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Buch

Das Leben der 22-jährigen Sophia Rose ist wenig aufregend: Die College-Absolventin lebt in einer englischen Kleinstadt im zugigen Anbau des elterlichen Hauses. Ihr Vater hat nach dem Tod von Sophias Mutter wieder geheiratet und mit seiner zweiten Frau Genoveva einen kleinen Sohn. Genoveva ist jedoch mit dem Familienleben völlig überfordert. Deshalb kümmert sich Sophia um ihren kleinen Bruder Samuel und hilft auch im Haushalt – kein Leben für ein junges Mädchen, doch Sophia beklagt sich nicht. Doch auf Anraten einer College-Professorin bewirbt sich Sophia bei der berühmten Schauspielschule Ivy College in London. Sie rechnet sich nicht die geringsten Chancen aus, aber zu ihrer großen Überraschung erhält sie tatsächlich einen Studienplatz.

Sophia kann ihr Glück kaum fassen, und schon bald beginnt sie ein neues, aufregendes Leben als Schauspielschülerin. Doch immer wenn der Akademieleiter, der 27-jährige Hollywoodstar Marc Blackwell, selbst eine Stunde unterrichtet, ist sie zunehmend verwirrt. Bildet sie sich das nur ein, oder kümmert sich Marc ganz anders um sie als um die anderen Schüler? Als Marc Sophia dann zum Einzelunterricht bittet, ist die Anziehung zwischen beiden so groß, dass sie sich einander leidenschaftlich hingeben. Ein gefährliches Spiel beginnt, denn Marc will auch in den intimsten Momenten seine Lehrerrolle nicht aufgeben und absolute Kontrolle über ihre Beziehung behalten. Sophia weiß, dass sie so nicht lange weitermachen können. Aber sie weiß auch, dass sie nicht mehr ohne Marc sein kann …

Informationen zu S. Quinn

sowie zu weiteren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

S. Quinn

DEVOTED

Geheime Begierde

Band 1

Roman

Aus dem Englischen

von Andrea Brandl

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Ivy Lessons«.


Deutsche Erstveröffentlichung September 2013

Copyright © der Originalausgabe by S. Quinn

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by

Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: UNO Werbeagentur München GmbH

Redaktion: Kerstin von Dobschütz

BH · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-11869-3
V003


www.goldmann-verlag.de

Ivy, engl. für Efeu: Robustes Klettergewächs mit immergrünen Blättern und schwarzen, beerenartigen Früchten, das Gebäude vor Witterungseinfluss schützen und Fassaden gleichermaßen Schaden zufügen kann.

1

Wir gratulieren Ihnen …

Fassungslos starre ich die Worte an. »Ivy College« steht in glänzenden goldenen Buchstaben am oberen Seitenrand.

… zur Aufnahme für den Studiengang »Creative Theatre« am Ivy College, London.

Meine Hand beginnt zu zittern, sodass ich Mühe habe, meinen Teebecher nicht fallen zu lassen, und ich spüre, wie sich ein dämliches Grinsen auf meinen Zügen ausbreitet.

Ich fasse es nicht. Absolut nicht. Tausende junger Schauspielertalente haben in diesem Jahr dort vorgesprochen. Nicht einmal im Traum hätte ich gedacht, am berühmten Ivy College aufgenommen zu werden.

Ich lese das Schreiben noch einmal durch, weil ich immer noch nicht sicher bin, ob es vielleicht nicht doch bloß ein Traum ist, während meine Gedanken zum Tag des Vorsprechens zurückschweifen.

Es herrschte eine Gluthitze, in der U-Bahn drängten sich die Leute, schwitzend, klebrig, mit Wasserflaschen und Limodosen bewaffnet.

Ich war lediglich ein einziges Mal davor in London gewesen – um meine beste Freundin Jen bei der Suche nach besonders ausgefallenen Schuhen für eine Hochzeit zu unterstützen. Allerdings waren wir damals nicht über die Oxford Street hinausgekommen.

Deshalb waren mir die Panik, Aggressivität und stickige Enge in der U-Bahn während der Hauptverkehrszeit fremd, und ich kam mir wie eine willenlose Puppe vor, die im Gewirr hin und her geschubst wird.

Prompt verlief ich mich, aber die meisten Leute waren viel zu beschäftigt, um stehen zu bleiben und mir weiterzuhelfen.

Schließlich erklärte sich ein Mann mit grauem Bart und knapper, markanter Aussprache bereit, mir den Weg zum College zu zeigen. Ich folgte ihm durch Nebenstraßen, vorbei an hübschen Stadthäusern, bis zu einem von einem schwarzen Zaun umgebenen Grundstück. Zwischen den hohen Tannen machte ich mehrere, mit silbrig glänzendem und grünem Efeu bewachsene Ziegelgebäude aus.

»Ich liebe Efeu«, sagte ich zu dem Mann. »Er ist eine meiner Lieblingspflanzen.«

»Dann erfreuen Sie sich daran, solange Sie es noch können«, gab der Mann zurück. »Das College gehört irgend so einem Hollywoodstar. Es ist eine reine Zeitfrage, bis er es abreißt und einen dieser Klötze aus Glas und Beton hinstellt.«

»Meinen Sie Marc Blackwell?«

Der Mann nickte. »Ich habe nur die schlimmsten Sachen über ihn gehört. Er muss ein außergewöhnlich arroganter Mann sein. Eiskalt.«

»Dasselbe habe ich auch gehört«, sagte ich. »Andererseits hat er allen Grund, arrogant zu sein. Er ist kaum älter als ich, hat aber schon so viel erreicht. Zwei Oscars, ein eigenes College.«

Der Mann musterte mich von oben bis unten. Wahrscheinlich fragte er sich, was ein Mädchen wie ich in verwaschenen Jeans und einem einfachen weißen T-Shirt hier zu suchen hatte.

»Ich spreche hier vor«, erklärte ich. »Aber die nehmen mich sowieso nicht. Nicht in einer Million Jahre. Ich bin nur hier, weil meine Tutorin an der Uni meinte, ein Vorsprechen wäre eine wertvolle Erfahrung für mich. Und das College ist wirklich wunderschön. All die Bäume. Man könnte sich in diesem Wald glatt verirren.«

Die efeubewachsenen Ziegelgebäude schienen sich eng aneinanderzuschmiegen, als versuchten sie, sich gegenseitig Wärme zu spenden. Sie erinnerten mich an Kinder, die sich im Wald verlaufen hatten.

»Tja, dann wünsche ich Ihnen viel Glück.« Der Mann wandte sich zum Gehen, während ich zurückblieb und staunend das College betrachtete – die Türme, Balkone und Bogenfenster verliehen ihm das Flair eines Märchenschlosses. Aber die Bäume gefielen mir noch besser. Ein Stück wilder, ungezähmter Natur mitten in London.

