
IM JAHR DES
HASENDRACHEN
Zwei weitere chinesische Jahre

China my China, I’ve wandered around and you’re still here
(which I guess you should be proud of)
Your walls have enclosed you, have kept you at home for thousands of years
(but there’s something I should tell you)
All the young boys are dressing like sailors.
Brian Eno: China My China (1974)
I’m from the future, you should go to China.
Jeff Daniels in: Looper (2012)
Wie schon angedeutet: Ich bin im Moment nicht in China, sondern auf einer Lesetour durch Deutschland. So wird mir das, was gerade zu Hause passiert, auch nur durch die deutschen Medien vermittelt. In diesen stand in den letzten Wochen neben der Verhaftung von Ai Weiwei die deutsche Ausstellung »Die Kunst der Aufklärung« im Vordergrund, mit der das neugestaltete Pekinger Nationalmuseum eröffnet wurde.
Ich habe die Berichterstattung aufmerksam verfolgt. Dabei sind mir ein paar Dinge aufgefallen. Besonders interessant fand ich einen Vorgang, zu dem der deutsche Sinologe Tilman Spengler Anlass gegeben hatte. Der hatte eigentlich mit der Delegation um Außenminister Westerwelle zur Eröffnung der Aufklärungsausstellung nach Peking reisen sollen, doch die chinesischen Behörden hatten ihm die Einreise verweigert – wahrscheinlich, weil der Mann im November 2010 anlässlich der Verleihung des Hermann-Kesten-Preises an den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo die Laudatio gehalten hatte.
Auf einer der Eröffnungsveranstaltungen im Nationalmuseum waren nun die Veranstalter von einem deutschen Journalisten nach dem Grund für Spenglers Abwesenheit gefragt worden. Statt eine Antwort zu erhalten, war der Journalist ausgebuht worden, und zwar keineswegs von chinesischen Funktionären, sondern, wie man las, von »deutschen Wirtschaftsvertretern« (Frankfurter Rundschau), »Vertretern der deutschen Wirtschaft« (Die Zeit), »vom deutschen Publikum, von Geschäftsleuten und Managern« (taz), oder eben auch von »deutschen Wirtschaftsvertretern« (Die Welt).
Zu Recht wurden diese Buhrufer in den Kommentaren diverser deutscher Medien kritisiert. Von »Wandel durch Anbiederung« schrieb Die Welt, die taz nannte sie »deutsche Diktaturliebhaber«, und Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärte in einer Rede, das Gebuhe sei »geschmacklos«. Auch die Museumsdirektoren und Mitveranstalter der Ausstellung, Michael Eissenhauer, Klaus Schrenk und Martin Roth, wurden ob ihrer vorgeblichen Kritiklosigkeit gegenüber chinesischen Kulturfunktionären von den Medien ordentlich abgewatscht. Noch etwas später geißelte dann die Süddeutsche Zeitung den deutschen Botschafter in China, Michael Schäfer, und den damaligen Chef des Pekinger Goethe-Instituts, Michael Kahn-Ackermann dafür, dass sie sich in der chinesischen Öffentlichkeit angeblich nicht mehr getrauten, den Namen Ai Weiwei in den Mund zu nehmen. Die Zeitung schlug deshalb vor, man möge die Aufklärungsausstellung in »Die Kunst des Kotaus« umbenennen.
Als ich das alles las, war ich doch wieder einmal sehr stolz auf die deutsche China-Berichterstattung: Mutig und unerschrocken nennt sie auch immer wieder deutsche Großkopferte mit Namen, die der chinesischen Regierung allzu distanzlos gegenüber zu stehen scheinen. Bloß wer die buhrufenden Vertreter der deutschen Wirtschaft bei der Ausstellungseröffnung in Peking waren, konnte man leider nirgendwo erfahren. Nicht einmal die Namen ihrer Firmen wurden genannt. Das wundert nun doch ein wenig, vor allem, wenn man weiß, dass sich auf solchen Events jeder gegenüber jedem mit Stapeln von Visitenkarten vorzustellen pflegt. Deshalb hätte ich zu diesem Vorgang dann doch noch eine schlichte Frage: Woran liegt’s?
