
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981, fünf Jahre später wurde sie in die Romance Writer’s Hall of Fame aufgenommen. Inzwischen zählt Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher wurden in knapp 30 Sprachen übersetzt und mehr als 50 Millionen Mal verkauft. Neben ihren Gesellschaftsromanen veröffentlicht sie unter dem Namen J. D. Robb ebenso erfolgreich Krimis. Sowohl die Romance Writers of America als auch die Romantic Times zeichneten sie mit zahlreichen Preisen, unter anderem für ihr Gesamtwerk, aus. Heute lebt die Bestsellerautorin mit ihrem Ehemann in Keedsville, Maryland und hat zwei erwachsene Söhne.
IN EINER FERNEN Zeit lag an einem fernen Ort im gewaltigen blauen Meer der Wunder die große Insel Twylia. Sie war ein Land der Berge und Täler, der grünen Wälder und silbernen Flüsse, der weiten, fruchtbaren Felder und stillen Seen. Für jene, die dort lebten, war sie die ganze Welt.
Manche erzählten, dass einst, in der Morgendämmerung des Lebens, eine Landbrücke in andere Welten und von dort nach Twylia geführt hatte. Eine Brücke aus Fels und Erde, die der mächtige Zauberer und Gott Draco heraufbeschworen und wieder zerstört habe, als die Welt dahinter in Kummer und Elend versunken sei.
Denn auf Twylia herrschten tausend Sommer und Winter lang Friede und Wohlstand.
Doch dann kam eine Zeit, in der die Menschen – manche zumindest – gierig wurden. Es verlangte sie nach Reichtümern, die sie nicht verdient, und Frauen, um die sie nicht geworben hatten, nach Land, das sie nicht ehrten. Und mehr als nach allem anderen verlangte es sie nach Macht, einer Macht ohne Respekt.
Habgier, Krieg und Tod, Verrat und Furcht suchten Twylia heim. Draco und seine Nachkommen weinten, als Blut die grünen Felder tränkte und die Täler vom Weinen hungernder Kinder widerhallten. Auf dem Gipfel seines Berges schwor er in der Nacht der Sonnenwende im Licht des Mondes, dass der Friede in die Welt zurückkehren werde.
Es werde Blut kosten und großen Mut, reine Liebe und willige Opfer verlangen. Nach Tagen der Dunkelheit werde das Licht wieder scheinen.
Und so sprach er seinen Zauber.
In der dunkelsten Stunde der dunkelsten Nacht wird ein Kind geboren werden, in dessen Hand die Macht liegt. Dieses Kind wird das Licht bringen. Einzig dieses Kind wird die Sternenkrone tragen, auf dass alle meinen Erben erkennen. In blutiger Schlacht und in tapferem Kampf, in Kummer und Freude wird es bewahren, was Gier zerstören will. Ein Herz findet das andere, eine Hand die andere, die Frau den Mann. Krieger, Hexe, Tochter und Sohn werden das begonnene Werk vollenden. Wenn ihre Herzen stark und rein sind, wird Twylia Bestand haben. Die Mitternachtsstunde wird ihre Macht stählen, auf dass sie die Welt von der Tyrannei befreien. Dies ist mein Wille, möge er geschehen.
Vom höchsten Gipfel des Zauberbergs bis zum tiefsten Tal der Elfen erbebten Felder, Seen und Wälder unter der Macht seines Zaubers. Winde fegten über die Insel, und Blitze zuckten über den Himmel.
Draco aber saß auf seinem Berg und sah in Glas und Feuer, in Gestirnen und Gewässern die Jahre vergehen.
Während er wartete, versank die Welt im Kampf. Gut gegen Böse, Hoffnung gegen Verzweiflung. Die Macht der Magie schwand dahin, bis sie nur noch an den geheimen Orten zu finden war, und die Menschen begannen, sie ebenso zu fürchten wie zu begehren.
Für eine kurze Zeit kehrte das Licht nach Twylia zurück, als die gute Königin Gwynn den Thron bestieg. In ihren Adern floss das Blut des Zauberers und seine Liebe zur Welt. Sie war schön und besaß ein gutes Herz. Mit fester, liebevoller Hand regierte sie das Land an der Seite ihres Gemahls, des Kriegerkönigs Rhys. Gemeinsam heilten sie Wunden, ließen die einst so prachtvolle Stadt der Sterne in neuem Glanz erstrahlen, sorgten für Sicherheit in den Wäldern und fruchtbaren Tälern.
Hoffnung stieg auf, doch die Finsternis ruhte nicht. Die Schatten von Gier und Neid spannen in den Winkeln und Höhlen von Twylia ihr Netz. Unter dem Deckmantel der Versöhnung und des Friedens bewaffneten sie sich und planten den Verrat. An einem kalten Dezembermorgen marschierten sie in die Stadt der Sterne ein. Ihr Führer war Lorcan, dessen Zeichen die Schlange war. Lorcan, der um jeden Preis König sein wollte.
Blut, Feuer und Tod folgten. Als der Morgen graute, lag der wackere Rhys ermordet, und viele, die mit ihm gekämpft hatten, waren niedergemetzelt worden. Von der Königin fehlte jede Spur.
Am Abend der Sonnenwende rief Lorcan sich selbst zum König von Twylia aus und feierte in der großen Halle des Schlosses, wo das königliche Blut die Steine tränkte.
DER SCHNEE FIEL wie ein dichter Vorhang vom Himmel. Die eisige Kälte drang bis in ihre Knochen, aber sie verfluchte ihn nicht. Er würde die Verfolger blenden und ihre Spur verwischen. Das bitterkalte Weiß war ein Segen.
Ihr Herz war gebrochen, ihr Körper zerschlagen, doch sie konnte und wollte nicht aufgeben. Rhys sprach zu ihr, ein Flüstern, das sie drängte, stark zu sein.
Sie weinte nicht um seinen Tod. Ihre Tränen – die Tränen einer Frau um den Mann, den sie liebte – waren zu Eis erstarrt. Sie schrie nicht vor Schmerz, obwohl die Qual nahezu unerträglich war. Denn sie war mehr als eine Frau, mehr als eine Zauberin.
Sie war die Königin.
