In Upper Beeches fand ein Gartenfest für irgendeinen wohltätigen Zweck zugunsten der Gemeinde Sterrenden statt. Frau Quilter hatte ihr Grundstück dafür zur Verfügung gestellt. Herr Quilter hatte den Gärtnern geholfen, die Wiesen zu mähen und die Hecken zu beschneiden. Zwei Tage lang hatte er nach dem Barometer gesehen, sooft er durch die Halle des Hauses kam. Wenn der Garten den vollen Eindruck machen sollte, mußte schönes Wetter sein. Und der Garten sollte herrlich aussehen und den nötigen Eindruck machen, da ganz Sterrenden, sowohl die Leute, die Frau Quilter kannte, als die, die sie nicht zu kennen wünschte, für einen Schilling am frühen Nachmittag, und von fünf Uhr ab nur für einen halben, durch den Nebeneingang für Lieferanten ihr Grundstück betreten und auf ihren Rasenplätzen frei lustwandeln konnten, als ob sie ihnen gehörten.
Frau Quilter fühlte sich von erhabener Menschenliebe durchdrungen, die nicht unbelohnt bleiben konnte. Herr Quilter zupfte an einer Blase, die sich bei der Gartenarbeit auf seiner Handfläche gebildet hatte.
Dank dieser Menschenliebe und ihrer verdienstvollen Wohltätigkeit mußten sehr viele Leute ihren Park sehen, die ihn sonst nicht betreten hätten; und für das Eintrittsgeld von einem und später von einem halben Schilling kamen wieder andere, die sie um ihre glattgemähten Wiesen, die sorgfältig geschnittenen Hecken und die wohlgepflegten, üppigen Blumenbeete beneiden würden.
Wie manche andere Leute liebte auch Frau Quilter nichts so sehr, wie beneidet zu werden. Und wie manche andere Leute liebte sie es, um ihres Reichtums willen beneidet zu werden. Sie hatte Geld, sie hatte ein schönes Haus und einen Mann, einen immer wohlgekleideten, nett aussehenden kleinen Mann, der jünger schien als er war, der, wenn er über die Gartenwege ging, es in Ergebenheit für seine Gattin tat, und dessen Aufmerksamkeit für sie im Hause wie außerhalb des Hauses einen wahren Ritus bildete.
Am Abend vor dem Fest war alles fertig. Das Zelt, in dem man Tee nehmen konnte, war unter der Zeder errichtet. Die Leinwand zum Kokosnußwerfen war im Paddock ausgespannt. Über dem Nebeneingang war das Wort »Eingang« in großen Buchstaben gemalt, und daneben stand auf einem besonderen Plakat »Automobile« mit einem mächtigen Pfeil, der deutlich sagte, daß unbeschränkter Raum für einen Wagenpark zur Verfügung stand.
Ehe es völlig dunkelte, hatten Herr und Frau Quilter noch einen letzten Rundgang unternommen. Kein abgefallenes welkes Blatt lag auf dem Grase; kein Unkraut war in einem Beet zu entdecken, die Eibenhecke war eine glatte Wand. Der Rosengarten stand in voller Blüte.
»Es werden manche erstaunt sein«, sagte sie. »Ein halber Schilling nach fünf Uhr ist beinahe zu billig.«
Herr Quilter, der geholfen hatte, die Leinwand zum Kokosnußwerfen und das Teezelt unter der Zeder aufzustellen, und noch manche andere Arbeit verrichtet hatte, bis er eine Blase auf der Hand bekommen, sagte: »Sie werden mehr ausgeben, wenn sie einmal drinnen sind.«
»Ich rede nur vom Park«, antwortete sie. »Daß sie den Park nur für einen halben Schilling sehen sollen. Die Leute halten nichts von dem, was sie billig haben können.«
Sie gingen über die Gartenwege, bis der Tau fiel, und malten sich aus, wie dieser und jener sich ärgern und sie beneiden würde. Als sie ins Haus getreten waren, füllte der honigsüße würzige Duft der Levkoien immer noch den leeren Garten, und die Lilien standen ungesehen in gespenstischem Weiß unter den Sternen.
Am nächsten Morgen fiel strömender Regen. In ihrem Nachthemd – das sie nicht in Sterrenden gekauft hatte und das sie heute trug, weil sie dabei empfinden konnte, wie die Leute von Sterrenden sie darum beneiden würden, wenn sie es nur hätten sehen können – stand Frau Quilter am Schlafzimmerfenster und sah hinaus und sagte Dinge über den lieben Gott, die zwar durchaus höflich, aber doch nicht ohne eine gewisse Schärfe waren.
Sie fragte ihren Mann, der noch im Bette lag und von seiner Mühe ausruhte, warum der Schöpfer, zu dessen Ruhm und Ehre sie doch ihre Wohltätigkeit ausübten, es gerade an diesem Tage regnen lassen mußte, so daß die Rosen leiden würden und man auf dem Tennisplatz nicht spielen konnte. Bei gutem Wetter hätte jeder Besucher anerkennen müssen, daß es keinen derartigen Tennisplatz in der ganzen Nachbarschaft gab. Irgendwie brachte sie den lieben Gott mit den wissenschaftlichen Entdeckungen der Neuzeit in Verbindung und fragte, warum das Barometer gelogen hatte, das zwei Tage lang gestiegen war? Der Ton ihrer Frage deutete an, daß das Barometer schließlich doch die Stimme Gottes war, und so warf sie dieser Stimme kühn vor, daß sie gelogen hatte.
Sie wollte wissen, welchen Sinn es hatte, daß man in dieser Welt sein Bestes tat, wenn der Herr der Heerscharen im letzten Augenblick durch einen völlig überflüssigen Platzregen alles über den Haufen warf. Da es doch ihrer Meinung nach ebenso leicht für ihn gewesen wäre, das Wetter schön bleiben zu lassen.
So stand sie am Fenster, sah hinaus und zitterte vor Ärger. Aber sie vergaß doch nicht, daß sie von einem sprach, der mächtiger war als sie, und dessen Wege, wie sie mit düsterer Ironie zugab, eben unerforschlich waren.
»Die Bauern brauchen Regen,« sagte Herr Quilter, »die Ernte vertrocknet, sagen die Leute.«
Männer waren doch nicht zum Aushalten!