Lange Zeit stand ich reglos da, bis ich das schmiedeeiserne Tor aufstieß und das Gelände betrat. Die Pracht des Anwesens beschwor das Gefühl herauf, klein und unbedeutend zu sein, aber nervös war ich nicht. Schließlich hatte ich nichts zu verlieren, sondern konnte höchstens um eine Erfahrung reicher werden. Ich hatte keine Ahnung, dass ich bei dem Vorsprechen Marc Blackwell höchstpersönlich begegnen würde.

2

Schließlich schaffte ich es, inmitten der verschlungenen Pfade, Ziegelrundbögen und Korridore den Vorsprechsaal zu finden.

Zwei Gestalten saßen an einem langen Tisch, als ich eintrat. Eine erkannte ich auf Anhieb: Denise Crompton, eine Schauspielerin, die vor allem für ihre Musical-Rollen berühmt war. Winzige Fältchen erschienen in ihren Augenwinkeln, als sie mich anlächelte.

Als ich sah, wer sich neben ihr befand, stolperte ich beinahe über meine eigenen Füße. Da, leibhaftig und in Fleisch und Blut, saß Marc Blackwell. Natürlich hatte ich ihn schon tausendmal in seinen Filmen gesehen, aber dies war das erste Mal, dass ich einer Berühmtheit wie ihm persönlich gegenüberstand.

Im realen Leben sah sein hellbraunes Haar weicher und ordentlicher aus, seine blauen Augen unter den dichten dunklen Brauen wirkten hingegen genauso eindringlich wie auf der Leinwand. Er trug ein schwarzes Hemd. Ich weiß noch, dass mir auffiel, wie hager er war. Irgendwo hatte ich gelesen, dass er in seinem aktuellen, soeben abgedrehten Film einen Drogenabhängigen spielte, deshalb hatte er vermutlich abnehmen müssen.

Seine ohnehin markanten Wangen wirkten noch hohler als sonst, und unter seinen Augen lagen gräuliche Schatten, die sich gegen seinen hellen Teint abhoben, für den er bekannt war. Er war unglaublich attraktiv – auf diese harsche, kantige Art, die ihn zur perfekten Besetzung jener Kunstfilme machte, für die er massenhaft Auszeichnungen abgeräumt hatte. Doch seine Hagerkeit verlieh ihm etwas Elegantes und irgendwie auch Gefährliches.

Trotz der Hitze war sein Hemd makellos und schmiegte sich an seinen schlanken Oberkörper.

Ich stand wie eine Vollidiotin da und starrte ihn an. Er war faszinierend. Absolut faszinierend. Ich ertappte mich dabei, wie mein Blick zu seinem Mund wanderte, seinen tiefroten Lippen, um die ein amüsiertes Lächeln spielte.

Doch der kalte Ausdruck in seinen blauen Augen sprach Bände – mit diesem Mann war nicht zu spaßen. Und bislang schien ihn mein Auftauchen nicht im Mindesten zu beeindrucken.

Denise lächelte mir abermals zu, doch Marcs Miene blieb ernst. Er vergeudete seine kostbare Zeit nicht mit dem Austausch von Nettigkeiten. »Das ist Denise Crompton«, stellte er sie mit einer knappen Geste vor. Seine Stimme war tief, und er sprach jedes Wort mit auffallender Klarheit und Präzision aus. Ich hörte den Anflug eines englischen Akzents in seiner Stimme, was mich ein wenig wunderte; schließlich war er in L.A. aufgewachsen. »Sie unterrichtet Gesang und Tanz.« Mark verschränkte seine langen Finger ineinander. »Und wer ich bin, wissen Sie ja sicherlich. Ich bin der Besitzer des Colleges und gebe drei Unterrichtsstunden pro Woche. Und Sie sind?«

»Sophia Rose«, presste ich hervor, während ich vergeblich versuchte, meinen Blick von seinen Augen loszureißen, doch sie waren wie zwei flackernde Kerzen in einem dunklen Raum. Man konnte beim besten Willen nirgendwo anders hinsehen.

Er beugte sich vor. »Nun, Miss Rose.« Noch immer spielte dieses Lächeln um seine Mundwinkel. »Es freut mich zu sehen, dass Sie sich für uns so in Schale geworfen haben.«

Ich sah an mir herunter. »Meine Tutorin hat mir geraten, in lässiger Kleidung zu Vorsprechen zu gehen«, erklärte ich. »Sonst würde es so bemüht wirken.«

»So, so«, gab Marc zurück.

»Genau.«

»Tja, dann wollen wir uns mal ansehen, was Sie zu bieten haben. Was möchten Sie uns heute zeigen?«

»Lady Macbeth.«

»Ah.« Marc lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und tippte mit seinem dunkelblauen Stift auf sein Notizbuch. »Shakespeares Inbegriff des Bösen.«

»O nein.« Ich straffte die Schultern. »Sie ist nicht böse.«

»Wollen Sie mir etwa widersprechen?«

»Aber sie ist nicht böse«, beharrte ich. »Ich glaube nicht daran, dass Menschen bis ins Mark böse sind. Selbst die schlechtesten haben noch ein Fünkchen Gutes in sich. Man muss es nur finden und ans Tageslicht bringen. Wenn Sie das Gute in ihr nicht erkennen können, werde ich sie wohl nicht spielen können.«

Marcs Augen schienen mich förmlich zu durchbohren, und einen Moment lang fürchtete ich, er würde mich vollends aus dem Konzept bringen.

Der Holzboden gab ein leises Quietschen von sich, als ich mich unwillkürlich etwas breitbeiniger hinstellte. Eine scheinbare Ewigkeit blickten wir einander an, dann rutschte Marc auf seinem Stuhl nach hinten. »Tja, Miss Rose, dann wollen wir mal sehen, was Sie so draufhaben. Bereit?«

»Ja.« Ich nickte dümmlich, lockerte meine Finger und holte tief Luft.

Ich spielte die Szene, in der das Blut an Lady Macbeths Händen klebt. Ich legte all meine Leidenschaft und mein Herzblut in meinen Auftritt, spürte förmlich die Facetten ihres Charakters, das Licht und den Schatten, ihren Machthunger, aber auch ihre Gewissensbisse und den Irrsinn ihres Geistes.

Ab und zu registrierte ich aus dem Augenwinkel, dass Marc eine Braue hob oder sich seine hohlen Wangen kaum merklich verzogen.

Denise klatschte begeistert, als ich geendet hatte. Marc hingegen musterte mich mit versteinerter Miene. Vermutlich müsste ich schon etwas mehr bieten, um einen Oscar-preisträger zu beeindrucken.