Ihr Pferd stapfte mit sicherem Schritt durch den Schnee, treu wie der Mann, der schweigend neben ihr ritt. Und sie würde die Treue des braven Gwayne brauchen, denn sie wusste, was kommen würde, was sie nicht aufhalten konnte. Obwohl sie ihren geliebten Rhys nicht hatte sterben sehen, hatte sie gespürt, wie das Schwert des Thronräubers ihn niederstreckte. In ihrem kalten, zerschmetterten Herzen war sie bereit für das, was ihr bevorstand.
Sie unterdrückte ein Stöhnen, als der Schmerz ihren Körper schier zerriss, presste den fliegenden Atem durch die Zähne, bis die Pein nachließ und sie wieder sprechen konnte, um das Schweigen zu brechen. »Du hättest ihn nicht retten können. Und ich auch nicht.« Tränen brannten in ihren Augen, die sie mit aller Macht unterdrückte. »Du hast ihm und mir gedient, indem du seinen letzten Befehl befolgt hast. Es tut mir Leid, dass ich es dir so schwer gemacht habe.«
»Ich bin ein Mann der Königin, Herrin.«
Sie lächelte ein wenig. »Und das wirst du immer sein. Dein König hat an mich gedacht, selbst in der Hitze der Schlacht galten seine Gedanken mir und unserer Welt. Und unserem Kind.« Sie presste eine Hand gegen ihren schweren Leib, in dem ein neues Leben heranwuchs. »Sie werden in Liedern von ihm erzählen, noch lange nachdem …« Der Schmerz ließ sie aufkeuchen. Unwillkürlich fasste sie sich an die Lenden.
»Ihr könnt nicht reiten, Herrin!« Gwayne griff ihr in die Zügel, um das Pferd zu beruhigen.
»Ich kann und ich werde.« Die grünen Augen in ihrem schneeweißen Gesicht funkelten grimmig entschlossen. »Lorcan wird mein Kind nicht finden. Die Zeit ist noch nicht gekommen. Wir werden ein Licht sehen.« Erschöpft ließ sie sich auf den Hals ihres Pferds sinken. »Du musst nach dem Licht Ausschau halten und uns zu ihm führen.«
Ein Licht, dachte Gwayne, während sie durch den Wald ritten. Es dunkelte bereits, und sie waren meilenweit von der Stadt der Sterne, von jeder ihm bekannten Siedlung entfernt. In diesen Wäldern lebten nur Elfen und Kobolde. Was konnten diese Geschöpfe einer Frau nutzen, deren Stunde nahte, selbst wenn sie Königin war?
Und doch hatte sie ihm befohlen, sie in den Wald der Verlorenen zu führen. Zuerst hatte sie sich gewehrt, als er sie auf Befehl des Königs aus der Burg schaffte. Er hatte sie mit Gewalt auf ihr Pferd heben und dieses mit einem Peitschenhieb davonjagen müssen.
Sie flohen vor der Schlacht, vor dem Gestank des Qualms und des Blutes, vor den Schreien der Sterbenden. Und obwohl er auf königlichen Befehl handelte, kam er sich wie ein Feigling vor, weil er lebte, während sein König, seine Leute, seine Freunde starben.
Doch sein Schwert, sein Schild, sein Leben gehörten der Königin. Sie musste er schützen. Sobald sie in Sicherheit war, würde er umkehren, um den Mörder Lorcan zu töten, auch wenn es ihn selbst das Leben kosten sollte.
Ein Wispern lag in der Luft, doch es war nicht der Wind. Da es keine menschliche Stimme war, sorgte er sich nicht. Er fürchtete keine Zauberkraft, Menschen dagegen sehr wohl. Lorcan mochte sich bei seinem hinterhältigen Angriff der Magie bedient haben, aber die Ausführung hatten Menschen übernommen. Lügen und Hexerei hatten ihm die Türen geöffnet, ihm unter der Fahne des Verhandlungsführers den Weg in die Festung gebahnt.
Und während der ganzen Zeit hatten seine Männer – jene, die nicht weniger verderbt waren als er, und jene, die er von den Enden der Welt zu sich gerufen und bezahlt hatte, damit sie für ihn kämpften – das Blutbad vorbereitet.
Krieg konnte man es nicht nennen, dachte Gwayne bitter, wenn Männer Frauen die Kehle durchschnitten, Unbewaffnete rücklings erstachen, aus reiner Lust mordeten und brandschatzten.
Er warf einen Blick auf die Königin. Ihre Augen starrten geradeaus, aber sie schien ihn nicht zu sehen, als wäre sie in Trance versunken. Er fragte sich, warum sie die Täuschung, das Blutbad nicht vorhergesehen hatte. Zwar hielt er selbst nicht viel von Hexerei, aber hätte nicht jemand, in dessen Adern das Blut des Zauberers floss, zumindest eine Vorahnung haben müssen?
Vielleicht hatte es etwas mit ihrem Zustand zu tun. Von schwangeren Frauen verstand er ebenso wenig wie von Magie. Er hatte nie geheiratet und es auch nicht vor. Als Soldat wäre ihm eine Frau nur hinderlich gewesen.
Und was sollte er tun, wenn die Zeit der Geburt kam? Er betete zu jedem Gott, der da fleuchte und kreuchte, dass die Königin wusste, was zu tun war. Vermutlich verstanden Frauen von Natur aus mehr von diesen Dingen.
Der Thronerbe von Twylia würde während eines Wintersturms in einer Schneewehe im Wald der Verlorenen zur Welt kommen. Das war nicht richtig. Es geziemte sich nicht.
Dieses Ereignis fürchtete er mehr als das Schwert seiner Feinde.
Bald würden sie anhalten müssen, denn ihre Pferde waren am Rande der Erschöpfung. So gut es eben ging, würde er ihr einen Schutz vor den Unbilden der Witterung bauen und Feuer machen. Dann würde, so die Götter es wollten, die Natur ihren Lauf nehmen.
Wenn es vorüber war und sie sich ausgeruht hatten, würde er sie irgendwie ins Tal der Geheimnisse und zu den Frauen dort schaffen, von denen es hieß, sie seien Hexen.
Sobald die Königin und ihr Kind in Sicherheit waren, würde er zurückreiten und Lorcan das Schwert in den Hals stoßen.
Da hörte er ein Geräusch: eine Art Musik, die durch den heulenden Wind drang. Und als er nach Westen blickte, sah er in der Finsternis des Unwetters ein Licht schimmern. »Herrin! Ein Licht!«
Er trieb die Pferde vom Pfad in den Schnee hinein. Zwischen den vom Eis bedeckten Bäumen wateten sie auf das schwache Flackern zu. Der Wind trug den Geruch von Rauch herüber, und seine Hand schloss sich fester um den Griff seines Schwertes.
