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© für die Originalausgabe und das eBook:
2013 F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Wolfgang Heinzel
Fotos: Christopher Weidner
Karten: Die Routenbeschreibungen basieren auf Kartendaten
von OpenStreetMap – veröffentlicht unter CC-BY-SA-2.0;
© OpenStreetMap contributers
Satz und Layout: Grafikdesign Storch, Ulrike Vohla, Rosenheim
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7243-6002-5

Terra magica ist seit 1948 eine international geschützte Handelsmarke des Belser Reich Verlags AG.

Inhalt

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Die Begegnung mit mystischen Orten

Immer mehr Menschen begeben sich auf die Suche nach Plätzen und Stätten, auf die in der Überlieferung als Orte der Kraft Bezug genommen wird. Doch was hoffen die Menschen dort zu finden? Nicht wenige erwarten von diesen Plätzen so etwas wie eine Heilung, sei es körperlicher oder seelischer Art. Das Versprechen dieser Orte ist, eine nie versiegende Quelle der Kraft zu sein, die dem modernen Menschen hilft, ein Gleichgewicht zwischen rasendem Fortschritt auf der einen Seite und der Sehnsucht nach Einklang mit der Welt auf der anderen Seite zu finden. Kraftorte, so eine weitverbreitete Ansicht, sind wie Tankstellen, an deren Zapfhahn wir uns nur hängen müssen, um wieder heil zu werden.

Lange Zeit habe ich das auch geglaubt. Ich bin davon ausgegangen, dass solche Orte eine tatsächliche Kraft besitzen, dass diese nicht nur fühlbar, sondern auch messbar sei. Da ist die Rede von links- und rechtsdrehender Energie, geomantischen Erdnetzlinien, Drachenpfaden, unterirdischen Verwerfungen, Magnetfeldern und so weiter. In der Tat: Was manche Menschen an diesen Orten erleben, ist schon erstaunlich.

Ich bin letztlich einen anderen Weg gegangen. Nicht das spektakuläre Erlebnis war mein Ziel, sondern die Frage, was einen solchen Ort wirklich so besonders macht. Über die Jahre habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, das, was Menschen an diesen Plätzen erleben, sei auf Energien zurückzuführen, die dort von Natur aus walten.

Meine Erfahrung war eine grundsätzlich andere: Solche Orte wirken nicht einfach auf ihren Besucher ein, sondern treten in eine Wechselbeziehung mit ihm. Es entsteht eine echte Kommunikation zwischen Mensch und Ort. Damit das funktioniert, müssen beide die gleiche Sprache sprechen. Orte, an denen dies leicht und schon über Generationen hinweg gelingt, nenne ich »mystische Orte«.

Das Geheimnis mystischer Orte

Mystische Orte – das sind Orte, an denen wir etwas wahrnehmen können, das über unsere alltägliche Sinneswahrnehmung hinausgeht. Es sind Orte, die uns ahnen lassen, dass sich hinter der Fassade ihrer äußeren Erscheinung etwas verbirgt, ein Geheimnis. Dieses Geheimnis schlägt uns in seinen Bann, berührt unser Herz, öffnet unsere Sinne für eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.

Mystisch – das Wort geht auf das griechische »myo«, »schließen«, zurück. Wir schließen die Augen der Vernunft und sehen mit den Augen der Intuition und der Fantasie. Dabei haftet unser Blick nicht weiter am Äußeren, sondern wir horchen in unser Inneres. Was unsere Sinne von den Dingen »da draußen« aufnehmen, ist nicht mehr nur eine Beobachtung, sondern wird zur inneren Erfahrung. Wir betrachten nicht nur, wir schauen (und im Schauen verbinden wir uns mit den Dingen) auf eine andere Weise. Wir beginnen mit dem zu klingen, was wir sehen, fühlen, schmecken, riechen. Wir geraten in tiefe Berührung mit dem, was sich uns nun von seiner unsichtbaren Seite her offenbart.

