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Janet Chapman

Der Traum des Highlanders

Roman

Deutsch von Uta Hege

Danksagung

Ich danke Grace Nugent dafür, dass sie mir von Beginn an beigestanden hat. Ihre stete Unterstützung und Ermutigung war und ist ein wunderbares Geschenk.

1

Los, Baby. Gib es mir, du süßes Ding.«

Robbie MacBain fuhr eilig auf. Er war hellwach und kampfbereit, doch er hatte keine Ahnung, was es mit der Stimme auf sich hatte, die ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Los, beweg dich, Baby. So ist’s gut.«

Was zum Teufel war hier los? Er war ganz sicher nicht mit einer Frau ins Bett gegangen, obwohl jetzt eine etwas raue, doch verführerische Stimme direkt neben ihm erklang. Er lag in seinem Bett in seinem Schlafzimmer auf seiner Farm und er war eindeutig allein.

»Noch ein Stückchen weiter, Schatz.«

Robbie richtete sich kerzengerade auf und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Hier war schlicht keine Frau. Trotzdem hörte er die Stimme – weich, sexy und vor allem dicht an seinem Ohr.

»Los«, wisperte sie, wobei ihr Ton eine gewisse Ungeduld verriet. »Ich muss langsam wieder los. Oh, um Himmels willen, beweg dich endlich, ja?«

Als plötzlich mehrere erboste Hennen gackerten, fuhr Robbie zu dem Babyfon herum, das auf seinem Nachttisch stand. Fluchend warf er die Decke fort und sprang aus dem Bett.

Der Hühnerstall.

Er sollte den Hühnerstall bewachen.

Er stieg in seine Jeans, schnappte sich sein T-Shirt und blickte eilig auf den Wecker neben seinem Bett. Fünf Uhr dreißig. Grinsend zog er sich das T-Shirt an und suchte seine Socken.

Er hatte am Vorabend beschlossen, dass es nicht nötig wäre, die kalte Märznacht draußen zu verbringen, weil sich der Stall schließlich mit Hilfe eines Babyfons auch vom Haus aus überwachen ließ. Offenbar hatte es funktioniert, erkannte er zufrieden, als er in seine Stiefel stieg.

Dies war der dritte Einbruch in den Hühnerstall innerhalb von einer Woche. Nie wurden mehr als sechs Eier mitgenommen, und vor allem wurde jedes Mal eine Dollar-Note als Bezahlung hinterlegt. Doch es ging ihm ums Prinzip. Irgendjemand kaufte seine Eier, und er wollte einfach wissen, wer.

Robbie rannte die Treppe hinunter, bremste unten ab, öffnete lautlos die Küchentür und trat in dem Moment auf die mondbeschienene Veranda, in dem die Fremde aus dem Hühnerstall geschlichen kam.

Er blickte blinzelnd durch die Dunkelheit. Hätte er nicht ihre Stimme durch das Babyfon gehört, hätte er geschworen, der Eierdieb wäre ein Kind. Sie wirkte wie ein kleines Mädchen, als sie neben einem Rucksack hockte, in dem sie das gestohlene Frühstück vorsichtig verstaute.

Sie entdeckte ihn, als er von der Veranda stieg, ließ zwei der Eier fallen, sprang erschrocken auf, schwang sich den Rucksack auf den Rücken und stürzte quer über den Hof.

»He! Bleiben Sie stehen!«

Geschmeidig wie eine Katze sprang sie über den Weidezaun, mit einem durch und durch maskulinen Grinsen nahm Robbie die Verfolgung auf. Seine kleine Eierdiebin hatte ein wirklich hübsches Hinterteil. Und, bemerkte er, als er ebenfalls über das Gatter sprang, sie hatte endlos lange Beine, auf denen sie sprintend in der Dunkelheit verschwand.

Aber er war in Socken einen Meter siebenundneunzig groß und hätte sie deshalb bestimmt in wenigen Minuten eingeholt. Dann fände er heraus, wer die Frau mit der verführerischen Stimme war und weshalb sie seine Eier stahl.

Nach knapp zwei Kilometern hatte Robbies Lächeln sich gelegt. Sie würde ihm entkommen! Robbie knirschte mit den Zähnen und zwang seine Beine, sich schneller zu bewegen, obwohl er kaum noch Luft bekam. Er hatte seinen Jungs erklärt, es wäre kein Problem für ihn, einen kleinen Eierdieb zu schnappen, ohne dass ihm dabei eine Gruppe Jugendlicher half. Nachdem er gestern Abend derart angegeben hatte, konnte er sich denken, mit welchem Hohn und Spott sie ihn nachher überschütten würden, wenn er mit leeren Händen heimkäme.