Gespenstische Gestalten tauchten aus der Dunkelheit auf, die den Pfeil auf die Sehne ihres Bogens gelegt hatten.
Sechs zählte er, aber sein Instinkt als Soldat verriet ihm, dass es mehr sein mussten. »Wir haben kein Gold«, rief er ihnen zu. »Wir haben nichts, das es sich zu stehlen lohnen würde.«
»Pech für euch.« Eines der Gespenster trat vor, und Gwayne sah, dass es ein Mann war. Ein normaler Mann und noch dazu ein Wanderer. »Was führt euch her in einer solchen Nacht?«
Die Wanderer stahlen gelegentlich zum Spaß, aber sie griffen niemals von sich aus an, das war Gwayne bekannt. Ihre Gastfreundschaft war ebenso sprichwörtlich wie ihr Nomadentum.
»Was wir hier wollen, geht niemanden etwas an. Wir suchen keinen Ärger, sondern nur ein wärmendes Feuer. Die Stunde meiner Herrin ist nahe. Sie braucht Frauen, die ihr beistehen.«
»Leg dein Schwert nieder.«
»Das werde ich nicht tun. Genauso wenig werde ich es gegen euch erheben, es sei denn, um meine Herrin zu schützen. Selbst ein Wanderer sollte eine Frau respektieren, die vor der Entbindung steht.«
Der Mann grinste, und sein Gesicht unter der Kapuze wirkte braun und hart wie eine Nuss. »Und selbst ein Soldat sollte Männer respektieren, die einen Pfeil auf sein Herz gerichtet halten.«
»Genug.« Gwynn warf ihre Kapuze zurück und hob mit letzter Kraft die Stimme. »Ich bin Gwynn, Königin von Twylia. Habt ihr denn nicht selbst im Schneesturm die Zeichen erkannt? Habt ihr nicht die schwarze Schlange am Nachthimmel erscheinen und die Sterne verlöschen sehen?«
»Das haben wir, Majestät.« Der Mann und seine Begleiter sanken auf die Knie. »Mein Weib, unsere weise Frau, befahl uns, hier auf Euch zu warten. Was ist geschehen?«
»Lorcan hat die Stadt der Sterne eingenommen und euren König ermordet.«
Der Mann erhob sich und legte die Faust auf sein Herz. »Wir sind keine Krieger, Herrin, aber wenn Ihr es verlangt, bewaffnen wir uns und marschieren in Eurem Namen gegen die Schlange.«
»So wird es geschehen, aber nicht heute Nacht und nicht in meinem Namen, sondern im Namen einer, die da kommen wird. Wie heißt du?«
»Ich bin Rohan, Herrin.«
»Rohan, der Wanderer … Ich habe dich für eine große Aufgabe ausersehen. Nun bitte ich dich um deine Hilfe, denn ohne sie ist alles verloren. Dieses Kind will geboren werden. Dracos Blut fließt in meinen Adern und in denen des Kindes, wie auch in den deinen. Wirst du mir helfen?«
»Herrin, meine Leute und ich stehen zu Eurer Verfügung.« Er griff nach dem Halfter des Pferdes. »Lauf zurück«, rief er einem seiner Männer zu. »Sag Nara und den Frauen, sie sollen sich auf eine Geburt einrichten. Eine königliche Geburt.« Seine Zähne blitzten, als er lächelte. »Unsere Cousine ist uns willkommen.« Er zog das Pferd in Richtung Lager. »Und wir freuen uns auf den Kampf. Wir Wanderer scheren uns nicht viel um die Wechselfälle der Politik, aber unter uns ist keiner, der etwas für Lorcan übrig hätte.«
»Mord unter der Fahne des Waffenstillstands ist keine Politik. Euer Schicksal ist an die Geschehnisse dieser Nacht gekettet.«
Er sah sich nach ihr um und unterdrückte ein Schaudern. Ihre Augen schienen sich durch die Dunkelheit in die seinen zu bohren. »Ich trauere mit Euch um Euren Gemahl.«
»Es geht um mehr.« Sie beugte sich vor und packte seine Hand mit einem Griff, der seine Knochen schmerzen ließ. »Du kennst den letzten Zauber Dracos?«
»Jeder kennt ihn, Herrin. Er wird im Lied von Generation zu Generation weitergegeben.« Und er, der sonst so Furchtlose, spürte, wie seine Hand in der ihren bebte. »Dieses Kind?«
»Dieses Kind. In dieser Nacht. Es ist unser Schicksal, und wir müssen es erfüllen.«
Der Schmerz wurde übermächtig, und sie verlor das Bewusstsein. In der Ferne hörte sie schwache Stimmen, hunderte von Stimmen, so schien es ihr, die sich wie eine Flut erhoben. Hände griffen nach ihr, hoben sie vom Pferd. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle, als die Qualen der Geburt ihren Körper schüttelten.
Sie roch Kiefernholz, Schnee und Rauch, fühlte, wie sich etwas Kühles gegen ihre Stirn presste. Als sie zu sich kam, sah sie eine junge Frau mit leuchtend rotem Haar, das im Feuerschein glänzte. »Ich bin Rhiann, Rohans Tochter. Trinkt ein wenig, Herrin. Es wird Euch gut tun.«
Sie nippte an dem Becher, der ihr an die Lippen gehalten wurde, und stellte fest, dass sie in einem primitiven Unterstand aus Ästen lag. In der Nähe brannte ein Feuer. »Gwayne?«
»Euer Mann wartet draußen, Herrin.«
»Das hier ist Frauensache, und Männer sind dabei nutzlos, ob sie nun Krieger sind oder Gelehrte«, mischte sich eine andere Stimme ein.
»Meine Mutter, Nara«, erklärte Rhiann.
Gwynn stellte fest, dass die Frau damit beschäftigt war, Stoff in Streifen zu reißen. »Ich danke euch.«
»Wenn wir dieses Kind auf die Welt gebracht haben, ist noch genug Zeit zur Dankbarkeit. Stell das Wasser aufs Feuer und hol mir meine Kräuter«, befahl sie ihrer Tochter, während sich Gwynn der nächsten Wehe überließ.