Die mystische Dimension eines Ortes zeigt sich, aber sie kann nicht ausgesprochen werden. Jedes Wort, das wir über sie verlieren, führt uns in die Irre, denn sie liegt jenseits der Grenze des Denkens und der Sprache. Sie ist übersinnlich, transzendent und nur lebendig durch die eigene Erfahrung, in dem, was sie in uns auslöst.

Mystische Orte sind Kraftorte

Mystische Orte sind Orte der Kraft. Aber was ist ein Kraftort eigentlich? Oft ist zu lesen und zu hören, dass Kraftorte über besondere Energien verfügen, weil sich dort bestimmte Energielinien treffen. Doch wovon sprechen wir, wenn wir von »Energie« reden? Physikalisch gesehen ist mit Energie etwas Messbares gemeint, etwas, das mit Geräten abgebildet und in Zahlen dargestellt werden kann. Wer von Energien spricht, die an einem Ort walten sollen, der drückt damit aus, dass er das, was er dort spürt, auch messen kann; und dass es objektiv zu messen ist. Das bedeutet aber: Jeder müsste das Gleiche an einem solchen Ort spüren können. Schnell wird dann derjenige, der von dem Wirken bestimmter Energien an einem Ort spricht, zu einem Verkünder von Wahrheiten. Wer dann an einem solchen Ort nichts wahrnimmt oder etwas anderes, muss folgerichtig falsch liegen.

Aus diesem Grund spreche ich nicht von Energie, sondern lieber von Kraft. Wir können uns kraftvoll fühlen an einem bestimmten Ort. Aber diese Kraft wird sich bei jedem Menschen ganz individuell zeigen. Jeder kennt sich selbst am besten und weiß, woran er merkt, dass er Kraft besitzt. Der Körper ist der erste Resonanzboden für einen Ort der Kraft. Wie kraftvoll unser Körper auf einen Ort reagiert, ist der Maßstab dafür, ob es sich um einen Kraftort für uns handelt. Niemand kann uns vorschreiben, was wir an einem Ort zu spüren haben und was nicht. Niemand kann sagen, dass wir die Kraft in diesem oder jenem Maße spüren müssen. Es kann sein, dass sich an einem Ort sehr kraftvolle Reaktionen einstellen, an einem anderen Ort nicht. Ich habe oft erlebt, dass ich an einem Tag deutlich in Resonanz mit einem Ort gehen konnte, an einem anderen Tag nicht oder nur wenig. Doch diese rein subjektive Empfindung sagt nichts darüber aus, wie kraftvoll der Ort selbst ist. Sie sagt nur über uns selbst etwas aus und unser Verhältnis zu diesem Ort. Für einen anderen mag es völlig anders sein.

Wir wissen nicht, ob der Ort selbst wirklich eine Kraft besitzt. Wir wissen nur, dass wir etwas spüren, wenn wir mit ihm in Berührung kommen. Es ist für einen mystischen Ort als Kraftort auch unerheblich, ob wir objektiv sagen können: »Dieser Ort besitzt eine bestimmte Kraft!«, denn das, was wir aus der Begegnung mit einem Ort für unser Leben schließen, wird ohnehin eine individuelle Antwort sein. Sie gilt nur für uns. Das Mystische ist nicht objektiv – es ist subjektiv.

Ist dann jeder Ort, an dem ich mich ganz subjektiv wohl- und gestärkt fühle, auch ein mystischer Ort, zum Beispiel mein Garten oder mein Wohnzimmer? Vielleicht ein Kraftort, aber kein mystischer Ort.

Der große Unterschied zwischen meinem Wohnzimmer als persönlichem Kraftort und einem mystischen Ort besteht darin, dass ein mystischer Ort keine individuelle Idee verkörpert, sondern eine transpersonale. Damit meine ich eine Idee, die über meine Persönlichkeit hinausgeht. Wir könnten auch sagen: eine kulturelle, kollektive Bedeutung; jedenfalls eine, die große Gruppen von Menschen einschließt, ganze Landstriche zum Beispiel, aber auch ganze Bevölkerungsgruppen.

