
Otto Grautoff
Lübeck
Geschichte der Stadt, der Kultur und der Künste
bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
Vollständig überarbeitete Neuausgabe
Grautoff, Otto: Lübeck. Geschichte der Stadt, der Kultur und der Künste bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Vollständig überarbeitete Neuausgabe
Hamburg, SEVERUS Verlag 2015
ISBN: 978-3-95801-969-0
SEVERUS Verlag, Hamburg, 2015
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Inhalt
„Die Geschichte der Stadt“
„Die Kultur und die Künste in Lübeck bis 1806“
„Lübecker Kultur und Kunst im 19. Jahrhundert“
An Frau Julia Loehr geb. Mann in München.
Gnädige Frau,
als ich gebeten wurde, ein Buch über Lübeck zu schreiben, und einmal wieder die Stätten meiner frühesten Jugend aufsuchte, da wurden vor meinem Geiste von neuem die glücklichsten Stunden meiner Kindheit lebendig, die ich in Ihrem Elternhause verlebte. Das Band, das die Jugend knüpfte, hat sich im Leben bewährt. Ein freundliches Geschick hat mir erlaubt, auch in späteren Jahren in Ihrem Münchner Heim ein häufiger Gast sein zu dürfen; in mancher traulichen Unterhaltung gedachten wir dort der gemeinsamen Heimat. In diesem Büchlein habe ich nun gesagt, wie ich die Heimat sehe. Wenn Sie die Liebe herausfühlen werden, mit der ich die Heimat betrachtet habe, und den Willen, ihr zu helfen und sie zu fördern, so empfängt meine Arbeit den Lohn, nach dem sie strebte. In dieser Hoffnung bitte ich Sie, als Erinnerung an unsere gemeinsame Heimat und als Dankbarkeit für Ihre reiche Freundschaft die Widmung dieses Buches anzunehmen.
Otto Grautoff.
Wie steigst, o Lübeck, du heraufIn alter Pracht vor meinen Sinnen, An des beflaggten Stromes Lauf, Mit stolzen Türmen, schart’gen Zinnen! Dort war’s, wo deiner Erker ZahlDer Hansa Boten wartend zählten,Dort, wo die Väter hoch im Saal Ein Haupt für leere Kronen wählten.
Denn eine Fürstin standest du, Der Markt war dein und dein die Wege;Du führtest reich dem Süden zu, Was nur gedieh in Nordens Pflege. Es bot dir Norweg seinen Zoll, Der Schwede bog sein Haupt, der Däne, Wenn deine Schiffe segelvoll Vorüberflohn, des Meeres Schwäne.
1845 Emanuel Geibel
Von den drei Hansastädten Lübeck, Hamburg, Bremen ist Lübeck die jüngste Gründung. Allerdings ist es möglich, daß Lübeck oder Liubeke, wie der Name anfangs lautete, früher, als sich die Geschichte seiner Gründung zurückverfolgen läßt, ein befestigter Platz der Wenden gewesen ist, der in Friedenszeiten unbewohnt, in Kriegszeiten als Verteidigungsort der Wehrlosen und des beweglichen Besitzes galt. Vielleicht wurden vorher schon an dieser Stätte Jahrmärkte abgehalten, die das verstreut wohnende Volk in gewissen Zeitabständen vereinigten und dadurch Gelegenheit boten, die herzuströmenden heidnischen Kaufleute zum Christentum zu bekehren. Von der Gründung einer ständigen Ansiedelung aber, die den Namen Lübeck trug, erfahren wir erst im 11. Jahrhundert. Inmitten der slavischen Völkerschaften, die die Küsten der Ostsee bis an die Elbe und Eider bewohnten, wurde Lübeck an der Mündung des kleinen Flüßchens Schwartau in die Trave im Oldenburger Sprengel als befestigter Ort von den Wenden gegründet. Fürst Heinrich der Stolze nahm an der jungen Ansiedelung reges Interesse; infolgedessen blühte sie rasch empor. Die bescheidenen, kleinen Holz- und Palissadenhäuschen mehrten sich in kurzer Zeit und bald wurde unter Heinrichs fürstlichem Schutz eine Kirche errichtet, in der Priester den Gottesdienst versahen und für die Ausbreitung des Christentums wirkten. Doch es erwies sich bald, daß diese neue Gründung zu schwach, nach allen Seiten zu offen und zu weit gegen die nördlichen Heidenvölker vorgeschoben war. Der heidnische Fürst Kruto plagte die Stadt mit fortgesetzten Überfällen. Wenn er selbst auch in einem solchen Angriff auf Lübeck fiel, so gelang es doch kurze Zeit darauf seinem Nachfahren Raze, die junge Ansiedelung vollständig zu zerstören.