Robbie rannte fast drei Kilometer, ehe er sich eingestehen musste, dass die Jagd vergeblich war. Die langbeinige Katze bog von der Weide ab, rannte durch die Schlucht und die kleine Anhöhe hinauf, bevor sie im dichten Wald des Bergs Tar Stone verschwand.

Verdammt und zugenäht! Robbie stapfte durch die Kälte und die Dunkelheit zurück. Die Litanei der ihm bekannten englischen Verwünschungen war nach einem Kilometer aufgebraucht, und bis er endlich heimkam, fluchte er auf Gälisch vor sich hin.

Zwischen den zwei Dutzend im Hof verstreuten Hennen, die aus dem offenen Hühnerstall geflüchtet waren, blieb er stehen und blickte auf den Tar Stone, über dessen Gipfel sich in diesem Augenblick die Morgensonne schob.

»Sieht aus, als gäbe es zum Frühstück wieder Rühr-Dollar.« Der sechzehnjährige Cody kam grinsend aus dem Hühnerstall und hielt Robbie die zerknitterte Dollarnote hin. »Haben wir wenigstens noch Käse, den wir uns drüberstreuen können?«, fuhr er unbekümmert fort, obwohl Robbie ihn mit einem warnenden Blick bedachte. »Es geht doch nichts über angebrannten Toast und ein Omelette aus einem Dollarschein, wenn man den Tag gut gelaunt beginnen will.«

Robbie trat drohend auf ihn zu.

Der jugendliche Delinquent steckte den Dollar ein und kreuzte lächelnd die Arme vor der Brust. »Sehe ich da etwa leichte Verlegenheit in deinem Gesicht?«

Robbie kreuzte ebenfalls die Arme vor der Brust. »Nein, du siehst meine Entschlossenheit, dich heute das Frühstück für uns machen zu lassen.«

Codys Lächeln schwand. »Ich habe gestern schon Frühstück gemacht.«

»Und zwar so gut, dass du es heute gleich noch einmal machen kannst.«

Cody murmelte etwas, von dem Robbie sicher annahm, dass es nichts Nettes war, und stürmte erbost über den Hof.

Im selben Augenblick wurde die Fliegentür geöffnet und Gunter, der auf die Veranda trat, machte eilig einen Schritt zur Seite und ließ den wutschnaubenden Cody an sich vorbei ins Haus.

Robbie seufzte leise auf. Gunter hatte seine Arbeitskleider an. Die Arme weiter vor der Brust gekreuzt, machte er sich auf die nächste Herausforderung gefasst.

»Harley hat angerufen. Zwei der Arbeiter sind krank«, erklärte Gunter ihm. »Ich springe für sie ein.«

Es überraschte Robbie nicht, dass der Achtzehnjährige ihm freiwillig anbot, den ganzen Tag im Wald zu schuften. Er mistete wahrscheinlich sogar lieber Ställe aus, als in die Schule zu gehen.

».Harley hat gesagt, dass heute zwei Ladungen Sägeholz raus müssen«, fuhr der Junge fort und sah Robbie aus seinen beinahe schwarzen Augen nicht herausfordernd wie sonst, sondern beinahe bittend an. »Du brauchst mich, weil schließlich irgendwer den Lader fahren muss.«

»Den kann ich auch selber fahren.«

»Du hast heute Morgen einen Termin mit Richterin Martha.«

Verdammt. Den hatte er. Und die Hölzer mussten heute raus.

»Ihr Name ist Richterin Bailey, und sie ist alles, was noch zwischen dir und einer kleinen Zelle steht.«

»Ich habe heute sowieso nur Werken und eine normale Stunde«, fuhr Gunter eifrig fort. »Das hole ich einfach morgen nach.«

Robbie erwiderte den direkten Blick des Jungen und wog die Bedeutung einer Schulausbildung gegen sein Bedürfnis, den festen Strukturen des Klassenzimmers zu entkommen, ab.

Zum Teufel, hin und wieder musste jeder Dampf ablassen, und ein langer, arbeitsreicher Tag im Wald würde Gunter ja vielleicht sogar daran erinnern, dass eine gute Ausbildung die Grundvoraussetzung für ein leichteres Leben war.

Außerdem hatte der Junge eine Belohnung dafür verdient, dass er in der Schule bereits seit zwei Monaten keine Schlägerei mehr angefangen hatte und auch sonst nicht weiter aufgefallen war.

