An dieser Stelle muss ich kurz das erste Vorwort erwähnen, das ich bereits vor Monaten, nach meiner ersten Reise nach Afghanistan, für dieses Buch geschrieben hatte. Und erklären, warum ich es wieder gelöscht habe.
In diesem ersten Vorwort sah man deutlich, hier ist ein Berufskomiker am Werk: in jedem Satz eine Knaller-Pointe, ein dicker Otto. Gib dem Affen Zucker! Wo Kurt Krömer draufstand, sollte auch Kurt Krömer drin sein! Mein erstes Buch! Die Leute sollten schließlich ein Kurt-Krömer-Buch bekommen. Und ich wollte schließlich vorm Hugendubel am Hermannplatz vorbeispazieren und meine Deko-Auslage genießen.
Die Wahrheit ist: Ich schrieb dieses Vorwort unter Einfluss von Alkohol. Ich schrieb es in der Angst, den Erwartungen, die der Verlag, die Leserschaft und ich selbst an mich stellen würden, nicht gerecht werden zu können.
Es war auch die Angst, der ich auf zwei Reisen nach Afghanistan begegnet bin. Bei Soldaten, Zivilisten, meinem Team und nicht zuletzt bei mir selbst. In der Zeit davor und danach.
Ich hatte versucht, das wegzudrücken, mit pfiffigen Sprüchen wegzuschreiben. Es ist ja schließlich alles gut gegangen. Gut gegangen? Wie naiv!
In drei Tagen geht das Buch in den Satz. Ich habe ein neues Vorwort geschrieben, und diesmal ist es die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Ihr Kurt Krömer
Berlin, im März 2013
Anfang 2012 erreichte mich eine Einladung der Bundeswehr. Beim Wort Bundeswehr zuckte ich zusammen. Ich hatte total verweigert, weder Wehrdienst noch Zivildienst geleistet.
Meinem Stress mit dem Kreiswehrersatzamt und der folgenden zweijährigen Flucht vor dem Dienst habe ich ein eigenes Kapitel in diesem Buch gewidmet.
Deswegen sei an dieser Stelle nur kurz angemerkt: mein Verhältnis zur Bundeswehr war suboptimal.
Sie können sich daher vorstellen, dass ich beim Erhalt der Einladung schon ein wenig irritiert war. Es war allerdings nicht die erste Auftrittsanfrage. Vor etwa sieben Jahren, zu Zeiten des Kosovo-Krieges, hatte ich bereits die erste Einladung der Bundeswehr bekommen.
Auf reine Truppenbetreuung hatte ich aber auch jetzt keine Lust. Hinfliegen, den Hampelmann machen und dann wieder zurück nach Hause? Nicht mit mir. Also beschloss ich schnell, die Begegnung mit der Bundeswehr zu filmen. Dann hätten wir beide was davon, dachte ich mir, die Bundeswehr ihre Truppenbetreuung und ich kleine, kurze Filme für eine geplante Fernsehsendung. Die Gespräche mit der Pressestelle der Bundeswehr in Potsdam begannen.
Was man sich denn so vorstelle, lautete ihre erste Frage.
Trotz aller Behäbigkeit des Beamtenapparates der Bundeswehr schien man der ganzen Aktion gegenüber aufgeschlossen zu sein. Wir schrieben ihnen also, dass wir gerne Gespräche mit den Soldaten führen, deren Tagesabläufe und Freizeitaktivitäten filmen, des Weiteren Gespräche mit dem Militärpfarrer und mit weiblichen Soldaten führen und ansonsten vor Ort sehen wollten, was uns interessant erscheint. Kurzum, wir wollten eine Drehgenehmigung für alles. Dem wurde stattgegeben. Dass alles so unkompliziert und schnell zu unseren Gunsten entschieden wurde und eine ständige Offenheit herrschte, machte uns allerdings stutzig. Wir machten uns darauf gefasst, dass Zusagen, die in Potsdam gemacht werden, vor Ort in Afghanistan jederzeit gekippt werden könnten. Die einzige Auflage, die schon im Vorfeld ausgesprochen wurde, lautete: Gefilmt werden dürfen ausschließlich deutsche Soldaten. Keine Soldaten anderer Nationen. Und auf gar keinen Fall amerikanische Soldaten. Es dürfen keine Bilder oder Aufnahmen von den Wachtürmen in den jeweiligen Camps gemacht werden. Und die Namen der jeweiligen deutschen Soldaten dürfen weder ausgesprochen noch auf der Uniform lesbar sein. Das mit den sichtbaren oder ausgesprochenen Namen könnte zu Anfeindungen der Soldaten und ihren Familien in Deutschland führen, schärfte man uns ein.