Alt-Lübeck wurde nicht wieder aufgebaut. Jahre gingen dahin. Erst als im Jahre 1142 Heinrichs des Stolzen Sohn, Heinrich der Löwe, als Herzog von Sachsen, Heinrich von Lendewide als Graf von Ratzeburg und Adolf II. als Graf von Holstein bestätigt wurden und das Land um die Travemündung herum dem Grafen von Holstein zufiel, wurde Lübeck von neuem gegründet. Adolf II. erkannte die geo-graphische Bedeutung dieses innersten Winkels der Ostsee für Handel und Kriegszwecke und dachte daran, die zerstörte Ansiedelung wieder aufzubauen. Aber sein Plan ging von vornherein dahin, die Ansiedelung fester und sicherer zu gründen, damit sie den zu befürchtenden Anstürmen der Heidenvölker besser Widerstand leisten konnte. Diese Absichten waren auf dem flachen Gebiet Alt-Lübecks schwer durchzusetzen. So entschloß sich der Herzog, auf dem nahegelegenen Hügel Buku, am Zusammenfluß der Wakenitz und Trave, wo früher eine Burg Krutos gestanden hatte, die Ansiedelung zu gründen. Das war im Jahre 1143. Aus Flandern, Holland, Westfalen und Friesland warb Herzog Adolf zahlreiche Ansiedler an, die im Verein mit den Holsten und Stormarn das durch die Kriegszüge der letzten Jahre verwüstete Land Wagrien aufs neue wieder bebauen sollten. Unter dem Schutze der Burg ließen sich viele auf dem Hügel Buku nieder. Adolf II. nannte diese Siedelung, die rasch zur Stadt wuchs, Lübeck, „weil sie“, wie es in der lateinischen Slavenchronik des Mönches Helmold heißt, „nicht weit entfernt lag von dem alten Hafen und der Stadt, die einst Heinrich der Stolze gegründet hatte“. Es währte nicht lange; und auch diese neue Gründung wurde von den Heiden bedroht und ange-griffen. Unter der Führung des Abodritenfürsten Niklot fuhr eine Flotte die Trave hinauf und griff die Stadt an. Dreihundert Einwohner wurden in diesem Kampfe getötet und der größte Teil der erst frisch erbauten Holzhäuser eingeäschert. Graf Adolf zog mit einem Heere heran, die Stadt zu befreien und gegen die Heiden zu schützen. Es gelang ihm, die Heiden zu vertreiben und eine nicht geringe Anzahl zum Christentum zu bekehren. Durch die Fortschritte des Christentums wurde der Friede gesichert. „Und es ward Friede im Lande Wagrien, und durch Gottes Gnade gedieh allmählich die neue Pflanzung. Auch der Markt Lübeck wuchs von Tag zu Tag, und es mehrten sich die Schiffe seiner Kaufleute,“ schreibt Helmold. Dieses rasche und gesunde Aufblühen der Stadt erregte Herzog Heinrichs Eifersucht; Lübecks wachsende Größe drückte seine eigenen Städte nieder. Infolgedessen entzog er Lübeck das Marktrecht. Trotzdem versuchte Graf Adolf die Stadt zu halten.
