Manchmal stellt ein Wechsel der Perspektive alles auf den Kopf, was man bis dahin sicher zu wissen meinte. Manchmal ist es die Begegnung mit jemand, dessen ungewöhnliche Sichtweise dies bewirkt. Bisweilen, wie in diesem Fall, ist es beides.
Wurde mir ein unfreiwilliger Perspektivenwechsel vor langer Zeit zum Ausgangspunkt einer in jeder Hinsicht unfassbaren Entdeckung, war es erst das ausgefallene Selbstbild eines anderen, das mir dabei half, das Vorgefallene in seiner ganzen Tragweite zu begreifen.
Was schließlich dabei herausgekommen ist, wirkt umso wunderlicher, bedenkt man, womit alles begann: der Erfahrung des Sterbens.
Weil es schwerfällt, so etwas für sich zu behalten, und da ich zudem darum gebeten wurde, habe ich aufgeschrieben, was sich ereignet hat.
Engelbert J. Winkler, 3. März 2013, Devonshire House, Liverpool
Thomasevangelium (Berliner Arbeitskreis für koptisch-gnostische Schriften)
Zum Jahreswechsel 1968/69 erkrankte ich im Alter von sechs Jahren an der damals pandemisch auftretenden Hongkong-Grippe so schwer, dass der Arzt – ein Freund meines Vaters – der besorgten Mutter an meinem Krankenbett wenig Hoffnung machte. Immerhin erklärte er, dass man die Krise für die kommende Nacht erwarten dürfe und danach die Besserung einträte – so ich die Nacht überstehen würde, was – wie er ernst hinzufügte – keinesfalls sicher sei. Dass er seine Einschätzung ohne Rücksichtnahme auf meine Anwesenheit traf, zeigt nur, für wie bedenklich er meinen Zustand hielt. Zwar hatte ich seine Worte akustisch verstanden, aber das hohe Fieber verhinderte wohl die Zuordnung eines klaren Sinnes, weshalb ich später nie den Eindruck hatte, dadurch besonders beunruhigt gewesen zu sein. Eher war es schon die stumme Reaktion meiner Mutter, die – falls überhaupt – etwas von der Schwere dieses Befundes auf mich übertrug. Kurz darauf verlor ich jedenfalls das Bewusstsein. Als ich die Augen wieder öffnete, war es draußen dunkel und mein Zimmer von der Nachttischlampe in fiebriges Zwielicht gehüllt. Die Mutter saß an meiner Seite, den bangen Blick erwartungsvoll auf mich gerichtet.
„Wie fühlst du dich? Bist du durstig?“
Ich sah mich um. Irgend etwas war anders … Gleichzeitig war alles beim Alten und ich so krank wie zuvor, darüber bestand kein Zweifel. Auch das Zimmer war dasselbe … und doch … irgendwie blieb mein Blick am Waschbecken schräg gegenüber hängen … vielmehr an der Wand unmittelbar darunter … die spärliche Beleuchtung zusammen mit dem Fieber erweckte den Eindruck von Grobkörnigkeit – wie auf unterbelichteten Schwarz-Weiß-Fotos … die Luft selbst schien zu flimmern … oder war es die Wand selbst, die nebelartig zu wabern begonnen hatte ...?
