2
Wunderschön, so ein Orka, der ins Wasser eintaucht. Die faszinierende Kraft des Tieres, die Geschmeidigkeit und Präzision, mit der es durch die Fluten gleitet, um sich anschließend auf seine Beute zu stürzen. Aber, wenn man gerade verlassen wurde, könnte es einem nicht gleichgültiger sein.
Mein Name ist Julie Tournelle, ich bin achtundzwanzig und kurz vorm Durchdrehen. Nicht wegen des Orkas, der auf uns zurast, sondern weil sich mein Leben im Moment nicht unbedingt in die Richtung entwickelt, in die es sollte. Ich hätte zum Beispiel diese Einladung in den Süden niemals annehmen sollen. Carole hatte mich überredet: »Komm doch mal zu uns runter, es wird dir guttun. Es ist viel zu lange her, dass wir mal ein Wochenende für uns hatten, um zu quatschen. Und du siehst endlich dein Patenkind wieder. Sie ist groß geworden und einfach zum Anbeißen. Sie wird sich riesig freuen. Bitte, bitte, komm!«
Es stimmt, Cindy ist groß geworden, und ich glaube fast, sie wird noch größer werden. Ist ja auch normal, denn sie ist erst neun. Es stimmt auch, dass sie zum Anbeißen ist, aber da ich die ganze Wahrheit versprochen habe, muss ich präzisieren, dass sich mir ihre niedliche Seite bereits am ersten Morgen unseres gemeinsamen Zusammenlebens nicht mehr wirklich erschlossen hat. Ist schon komisch, so etwas zu sagen, wo ich doch Kinder liebe. Ich meine, ich glaube, ich werde meine lieben, sollte ich eines Tages welche bekommen. Wie dem auch sei, eines schönen Samstags im August fand ich mich in Antibes wieder, in einem zwischen zwei Autobahnen gequetschten maritimen Vergnügungspark, mit einigen tausend anderer Menschen, um große Fische in großen Wasserbecken zu betrachten, wie sie sich auf kleine Sardinen stürzten. Es ist jetzt schon heiß, der Asphalt schmilzt, und der Preis für eine Flasche Wasser orientiert sich an den Rohölpreisen. Bereits beim Verlassen des Parkplatzes, der sich mit Familienkutschen mit Kindersitzen füllt, frage ich mich, was ich hier eigentlich verloren habe. Die Antwort kommt recht bald: Cindy möchte eine Portion Zuckerwatte von ihrer Patentante. Mit Zuckerwatte verband ich bislang immer schöne Erinnerungen. Als ich klein war, fand ich, dass sie nur ein klein bisschen an den Lippen klebte. Papa, Mama, ich muss mich bei euch entschuldigen: Zuckerwatte ist Teufelszeug, eine einzige Prüfung. Sie ist nicht nur viel zu groß, um von einem Kind allein bewältigt zu werden, man hat sie nachher überall. Sie klebt nicht nur an den Lippen, sondern auch an der Nase, an den Klamotten und in den Haaren. Die Krönung war dann, als mich in der Warteschlange ein großer Kerl auf Cindy schubste und ihre Zuckerwatte auf meinem hübschen hellen Top landete. Eine nette Dame erklärte mir fröhlich, man würde es den »Spiderman-Fluch« nennen, wegen seiner klebrigen Spinnfäden. Und zu diesem Zeitpunkt hatten wir den Park noch nicht einmal betreten …
Vor der großen Delfin-Show haben wir uns die pädagogisch wertvollen Pavillons angesehen, mit kleinen schwimmenden Viechern und informativen Schildern. »Tiere sind unsere Freunde«, »Wir sind für sie verantwortlich«, »Die Erde ist in Gefahr«. Das ist wahr. Aber an einem Tag wie diesem, der sich trotz Sonne zappenduster anfühlt, bin ich versucht zu sagen, dass auch ich gefährdet bin, und trotzdem stellt keiner ein Schild für mich auf.
