Janet Chapman
Küss niemals einen Highlander
Roman
Deutsch von Anke Lenz
blanvalet
Ich musste feststellen, dass Mutter Natur sich uns zuweilen fast aufdrängt und auch nicht davor zurückschreckt, lautstark Gehör zu fordern, um sich unsere Aufmerksamkeit zu sichern. Letzten Herbst wurde ich bei der Arbeit an meinem fünften Highlander-Titel wieder einmal daran erinnert. Ein Mörderschwarm (ja, so heißt es tatsächlich), neun Krähen an der Zahl, schrie auf den Bäumen meines vorderen Rasens Zeter und Mordio. Ein Exemplar im Besonderen (das ich Talking Tom nannte) stimte, vor meinem Schlafzimmerfenster hockend um vier Uhr morgens sein lautes Gekrächze an, bis ich aufstand, mich anzog und über den Hof in mein Schreibstudio eilte.
Es dauerte an die drei Wochen, bis ich schließlich kapierte, dass die Krähen in meinem Buch vorkommen wollten. Oder aber diese lärmende Rasselbande hatte meine Gutmütigkeit entdeckt und war auf Gratisfutter aus.
Nun kenne ich kaum jemanden, der Krähen füttert, doch sei hier gesagt, dass man sich auf andauernde Freigebigkeit einstellen sollte, hat man einmal damit angefangen. In jenem Herbst und Winter stand ich allmorgendlich im Morgengrauen auf, zog mich warm an und ging hinaus, um auf dem Weg zur Arbeit Essensreste und kleine Häufchen trockenes Katzenfutter auf dem Boden zu hinterlassen.
Dies schien meine schwarz gefiederten Freunde zu befriedigen und erwies sich tatsächlich als sehr unterhaltsam, wenn auch auf Kosten meines Ehemannes, der beauftragt wurde, mit der Motorschneefräse einen kreisförmigen Pfad in der immer tiefer werdenden Schneemenge auf unserem Vorderrasen anzulegen, damit ich meine Futterhäppchen weiterhin verteilen konnte. Wurde er gefragt, warum er seinen Rasen mit der Schneefräse freilege, lautete seine gemurmelte Antwort, das sei billiger als eine Scheidung.
Ich steigerte mich so hinein, dass ich dazu überging, erlesene Menüs zu komponieren. Von meinen Nachbarn erbettelte ich Häppchen, aus Restaurants brachte ich Reste in Hundetüten mit, ich kaufte sogar Hundefutter in Dosen, da ich wusste, dass meine Lieblinge bei Temperaturen unter null jede Menge Protein brauchten.
Ich merkte rasch, dass Krähen Tierfutter aus Dosen nicht schätzten. Sie rührten es nicht an. Einmal daran gerochen, ein Blick zum Haus, und das Gezeter setzte ein. Außerdem mochten sie weder Shrimps noch Karotten oder zerkochten Brokkoli. Dafür liebten sie Hausmannskost (kluge Tiere). Rindfleischeintopf war ein Knüller. Spaghetti und Fleischbällchen wurden verschlungen, und Steak entpuppte sich als ihr Lieblingsgericht. (Robbie und ich vertilgten das Steak; sie mussten die Knochen abpicken.)
Irgendwann Anfang Dezember, als ich bis über die Ohren in meinem Buch steckte, waren meine neun Krähen trotz meiner Großzügigkeit verschwunden. Und plötzlich wusste ich nicht aus noch ein. Ich verschlief die Sonnenaufgänge, erwachte unsicher und orientierungslos und litt an Schreibhemmung. Die lautstarken Inspirationen für mein Buch – zumal für Talking Tom, einen meiner Charaktere – hatten mich im Stich gelassen.
Eine Woche später aber kamen drei meiner Krähen buchstäblich aus heiterem blauem Himmel vom gefrorenen See hereingeflogen und landeten auf dem Baum, der ihren alten Futterplatz überblickte. Die dickbäuchigen Eichhörnchen hatten alles aufgefressen, was ich ausgelegt hatte, und meine Krähen schlugen so laut Krach, dass ich hinausstürzte, um ihnen die Reste des Eintopfs vorzusetzen, der für unser Abendessen vorgesehen war.
Meine Krähen waren wieder da! Mein Buch war gerettet! Sofort lief ich in mein Studio und machte mich wieder ans Schreiben. Und wer jetzt Only with a Highlander gelesen hat und Talking Tom begegnete, soll wissen, dass es ihn wirklich gibt, nicht nur in meiner Fantasie, sondern in meinem Garten.
Was also will Mutter Natur uns sagen, wenn sie unsere Aufmerksamkeit fordert? Nun, mir will sie sagen, hör auf das Universum, dort ist die Inspiration zu finden. Manchmal vernehme ich nur ein Flüstern oder verspüre ein unausgesprochenes Drängen, manchmal aber stürmt eine ohrenbetäubende Kakophonie mit der Forderung auf mich ein, ich solle Richtung und Absicht einer Prüfung unterziehen.
Halten Sie jemals inne und lauschen? Und was hören Sie dann?
Bis später und … weiterlesen!
Janet
Winter MacKeage verlor den Faden des Gespräches, als die stattliche männliche Gestalt in ihr Blickfeld trat. Rose hingegen sprach weiter, ungeachtet der Tatsache, dass das prächtigste Mannsbild, das je seinen Fuß nach Pine Creek gesetzt hatte, eben jetzt stehen geblieben war, um die Bilder im Schaufenster von Winters Kunstgalerie zu betrachten.
»Sag ihr, dass ich recht habe«, forderte Rose und stieß Winters Arm leicht an. »Sag Megan, dass kein Mensch hinter ihrem Rücken tuschelt. He!«, rief Rose und fasste nach Winters Ärmel, um sie wieder ins Gespräch zu ziehen. »Deine Schwester glaubt, dass der ganze Ort sie bemitleidet.«
Winter riss den Blick von der göttlichen Erscheinung vor dem Fenster los und sah Rose und ihre Schwester Megan blinzelnd an, bemüht, sich zu erinnern, worüber gesprochen worden war.
Rose seufzte. »Verdammt, Winter, leiste mir Schützenhilfe. Mach Megan endlich klar, dass sie nicht das Hauptthema des Dorfklatsches ist.«
Nun erst sah Winter in die tränenfeuchten Augen ihrer Schwester. »Ach, alle reden über dich, Meg«, sagte sie. »Aber nur, weil du herumläufst wie eine Fetzenpuppe, die den ganzen Sommer über draußen im Regen stand.«
»Das ist nicht sehr hilfreich«, fuhr Rose sie an und stieß sie in die Seite.