Mit zitternden Knien machte ich mich auf den Weg zur Tür. »Danke für Ihre Zeit.«

»Miss Rose«, bellte Marc.

Meine Hand glitt vom Türknauf.

»Licht und Schatten, ja? Daran glauben Sie also, richtig? Daran, dass in jedem Menschen etwas Gutes schlummert?«

»Ja.«

Er hielt seinen Stift so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ich sah, wie sich sein Kiefer anspannte, und fragte mich, ob ich ihn in irgendeiner Weise verärgert hatte. Schließlich legte er den Stift auf sein Notizbuch. »Danke für Ihre Darstellung. Sie hat mir gut gefallen.«

3

Genau diese Worte kommen mir wieder in den Sinn, als ich in Dads Garten sitze und das Schreiben lese. Sie hat mir gut gefallen. Vermutlich waren sie tatsächlich ernst gemeint gewesen.

Ich nehme meinen BlackBerry und scrolle zu Jens Nummer. Jen ist meine beste Freundin, deshalb steht sie grundsätzlich ganz oben auf der Liste derer, die ich zuletzt angerufen habe. Ich drücke die Verbindungstaste.

»Jen, hier ist Soph.«

»Was ist passiert? Geht’s dir gut? Deine Stimme klingt so seltsam. Wo bist du?«

Ich muss lachen. Sie kennt mich besser als jeder andere Mensch auf der Welt. »Es ist alles in Ordnung. Nichts Schlimmes. Zumindest noch nicht. Ich bin in Dads Garten und mache gerade eine Pause vom Putzen.«

»Jedes Wochenende putzt du ihnen das Haus.«

»Ich weiß, Jen, aber sie brauchen mich doch.« Dad und seine Freundin haben vor einiger Zeit Nachwuchs bekommen, deshalb herrscht bei ihnen das blanke Chaos. Früher, vor der Uni, habe ich bei ihnen gewohnt, aber inzwischen bin ich in den kleinen Bungalow gleich nebenan gezogen.

Ich hole tief Luft. »Aber … ich habe eine Zusage für einen Aufbaustudienkurs bekommen. An einem tollen College in London.«

»Eine Zusage? Fürs College? Ich dachte, du hättest mit der Uni ein für alle Mal abgeschlossen.«

»Es ist ein Aufbaustudienkurs. Und zwar an einem fantastischen College.«

»Wo denn?«

»Am Ivy College.«

»O. Mein. Gott. Das ist nicht dein Ernst!«, quiekt Jen. »Marc Blackwells College? Du machst Witze! Du hast doch gesagt, dass sich dort jedes Jahr Tausende Studenten um einen Platz bewerben. Abertausende. Und dass sie dich nie im Leben nehmen würden. Und du hast gesagt, Marc Blackwell sei mit deiner Lady Macbeth bestimmt nicht zufrieden gewesen.«

»Weiß ich. Aber offenbar war er es doch.«

»Ich fasse es nicht, Soph. Aber ich habe dir ja schon immer gesagt, dass du gut bist. Oder?«

»Danke, Jen.«

»Marc Blackwell!«, kreischt Jen wieder. »Er wird dich unterrichten. Du wirst in seinem College wohnen!«

Ich unterdrücke ein nervöses Kichern. »Irre, was? Ich kann es selbst kaum glauben.«

»Moment, bleib mal dran.« Ich höre das Rascheln von Papier. »Ich habe die neueste Heat-Ausgabe hier liegen. Da ist ein Artikel über ihn drin. Hier ist er. Anscheinend sammelt er Spenden für den Erhalt irgendeiner alten, halb zerfallenen Kirche in London. Da ist auch ein Foto von ihm. Er sieht wahnsinnig heiß aus. Wenn auch nicht unbedingt der Typ Uniprofessor. Wie alt ist er noch mal? Siebenundzwanzig?«

»Marc Blackwell steht schon seit seiner Kindheit vor der Kamera und auf der Bühne. Er hat mehr Filme gedreht als mancher Vierzigjährige.«

»O mein Gott, Soph, er ist so sexy. Diese Augen … die Figur … Der Typ hat etwas Gefährliches an sich. Vielleicht weil er manchmal auch diese brutalen Martial-Arts-Filme dreht. Und er wird dich unterrichten. Mit dir reden

»Ja. Wenn ich zusage«, erwidere ich. »Außerdem habe ich ihn ja schon mal gesehen. Er war irgendwie so kalt. Nicht unbedingt das, was man unter einem fürsorglichen Mentor versteht, der einen in allem unterstützt. Vielleicht ist es ja doch nicht das Richtige für mich.«

»Hast du es deinem Dad schon erzählt?«

Ich knabbere an meinem Daumennagel herum. »Nein. Na ja, eigentlich gibt es noch nichts zu erzählen, oder? Ich habe mich noch nicht mal entschieden, ob ich überhaupt annehmen will.«

»Willst du mich auf den Arm nehmen? Jetzt reicht’s aber.« Die Leitung ist tot. Ich weiß genau, was das zu bedeuten hat: In wenigen Minuten kommt Jen in ihrem nagelneuen Mini angedüst.

Jen und ich sind seit der Grundschule Freundinnen, leben jedoch in völlig unterschiedlichen Welten. Ihr Vater arbeitet in einer Anwaltskanzlei in der Stadt, während ihre Mutter sich um den Haushalt kümmert, wäscht, putzt, bügelt und dafür sorgt, dass Jen und ihr Vater stets wie aus dem Ei gepellt aussehen.

Bei mir hingegen geht es nicht ganz so geregelt zu. Als ich sieben war, ist meine Mutter gestorben. Mein Vater hat mich allein großgezogen. Er ist ein toller Vater, hat aber wegen seines Jobs als Taxifahrer sehr unregelmäßige Arbeitszeiten, deshalb sehen wir uns manchmal tagelang nicht. Früher habe ich, so gut es ging, den Haushalt erledigt, aber mein Dad gehört zu den Menschen, die allein durch ihre Anwesenheit Chaos verursachen, was das Ganze ziemlich schwierig machte. Deshalb war ich immer das Kind, das in einer zerknautschten Bluse und zu kurzen Ärmeln morgens in die Schule kam.

Seit ein paar Jahren ist Dad mit Genoveva zusammen. Jen bezeichnet sie als meine »böse Stiefmutter«, aber ich finde, sie ist grundsätzlich kein schlechter Mensch, sondern will meinen Vater bloß nicht mit anderen teilen oder an das Leben erinnert werden, das er geführt hat, bevor sie aufgetaucht ist.

Einige Zeit nachdem die beiden sich kennengelernt hatten, zog Genoveva bei uns ein, was anfangs ganz gut lief, aber dann wurde Genoveva schwanger. Also bot ich den beiden an, in den kleinen Bungalow neben Dads Cottage zu ziehen, damit sie mehr Platz haben. Eigentlich hatte ich einen Studien-
platz an einer Uni in Schottland ergattert, aber die beiden brauchten meine Hilfe so dringend, dass ich blieb und mich an der Uni in der nächstgrößeren Stadt einschrieb.