Die Ernte, die doch überhaupt nur da war, damit die Leute daran Geld verdienen! Hier handelte es sich um Wohltätigkeit; sie verdienten gar nichts an dem Fest! Im Gegenteil. Vermutlich wurde eine Menge Schaden im Garten angerichtet, wenn die Leute über die Wiesen trampelten. Konnte Er – und wieder erhob sie heimliche Klage gegen ihren Schöpfer –, konnte Er denn nicht zwischen Wohltätigkeit und Geschäft unterscheiden? Diesen Ausführungen gegenüber zog Herr Quilter es vor, zu schweigen. Er hatte sich im Bett aufgesetzt, starrte nach den Fensterscheiben, an denen der Regen niederlief, und drückte das Wasser aus der Blase auf seiner Handfläche.
Um elf Uhr waren die Regenwolken verschwunden. Der Himmel strahlte in reinem Blau, und die Sonne schien hell genug, um selbst allen Ansprüchen, die Frau Quilter im Namen der Wohltätigkeit stellte, zu genügen. Die Rosen erhoben ihr Haupt, noch feucht von Regentropfen. Ein leichter Nebel aufsteigenden Dunstes lagerte über den Wiesen, der um die Mittagszeit schwand. Der Duft der Levkoien war schwer und süß. Frau Quilter, in einem Kleid, das gleichfalls nicht in Sterrenden gekauft war, hatte zuviel zu tun, um all das zu widerrufen, was sie über das Barometer und über vergebliche Bemühungen, sein Bestes zu tun, murrend geäußert hatte.
Zu dem ersten ihrer Bekannten, der kam, sagte sie: »Ich wußte, wir würden schönes Wetter haben. Es durfte doch gar nicht anders sein.«
So weit war Frau Quilter bereit, den lieben Gott zu entschuldigen.
Man konnte und sollte Tennis spielen, Kegel schieben, auf einem Teich nach schwimmenden Korken angeln. Es war alles mögliche vorbereitet, womit man den Leuten aus Sterrenden und den Nachbarorten Geld aus der Tasche ziehen konnte; und es war anzunehmen, daß die Leute, da sie im Garten von Upper Beeches zu Gast waren, gern zeigen würden, daß sie Geld ausgeben konnten. In einem mächtigen ausgehöhlten Eibenbaum saß Frau Lovejoy als Wahrsagerin. Der Eingang zur Höhlung war mit einem Vorhang verschlossen. Es war zu hoffen, daß die geheimnisvolle Ankündigung viele Leute hineinlocken würde, bevor man allgemein wußte, wer die Wahrsagerin war.
Denn dann konnte man, wie Frau Quilter sagte, »doch nicht mehr erwarten, daß irgend jemand einen Schilling ausgeben würde, wenn die Leute erst einmal erkannten, daß es Frau Lovejoy war«.
Man kann das bitterste und genaueste Urteil über seine Mitmenschen haben. Von fünf Uhr an, bis es dunkelte, saß Frau Lovejoy in einem spanischen Kostüm, das mit Zechinen behängt war, allein in der Höhlung des Eibenbaumes, wo ihr die Spinnen in ihre spanische Frisur fielen.
Dann aber wurde dank den unermüdlichen Anstrengungen ihres Mannes das Wahrsagen ein Erfolg. Nicht daß er über eine so bedeutende Macht der Persönlichkeit verfügt hätte, im Gegenteil, sein Gesicht sah aus wie ein engbedrucktes Zeitungsblatt mit zahllosen kleinen Paraffinspritzern; seine Nase war spitz, und das Gesicht schmal und wie zusammengedrückt. Aber nichts und niemand vermochte ihn zurückzuhalten oder abzuschütteln, wenn er einen Zweck erreichen wollte und sich den Menschen aufdrängte. So trat er auch auf Professor Lockart und seine Frau zu, mit der ruhigen Frechheit eines jungen schottischen Terriers, der in den Stall einer Bulldogge eindringt, und als der Professor ihn anknurrte, wie er jeden Menschen anknurrte, lächelte Herr Lovejoy nur gänzlich uneingeschüchtert und bot ihm eine Eintrittskarte zur Höhle der Wahrsagerin an. Und es gelang ihm, eine loszuwerden. Die Frau des Professors kaufte sie, zum Verdruß ihres Gatten, und legte ihre Hände, die so voll von Ringen waren wie die weißen Plüschkästen im Schaufenster eines Juweliers, auf den mit grünem Fries überzogenen Tisch vor Frau Lovejoy.
Es war in der Tat, als ob ein Juwelier den Inhalt seines Ladens auf dem grünen Fries vor ihr ausgebreitet hätte. Vergangenheit und Zukunft der Professorsgattin verschwanden in einem Nebel vor den Augen der Wahrsagerin. Frau Lovejoy war nur ein Weib und nur so weit eine Seherin, als sie das sehen konnte, was vor sie hingelegt wurde. Aber sie sah die Gegenwart sehr genau und nichts anderes, und was immer der Professor über Wahrsagerei im allgemeinen denken und sagen mochte, seine Frau wußte, daß das, was sie gehört hatte, einen Schilling wert war.
Das ganze Fest war ein außerordentlicher Erfolg. Wer ein Automobil besaß, kam im Automobil und brachte es mit Hilfe des Polizeiwächters von Sterrenden in dem Automobilpark unter, der sich, wie das Plakat am Tor anzeigte, auf dem einen halben Morgen großen Paddockgrund hinter dem Park befand. Ein Wagen war sogar ein Rolls-Royce, und der Chauffeur dieses Wagens redete nicht mit den anderen, sondern kaufte sich nach fünf Uhr selbst eine Eintrittskarte für einen halben Schilling und nahm seinen Tee im Garten.
Die Leute von Sterrenden, von Eltringham und Harrowden und aus der ganzen Nachbarschaft unterhielten sich ausgezeichnet. Es bedeutete für Frau Pitman, deren Gatte Grünzeughändler in Sterrenden war, die höchste Befriedigung, in demselben Garten mit Frau Professor Lockart spazierenzugehen, wobei noch zu bedenken war, daß die Professorin ihr bestes Kleid trug, leuchtendes Weiß mit einem breiten schwarzen Hut, wie aus einem alten Gemälde, und einen kurzen fußfreien Rock, der ihre wohlgeformten jugendlichen Knöchel sehen ließ, so daß man, wenn man sie von rückwärts sah, glauben konnte, sie wäre ein junges Mädchen von zwanzig Jahren. Da Frau Pitman stark war und Fesseln hatte, die sie lieber nicht zeigte, und da man ihr ihre Fünfzig ansah, fand sie dies keineswegs anständig. Aber auch das gehörte zu den Genüssen des Tages, so vieles unpassend und nicht anständig finden zu können. Sie erlebte an diesem Nachmittage mehr und lebte schneller, als in ihrem dumpfigen Obst- und Gemüseladen in Sterrenden.
Der einzige Mensch unter den vielen Leuten auf den Wiesenflächen von Upper Beeches, der all diese Wohltätigkeit durchschaute, war Herr Hinds, der Schneider von Sterrenden.