Winter wich aus, verschränkte die Arme und ignorierte Rose, während sie Megan finster anschaute. »Du machst immer ein so langes Gesicht, dass es ein Wunder ist, dass du nicht über dein Kinn stolperst, wenn du dich dahinschleppst wie ein verprügelter Hund.« Winter berührte die hängende Schulter ihrer Schwester. »Schwangerschaft ist keine Krankheit«, fuhr sie sanfter fort. »Und auch kein Weltuntergang. Die Einzige, die dich bemitleidet, bist du selbst. Wenn damit nicht bald Schluss ist, kommt dein Kind mit einem Dauerschmollen zur Welt.«
Megan MacKeage fuhr sich über ihr gerötetes Gesicht und begegnete Winters liebevollem Lächeln mit einem wütenden Blick. »Dich möchte ich hören, wenn dein Herz gebrochen wird«, zischte Megan, »und du nach Hause flüchtest, weil die Liebe deines Lebens Reißaus genommen hat, als sich ein Kind ankündigte.«
Winter umfasste Megans Schulter und beugte sich zu ihr. »Ich habe dich lieb, Meg. Mama und Papa haben dich lieb, und Rose hat dich lieb. Ganz Pine Creek liebt dich. Dass ein fieser Typ von allen, die dich lieben, aus der Reihe tanzt, ist deinen Kummer nicht wert. Wayne Ferris ist ein niederträchtiger Schleimer, zu beschränkt, um würdigen zu können, was für eine wundervolle Frau du bist. Du musst ihn abschreiben und dich auf dein Kind konzentrieren. Wenn du so weiterheulst, wird dein Kind noch glauben, dass es unerwünscht ist.«
Megans Blick wanderte an Winters Schulter vorbei, während ihre Unterlippe zitterte und ihre Augen sich wieder mit Tränen füllten. »Ich dachte, er liebt mich«, flüsterte sie und sah Winter verzweifelt an. »Er hat gesagt, dass er mich liebt.«
»Er hat geliebt, was du für seine Karriere tun konntest«, sagte Winter ebenso leise. »Aber monatelang draußen in der Tundra zu kampieren, das tut Babys nicht gut. Dieser Wayne hat sich entschieden …«
Das Bimmeln des Glöckchens an der Galerietür unterbrach sie. Als Winter sich umdrehte, sah sie, dass Rose fassungslos zur Tür starrte. Megans Augen waren ebenfalls aufgerissen, ihr Mund stand offen. Aber wer wäre in Gegenwart so unglaublicher … Männlichkeit nicht wie vom Donner gerührt gewesen? Der eintretende Mann war so hinreißend, dass einem die Worte fehlten.
Was für Winter ein so unmittelbares Problem zu sein schien, dass sie nicht einmal reagieren konnte, als der große, gut aussehende Fremde ihr zunickte – obwohl sie Rose seufzen hörte und Megans Schubs im Rücken spürte.
»Was … was kann ich für Sie tun?«, brachte Winter schließlich heraus.
Rätselhafte, goldene Augen suchten ihre, und es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, nicht noch einen Schritt zurückzuweichen. Der Mann schien den gesamten Raum auszufüllen.
»Stammt das Bild im Schaufenster von einem einheimischen Künstler?«, fragte er.
Das tiefe und volle Timbre seiner Stimme beeindruckte Winter. Ein zweiter heftiger Stoß in den Rücken verhinderte, dass sie nicht zu atmen vergaß. »Ja … ja«, sagte sie. »Die Malerin lebt hier in Pine Creek.« Winter deutete auf eine Wand ihrer Galerie. »Die meisten Gemälde sind von ihr. Und alles, was wir verkaufen, stammt von einheimischen Künstlern«, schloss sie fast flüsternd, nicht imstande, den Blick von seinem markanten, gebräunten Gesicht abzuwenden.
Er erwiderte ihren Blick mit amüsiert zusammengekniffenen Augen.
»Bitte, sehen Sie sich ruhig um«, fuhr sie mit einer halbherzigen Handbewegung fort, erleichtert, dass ihre Stimme wieder einigermaßen normal klang. »Ich stehe für alle Fragen zur Verfügung.«
»Danke«, sagte er mit einem leichten Nicken, ehe er sich der Wand mit den Bildern zuwandte.
Kaum sah er in die andere Richtung, drehte Winter sich blitzschnell um und sah Megan und Rose an. Keine der beiden bemerkte jedoch ihren Blick, da sie den Mann weiterhin verdutzt anstarrten. Besorgt, dass er sich umdrehen und sie ertappen könnte, packte Winter sie beide am Arm und schob sie vor sich her ins Hinterzimmer.
»Lasst das«, zischte sie leise. »Ihr seid ungezogen.«
»Habt ihr gesehen, wie breit seine Schultern sind?«, flüsterte Rose und verrenkte sich den Hals, um einen Blick zurück in die Galerie zu werfen.
Winter zog die beiden von der Tür fort. »Rose Dolan Brewer, du bist eine glücklich verheiratete Frau mit zwei Kindern. Die Schultern anderer Männer sollten dir nicht mal auffallen!«
Rose lächelte. »Gucken ist ja wohl erlaubt.«
»Habt ihr sein Haar gesehen?«, flüsterte Megan, deren Augen noch immer groß, aber nicht mehr im Geringsten verheult waren. »Sein Anzug hat vermutlich mehr gekostet als meine gesamte Garderobe, aber sein Pferdeschwanz …«
»Und diese Augen«, warf Rose ein, ehe Winter antworten konnte. »Satt wie die goldenen Augen eines Tigers. Meine Knie wurden ganz weich, als er dich ansah, Winter.«
»Das reicht. Raus jetzt«, sagte Winter und drängte sie zur Tür, die das Hinterzimmer ihrer Galerie mit Dolan’s Outfitter Store verband. »Ihr vergrault mir noch den aussichtsreichsten Kunden des Tages.«
Rose betrat ärgerlich schnaubend ihren Laden und fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzes braunes Haar. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas gibt, das diesen Mann vergraulen könnte«, murmelte sie und strich ihre Bluse glatt, als sie sich zu Winter umdrehte. »Schick ihn danach rüber in meinen Laden«, sagte sie mit spitzbübischem Lächeln. »Ich … ich werde ihm passendere Klamotten für diese Gegend verpassen.«
Megan seufzte. »O Gott, was sieht der Bursche doch blendend aus! Vielleicht sollte ich bleiben und dir helfen, die Figuren aufzustellen, die Talking Tom heute gebracht hat.«
Winter hatte nicht das Herz, Megan zu erinnern, dass sie Männern – prächtig aussehend oder nicht – abgeschworen hatte, als sie letzten Monat von ihrem Feldforschungsprojekt in Kanada zurückgekehrt war, verlassen und im zweiten Monat schwanger. Sie fand es erfreulich, dass sich das Gesicht ihrer Schwester aufgehellt hatte.
»Danke«, sagte Winter mit zärtlichem Lächeln, »aber ich glaube, ich warte damit noch und stelle Toms Schnitzarbeiten erst morgen aus.«
Nach einem letzten Blick zur Galerietür folgte Megan Rose seufzend in die Camping-Abteilung, und Winter schloss leise die Verbindungstür. Sie fuhr sich durch die langen blonden Locken, richtete sich mit einem beruhigenden Atemzug zu ihrer ganzen Größe von eins fünfundsechzig auf und ging zurück in die Galerie.