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Diese Frage wurde nie beantwortet, genauso wie niemals aufgeklärt wurde, wer denn die so heftig angeprangerten Buhrufer waren. Dass aber ein solcher Vorgang keineswegs einzigartig ist, zeigt ein Artikel, der am 16. April 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. Auch hier gibt sich der Autor diskret: »Eine groteske, aber bezeichnende Szene in China: Vor einer Versammlung einheimischer Unternehmer preist der Vorstand eines Dax-Konzerns den kommunistischen Staatsgründer. Jede Schwierigkeit könne man mit Disziplin bewältigen, sagt der westliche Gast. ›Schon Mao sagte: Eine Revolution ist keine Dinnerparty.‹ Denselben Satz stellt der Hongkonger Gelehrte Frank Dikötter seiner Studie zu Maos verheerender Wirtschaftspolitik zwischen 1958 und 1962 voran. Der »Große Sprung nach vorn« habe mindestens 45 Millionen Menschen das Leben gekostet. Im kleinen Kreis ergänzt der deutsche Unternehmer, es sei falsch gewesen, dem inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis zu verleihen. Damit habe man China düpiert und das Geschäftemachen erschwert.«
Der Name des Hongkonger Professors wird genannt, auch der des chinesischen Nobelpreisträgers. Nur der des Mao preisenden DAX-Konzern-Vorstands bleibt im Dunkeln, obwohl er sich doch auf einer Versammlung äußert, und nicht bloß in einem Hintergrundgespräch. Ich bin mir natürlich sicher, dass der Autor beim Schreiben seines Textes nicht eine Minute an die Anzeigen gedacht hat, die der nämliche Dax-Konzern in seinem Blatt schalten könnte. In Deutschland geht die Pressefreiheit schließlich über alles.
Die Kunsthistorikerin Zhu Ling betreibt in Berlin eine recht normale Galerie für chinesische Kunst*. Frau Zhu unterscheidet sich eigentlich nur dadurch vom Mainstream des deutschen Kunstbetriebs, dass sie Ai Weiwei nicht für einen allzu großen Künstler hält. Sie ist auch der Überzeugung, Ai sei bislang allenfalls verbal als Gegner der chinesischen Regierung aufgetreten, habe aber tatsächlich immer wieder gute Geschäfte mit lokalen Regierungen in China oder parteinahen Immobilienmagnaten gemacht. Das alles beschreibt sie in einem chinesischen Blog, und vieles von dem, was sie dort schreibt, ist gut begründet.
Auf diese Weise kritisiert die Galeristin Ai bereits seit einiger Zeit. Doch erst nach der Festnahme Ais im April wurde ein deutscher Journalist auf sie aufmerksam. Er befragte Zhu und veröffentlichte ihre kritischsten Sätze über Ai in einem Artikel, der in etlichen deutschsprachigen Zeitungen erschien, unter anderem in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Zhu Ling war korrekt zitiert worden, doch überschrieben war der Text mit der Feststellung, sie habe »Vorlagen« für eine »Rufmordkampagne« des chinesischen »Regimes« geliefert.
Das hat nun Zhu ganz und gar nicht. Auch billigt sie den Umgang der Behörden mit Ai Weiwei keineswegs. So wäre denn ihre Kritik eine gute Gelegenheit gewesen, auch einmal in den hiesigen Medien über die Rolle Ais im internationalen Kunstbetrieb zu diskutieren. Dabei hätte man ganz en passant der chinesischen Öffentlichkeit demonstrieren können, worin sich die deutsche Presse von der chinesischen unterscheidet. Doch eine solche Debatte gab es nicht. Stattdessen wurden in deutschen Medien wiederholt Leute zensiert, die sich differenzierter zu Ai geäußert hatten.