„Du glühst ja richtig!“
Als hätte sie sich verbrannt, zog meine Mutter ihre Hand von meiner Stirn zurück und lenkte meine Aufmerksamkeit kurz ab. Als ich wieder hinsah, hatte sich die seltsame Dynamik noch verstärkt, und es kam mir nicht mehr so vor, als würde ich von vorne auf die Wand, sondern von oben auf eine bewegte, milchige Wasserfläche schauen. Wie oft habe ich mich seither gefragt, ob ich nur deshalb hingeschaut habe, weil es dort an der Wand unter dem Waschbecken begonnen hatte, oder ob es sich gerade dort zeigte, weil ich eben hinsah. Als Nächstes kräuselte sich die Wand wie unter stärker werdendem Wellengang. Es bildeten sich Wirbel, die bald zu einem einzigen Strudel zusammenliefen, der immer schneller zu rotieren begann. Im Nachhinein war es vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der ich all das zur Kenntnis nahm, die mich faszinierte. Ich lag im Bett, meine Mutter war damit beschäftigt, mein Fieber zu messen, und ich sah zu, wie sich mir gegenüber ein Trichter öffnete und den Blick in eine Ferne freigab, wo eben noch ... Da sah ich sie: schattenhafte Silhouetten, zwei oder drei, die sich aus dem entstandenen Tunnel näherten! Wie von weit schienen sie zuerst noch in einiger Entfernung, dann rasch näher kommend, größer zu werden … ohne Gesichter … der schattenhafte Eindruck blieb, und dennoch erkannte ich sie, ohne zu wissen, wer sie waren … kein Erschrecken, keine Angst, im Gegenteil! Ich wusste ja, was sie wollten: Sie kamen wegen mir!
„Schau, da! Sie kommen, um mich zu holen!“
Mit diesen Worten brachte ich zum Ausdruck, was ich für selbstverständlich hielt und was ich empfand: Vorfreude … Diesmal war die Reaktion meiner Mutter alles andere als stumm.
„Um Gottes willen! Schau ja nicht hin! Du fantasierst …!“
Das Entsetzen meiner Mutter traf mich so unerwartet wie ein Schlag. Mit einem Mal spürte ich ihre Angst um mein Leben, als wäre es die meine. Ich erschrak und alles verschwand – alles: mein Zimmer, meine Mutter, ich selbst, alles … Ich musste also wieder das Bewusstsein verloren haben. Plötzlich hatte ich den Eindruck von hoher Geschwindigkeit, dann ein Licht, nie gesehene Farben … unfassbare Bilder … unbeschreibliche Szenen … Die ganze Welt wurde zu einer kleinen Insel … Jemand war da und dann war alles gleichzeitig, alles: Vorstellbares und Unvorstellbares, Vergangenes und Zukünftiges, Wirkliches und Unwirkliches. Alles, nur keine Unterschiede oder jemand, der welche hätte machen können … Als ich wieder zu mir kam, war die Krise überwunden und ich wurde wieder „gesund“. Meine Mutter sprach nie mehr mit mir über diese Nacht und ich tat es auch nicht, weil ich nichts zu sagen gewusst hätte. Nicht, dass ich mich nicht hätte erinnern können. Ganz im Gegenteil, kam mir doch, was ich erlebt hatte, viel wirklicher vor als alles andere je Erlebte. Wirklicher und von gänzlich anderer Art – weder mit Worten, noch in Gedanken beschreibbar. Zudem war ich sechs, wieder gesund und durfte zuerst das Bett und schon nach wenigen fieberfreien Tagen das Haus verlassen. Das Leben ging weiter, es war tiefer Winter und meine Freunde warteten schon.
In meiner Praxis als Kinder- und Jugendpsychologe bestaunte ich später immer wieder die Selbstverständlichkeit, mit der junge Menschen auch außergewöhnliche Sachverhalte als gegeben hinnehmen – im Guten wie im Schlechten. Damals erfuhr ich das am eigenen Leib und ebenfalls im Guten wie im Schlechten. Denn, dass es zuerst eine gute Erfahrung war, stand außer Frage – aber eben auch eine selbstverständliche, weil sie ja stattgefunden hatte. So machte ich mir gar nicht mehr viele Gedanken über die ganz und gar überwältigenden Eindrücke, denen ich wohl irgendwo zwischen Leben und Tod ausgesetzt gewesen war, und freute mich auf meine Freunde. Ob ich jemandem davon erzählen wollte? Ich glaube nicht. Was hätte ich denn auch sagen, wie es beschreiben sollen? Ich nahm mein Leben wieder auf, als wäre die Krankheit nur ein lästiger Boxenstopp gewesen … Dabei kam es mir eher so vor, als hätte das Leben mich wieder aufgenommen, um mich mit sich zu führen als wäre nichts geschehen. So wurde die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschah, mit der die Erde sich weiterdrehte, der normale Tagesablauf sich mit allen Pflichten wiedereinstellte, schließlich zu meiner Selbstverständlichkeit, zur Sicherheit, dass eben doch wieder alles beim Alten und nichts Schlimmeres geschehen war. Vorerst. Bis es mich einholte. Und das geschah bereits bei meinem ersten Ausgang zu einem nahe gelegenen Hügel, der besonders den kleineren Kindern der Stadt noch heute im Winter zum Schlittenfahren dient.