Man konnte ihn allerdings nur aus Höflichkeit einen Schneider nennen. Er besaß zwar einen Laden in Sterrenden, und der Ladentisch war blank gewetzt, aber meistenteils von Hosenböden, die er nicht gemacht hatte, die den Leuten gehörten, die täglich schwatzend darauf saßen, so wie man in Provinzstädten da und dort eine blankgewetzte Mauer sieht, weil täglich alle Müßiggänger der Stadt daran gelehnt stehen und die Zeit verplaudern.
Tom Hinds Laden war gewissermaßen der Dorfklub. Den ganzen Tag saß er vor einer rostigen Nähmaschine hinter dem Ladentisch und hörte dem Klatsch der Leute zu, die gelegentlich eintraten oder auch nur an der Ladentür stehenblieben. Die Zeit und ein Paar schlauer zwinkernder Äuglein hatten ihn zum Philosophen gemacht. Und viel verdankte er der Schule, in der er studiert hatte.
Die freie Natur bildet am meisten. Wälder und Felder lehren nicht nur beobachten, sondern sie geben auch Kenntnisse und Einsicht. Wo immer Tom Hinds auch die Schulbank gedrückt haben mochte, in den Wäldern des kentischen Hügellandes und in ihren Lichtungen hatte er seine Philosophie erworben. Noch in reiferen Jahren wußte er ganz genau, wo der Turmfalke sein Nest baute, vermochte er noch eine seltene Orchidee an einsamen Uferstellen zu finden, kannte die Stunde, zu der die Nachtigallen wiederkamen, wußte, wo man die vielbegehrte Feder aus den Schwingen der Waldschnepfe fand.
Jeden Sonntag während der Frühlingswochen kehrte er in die Lehrsäle seiner Alma Mater zurück und wanderte allein, nur von seinem kleinen Terrier begleitet, durch die Wälder. Und wenn er abends in seinen Laden in Sterrenden zurückkam, fühlte er seinen Sinn für den Humor des Lebens neu erfrischt, seine Beobachtungsgabe geschärft durch die Bilder und Töne, die er in der Natur gesehen und vernommen, dort, wo die Geschöpfe nur um ihre natürlichen Rechte kämpfen und wo alle Sänger nur Liebende sind, die nach einer Genossin suchen.
Es gelingt nicht vielen, sich dieses Wissen anzueignen und es unbefangen zur Beurteilung seiner Mitmenschen zu verwerten. Tom Hinds war es gelungen, ihm selbst unbewußt, und er war zu einem Beobachter geworden, der wie wenige das Spiel durchschaute, das in jeder Gemeinschaft gespielt wird, in der Menschen sich ansammeln und ihre Wohnstätte aufschlagen.
Und wie er Frau Quilter bei ihrem Wohltätigkeitsfest in Upper Beeches beobachtete und Fräulein Addison im Teezelt unter der Zeder indische Liebeslieder singen hörte, bevor der Tee serviert wurde, fühlte er sich außerordentlich erheitert, so daß seine Äuglein unaufhörlich leuchteten und zwinkerten und er hier und da hinter seinem Schnurrbart in ein kurzes stoßweises Lachen ausbrach.
Tom Hinds wenigstens fand den Schilling, den er beim Eintritt durch den Nebeneingang ausgelegt hatte, reichlich bezahlt. Noch eine Person fand dies gleichfalls: Barbara Campion.
Es war ein wirkliches Fest, vermutlich die einzige einigermaßen elegante Veranstaltung, die Sterrenden in diesem Jahre zu bieten vermochte. Es hatte für sie zunächst ein neues Kleid bedeutet; der Stoff war in Canterbury gekauft worden, ihr Vater hatte ihn vom künstlerischen Standpunkt gutgeheißen – er beurteilte alles nur danach, wie er es für seine Kunst verwerten konnte –, und so war es nach aufregenden Beratungen mit Hilfe der alten Nähmaschine in der Dachstube von ihrer Mutter genäht worden. Sie hatte immer wieder probieren, anziehen und ausziehen müssen; aller Stolz der Frau Lockart oder der Frau Quilters auf ihren Garten war nichts im Vergleich zur Freude, mit der Barbara den Weg nach Upper Beeches gegangen war und den Schilling, den ihr Vater ihr nur knausernd und ungern gegeben, am Nebeneingang bezahlt hatte.
»All diese Wohltätigkeitsfeste«, hatte er gesagt, »sind ja nur dazu da, um die Leute dazu zu zwingen, ihr sauer verdientes Geld auszugeben.« Und er gab ihr noch einen halben Schilling für den Tee, aber sonst keinen Pfennig.
Aber wenn man neunzehn Jahre alt ist, bedeutet Geld nur wenig. Wenn man neunzehn Jahre alt ist, braucht man einen Wunsch manchmal nur zu denken, und schon wird er einem erfüllt. Barbara wünschte sich, im Teich Korken fischen zu können, und Tom Hinds, der gegen Damen immer galant war, hatte bereits den halben Schilling für sie ausgelegt, bevor sie überhaupt Zeit gehabt hatte, zu bedauern, daß sie das Geld nicht hatte. Sie wünschte wahrsagen zu hören, und Herr Lovejoy schmuggelte sie umsonst in den hohlen Eibenbaum ein, als das Wahrsagegeschäft wieder schlecht ging und das Publikum angelockt werden sollte, damit Frau Lovejoy nicht ganz einsam in der feuchten dunklen Höhle sitzen mußte, in der sie seit fünf Uhr abends auf Kundschaft wartete. Den halben Schilling für Tee hatte Barbara; aber Frau Bamfield, die Frau des Dorfschulmeisters, winkte ihr aus der Umzäunung hinter dem Teezelt, und sie bekam ihren Tee und behielt ihren halben Schilling.
Was in dem Garten von Upper Beeches unverkäuflich war, das besaß sie ohnedies bereits. Einmal die freudige Befriedigung über ein neues Kleidchen, das noch niemand in Sterrenden gesehen hatte und das in seiner Art ein neues Erlebnis war. Jetzt konnte alles in der Wirklichkeit geschehen, was sonst nur in Träumen geschah oder in Augenblicken, wenn ihr Geist gleichsam ihrer bewußten Herrschaft sich zu entwinden und in den weiten Räumen ihrer Phantasie frei zu schweifen begann. Jetzt war der Augenblick für ein Erlebnis da.