Auch über ein paar dieser Fälle hat Frau Zhu in ihrem Blog berichtet. Unter anderem zählt sie einen verstümmelten Aufsatz im Berliner Tagesspiegel auf und ein Rundfunkinterview, aus dem die Ai-kritischen Passagen herausgeschnitten wurden. Auch ich finde in ihrem Blog Erwähnung. Eine große Zeitung aus Frankfurt mochte nämlich unter anderem deshalb ein Interview mit mir nicht drucken, weil ich darin geäußert hatte, Ai sei als Künstler überschätzt. Ich hatte Ai zwar gleichzeitig für ein paar seiner Aktionen gelobt und selbstverständlich auch sein Verschwindenlassen durch die chinesischen Behörden kritisiert. Das aber hat das Interview nicht gerettet.
Am Ende konnte auch die Berliner Galeristin lediglich in der Schweizer Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel unterbringen, in dem sie ausführlicher darlegen durfte, was sie an Ai stört. In den deutschen Feuilletons erschienen derweil eine Vielzahl von Ai-Portraits, in denen der Mann unisono als großer Künstler und enormer Dissident gefeiert wurde. An einer wirklich kontroversen Debatte ist man offenbar in Deutschland nicht interessiert. Eine Überraschung ist es also nicht, dass immer mehr Chinesen glauben, die deutsche Presse würde ebenso »harmonisiert« wie die in China. Auf jeden Fall wird es für mich immer schwerer die Argumente zu widerlegen, die sie mir zum Beweis ihrer These präsentieren.
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* Die Galerie existiert inzwischen nicht mehr. Eine ausführlichere Auseinandersetzung zum selben Thema findet sich unter der Überschrift »Ai Weiwei und die deutsche Presse« im Anhang.
Diese Kolumne wäre fast nicht fertig geworden. Seitdem ich in Deutschland weile, werde ich nämlich immer fauler. Bekanntermaßen haben es ja die Deutschen nicht so mit der Arbeit – bzw.: Eigentlich ist das eher weniger bekannt. Doch überall ist es abzulesen, zum Beispiel an den Schildern der Berliner Baustellen. Das Mehrzweckbecken im Kreuzberger Prinzenbad sollte angeblich bis Mitte Mai repariert sein; die Wasserleitungen im Bötzowviertel bis April verlegt. Tatsächlich aber sind die Arbeiten auch jetzt, im Juni, noch nicht abgeschlossen. Und genau so sieht es an jeder Baustelle in Deutschland aus, die ich in den letzten Monaten inspizierte. Nichts hat man hier fristgemäß vollendet. Der wahrscheinliche Grund: die deutsche Faulheit eben.
Die wird auch von den Statistiken bestätigt: Nach Angaben des European Industrial Relations Observatory, einer EU-Behörde, arbeitete im Jahr 2008 ein durchschnittlicher Deutscher pro Jahr 1650,6 Stunden. Innerhalb der EU taten nur noch die Schweden, die Dänen und die Franzosen weniger. Ein durchschnittlicher Rumäne dagegen kam auf 1.856, ein Grieche auf 1.816 und ein Spanier immer noch auf 1.715,8 Arbeitsstunden jährlich. Das heißt, ein Deutscher arbeitet im Schnitt 165,4 Stunden weniger als ein Grieche. Das sind rund 21 Arbeitstage.