Verschwommen nahm sie Bewegung wahr, hörte weitere Frauenstimmen. Frauenarbeit. Menschen in diese Welt zu bringen war die Aufgabe der Frauen, während es offenbar den Männern überlassen blieb, ihnen das Leben wieder zu nehmen. Die Tränen, die sie so lange unterdrückt hatte, begannen zu fließen.
»Mitternacht naht.« Sie legte den Kopf an Rhianns stützende Schulter. »Die Wintersonnenwende. Die dunkelste Stunde des dunkelsten Tages.«
»Pressen«, befahl Nara. »Pressen!«
»Die Glocken! Die Glocken schlagen die Stunde.«
»Hier gibt es keine Glocken, Herrin.« Rhiann sah, wie sich die Tücher rot färbten vom Blut. Zu viel Blut.
»In der Stadt der Sterne lässt Lorcan die Glocken läuten. Für seine Feier, denkt er, aber sie läuten für das Kind, für den neuen Anfang. Jetzt!«
Sie bäumte sich auf und stieß das Kind ins Leben hinaus. Durch ihr Weinen hörte sie Rufen und Lachen.
»Dies ist ihre Stunde, ihre Zeit. Die Geisterstunde zwischen Tag und Nacht. Lasst sie mich im Arm halten.«
»Ihr seid sehr schwach, Herrin.« Nara gab das schreiende Kind Rhiann.
»Du weißt so gut wie ich, dass ich im Sterben liege, Nara. Dein ganzes Wissen, deine Kräuter, noch nicht einmal deine Zauberkraft können mein Schicksal abwenden. Gib mir mein Kind.« Sie streckte die Arme aus und lächelte Rhiann an. »Du hast ein mitfühlendes Herz, dass du um mich weinst.«
»Herrin.«
»Ich muss mit Gwayne sprechen. Schnell«, sagte sie, während Rhiann das Kind in ihre Arme legte. »Mir bleibt nicht viel Zeit. Da bist du ja, meine Kleine.« Sie drückte dem Neugeborenen einen Kuss auf den Kopf. »Du hast mein Herz geheilt, und nun wird es erneut in Stücke gerissen. Ein Teil von mir will bei dir bleiben, während es den anderen zu deinem Vater zieht. Wie es mich schmerzt, dich, mein Fleisch und Blut, zurückzulassen. Du wirst seine Augen und seinen Mut haben. Und meinen Mund, glaube ich«, murmelte sie und küsste das Baby auf die Lippen, »und was in meinen Adern fließt. So viel hängt von dir ab. Solch eine kleine Hand, in der du die ganze Welt hältst.«
Sie lächelte über den Kopf des Kindes hinweg. »Sie wird dich brauchen«, sagte sie zu Nara. »Du wirst sie lehren, was eine Frau wissen muss.«
»Wollt Ihr Euer Kind in die Hände einer Unbekannten geben?«
»Du hast die Glocken gehört.«
Nara setzte zu einer Erwiderung an, seufzte aber nur. »Ja, ich habe sie gehört.« Und sie hatte mit schwerem Herzen gesehen, was in dieser Nacht geschehen würde.
Gwayne kam in den Unterstand und fiel neben seiner Königin auf die Knie. »Herrin.«
»Ihr Name ist Aurora. Sie wird dein Licht sein, deine Königin, deine Aufgabe. Schwörst du ihr Treue?«
»Ja, das tue ich.«
»Du darfst sie nie verlassen.«
»Herrin, ich muss …«
»Nein, du kannst nicht zurück. Du musst mir schwören, dass du an ihrer Seite bleibst und über sie wachst. Schwöre bei meinem Blut, dass du sie beschützen wirst, wie du mich beschützt hast.« Sie nahm seine Hand und legte sie auf das Kind. »Gwayne, mein weißer Falke, du gehörst nun ihr. Schwöre.«
»Ich schwöre es.«
»Du wirst sie lehren, was eine Kriegerin wissen muss. Sie wird bei den Wanderern bleiben, verborgen in den Hügeln und in den Schatten der Wälder. Wenn es an der Zeit ist … du wirst wissen, wann es so weit ist … wirst du ihr sagen, wer sie ist.« Sie drehte das Kind, sodass er das Geburtsmal, einen hellen Stern auf dem rechten Oberschenkel, sehen konnte. »Und was sie ist. Bis dahin darf Lorcan nichts von ihr wissen. Er würde ihr nach dem Leben trachten.«
»Ich werde sie schützen, das schwöre ich.«
»So hat sie ihren Falken, und der Drache wacht vom höchsten Punkt der Welt über sie«, murmelte Gwynn. »Ihr Wolf wird kommen, wenn sie ihn braucht. Ach, mein Herz, mein Liebstes.« Sie presste ihre Lippen auf die Wangen des Kindes. »Dafür wurde ich geboren, dafür habe ich gelebt, und dafür sterbe ich. Und doch bricht es mir das Herz, dich zurückzulassen.« Sie holte zitternd Atem. »Ich gebe sie in deine Hände.« Sie hielt Gwayne das Kind hin.
Dann drehte sie die Handflächen nach oben. »Eine Gabe bleibt mir noch.« Licht wirbelte über ihre Hände und fing den rotgoldenen Schein des Feuers ein. Ein Blitz zuckte auf, und dann lagen, klar und durchsichtig wie Eis, ein Stern und ein Mond in Gwynns Händen.
»Bewahre sie für meine Tochter«, sagte sie zu Nara.
Dann schloss die gute Königin die Augen und entglitt ihnen, während die junge Königin in den Armen des trauernden Soldaten schrie.
DIE JAHRE VERGINGEN, und die Welt litt unter der harten Regierung von König Lorcan. Kleine Erhebungen wurden mit einer Brutalität niedergeschlagen, die das Land im Blut versinken ließ. Wackere Männer mussten sich verborgen halten. Elfen, Hexen, Seher und alle, die im Reich der Magie lebten, wurden für vogelfrei erklärt und von den Söldnern, die als Lorcans Bluthunde bekannt wurden, gehetzt wie wilde Tiere.
Wer sich gegen den Thronräuber erhob – und nicht nur der –, wurde hingerichtet. Die Verliese der Burg füllten sich mit Gefolterten und Vergessenen, Unschuldigen und Verdammten.