Ein mystischer Ort ist immer auch ein Ort von transpersonaler Bedeutung. Er wurde nicht für mich allein geschaffen, sondern er gehört vielen Menschen. Auch können mystische Orte nicht von uns allein geschaffen werden. Sie kommen auch nicht zu uns – wir müssen sie aufsuchen. Man könnte auch sagen: Schon der Weg zu ihnen ist Teil des mystischen Ortes.

Der mystische Ort reicht weit über meine Persönlichkeit hinaus, weil er angebunden ist an Überlieferungen, die Generationen vor meinem eigenen Leben ihren Ursprung haben und oft so weit in die Vergangenheit zurückreichen, dass sie wie ein Echo längst vergangener Tage klingen, rätselhaft und geheimnisvoll.

Aber ich gehe als Mensch des Hier und Jetzt an diesen Ort und verbinde mich mit ihm, mit meinen persönlichen Sorgen und Anliegen. In der persönlichen Begegnung mit dem Überpersönlichen eines mystischen Ortes erlebe ich mein Dasein als Teil eines größeren Ganzen. Ich erlebe mich in Zusammenhänge gestellt, die weit über meinen Alltag hinausgehen. Das Erlebnis jedes Einzelnen mag individuell sein, doch die Begegnung mit dem mystischen Ort gibt uns die Gelegenheit, in Bildern zu denken, zu fühlen und zu spüren, die größer sind als ich. Diese Erfahrung kann meiner Seele wichtige Impulse für meine weitere Entwicklung geben.

Die Rolle von Märchen, Mythen und Sagen

Mystische Orte sind transpersonal, weil sie immer auch mit den Mythen zu tun haben, mit denen wir alle unserer kulturellen Herkunft nach verwoben sind.

Ein typisches Kennzeichen eines mystischen Ortes sind die Erzählungen, die sich um ihn ranken. Oft wird von Begegnungen mit Göttern erzählt oder von Naturgeistern und Dämonen. Volkssagen und Legenden umranken den Ort und bilden oft genug Erklärungsversuche ab für das, was Menschen an diesem Ort erlebten. Der Mythos ist das sprachliche Gewand des Mystischen, über die Sagen und Legenden sprechen die Orte zu uns und können sich uns auf eine andere Weise mitteilen. Während das Erleben einmalig und sehr persönlich ist, erreicht uns der Mythos eines Ortes aus der fernen Vergangenheit und erinnert uns daran, dass schon viele Menschen zuvor diesen Platz aufgesucht haben, um etwas an ihm zu erfahren. Wenn wir uns also mit dem Mythos beschäftigen, dann schaffen wir genau jene Verbindung zum Überpersönlichen, die einen mystischen Ort kennzeichnet. Gut, dass die Sprache von Sagen und Legenden meist nicht eindeutig ist und eine Vielzahl von Fantasien in uns auslösen kann. In jedem von uns erklingt ein anderes Märchen, wenn wir die eine Geschichte hören, die uns über einen mystischen Ort berichtet wird.