Im Vergleich zu einem durchschnittlichen Chinesen aber tut ein Deutscher fast keinen Handschlag. Leider fehlen hier die aussagekräftigeren Jahresarbeitszeitstatistiken. So müssen wir uns mit dem Vergleich der Wochenarbeitszeiten begnügen. Ein durchschnittlicher Hongkonger arbeitet 48,8 Stunden pro Woche (2008), ein Pekinger 47,2 (2006). Die deutsche Wochenarbeitszeit beträgt dagegen 41,2 Stunden (2008). Dabei ist zu berücksichtigen, dass in die letzte Zahl noch nicht die 30 Urlaubstage und die ganzen Feiertage der Deutschen eingerechnet sind. Die tatsächliche deutsche Wochenarbeitszeit liegt also deutlich unter dem genannten Wert. In China hat man dagegen lediglich fünf bis fünfzehn Tage bezahlten Urlaub, weshalb sich hier die Wochenarbeitszeit kaum reduziert.
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass die Deutschen ziemlich ungern arbeiten. Sie machen sich lieber auf Kosten der Rumänen, Griechen und Chinesen einen lauen Lenz. Sie feiern eine Party nach der anderen, vor allem hier in Berlin, wobei sie große Mengen Alkohol in sich reinschütten. Dabei macht es ihnen besonders viel Spaß, Menschen, die diese Form des Dauermüßiggangs nicht mehr gewohnt sind, einzuladen, abzufüllen und sie auf diese Weise ganz langsam mit dem deutschen Faulfiebervirus wieder zu infizieren.
Und so hat es denn auch mich erwischt. Statt über ein anständiges Kolumnenthema nachzudenken, schob ich es immer wieder auf, dachte: »Kommste heut’ nicht, kommste eben morgen.« Zum Schluss fiel mir dann nur noch ein, die deutsche Faulheit selbst zu thematisieren. Das reichte noch für dieses Mal. Doch was mache ich in der übernächsten Wo…? Ach, egal. Nur nicht heute. Pfffff. Rrrrrratz. Und schnarch.
Letzte Woche Dienstag – man schrieb den 14. Juni 2011 – bekam ich einen Heidenschreck. Der Grund: Ich hatte Spiegel online angeklickt. Und hier konnte ich ganz oben auf der Seite lesen, dass es im gesamten China »brodelt«: »Soziale Unruhen« lautete die Dachzeile, und die Schlagzeile darunter: »Proteststurm lässt Chinas Mächtige zittern«. Ich zitterte sofort mit, um mich selbst, meine demnächst anstehende Rückkehr nach Peking und um meine chinesische Verwandtschaft natürlich.
Dabei hatte SPON mich ja gewarnt, und zwar immer und immer wieder. »Die Gefahr sozialer Unruhen wächst«, meldete man am 11. Juni, und zwar wegen der um 5,5 % gestiegenen Inflation in China. Dasselbe hatte man am 11. Mai geschrieben (»Die Gefahr sozialer Unruhen wächst«), am 27. April (»Dem Land drohen soziale Unruhen«) sowie am 15. desselben Monats (»Dem Land droht soziale Unruhe«). Auch im Jahr zuvor hatte man mich nicht im Unklaren gelassen: »Um soziale Unruhen zu verhindern«, hieß es am 14. Juni 2010, »müssen sie [die Regierenden] die gefährlich wachsende Kluft zwischen Arm und Reich lindern.« Und da natürlich »eine Kluft lindern« gar nicht geht, würden Unruhen unausweichlich sein.