Mr. Tigerauge stand noch immer mit dem Gesicht zur Wand. Er hatte sich bis zu einem Gemälde vorgearbeitet, das an der Stirnseite des Ladens hing, die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn auf eine seiner großen gebräunten Fäuste gestützt, eine Haltung, die bewirkte, dass sich der Stoff seines teuren Anzugs eng um seine Schultern spannte, die eine beeindruckende Breite aufwiesen. Er warf Winter nur einen beiläufigen Blick zu, als sie an den Ladentisch trat, dann widmete er sich wieder dem Bild.
Es war ein großformatiges Aquarell, das es ihm offenbar besonders angetan hatte. Sie hatte die nächtliche Szene, die einen Bergwald im Mondschein zeigte, vergangenes Frühjahr gemalt und Moon Watchers genannt. Um einen dicken alten Baumstumpf drängten sich drei Bärenjunge, deren geplagte Mutter sich ein Nickerchen gönnte, während die Kleinen im Dunkeln spielten. Eines der Jungtiere hockte gewagt oben auf dem Stumpf, die kleine Schnauze himmelwärts richtend, und heulte die große silberne Scheibe am sternenübersäten Himmel an, während seine Geschwister mit gebanntem Ausdruck auf den mondbeschienenen Gesichtern zusahen. Und wenn man das Bild lange genug betrachtete, fielen dem Betrachter noch andere, im Dunkeln verborgene Nachtgeschöpfe auf, die die kleinen Bären im Mondschein heimlich beobachteten.
Es war ein Bild, das wegen seines verspielten Motivs und der mystischen Stimmung normalerweise eher weibliche als männliche Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Winter wandte ihren Blick zu dem davor stehenden Mann.
Er war mindestens so groß wie ihr Vetter Robbie MacBain, und Robbie maß knapp zwei Meter in Socken. Die Schultern dieses Mannes waren ebenso breit, seine Beine so lang und muskulös unter dem perfekt sitzenden Maßanzug, seine Hände ebenso groß und kräftig. Er hatte den Körper eines Athleten, was zeigte, dass er, wer immer er sein mochte, nicht seine gesamte Zeit in Sitzungsräumen mit Papierkram zubrachte.
Wie Megan ertappte Winter sich dabei, dass sie seinen Zopf fragwürdig fand, falls er wirklich ein erfolgreicher Geschäftsmann sein sollte. Er trug sein braunes Haar, das dicht und glatt war, aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken mit einer dünnen Lederschnur zusammengebunden. Winter schätzte, dass sein Haar, wenn er es offen trug, gerade seine Schultern streifte.
Plötzlich wurde ihr klar, dass sie ihn ebenso ungehörig anstarrte, wie Megan und Rose es getan hatten. Mit einem lautlosen Seufzer senkte Winter den Blick auf den Zettel, den Tom auf die Ladentheke gelegt hatte, als er seine jüngste Kollektion von Holzfiguren gebracht hatte. Eine kurze Liste, wie Winter sah, als sie sich darauf zu konzentrieren versuchte. Diesmal waren es nur fünf Stück, die dort aufgeführt waren.
Die erste Figur auf der Liste war ein Backenhörnchen, für das Tom hundertfünfzig Dollar verlangte. Die nächste war ein Fuchs, den er mit zweihundert ausgepreist hatte. Eine Forelle sollte vierhundert Dollar kosten, eine Schneeeule zweihundert.
Winter lächelte, als sie die letzte Figur sah – eine ihre Brut im Nest hegende Krähe, für die er zwölfhundert Dollar verlangte.
Tom oder Talking Tom, wie er im Ort liebevoll genannt wurde, schnitzte jede Menge Krähen. Und immer verlangte er einen höheren, wenn nicht sogar lächerlich hohen Preis für sie. Das Erstaunliche war, dass Winter in den letzten eineinhalb Jahren in ihrer Galerie ziemlich viele dieser Krähen verkauft hatte. Je teurer etwas war, desto begehrenswerter war es für die Touristen.
Talking Tom. Mindestens siebzig Jahre alt, war er an einem schönen Aprilmorgen vor zweieinhalb Jahren einfach in Pine Creek aufgetaucht und seither meist für sich geblieben. Man wusste nicht viel von ihm, außer der Tatsache, dass er mit sich selbst redete, wenn er die Wälder durchstreifte – daher auch der Spitzname Talking Tom. Da er sich mit krankem Getier gut auskannte, brachten die Leute ihre kranken Haustiere meist zu Tom, anstatt die vierzig Meilen bis zum nächsten Tierarzt zu fahren.
Soweit Winter wusste, hatte Tom niemandem seinen Nachnamen genannt. Er war scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht und hatte sich in einer alten verlassenen Hütte auf dem Bear Mountain einquartiert, der sich am Ortsrand und Ostufer des Pine Lake erhob.
Winter hatte spontan Zuneigung zu Tom empfunden, weil sie in ihm eine verwandte Seele erkannte. Wenn Tom seine kleinen Kunstwerke schuf, verlieh er wie sie dem Wald und seinen Geschöpfen eine magische und geheimnisvolle Aura. Seine fein gearbeiteten Holzfiguren waren wie ihre Bilder eher mystisch als realistisch.
Winter hatte fast ein ganzes Jahr benötigt, um Tom zu überreden, seine kunstvollen Figuren in ihrer Galerie zu verkaufen. Seine Bedürfnisse waren gering, und ein guter Teil des Geldes, das er mit seinen Schnitzereien verdiente, gab er oft für andere aus. Kam er in die Stadt, war er meist in Dolan’s Outfitter Store anzutreffen, und jedes weibliche Wesen – von der Neugeborenen bis zur Neunundneunzigjährigen, verheiratet oder ledig – verließ den Laden mit einer Packung Schokolade. Rose bestellte Schokolade inzwischen kistenweise, seitdem Toms Neigung, die Damen zu verwöhnen, ihre Bestände immer rasch dahinschmelzen ließ.
»Übernimmt sie auch Auftragsarbeiten?«
Winter blickte auf und hielt die Luft an. Wie hatte sie vergessen können, dass sie einen Kunden im Laden hatte. Zumal einen solchen! »Wie bitte?«, fragte sie.
»Die Künstlerin«, sagte er, und wies mit einem Kopfnicken auf die Bilderwand. »Übernimmt sie auch Auftragsarbeiten?«
»Ja … ja, sie nimmt auch Aufträge an.«
Eine seiner dunklen Brauen wölbte sich. »Das sind Ihre Bilder«, stellte er leise fest, als er wieder den Blick auf die Wand richtete. Er betrachtete das große Aquarell noch eine Weile, dann drehte er sich zu ihr um und sah sie mit seinen tiefgoldenen Augen an. »Ich nehme die Moon Watchers«, sagte er. »Aber ich möchte das Bild hierlassen, bis ich eine Wand habe, an der ich es aufhängen kann.«
Winter blickte ihn verwirrt an. »Eine Wand, um es daran aufzuhängen?«, wiederholte sie.