Sie war denn auch kaum überrascht, als das Erlebnis wirklich kam. Selbst wenn sie sich dessen bewußt gewesen wäre, daß ihr Herz schneller schlug, daß das Blut ihr plötzlich warm in die Wangen stieg, während sie mit der Hand wiederholt besorgt nach ihrem Haar griff, das sie erst seit kurzem aufgesteckt trug, und daß sie fühlte, wie alle Leute nach ihr sahen, auch dann hätte sie sich leise sagen können: »Ich wußte es ja, ich wußte es schon die ganze Zeit.«
Sie hatte ihren Tee genommen, und der halbe Schilling war noch unberührt. Sie beabsichtigte jedoch durchaus nicht, ihn mit nach Hause zu bringen. Halbe Schillinge fand man im Campionschen Haus nicht auf dem Fußboden. Schlimmstenfalls konnte sie sich ein Los kaufen und, da sie ihrem Glück nicht recht traute, ihn auf diese Weise gleichmütig loswerden. Besser freilich schien es, etwas dafür zu kaufen, was sie ihrer Mutter mitbringen konnte. Aber sie hatte in der Galanteriewarenbude bereits nachgesehen und gefunden, daß dort für diesen Preis nichts zu haben war.
Da fiel ihr eine Aufschrift ins Auge, die den Weg zum Kokosnußwerfen im Paddock wies, und das Problem war gelöst. Sie war ein modernes Mädchen und hatte sich in der Schule ein kräftiges und bewegliches Handgelenk, einen in der Schulter gelenkigen Arm erworben. Es war ihr Stolz, daß sie werfen und gut werfen konnte. Sie betrat den Paddock, kaufte für einen Pfennig drei hölzerne Kugeln und warf sie mit der ganzen Kraft und Zielsicherheit eines Jungen, so daß sie hallend gegen die Leinwand schlugen. Ein paar Mädchen sammelten sich an und beobachteten sie mit offenem Munde; ihre Augen wichen nicht von ihr, solange sie die Kugeln warf: sie wollten sehen, was sie getroffen hatte. Auch Männer beobachteten sie, deren Augen dem Holzball über das Gras folgten und mit einem Lächeln der Bewunderung wieder zu ihr zurückkehrten.
All dies gehörte zu den Erlebnissen, die sie dem neuen Sommerkleid verdankte, aber der Höhepunkt kam, als ein junger Mann, den sie noch nie gesehen hatte, mit ihr um die Wette zu werfen begann. Jetzt galt es, wer die erste Kokosnuß herunterkriegen konnte. Je kräftiger der fremde junge Mann warf, mit desto leidenschaftlicherer Energie begann sie selber zu werfen.
Die Anschauungen von weiblichem Reiz sind nicht mehr die gleichen wie früher. Heute wird ein junger Mann nicht mehr von dem jungen Mädchen mit niedergeschlagenen Augen und einer Stickerei im Schoß angezogen. Diana hat wieder ihre Verehrer gefunden.
Für Jimmy Laidlaw, der in der Marine diente und sich auf Urlaub in der Heimat befand, war dieses junge Mädchen, das auf festen Beinen und mit ausgestrecktem Arm kräftig dastand, während ihr Haar von der Anstrengung ein wenig aus der Ordnung geriet, und deren Handgelenk die Holzbälle so kräftig und tönend gegen die Leinwand schlug, wie er selbst es konnte, einfach »großartig«.
Beide hatten schon mehrere Male eine Kokosnuß getroffen, aber noch keine war heruntergefallen. Wohltätigkeit hat kein Interesse daran, die Dinge herzugeben; sie sollen erworben und bezahlt werden. Barbara wurde ihren halben Schilling los, ohne jeden Erfolg, und als er aufgebraucht war, verließ sie zur schweren Enttäuschung des jungen Laidlaw sowie der kleinen Schar von Zuschauern, die sich angesammelt hatte, den Platz.
Die Zuschauer zerstreuten sich und dachten nicht weiter an die Sache. Aber für Barbara fing, als sie allein nach dem Park zurückschritt, das Abenteuer erst eigentlich an.
Sie wußte sehr genau, daß jemand ihr in respektvoller Entfernung folgte. Sie wußte, daß bei einer so ungewöhnlichen Gelegenheit, wie es ein Gartenfest zu wohltätigem Zweck war, alles mögliche sich ereignen konnte. Ohne einen direkten Blick auf ihn zu werfen, als sie gemeinsam die Kugeln nach den Kokosnüssen fliegen ließen, hatte sie doch einen jungen Mann gesehen, mit glattrasiertem Gesicht, um dessen Mund die meiste Zeit ein Lachen spielte, und in dessen grauen Augen – wenigstens hatte sie sie grau in Erinnerung – trotz aller Lustigkeit ein seltsamer Ausdruck von Ferne war, der ihm etwas Geheimnisvolles gab. Wilfrid Inglis hatte nichts von diesem Ausdruck. Trotz aller Aufmerksamkeiten, die er ihr erwies, hatte Barbara immer das Gefühl, daß seine Augen in seinem Gesicht wie welke Blätter auf dem Wasser eines flachen, dumpfigen Teiches lagen. Es waren gute braune Augen – aber es war nichts Geheimnisvolles darin. Mit der Zeit konnten sie höchstens noch stumpfer werden, und aller Voraussicht nach würden sie immer gleich ruhig und ausdruckslos bleiben und zuletzt sogar noch die Farbe verlieren. Und wenn sie auch zugab, daß sie Wilfrid Inglis gern hatte, so war sie sich doch darüber klar, daß braune Augen ihr nicht gefielen.
All diese ungreifbaren Werturteile und Unterscheidungen waren nur halbbewußt in ihrem Geist. Sie hatten sich in ihren Gedanken noch nicht zu klaren Worten geformt. Aber etwas im Ton ihrer Stimme, wenn sie mit ihm sprach, ein plötzliches Wegwenden, verriet sie; und manchmal wich sie ihm aus wie ein Füllen, das frei in einem weiten Feld umherspringt und weiß, daß in der Ferne irgend jemand über den Zaun klettert, eine Handvoll Futter in der einen Hand, während die andere eine Halfter hinter dem Rücken verborgen hält.
Und je näher er kam, desto unruhiger wurde sie. Den Kopf heftig aufwerfend, wich sie aus, warf wohl hier und da einen Blick hin, wendete aber zumeist die Augen von der geöffneten ausgestreckten Hand ab, die ihr so großmütig Futter bot und in ihr die Ahnung aufsteigen ließ, daß sie eines Tages doch eingefangen werden würde.