Noch früher aber, am 4. Mai 2010, war das chinesische Internet der Grund für die wachsende Gefahr gewesen. »Wo sich so viele Menschen zusammentun, dort ist ein Keimbett für soziale Unruhe.« Am 5. April 2009 lag’s am sich abschwächenden Wirtschaftswachstum: »Es drohen soziale Unruhen.« So zieht’s sich durchs halbe Jahr 2009, während am 11. Dezember 2008 zur Abwechslung mal die fehlenden Menschenrechte die Schuld trugen: »In der Kommunistischen Partei ist die Nervosität groß – sie fürchtet wachsende soziale Unruhen.« Und weiter geht’s, das ganze Jahrzehnt hinab (Liste gegen 50 Euro in Briefmarken), vom 18. Dezember 2008 (»Bricht das Wachstum ein, fürchtet die Führung in Peking soziale Unruhen«), über den 29. Juni 2007 (»Peking befürchtet soziale Unruhen«), bis beispielsweise zum 15. März 2002: »Chinas Führung … fürchtet soziale Unruhen, weil sich die Landbevölkerung gegenüber den Städtern benachteiligt fühlt.«
Spätestens an diesem Punkt erkannte ich, dass SPON bzw. Der Spiegel China bereits seit Jahrzehnten jedes Jahr aufs Neue die aufregendsten sozialen Unruhen versprochen hatten, diese aber allenfalls auf lokaler Ebene aufgetreten waren. Und auch der groß aufgemachte »Proteststurm« von letzter Woche flaute sehr schnell ab. Schon Stunden später war die Meldung von der SPON-Startseite verschwunden, und am nächsten Tag war in den restlichen deutschen Medien nichts weiter über Unruhen in China zu vernehmen.
Das beruhigte mich fürs Erste. Inzwischen aber mache ich mir neue Sorgen. Denn wenn einerseits immer nur das Gegenteil von dem stimmt, was im Spiegel steht und prophezeit wird, andererseits dort nie etwas über drohende Unruhen in Deutschland geschrieben wird: Muss dann die Lage hierzulande inzwischen nicht ganz schön brenzlig sein? Vielleicht sollte ich meinen Deutschlandaufenthalt doch früher abbrechen, um mich in Chinas Hauptstadt in Sicherheit zu bringen. Man kann ja nicht vorsichtig genug sein.
Anlässlich des Besuches von Premierminister Wen Jiabao in Deutschland lehnte sich die deutsche Presse einmal mehr weit aus dem Fenster. Im bekannten antikapitalistischen Kampfblatt BILD erschien die Serie »Die China-Invasion«, in der die Redakteure akribisch herausarbeiteten, dass »die Chinesen« die Absicht hätten, überall auf der Welt »Geschäfte« zu machen, um auf diese Weise sogenanntes »Geld« zu verdienen. Der Spiegel dagegen fragte den »Ausbilder der Pekinger-Kaderschule« Xie Chuntao eindringlich, ob sich China nicht den Stadtstaat Singapur »einschließlich der dortigen Wahlen mit Oppositionsparteien« zum Vorbild nehmen könne? Offenbar hält man in Hamburg Singapur für einen Hort der Demokratie und Menschenrechte.
Das ist Singapur nun keineswegs. Lange Jahre konnte das kleine Land auf die höchste Todesstrafenquote der Welt verweisen. Bei der Vollstreckung der Prügelstrafe schlagen Staatsbeamte ganz offiziell die Hinterteile von Delinquenten zu Brei. Die Medien sind allesamt in staatlicher Hand und werden obendrein zensiert. De facto ist Singapur ein Einparteienstaat, der seit 1959 von der People’s Action Party regiert wird, einer streng hierarchisch aufgebauten Kaderpartei. Die Wahlen zum Parlament sind eine Farce, weshalb in der aktuellen Volksvertretung von 99 Abgeordneten nur neun der Opposition angehören.
In mancherlei Hinsicht gibt sich Singapurs Regierung sogar repressiver als die chinesische. So werden in dem Stadtstaat auch immer wieder ausländische Medien – darunter die Financial Times, International Herald Tribune und Bloomberg – wegen ihrer Berichterstattung über Singapur von den Regierenden verklagt und von den lokalen Gerichten verurteilt. Wer keine hohen Geldstrafen zahlt und sich nicht für seine Berichterstattung entschuldigt, dessen Medium wird in Singapur verboten. Bis heute ist diese Praxis gang und gäbe. Am 1. Juni 2011 hat zum Beispiel ein Singapurer Gericht den britischen Staatsbürger Alan Shadrake für acht Wochen ins Gefängnis geschickt. Er hatte in einem Buch über die Todesstrafe in Singapur auch Klartext über das dortige Justizsystem geschrieben.
