutherschen“. Ähnlich wie es dann später auch bei den anderen Reformatoren etwa „Zwinglianer“ oder „Calvinisten“ gab, zum Teil bis heute. Doch Luther selbst war die damit verbundene Personalisierung durchaus zuwider. „Was ist schon Luther?“, konnte er schon mal in seiner bekannt drastischen Art von sich geben: „Ein armer, stinkender Madensack.“ Jedenfalls nicht der Held oder gar Religionsgründer, als der er uns auf manch einem Sockel vor Augen gestellt wird. Dennoch hält sich das Wort „luthersch“ hartnäckig – bis hinein in die verschiedenen „lutherischen“ Landeskirchen, von denen es ja einige in Deutschland gibt, oder die verschiedenen „Lutheran Churches“ weltweit. Ohne diesen Kirchen gleich einen unevangelischen Personenkult unterstellen zu wollen.
Bevor sich „evangelisch“ zur Bezeichnung aller der Reformation verbundenen Menschen durchsetze, tauchte im Jahr 1529 noch ein weiterer Begriff auf, der sich ebenfalls bis heute gehalten hat: „protestantisch“. Auf dem damaligen Reichstag zu Speyer setzte die „luthersche“ Minderheit dem Kaiser und den katholischen Ständen eine sogenannte „Protestation“ entgegen. Darin kämpfte sie vor allem für eine allgemeine religiöse Gewissensfreiheit. Die Gegner dieser Protestation, also die Anhänger der Römisch-Katholischen Kirche, bezeichneten diese protestierende Minderheit als „Protestanten“. Weil sich diese wiederum mit solch einer Bezeichnung nicht ganz verstanden fühlten, nannten sie sich fortan mehr und mehr „evangelisch“. Hinzu kamen später die Bewegungen, die auf die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin zurückgehen und die man in der Regel unter dem Sammelbegriff „reformiert“ antrifft. Schließlich taucht seit dem frühen 19. Jahrhundert auch das Wort „uniert“ auf, womit vor allem die Kirchen bezeichnet werden, auf deren Boden sich Lutheraner und Reformierte vorgenommen haben, friedlich zusammenzuleben.
Bis heute begegnen im evangelischen Raum alle Begriffe. Wollten wir ein vorläufiges Fazit ziehen, so müssten wir konstatieren, dass jeder von ihnen irgendein Argument für sich hat. In „lutherisch“ ist immerhin die Erinnerung an den Mann wach, der die ganze Geschichte historisch überhaupt ins Rollen gebracht hat. In „reformiert“ meldet sich der berechtigte Anspruch zu Wort, dass die Kirche nicht aus ihrer Tradition, sondern von ihrer steten Erneuerung durch das Wort Gottes lebt. In „protestantisch“ klingt etwas von dem an, dass die Botschaft des Evangeliums nicht einfach identisch ist mit den vielen Botschaften dieser Welt, sondern sich zunächst einmal in Opposition dazu befindet. Selbst in „uniert“ ist ja eine Wahrheit vorhanden, nämlich die, dass es schon zum Auftrag der Kirche gehört, nach Glaubensgemeinschaft zu streben. „Auf dass sie alle eins seien“, wie Jesus sagt (Johannes 17,21).
Doch nach all dem erscheint am Ende das Wort „evangelisch“ wohl noch der sachlich angemessenste Begriff zu sein zur Bezeichnung von Menschen und Kirchen, die sich vor allen anderen Dingen eben auf das Evangelium, also die gute Botschaft von Jesus Christus, beziehen. „Evangelisch“ kommt von „Evangelium“. Insofern kann man evangelisch grundsätzlich nur im Hören der biblischen Botschaft sein. Deshalb steht in einem evangelischen Gottesdienst unbedingt die Predigt, d. h. die Auslegung eines biblischen Textes, im Mittelpunkt. Äußerlich drückt sich das so aus, dass wir in vielen evangelischen Kirchen als Blickfang nicht das Kreuz oder irgendeine künstlerische Darstellung vorfinden, sondern eine aufgeschlagene Bibel vorne auf dem Altar bzw. auf dem Abendmahlstisch. Sie erinnert an den reformatorischen Grundsatz „sola scriptura“. Allein die Schrift. Evangelisch sein geht nicht ohne das Aufschlagen der Bibel.
Doch schon stellen sich neue Fragen ein.
Viele sagen: Die Bibel aufschlagen – gut und schön. Aber erstens ist sie mir zu dick. Zweitens weiß ich gar nicht, wo ich dort anfangen und aufhören soll. Drittens kommen mir viele Texte darin ziemlich altertümlich und unverständlich vor. Und viertens ist mir der Grundsatz „allein die Schrift“ viel zu verkopft. Außerdem interpretiert jeder sowieso in die Bibel hinein, was er will. Da lass ich die Bibel gleich lieber zugeschlagen, gucke mir eine schöne gotische Kirche an oder suche den lieben Gott im Wald oder bei einem spirituellen Seidenmalkurs in der Toscana. Starker Tobak. In der Tat mag man manche Gründe gegen das Lesen der Bibel vorbringen. Aber zu Recht? Wir wollen versuchen, den genannten Einwänden Schritt für Schritt ein wenig nachzugehen.