Der Bungalow ist nicht gerade luxuriös, aber er gestattet mir, ihnen jederzeit zur Hand zu gehen, außerdem durfte ich mietfrei darin wohnen, solange ich noch studiert habe.

Ich frage mich, was Dad sagen wird, wenn ich ihm vom Ivy College erzähle. Tu, was dein Herz dir sagt, lebe deinen Traum, wird er mir bestimmt raten. Aber mir ist klar, dass er und Genoveva ohne meine Hilfe ziemlich zu kämpfen haben werden.

Das Knirschen von Kies verrät mir, dass Jen in die Einfahrt eingebogen ist. Ich schnappe den Brief, laufe vors Haus und winke ihr.

4

Soph!« Jen winkt zurück. Sie sieht wie immer sensationell aus: langes, glattes Haar, Designerjeans, riesige grüne, mit Kajalstift umrandete Augen und hinreißende Pausbäckchen. Sie ist klein und kurvig, mit üppigen Brüsten – exakt das Gegenteil von mir mit meinen langen, schlaksigen Armen und Beinen, dem lockigen braunen Haar und meinen kleinen Brüsten, für die bestenfalls ein B-Körbchen ausreicht.

»Du wirst auf jeden Fall zusagen«, erklärt sie und marschiert über den knirschenden Kies auf mich zu.

»Pst!«, zische ich. Dad, Genoveva und mein kleiner Bruder Samuel sind im Haus. Es hat den Anschein, als würden die beiden sich streiten, da Genoveva heftig gestikuliert.

Jen packt mich am Arm und zieht mich in meinen kleinen Bungalow. Eigentlich ist es nur ein Apartment mit Küche, aber das reicht völlig aus. Ich habe alles, was ich brauche, und solange ich Ordnung halte, fällt der fehlende Platz nicht weiter ins Gewicht.

Wir gehen hinein, und Jen schlägt die Tür hinter uns zu. »Wie hältst du es hier drinnen bloß aus?«, fragt sie und setzt den Wasserkessel auf. »Diese Frau hat dir dein Zuhause weggenommen.«

»Aber sie macht Daddy glücklich«, wende ich ein und streiche mit den Fingern über ein Foto meiner Mutter auf dem Fensterbrett. Mum lächelt mich an. Das Foto wurde im Garten aufgenommen, und ihr langes schwarzes Haar glänzt in der Sonne. »Ich mag den Bungalow, weil ich ihn ganz für mich allein habe.«

»Ist das die Zusage?« Jen nimmt mir den Brief aus der Hand.

»Ja. Ich habe ihn noch nicht einmal ganz gelesen, weil ich nach wie vor unter Schock stehe. Ach, ich weiß auch nicht, Jen. Keine Ahnung, wie Dad und Genoveva ohne mich zurechtkommen sollen. Und London ist weit weg.«

Jen winkt ab. »Eine halbe Stunde mit dem Bus, und dann eine Stunde mit dem Zug. Notfalls kannst du jedes Wochenende herkommen. Du bist meine beste Freundin. Ich werde nicht zulassen, dass du dir diese Chance entgehen lässt. Kommt nicht in Frage.«

»Bloß weil irgendein arroganter Hollywoodstar dort Schauspielkurse hält?«

»Er ist nicht irgendein Hollywoodstar«, widerspricht Jen mir. »Du hast doch selbst gesagt, dass er unglaublich talentiert ist.«

»Und den Ruf hat, ein eiskalter Kerl zu sein.«

»Na gut, er wirkt vielleicht ein klein wenig überheblich«, räumt Jen ein. »Anscheinend liest er ein Drehbuch noch nicht einmal, wenn er es nicht exklusiv bekommt, sondern betrachtet es als Beleidigung, wenn ein anderer Schauspieler für die Rolle auch nur vorgesehen ist.«

Ich schlucke. »Und bei diesem Mann soll ich Schauspiel lernen? Hältst du das ernsthaft für eine gute Idee? Du weißt doch, wie sensibel ich sein kann.«

Jen zuckt die Achseln. »Es wird Zeit, dass du dir ein etwas dickeres Fell zulegst. Vielleicht ist es ja genau das Richtige. Außerdem sind das nur Gerüchte. Nichts als Klatsch. Jedem, der so erfolgreich ist wie Marc, sitzt die Presse doch ständig im Nacken. Das ist ganz normal. Du kannst dir die Chance unmöglich entgehen lassen, Sophia. Du bist eine tolle Schauspielerin.«

»Du bist nicht objektiv, Jen«, seufze ich.

»Hallo!« Jen wedelt mit dem Brief. »Offenbar sind Marc Blackwell und alle anderen Entscheidungsträger derselben Meinung wie ich.«

»Sie haben mich doch bloß ein einziges Mal erlebt«, wende ich ein. »Bei einem Vorsprechen, bei dem ich nur deshalb nicht nervös war, weil ich nie im Leben gedacht hätte, dass sie mich nehmen würden. Sie wissen doch überhaupt nichts von mir. Denn wenn sie es täten, wäre ihnen klar, dass sie einen Riesenfehler begangen haben. Von den praktischen Aspekten ganz zu schweigen. Wie soll ich das Studium finanzieren? Dad muss für Genoveva und Samuel sorgen, außerdem lässt er mich umsonst hier wohnen. Ich kann ihn nicht um noch mehr bitten.«

Jen antwortet nicht, sondern liest immer noch. Schließlich lässt sie den Brief sinken.

»Was ist?«, frage ich.

»Hast du gerade das Thema Geld erwähnt?«, fragt Jen.

»Du brauchst gar nicht erst anzubieten, dass du mir etwas leihen würdest, weil du genau weißt, dass ich es sowieso nicht nehmen würde.«

»Das hatte ich gar nicht vor.«

»Gut.«

»Weil die Studiengebühr nämlich schon bezahlt ist. Sieh mal hier. Da steht es. Es ist ein Vollstipendium, mit allem Drum und Dran.«

»Was?« Ich reiße ihr den Brief aus der Hand. »Aber … wie ist das möglich? Ich habe doch gar nicht nach Vergünstigungen gefragt.«

»Das brauchtest du auch nicht«, sagt Jen. »Lies mal, was hier steht.« Sie zeigt auf einen Abschnitt im Brief. »Dein Studienplatz wird komplett finanziert, inklusive Unterkunft und Verpflegung. Außerdem bezahlen sie dir ein Taschengeld und übernehmen die Kosten für das Unterrichtsmaterial.«

»Ich fasse es nicht.« Wieder und wieder lese ich den Abschnitt durch. Ich fühle mich, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. »Ein Vollstipendium?«

»Und jetzt würde ich gern einen guten Grund von dir hören, weshalb du nicht zusagen solltest.« Jen nimmt mir den Brief wieder aus der Hand und liest weiter bis zum Ende. »Wo ist der Umschlag dazu?«, fragt sie schließlich.

