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Als Jen mich zu Hause absetzt, sehe ich Dad im Türrahmen stehen. Er winkt uns zu und kommt herüber.
»Du meine Güte, Jen, schon wieder eine Shoppingtour? Um wie viel hast du denn deinen Vater diesmal ärmer gemacht?«
Jen sieht mich an. Wir treffen eine stumme Übereinkunft, ihm nicht zu verraten, dass die Sachen in Wahrheit alle mir gehören. Geld ist bei meinem Dad ein Reizthema. Wenn ich ihm erzählen würde, dass mir das College einen dicken Scheck für Klamotten und sonstige Sachen geschickt hat, die ich fürs Studium brauche, würde er darauf bestehen, dass ich es aufs Sparbuch lege und mich mit Klamotten aus dem Secondhandshop begnüge. Was auch durchaus vernünftig sein mag und was ich sonst immer tue. Aber ich bin heilfroh, dass Jen mich gezwungen hat, mir ausnahmsweise etwas zu gönnen.
»Lust auf eine Tasse Tee, ihr beiden?«
Ich sehe suchend zum Haus hinüber und halte nach Genoveva Ausschau. Mir ist bewusst, dass es gemein klingt, aber manchmal halte ich mich lieber von ihr fern, weil sie die Angewohnheit hat, mich herumzukommandieren. Wenn ich mit Dad und Samuel allein bin, ist alles bestens, aber natürlich würde ich das Dad gegenüber niemals erwähnen. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er wüsste, dass sich unsere Zuneigung zueinander in Grenzen hält.
»Ist Genoveva da?«, fragt Jen in ihrer typisch unverblümten Art.
Dad kratzt sich geistesabwesend am Kopf. Sein einst schwarzes Haar ist mittlerweile meliert, und am Hinterkopf hat er eine Glatze. Genoveva kauft ihm ständig ein Haarwuchsmittel, von dem seine Kopfhaut ganz schwarz wird, allerdings zeichnete sich schon mit Mitte zwanzig ab, dass Dad eines Tages kahl sein würde. Meine Mutter hat das nie gestört. Ich weiß, dass ihn seine Kollegen manchmal damit aufziehen, aber ihre Witzeleien machen ihm nichts aus.
»Sie ist mit Samuel zu einer Freundin gefahren, die Fotos von ihm machen soll«, antwortet Dad.
»Ich wusste gar nicht, dass sie überhaupt Freundinnen hat«, murmelt Jen.
»Ich hätte gern eine Tasse Tee«, sage ich, »aber lass nur, ich erledige das schon. Du siehst müde aus.« Mein Dad gehört zu den Menschen, die unweigerlich eine Schweinerei hinterlassen, völlig egal, was sie tun – wenn er sich um den Tee kümmert, ist die Arbeitsplatte danach voller Teekrümel und Zucker, und ich muss alles sauber machen, wenn ich nicht riskieren will, dass er von Genoveva einen Rüffel kassiert.
»Danke, aber ich muss nach Hause«, sagt Jen und wendet sich mir zu. »Kann ich vorher noch kurz etwas mit dir besprechen?« Jen zwinkert mir vielsagend zu.
»Meinst du, er ist sauer, wenn er es erfährt?«, fragt sie, als Dad ins Haus gegangen ist.
»Keine Ahnung.« Ich ziehe eine Locke in die Länge und drehe sie um meinen Finger. »Es stand schon eine ganze Weile zur Diskussion, dass ich dieses Jahr ausziehe, aber vermutlich rechnet er nicht damit, dass ich nicht um die Ecke wohnen werde. Wahrscheinlich dachten sie, dass ich jederzeit zum Babysitten und allem anderen zur Verfügung stehe.«
»Ach, er wird sich schon damit arrangieren«, meint sie. »Alle beide.«
»Vermutlich. Außerdem können sie den Bungalow vermieten, wenn ich erst mal weg bin. Je früher ich ausziehe, umso besser für sie.«
»Genau«, bekräftigt Jen. »Aber du sagst es ihm doch heute noch, oder? Ich will nicht, dass du es auf die lange Bank schiebst und es dir am Ende doch noch anders überlegst.«
»Das werde ich«, verspreche ich. »Es wird schwer werden, aber ich tue es.«
»Gut. Dein Vater ist eine alte Heulsuse, trotzdem freut er sich bestimmt mit dir, du wirst sehen.« Sie lässt den Motor an und braust davon.
Ich gehe ins Haus und höre bereits das Gurgeln des Wasserkessels auf dem Herd.
»Dad?«
»Willst du deinen Kamillentee aus dem Beutel?«, fragt er.
»Setz dich, ich mache das.« Ich trete vor den Küchenschrank und nehme zwei Becher heraus. Ich brauche Dad nicht zu fragen, was er will – er trinkt seinen Tee immer gleich: mit viel Milch und zwei Stück Zucker.
Lächelnd setzt er sich an den Küchentisch. Das Cottage ist schon sehr alt, aber Dad hat beim Kauf eine Wand herausgenommen, sodass der Küchen- und Essbereich nahtlos ins Wohnzimmer übergeht. Der Raum ist ungefähr dreimal so groß wie mein ganzer Bungalow, und es ist immer schön warm und gemütlich.
Ich habe es Dad nie gesagt, aber im Bungalow wird es nachts empfindlich kalt, und mein Bettzeug fühlt sich stets ein wenig klamm an. Manchmal entdecke ich sogar Schimmelspuren auf der Schachtel mit Mums Sachen.
»Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich frage, aber bedrückt dich etwas?«
»Wie kommst du denn darauf?«, frage ich und gebe Zucker in seinen Tee.
»Du wirkst nur ein wenig abwesend.«
»Ja. Kann sein.« Ich rühre den Tee um. »Wie läuft es eigentlich zwischen dir und Genoveva?«
Dad lacht. »Ach, na ja, sie streitet ab und zu ganz gern. Aber das ist wohl bei den meisten Paaren so.«
Zwischen Mum und Dad gab es nie Streit. Sie waren beide immer so nett zueinander, dass es nie Anlass dafür gab.
»Aber ansonsten geht es dir gut? So ganz allgemein?«, frage ich vorsichtig. Ich will die Bombe nicht platzen lassen, wenn er gerade einen schlechten Tag hat.
»Aber ja, es geht mir gut. Ich wünschte, ich könnte dich so lange im Bungalow wohnen lassen, wie du willst, aber …«
»Ach Dad, fang doch nicht wieder damit an. Es ist völlig in Ordnung. Du musst dich doch um Genoveva und das Baby kümmern. Ihr braucht die Miete, die ihr für den Bungalow bekommt. Ich bin erwachsen, mach dir keine Sorgen. Ich komme schon zurecht.«
»Eine so wunderbare Tochter habe ich gar nicht verdient«, erwidert er und nimmt mir den Teebecher aus der Hand. »In der Schachtel sind noch Kekse mit Vanillefüllung.«
»Danke.« Ich liebe diese Dinger, aber im Moment habe ich keinen Appetit. »Okay.« Ich hole tief Luft und lasse sie wieder entweichen. »Dad, ich muss dir etwas sagen.«
Dad stellt seinen Becher auf den Tisch. »Ist alles in Ordnung, Soph? Brauchst du Hilfe?«
»Nein, nein.« Ich schüttle den Kopf. »Es ist nichts. Ich muss dir nur etwas erzählen.«
»Ach so?« Dad bemüht sich um ein Lächeln.
»Ja. Und eigentlich ist es sogar eine tolle Neuigkeit.«
»Na, dann mal raus mit der Sprache.«
»Ich habe ein Vollstipendium für einen Aufbaustudienkurs angeboten bekommen.«
»Das ist ja wunderbar, Soph«, sagt er. »Wirklich, wirklich toll.« Er lässt den Atem entweichen. »Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Stein mir vom Herzen fällt. Ich hatte schon schlaflose Nächte, wie du in einem Kaff wie diesem jemals einen Job finden willst. Ohne Auto und so. Ich wünschte, ich könnte dir einen Wagen kaufen, aber … Musst du in diesem Fall noch länger im Bungalow wohnen bleiben?«
»Nein.«
»Und wo wirst du wohnen? Deine Uni hat doch gar keine Unterkünfte für Aufbaustudenten, oder?«
»Das Angebot kam auch nicht von meiner Uni, sondern von einem College in London.« Ich betrachte den Teebeutel, der in der bräunlichen Flüssigkeit schwimmt. »Ich hatte mich dort aus einer Laune heraus beworben. Eigentlich war es ja die Idee meiner Tutorin, und ich habe das Ganze überhaupt nicht ernst genommen. Ich hätte nie gedacht, dass sie mich nehmen würden.«
Dad nickt traurig. »London ist ein bisschen zu weit weg, um jedes Wochenende herzukommen, oder?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, so weit ist es nicht. Ich kann jederzeit herkommen.«
»Das klingt, als hättest du dich schon entschieden«, meint er mit einem sanften Lächeln.
»Das habe ich auch. Es ist eine Riesenchance für mich. Tausende Studenten haben sich beworben. Jen würde mir den Kopf abreißen, wenn ich ablehnen würde.« Ich muss grinsen.
»Jen ist eine wunderbare Freundin.« Dad nippt an seinem Tee. »Mach dir um mich keine Sorgen, Soph. Das will ich nicht. Du musst tun, was dir Spaß macht. Und jetzt erzähl von diesem College.«
»Es nennt sich Ivy College und gehört einem berühmten Schauspieler. Marc Blackwell. Er unterrichtet sogar selbst dort.«
»Ich habe schon mal von ihm gehört. Er hat doch in diesem Film mitgespielt … Wie hieß er noch? … Er hat diesen Basketballspieler im Rollstuhl gespielt.«
»Gefängnis der Gedanken. Dafür hat er einen Oscar bekommen.«
»Also sitzt er im Rollstuhl?«
Ich muss grinsen. »Nein, Dad. Er ist Schauspieler. Das war nur eine Rolle. Er ist körperlich völlig gesund. Und so fit, dass ihm vor ein paar Jahren sogar die Rolle von James Bond angeboten wurde, aber er hat abgelehnt.«
»James Bond!« Dads Augen beginnen zu leuchten. »Du wirst also von James Bond unterrichtet?«
»Nein, wie gesagt, er hat das Angebot abgelehnt.«
»Wieso um alles in der Welt?«
Ich zucke mit den Achseln. »Vermutlich war er der Ansicht, dass es nicht die richtige Rolle für ihn ist. Er macht nicht allzu viele Mainstream-Filme.«
Dad stellt seine Tasse auf den Tisch und nimmt mich in die Arme. »Ich bin so stolz auf dich, mein Schatz. Ehrlich. Du bist die beste Tochter, die man sich nur wünschen kann. Und du wirst die Leute an diesem College umhauen.«