Anders als beim Verschwinden Ai Weiweis las man allerdings über diese Inhaftierung im Spiegel keine Zeile. Dabei hatte das Meinungsmachemagazin mit Jürgen Kremb* zum Zeitpunkt von Shadrakes Inhaftierung einen langjährigen Korrespondenten vor Ort. Aber der ehemalige Chinakorrespondent und Demokratieprophet (»China wird vor Ablauf der fünf Jahre eine Demokratie sein«; Kremb im Spiegel 48/1998) schrieb zwar immer wieder gerne über die Unterdrückung im 1.500 Kilometer von Singapur entfernten Myanmar, berichtete aber äußerst selten aus dem Land, in dem er lebt. Das liegt nun ganz gewiss nicht daran, dass Singapurs Führer Lee Kuan Yew schon seit ewigen Zeiten ein Freund des Westens ist. Ein solcher Umstand kann ja deutsche Berichterstatter nicht beeinflussen.
So wird es wohl an der Praxis der Singapurer Regierung liegen, mittels ihrer eigenen Gerichte auch die westliche Presse erfolgreich zu zensieren. Und deshalb lautet die Aufgabe bis zum nächsten Mal: Malen Sie sich den Artikel aus, der im Spiegel stünde, würde diese Form der Zensur auch in China versucht.
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* taz-Leser Karsten Mayer aus Bangkok wies in einem Online-Kommentar darauf hin, dass Jürgen Kremb schon seit 2009 nichts mehr für den Spiegel geschrieben habe. Er bezog sich dabei auch auf den Branchendienst V.i.S.d.P., der am 22. Juni 2011 – also einen Tag vor Erscheinen dieser Kolumne – gemeldet hatte, Kremb habe das Magazin verlassen. Diese Meldung wurde vom Spiegel noch am selben Tag auf meedia.de dementiert. Kremb besitze noch einen gültigen Vertrag bis 2013, hieß es, er befinde sich allerdings in einem Sabbatical.
Interessant an diesem Vorgang ist die Begründung für die vorgebliche Kündigung Krembs, die V.i.S.d.P. zitiert: Er sei gegangen, weil »die China- und Asienberichterstattung des Blattes nur noch ein Zerrbild der dynamischen Veränderungen des Kontinents vermittelt«. Sollte sich hier jemand tatsächlich vom Berichterstattungs-Saulus zum Berichterstattungs-Paulus gewandelt haben? Oder steckt etwas anderes dahinter? Ich weiß es nicht. Fest steht nur, dass sämtliche Beiträge, die Kremb in über zwanzig Jahren für den Spiegel geschrieben hat, zur Zeit der Niederschrift dieses Buches mit der internen Suche auf Spiegel online nicht mehr aufzufinden waren. Fest steht auch, dass Kremb inzwischen nicht mehr Spiegel-Korrespondent ist, und dass zudem die V.i.S.d.P.-Seite mit der interessanten Begründung für die Kündigung nicht mehr existiert. Der aufschlussreiche Satz ist allerdings weiterhin auf meedia.de nachzulesen. Hier der Link: http://meedia.de/print/spiegel-aeussert-sich-zu-kremb-personalie/2011/06/22.html
Diese nachgereichten Fakten ändern allerdings nichts an der Aussage dieses Kapitels. Es bleibt eine Tatsache, dass in Deutschland traditionell seltener Negatives aus befreundeten Diktaturen bzw. Semi-Diktaturen (z. B. Saudi-Arabien, Bahrain, Singapur etc.) berichtet wird, als aus welchen, zu denen man in einer wie auch immer gearteten Konkurrenz zu stehen meint. Der Spiegel hat aus dieser Praxis die logische Konsequenz gezogen und sein Büro in Singapur geschlossen.