Niemand wird abstreiten, dass die Bibel ein dickes Buch ist. Aber gilt dasselbe nicht auch von einem Dostojewski-Roman oder einem Harry-Potter-Band? Wem wirklich an der Lektüre eines Buches gelegen ist, der wird sich auch von seinem Umfang nicht abhalten lassen. Ganz im Gegenteil: Er wird vielleicht sogar bedauern, dass das Buch irgendwann – „leider“ – schon zu Ende ist. Doch die Bibel verlangt von sich aus gar nicht, sie von der ersten bis zur letzten Seite vollständig durchzulesen. Die Bibel ist ja kein in sich geschlossener Roman mit einer fortlaufenden, zusammenhängenden Handlung. Sie ist vielmehr eher eine Art Sammelband von sage und schreibe 66 einzelnen Schriften, die man durchaus auch je für sich genommen lesen kann. Die längsten von ihnen umfassen gerade einmal etwa 50 Seiten. Das ist zu schaffen. Die allermeisten der übrigen Schriften sind ohnehin sehr viel kürzer. Im Unterschied zu einem Roman besteht hier jedenfalls kein Zwang zur Vollständigkeit. Nein, an der Dicke allein kann es nicht liegen, wenn Menschen sich vor dem Aufschlagen der Bibel drücken. Aber woran dann?
Vielleicht, weil man nicht weiß, mit welcher Schrift man anfangen soll? Da ist etwas dran. Doch könnte an dieser Stelle hilfreich sein, dass die biblischen Schriften überaus verschieden sind. Fast alles, was es auch sonst an literarischen Gattungen gibt, ist dort anzutreffen: spannende Erzählungen und nüchterne Gesetzestexte, zu Herzen gehende Gebete und anrührende Gedichte, trockene Abhandlungen und leidenschaftliche Briefe, um nur einige zu nennen. Das könnte bei der Frage, mit welcher Schrift man anfangen soll, eine Hilfe sein. Jeder hat ja beim Lesen so seine Vorlieben. Der eine mag lange Romane, die andere bevorzugt eine bündige Kurzgeschichte. Der eine liebt bildreiche Lyrik, die andere ein informatives Sachbuch. Warum nicht auch beim Lesen der Bibel mit einem Text beginnen, der einem schon von seiner Form her eher liegt? Manch einer hat gute Erfahrungen etwa mit dem Markusevangelium gemacht. Andere mit dem ein oder anderen alttestamentlichen Psalm. Wieder andere mit einzelnen Erzählungen etwa aus dem ersten Buch Mose. Im Grunde ist es egal, wo und mit welcher Schrift wir in der Bibel anfangen. Wenn wir sie nur wirklich einmal aufschlagen wollten, so würden wir rasch die Erfahrung machen, dass man sich auch bei ihrer Lektüre durchaus „festlesen“ kann.
Damit sind wir beim nächsten kritischen Punkt: der biblischen Sprache. Vielen erscheint sie altertümlich und häufig auch unverständlich. Auch da ist natürlich etwas dran. Doch sollte man sich fairerweise klarmachen, dass die Schriften der Bibel ja nicht erst gestern, sondern vor vielen Jahrhunderten verfasst worden sind, genauer etwa im Zeitraum zwischen dem 9. Jahrhundert vor Christus und dem Jahr 150 nach Christus. Auch mit anderen alten Texten tun wir uns mitunter ein wenig schwer. Niemand wird ja erwarten, dass wir die Sprache etwa eines althochdeutschen Zauberspruchs, eines barocken Liebesgedichts oder einer philosophischen Abhandlung aus dem 18. Jahrhundert auf Anhieb verstehen.
Dieser Sprung in eine andere Sprach- und damit nicht selten auch andere Vorstellungswelt wird uns also auch anderen Orts abverlangt. Ohne ein wenig Mühe geht es beim Lesen bestimmter Texte eben nicht ab. Bei den biblischen Texten kommt nun erleichternd hinzu, dass es – im Unterschied zu anderen historischen Texten – mittlerweile eine ganze Reihe von neueren Übersetzungen gibt, die weitgehend der Gegenwartssprache angeglichen sind. Manche von ihnen sind zudem auch mit hilfreichen Erklärungen am Rande versehen. Jede Pfarrerin und jede gute Buchhandlung können einem hier unschwer einen brauchbaren Tipp geben.
Damit kommen wir zum Vorwurf der „Verkopfung“. Er wäre sicher berechtigt, wenn es beim „sola scriptura“ um nichts anderes als ein bedrucktes Stück Papier ginge. Mit „Schrift“ ist beim „sola scriptura“ aber nicht in erster Linie ein bestimmter Gegenstand, sondern sein InhaltBotschaft