»Keine Ahnung. Ich glaube, er liegt noch im Garten«, antworte ich achselzuckend.

»Dann sollten wir ihn lieber reinholen.«

Ich folge ihr nach draußen, vorbei an den verwitterten Mauern des Cottage, in Dads Garten mit all den Blumen, den Bäumen und dem Gemüse. In Wahrheit ist es nicht Dads Garten, sondern der meiner Mutter und inzwischen meiner, weil ich die Einzige bin, die sich darum kümmert. Nicht dass ich es als lästige Pflicht empfinden würde – im Gegenteil. Ich pflanze gern Sachen an und sehe zu, wie sie wachsen und gedeihen. Wenn ich könnte, würde ich mich den ganzen Tag im Freien aufhalten.

Jen nimmt den braunen Umschlag vom Gartentisch. »Du wirst das nicht glauben. Hör endlich auf, an deinen Haaren herumzuzupfen. Es gibt keinerlei Grund, nervös zu sein.«

Ich lasse meine Hand sinken. Mein Haar ist oben glatt, lockt sich jedoch an den Spitzen, weshalb ich ständig daran herumziehe, um sie zu glätten, vor allem wenn ich aufgeregt bin. Ich finde, ich sehe wegen meiner Haare lächerlich jung aus, wie ein kleines Mädchen mit hübschen Löckchen, aber Jen behauptet immer, sie beneide mich glühend um meine Wellen. Ich hingegen würde jederzeit meine Mähne gegen glattes blondes Haar eintauschen.

»Was ist denn?«, frage ich.

»Ein Vollstipendium bedeutet, dass sie für Unterkunft, Verpflegung und sonstige Lebenshaltungskosten aufkommen«, erklärt Jen. »Und du bekommst sämtliche Lehrbücher bezahlt. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt noch eine einmalige Zahlung für Kleidung und alles, was du sonst noch für die Uni brauchst.« Sie öffnet den braunen Umschlag und zieht triumphierend einen Scheck heraus.

»O mein Gott!« Ich reiße ihr den Scheck aus der Hand und werfe einen Blick auf die Summe. Sie ist höher als alles, was ich je besessen habe. Vor Schreck schlage ich mir die Hand vor den Mund.

»Ist dir klar, was das bedeutet?«, fragt Jen.

»Was denn?«

»Dass wir jetzt shoppen gehen.«

5

Normalerweise ist eine Shoppingtour mit Jen ein zweifelhaftes Vergnügen. Einerseits macht es riesigen Spaß, weil sie mich dazu bringt, Sachen anzuprobieren, die anzuziehen ich mich nie im Leben trauen würde, außerdem hat sie eine Engelsgeduld. Andererseits besitzt sie eine Kreditkarte ohne Limit, wohingegen mir seit jeher bloß ein Minigehalt aus einem meiner vielen Teilzeitjobs zur Verfügung steht.

Normalerweise kann ich mir lediglich praktische Dinge wie Jeans und Pullis leisten, und auch davon höchstens ein Stück pro Monat. Aber heute kann ich mir alles kaufen, was ich mir wünsche. Keine beklommenen Blicke auf das Preisschild. Keine Billigläden. Es fühlt sich toll und seltsam zugleich an.

Wir fahren ins Einkaufszentrum. Jen löst einen Parkschein, klemmt ihn unter den Scheibenwischer und hakt sich bei mir unter. »Das wird der absolute Hammer«, prophezeit sie. »Ich habe so viele Sachen für den Herbst gesehen, die dir stehen könnten.«

Wir nehmen den Aufzug in den ersten Stock, den ich normalerweise wohlweislich meide, da sich hier all die Geschäfte befinden, die ich mir nicht leisten kann.

»Sieh mal, hier ist Ausverkauf.« Ich zeige auf das Schaufenster einer Boutique. Für Schnäppchen besitze ich eine echte Spürnase.

»Kein Ausverkauf heute«, erklärt Jen. »Die haben nur die Sommersachen heruntergesetzt. Aber du brauchst die neue Herbstkollektion. Kleider, in denen du so heiß aussiehst, dass Marc Blackwell sich Hals über Kopf in dich verliebt.«

»Das wird wohl kaum passieren«, gebe ich lachend zurück.

»Los, komm. Ich weiß genau, wo wir hingehen.«

Sie schleppt mich zu Brickworks, einem Traum von einer
Boutique mit weißem Fußboden, in der es herrlich nach Aromaölen duftet.

Als wir eintreten, sehe ich eine Frau in den Vierzigern mit kurzem, platinblond gefärbtem Haar und schwarzer Sonnenbrille mit einem hübschen, hochgewachsenen Mädchen im Schlepptau, bei der es sich wahrscheinlich um ihre Tochter handelt – beide mit einem Arm voller Kleider. Ich frage mich, wie es sein mag, sich in einem Laden wie diesem eine komplett neue Garderobe zulegen zu können. Aber vermutlich werde ich es schon bald herausfinden.

Jen drückt mir bereits Pullis und Kleider in die Hand. »Das hier ist oversized geschnitten und fällt auf einer Seite von der Schulter. Sieh dir das Grün an. Die Farbe passt perfekt zu deinen Augen. Ich würde alles darum geben, braune Augen zu haben. Der Herbst ist deine Saison, Soph.«

Ich lächle sie an. »Du und deine Farbtypen.«

Jen ist leidenschaftliche Vertreterin der Farbenlehre und teilt jedem Menschen, den sie kennt, den entsprechenden Typus zu. Ich bin ein Herbsttyp, was bedeutet, dass mir Orange-, sanfte Grün- und Gelbtöne gut stehen. Jen hingegen ist ein Sommertyp und trägt kühle Farben wie Silber und helles Rosa.

Ich sehe in den Spiegel und muss unvermittelt an meine Mutter denken. Ich habe dieselben Augen wie sie. Manchmal habe ich Angst, ich könnte sie eines Tages vollständig vergessen haben. Mit jedem Jahr verblasst die Erinnerung an sie ein wenig mehr, und sie entgleitet mir immer mehr. Deshalb stehen überall in meinem kleinen Bungalow Fotos von ihr, außerdem habe ich eine Schachtel mit ihren Sachen unter meinem Bett.