Es war ein grauer, wolkenverhangener Tag. Für den Abend waren weitere Schneefälle angesagt. Ich zog meinen Schlitten über ein ausgedehntes Schneefeld zum Fuß des Hügels und konnte in der Entfernung bereits die eine oder andere vertraute Gestalt eines Freundes ausmachen. Vermutlich hatte ich nichts Wichtigeres im Sinn als die Frage, ob ich mich schon gleich als Erstes bis zum Denkmal auf der Spitze des Hügels wagen sollte, von wo man den besten Schwung für den Sprung über eine der aufgeschütteten Sprungschanzen im unteren Streckenverlauf bekam. Da geschah es: Es war die kalte Selbstverständlichkeit, mit der es eintrat, die mir augenblicklich jede Sicherheit nahm. Gerade war ich noch an einem gewöhnlichen Wintertag mit dem Schlitten unterwegs und plötzlich, ohne Vorwarnung war … nichts mehr … NICHTS! Nichts hatte sich geändert, nur wusste ich jetzt, was mir eine Sekunde zuvor noch nicht aufgefallen war. Denn genauso war es: Ich wusste es, weil es mir mit einem Mal aufgefallen war. Und weil es sich wie bei allem, was einem auffällt, auch in diesem Fall so verhielt, dass mir unmittelbar bewusst wurde, dass es immer schon so gewesen und mir nur noch nie aufgefallen war … nämlich dass alles – ALLES! – nicht wirklich ist: alles, die Wiese, der Hügel, der wolkenverhangene Himmel, meine Freunde, der ganze Tag … Alles war so unwirklich wie ein Traum, und da ich ein Teil dieses Traumes war, konnte ich auch nicht wirklich sein. Aber es waren nicht meine Gedanken, die mich mit einer derartigen Betrachtungsweise quälten, denn sie waren durch die Evidenz der empfundenen Erkenntnis ohnehin zum Stillstand gekommen. Was hätte ich auch bedenken sollen, wenn nichts wirklich war? Mein Geist blieb stehen wie eine Uhr, wie Windräder, denen von einem Augenblick zum anderen der Wind abhandengekommen war. Was blieb, war eine Leere … eine? … DIE LEERE! So umfassend, so absolut, so sinnlos, so ohne jede Alternative ... Sie hatte meine ganze Welt verschlungen … nein, nicht verschlungen, denn dann hätte es sie ja zuvor noch gegeben. Aber das war gerade nicht der Fall. In einem schrecklichen Moment, zu kurz, um ihn zu fassen, war meine Welt verweht wie ein Traum – ohne dass ich aufgewacht wäre. Der Hügel, die sich mit ihren Schlitten vergnügenden Freunde, alles war wie zuvor, nur dass es jetzt nicht mehr wirklich war. Leere Bilder ohne Zusammenhang, Kulissen … Gnadenlose Panik erfasste mich. Nicht einmal so sehr des verblassten Traumes wegen, der bis dahin mein Leben und meine Welt gewesen war, nicht wegen allem, was ich in weniger als einer Sekunde verloren hatte, auch nicht wegen des damit unmittelbar verbundenen Verschwindens jeder Sinnhaftigkeit (damit sollte ich bald genug zu tun bekommen) … Ich implodierte in eine grundlegende emotionale Konsequenz: Wenn alles nicht wirklich ist, bin ich allein! Ich übergab mich. Reflexhaft kehrte ich um und machte mich auf den Heimweg – äußerlich ein gewöhnlicher Sechsjähriger (der seinen Schlitten jetzt in die andere Richtung zog), innerlich zu keinem klaren Gedanken imstande, vollkommen erstarrt. Daheim angekommen, suchte ich automatisch meine Mutter, fand sie in der Küche und versuchte so unzulänglich, wie es einem Kind in einer derartig unmöglichen Lage eben gegeben ist, mein Leid zu beschreiben.