Hier aber war einer, der gleichsam außerhalb der Umzäunung stand, ein Fremder ohne Ansprüche, der draußen auf der Landstraße ging, die Hecke aller Anstandsregeln schützend zwischen ihm und ihr. Sie brauchte nichts zu fürchten. Frei und sicher konnte sie auf ihrem Felde spielen. Es war ein Erlebnis des neuen Kleides. Sie dachte nicht darüber nach, aber innerlich war sie ganz bereit, wenn die Gelegenheit es mit sich brachte, den Kopf über die schützende Hecke zu strecken und sich den Hals streicheln zu lassen.
Vielleicht ist die Gelegenheit immer bereit, diese unbewußten Forderungen des Lebens auszunützen und zu erfüllen.
Er hatte sie keinen Augenblick aus dem Auge verloren und in dem tiefgelegenen Rosengarten von Upper Beeches fand Jimmy Laidlaw sie allein.
»Diese Kokosnüsse waren ordentlich festgemacht«, sagte er.
Er hatte graue Augen.
Sie gab zu, daß das Ganze ein Schwindel war, und wiederholte, was sie ihren Vater darüber sagen gehört, daß die Wohltätigkeitsfeste nur dazu da wären, den Leuten das Geld aus der Tasche zu stehlen. Es dünkte ihn liebliche Weisheit. Er war in dem Alter, in dem eine gewisse Welterfahrung seine Bewunderung ebenso anzog, wie der bloße Zauber der Jugend. Nie hätte er es für möglich gehalten, beides vereint zu finden. Wenn sie auch manchmal ihren Reiz hatten, die gewöhnlichen jungen Mädchen, die mit ihm kokettierten, waren allzu hohlköpfig. Die Frauen aber, die eine so wohltuende Welterfahrung besaßen, sahen wieder zuzeiten unangenehm müde aus und brachten einen auf den Gedanken, daß sie heimlich krank sein müßten.
Hier aber hatte er plötzlich eine gefunden, die beide Eigenschaften zu besitzen schien. Sie machte keine Geschichten. Sie sah ihm beim Sprechen gerade ins Auge. Die schützende Hecke, die zwischen ihnen stand, sah er nicht; er fand sie frei und unbefangen, als er sich ihr näherte; sie lockte ihn nicht an, und sie wehrte ihn auch nicht ab.
So schritten sie zusammen über das Grundstück und genossen die ersten aufregenden Augenblicke des gegenseitigen Kennenlernens. Eine halbe Stunde später, als ihr Mund alle Weisheit ausgesprochen hatte, die sie von dem sprunghaften Egoismus ihres Vaters und der zärtlichen Aufopferung ihrer Mutter geborgt hatte, war er so heftig verliebt, wie ein junger Seemann auf Urlaub es nur immer sein kann.
Er wußte nun, daß sie nächste Woche zu einem Tennisspiel ging, und er fragte, ob sie Tennis so gut spielte, wie sie Holzbälle warf?
Er hatte vier Wochen Urlaub, während sein Schiff in Portsmouth im Trockendock lag. Sie konnten vielleicht in einem Tennisturnier zusammen spielen. Er fragte, ob sie nicht manchmal auf den Hügelkämmen spazierenging? Er war einmal den ganzen Kamm entlang bis ans Meer gegangen. Wie kam es, daß sie sich noch nie begegnet waren? Wie sonderbar, daß sie Roger Campions Tochter war!
»Warum sonderbar?« fragte sie.
»Ich hörte doch immer, daß er ein Künstler sei«, sagte Jimmy.
»Und warum sollte er kein Künstler sein?« sagte sie.
»Natürlich gibt's Künstler«, murmelte er verwirrt und verriet damit, wieviel er von Roger Campions Absonderlichkeiten gehört hatte.
Sie wußte wohl, was man von ihrem Vater sprach. Aber was wußten die Leute in diesem abgelegenen Winkel der Welt auch von Kunst und Künstlern? Dieser junge Mann offenbar ebensowenig wie die anderen. Es mochte ihm nichts bedeuten, daß es eine königliche Akademie gab, und daß Mitglied dieser königlichen Akademie zu sein – obwohl ihr Vater auf diese Auszeichnung nur schimpfte – eine Ehre war, die weit über das Verständnis solch eines Jünglings hinausging!
Der Ton, in dem er sprach, und was seine Worte andeuteten, machte sie ärgerlich; sie zog sich zurück. »Man muß etwas Hirn im Kopf haben, um ein Künstler zu sein«, sagte sie.
Er wußte, was Hirn im Kopf haben bedeutete, aber er hatte Intellektualität noch nie notwendig gefunden. Er fand Bildermalen weder interessant noch aufregend. So war noch keine Stunde vergangen, und sie hatten ihren ersten Streit. Sie fand, daß es Zeit für sie war, nach Hause zu gehen, und seine Begleitung, die er anbot, lehnte sie ab.
Aber auf dem ganzen Weg hörte sie im Geist den Klang seiner Schritte neben sich, und manchmal wendete sie den Kopf um und glaubte seine grauen Augen zu sehen, als ob er neben ihr ginge.
Er aber hatte sich auf sein Motorrad geschwungen, und fuhr in einem Tempo nach Hause, als ob der Teufel hinter ihm her wäre, und ließ seine Hupe laut und heftig ertönen, sooft er irgend jemanden auf der Straße sah.
Das Gefühl der Feierlichkeit – er hatte seit fünf Jahren nicht mehr den Smoking zum Abendessen angezogen – war nicht hinreichend groß, um Roger dafür zu entschädigen, daß er ein reines Hemd anziehen mußte, obwohl das, welches er trug, noch sauber genug gewesen wäre.
Als er in den Salon trat, kämpfte der Hunger in ihm eine wilde Schlacht mit dem Bratenduft in seinen Nüstern, und die Art, wie er seine Krawatte gebunden hatte, verriet deutlich, in welcher Laune er war. Er sah aus, als hätte er sich in seinen Abendanzug verpackt und sich nicht erst die Mühe genommen, die freien Enden des Bindfadens abzuschneiden. Es war die Krone der Selbstbeherrschung, daß Laetitia keinen Versuch machte, ihm die Krawatte vor den beiden jungen Leuten richtig zu knüpfen, wie es die meisten Frauen getan hätten, und wäre es nur, um zu zeigen, wie sie um ihren Mann besorgt sind. Sie sagte, als sie den Zustand seiner Krawatte sah, nur: »Ach, der Arme!«, sagte es aber nicht in Worten, sondern nur innerlich, mit jenem raschen zärtlichen Gefühl, das eine Frau empfindet, wenn sie merkt, wie sehr der Mann die Kinderstube braucht.
In diesem Augenblick erschien Ellen, genau wie ihr befohlen worden war, an der Tür und überraschte Roger mit der feierlichen Mitteilung, daß »das Essen serviert sei.«
Er drehte sich heftig um und sah sie verblüfft an.