»Und diese Jeans – Wahnsinn! Du wirst unglaublich heiß darin aussehen.« Jen wirft mir ein Paar geschmackvoll zerrissener Skinny-Jeans über den Arm. »Und Schmuck! Die haben so tolle Sachen hier. Die Kette passt super dazu.« Sie hängt mir mehrere goldfarbene Ketten aus gehämmertem Messing um den Hals, dann bugsiert sie mich zu den Umkleidekabinen, wo eine Verkäuferin die Sachen an kunstvoll verschlungene Metallhaken hängt.

»Zu diesen Jeans würde ein weites T-Shirt mit Fledermausärmeln super passen«, meint sie. »Sie haben Größe 34, stimmt’s?«

»Stimmt. Die Glückliche«, wirft Jen ein. »Und trotzdem bildet sie sich ein, sie sei fett.«

Die Verkäuferin bringt mir ein weich fallendes Shirt in einem gedämpften Braunton.

»Das passt perfekt zu deinem Teint«, stellt Jen fest.

»Aber was ist mit dem grünen Pulli?«, frage ich. »Der gefällt mir auch.«

»Soph, Schatz, du vergisst, dass du dich heute nicht zwischen zwei Sachen zu entscheiden brauchst. Du kannst beide nehmen.«

»Stimmt.« Ich nicke und lächle, als mir bewusst wird, dass sie recht hat. Ein komisches Gefühl.

»Haben Sie schon unsere neue Stiefelkollektion für den Herbst gesehen?«, erkundigt sich die Verkäuferin.

»Nein, ich …«

»Sie probiert gern ein Paar an. Bringen Sie uns etwas, was zu engen Jeans passt«, unterbricht Jen. »Und ein Paar High Heels zu dem Kleid.«

»Aber ich trage nie High Heels.«

»Heute musst du ausnahmsweise mal nicht praktisch denken, Soph, sondern kannst dir etwas absolut Unvernünftiges kaufen. Etwas, das du vielleicht nur alle Jubeljahre einmal trägst.«

»Zu welchen Gelegenheiten sollte ich High Heels tragen?«

»Kauf dir das Outfit, dann findet sich auch die Gelegenheit dazu, sagt meine Mutter immer.«

»Okay, wenn du meinst.«

Ich probiere alle Sachen an, und wieder einmal bewahrheitet sich, dass Jen ein gutes Händchen für Klamotten hat. Das braune Kleid, das sie für mich herausgesucht hat, leuchtet förmlich im Licht der Umkleidekabine und schmiegt sich auf eine sexy und zugleich elegante Art und Weise an meinen Körper. Und meine Beine sehen in den High Heels sensationell aus. Ich fühle mich wie eine völlig andere Frau – eine Frau, die auf dem Ivy College nicht unangenehm auffallen würde.

»Es sieht alles fantastisch aus«, schwärme ich atemlos, hänge die Sachen auf die Bügel zurück und werfe einen Blick auf die Preisschilder. »Oje. Jen, ich weiß nicht recht …«

»O doch«, sagt Jen. »Du nimmst die Sachen, und zwar alle. Neue Garderobe, neues Leben. Wenn du sie nicht kaufst, kaufe ich sie für dich.«

»Okay, okay.« Jen droht ständig, mir Sachen zu kaufen. Sie weiß zwar, dass ich das niemals zulassen würde, trotzdem versucht sie es immer wieder. »Ist ja schon gut. Ich kaufe die Sachen.«

»Alles?«, hakt sie nach. »Auch den Schmuck?«

Ich registriere, wie sich die Verkäuferin interessiert vorbeugt, und lächle. »Ja. Alles. Gürtel, Stiefel und Kette.«

Jen und die Verkäuferin klatschen in die Hände.

»Großartig!«, rufen sie wie aus einem Munde.

6

Sieben Geschäfte später breche ich unter der Last der schicken Papiertüten fast zusammen. Zahllose wunderschöne Kleidungsstücke wurden liebevoll in Seidenpapier gehüllt und eingepackt. In einem Laden haben sie die Sachen sogar vorher noch mit Lavendelöl besprüht und angeboten, unsere Einkäufe zum Wagen zu tragen. Und das passiert ausgerechnet mir – der Frau, die sonst nur Sonderangebote kauft, die in billige Plastiktüten gestopft werden.

»Etwas müssen wir noch besorgen, bevor ich dich auf einen Kaffee einlade«, erklärt Jen.

»Falsch. Ich lade dich auf einen Kaffee ein«, widerspreche ich. »Das ist das Mindeste. Du hast bisher kein einziges Stück gekauft, sondern es ging die ganze Zeit nur um mich.«

»Oh, Soph, wie oft bist du mit mir durch die Boutiquen gezogen, und ich habe die gesamte Kollektion durchprobiert, während du mit leeren Händen nach Hause gehen musstest? Dieser Nachmittag ist ein echtes Geschenk für mich und macht mir Riesenspaß. Du verdienst es mehr als jeder andere. Schließlich arbeitest du so hart dafür.«

»Du bist eine wunderbare Freundin«, sage ich und berühre ihren Arm. »Ich weiß nicht, was ich ohne dich anstellen soll, wenn ich erst in London bin. Ich werde dich so vermissen.«

»Ach, ich komme dich ganz oft besuchen. Außerdem bin ich nur einen Anruf entfernt, egal, was passiert. Und du findest bestimmt im Handumdrehen neue Freunde. Du bist so ein netter, rücksichtsvoller Mensch, den man gern um sich hat. Du hast mich im Nu vergessen, du wirst sehen.«

»Nie im Leben«, widerspreche ich.

Sie schlägt den Weg ans andere Ende des Einkaufszentrums ein, zu den Läden, wo es die Männer hinzieht. »Wohin gehen wir überhaupt?«

»Das wirst du gleich sehen.«

Sie schleppt mich in den hell erleuchteten Apple-Store mit zahllosen Tablets, Laptops und Computern. »Ich dachte mir, dass dir das Spaß machen wird«, meint sie.

Ich war schon immer ein Computerfreak und liebe alles, was mit Computern, Spielen und technischem Schnickschnack zu tun hat. Nicht dass ich mir immer das Neueste leisten könnte, aber ich war stets gern zur Stelle, wenn Jen ein neues Handy oder einen Computer brauchte.

Wir betreten den Laden, und ich steuere geradewegs auf eine Reihe weißer Laptops zu, die ausnahmslos so schmal wie ein Notizblock sind. Ein Angestellter in einem T-Shirt mit dem Apple-Logo erscheint. »Hi«, begrüßt er mich. »Interessierst du dich für einen Laptop?«

»Das ist noch untertrieben«, erwidere ich und streiche mit den Fingern über das glatte Apfelsymbol auf einer strahlend weißen Hülle.