Er ging ein paar Schritte auf sie zu, blieb dann stehen und lächelte verschmitzt. Es war das Lächeln eines kleinen Jungen und passte nicht in ein Gesicht, das … das so maskulin war.
»Ich werde hier in Pine Creek bauen«, erklärte er, »und möchte das Bild bei Ihnen lassen, bis mein Zuhause fertig ist.« Er wies mit einer Kopfbewegung auf die Wand, ohne den Blick von Winter abzuwenden. »Wenn Sie wollen, können Sie es hier ausstellen, und ich komme und sehe es mir an, wann immer ich möchte. An Stelle des Preises machen Sie ein ›Verkauft‹-Schild. Geht das in Ordnung?«
Sie durfte nicht länger in seine Augen starren! Sie konnte nicht denken, geschweige denn dem Gespräch folgen, und benahm sich noch alberner als Megan und Rose. Winter riss ihren Blick los und suchte auf dem Ladentisch, bis sie ihr Verkaufsbuch unter Toms Liste entdeckte und schließlich einen Stift fand.
Als Nächstes fand sie ihren Verstand und dann ihre Stimme wieder. »Kein Problem, wenn Sie das Bild hierlassen möchten. Sagen Sie bitte, was Ihnen an Moon Watchers gefallen hat, Mr. … Mr. …« Sie verstummte, den Stift schreibbereit, um seinen Namen zu notieren.
Sie blickte auf, als er sich mit der Antwort Zeit ließ und sah, dass er nur zwei Fuß entfernt dastand und seine goldenen Augen ihren Blick erwiderten. »Gregor«, sagte er leise, und seine tiefe Stimme jagte ihr wieder Schauer über den Rücken. »Matt Gregor. Ich hatte immer schon eine Schwäche für Bären.«
Sie versuchte mühsam, sich zusammenzureißen. Er war schließlich nur ein Kerl. Zugegeben, ein umwerfender Kerl, sie aber benahm sich, als hätte sie noch nie mit einem Mann gesprochen, geschweige denn mit einem, der ihr gefiel. Wieder riss Winter ihren Blick von ihm los und schrieb seinen Namen oben auf das Blatt. Sie notierte den Titel des Bildes und wollte den Preis daneben schreiben.
Eine große, warme Hand legte sich auf ihre, und Winter hielt den Atem an. Aufblickend sah sie, dass Gregor sie wieder wie ein kleiner Junge anlächelte. Sie konnte sein Lächeln nur hilflos erwidern.
»Zwanzig Prozent Nachlass, wenn ich ein zweites Bild nehme«, forderte er mit herausfordernd funkelnden Augen. »Ich möchte auch das kleine Aquarell mit dem Panther.«
Langsam und sehr bemüht, ihn nicht merken zu lassen, wie seine Berührung sie verwirrte, entzog sie ihm ihre Hand. »Tut mir leid, aber der Panther ist unverkäuflich«, gab sie zurück. »Er gehört zu meiner Privatsammlung. Das Bild hängt nur hier, weil ich gerade ein anderes Bild verkauft habe.«
Matt Gregors Miene verwandelte sich von der eines kleinen Jungen zu der eines Jägers auf der Pirsch. Aus seinen Augen wich das Lächeln. »Ich zahle für den Panther so viel wie für die Moon Watchers«, äußerte er mit ruhigem Nachdruck. »Keinen Nachlass auf beide.«
Verdammt! Wenn er sie so ansah, hätte sie ihm am liebsten alle Bilder der Galerie gegeben – besonders den Panther. Winter verkniff sich mit Mühe ein lautes Wutschnauben. Matt Gregor war es gewohnt zu bekommen, was er wollte, das stand fest.
»Gesader ist unverkäuflich«, sagte sie und bekräftigte ihre Worte mit einem Kopfschütteln. »Suchen Sie sich etwas anderes aus, das Ihnen gefällt, und Sie bekommen einen Rabatt.«
Er verschränkte die Arme und betrachtete sie auf ähnliche Weise wie ihre Bilder. Winter spürte, wie ihr Wärme in die Wangen stieg, doch hielt sie unbeirrt seinem Blick stand, entschlossen, sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen.
Winter konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zum letzten Mal von einem Mann so provoziert gefühlt hatte. Und innerlich so warm und dem Dahinschmelzen nahe. Und so herausgefordert.
Sie legte den Stift weg und kam hinter dem Ladentisch hervor, um an Matt Gregor vorbei zur Bilderwand zu gehen. Vor einer kleinen Pastellzeichnung blieb sie stehen und verschränkte die Arme. »Wenn Sie Katzen mögen, hätte ich hier die Zeichnung eines Maine-Luchses.«
Sie spürte, dass er neben sie trat, wandte den Blick aber nicht von der Zeichnung eines verwirrten Luchses auf der Suche nach dem Hasen, den er jagte. Im Hintergrund sah man einen perfekt getarnten Schneehasen. »Wenn Sie in dieser Gegend ein Haus planen, Mr. Gregor, könnte ich mir denken, dass Ihnen Bilder zusagen, die einheimisches Wild zeigen. In Maine gibt es zwar keine Panther, dafür aber Luchse, Rotluchse und Bären.«
»Woher haben Sie den Namen Gesader?«, fragte er, ohne auf ihren Vorschlag einzugehen.
Ihr Blick glitt die Wand hinunter zu dem kleinen Aquarell des schwarzen Leoparden, der auf einem starken Ast döste. »Das heißt ›Zauberer‹ auf Gälisch«, sagte sie mit liebevollem Lächeln.
»Gälisch?«, wiederholte Matt Gregor und wandte sich ihr zu. »Mir war doch, als hörte ich bei Ihnen einen leichten Akzent heraus … Sind Sie Irin?«
»Nein, schottischer Abstammung«, sagte sie mit übertriebenem schottischen Zungenschlag. Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf das neben dem Bild angepinnte Informationskärtchen und streckte ihm die Hand entgegen. »Winter MacKeage.«
Seine Hand verschluckte ihre. Sein Griff war warm und fest, aber nicht zu stark. »Sehr erfreut, Miss MacKeage.« Wieder zog er eine Braue hoch. »Oder etwa Mrs.?«
»Miss. Für meine Kunden Winter.«
Sein Handgriff wurde fester. »Ich bin noch kein Kunde, Miss MacKeage. Wir haben unser Geschäft noch nicht abgeschlossen.«
Winter zwang sich, dem Händedruck standzuhalten. »Für Moon Watchers den vollen Preis, aber Um Hasenbreite können Sie für die Hälfte haben«, bot sie ihm an und nickte in Richtung der Luchs-Zeichnung.