Als aber im Jahre 1157 Lübeck durch eine Feuersbrunst zerstört wurde, baten die Einwohner den Herzog Heinrich, ihnen einen Platz zuzuweisen. wo ihnen der Marktverkehr erlaubt sei. Nach einigen Streitigkeiten hin und her trat darauf Graf Adolf den ganzen Hügel Buku an Herzog Heinrich ab, und Heinrich der Löwe gründete die Stadt von neuem auf dem Hügel zwischen Trave und Wakenitz. Diese dritte Gründung Lübecks durch den berühmten Städtegründer, Heinrich den Löwen, war endlich von Dauer. Der Sachsenherzog gab der Stadt eine Verfassung, richtete eine Münzstätte ein, ordnete das Zollwesen und lieh der Stadt seinen Schutz für den Seeverkehr nach den Ländern des Nordens. Lübeck wuchs und gedieh. Der Bischof Gerold verlegte seinen Bischofssitz von Oldenburg nach Lübeck. Heinrich der Löwe bestimmte in Lübeck den Platz für eine Pfarrkirche und die Wohnungen für den Bischof, den Probst und die zwölf Domherren. Nach seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem legte er im Jahre 1173 selbst den Grund zu der Domkirche. 28 Jahre darauf stand der romanische Bau unter Dach. Damit inzwischen regelmäßiger Gottesdienst abgehalten werden konnte, ließ Heinrich im Jahre 1175 eine dem heiligen Johannes geweihte Kapelle auf dem Domplatz errichten, die sich bis 1652 erhalten hat. An der Ostseite der Stadt, nach der Wakenitz zu, wurde 1177 das Johanniskloster gegründet, in welchem sich Braunschweiger Benediktinermönche niederließen. Die Stadt vergrößerte sich mehr und mehr. Von der Burg zum Domplatz hinüber wurde eine Straße angelegt. In der Mitte dieser Straße zwischen Burg und Dom entwickelte sich der Markt; vom Markt wurden Straßen zum Hafen hinunter gezogen. Am Markt wurde das Rathaus erbaut. Bald wurde das Bedürfnis wach nach einer zweiten Pfarrkirche; und es wurde der Grundstein zu der Marienkirche gelegt. Das städtische Grundbuch zählte im Jahre 1227 außer diesen beiden Kirchen noch die Petri-, Jakobi- und Ägidienkirche als schon bestehend auf. Der Handel trug natürlich zum Aufblühen der Stadt das wesentlichste bei. Den Handel förderte die glückliche und kluge Verfassung, die Heinrich der Löwe der Stadt gab. Als höchsten Beamten setzte der Herzog einen Vogt ein, der dreimal im Jahre auf dem Markt Gerichtstag hielt. Die Stadtverwaltung selbst lag in den Händen eines aus Bürgern gewählten Rates, der vermutlich aus 24 Mitgliedern bestand. Der Franziskaner-Lesemeister Detmar hat auf ausdrückliche Verfügung des Rates im Jahre 1385 eine Chronik der Stadt begonnen, die der Historiker Ferdinand Grautoff im Jahre 1829 zum ersten Male nach der Urschrift herausgab. In dieser Stadtchronik heißt es über die damalige Ratswahl: „Kürt man jemand in den Rat, der soll zwei Jahre sitzen in dem Rat; im dritten soll er frei sein des Rats, es sei denn, daß man mit Bitte es von ihm habe, daß er den Rat suche. Niemand soll in den Rat kommen, der nicht von freier, ehelicher Geburt ist und niemandes eigen, er soll kein Amt von einem Herrn haben, auch von gutem Gerücht sein und freies Grundeigentum in der Stadt besitzen und seine Nahrung nicht im Handwerk gewonnen haben. Auch verbieten wir, daß zwei Brüder zusammen sitzen im Rat . . .“ Durch diese klug erdachten Verfügungen wollte Heinrich der Löwe ein gesundes Patriziat und einen persönlich freien Mittelstand in Lübeck heranbilden. Wohlstand und Reichtum mehrten sich; und sicherlich verdankt Lübeck das regelmäßige und gesunde Fortschreiten seiner Entwicklung der klugen undweitsichtigen Staatsverfassung, die Heinrich der Löwe der Stadt damals gegeben hat.