Die innere und die äußere Landschaft

Ein mystischer Ort zeichnet sich aus durch zwei Besonderheiten. Zum einen durch seine äußere Landschaft. Damit sind die physischen Eigenschaften und besonderen Merkmale eines Ortes gemeint. Es ist immer wieder zu beobachten, dass nur besonders auffällige Gegebenheiten der Umwelt zu mystischen Orten wurden. Ein solcher Ort muss sich im Vergleich von seiner Umwelt deutlich unterscheiden – sei es in Form, Farbe oder Position. Das bezieht sich auch auf Orte, die vom Menschen selbst geschaffen wurden, wie zum Beispiel Stonehenge, die Pyramiden oder die Roseninsel, auch wenn in der Regel dort vorher schon besondere landschaftliche Merkmale bestanden, die dann in das Gesamtkonzept integriert wurden. Zum anderen ist ein mystischer Ort durch seine innere Landschaft gekennzeichnet. Darunter verstehe ich die innere Haltung eines Menschen, seine Wertvorstellungen, Ideen und Gefühle, mit denen er sich auf den Ort einlässt. Es ist der Blickwinkel, mit dem er sich einem Ort nähert, die Absicht, die ihn dorthin führt, und die Art der Fragestellung, die ihn gerade bewegt, und natürlich sein kultureller Hintergrund. Erst wenn beides zusammentrifft, kann ein mystischer Ort entstehen.

Der mystische Ort existiert in Wirklichkeit in mir. Jede äußere Landschaft spiegelt sich in meiner inneren Landschaft. Das bedeutet aber auch, dass das, was wir im Außen zu erkennen glauben, erst in unserem Inneren zur Wirklichkeit wird. Sind die Wesen, die unsere Vorfahren an solchen Plätzen wahrgenommen haben, die Feen, Hexen und Götter, nur Hirngespinste? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten, wenn wir davon ausgehen, dass das, was wir wahrnehmen, erst in unserem Inneren wirklich wird. Ich kann nur vermuten, dass derjenige, dessen innere Landschaft keine Wesenheiten dieser Art kennt, auch keine wahrnehmen wird.

Doch an einem mystischen Ort spielt es keine Rolle, ob das, was wir wahrnehmen, real ist oder nicht. Wenn es wahrgenommen wird, dann existiert es. Diese Haltung ist vielleicht nicht überall im Alltag angebracht, aber in Bezug auf mystische Orte ist sie vorteilhaft, wenn man nicht nur aus rein wissenschaftlichen Motiven, zum Beispiel als Archäologe, eine alte Kultstätte aufsucht.

Eine Reise in die Anderswelt

Diese Haltung kann man trainieren, vor allen Dingen dadurch, dass man regelmäßig mystische Orte aufsucht. Es ist weniger eine Frage der korrekten Meditationstechnik als der Aufmerksamkeit, mit der man sich einem Ort nähert. Es beginnt schon bei der Wahrnehmung der Landschaft, in die ein mystischer Ort eingebettet ist. Kein Foto der Welt kann diese ersetzen, denn Abbildungen zeigen immer nur einen Ausschnitt des Ganzen. Mystische Orte wollen erlebt werden, damit sie wirken können. Wir sollten außerdem verschiedene Wege ausprobieren, uns einem solchen Ort zu nähern: Welche Unterschiede in der Perspektive gibt es, wenn wir uns einmal von Westen, dann von Osten nähern? Wie verändert sich die Wahrnehmung des Ortes, wenn wir ihn umrunden? Und wie, wenn man die Stätte wieder verlässt? Einen mystischen Ort aufzusuchen ist ein aktiver Vorgang. Indem wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken, gewährt er uns Antworten auf unsere Fragen.

Die Intensität der Aufmerksamkeit, die wir an den Tag legen, wenn wir uns mit einem solchen Ort beschäftigen, ist maßgeblich dafür verantwortlich, was wir dort erleben. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit so weit bündeln, dass wir in einen tranceähnlichen Zustand geraten (und die meisten Kultorte sind so angelegt, dass sie uns dies leicht machen), dann können mystische Orte zu Übergängen in eine andere Welt werden. Wir überschreiten dann die Grenze in ein Reich, das viele Kulturen kennen und von den Kelten »Anderswelt« genannt wurde.