Also nickte Robbie mit dem Kopf. »Sag Harley, dass ich nach meinem Treffen mit Bailey komme. Und, Gunter?«, fügte er hinzu, als sich der Junge bereits zum Gehen wenden wollte. »Du hast nur noch zehn Wochen bis zur Abschlussprüfung. So lange hält jeder alles aus.«

Ein schwaches Grinsen huschte über Gunters für gewöhnlich ausdrucksloses Gesicht. »Da hast du wahrscheinlich Recht. Schließlich halte ich bereits seit einem Monat das von dir gekochte Essen aus.«

Ermutigt von dem Grinsen, sah Robbie den Jungen lächelnd an. »Oma Katie bringt uns heute Abend eine Lasagne rüber«, versprach er, denn er wusste selbst, dass seine eigene Kochkunst wirklich alles andere als überragend war. »Mit Salat und selbst gebackenen Brötchen.«

»Wann suchst du endlich eine neue Haushälterin für uns?«

Robbie schüttelte den Kopf. »Es hat sich inzwischen rumgesprochen, was ihr für Nervensägen seid. Und so viel Geld, wie ich einer Frau dafür bezahlen müsste, dass sie trotzdem kommt, habe ich ganz einfach nicht.«

»Wir haben unsere Lektion gelernt«, erklärte Gunter ihm. »Wenn wir dafür nicht mehr dein Essen ertragen und unsere Wäsche selber waschen müssen, behandeln wir die nächste Frau wie eine Königin.«

»Das schreibe ich am besten in die Anzeige mit rein«, antwortete Robbie und drehte seinen Kopf, als hinter ihm das Klopfen eines Stocks im Kies erklang.

Auch Gunter drehte sich kurz um. Als er Vater Daar den Weg aus dem Wald herunterkommen sah, stürmte er ins Haus zurück.

Robbie brauchte seine ganze Willenskraft, um das nicht ebenfalls zu tun.

»Ich muss kurz mit dir reden, Robbie«, meinte Daar, während er mit seinem Stock die Hühner auseinandertrieb. »Es gibt da eine Sache, bei der du mir helfen musst.«

»Falls es um die neue Pumpe für den Brunnen geht, die habe ich bereits bestellt«, erwiderte Robbie in der Hoffnung, dass sich der alte Priester, der eine kleine Hütte auf dem Tar Stone bewohnte, damit abspeisen ließ. »Sie müsste morgen kommen, dann bauen die Jungs und ich sie gleich nach der Schule ein.«

Daar aber schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht wegen der Pumpe hier.« Er trat einen Schritt näher und senkte seine Stimme auf ein leises Flüstern, als Rick aus dem Haus gelaufen kam. »Es geht um etwas Wichtigeres.«

»Peter hat den Trockner mal wieder zu voll gestopft, und jetzt schlagen Flammen aus dem Ding«, brüllte Rick von der Veranda. »Wo ist der Feuerlöscher?«

Robbie rannte Richtung Haus und ließ den Priester einfach zwischen den aufgescheuchten Hennen stehen. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, dass der alte Hof von seiner Mutter, der immerhin vier Generationen von Sutters überstanden hatte, von einem Teenie abgefackelt wurde, für den Haushaltsgeräte in Wahrheit Dämonen waren, die versuchten, ihn in die Unterwelt zu ziehen.

Erst vor einem knappen Monat hatte der fünfzehnjährige Peter das letzte Feuer ausgelöst.

Damals hatte er den Toaster und mit ihm die Vorhänge und einen Teil des Küchenschranks in Brand gesetzt, der Geruch des Feuers hing noch immer überall im Haus.

Robbie schnappte sich den Feuerlöscher, der an einem Haken keinen Meter hinter Rick befestigt war, rannte in die Waschküche, löschte die Flammen, die bereits in Richtung Decke züngelten, kehrte zurück in die Küche, wischte sich den weißen Schaum aus dem Gesicht und blickte auf die jungen Männer, die ihm mit großen Augen entgegensahen, als lägen ihre Schicksale in seiner Hand. Was auch tatsächlich so war.

Vier Jungen, die das Jugendamt in seine Obhut gegeben hatte. Oder zumindest drei. Gunter nämlich war seit seinem achtzehnten Geburtstag vor sechs Wochen frei. Doch er hatte es offenbar nicht eilig, von hier fortzugehen.

Robbie hatte nichts dagegen, wenn er noch ein wenig blieb. Solange Gunter keinen anderen Platz im Leben hätte, böte er ihm weiterhin ein Heim.

Auch wenn die zuständige Richterin damit nicht wirklich einverstanden war.