Auch dieses Kapitel durfte ich aufgrund gewisser Umstände nicht in China schreiben. Es musste in Deutschland entstehen. Das hatte zur Folge, dass mein Heimweh nach Peking immer stärker wurde. Um dieses Gefühl zu bekämpfen, strolchte ich in Asia-Märkten herum und holte mir die dort ausliegenden chinesischsprachigen Zeitungen. So konnte ich endlich einmal wieder auf die vertrauten Schriftzeichen starren, ohne auch nur einen Satz wirklich zu verstehen. Die Zeitungen heißen Ouzhou Xinbao (Europe Times) oder Huashangbao (Chinesische Handelszeitung) und erscheinen allesamt in Deutschland. Seit Ende Juni ist auch die Deutsch-Chinesische Allgemeine Zeitung auf dem Markt. Ein löbliches Experiment, auch weil das Blatt komplett auf Deutsch herauskommt.
Dieser Zeitung entnahm ich, dass es hierzulande einen siebzigköpfigen chinesischen Chor namens SinoPhonia gibt, der u.a. 2009 beim »Mondfestkonzert« in Ludwigsburg aufgetreten ist. Das ist natürlich hocherfreulich. Der Chor ist allerdings in Stuttgart beheimatet, wo ich niemals bin und sein werde, weil ich dorthin nie zu einer Lesung eingeladen werde. Zudem kann ich seit dem Stimmbruch nicht mehr singen. Als Chinasurrogat kommen die Sinophonen also kaum in Frage.
Auch von einem Besuch im Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg hatte ich mir mehr versprochen. Zwar sieht es hier tatsächlich so aus wie auf einem Markt in Peking jenseits der vierten Ringstraße, sind doch die drei großen Hallen vollgestopft mit den prächtigsten chinesischen Waren: Johnnie-Walker-Flaschen-Wecker, Plastikfinger als Badezimmerhaken, ja selbst die lang vermissten »frischen Eier aus Käfighaltung« (Original-Verpackungsaufschrift) führt man hier. Betrieben wird der Markt aber hauptsächlich von Vietnamesen, die so klingen, als seien sie direkt aus dem Ruhrgebiet eingewandert. Sie sagen alle »datt« und »watt«.
So bleibt die beste Methode der China-Sehnsuchtsbekämpfung, einfach durch die Berliner Straßen zu schlendern, sich wie zufällig an asiatisch aussehende Menschen heranzupirschen und ihre Gespräche zu belauschen. Die Chance, dabei auf Mandarin sprechende Chinesen zu treffen, ist nicht schlecht. Die Festlandchinesen haben, wie die Berliner Morgenpost im Juli 2011 meldete, im Mai desselben Jahres die Japaner als größte Gruppe unter den asiatischen Berlinbesuchern überholt; in diesem Monat besuchten bereits über 5.000 von ihnen die Hauptstadt.
Ich jedenfalls hatte neulich sofort Glück, als ich mich einer asiatisch aussehenden Frau und ihren zwei Kindern im Volkspark Schöneberg näherte. »Kan! Xiao tuzi!«, rief die Mutter, und wies damit ihre Kleinen auf ein paar Kaninchen hin, die über die Wiese hoppelten.
Ich freute mich fast schimmelig, und das nicht nur aufgrund der vertraut klingenden Vokabeln. Ich dachte auch daran, wie viel zukünftige Entwicklung in dieser bukolischen Szene lag. Denn die zukünftige Rolle von Deutschland und dem Rest Europas wird ja wohl die eines großen Freizeitparks sein, in dem chinesische Mütter ihren Kindern Sachen zeigen, die es in chinesischen Städten nicht mehr gibt. Wenn also dieser Park irgendwann einmal komplettiert ist, kann es gut sein, dass man mich noch öfter im alten Deutschland herumstromern sehen wird.