Lorcan gelangte zu großem Reichtum. Seine Truhen füllten sich mit Steuereinnahmen, und seine Ländereien vergrößerte er durch Land, das er Familien entriss, die es seit Generationen ehrten und bestellten. Er aß von goldenen Tellern und trank seinen Wein aus Kristallkelchen, während das Volk darbte.
Wer in diesen dunklen Zeiten etwas gegen ihn sagen wollte, tat es im Geheimen und im Flüsterton.
Viele der Vertriebenen flohen in die Berge oder in den Wald der Verlorenen. Dort war die Kraft der Magie noch lebendig, und die Getreuen suchten am Himmel nach Zeichen für die Erfüllung der Prophezeiung, die die Schlange vernichten und das Licht zurück in die Welt bringen sollte.
Hier mischten sich die Wanderer unter Bauern und Kaufleute, Müller und Künstler, die für vogelfrei erklärt worden waren, unter Elfen, Kobolde und Hexen, auf deren Kopf eine Belohnung ausgesetzt worden war.
»Noch einmal!« Aurora holte mit dem Schwert aus, trieb ihren Gegner zurück, parierte, wirbelte herum. Sie liebte den Klang von Stahl auf Stahl.
»Achte auf dein Gleichgewicht«, warnte Gwayne.
»Ich bin im Gleichgewicht.« Zum Beweis sprang sie geschickt über das Schwert, das nach ihren Beinen hieb, und landete leichtfüßig auf dem Boden.
Sie kreuzten die Klingen, bis Heft gegen Heft lag. Urplötzlich erschien ein Dolch in ihrer Hand, dessen Spitze sich gegen seine Kehle presste. »Du bist tot«, verkündete sie. »Ich verliere nicht gern.«
Gwayne stupste sie mit dem Dolch an, den er gegen ihren Bauch hielt. »Das geht mir genauso.«
Sie lachte, trat zurück und verneigte sich galant. »Wir sind beide gut gestorben. Setz dich, du bist außer Atem.«
»Bin ich nicht.« Doch es stimmte, und so ruhte er sich auf einem Baumstumpf aus, während sie in einem Lederschlauch Wasser holte.
Sie hat die Augen ihres Vaters, dachte er. Grau wie Holzrauch. Und den weichen, großzügigen Mund ihrer Mutter. Gwynn hatte Recht behalten, wie in so vielen Dingen.
Das Kind war zu einer schönen jungen Frau herangewachsen. Ihre Haut besaß die Farbe hellen Honigs, und ihr Haar war rabenschwarz. Das kräftige Kinn zeugt von einem starken Willen, dachte er, während er sich für das Wasser bedankte, das sie ihm brachte. Eigensinnig. Er hatte nicht gewusst, dass ein Mädchen so dickköpfig sein konnte.
Ein Licht umgab ihre anmutige Gestalt, das hell strahlte, und er wunderte sich darüber, dass nicht jeder bei ihrem Anblick auf die Knie fiel. Selbst in jagdgrüner Kleidung und Stiefeln war sie eine königliche Erscheinung.
Er hatte getan, was ihm aufgetragen worden war, und sie im Kampf geschult. Sie war mit Schwert, Pfeil und Lanze ebenso gewandt wie mit bloßen Händen. Als Jägerin und Reiterin konnte sie sich mit jedem seiner männlichen Schüler messen. Und sie besaß einen scharfen Verstand, darauf war er besonders stolz.
Nara und Rhiann hatten sie in der Arbeit der Frauen und in Magie unterrichtet. Den Schulunterricht hatte Rohan übernommen. Eifrig hatte sie Lieder und Geschichten ihres Volkes gelernt.
Sie konnte lesen und schreiben, rechnen und zeichnen. Mit ihrer Willenskraft verstand sie es, ein kaltes Feuer wieder zu entzünden, sie wusste, wie man eine Wunde nähte, und sie war ihm – wenn auch erst seit kurzem – im Schwertkampf gewachsen.
Aber wie sollte ein Mädchen, das noch keine zwanzig war, ein Volk in die Schlacht führen und die Welt retten?
Dieser Gedanke quälte ihn, wenn er des Nachts neben Rhiann lag, die er zur Frau genommen hatte. Er hatte geschworen, sie zu beschützen, aber auch, ihr von ihrer hohen Geburt zu erzählen. War das nicht ein Widerspruch in sich?
»Ich habe heute Nacht den Drachen gehört.«
Seine Finger krallten sich in den Wasserschlauch. »Was?«
»Ich hörte sein Brüllen, in einem Traum, der kein Traum war. Es war der rotgoldene Drache, der am Nachthimmel fliegt, und er hielt eine Sternenkrone in den Klauen. Mein Wolf war bei mir.« Sie wandte den Kopf und lächelte Gwayne an. »Er scheint immer bei mir zu sein. So schön und stark ist er mit seinen traurigen Augen, die so grün sind wie das Gras der Hügel.«
Allein der Gedanke an den Mann, den sie »mein Wolf« nannte, wärmte ihr das Blut in den Adern. »Wir lagen auf dem Waldboden und sahen zum Himmel hinauf, als der Drache mit seiner Krone erschien. Es war aufregend, ich hatte Angst, aber gleichzeitig erfüllte mich eine ehrfürchtige Freude. Als ich im Sturm die Hand nach ihm ausstreckte, wurde der Himmel heller als der lichte Tag, greller als das Feuer der Elfen. Ich stand in dieser gleißenden Helligkeit neben meinem Wolf, und zu meinen Füßen sah ich Blut.«
Sie hatte sich auf den Boden gesetzt und den Rücken an den Baumstumpf gelehnt. Mit einer beiläufigen Geste warf sie ihren langen, dicken Zopf über ihre Schulter zurück. »Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber ich frage mich, ob ich für den Einen kämpfen werde, wenn seine Zeit naht. Ich frage mich, ob ich endlich den Krieger, der mein Wolf ist, finden und an seiner Seite mein Schwert für den wahren König erheben werde.«
Seit sie sprechen konnte, redete sie von diesem Wolf, von dem Jungen, der nun zu einem Mann herangewachsen war, und den sie liebte. Aber den Drachen hatte sie noch nie erwähnt.