„Mir ist etwas etwas ganz Furchtbares passiert! Alles ist nicht mehr wahr … Nichts ist wirklich! Alles ist, wie wenn ich es nur träume und ich kann nicht aufwachen …!“
So oder so ähnlich stammelte ich vor meiner Mutter daher, was mir dazu durch den Kopf ging. Ich kam mir vor wie eine Maschine. Deshalb hatte ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht, ob bzw. welche Hilfe ich von meiner Mutter eigentlich erwartete. Was ich tat, tat ich nur, weil ein Kind sich in einer Notlage eben an seine Mutter um Hilfe wendet.
„Ich mach dir einen Kamillentee, dann legst du dich hin und du wirst sehen, dass es dir schon bald wieder besser geht!“
Wie liebevoll das auch immer gemeint war, Hilfe war es keine. Um zu wissen, dass Kamillentee und Bettruhe kein geeignetes Mittel gegen „so etwas“ waren, brauchte man nicht älter als sechs zu sein. Um zu verstehen, dass, wer meint, damit helfen zu können, nicht die geringste Ahnung hat, worum es eigentlich ging, auch nicht. Somit trieb mich das, was von der einzigen, wenn überhaupt dazu befähigten, nicht wirklichen Person auf dieser nicht wirklichen Welt aufgeboten wurde, um mir aus meinem sehr wirklichen Albtraum zu helfen, noch weiter in diesen hinein. Das NICHTS war ein Urteil und meine Mutter hatte es soeben bestätigt.
Kinder kommen bisweilen von selbst auf die Idee, dass sie ihre Eltern verlieren könnten, und manchmal steigern sie sich derart in das Entsetzliche einer solchen Vorstellung hinein, dass diese den Charakter eines Zwangs annimmt. Bei mir war es keine ängstigende Vorstellung, sondern eine reale Erfahrung, von der nicht nur die Eltern, sondern alles betroffen war, weshalb es auch nichts gab, was mich ablenken konnte. Schon die Idee war absurd: ablenken wovon? Wohin? Von etwas Unwirklichem auf etwas anderes genauso Unwirkliches? Nichts ergab den geringsten Sinn und dabei blieb es.
Wie gesagt, brachte mich die Fähigkeit von Kindern, das scheinbar Unmögliche – und häufig genug auch das Unerträgliche – als gegeben hinzunehmen und irgendwie daran vorbeizuleben, später noch oft genug zum Staunen. Nun stand ich zuerst einmal selbst vor dieser Aufgabe. Kann man sich daran gewöhnen, in einer ganz und gar unwirklichen Welt zu leben und sich dabei nichts anmerken zu lassen? Ist es vorstellbar, ein Leben zu führen, an das man nicht glaubt? Alles was einem begegnet, jeden anderen ebenso wie sich selbst für eine substanzlose Erscheinung in einem ewigen Nichts zu halten und sich trotzdem so zu benehmen, sich so zu verstellen, dass niemand etwas merkt? Ja, es ist möglich. Wenn man keine Alternative hat und jung genug ist, muss es das wohl sein, denn ich lebte weiter. Auch wenn mich dieser Umstand selbst am meisten überraschte. Denn gelang es mir auch gut genug, andere zu täuschen, mir selbst konnte ich nichts vormachen. Mein Dasein fühlte sich fortan nicht mehr wie Leben, sondern wie ein unveränderlicher Zustand in einem Gefängnis ohne Wände an. Leben fand statt, wie alles stattfand … und stattfindet … Die Panik, die sich an jenem Wintertag meiner bemächtigt hatte, blieb und ich gewöhnte mich schließlich auch daran, indem