»Warum läuten Sie nicht einfach die Tischglocke?« fragte er; und durch diesen unerwarteten Angriff für einen Augenblick aus der Fassung gebracht, rechtfertigte sich Ellen durch eine genaue Darstellung des Sachverhalts:
»Frau Campion hat mir gesagt, ich sollte es so machen«, sagte sie.
Aber Laetitia war in so glänzender Laune, weil sie einmal eine wirkliche Abendgesellschaft geben konnte, daß sie selbst darüber mit einem Scherz hinwegzugehen vermochte.
»Ich wollte es so feierlich als möglich machen,« sagte sie, »ich hätte einen roten Teppich bis zur Haustür legen lassen, wenn ich einen hätte. Bei Vegetarianern gibt's nicht jeden Tag so ein Abendessen. Und wenn's einmal der Fall ist, dann kann man nicht einfach die Tischglocke läuten.«
Damit ging sie voran ins Speisezimmer, und eine Britannia auf dem höchsten Prunkwagen im Zirkus hätte sich nicht stolzer bewegen können als Laetitia jetzt im Gedanken an den Zug, der ihr folgte. Roger ging mürrisch als der letzte und fragte sich, was in aller Welt in diesen Tagen mit seinem Haus geschehen war. Vor ihm ging Laetitia in einem Kleid, das er für unmöglich gehalten hätte. Dann diese beiden jungen Leute, die eingeladen wurden, um Barbara in Augenschein zu nehmen, als ob sie versteigert werden sollte; und obendrein alle lächerlich und feierlich gekleidet, um Rinderbraten an seinem Tisch zu essen! Er rang buchstäblich nach Atem. Es war unglaublich. Er kam sich wie in einem verrückten Traum vor; das alles war unwirklich, bis er den Rinderbraten auf dem Büfett sah. Der Rinderbraten war eine unbestreitbare Tatsache.
Für einige Augenblicke erfüllte ihn ein dumpfer Fatalismus. Es schien nicht mehr sein Haus zu sein. Ich könnte ebensogut in einem Restaurant in London sitzen, dachte er, oder in einem Hotel, unter lauten Fremden. Aber er sah keinen Ausweg. Er saß bei Tisch an seinem gewohnten Platz, aber die weißen Smokinghemden und der Anblick von Laetitias bloßem Hals ließen alles verändert erscheinen. Er starrte auf seine Manschetten. Sie waren überraschend weiß und glänzend. Das einzig Bekannte, was er in der völlig veränderten Situation wiederfand, waren seine Hände. Er hatte vergessen, sie zu waschen. Der Anblick eines Streifens grüner Farbe auf dem Daumen, den er an seinem Malkittel abgewischt hatte, bot ihm einen gewissen Trost. Sonst war alles verändert.
Während der ersten zwei oder drei Minuten, während alle plauderten und lachten, und Ellen, die es in einer früheren Stellung gelernt hatte, den Braten aufschnitt, saß Roger stumm und mürrisch am Ende des Tisches. Was um ihn vorging, interessierte ihn nicht so sehr, brachte ihn auch nicht eigentlich auf, aber was in ihm selber vorging, war überwältigend. Es war wie das erste warnende Getöse eines kommenden Erdbebens. Laetitia, die durch die hängenden purpurnen Blüten der Bodleya, die in der Mitte des Tisches standen, einen verstohlenen Blick auf ihn warf, wußte, daß er früher oder später losbrechen würde.
Tatsächlich brach der Vulkan in ihm aus, als er mit eigenen Augen sah, wie Ellen eine Bratenschnitte auf Barbaras Teller legte. Das Fleisch war nicht ausgebraten und hatte nicht die braune Farbe, in der es schließlich auch etwas anderes hätte sein können, eine jener geschickten Nachahmungen, mit denen ein vegetarianischer Kochkünstler ein Hammelrippchen oder ein Filetsteak vorzutäuschen vermag. Es war nicht ausgebraten, sondern hatte jene blutigrote Farbe, die kein noch so geschickter vegetarischer Koch seinen Speisen zu geben hoffen kann und die er ihnen vor allem nicht zu geben wünscht. Für Roger war es, als er hinsah, einfach rohes Fleisch! Er sah den Schlachthof im Geist, in dem man das arme Tier getötet hatte. Er hörte das Fallen des Schlachtbeils – wenn man ein Schlachtbeil dazu benutzte –; er hörte das Tier brüllend zu Boden sinken. Er erhob sich halb aus seinem Stuhl.
»Du wirst das nicht essen, Barbara!« rief er.
»Doch, Vati – nur heute abend, nur heute bei der Gesellschaft!«
Er sah über den Tisch durch die purpurnen Blüten der Bodleya nach dem bloßen Halse seiner Frau, dessen Schönheit ihm in diesem Augenblick gleichgültig war.
»Und du auch, Letty?« fragte er.
»Ja, Roger. Das eine Mal wird es mir nicht schaden. Ich habe Fräulein Limpnett gesagt, sie möchte ein besonders zartes Stück besorgen.«
»Nicht schaden! Nicht schaden!« Seine Stimme schlug beinahe um, so aufgeregt war er. »Weiß einer von euch ...« Er sah rings um den Tisch, und sein Blick fiel erst auf Jimmy, der seinen Ohren nicht traute, und dann auf Wilfrid, der all dies schon öfters gehört hatte und darauf wartete, daß er bedient wurde. »Weiß einer von euch, welche Zumutungen an den Dünndarm eine derartige Nahrung bedeutet?«
Er sah rund um den Tisch und sah vor allem die beiden jungen Leute an und ganz besonders Jimmy, der diesen verborgenen Bestandteil des menschlichen Organismus noch nie bei Tische erwähnen gehört hatte. Wilfrid hatte es schon gehört, aber er aß sein Brötchen, weil er hungrig war, und sah Roger nicht an. Laetitia und Barbara wußten die ganze Sache auswendig. Diese Frage war stets das erste Zeichen; dann brach der Lavastrom vegetarianischer Propaganda aus dem Krater und wälzte Rogers Kenntnisse vom gesamten Verdauungsprozeß ins Land.
Da er auf keinem Gesicht Erstaunen oder Interesse las, ausgenommen in dem Jimmys, so wendete er sich an ihn mit der Gier eines Raubvogels, der auf seine Beute niederstößt.
»Wissen Sie vielleicht, wie lang der Dünndarm ist?« fragte er.
Mit einer gewissen Zurückhaltung, die der ungewöhnliche Gegenstand ihm aufzuerlegen schien, gab Jimmy zu, daß er es nicht wüßte. Im nächsten Augenblick erkannte er, daß er viel besser getan hätte, zu sagen, er wüßte es.