Matt Gregor, der noch immer ihre Hand festhielt, stieß einen leisen Seufzer aus. »Für den Panther kann ich Ihnen wohl kein Angebot machen, das Sie reizen würde, oder?«
Endlich bekam Winter ihre Hand frei, versteckte sie hinter dem Rücken und rieb ihre Finger, während sie langsam den Kopf schüttelte. »Tut mir leid, der ist unverkäuflich.«
Sein Blick wanderte von ihr zur Luchs-Zeichnung. Er studierte diese sekundenlang, ehe er wieder zu ihr schaute. »Einverstanden«, sagte er mit einem Nicken. Er zog den Sticker von der Wand, ging dann zu Moon Watchers und entfernte auch diesen. Dann ging er an den Ladentisch und legte die Sticker neben die halb ausgefüllte Rechnung, während Winter hinter den Tisch ging und zu ihrem Stift griff.
»Hm … ich komme noch einmal auf die Auftragsarbeit zurück«, sagte er, als sie zu schreiben anfing.
Sie hielt inne und blickte auf. »Was möchten Sie? Allerdings zeichne ich ausschließlich lebendige Wesen.«
Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Es geht nicht um ein Bild, Winter MacKeage, sondern um Ihren Blick.«
Winter legt den Stift aus der Hand. »Wie bitte?«
»Um Ihren Künstlerblick«, sagte er geheimnisvoll. »Ich möchte Sie beauftragen, den Standort für mein Haus auszusuchen.«
Winter konnte ihn nur anstarren.
»Und dann sollen Sie nach Ihrer Vorstellung ein Aquarell von dem Haus anfertigen.«
»Nach meiner Vorstellung?«, wiederholte sie erstaunt. »Sie meinen wohl nach den Bauplänen? Aber man fertigt doch eher ein Modell an.«
Er schüttelte den Kopf. »Es gibt noch keine Pläne. Ich möchte Ihr Aquarell den Architekten zeigen und mein Haus an der von Ihnen ausgesuchten Stelle bauen lassen.«
Nun war Winter völlig sprachlos.
Matt Gregor stieß wieder einen leisen Seufzer aus, stützte beide Hände auf den Ladentisch und beugte sich zu ihr. »Es ist eine einfache Bitte, Winter. Vor zwei Jahren habe ich Bear Mountain gekauft, und jetzt bin ich bereit, dort zu bauen … sobald Sie den optimalen Standort für diese Gegend gefunden haben.«
»Und warum ich?«
Er beugte sich noch tiefer zu ihr. »Weil mir gefällt, was Sie für den Wald empfinden und was Sie in ihm sehen.«
»Ein Haus ist aber etwas sehr Persönliches.«
»Ja«, gab er ihr bereitwillig recht, richtete sich auf und verschränkte wieder die Arme. »Aber wenn Sie ein paar Tage mit mir mein Land durchstreifen, werden Sie mich gut genug kennen, um sich etwas einfallen zu lassen, das mir gefällt.«
Winter war nicht mehr verwirrt, sie war wieder beunruhigt. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Sollte Ihre Frau nicht ein Wörtchen beim Bau mitzureden haben?«
»Ich bin nicht verheiratet.«
»Ach so … nun ja … ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Ich bin Malerin, Mr. Gregor, und nicht Architektin.«
»Ich heiße Matt«, sagte er leise, griff in seine Anzugjacke und zog eine schmale schwarze Lederbrieftasche heraus. »Und ich bitte Sie nicht, mein Haus zu planen, sondern es sich nur vorzustellen und den Standort auszusuchen.« Er zog eine Kreditkarte heraus und legte sie auf den Ladentisch neben die noch immer nicht fertige Rechnung. »Ich habe eine Suite im TarStone Ski Resort gebucht«, fuhr er fort, zog eine Visitenkarte heraus und legte sie neben seine Kreditkarte.
Er griff zu ihrem Stift und schrieb VERKAUFT in schwarzen Blockbuchstaben auf die Rückseite des Schildchens, ging zurück und pinnte es neben Moon Watchers an die Wand. Dasselbe machte er mit Um Hasenbreite.
Winter war endlich mit der Rechnung fertig, steckte seine Kreditkarte in das Lesegerät, riss den Ausdruck des Apparates ab und reichte ihm diesen zur Unterschrift.
Er unterschrieb zügig, nahm sodann Kreditkarte und Empfangsbestätigung und steckte sie in seine Brieftasche. »Es ist doch kein Problem, wenn ich meine Bilder hierlasse?«, fragte er.
»Nein, kein Problem. Ihnen also gehört Bear Mountain? Wollen Sie sich fest in Pine Creek niederlassen oder sich nur ein Ferienhaus bauen?«
»Ich baue ein Domizil, weiß aber noch nicht, wann ich umziehe«, sagte er und steckte die Brieftasche wieder in seine Jacke. »Das hängt von meinem Bruder ab.«
»Von Ihrem Bruder?«
Matt Gregor lächelte freundlich und ging nach einem kurzen Nicken zur Tür. Dort blieb er stehen und drehte sich um. »Ich erwarte, dass Sie sich mit mir morgen um zehn in der Lobby des TarStone treffen und mir Ihre Zusage geben. Enttäuschen Sie mich nicht, Winter. Absagen nehme ich nicht gut auf.« Er sagte es, öffnete die Tür und ging unter dem Gebimmel der Türglocke hinaus.
Winter griff nach der Visitenkarte, die er hinterlassen hatte. Matheson Gregor stand in fetten grünen Buchstaben darauf, dazu eine Adresse in New York City, allerdings ohne Bezeichnung einer Geschäftsbranche. Sie sah zu dem Bild Moon Watchers.
Er hatte eine Vorliebe für Bären, hatte er gesagt.
Und ihm gehörte Bear Mountain.
Wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken, diesmal aber war nichts Warmes und Wohliges daran. Es waren keine Tigeraugen, die heute ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, sondern jene eines anderen eindrucksvollen Geschöpfes: Matheson hieß auf Gälisch »Sohn des Bären«.
Verflixtes stures altes Biest«, grollte Winter, als sie den Sattelgurt zum zehnten Mal anzog.
Ein leises Lachen von links, und Winter blickte auf und sah ihren Vater die Boxen entlanggehen. »Den armen alten Snowball auszuschimpfen, hat in zwanzig Jahren nicht ein einziges Mal etwas bewirkt«, sagte Greylen MacKeage, der Winter wegdrängte und dann geduldig wartete, bis das alte Zugpferd das Spielchen satt hatte und schließlich ausatmete. Rasch zog Greylen den Riemen stramm und stellte den Steigbügel auf die richtige Höhe ein. »Und wohin schleichst du dich in aller Herrgottsfrühe eine Stunde vor Sonnenaufgang davon?«, fragte er und drehte sich zu ihr um.