ich zuerst lernte, Erwartungen zu erfüllen. Ich zeigte Freude, wenn ich etwas bekam, wofür ich mich zu freuen hatte, und Missvergnügen, wenn dem nicht so war. Wie leicht es doch fällt, andere zu täuschen – am leichtesten fiel es mir bei meinen Eltern. Je besser man jemanden zu kennen meint, desto mehr verlässt man sich dabei auf seine Vorstellungen und Erwartungen und übersieht alles … Wie das Erfüllen von Erwartungen für ein Kind der einfachste Weg ist, nicht aufzufallen, ist es für einen Jugendlichen das Enttäuschen von Erwartungen. Als es an der Zeit war, lernte ich auch das. Nur eine einzige Sache war mir geblieben und bildete fortan meinen einzigen – „wirklichen“ – Lebensinhalt: Ich wollte verstehen, was eigentlich passiert war. Sind Träume auch nicht wahr, fragt man sich doch, was sie bedeuten, und sei es nur, um sich damit an der entscheidenderen Frage, ob sie überhaupt etwas bedeuten, vorbeizuschwindeln. Jeder Mensch ist immer auf der Suche nach irgendetwas, um sich die einzige Wirklichkeit zu ersparen: dass nichts einen Unterschied macht – überhaupt keinen.
So begriff ich ziemlich früh das Leben als Beschäftigungstherapie gegen das Nichts und machte mich selbst auf die Suche. Ich wollte verstehen.
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Ich war noch keine zehn, als mir eine verwunderte Grundschullehrerin erklärte, dass ich, wenn ich mich für ein Bewusstsein nach dem Tod interessiere, zuerst Psychologie studieren müsse. Das gab mir eine Richtung und brachte mich auf Kurs.
Bis ich 1980 an der Universität in Innsbruck immatrikulierte, bot sich mir ausführlich Gelegenheit, die Tücken eines Schulsystems kennenzulernen, das sich schon damals an denselben pädagogischen wie weltanschaulichen Maximen orientierte, die einzig darauf abzielen, jungen Menschen jede geistige Selbstständigkeit zu nehmen bzw. eine solche erst gar nicht aufkommen zu lassen und den natürlichen Drang zu lernen, der sich bei allen Kindern und Jugendlichen auf dieselbe spielerische Art und Weise zeigt, so gut es eben geht zu unterdrücken. Exekutiert wurde und wird diese Desillusionierung nach wie vor von den Angehörigen eines zutiefst desillusionierten Berufsstandes, dem angesichts seiner völligen Lebensverlorenheit etwas Trostloses eigen ist: den Lehrern, einer paradoxen Spezies.
Immerhin inskribierte ich Philosophie und Psychologie im letzten Jahr, in dem es noch möglich war, nach der alten Studienordnung zu studieren. „Alte Studienordnung“ bedeutete Doktoratsstudium mit allen Freiheiten, die für ein umfassendes (fachlich wie geografisch) grenzüberschreitendes Studieren erforderlich sind. Selbstverständlich ist dies seither nicht mehr möglich, da im Zuge einer Reform der Studienordnung Studienpläne eingeführt wurden, die vom selben (kranken) Geist erfüllt sind wie die Lehrpläne des maroden Schulsystems. Und weil dasselbe Gift zu denselben Symptomen führt, liegen inzwischen folgerichtig auch die österreichischen Universitäten im Sterben. (So ist es hierzulande keine besonders gute Idee, sich mit neuen oder gar grenzüberschreitenden Fragestellungen an eine Uni zu wenden.)