»Es gibt nicht viel Leute, die es wissen,« sagte Roger triumphierend und in einem Ton, als ob er in einem wissenschaftlichen Verein eine bedeutsame neue Entdeckung mitzuteilen hätte, »der Dünndarm hat eine Länge von sechzehn Fuß!«
Ellen stellte einen Teller mit Rinderbraten vor Jimmy, und dieser sah auf den Teller.
»Lieber Roger!« rief Laetitia. »Es ist doch wirklich nicht nötig, von diesen Dingen bei der Mahlzeit zu sprechen!«
Darauf gab Roger die übliche Antwort. Er sagte ihr, sie sollte nicht so dumm sein. Das klang für Jimmys Ohren noch unglaublicher als alles andere. Dumm! Das waren die Folgen der Intimität zwischen Mann und Frau. Laetitia dumm! Ahnte denn der Mann gar nicht, welche süße Weisheit, welches tiefe Verständnis in jedem Wort lag, das von ihren Lippen kam?! Er versuchte sich vorzustellen, daß er einmal im Verlauf ihrer lebenslangen Freundschaft zu Laetitia »sei doch nicht so dumm!« sagen könnte. Es war undenkbar. Er starrte Roger an, in dessen Augen ein Ausdruck wirklicher Ungeduld und wahrhaften Ärgers geschrieben stand. Er fühlte in seiner Seele die tiefste Befriedigung, daß ihn nur Freundschaft, eine wahre platonische Freundschaft, mit ihr verband, und nicht Liebe, wenn das bei der Liebe herauskam.
Unwillkürlich suchten seine Augen die Laetitias. Auf ihren Lippen war ein sanftes verzeihendes und duldendes Lächeln, als ob Roger nichts wirklich Verletzendes gesagt hätte. O Gott! welche Würde, welchen Stolz sie zeigte! Wenn es auch nicht Liebe war, die er für sie empfand, die ganze platonische Freundschaft in seiner Seele strömte gleichsam von ihm aus und ihr zu! Was für eine Frau wäre sie für einen großen Mann, etwa für einen Admiral gewesen! Admiral Laidlaw und Lady Laidlaw! Unsinn! Dann wäre sie seine Frau gewesen, dann wäre er in sie verliebt gewesen, und von Liebe konnte nicht die Rede sein. Es war ja auch nicht Liebe.
Ohne die geringste Ahnung davon, welche Gedanken er in Jimmys Seele wachrief, und unbekümmert um Laetitias Zurechtweisung, fuhr Roger fort. Jimmys Staunen hielt er für Interesse. Nun glaubte er endlich einen intelligenten jungen Mann gefunden zu haben, der bereit war, das anzuhören, was er aus vegetarischen Schriften gelernt hatte, Dinge, die das geistige Gemeingut aller Menschen hätten sein müssen, die überhaupt Nahrung zu sich nahmen. Vergeblich versuchte Laetitia ihm diesen jungen Mann zu entwinden. Das tat sie immer, gerade wenn die Samenkörner der Wahrheit auf fruchtbaren Grund zu fallen versprachen. Nichts konnte ihn hindern, das zu sagen, was er zu sagen hatte, und er streute den Samen der Wahrheit aus, schleuderte ihn auf den fruchtbaren Boden, wie ein begeisterter Prediger das Evangelium verkündet. Er sprach von der Bedeutung der Eiweißstoffe und der Vitamine, als ob er das Heil durch den Gekreuzigten gepredigt hätte. Er redete vom Magensaft im Ton eines Einsiedlermönchs, der die schlaffen Seelen zu einem Kreuzzug aufzurütteln sucht. Seine Energie und sein feuriger Eifer kannten keine Grenzen, wenn er von einer Sache sprach, an der er so lebendigen Anteil nahm.
»Wissen Sie,« sagte er zu Jimmy, dessen ganze Seele den inneren Kampf um ihre platonische Freundschaft kämpfte, »wissen Sie, daß es niemals unsere Bestimmung war, Fleisch zu essen? Der menschliche Organismus ist nicht dafür eingerichtet. Sind Sie sich darüber klar, daß nur diese üble Gewohnheit des Fleischessens uns zu den Materialisten gemacht hat, die wir geworden sind? Wer hat heute noch Sinn für Kunst? Die Albert Hall wird vermietet, damit Boxkämpfer darin auftreten! Nächstens werden sie die Nationalgalerie vermieten und man wird Jazztänze darin aufführen! Wer hat den letzten Krieg verschuldet?« schrie er über den ganzen Tisch.
Jimmy wollte schon antworten, daß es die Deutschen gewesen wären, aber es war zu klar, daß das nicht die richtige Antwort sein konnte, die Roger erwartete, denn auf die Fragen, die Roger stellte, erwartete er sichtlich ganz bestimmte Antworten und ließ andere nicht zu. Wenn man ihm nicht die Antworten gab, die er erwartete, dann mußte seine ganze Beredsamkeit platzen wie eine Blase, in die man mit einer Nadel stach. Und Jimmy hatte viel zu gute Manieren, als daß er einem Manne, an dessen Tisch er als Gast saß, dies angetan hätte. Es kam ihm zwar in den Sinn, daß die Antwort auf die letzte Frage keine andere als »die Deutschen« sein konnte, aber er wollte es lieber doch nicht riskieren. Er fühlte, daß Laetitias Blick auf ihm ruhte, und er wollte nichts tun oder sagen, womit er keinen vorteilhaften Eindruck auf sie gemacht hätte. Daher antwortete er auf diese Frage gar nichts. Und damit war Roger auch völlig zufrieden.
»Man sagt gewöhnlich, die Kapitalisten hätten den Krieg verschuldet«, erklärte er. »Aber es gibt eine bessere Erklärung. Jeder Mensch ist in seiner Art ein Kapitalist, wenn er zwei ersparte Pfennige in der Tasche hat. Den Kapitalismus wird man nie abschaffen können. Aber Gott sei Dank sind noch immer nicht alle Menschen Materialisten, und die Materialisten sind es, die den Krieg verschuldet haben, die Fleischfresser, die Leute, die von Fleischnahrung leben!«
Er war jetzt in jenem Zustand von Erregung, in dem er kaum mehr wußte, was er sagte. Worte waren ohnedies nur Töne für ihn. Er überlegte sie nie und wählte sie nicht nach ihrem Sinn. Er gebrauchte sie instinktiv, genau so wie er beim Malen, wenn die Arbeit gut vorwärts ging, eine Tube aus der Farbschachtel griff und die Farbe auf die Palette ausdrückte, fast ohne hinzusehen.