Martha Bailey sah es nicht gern, dass die drei anderen Jungs, vor allem der fünfzehnjährige Peter, mit einem bekannten Streithammel zusammenlebten, der bereits an drei Bezirksgerichten und auch in diversen Jugendstrafanstalten unangenehm aufgefallen war. Deshalb hatte sie das heutige Treffen anberaumt.

»Du Idiot!« Rick boxte Peter gegen den Arm. »Willst du etwa, dass man uns wieder in irgendeine Pflegefamilie schickt?«

»Und wo zum Teufel sind wir jetzt?« Peter rieb sich den schmerzenden Arm und starrte seinen älteren Bruder böse an.

»Das hier ist keine Pflegefamilie«, schnauzte Rick ihn an. »Vor allem ist es hier ja wohl besser als im Heim. Verdammt, ich gehe hier bestimmt nicht deinetwegen weg.« Er holte aus, um seinen Bruder noch einmal zu boxen, Robbie aber griff nach seiner Faust und hielt sie fest.

»Außer in die Schule geht ihr heute nirgends hin«, erklärte er dem Jungen sanft. »Und wenn das Haus in Schutt und Asche liegt, ziehen wir einfach in die Scheune um. Ihr alle bleibt so lange hier, bis ihr selbst zu dem Ergebnis kommt, dass ihr lieber woanders leben wollt.«

»Es wäre alles einfacher, wenn du endlich eine neue Haushälterin finden würdest«, stellte Cody fest, während er seinen halb verbrannten Toast aus dem nagelneuen Toaster zog.

»Wir haben deshalb keine Haushälterin mehr, weil ihr die letzten drei vertrieben habt«, erinnerte Robbie ihn.

»Die haben alle nicht das kleinste bisschen Spaß verstanden«, erklärte Cody schnaubend und kratzte über der Spüle das Schwarze von seinem Brot.

»Ich werde daran denken, auch das in der Stellenanzeige zu erwähnen.« Robbie stellte den leeren Feuerlöscher neben der Haustür ab, damit er daran dächte, ihn wiederauffüllen zu lassen, wenn er zu dem Treffen mit Richterin Bailey fuhr. Dann ging er ins Bad, wusch sich Gesicht und Hände und rief durch die offene Tür: »Ihr müsst heute den Schulbus nehmen. Gunter, du fährst mit dem Pick-up in den Wald.« Da er kein Handtuch finden konnte, trocknete er seine Hände einfach am Saum seines Flanellhemds ab und ging wieder in den Flur. »Aber du fährst nur zur Arbeit und dann auf direktem Weg hierher zurück«, warnte er den jungen Mann. »Und sieh zu, dass ich es nicht bereue, dass ich dich heute die Schule schwänzen lasse, ja?«

»Warum geht Gunter heute nicht zur Schule?«, wollte Peter wissen.

»Weil ich schon gelernt habe, wie man einen Trockner und einen Toaster bedient, ohne dabei die Bude abzufackeln«, erklärte Gunter ihm.

»Und wo hast du das gelernt? Etwa in Hauswirtschaft?«

Robbie brauchte nur einen Schritt nach vorn zu machen, um Peter vor einem Fausthieb zu bewahren, und die Jungen einmal böse anzusehen, damit sich das Quartett endlich zum Gehen wandte.

»Morgen, Vater«, grüßte Cody mit noch vollem Mund, trat einen Schritt zur Seite und ließ Daar an sich vorbei ins Haus.

»Morgen, Vater«, grüßten auch Rick und Peter, bevor sie eilig vor dem Alten flohen.

Daar sah ihnen böse hinterher, und Robbie dachte lächelnd an den Tag vor acht Monaten zurück, an dem der alte Mann die Jungs bei ihrer Ankunft auf dem Hof durchdringend angesehen, mit seinem Kirschholzstock auf sie gezeigt und ihnen erläutert hatte, dass er sie als echter Zauberer mit seinem Zauberstab in Mistkäfer verwandeln würde, falls sich auch nur einer von ihnen ihm gegenüber nicht anständig benahm.

Hinter seinem Rücken hatten sie gegrinst, aber offenbar beschlossen, so zu tun, als ob sie dem verrückten Alten glaubten, und ihm gegenüber zumindest nicht allzu unhöflich zu sein.

Robbie fragte sich, wie seine Jungs wohl reagieren würden, wenn sie wüssten, dass Daar wirklich ein Zauberer war.