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Kommentar auf taz.de zu diesem Beitrag von einer gewissen Nele: »Dieser Artikel ist Rentner-Humor. Aber total okay.« Über diese Formulierung habe ich mich sehr gefreut. Und überlege seitdem, ob ich nicht bestimmen soll, dass sie in abgewandelter Form dereinst auf meinen Grabstein gemeißelt wird: »Rentner-Humorist – aber total okay.«
Angesichts der unterschiedlichen Bedrohungen in Europa kann einem angst und bange werden. Ich sage nur: Norwegen, Norwegen, Norwegen. Und Amy Winehouse natürlich. Ich habe trotzdem keine Angst, auch wenn ich mich aus Gründen weiterhin auf diesem alten, morschen Kontinent aufhalten muss. Schließlich bin ich mit einer chinesischen Frau verheiratet. Was das bedeutet, das weiß man endlich auch in westlichen Gefilden, spätestens nach dem versuchten Rasierschaumattentat auf den australischen Aufklärungsphilosophen Rupert Murdoch. Dessen chinesischstämmige Ehefrau Wendi Deng verpasste dem Möchtegern-Attentäter eine solche Backpfeife, dass er sich wohl wünschte, niemals auf die eigentlich recht hübsche Anschlagsidee gekommen zu sein.
Wendi – die von ihrem Vater ursprünglich Wenge getauft wurde, was »Kulturrevolution« bedeutet – war in China bisher nicht sonderlich beliebt. Sie galt als skrupellose Karrieristin, die sich konsequent nach oben geschlafen habe, als käuflich und moralisch verkommen. Seit dem verhinderten Attentat jedoch wird sie groß gefeiert, und das nicht nur, weil der Kurs der Aktie des Murdoch-Unternehmens News Corporation nach der Superwatsche sofort um 5,6 % in die Höhe schnellte. Blogger erklärten, Wendi sei eine »nü chao ren« – eine Superheldin, die so kämpfe wie Lucy Liu in »Charlie’s Angels«, oder aber wie ein Tigerweibchen. Die Zeitung Guangzhou Ribao aus Kanton ernannte sie zur »xin nü xing de dai yan ren« – zur typischen »Vertreterin einer neuen Generation chinesischer Frauen«. San Xiang Dushi Bao, ein Blatt, das in der Provinz Hunan erscheint, schlug sogar ernsthaft vor, den 19. Juli, also den Tag der heldenhaften Tat, in ganz China zukünftig als »Deng Wendi ri«, als Wendi Deng-Tag zu feiern. Und die Xinwen Chengbao aus Shanghai erklärte ihren Lesern dazu ausführlich die Grundbegriffe einer bisher in China unbekannten Ideologie. Sie nennt sich Wendiismus (Wendi zhu yi) und zeichnet sich durch Mut, Zielstrebigkeit und Selbstvertrauen aus, sowie der Fähigkeit, im richtigen Moment zuschlagen zu können.
Auch ich bin jetzt Wendiist. Das heißt, ich traue mir jetzt vieles zu, wozu ich früher nicht den Mut gefunden hätte. Ich werde demnächst Bier in Clubheimen der Hell’s Angels trinken, und zwar mit übergestreifter Bandidos-Kutte. Oder ich gehe mal von Kopf bis Fuß in eine Burka gekleidet auf Treffen von Sarrazinisten und schächte dort vor aller Augen ein kleines, niedliches Lamm. Ich könnte vielleicht auch in einer Nazikneipe in der sächsischen Schweiz nach koscherem Essen verlangen: »Aber bitte zubereitet von einem aus Afrika stammenden Koch.« Kommt mir dann einer doof, raune ich nur: »Tust du mir was, hole ich meine Frau. Die ist CHI-NE-SIN! Kuckst du. Krankenhaus.« Ich bin mir sehr sicher, dass das reichen dürfte. Äh, hoffe ich jedenfalls.
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