Winter sah ihn mit hilflosem Lächeln an. »Was hat mich verraten? War es das Dielenbrett, das du nicht festmachen willst? Ich war sicher, dass ich es heute ausgelassen habe.«
Ihr Vater zupfte liebevoll an einer losen Strähne, die dem dicken Zopf entschlüpft war, der ihr über den Rücken hing. »Ich brauche kein knarrendes Dielenbrett, um zu wissen, wenn eine meiner Töchter aus dem Haus schleicht.« Er wurde ernst. »Du willst zum Bear Mountain, stimmt’s? Ich dachte, wir hätten gestern beim Dinner entschieden, dass du Gregors Auftrag nicht annimmst.«
»Ich selbst habe noch nicht entschieden. Du und Mama habt die Entscheidung getroffen, und zwar ausschließlich auf Grund von Megans Aussage.«
»Deine Schwester schilderte uns Matt Gregor als gefährlich aussehenden Mann«, konterte er leise, wobei seine Augen sich vor väterlicher Besorgnis verdunkelten. »Außerdem sagte sie, er wäre so groß wie Robbie. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass du mit ihm die Wälder durchstreifst.«
Winter verdrehte die Augen. »Für Megan ist jeder Mann groß und gefährlich. Sie ist ja nicht einmal eins sechzig. Sogar ich komme ihr groß vor.«
»Wir wissen nichts über Gregor«, entgegnete Greylen und pflanzte sich mit verschränkten Armen in väterlich autoritärer Haltung vor ihr auf. »Nur, dass er gestern in unserem Hotel abstieg und an der Rezeption sagte, er würde mindestens einen Monat bleiben.«
Das Gebaren ihres Vaters hatte bei Winter kein einziges Mal in vierundzwanzig Jahren gewirkt, und das tat es auch an diesem Morgen nicht. Winter lächelte. »Ich mache nur einen Ausritt auf den Bear Mountain, Papa, um mich ein wenig umzusehen, ehe ich Mr. Gregor meine Antwort gebe.«
»Du wirst diesen Auftrag annehmen«, murmelte Greylen. Dann kniff er warnend die Augen zusammen. »Versprich mir aber, dass du immer jemanden mitnimmst, wenn du mit diesem Kerl durch die Wälder streifst.«
»Zählt dabei auch Gesader?«, fragte sie und verkniff sich ein Schmunzeln.
Greylen MacKeage überlegte schweigend, strich über sein Kinn und nickte schließlich. »Das Tier würde jeden töten, der versucht, dir etwas anzutun.« Er schüttelte den Kopf. »Mich verblüfft immer wieder, dass du deine Kindheit überlebt hast, ehe dieser Panther daherkam. Jedes graue Haar auf meinem Kopf beweist, wie oft ich dir nachjagen oder dich aus irgendeinem Schlamassel ziehen musste, in das du geraten warst.«
Winter stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Es tut mir leid, dass ich für dich eine solche Plage war, Papa, aber ich liebe dein Grau«, flüsterte sie und strich mit den Fingern durch sein Haar. »Es macht dich so nobel und weise.«
Ehe sie einen Schritt weg von ihm tun konnte, zog er sie in eine Umarmung, die ihre Zehen vom Boden hob. »Du warst keine Plage, Kleine, du warst mein achtes kostbares Glück.«
Winter lächelte in seine Schulter. Ihre Mutter war das erste Glück ihres Vaters, und seine sieben Töchter verachtfachten es, wie er ihnen immer wieder versicherte. »Ich hab dich lieb, Papa. Mach dir meinetwegen keine Sorgen. Ich habe einen ganzen Wald voller Beschützer.«
»Ja«, knurrte er, ehe er sie wieder auf die Füße stellte. Er machte Snowball von seiner Kette los und reichte ihr die Zügel. »Warte draußen auf mich. Ich reite ein Stück über den TarStone mit dir.«
»Und was hast du so früh am Morgen zu tun?«
Seine Augen funkelten wild. »Der alte Priester hat mich zum Frühstück eingeladen.« Er schüttelte den Kopf. »Er muss etwas sehr Wichtiges wollen, wenn er wagt, mich statt Robbie MacBain zu sich zu bitten.«
Winter lachte auf und führte Snowball aus dem Stall. »Und deine Neugierde hat die Oberhand gewonnen«, sagte sie über die Schulter. »Und deshalb schleichst du dich auch vor Sonnenaufgang aus dem Haus.«
Draußen führte Winter Snowball zu einem als Aufstiegshilfe gedachten Treppchen. Ihr Onkel Ian MacKeage hatte die Stufen vor fast dreißig Jahren gebaut, als Winters älteste Schwester Heather mit dem Reiten begonnen hatte.
Alle sieben MacKeage-Mädchen hatten zum Entsetzen ihrer Mutter reiten gelernt, fast ehe sie laufen konnten. Ihr äußerst eigenwilliger Onkel Ian hatte sie an den Umgang mit großen Pferden gewöhnt und Grace MacKeage gleichzeitig zu überzeugen versucht, dass ihre Töchter auf lammfrommen Großformaten sicherer wären als auf Ponys. Snowball war Ians Geschenk zu Winters fünftem Geburtstag. Sie hatte noch den Aufschrei ihrer Mutter im Ohr, als sie unter dem Bauch ihres neuen Lieblings durchgegangen war, ohne mit dem Kopf das Pferd zu streifen.
Snowball und Winter hatten sofort aneinander Gefallen gefunden und im Verlauf zwanzig abenteuerlicher Jahre die Wälder um TarStone Mountain gemeinsam erkundet.
»Ich weiß, dass dir dein Onkel noch immer fehlt, Mädchen, doch solltest du daran denken, dass er jetzt glücklich ist«, sagte ihr Vater, als er sein eigenes Pferd zu ihr führte.
Winter merkte, dass sie das Treppchen anstarrte, das ihr Onkel vor so langer Zeit liebevoll für sie gezimmert hatte. »Ich konnte ihm nicht einmal Lebewohl sagen. Er ging ohne ein Abschiedswort von uns«, antwortete sie traurig.
Ihr Papa hob ihr Kinn an, damit sie sein zärtliches Lächeln sehen konnte. »Er hinterließ dir eine Nachricht, Mädchen, in der er dir sagte, wie lieb er dich hat.«
»Glaubst du … glaubst du, dass er noch am Leben ist, Papa?«, fragte Winter, als sie Snowball bestieg.
»Ja. Er ist erst seit zwei Jahren fort, und Ian standen noch viele gute Jahre bevor. Er ist mit seiner Frau und den Kindern zusammen. Da er glücklich ist, solltest auch du für ihn glücklich sein.«
»Ich kann für ihn glücklich sein und ihn dennoch vermissen.« Sie stellte sich auf die oberste Stufe und drehte sich zu Snowball um. »Du …versprich mir, dass du nicht plötzlich verschwindest, Papa, ja?«, bat sie mit einem Blick zurück.
Er schüttelte langsam den Kopf. »Das verspreche ich. Ich bleibe hier, bis die Engel mich dir entreißen.«
Auch Greylen stieg in den Sattel, dann trieb er sein Pferd an, den Blick auf den Gipfel des TarStone richtend. »Der verdammte alte Priester tut gut daran, nichts im Schild zu führen«, sagte er und blickte sich nach Winter um. »Ich werde langsam zu alt für seine Possen.«
»Dann bist du sicher auch zu alt für ein Wettreiten!«, rief sie und trieb Snowball zum Galopp an.