»Wo ist der Unterschied?« fragte er mit einer Stimme, die eine Stentorstimme gewesen, wenn sie nicht vor Aufregung immer wieder umgeschlagen wäre, »wo ist der Unterschied, ob man ein Lamm von den Wiesen holt und zur Schlachtbank schleppt, oder ob man ein Weib am frühen Morgen mit kaltem Blut niederschießt? Die Leute reden sich ein, daß die Tiere dabei keinen Schmerz fühlen; aber sie fühlen Schmerz! Man redet sich ein, daß sie keine Angst davor haben, aber sie haben eine Todesangst! Und das ist noch lange nicht alles. Wenn man das Tier gemordet hat ...«
»O Roger, was noch alles?« rief Laetitia hinter den Purpurblüten der Bodleya. All dies hatte sie schon hundertmal gehört, aber in seiner Stimme war ein Ton, als hätte er irgendeinen neuen Schrecken der Schlachthöfe entdeckt, und sie wußte, daß nichts ihn abhalten konnte, ihn zu offenbaren. Ihr Wunsch war, daß alle es rasch zu Ende hören sollten; dann war es überstanden.
»Was noch alles?! Dann ißt man es! Und dann liegt es im Dünndarm und erzeugt Reizgifte, die die letzten Ursachen des ganzen überhasteten gierigen Materialismus unserer Zeit sind!«
Es war das erstaunlichste Abendessen, die merkwürdigste Gesellschaft, die Jimmy je mitgemacht hatte. Das Fleisch schmeckte ihm wie rotgefärbte Sägespäne. Da kam das helle Bier vom »Weißen Roß« als wahre Gottesgabe. Er trank einen Zug nach dem anderen.
Die anderen, die Roger längst kannten, aßen in Schweigen. Selbst Wilfrid ließ sich dadurch nicht stören. Roger hatte diesen Bestandteil seiner inneren Organe schon zu oft vor ihm gemessen. Fräulein Limpnett hatte ihren Auftrag glänzend ausgeführt. Der Braten hätte nicht zarter sein können, und Wilfrid genoß ihn in Seelenruhe.
Jimmy hingegen war keineswegs in der gleichen Lage. Einmal mußte die Rede, die Roger hielt, die Grenzen des Außerordentlichen überschreiten. Und da sie vorzugsweise an ihn gerichtet war, so fühlte er die Pflicht, zu tun, was er konnte. Er warf daher eine Bemerkung hin, um diese Redeflut irgendwie einzudämmen und abzulenken.
»Sie sollten nach den Südseeinseln gehen und dort leben«, sagte er. »Die Samoaner leben eigentlich gänzlich vegetarisch, von Kokosnüssen und Brotfrucht, und es ist eine wunderschöne Rasse. Die Frauen sind prachtvoll.«
Wenn es einen Gegenstand gab, der die Begeisterung, mit der Roger den Klang seiner eigenen Stimme hörte, von vegetarischen Idealen abzulenken vermochte, so war es die Erwähnung eines anderen Ortes, an dem er leben konnte, statt hier in dem Dorf zu bleiben, in dem er seit neunzehn Jahren festsaß. Wohl hundertmal, seitdem sie in Sterrenden lebten, hatte er den Plan gefaßt, seine Zelte abzubrechen und nach einem anderen Lande zu ziehen – einmal nach Südfrankreich, einmal nach Italien, einmal nach Spanien und sogar nach Westindien, alles Orte, die, wie er wußte, für einen Künstler Paradiese waren. Er hatte sich Bücher angeschafft, in denen er sich über die Zustände in diesen Gegenden unterrichten und sehen konnte, welche Vorteile sie boten.
Während Laetitia an den langen dunklen Abenden, wenn der Winter auf den Hügeln lag, am Kaminfeuer saß, dann ging er, wie eine Katze vorsichtig die Pfoten setzt und den Schnee abschüttelt, durch den verschneiten Garten nach dem Atelier hinüber, las in jenen Büchern und redete sich zuletzt in den Entschluß hinein, England zu verlassen und ein besseres Klima aufzusuchen, in dem ein Künstler ganz anders leben und arbeiten konnte. Laetitia hatte wirklich schon angefangen, das Porzellan und anderes Hausgerät einzupacken, um nach Südfrankreich zu übersiedeln. Für die Reise nach Italien hatte sie, da es nur ein Besuch sein sollte, erst ein paar Kleider gepackt. Nach Spanien schien er allen Ernstes gehen zu wollen. Aber da hatte sie nichts mehr eingepackt, sondern gewartet. Westindien war ein schöner Traum. Sie hatte ihn mit ihm geträumt durch einen ganzen Winter, bis er sie tatsächlich gebeten hatte, zu packen. Aber beim Anblick dreier großer Holzkisten, die Herr Wrench ihnen geschickt hatte, hatte ihn der Gedanke an den ganzen Umsturz, den die Übersiedlung mit sich bringen mußte, mit Schrecken erfüllt, und er hatte so viel Arbeit entdeckt, daß es töricht gewesen wäre, gerade in diesem Zeitpunkt von Sterrenden fortzugehen.
Laetitia sah Jimmy über den Tisch hinüber dankbar an, als er Roger die Südseeinseln hinwarf. Die Südsee! Wie das schon klang! Ein Land, wo die Leute ihrer Natur nach unmöglich Materialisten sein konnten! Und die herrlichen Frauen! Roger sah bereits eine Fülle von Modellen auf dem sandbedeckten Strande, dahinter das indigoblaue Meer und einen wolkenlosen azurnen Himmel mit einer chemischen Strahlung, die seine wildesten Träume übertraf. Männer und Frauen – welche Modelle mit dieser wunderbaren dunklen Haut, die zum Malen einlud! Und natürliche Modelle, nicht Geschöpfe, die man auf den Knien bitten mußte, daß sie einem saßen, und die man heimlich malen mußte, damit nicht das ganze Dorf in Aufruhr geriet! Und keine Fräulein Limpnetts, die nachspionierten! Sondern ein freies Leben, und wenn man vielleicht die Bilder nicht verkaufte, so gab es dafür auch keine Einkommensteuer und keine Wassergebühren, keinen Nahrungsmangel, sondern das gesündeste Essen, das der Mensch für seinen widerspenstigen Verdauungsapparat finden konnte. Die Südseeinseln!
»Sind Sie je dort gewesen?« fragte er.
»Zweimal«, sagte Jimmy. »Einmal auf der Fahrt von Auckland nach Frisco, das andere Mal kam ich von Sydney. Samoa, das ist der richtige Ort für einen Künstler. Dort hat auch Robert Louis Stevenson gelebt und ist dort gestorben. Dort ist eine Landschaft für einen Künstler, möchte ich glauben!«