»Ist das der ganze Traum?«
»Nein.« Vertrauensvoll legte sie sich mit dem Kopf an sein Knie. »In dem Traum, der kein Traum war, sah ich eine edle Frau. Eine schöne Frau mit grünen Augen und dunklem Haar in den Kleidern einer Königin. Sie weinte, und ich fragte sie, warum. Ich weine um die Welt, die wartet, sagte sie. Sie wartet auf den Einen, gab ich zurück. Warum kommt er nicht? Wann wird er Lorcan zerschmettern und Twylia Frieden bringen?«
Gwayne blickte in den Wald hinein und strich ihr sanft über das Haar. »Was hat sie darauf geantwortet?«
»Mitternacht ist die Stunde, in der Geburt wie im Tod, sagte sie. Dann streckte sie die Hände aus, und ich sah eine Kugel, so hell wie der Mond, und einen Stern, so klar wie das Wasser, darin liegen. Nimm sie, sagte sie. Du wirst sie brauchen. Dann war sie fort.«
Sie rieb ihre Wange an seinem Knie, als die Traurigkeit, die sie gefühlt hatte, sie erneut überkam. »Sie war fort, Gwayne, und das Herz tat mir weh. Neben mir stand mein Wolf mit den grünen Augen und dem dunklen Haar. Ich glaube, der Traum war eine Prophezeiung, denn als ich erwachte, war der Mond voller Blut. Es wird eine Schlacht geben.«
Gwynn hatte ihm gesagt, er werde wissen, wann die Zeit gekommen sei. Und er wusste es, hier im stillen Wald, in der frischen Frühlingsluft. Er wusste es, und seine Seele war betrübt.
»Nicht alle Schlachten werden mit dem Schwert geschlagen und gewonnen.«
»Ich weiß. Verstand und Herz, Weitsicht und Zauberkraft. Strategie und Verrat. Ich fühle …« Sie erhob sich, ging ein paar Schritte, nahm einen Stein und warf ihn ins silbrige Wasser des Flusses.
»Erzähl mir, was du fühlst.«
Sie sah sich nach ihm um. In das Gold seines Bartes und seines Haares mischten sich silberne Fäden, hell wie das Wasser des Flusses. Seine hellblauen Augen hatten sich verdunkelt. Er war nicht ihr Vater. Sie wusste, dass ihr leiblicher Vater in der Schlacht der Sterne gefallen war, aber Gwayne hatte ihr Leben lang seine Stelle eingenommen.
Ihm konnte sie alles sagen.
»Ich fühle … dass in mir etwas wartet, so wie die Welt wartet. Ich fühle, dass ich etwas tun muss, sein muss, das mehr ist, als was ich jetzt bin, als was ich jetzt weiß.« Sie lief zu ihm zurück und kniete sich zu seinen Füßen nieder. »Ich muss meinen Wolf finden. Meine Liebe zu ihm ist so groß, dass ich nie etwas für einen anderen empfinden könnte. Wenn er der ist, von dem die Prophezeiung spricht, will ich ihm dienen. Ich weiß, was ich dir verdanke, Gwayne, dir und Rhiann, Nara und Rohan, meiner ganzen Familie. Aber in mir spüre ich eine Ruhelosigkeit wachsen, ein Wissen, das mir selbst noch verborgen ist.«
Enttäuscht boxte sie mit der Faust gegen sein Bein. »Ich kann es nicht sehen. Noch nicht, weder in meinen Träumen noch im Feuer noch im Kristall. Es ist wie ein Schleier vor meinen Augen, hinter dem ich nur Schatten erkennen kann. In den Schatten sehe ich die Schlange, und mein Wolf liegt verwundet in Ketten.«
Ungeduldig sprang sie auf. »Ein Mann, der König sein könnte, und eine Königin. Ich weiß, dass sie eine Königin war, und sie hat mir Mond und Stern dargeboten. Und obwohl ich einen brennenden Hunger nach ihnen fühlte, hatte ich gleichzeitig Angst. Irgendwie spürte ich, dass sich alles verändern würde, wenn ich sie nähme.«
»Ich verstehe nichts von Zauberei. Ich bin nur ein Soldat, und es ist zu lange her, dass mein Mut auf die Probe gestellt wurde. Jetzt macht mich die Angst zu einem alten Mann.«
»Du bist nicht alt, und du hast nie Angst.«
»Ich dachte, mir bliebe mehr Zeit.« Er stand auf und sah sie an. »Du bist so jung.«
»Älter als deine Cyra, und die wird bei der nächsten Tag-und-Nacht-Gleiche heiraten.«
»In deinem ersten Lebensjahr kamen mir die Tage endlos vor. Ich dachte, die Zeit würde nie vergehen.«
Sie lachte. »War ich solch ein schwieriges Baby?«
»Unruhig und eigensinnig.« Er streckte die Hand aus, um ihre Wange zu liebkosen. »Dann verging die Zeit wie im Flug, und nun ist es so weit. Komm, setz dich zu mir ans Flussufer. Es gibt viele Dinge, die ich dir sagen muss.«
Sie ließ sich neben ihm nieder und sah zum Himmel auf, wo ein Falke kreiste. »Da ist dein Talisman, der Falke.«
»Vor langer, langer Zeit nannte man mich, zumeist hinter meinem Rücken, den Falken der Königin.«
»Der Königin?« Aurora sah ihn scharf an. »Du warst ein Mann der Königin? Das hast du mir nie erzählt. Du hast nur gesagt, du hättest mit meinem Vater in der großen Schlacht gekämpft.«
»Ich habe dir erzählt, dass ich deine Mutter aus der Stadt in den Wald der Verlorenen gebracht habe. Dass Rohan und die Wanderer uns aufnahmen, und wie du in jener Nacht im Schnee geboren wurdest.«
»Und dass sie bei meiner Geburt gestorben ist.«
»Nicht erwähnt habe ich, dass sie mich geführt hat und dass ich auf Befehl des Königs mit ihr aus der Schlacht geflohen bin. Sie wollte ihn nicht verlassen.«
Seine Stimme war leise, und er wandte den Blick nicht von ihrem Gesicht. »Sie wehrte sich, sie kämpfte wie eine Kriegerin darum, beim König, ihrem Gemahl, zu bleiben.«
»Meine Mutter!« Ihr stockte der Atem. »Das war meine Mutter in dem Traum!«
»Es war bitterkalt, und sie litt große Schmerzen, aber sie weigerte sich anzuhalten. Sie führte mich zu dem Lager, in dem du geboren wurdest. Dich an ihre Brust drückend, weinte sie, weil sie dich zurücklassen musste. Sie vertraute dich meinem Schutz an und bat mich und Nara, dich zu unterrichten. Die Wahrheit über deine Geburt solltest du erst erfahren, wenn deine Zeit gekommen war. Dann gab sie dich in meine Hände.«