»Was für ein Budget hast du zur Verfügung?«

»Äh … na ja … eigentlich habe ich kein Budget.«

»Oh, das macht nichts. Wir bieten auch Finanzierungsmodelle an.«

»Nein, nein, ich meine …« Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. »Der Preis spielt keine Rolle.« Es ist mir ein bisschen peinlich, weil es viel zu angeberisch in meinen Ohren klingt. »Zumindest heute nicht.«

Er mustert mich neugierig; bestimmt überlegt er, wie ein Mädchen von Anfang zwanzig in ausgelatschten Turnschuhen und einem ausgeleierten Sweatshirt behaupten kann, der Preis spiele keine Rolle.

»Aha. Hast du ein bestimmtes Modell im Auge?«

Ich trete vor den neuesten Laptop – er ist federleicht und mit einem Akku ausgestattet, der den ganzen Tag hält. Es ist ein komisches Gefühl, zielsicher auf das teuerste Gerät zuzusteuern, und nicht wie sonst auf das billigste. Es ist schwierig, dieses Muster zu durchbrechen.

»Sie nimmt diesen hier«, meldet sich Jen zu Wort. »Das ist doch der beste, oder?«

»Das würde ich sagen, ja«, bestätigt der Verkäufer. »Er ist erst seit letzter Woche auf dem Markt. Es gab sogar eine Warte-
liste dafür, aber wir haben heute eine neue Lieferung bekommen, und es sind gerade noch zwei Stück übrig.«

Er verschwindet im Lager und kehrt mit einer schmalen weißen Schachtel zurück. »Hier.«

»Was legst du drauf, wenn sie ihn zum vollen Preis kauft?«, bohrt Jen.

Der Typ schluckt. »Äh, keine Ahnung … eine Notebooktasche?«

»Was noch?« Jen tippt ungeduldig mit dem Fuß auf.

»Eine Virensoftware.«

»Und eine … wie heißen die Dinger? Eine Maus. Nennt man die so?«

»Willst du eine Maus dazu?«, erkundigt sich der Verkäufer.

»Ja. Eine Maus gratis dazu, und wir sind im Geschäft«, erklärt sie.

Der Mann sieht ein wenig verwirrt drein, aber dann scheint ihm zu dämmern, dass es nicht ratsam wäre, sich mit Jen anzulegen, wenn sie in Feilschlaune ist.

»Gemacht«, erklärt er.

»Großartig!« Jen geht vor mir her zur Kasse.

Wenige Minuten später verlassen wir den Laden – ich mit meinem neuen Laptop, den ich wie ein Baby im Arm halte. Ich liebe ihn, ich liebe ihn, ich liebe ihn.

Jen, die mein Grinsen sieht, legt mir den Arm um die Schultern. »Das war der tollste Tag seit Langem.«

7

Als Jen mich zu Hause absetzt, sehe ich Dad im Türrahmen stehen. Er winkt uns zu und kommt herüber.

»Du meine Güte, Jen, schon wieder eine Shoppingtour? Um wie viel hast du denn deinen Vater diesmal ärmer gemacht?«

Jen sieht mich an. Wir treffen eine stumme Übereinkunft, ihm nicht zu verraten, dass die Sachen in Wahrheit alle mir gehören. Geld ist bei meinem Dad ein Reizthema. Wenn ich ihm erzählen würde, dass mir das College einen dicken Scheck für Klamotten und sonstige Sachen geschickt hat, die ich fürs Studium brauche, würde er darauf bestehen, dass ich es aufs Sparbuch lege und mich mit Klamotten aus dem Secondhandshop begnüge. Was auch durchaus vernünftig sein mag und was ich sonst immer tue. Aber ich bin heilfroh, dass Jen mich gezwungen hat, mir ausnahmsweise etwas zu gönnen.

»Lust auf eine Tasse Tee, ihr beiden?«

Ich sehe suchend zum Haus hinüber und halte nach Genoveva Ausschau. Mir ist bewusst, dass es gemein klingt, aber manchmal halte ich mich lieber von ihr fern, weil sie die Angewohnheit hat, mich herumzukommandieren. Wenn ich mit Dad und Samuel allein bin, ist alles bestens, aber natürlich würde ich das Dad gegenüber niemals erwähnen. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er wüsste, dass sich unsere Zuneigung zueinander in Grenzen hält.

»Ist Genoveva da?«, fragt Jen in ihrer typisch unverblümten Art.

Dad kratzt sich geistesabwesend am Kopf. Sein einst schwarzes Haar ist mittlerweile meliert, und am Hinterkopf hat er eine Glatze. Genoveva kauft ihm ständig ein Haarwuchsmittel, von dem seine Kopfhaut ganz schwarz wird, allerdings zeichnete sich schon mit Mitte zwanzig ab, dass Dad eines Tages kahl sein würde. Meine Mutter hat das nie gestört. Ich weiß, dass ihn seine Kollegen manchmal damit aufziehen, aber ihre Witzeleien machen ihm nichts aus.

»Sie ist mit Samuel zu einer Freundin gefahren, die Fotos von ihm machen soll«, antwortet Dad.

»Ich wusste gar nicht, dass sie überhaupt Freundinnen hat«, murmelt Jen.

»Ich hätte gern eine Tasse Tee«, sage ich, »aber lass nur, ich erledige das schon. Du siehst müde aus.« Mein Dad gehört zu den Menschen, die unweigerlich eine Schweinerei hinterlassen, völlig egal, was sie tun – wenn er sich um den Tee kümmert, ist die Arbeitsplatte danach voller Teekrümel und Zucker, und ich muss alles sauber machen, wenn ich nicht riskieren will, dass er von Genoveva einen Rüffel kassiert.

»Danke, aber ich muss nach Hause«, sagt Jen und wendet sich mir zu. »Kann ich vorher noch kurz etwas mit dir besprechen?« Jen zwinkert mir vielsagend zu.

»Meinst du, er ist sauer, wenn er es erfährt?«, fragt sie, als Dad ins Haus gegangen ist.

»Keine Ahnung.« Ich ziehe eine Locke in die Länge und drehe sie um meinen Finger. »Es stand schon eine ganze Weile zur Diskussion, dass ich dieses Jahr ausziehe, aber vermutlich rechnet er nicht damit, dass ich nicht um die Ecke wohnen werde. Wahrscheinlich dachten sie, dass ich jederzeit zum Babysitten und allem anderen zur Verfügung stehe.«

»Ach, er wird sich schon damit arrangieren«, meint sie. »Alle beide.«

»Vermutlich. Außerdem können sie den Bungalow vermieten, wenn ich erst mal weg bin. Je früher ich ausziehe, umso besser für sie.«

»Genau«, bekräftigt Jen. »Aber du sagst es ihm doch heute noch, oder? Ich will nicht, dass du es auf die lange Bank schiebst und es dir am Ende doch noch anders überlegst.«

»Das werde ich«, verspreche ich. »Es wird schwer werden, aber ich tue es.«

»Gut. Dein Vater ist eine alte Heulsuse, trotzdem freut er sich bestimmt mit dir, du wirst sehen.« Sie lässt den Motor an und braust davon.