Interessierte ich mich von Anfang an schwerpunktmäßig für den Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewusstsein unter besonderer Berücksichtigung extremer Bedingungen wie Todesnähe, erwies sich die alte Studienordnung diesbezüglich als wahrer Segen. Als ich eines Tages erfuhr, dass der amerikanische Bewusstseinsforscher Carl Pribram an der Uni Wien Vorlesungen zu seiner Hypothese holografischer Aspekte neuronaler bzw. psychischer Funktionen hielt, fuhr ich kurzerhand hin, um ihn zu hören. Ohne Prüfungs- oder Leistungsdruck, ausgestattet mit der Freiheit, die Inhalte der eigenen wissenschaftlichen Interessen in breitem Rahmen selbst zu bestimmen und zu verfolgen, konnte man qualitativ arbeiten. Wurde in Freiburg im Breisgau eine Lehrveranstaltung in Transpersonaler Psychologie angeboten, nutzte ich dieses Angebot, ohne mir Sorgen machen zu müssen, in Innsbruck irgendwie ins Hintertreffen zu geraten. Damals war man für sein Studium in jeder Hinsicht selbst verantwortlich. Die Aufgabe einer Uni schien hauptsächlich darin zu bestehen, Informationen zur Verfügung zu stellen und dabei behilflich zu sein, diese auf eine, dem Stand der jeweiligen Wissenschaft genügende Weise handhaben zu können. Für mich bedeutete dies vor allem, auf die Ausgewogenheit von Theorie und Praxis zu achten.
Als ich begann, Interviews mit anderen Betroffenen zu führen, erwartete ich zuerst nicht, dass es einfach werden würde, welche zu finden. Immerhin waren Todesnähe-Erfahrungen in den 80er-Jahren in Tirol nicht unbedingt ein viel diskutiertes Thema, und obwohl sich international in diesem Bereich gerade in jenen Jahren viel tat, blieb die wissenschaftliche Szene in Österreich davon weitgehend unbehelligt. Auch an den meisten Medien ging dieses Thema bis weit in die 90er fast ausnahmslos vorbei. So gut wie alle Artikel und Bücher, die ich diesbezüglich auftreiben konnte, waren nie ins Deutsche übersetzt worden (das hat sich inzwischen zwar geändert, aber noch längst nicht in einem Ausmaß, dass die wichtigsten Daten auch in deutscher Sprache verfügbar wären). Also ging ich davon aus, dass Todesnähe- bzw. Nahtoderfahrungen im öffentlichen Bewusstsein wenig bis gar keinen Raum einnehmen und sich die Suche nach Betroffenen dementsprechend schwierig gestalten würde. Dies traf jedoch interessanterweise lediglich auf die Bezeichnung, nicht aber auf das Phänomen selbst zu. Es zeigte sich sogar, dass die meisten – Wissenschaftler wie Laien – positiv reagierten, sowie ich näher beschrieb, was ich eigentlich meinte. Nicht wenige konnten mir auf Anhieb jemanden aus ihrem privaten oder beruflichen Umfeld nennen, von dem sie wussten, dass er auch „so etwas“ erlebt hatte. Ich war überrascht, wie häufig, ja alltäglich, Todesnähe-Erfahrungen in Wirklichkeit waren – und wie weit verbreitet. Eine Gallup-Untersuchung kam damals auf eine Zahl von acht Millionen Menschen mit derartigen Erfahrungen allein für die Vereinigten Staaten. Weltweite Schätzungen bewegten sich vom zwei- bis in den dreistelligen Millionenbereich, sodass Kenneth Ring, ein amerikanischer Forscher, dessen Bedeutung vor allem in einer streng wissenschaftlichen Methodik begründet liegt, und der sich – ebenso wie ich – hauptsächlich für die Nachwirkungen der Todesnähe interessierte, in Bezug auf die enorme Verbreitung von Nahtod-Erfahrungen von diesen als einem gutartigen Virus sprach. Kurzum, es war überhaupt kein Problem, so viele Interviews zu machen, wie ich wollte. Die Frage war schon eher, welchem Zweck die Interviews dienen sollten. Ging es mir anfänglich vorwiegend darum, das Phänomen der Todesnähe möglichst ganzheitlich zu erfassen bzw. zu dokumentieren, verfiel ich aus naheliegenden Gründen im Laufe der Zeit immer mehr auf die erstaunlichen Effekte, die ein so einschneidendes Erlebnis in den meisten Fällen zeitigte.