Er betrachtete eben diese Hände. »Du wurdest um Mitternacht geboren. Sie hat die Glocken in der viele Meilen entfernten Stadt gehört. Deine Stunde ist Mitternacht. Du bist die Eine, Aurora, und weil ich dich liebe, wünschte ich, es wäre anders.«
»Wie kann das sein?« Mit bebendem Herzen erhob sie sich. Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie wirkliche Furcht. »Wie kann ich die Eine sein? Ich bin keine Königin, Gwayne, keine Herrscherin.«
»Doch, das bist du. Es liegt dir im Blut. Vom ersten Augenblick an, in dem ich dich in meinen Armen hielt, wusste ich, dass dieser Tag kommen würde. Mehr kann ich nicht sehen.« Er erhob sich, jedoch nur, um vor ihr auf die Knie zu sinken. »Ich bin ein Mann der Königin, ihr Wunsch ist mir Befehl.«
»Nicht!« Verängstigt ließ sie sich ebenfalls auf die Knie fallen und nahm ihn bei den Schultern. »Bei Draco und allen Göttern, was soll ich tun? Wie konnte ich mein ganzes Leben lang in Sicherheit und Geborgenheit verbringen, niemals wirklichen Hunger oder Schmerz erfahren, während die Menschen der Welt warteten? Wie kann ich für sie aufstehen, sie befreien, wo ich mich doch wie ein Feigling versteckt habe, während Lorcan herrschte?«
»Es war der letzte Wunsch deiner Mutter, dich verborgen zu halten.« Er erhob sich und zog sie am Arm auf die Füße. »Du warst nicht feige. Und du wirst auch nicht das Andenken deiner Mutter und deines Vaters entehren, indem du jetzt den Feigling spielst. Dies ist dein Schicksal. Ich habe dich zur Kriegerin erzogen, nun handle auch so.«
»Ich bin bereit zu kämpfen.« Wie zum Beweis schlug sie mit der Hand gegen ihr Schwert. »Mein Schwert, meine Zauberkraft, mein Leben würde ich jederzeit in den Dienst der Sache stellen, aber wie soll ich führen?« Sie holte zitternd Luft und starrte auf den Fluss hinaus. »Nichts ist mehr so, wie es noch vor einer Minute war. Ich brauche Zeit zum Überlegen.« Sie kniff die Augen zu. »Um wieder atmen zu können. Ich muss allein sein. Gib mir Zeit, Gwayne«, sagte sie, bevor er ihr widersprechen konnte. »Falls ihr das Lager abbrechen und weiterziehen müsst, finde ich euch. Ich muss meinen eigenen Weg suchen. Lass mich hier.« Sie trat beiseite, als er die Hand nach ihr ausstreckte. »Geh.«
Als sie sich allein wusste, trauerte sie am Ufer des silbernen Flusses um ihre Eltern, ihr Volk, um sich selbst.
Und sie sehnte sich nach dem Trost ihres Liebsten, den sie »mein Wolf« nannte.
Sie ging tief in den Wald hinein, ließ die bekannten Gegenden hinter sich und wanderte bis ins Reich der Elfen. Dort schlug sie den Kreis, entzündete das Feuer und sang das Lied der Visionen. Sie wollte sehen, was geschehen war – und was geschehen würde.
Während der Mond aufging und der einzelne Stern, der ihn begleitete, zu funkelndem Leben erwachte, betrachtete sie die Schlacht der Sterne. Sie sah die Leichen der Diener, der Kinder und Soldaten, hörte die Schreie und roch das Blut. Die Stimme ihres Vaters drang an ihr Ohr, der Gwayne zurief, die Königin und das Kind in ihrem Leib in Sicherheit zu bringen. Um der Welt willen, selbst gegen den Befehl der Königin. Um der Einen willen.
Sie sah den Tod ihres Vaters und ihre eigene Geburt. Sie schmeckte die Tränen ihrer Mutter und fühlte die Kraft ihrer Liebe durch den Zauber strahlen.
Und mit ihr die Macht der Pflicht.
»Du wirst ihr nicht ausweichen.«
»Bin ich genug?«, fragte Aurora das Bild ihrer Mutter.
»Du bist die Eine. Niemand außer dir kann es tun. Du bist unsere Hoffnung, Aurora, unser Stolz, unsere Pflicht. Dir bleibt keine Wahl.«
Während Aurora die Schlacht beobachtete, wurde ihr klar, dass sie die Zukunft sah. Ihre eigene Hand würde Blut und Tod bringen. Selbst wenn es ihren Untergang bedeuten sollte, sie musste ihr Schicksal auf sich nehmen. »Ich besitze Macht, Mutter, aber es ist die Macht einer Frau. Meine Zauberkraft ist beschränkt. Ich bin stark, aber ohne Erfahrung. Wie kann ich mit so wenig führen und herrschen?«
»Mehr wird kommen. Schlafe nun und träume.« So träumte sie erneut von ihrem Wolf, dem Krieger, dessen Augen grün waren wie die Hügel. Er war groß und breitschultrig. Sein Haar, dunkel wie das ihre, umrahmte ein Gesicht mit markanten Zügen. Über seine linke Stirn zog sich wie ein Blitz eine gezackte Narbe. Sie fühlte eine Wärme in ihrem Leib, ein Verlangen, das sie nur für ihn empfand.
»Was wirst du für mich sein?«, fragte sie. »Was werde ich für dich sein?«
»Ich weiß nur, dass du meine Liebste bist, du und nur du allein. Mein ganzes Leben lang habe ich im Wachen wie im Schlafen von dir geträumt.« Er streckte die Hand aus, und sie spürte, wie seine Finger über ihre Wange strichen. »Wo bist du?«
»In deiner Nähe, glaube ich. Bist du Soldat?«
Er sah auf das Schwert in seiner Hand und rammte es mit angewiderter Miene in den Boden. »Ich bin nichts.«
»Ich denke, du bist viele Dinge, aber vor allem gehörst du zu mir.« Ihrer Neugier gehorchend, ihrem eigenen Willen folgend, zog sie ihn an sich und presste ihre Lippen auf die seinen.
Wind erhob sich und wirbelte um sie herum, ein warmer Wind, angefacht von den Schwingen der Elfen. Das Lied stieg in ihr auf und pochte in ihren Adern.