»Tante Julie, guck mal: Die Schildkröte heißt Julie! Wie du!«
»Und sie hat deine Augen«, fügt Carole übermütig hinzu, »aber anders als du scheint es ihr gelungen zu sein, ihren Typen langfristig an sich zu binden …«
Ich weiß nicht, woher man manchmal die Gelassenheit nimmt, über diese Art von Scherz zu lächeln, wo man doch am liebsten in Tränen ausbrechen möchte. Es ist zweifellos die gleiche Art von Kraft, mit der man seine Hand gerade noch davon abhalten kann, der Freundin eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Es ist heiß. Cindy hat Durst, Cindy will Kuscheltiere, und ich möchte sterben.
Der Rest des Wochenendes ist nichts als ein langer Abstieg in die Hölle. Ich bin bei einer richtigen Familie zu Gast, mit einem Haus mitten im Blumenmeer, der Kombi parkt vor der Tür, das Spielzeug fliegt im Wohnzimmer herum, Fotos an den Wänden, kleine Scherze, die nur der kleine eingeschworene Kreis selbst versteht. Und trotz aller Freundlichkeit, die sie an den Tag legen, fühlt man sich fremd in diesem kleinen Universum der Zuneigung, die für diejenigen, die das Glück haben, Teil davon zu sein, so selbstverständlich ist.
Cindy spielt für mich ein Stück auf der Blockflöte. Ich kann es nicht identifizieren. Ein Männlein steht im Walde, massakriert? Ode an die Freude, uminterpretiert bis zur Unkenntlichkeit? Nein. Es ist die Titelmusik einer neuen Serie mit einem pickligen Kalifornier in der Hauptrolle, mit dessen Poster Cindy ihre Zimmerwände tapeziert hat. Danach gab es eine Kostprobe angebrannter Plätzchen. Sollte ich eines Tages Krebs bekommen, weiß ich woher. Anschließend haben wir uns zum Spaß gegenseitig geschminkt. Ich hätte ihr mehr von der Wimperntusche um ihre Nasenlöcher schmieren sollen, weil sie auch keine Skrupel hatte, mir den Lippenstift tief in die Ohrmuscheln zu stecken.
Aber das war noch nicht das Schlimmste. Carole hatte nicht gelogen: Wir haben geredet.
»Du kannst froh sein, dass Didier fort ist. Er war nicht gut für dich. Im Kopf wäre er immer ein Kind geblieben, und so einen willst du nicht dein Leben lang am Hals haben.«
Ihr braucht nur »Didier« durch »Donovan« zu ersetzen und »er wollte doch nur dein Geld« hinzuzufügen, und schon haben wir einen Dialog aus einer amerikanischen Serie. Danke, Carole. Du hast mir wirklich sehr geholfen.
Auf der Zugfahrt nach Hause habe ich die ganze Zeit geheult. Ich habe alles versucht, um mich abzulenken. Am Bahnhof, in einem Anfall von geistiger Umnachtung, habe ich sogar eine Zeitschrift gekauft, die sich über Fettpolster auslässt und über Drogenentzug irgendwelcher Stars berichtet. Ich habe noch nie begreifen können, wie man einen Artikel über verhungernde Kinder schreiben kann, während auf der Nebenseite Topmodels in Luxuskarossen gezeigt werden, die der Leserin untragbare Kleider schmackhaft machen sollen, die so viel kosten, dass die armen Würmchen davon sechstausend Jahre lang leben könnten. Wieso akzeptieren wir so etwas? Ich blätterte weiter bis zu den Horoskopen. »Löwe: Lernen Sie, Ihrem Ehepartner zuzuhören, sonst folgen böse Worte.« Welchem Ehepartner? Zuhören, ich mache nichts anderes als Zuhören, und was ist dabei rausgekommen? »Gesundheit: Zügeln Sie sich beim Genuss von Schokolade.«, »Arbeit: Man wird Ihnen ein Angebot machen, das Sie nicht ablehnen können.« Das sind vielleicht umwerfende Erkenntnisse. Ehrlich, ich würde zu gern wissen, wie man in den Sternen lesen kann, dass man nicht zu viel Schokolade essen soll. Ich glaube nicht, dass Pluto oder Jupiter mir sagen können, wie ich mich ernähren soll, und Leute, die das Gegenteil behaupten, sind bestenfalls Scharlatane. Ich schaffe es genauso wenig, mich für Tratsch über B-Promis zu interessieren, die erstaunliche Weisheiten von sich geben, wie zum Beispiel: »Ich würde alles tun, um glücklich zu sein« oder »Ich genieße es, geliebt zu werden«. Ich habe die Lektüre abgebrochen.