Im Jahre 1180 wurde Heinrich der Löwe in die Reichs-acht erklärt, weil er Friedrich I. die schuldige Lehnspflicht zum Kriege in Italien nicht zahlen wollte und trotz dreimaliger Ladung nicht vor dem Kaiser erschienen war. Heinrich glaubte sich stark genug, dem Kaiser trotzen zu können, wurde aber von Friedrichs Heeresmacht aus Sachsen hinausgedrängt. Der Kaiser führte im Sommer 1181 ein starkes Reichsheer von der mittleren Elbe herauf gegen die befestigten Städte Lüneburg und Braunschweig. Während diese Städte belagert wurden, zog Heinrich sich nach Stade zurück, ließ eiligst die Befestigungen der Stadt Lübeck verstärken und gab Anleitungen zur Verteidigung der Stadt, die er schon allein ihrer gesicherten Lage wegen für uneinnehmbar hielt. Aber das kaiserliche Heer schloß die Stadt von der Außenwelt ab, und die Bedrängnis der Lübecker wurde groß. Da begab sich Bischof Heinrich in das kaiserliche Lager und erbat die Erlaubnis, Boten nach Stade schicken zu dürfen, um mit dem Herzog über die bedrängte Lage der Lübecker zu sprechen und seine Erlaubnis zur Übergabe der Stadt zu erwirken. Heinrichs des Löwen Trotz war gebrochen, und er riet den Lübeckern, sich dem Kaiser zu ergeben. Kaiser Friedrich ließ Gnade vor Recht ergehen und übte nicht Rache an der Stadt, die ihm getrotzt hatte. Noch bevor ihm die Tore geöffnet wurden, bestätigte er die Rechte der Stadt und die Grenzen desihr zugehörigen Gebietes. Dieser kaiserliche Beweis von Huld und Gnade stimmte die Lübecker froh. Sie öffneten dem Kaiser die Tore, und mit festlicher Freude empfingen Geistlichkeit und Volk ihren fürstlichen Herrn. Lübeck war jetzt eine kaiserliche Stadt; ein vom Kaiser ernannter Vogt wurde der höchste Beamte der Stadt. Heinrichs des Löwen Macht war gänzlich gebrochen. Er unterwarf sich dem Kaiser, demütigte sich vor ihm auf dem Fürstentage zu Erfurt im November 1181 und ging dann in die Verbannung. Nach Friedrichs Tode auf dem Kreuzzuge kehrte Heinrich wieder aus der Verbannung zurück und hielt von neuem seinen Einzug in Lübeck.
Inzwischen blühte die Stadt immer weiter auf; der Handel gewann große Ausdehnung, und die Lübecker Kauffahrtschiffe durchkreuzten die Ostsee in allen Richtungen. Auch auf dem Festlande errang Lübeck neue und starke Verbindungen; der Lübecker Handel gewann in allen deutschen Landen eine achtunggebietende Stellung; der Ruhm seines Glanzes und seiner Größe drang sogar bis in die südlichen Länder Europas, da Lübecker Kaufleute wiederholt an den Kreuzzügen teilnahmen. Eine besonders innige Gemeinschaft des Verkehrs, die bis heute ein festes Band geblieben ist, bildete sich zwischen Lübeck und Livland aus. Ein Holsteiner Priester namens Meinhard, der mehrereJahre lang die deutschen Kaufleute auf ihren Fahrten begleitet hatte, zog von Lübeck aus nach Livland und Estland, um den dortigen Völkerschaften das Christentum zu predigen. Die damaligen Zeiten waren unruhvoll, der Friede niemals von langer Dauer; immer wieder zerwühlten Kriege die ruhige Entwicklung der Städte und Länder. Als Waldemar I. von Dänemark im Jahre 1182 gestorben war, brachen an der Eidergrenze zwischen Dänemark und Holstein Feindseligkeiten aus. Waldemars Nachfolger Knud VI. schlug den Grafen von Holstein und hielt seinen Einzug in Hamburg und Lübeck. Lübeck hatte wiederum das Glück, daß auch dieser Eroberer der Stadt wohlgesinnt war; so wuchs und gedieh Lübeck weiter, sein Handel dehnte sich aus, der Wohlstand mehrte sich. Fast ein Vierteljahrhundert währte die Fremdherrschaft; dann erst wurden die Dänen wieder aus Holstein vertrieben. Doch wenige Jahre darauf versuchte der dänische König, Holstein wieder zurückzuerobern, und führte eine große Heeresmacht gegen die Holsteiner. Der Angriff wurde abgeschlagen in der denkwürdigen Schlacht auf der Ebene zu Bornhöved in Holstein am Tage der heiligen Maria Magdalena am 22.Juli 1227. Dieser Sieg der Holsteiner bedeutete ihre endgültige Befreiung von der Dänenherrschaft. In Bornhöved, dort, wo die Dänenfeste gestanden hatte, wurde ein Dominikanerkloster errichtet, in dem am Jahrestage der Schlacht alljährlich Dankgottesdienste abgehalten wurden.