In Sekundenschnelle war ihr Vater wieder an ihrer Seite, wobei sein eigenes Pferd sich leichtfüßiger bewegte. Greylen MacKeage ritt kein Zugpferd wie seine Töchter, sondern ein halbwildes Tier, einen Nachkommen des Schlachtrosses, das es mit ihm vor achtunddreißig Jahren durch den großen Strudel des Zeitsprungs geschafft hatte.
Der alte Priester Daar – in Wahrheit ein uralter Druide namens Pendaar – hatte einen Zauber gesprochen, der vier MacKeage- und sechs MacBain-Krieger mit ihren Schlachtrössern aus dem mittelalterlichen Schottland achthundert Jahre in die Zukunft katapultiert hatte. Fünf der MacBains waren in den ersten zwei Jahren hier verstorben. Winters Vater Greylen und ihre Onkel Ian, Callum und Morgan sowie Robbies Vater Michael MacBain waren als Einzige von den ursprünglichen zehn übriggeblieben.
Nur war Ian vor zweieinhalb Jahren in seine alte Zeit zurückgekehrt. Robbie MacBain hatte ihn durch den mächtigen Malstrom geleitet. Robbie, der den zwei Clans zugehörige und selbst mit magischen Kräften ausgestattete Wächter, konnte dank seiner Fähigkeiten seine Lieben schützen und verstand es, Vater Daar einigermaßen zu zügeln.
Winter, die diese fantastische Geschichte von Kindesbeinen an immer wieder zu hören bekommen hatte, begriff sehr bald, dass es sich um ein streng gehütetes Familiengeheimnis handelte. Zauberei war für moderne Menschen etwas Unfassbares, etwas, das man lieber der Fantasie von Romanautoren und Filmproduzenten überließ. Dass sie selbst der lebendige Beweis für die Existenz dieser Zauberkräfte war, bedeutete Winter wenig, da sie damit aufgewachsen war, dass man das Unerklärliche hinzunehmen hatte. Sie zügelte Snowball zum Schritttempo, als sie das Ende der mondbeschienenen Wiese erreichten und in die Dunkelheit des Waldes eintraten.
»Falls du Tom auf deinem Morgenritt sehen solltest«, sagte ihr Vater, als er sein Pferd neben ihr hielt, »könntest du ihn darauf vorbereiten, dass sein Hausherr jetzt da ist.«
Winter hielt Snowball an. »Ach richtig … ich hatte ganz vergessen, dass Tom am Bear Mountain lebt. Du glaubst doch nicht, dass Mr. Gregor ihn aus seiner Hütte werfen wird, oder? Tom tut niemandem etwas, und die Hütte liegt ein ziemliches Stück vom Seeufer entfernt.«
Ihr Vater legte seine Hand auf ihre, die die Zügel hielt. »Man muss es ihm trotzdem sagen, Mädchen, damit es ihn nicht unvorbereitet trifft. Du kannst ihm ein Plätzchen auf TarStone anbieten oder vielleicht wird unser Vetter Robbie ihm seine Hütte auf West Shoulder Ridge zur Verfügung stellen.«
»Aber das ist zu weit von der Stadt entfernt. Tom ist schon alt. Er kann nicht so weit den Berg hinauf und hinunter.«
Greylen MacKeage zog seine Hand weg und zog eine Braue hoch. »Er ist etwa so alt wie ich«, sagte er leise. »Und zweiundsiebzig ist nicht alt.«
Winter tätschelte seinen Arm. »Natürlich bist du nicht alt«, beeilte sie sich, ihm zu versichern, als sie ihr Pferd auf einen Forstweg lenkte, der sich bis zur Höhe des TarStone Mountain dahinzog. »Hast du schon mal gehört, dass jemand den Blick eines Malers für einen Auftrag in Anspruch nimmt, nur weil ihm ein Bild des Malers gefiel?«
»Nein, aber unlogisch ist diese Idee nicht«, sagte er. »Wer wäre geeigneter, den Standort eines Hauses auszusuchen, als ein Maler? Deinem Mr. Gregor gefiel deine Arbeit, und dein ausgeprägter Blick für Einzelheiten ist offenbar genau das, was er braucht.«
»Er ist nicht mein Mr. Gregor.«
»Schon gut.« Er lachte. »Nur ein Versprecher.«
»Wenn ich … wenn ich dir jetzt etwas sage, Papa, versprichst du mir, dass du nicht überbesorgt und väterlich reagierst?«
Er hielt sein Pferd an, worauf Snowball automatisch ebenfalls stehen blieb, und sah sie in den heller werdenden Schatten der Dämmerung an. »Aber ich bin dein Vater. Es ist meine Pflicht, besorgt zu reagieren, wenn es um dich geht. Zumal wenn es um deinen Umgang mit Männern geht. Also, heraus damit, Mädchen. Sag schon, was dich an Gregor so beunruhigt.«
Ihr Vater hatte ihre Gedanken immer schon viel zu klar lesen können. Sie war auch so gut wie sicher, dass ihr gemeinsamer Morgenritt kein Zufall war.
»Er flößt mir irgendwie Angst ein«, flüsterte sie. »Nicht dass er mir körperlich etwas antun könnte, aber … innerlich. Ach, ich kann es nicht erklären. Er hat etwas an sich, das mich gestern beunruhigte, als er in meine Galerie kam«, sagte sie angewidert. »Als er mich mit seinen goldenen Augen ansah, hätte ich ihm am liebsten alle meine Bilder überlassen.«
»Ach, Mädchen«, sagte Greylen leise lachend, »du bist dem Zauber zwischenmenschlicher Chemie erlegen. Das passiert uns allen zuweilen, und meist dann, wenn wir es am wenigsten erwarten.«
»Chemie? Das also ist es? Ich wurde zu einer sinnlos quasselnden Idiotin, nur weil mir der Mann gefallen hat?« Sie schnaubte und setzte Snowball wieder in Bewegung. »Es war mehr als Chemie, das sage ich dir. Da war etwas … etwas sehr Beunruhigendes an ihm.«
»So beunruhigend«, sagte Greylen, der sie einholte, »dass du heute hier bist, weil du seinen Auftrag annehmen möchtest.«
Das war nicht die Reaktion, die sie von ihrem Vater erwartet hatte. Wieso untersagte er ihr nicht, sich mit Matt Gregor zu treffen? Warum schwang er sich nicht wie sonst zum Beschützer seines kleinen Mädchens auf?
»Winter«, sagte er und griff nach Snowballs Zügeln, um sie anzuhalten. »Das ist etwas, das du mit deiner Mutter besprechen solltest. Grace kann besser erklären als ich, wie es kommt, dass man an tausend gut aussehenden Männern vorübergeht, aber nur einer darunter sein wird, der dich in ganz besonderem Maße fesselt. Was du empfindest, ist ganz natürlich – ein auffallender Mann zog deinen Blick auf sich. Was du damit anfängst, ist natürlich deine Sache. Du bist vierundzwanzig, Winter. Höchste Zeit, dass dir ein Mann Herzklopfen bereitet.« Er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Wange. Dann richtete er sich auf und trieb sein Pferd wieder an.