Dann habe ich versucht, das hübsche Bild zu deuten, das Cindy für mich gemalt und mir zum Abschied geschenkt hat. Eine überfahrene Katze in der Tupperdose? Eine Milbe unter dem Mikroskop? Es half alles nichts. Ich habe geweint. Ich dachte an Didier. Ich fragte mich, was er wohl in diesem Augenblick machte. Wie hat er sein Wochenende verbracht? Er hat mich zwar erst vor zwei Wochen abserviert, aber ich war mir sicher, dass er schon eine andere gefunden hat. Ein gut aussehender Musiker und Motorradfahrer bleibt nie lange Single. Ich bin auf einen richtigen Mistkerl reingefallen! Wenn ich nur daran denke! Ich habe ihn bei einem Konzert kennengelernt. Es war keine große Konzerthalle, sondern ein Mehrzwecksaal in Saint-Martin, dem Nachbardorf. Er war der Sänger in einer Alternativ-Rock-Band, den Music Storm. Bei dem Namen hätte ich misstrauisch werden sollen. Ich war mit zwei Freundinnen da. Wir hatten Freikarten bekommen, also sind wir hin. Es war so laut, dass mir die Augen beinahe aus den Augenhöhlen sprangen. Es war erbärmlich, aber da war Didier, aufrecht im Licht der Scheinwerfer, inmitten seiner hysterischen Musikerkumpel, die sich für die Rolling Stones hielten. Er sang in einer Sprache, die bestenfalls entfernt nach Englisch klang, aber er sah gut dabei aus. Das Erste, was mir an ihm auffiel, war sein Po. Meine Freundin Sophie sagt immer, dass nur böse Jungs hübsche Hintern haben, und Didier hatte einen wundervollen Hintern. Nach dem Konzert habe ich auch seine Augen gesehen, und dann ging alles ganz schnell. Ich weiß immer noch nicht warum, aber ich war hin und weg. Ein Viertel verkannter Künstler, ein Viertel überspannter Teenie und eine Hälfte irgendwas, was ich schon gar nicht mehr benennen kann. Liebe auf den ersten Blick. So eine Scheiße … Man sollte sich immer vor Augen halten, was einem an dem anderen als Erstes gefallen hat. Ich hätte mich mit seinem Hintern begnügen sollen. Wir sind zusammen ausgegangen, ich folgte ihm auf alle seine Konzerte. Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang keinen Fuß in eine Bar gesetzt, und nach drei Monaten kannte ich jede Spelunke in der Gegend. Für ihn habe ich meine Freundinnen vernachlässigt. Er sagte, er brauche mich. Das Schlimme war, er brauchte mich, wenn er »textete«. Er ließ seine miese Laune nur an mir aus, nie an den Anderen. Er konnte stundenlang regungslos vor dem Fernseher hocken und kriegte dann auf einmal einen Koller. Er schnappte sich sein Motorrad, um eine Runde zu drehen. Ich musste ihm seine Klamotten kaufen. Ich habe schon öfter gehört, dass Künstler in ihrer Schaffensphase so drauf sind. Ich glaube, das stimmt, außer für Künstler, die Talent haben. Wir verbrachten unsere ganze Zeit miteinander. Ich hörte ihm zu, wenn er mir von den tausend Dingen erzählte, die er machen wollte, ich sah ihn in seinen Motorradmagazinen blättern, ich beobachtete ihn, wie er mit mir Sex hatte, wenn ihm danach war, ich sah, wie er überall nach Eingebungen suchte, im Internet oder auf Honigpops-Schachteln. Wahnsinnig inspirierend, diese Honigpops. Was war ich doch