Dieser Sieg sicherte auch Lübeck die Freiheit. Es stand anfangs in Frage, ob Lübeck nach der Befreiung von der Herrschaft der Dänen unter die Herrschaft der Schauenburger Grafen oder der Herzöge von Holstein zurückkehren würde oder ob es seine selbständige Stellung als kaiserliche Stadt wiedergewinnen würde. Aber auch Friedrich II. war der Stadt sehr wohlgesinnt und berücksichtigte in großherzigster Weise die Wünsche der Lübecker. Die Gesandten, welche Lübeck 1226 an das kaiserliche Hoflager sandte, kehrten mit zwei wichtigen Urkunden zurück, von denen jede doppelt ausgefertigt war, einmal mit anhängendem Wachssiegel des Kaisers, das andere Mal mit anhängender goldener Siegelkapsel. Die erste enthielt die Bestätigung des Privilegiums von 1188, die zweite verkündete, „daß die obgenannte Stadt Lübeck immer frei sein soll, nämlich eine besondere Stadt und Ort des Reiches und zur kaiserlichen Stadt gehörig zu keiner Zeit von ihr zu trennen.“ Der Kaiser versprach ferner in dieser Urkunde, „daß, wenn das Reich einen Schirmherrn über die Stadt setzen wolle, derselbe nur aus benachbarlichem Gebiet stammen solle; er erweiterte das Stadtgebiet nach Westen hin, gewährte den Bürgern Zollfreiheit, verlieh ihnen das Recht, Münzen mit dem Namen des Kaisers zu prägen, nahm denHandelsverkehr der Kaufleute zu Wasser und zu Lande in kaiserlichen Schutz und sicherte ihnen für ihren Verkehr nach England dasselbe Recht zu, welches die Kaufleute von Köln und deren Genossen daselbst hatten. Niemand durfte im Umkreis von zwei Meilen eine Befestigung anlegen, kein auswärtiger Vogt Gericht halten usw.“
Diese besonderen Privilegien rückten Lübeck in die Reihe der unter besonderem kaiserlichem Schutz stehenden Reichsstädte, wie Aachen, Frankfurt, Goslar und Nürnberg. Der Bischof hatte kraft dieser Verfügungen in Lübeck keine Regierungsgewalt. Die Stadt stand unmittelbar unter der Gewalt des Kaisers; doch mit dem Vorbehalt, daß der Kaiser einen Schirmherrn ernennen konnte. Friedrich II. machte von diesem Recht keinen Gebrauch. Er wahrte den Lübeckern ihre Freiheit uneingeschränkt und ließ sich ihre Wünsche stets von ihnen persönlich vortragen, die er erfüllte, wenn es nur irgendwie in seiner Macht lag. So erlaubte er den Lübeckern 1230, als er in Italien weilte, die Anlage einer neuen Wassermühle an der Wakenitz gegen Zahlung der pflichtgemäßen Abgabe an die kaiserliche Verwaltung, und 1236 verlieh er ihnen ein Privilegium zur Abhaltung eines jährlichen großen Marktes in der Zeit von Pfingsten bis zum Jakobitage. Jedoch für ihre Unabhängigkeit mußten sie selbst einstehen. Entspannen sich auch harte Kämpfe in der Folgezeit, so war doch Lübeck schon mächtig genug, um selbst ein Heer und eine Kriegsflotte aufzubringen; und seine Machtstellung war groß genug, um zu seiner Verteidigung Verträge mit den angrenzenden Städten und Ländern abzuschließen. Der Erbfeind, der aus Neid und Eifersucht die Stadt immer wieder bedrohte, war Dänemark. Um den Handel Lübecks zu unterbinden, sperrte König Waldemar die Trave unterhalb der Stadtmauern. Die Lübecker aber sprengten die Hafensperre und trieben die dänische Flotte in die Flucht. Detmars anschaulicher Bericht über dieses Ereignis entspricht sicherlich nicht den Tatsachen; dazu klingt er zu sagenhaft: „Die Bürger sprengten, mit einem starken Schiffe ansegelnd,“ heißt es bei Detmar, „die Ketten, welche die Dänen über die Trave gezogen hatten; sie gruben gegenüber der Stätte, die noch heute Dänischburg heißt, einen tiefen Graben, um ihre Schiffe ungehindert dort hinauszuführen; sie schützten ihr ‚Tief‘ durch sechs wohlbewachte Schiffe gegen neuen Angriff; sie lieferten endlich der dänischen Flotte, als diese sich nach der Mündung der Warnow zurückgezogen hatte, eine bedeutende Seeschlacht, nahmen fünf große Schiffe, die sie in Brand steckten, bohrten andere in den Grund; das größte Schiff mit 400 Mann Besatzung führten sie als gute Beute in die Trave; kaum entkam der König selbst.“ So endete dieser dänische Überfall für Lübeck glücklich.