Sie würde die Liebe kennen lernen, selbst wenn sie danach sterben musste.
»Ich muss Frau sein, um zu werden, was ich werden soll.« Sie trat zurück und ließ ihr Jagdgewand zu Boden gleiten. »Lehre mich, was eine Frau wissen muss. Liebe mich in der Vision.«
Nur von den Strahlen des Mondes umhüllt, stand sie vor ihm im schimmernden Zauberkreis. Sein Blick glitt über ihren Körper. »Mein ganzes Leben lang habe ich dich geliebt«, sagte er, »und gefürchtet.«
»Ich habe mein ganzes Leben lang nach dir gesucht und bin zu dir gekommen, obwohl ich große Angst vor allem habe. Wirst du dich von mir abwenden? Werde ich allein sein?«
»Ich werde mich nie von dir abwenden.« Er zog sie an sich. »Ich werde dich nie verlassen.«
Mund an Mund sanken sie auf den weichen Waldboden. Sie lernte die Erregung kennen, die seine Hände in ihr weckten, den Geschmack seiner Haut, die tiefe, berauschende Lust, die ihren Körper erbeben ließ. Flammen sprangen neben ihnen auf, ein Abbild des Feuers in ihrem Inneren.
»Ich liebe dich«, murmelte sie, während ihre Lippen wie im Fieber über sein Gesicht wanderten. »Ich habe keine Angst.«
Sie streckte sich ihm entgegen, öffnete sich für ihn, hieß ihn willkommen. Als er sich mit ihr vereinte, erfuhr sie die Macht des Frauseins und seine Freuden.
Am nächsten Morgen jedoch erwachte sie allein neben dem erkalteten Feuer und wusste, was ihre Pflicht war.
»Du hättest sie nicht alleine gehen lassen dürfen«, schalt Rhiann.
Gwayne schliff sein Schwert, während sie Haferkuchen buk. Das Lager um sie herum war von morgendlichem Leben erfüllt. Pferde, Hunde, Frauen am Kochtopf, plappernde Kinder und Männer, die sich für die Jagd vorbereiteten.
»Es war ihr Wunsch.« Seine Stimme klang schärfer, als er beabsichtigt hatte. »Ihr Befehl. Du sorgst dich um sie wie eine Mutter.«
»Bin ich nicht wie eine Mutter für sie? Zwei Tage, Gwayne, und zwei Nächte.«
»Wenn sie nicht zwei Nächte lang allein im Wald bleiben kann, wird sie kaum in der Lage sein, Twylia zu regieren.«
»Sie ist doch noch ein Kind!« Rhiann knallte ihren Löffel auf den Boden. »Du hättest ihr nicht so früh davon erzählen dürfen.«
»Es war an der Zeit. Ich habe es geschworen, und die Zeit war gekommen. Denkst du, ich sorge mich nicht? Würde ich nicht alles geben, um sie zu schützen, selbst mein Leben?«
Sie unterdrückte die aufsteigenden Tränen und nahm seine Hand. »Ich weiß. Aber sie ist wie unser eigenes Kind, genau wie Cyra und der kleine Rhys. Ich will, dass sie hier am Feuer sitzt, lacht und zu viel Honig auf ihre Haferkuchen tut. Nie wieder wird es so sein.«
Er legte das Schwert beiseite und stand auf, um seine Frau in den Arm zu nehmen. »Sie gehört uns nicht.«
Über Rhianns Kopf sah er sie im Morgennebel aus dem Wald kommen. Sie war groß für ein Mädchen und hielt sich gerade wie ein Soldat. Obwohl sie blass war, blickten ihre Augen klar, als sie den seinen begegnete.
»Da ist sie«, sagte Gwayne.
Aurora vernahm das Gemurmel, als sie durch das Lager ging. Sie haben davon gehört, dachte sie, und jetzt warten sie. Ihre Familie, ihre Freunde, alle standen sie vor ihren bunten Wagen und beobachteten sie.
Sie blieb stehen und wartete, bis Ruhe eingekehrt war.
»Es gibt viel zu tun.« Sie hob die Stimme, sodass sie durch das Lager hallte. »Nehmt euer Mahl ein und kommt dann zu mir. Ich werde euch sagen, wie wir Lorcan besiegen und unsere Welt zurückerobern werden.«
Ein Beifallsruf wurde laut. Es war der kleine Rhys, der gerade erst zwölf geworden war. Sie lächelte ihn an. Andere nahmen den Ruf auf, sodass sie durch ein Meer des Beifalls zu Gwayne ging.
Rhys lief auf sie zu. »Bekomme ich einen Bogen?«
»Vielleicht, aber jetzt noch nicht.« Sie fuhr ihm durch den blonden Schopf.
»Gut. Wann geht der Kampf los?«
Ihr Magen krampfte sich zusammen. Er war doch noch ein Kind. Wie viele Kinder würde sie in die Schlacht schicken? In den Tod? »Bald.«
Sie trat auf Gwayne zu und fasste Rhiann beruhigend am Arm. »Ich habe den Weg gesehen, zumindest seinen Anfang. Ich werde meinen Falken brauchen.«
»Stets zu Euren Diensten, Majestät.« Er verbeugte sich tief.
»Nenn mich nicht so, den Titel muss ich mir erst verdienen.« Sie setzte sich, griff nach einem Haferkuchen und tränkte ihn mit Honig. Neben ihr vergrub Rhiann das Gesicht in ihrer Schürze und schluchzte.
»So weine doch nicht.« Aurora erhob sich erneut, um Rhiann an sich zu ziehen. »Dies ist ein guter Tag.« Sie sah Gwayne an. »Ein neuer Tag. Dass ich diese Aufgabe angehen kann, verdanke ich nicht nur dem Blut, das in meinen Adern fließt, sondern auch dem, was ihr mich gelehrt habt. Ihr beide, ihr alle. Ihr habt mir das Rüstzeug gegeben, damit ich mich meinem Schicksal stellen kann. Rhys, kannst du Nara und Rohan bitten, mit mir das Fasten zu brechen?«
Sie drückte Rhiann einen Kuss auf die Wange, während Rhys davonlief. »Ich habe zwei Tage lang nichts gegessen«, sagte sie mit einem breiten Grinsen, während sie sich anschickte, den Haferkuchen zu vertilgen.