blöd … Um ihm zu helfen, habe ich schließlich mein Studium an den Nagel gehängt und suchte mir einen schnell gestrickten Job in einer Bank, der Crédit Commercial du Centre. Tagsüber ließ ich Motivationsseminare über mich ergehen, in denen ich lernte, wie man bereits hochverschuldeten Kunden noch mehr Produkte noch besser andrehen konnte. Abends gab es dann Konzerte und Nervenzusammenbrüche. Ich erzähl euch besser nicht von dem Abend, an dem sich Didier in einem Anfall von Größenwahn am Ende des zweiten Refrains in »sein« Publikum warf, damit sie ihn wie einen Rockstar auf Händen trugen, nur dass die anwesenden zwanzig Gestalten in der kleinen Aula von Monjouilloux erschrocken einen Schritt zur Seite machten und er auf den Boden klatschte wie ein in die Pfanne geworfenes Spiegelei. Ich hätte darin ein Zeichen sehen sollen.
Logischerweise zog Didier bei mir ein. Ich zahlte alles. Er behandelte mich wie ein Groupie. Das war mir zwar bewusst, aber ich fand immer wieder neue Entschuldigungen für ihn. Die Geschichte hat zwei Jahre gedauert. Ich sagte mir zwar selbst, dass wir nicht miteinander alt werden würden, aber zugegebenermaßen fällt es mir oft schwer, der Realität direkt ins Auge zu sehen. Und so heule ich jetzt, der Sänger ist fort, und ich bin gefangen in einem Job, der mir keinen Spaß macht, bei der »einzig ehrlichen Bank«. Ich sitze vor einem Scherbenhaufen. Zuerst kam die Einsamkeit, dann die Abende mit den anderen Single-Frauen. Wir machen uns gegenseitig vor, wir seien frei und so viel besser dran als mit diesen Hornochsen von Männern. Wir halten uns diese Reden, die hinfällig werden, wenn eine von uns sich endlich wieder verliebt. Ich sage »eine von uns«, aber es ist eher »eine von den anderen«, für mich war es so etwas wie eine Wüstenwanderung. Nichts, nada, niente, Pustekuchen. Die Abende wurden mit der Zeit immer spärlicher besucht. Manchmal kamen die Ehemaligen wieder. Ein Klub der Abservierten. Wenn ich darüber nachdenke, waren es letztlich die Dinge, die wir uns nicht gesagt haben, die mir am meisten bedeuteten. Die Blicke, die über das Theater hinausgingen, das wir uns üblicherweise vorspielten, um durchzuhalten. Es gab eine Art mitfühlende Verbundenheit, ungeschickt, dumpf, aber real. Wir kamen nicht wegen dieser idiotischen Spiele zusammen, sondern dafür, für diese verschämte Solidarität. Und wenn man dann nach Hause geht, allein, erwarten einen die wirklichen Fragen: War ich überhaupt jemals verliebt? Werde ich auch mal dran sein? Gibt es die Liebe wirklich?
Als ich den Bahnhof verließ, nachdem ich im Zug zwei Stunden und siebzehn Minuten geweint habe, war ich genau an diesem Punkt angelangt. Ich ging zu Fuß, durch die halbe Stadt. Es war ein schöner Sommerabend. Ich konnte es kaum erwarten, wieder in meiner Straße zu sein, in meiner kleinen Welt, aber das Schicksal war noch nicht mit mir fertig. Man glaubt seine Umgebung zu kennen, und doch braucht sich manchmal nur eine Kleinigkeit zu ändern, und man merkt gar nicht, dass das ganze Leben mit einem Mal umgekrempelt wird. Und so was sieht man nie kommen.