Nach der Absetzung Kaiser Friedrichs II. 1247 mußte sich die Stadt die Schirmherrschaft der jungen Grafen Johann und Gerhard von Holstein gefallen lassen. Es war kein Unglück für Lübeck; denn die Verwaltung der Gerichtsbarkeit und der Münze blieb in den Händen der Stadt; ihre Selbständigkeit wurde also kaum angetastet. Bald aber entspann sich ein neuer Krieg mit Dänemark. Nachdem auch dieser Krieg und die Fehden mit König Wilhelm von Holland glücklich zu Ende geführt waren, wandte sich Lübeck an Papst Innozenz IV., der die kaiserlichen Privilegien über die Freiheit der Stadt kraft päpstlicher Autorität bestätigte. Einige Zeit später hat Alexander IV. diese erste Päpstliche Bestätigung wiederholt. Diese beiden Urkunden beweisen die außerordentliche Weltmachtstellung des Papstes in damaliger Zeit. Lübeck hätte sicherlich diese päpstlichen Bestätigungen seiner Privilegien nicht nachgesucht, wenn nicht dadurch sein Ansehen gehoben und seine eigene Machtstellung gefestigt worden wäre. Das war notwendig, um seine Autorität den umliegenden Städten und den angrenzenden Ländern gegenüber durchsetzen zu können. Im Jahre 1259 forderte Lübeck Rostock und Wismar zu Maßregeln gegen den Land- und Seeraub auf, und im selben Jahre schloß Lübeck mit Hamburg einen Vertrag zur Sicherung des Verkehrs auf der Elbe und in Holstein. Die holsteinische Schirmherrschaft dauerte kaum anderthalb Jahrzehnte. Im Jahre 1261 entzweite sich die Stadt mit den Grafen von Holstein infolge eines Friedensbruches, den Graf Johann sich hatte zuschulden kommen lassen. Lübeck schüttelte darauf eigenmächtig die beiden Grafen Holstein ab und erwählte Herzog Albert von Braunschweig zum Schutzherrn, mit dem das Schutzverhältnis im Jahre 1269 durch einen Vertrag geregelt wurde. Aber auch die braunschweigische Schutzherrschaft dauerte nicht sonderlich lange. Nach dem Tode Herzog Alberts von Braunschweig im Jahre 1282 übernahmen die beiden sächsischen Herzöge Albert und Johann die Schutzherrschaft der Stadt. Auch sie griffen keineswegs in die Verwaltung der Stadt ein. Lübeck gedieh, bewahrte seine Selbständigkeit und übernahm mehr und mehr die Führerrolle der norddeutschen Handelsstädte, die sich unter dem Vortritt und oft auf Veranlassung Lübecks vereinigten, umihren Wohlstand und ihre bürgerlichen Freiheiten gegen die Anmaßungen von Rittern und Fürsten zu verteidigen. Obwohl König Rudolf, Graf Adolf von Nassau und König Albrecht von Habsburg der Stadt durchaus wohlgesinnt waren, blieb die norddeutsche Reichsstadt im großen und ganzen doch immer auf ihre eigene Kraft angewiesen. Aber gerade der Umstand, daß Lübeck wenigen zu Dank verpflichtet war und fast alles seiner eigenen Kraft, seiner eigenen diplomatischen Geschicklichkeit verdankte, hob das Ansehen der Stadt vor den anderen. Man sah mit Hochachtung auf diese Stadt und nahm sie in manchen Dingen als Vorbild.