Snowball fiel automatisch in Gleichschritt mit ihm.
»Von Kindesbeinen an habe ich dich ermutigt, deinen eigenen Weg zu gehen«, fuhr er fort. »Ich wusste immer, dass dieser Weg dich einmal von mir weg und in die Arme eines anderen Mannes führen wird. Das ist Albtraum und Hoffnung aller Väter.« Er sah sie lächelnd an. »Ob Matt Gregor dieser besondere Mann für dich ist, entscheidest du, Winter.« Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Ich möchte aber, dass Robbie seine alten Militär-Beziehungen spielen lässt und etwas über Gregors Vergangenheit herausfindet – meinem Seelenfrieden zuliebe. Wenn Gregor der Geschäftsmann ist, als der er auftritt, halte ich mich zurück und überlasse es euch beiden, die Sache fortzuführen.«
Winter blickte ihren Vater ernst an. »Bist du nicht ein wenig vorschnell? Ich sagte nur, dass er mich verwirrt. Soviel ich weiß, habe ich auf Mr. Gregor keine entsprechende Wirkung ausgeübt.«
Ihr Vater ließ ein leises Lachen hören. »Glaub mir, du hast ihn ebenso verwirrt. Der Mann hat über sechstausend Dollar für zwei deiner Bilder hingeblättert und geradezu gefordert, dass du mit ihm sein Land durchstreifst. Du hast Gregor verwirrt. Ein Blick in dein schönes Gesicht, und er fand sofort einen sicheren Weg, es wiederzusehen.«
Winters ernste Miene verfinsterte sich, und sie trieb Snowball zu schnellem Schritt auf dem Forstweg an. Noch immer leise vor sich hin lachend holte ihr Vater sie ein. Schweigend ging es dahin, bis sie zu einer Weggabelung gelangten und wieder anhielten.
Greylen blickte im heller werdenden Licht um sich. »Ruf dein Tier«, sagte er. »Damit ich ein Wörtchen mit ihm reden kann.«
»Was lässt dich glauben, dass er in der Nähe ist?«
»Er belauert uns, seit wir von Gù Brath aufgebrochen sind.«
Winter führte ihre Finger an die Lippen und stieß einen scharfen Pfiff aus, der grell die frische Septemberluft durchdrang.
Gesader trat keine zehn Fuß entfernt aus dem Schatten heraus und zeigte seine großen weißen Zähne in einem von Knurren begleiteten Lächeln. Winters Vater saß ab, worauf sein nervös gewordenes Schlachtross ein paar Schritte zur Seite machte. Greylen ging auf den Panther zu, ließ sich auf ein Knie nieder und streckte seine Hand aus. Gesader ging direkt auf die Handfläche zu und duckte den Kopf, um sich die Ohren kraulen zu lassen. Winter glitt von Snowball und sah ihrem Vater zu, der sein Gespräch mit ihrem Raubtier fortsetzte.
»Ich möchte deine Meinung über diesen Gregor«, sagte er zum Panther. »Einmal tüchtig schnüffeln, und du müsstest wissen, ob er mit unserem kleinen Mädchen ehrliche Absichten verfolgt.«
»Glaubst du wirklich, er versteht, was du sagst?«, fragte Winter. »Du sprichst mit ihm wie mit einem Menschen.«
»Du doch auch«, rief Greylen ihr in Erinnerung. »Und wenn Gesader ein Mensch wäre«, sagte er, richtete sich auf und wandte sich ihr mit einem Lächeln zu, das bis in seine grünen Augen reichte, »hätte ich ihn nicht zwei Jahre lang in deinem Bett schlafen lassen.« Er blickte auf Gesader hinunter. »Obwohl Megan im Moment nachts seine Gesellschaft gut gebrauchen könnte.«
»Gesader hat mit Megan viel Zeit verbracht, seitdem sie nach Hause gekommen ist«, sagte Winter und kraulte geistesabwesend sein Ohr. »Er begleitet sie bei ihren Wanderungen im Wald, und manchmal ertappe ich ihn in ihrem Bett. Als ob er wüsste, wann ihr nach Kuscheln zumute ist.«
»Tiere haben ein Gespür für unsere Stimmungen«, sagte Greylen, der zu seinem Pferd ging und sich in den Sattel schwang. Dann drehte er das Tier und blickte sie an. »Behalte einen kühlen Kopf, wenn du mit Gregor zu tun hast. Sieh zu, dass du beim nächsten Mal nicht zur ›quasselnden Idiotin‹ wirst. Und genieß die Aufregung, Mädchen. Wenn du Glück hast, erlebst du das alles nur einmal im Leben.«
Nachdem er seine Instruktionen gegeben hatte, lenkte Laird Greylen MacKeage sein Ross bergauf zu Daars Hütte. Er winkte über die Schulter, ehe er im dichten Wald verschwand.
Winter blickte auf Gesader hinunter und streichelte das Fell an seiner Schulter. »Du darfst mitkommen, aber denk daran, dass du unsichtbar bleiben musst. In der Stadt sind schon Gerüchte von einer großen schwarzen Katze im Umlauf. Deine Sicherheit hängt davon ab, dass du nur ein Gerücht bleibst. He«, sagte sie überrascht, ging in die Hocke und umfasste seinen Nacken mit beiden Händen. »Wie konnte das passieren?«
Sie rieb ihre Finger aneinander. »Das ist getrocknetes Blut«, sagte sie und legte seinen Kopf schräg, damit sie besser sehen konnte. »Dein Blut«, fuhr sie fort und strich über einen eingetrockneten Schnitt am Halsansatz. »Was hast du angestellt? Hat sich dein Abendessen gestern zur Wehr gesetzt?«
Winter wusste, dass Gesader selbst jagte, obwohl sie ständig ausreichend frisches Fleisch für ihn auf Gù Brath bereithielt. Als Robbie ihn ihr als winziges Kätzchen brachte, hatten er und ihr Vater sie wiederholt gewarnt, dass ihr Liebling ein wildes Tier war, dessen Instinkte sehr wahrscheinlich mit den Jahren die Oberhand gewinnen würden.
»Ich bringe dich zu Tom«, sagte sie, richtete sich auf und wischte sich ihre Hände an der Jacke ab. »Eigentlich sollte niemand etwas von deiner Existenz wissen, aber Tom kann man trauen. Er weiß, ob dieser Schnitt genäht werden muss. Komm«, sagte sie, ging zu ihrem Pferd und ergriff die Zügel. »Gehen wir.«
Gesader ließ ein leises kehliges Grollen hören und tappte so leise in den Wald hinein, wie er erschienen war. Winter benutzte einen Baumstumpf, um in den Sattel zu gelangen, und schlug den Weg zum Bear Mountain ein.