Ich gehe ins Haus und höre bereits das Gurgeln des Wasserkessels auf dem Herd.

»Dad?«

»Willst du deinen Kamillentee aus dem Beutel?«, fragt er.

»Setz dich, ich mache das.« Ich trete vor den Küchenschrank und nehme zwei Becher heraus. Ich brauche Dad nicht zu fragen, was er will – er trinkt seinen Tee immer gleich: mit viel Milch und zwei Stück Zucker.

Lächelnd setzt er sich an den Küchentisch. Das Cottage ist schon sehr alt, aber Dad hat beim Kauf eine Wand herausgenommen, sodass der Küchen- und Essbereich nahtlos ins Wohnzimmer übergeht. Der Raum ist ungefähr dreimal so groß wie mein ganzer Bungalow, und es ist immer schön warm und gemütlich.

Ich habe es Dad nie gesagt, aber im Bungalow wird es nachts empfindlich kalt, und mein Bettzeug fühlt sich stets ein wenig klamm an. Manchmal entdecke ich sogar Schimmelspuren auf der Schachtel mit Mums Sachen.

»Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich frage, aber bedrückt dich etwas?«

»Wie kommst du denn darauf?«, frage ich und gebe Zucker in seinen Tee.

»Du wirkst nur ein wenig abwesend.«

»Ja. Kann sein.« Ich rühre den Tee um. »Wie läuft es eigentlich zwischen dir und Genoveva?«

Dad lacht. »Ach, na ja, sie streitet ab und zu ganz gern. Aber das ist wohl bei den meisten Paaren so.«

Zwischen Mum und Dad gab es nie Streit. Sie waren beide immer so nett zueinander, dass es nie Anlass dafür gab.

»Aber ansonsten geht es dir gut? So ganz allgemein?«, frage ich vorsichtig. Ich will die Bombe nicht platzen lassen, wenn er gerade einen schlechten Tag hat.

»Aber ja, es geht mir gut. Ich wünschte, ich könnte dich so lange im Bungalow wohnen lassen, wie du willst, aber …«

»Ach Dad, fang doch nicht wieder damit an. Es ist völlig in Ordnung. Du musst dich doch um Genoveva und das Baby kümmern. Ihr braucht die Miete, die ihr für den Bungalow bekommt. Ich bin erwachsen, mach dir keine Sorgen. Ich komme schon zurecht.«

»Eine so wunderbare Tochter habe ich gar nicht verdient«, erwidert er und nimmt mir den Teebecher aus der Hand. »In der Schachtel sind noch Kekse mit Vanillefüllung.«

»Danke.« Ich liebe diese Dinger, aber im Moment habe ich keinen Appetit. »Okay.« Ich hole tief Luft und lasse sie wieder entweichen. »Dad, ich muss dir etwas sagen.«

Dad stellt seinen Becher auf den Tisch. »Ist alles in Ordnung, Soph? Brauchst du Hilfe?«

»Nein, nein.« Ich schüttle den Kopf. »Es ist nichts. Ich muss dir nur etwas erzählen.«

»Ach so?« Dad bemüht sich um ein Lächeln.

»Ja. Und eigentlich ist es sogar eine tolle Neuigkeit.«

»Na, dann mal raus mit der Sprache.«

»Ich habe ein Vollstipendium für einen Aufbaustudienkurs angeboten bekommen.«

»Das ist ja wunderbar, Soph«, sagt er. »Wirklich, wirklich toll.« Er lässt den Atem entweichen. »Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Stein mir vom Herzen fällt. Ich hatte schon schlaflose Nächte, wie du in einem Kaff wie diesem jemals einen Job finden willst. Ohne Auto und so. Ich wünschte, ich könnte dir einen Wagen kaufen, aber … Musst du in diesem Fall noch länger im Bungalow wohnen bleiben?«

»Nein.«

»Und wo wirst du wohnen? Deine Uni hat doch gar keine Unterkünfte für Aufbaustudenten, oder?«

»Das Angebot kam auch nicht von meiner Uni, sondern von einem College in London.« Ich betrachte den Teebeutel, der in der bräunlichen Flüssigkeit schwimmt. »Ich hatte mich dort aus einer Laune heraus beworben. Eigentlich war es ja die Idee meiner Tutorin, und ich habe das Ganze überhaupt nicht ernst genommen. Ich hätte nie gedacht, dass sie mich nehmen würden.«

Dad nickt traurig. »London ist ein bisschen zu weit weg, um jedes Wochenende herzukommen, oder?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, so weit ist es nicht. Ich kann jederzeit herkommen.«

»Das klingt, als hättest du dich schon entschieden«, meint er mit einem sanften Lächeln.

»Das habe ich auch. Es ist eine Riesenchance für mich. Tausende Studenten haben sich beworben. Jen würde mir den Kopf abreißen, wenn ich ablehnen würde.« Ich muss grinsen.

»Jen ist eine wunderbare Freundin.« Dad nippt an seinem Tee. »Mach dir um mich keine Sorgen, Soph. Das will ich nicht. Du musst tun, was dir Spaß macht. Und jetzt erzähl von diesem College.«

»Es nennt sich Ivy College und gehört einem berühmten Schauspieler. Marc Blackwell. Er unterrichtet sogar selbst dort.«

»Ich habe schon mal von ihm gehört. Er hat doch in diesem Film mitgespielt … Wie hieß er noch? … Er hat diesen Basketballspieler im Rollstuhl gespielt.«

»Gefängnis der Gedanken. Dafür hat er einen Oscar bekommen.«

»Also sitzt er im Rollstuhl?«

Ich muss grinsen. »Nein, Dad. Er ist Schauspieler. Das war nur eine Rolle. Er ist körperlich völlig gesund. Und so fit, dass ihm vor ein paar Jahren sogar die Rolle von James Bond angeboten wurde, aber er hat abgelehnt.«

»James Bond!« Dads Augen beginnen zu leuchten. »Du wirst also von James Bond unterrichtet?«

»Nein, wie gesagt, er hat das Angebot abgelehnt.«

»Wieso um alles in der Welt?«

Ich zucke mit den Achseln. »Vermutlich war er der Ansicht, dass es nicht die richtige Rolle für ihn ist. Er macht nicht allzu viele Mainstream-Filme.«

Dad stellt seine Tasse auf den Tisch und nimmt mich in die Arme. »Ich bin so stolz auf dich, mein Schatz. Ehrlich. Du bist die beste Tochter, die man sich nur wünschen kann. Und du wirst die Leute an diesem College umhauen.«