Mystische Orte in Oberbayern

Die Orte, die ich Ihnen in diesem Buch vorstelle, stammen alle aus meiner Heimat Oberbayern und weil ich in München geboren bin und lebe, haben sie in dieser Region einen deutlichen Schwerpunkt. Vielleicht entsteht so der Eindruck, dass diese Gegend besonders reich an Kraftorten sei. Dem ist nicht so. Die Auswahl ist eine durchaus persönliche und überhaupt nicht vollständig. Dieser Anspruch soll nicht einmal ansatzweise erhoben werden. Ich habe mich auf die Orte konzentriert, von denen ich glaube, dass sie uns einen besonders leichten Zugang zu der Thematik ermöglichen. Auch spielte die Erreichbarkeit eine Rolle und natürlich die Begrenzung der Seitenzahl.

Und nun wünsche ich Ihnen viele spannende Augenblicke auf den hier beschriebenen Touren durch eine der schönsten Gegenden Deutschlands.

Christopher Weidner

1 Opferstein und Totenkult

Auf dieser Wanderung zwischen Grafrath und Schöngeising geht es an vielen Plätzen nicht mit rechten Dingen zu. Wir begegnen einem legendären Riesen, dessen Grabstätte Wunderwirkung nachgesagt wird, machen Spuren eigenartiger Totenbräuche ausfindig und spüren Kraftlinien an geheimnisvollen Opferstätten mitten im Wald nach. Dann begeben wir uns auf die Suche nach einem sagenhaften Schatz in einer verschollenen Burg, der von verwunschenen Fräulein behütet wird … Wundervolles und Schauriges liegen hier nahe beieinander – und das alles in einer herrlichen Landschaft an den steilen Ufern der Amperschlucht.

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Länge: ca. 10 Kilometer
Dauer: 3 Stunden (reine Gehzeit)
Schwierigkeit: leicht

WEGBESCHREIBUNG

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Wir beginnen unsere Wanderung am S-Bahnhof Grafrath. Der Bahnhofweg führt unter den Gleisen hindurch ein Stück durch den Wald zur Bahnhofstraße. Diese gehen wir einige Meter entlang, bis rechts die Graf-Rasso-Straße abzweigt, in die wir einbiegen. Nun führt uns der Weg erst zwischen Häusern, dann neben einer großen Wiese den Abhang hinunter auf die Straße nach Kottgeisering. Wir wenden uns nach links und erreichen nach wenigen Schritten ein Verkehrsrondell. Mitten auf der Verkehrsinsel sehen wir einen Ritter hoch zu Ross mit gezücktem Schwert gen Osten reiten. Es ist Graf Rasso (auch Rath genannt) aus dem Geschlecht der Andechs-Dießener. Er ist es, der diesem Ort seinen Namen gab: Grafrath.

Wir biegen rechts ab und überqueren am Rande der B 471 die Amper. Nach wenigen Metern taucht auf der rechten Seite unser erstes Ziel auf: die Wallfahrtskirche St. Rasso.

Wer war dieser Recke, dem wir auf der Verkehrsinsel begegnet sind und der heute als heiliger Rasso verehrt wird, obwohl er weder selig noch heilig gesprochen wurde? Rasso war, so will es der Stammbaum der Andechs-Dießener, der Ahnherr des Grafengeschlechts, doch dies kann genauso gut in den Bereich der Sage gehören, denn von Rasso ist weder das genaue Geburtsjahr noch der Geburtsort bekannt. Möglicherweise ist er irgendwo in Frankreich zur Welt gekommen. Im 10. Jahrhundert kämpfte er erfolgreich an der Seite des Bayernherzogs Heinrich in der legendären Schlacht auf dem Lechfeld gegen die aus dem Osten einfallenden Stämme der Ungarn. Nach dem Sieg hängte er sein Schwert an den Nagel und begab sich auf Pilgerfahrt ins Heilige Land. Von dort brachte er wertvolle Reliquien mit, die den Grundstock für den berühmten Heiltumsschatz von Andechs bildeten. Er gründete ein Benediktinerkloster auf der einstigen Insel Wörth in der Amper, wo heute die Wallfahrtskirche steht, in das er als Laienbruder schließlich selbst eintrat.