(Deswegen haben wir den Personen, die wir kennengelernt haben, in diesem Buch erfundene Namen gegeben, ausgenommen sind solche, die in der Öffentlichkeit stehen.)
Als der Deal mit der Bundeswehr abgeschlossen war, stellte ich mein Team zusammen. Ein Kameramann, der schon ein paar Jahre zuvor monatelang für die ARD in Afghanistan gedreht hatte, plus sein damaliger Ton-Mann. Außerdem kamen meine beiden Manager, Kleo und Pino, und mein Realisator Tankred Lerch mit auf diese Reise.
Tankred Lerch hatte ich auf meiner letzten Tournee kennengelernt. Wir diskutierten über die uns anwidernde Comedy-Szene in Deutschland und über den Widerspruch, sich über eine Welt aufzuregen, von der man andererseits lebt. Und sofort waren wir bei der allseits beliebten Debatte, über wen oder was man sich eigentlich lustig machen kann oder darf. Und mitten in diese Diskussionen hinein kam meine Einladung zur Bundeswehr nach Afghanistan. Wir waren uns über alle Maßen einig, was meine Absichten betraf, und prompt wurde die Reise um eine Person aufgestockt.
Uns beide interessierte von Anfang an, wie man Humor in einem Kriegsgebiet einsetzt, ohne sich über die Opfer – in diesem Fall das afghanische Volk – lustig zu machen. Klar war auch, dass wir nicht über die Soldaten herziehen wollten. Das wäre zu einfach. Das hätte man schließlich in einer Berliner Kaserne oder irgendwo anders in Deutschland als Fernsehen-Sketch drehen können.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir alle noch keinen blassen Schimmer, wie sehr uns diese Reise beeindrucken würde. Wir waren coole Fernsehleute, die eine kühne Sendung aufstellen wollten. Und das mit echtem Material.
Von einem möglichen Buch war noch gar keine Rede. Überhaupt kam die Idee dazu erst viel später, Tage nach unserer ersten Heimreise.
Dieses Buch ist ein Erfahrungsbericht über meinen zweiwöchigen Aufenthalt in Afghanistan. Ich möchte mich hier weder als Kriegsberichterstatter noch als Historiker in Sachen afghanischer Geschichte etablieren. Es wäre pure Scharlatanerie.
Wir haben monatelang geplant. Um die Berichterstattung in eigener Sache haben wir uns auch gekümmert. Wir haben damals lange Stillschweigen bewahrt und nichts über meine Reise durchsickern lassen, auch aus Sicherheitsgründen. Bis zur Pressekonferenz in Sachen neuer Krömer ARD Show. Dort verkündete ich selbstbewusst: Übrigens, ich war gerade in Afghanistan. Stille. Schockstarre. Dann, aus der Tiefe des Raumes, die Frage: Warum tragen Sie die Haare jetzt hoch und nicht mehr gescheitelt?
Das hat mich sehr aufgebaut, da ich jetzt weiß: Sollte meine Karriere irgendwann mal den Bach runtergehen, kann ich immer noch als Haarmodel arbeiten.
In meinen Bühnenprogrammen mache ich mich oft – und oft zu Recht – über Journalisten lustig. Allerdings hat es ein Einzelner geschafft, mich nachhaltig zu beeindrucken und den Berufsstand für mich persönlich wieder ins rechte Licht zu rücken: Peter Kümmel.
Denn um nicht ganz auf journalistische Berichterstattung zu verzichten, haben wir Peter Kümmel auf den ersten Teil unserer Reise mitgenommen, der zusätzlich aus seinem Blickwinkel über unseren Besuch bei den Soldaten und die Dreharbeiten in Afghanistan für das ZEIT-Magazin berichtet hat.
Teile seiner Reportage, die am 16.08.2012 im ZEIT-Magazin erschienen ist, durfte ich als Ergänzung in meinen Bericht einbauen. Dafür bedanke ich mich herzlich.
Zu Besuch bei der Bundeswehr in Afghanistan