In der Kirche befindet sich Rassos Grab, das schon bald nach seinem Tod zu einem bedeutenden Wallfahrtsort avancierte. Das Grab befindet sich unter einer Steinplatte im Zentrum der Kirche und besitzt die erstaunlichen Maße von über zweieinhalb Metern auf etwas mehr als einen Meter. Aus diesem Grab wurden im 15. Jahrhundert die Gebeine des Stifters als heilige Reliquien entnommen und dann im 17. Jahrhundert auf den Hochaltar gehoben, wo sie noch heute im Glasschrein zu sehen sind, mit kostbaren Stoffen und Edelsteinen eingefasst. Aufgrund der Größe der Grabplatte schloss man, dass Rasso ein Hüne von zweieinhalb Metern gewesen sei. Ganz so groß war er zwar nicht, doch Untersuchungen an Knochen und Schädel haben ergeben, dass er mit fast zwei Metern die Köpfe seiner Zeitgenossen weit überragte – Rasso war tatsächlich für seine Mitmenschen so etwas wie ein Riese.

Während Unklarheit darüber herrscht, welche Taten dem Grafen zu Lebzeiten die Berechtigung verliehen, selig oder gar heilig genannt zu werden, gibt es zahlreiche Berichte über die Wunderwirkung seines Grabes, insbesondere wurden Heilungen von Krankheiten aller Art beobachtet. Auffallend häufig wird von Genesung bei Unterleibsbeschwerden berichtet, also bei Leistenbruch, Erkrankungen der Geschlechtsteile, bei Frauenleiden und Geburtsschwierigkeiten. Allerdings konnte keine direkte Verbindung zwischen Rasso und solchen Heilwirkungen hergestellt werden. Daher vermuten einige, dass die Heilkräfte nicht vom Heiligen selbst ausgehen, sondern von dem Ort, an dem die Kirche sich befindet. Es ist gut vorstellbar, dass sich schon vor der Errichtung der Kirche auf der Insel eine Heilstätte am Rande des Ampermoores befand. Nicht wenige sagen, dass an dieser Stelle das Amperwasser eine besondere Kraft besitze, vielleicht eine Erinnerung an viel ältere vorchristliche Kulte, die hier gepflegt wurden.

Tatsächlich scheint vor allem der Ort, an dem die Grabplatte sich befindet, eine besondere Magie zu besitzen. Im Mittelalter wurden hier Opfergaben dargebracht wie zu heidnischen Zeiten: Man schlachtete Hühner, Pferde und Rinder und brachte Getreide und Wachs dar.

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Wir verlassen die Kirche wieder und überqueren die Bundesstraße, um zur Klosterstraße zu gelangen. Dieser folgen wir, bis bald darauf links die Adalmuntstraße abzweigt. Auf dieser geht es weiter bis zur Einmündung der Kirchstraße, der wir bis zu ihrem Ende folgen. Von dort führt ein befestigter Feldweg weiter. Nach wenigen Schritten bemerken wir rechts von uns eine an einigen Seiten jäh abfallende Senke, das »Tiefe Tal«.

Bei dieser merkwürdigen Vertiefung handelt sich um ein Toteisloch. Es entstand am Ende der letzten Eiszeit, als ein Teil des Ammerseegletschers vom abfließenden Hauptgletscher getrennt und mit Geröll überdeckt wurde. So hielt sich das »tote« Eis noch lange Zeit. Als es später ebenfalls schmolz und das Wasser im Boden versickerte, blieb in der Landschaft die große, kesselförmige Vertiefung. Wer einen Abstieg in diesen Kessel unternimmt, wird eine deutliche Veränderung der Atmosphäre bemerken. Der Kessel nimmt in nördlicher Richtung einen Verlauf wie eine breite Straße und mündet in eine einem Amphitheater ähnliche Form. Die Akustik hier ist ungewöhnlich!

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