Er hieß mit vollem Namen Pendaär, war ein uralter Druide und konnte nicht nur jugendliche Raufbolde in Mistkäfer verwandeln, sondern auch zehn Krieger aus den Highlands achthundert Jahre in die Zukunft reisen lassen. Was Robbie deshalb wusste, weil sein eigener Vater, Michael MacBain, im zwölften Jahrhundert in Schottland auf die Welt gekommen war. Genau wie Robbies Onkel Greylen, Morgan, Ian und Callum MacKeage.

Da die Vorsehung ihm selbst die Schutzherrschaft über die beiden Clans verliehen hatte, hatten die Krieger vor fünf Jahren auch die Sorge um den alten Daar auf seinen breiten Schultern abgeladen, ihn aber ein ums andere Mal davor gewarnt, je auch nur ein Wort zu glauben, das aus dem Mund des alten Priesters kam. Die fünf Jahre waren endlos lang gewesen, denn Daars unzählige Eskapaden hätten sich zu echten Katastrophen ausgewachsen, hätte Robbie nicht beständig über ihn gewacht.

»Zurück zu der Sache, derentwegen ich gekommen bin.« Daar wedelte den letzten Rauch des Feuers mit der Hand zur Seite und marschierte zum Küchentisch.

»Ich fürchte, die muss warten.« Robbie trat vor die Anrichte und schenkte ihnen beiden einen Kaffee ein. »Nachdem ich auf dem Weg zu Richterin Bailey auch noch einen neuen Wäschetrockner kaufen muss, habe ich heute nämlich auch so schon alle Hände voll zu tun.«

Daar klopfte mit seinem Stecken auf den Boden und stieß ein leises Schnauben aus. »Wenn du mich nur machen lassen würdest, würde ich mich schon um die alte Hexe kümmern.«

»Martha Bailey ist nicht alt, und sie ist auch keine Hexe«, antwortete Robbie ihm und stellte einen Kaffeebecher vor ihm auf den Tisch. »Sie macht nur ihren Job.« Er nahm dem Alten gegenüber Platz. »Und wir haben abgemacht, dass du keine Zauberkunststücke versuchst, wenn du weiter auf dem Tar Stone leben willst.«

Mit einem nochmaligen Schnauben hob Daar seinen Kaffeebecher an den Mund und schüttelte sich nach dem ersten vorsichtigen Schluck.

Auch Robbie nahm den ersten vorsichtigen Schluck, stand entschlossen wieder auf, kippte den Inhalt seines Bechers in die Spüle und zog auf der Suche nach einem Tetrapak Orangensaft die Tür des Kühlschranks auf.

»Die Sache, über die ich mit dir sprechen will, duldet keinen Aufschub«, meinte Daar. »Morgen ist Frühlings-äquinoktium.«

Robbie verharrte mitten in der Bewegung, seine Nackenhaare sträubten sich. Er richtete sich langsam vor dem Kühlschrank auf und sah den Priester an. »Und weshalb ist das so wichtig?«

»Dann haben die Planeten genau die richtige Anordnung.«

»Wofür?«

»Für die Lösung unseres kleinen Problems.«

›Unseres‹ kleinen Problems? Schon immer hatten Daars kleine Probleme Robbie Kopfschmerzen bereitet, und wenn dazu dann noch das Wörtchen ›unser‹ kam, entwickelte sich Robbies Kopfweh für gewöhnlich zu einer ausgewachsenen Migräne.

Er schloss die Kühlschranktür, stemmte die Hände in die Hüften und sah den Priester böse an. »Und was haben wir für ein kleines Problem?«

Daar starrte auf den Tisch und erklärte seinem Kaffeebecher: »Dein Papa und die anderen kehren im kommenden Juni in die alte Zeit zurück.«

Robbie starrte Daars gebeugten Rücken an.

»Ich habe nur noch drei Monate Zeit, um den Zauber zu verlängern, mit dessen Hilfe sie hierhergekommen sind«, fuhr der Druide fort und wandte sich vorsichtig wieder Robbie zu. »Zur Sommersonnenwende sind sie fünfunddreißig Jahre hier. Dann läuft der Zauber aus.«

Robbie holte mühsam Luft. In drei Monaten würde er seinen Vater, Grey und die anderen verlieren? Verdammt. Sie hatten Frauen. Kinder. Hatten sich hier ein, wie sie angenommen hatten, stabiles Leben aufgebaut.

»Sag doch was«, wisperte Daar.

»Sorg dafür, dass das nicht passiert!«

»Ich habe es versucht!«, fuhr ihn der Priester an, während er erneut den Stock auf den Küchenboden krachen ließ. »Ich hätte dabei um ein Haar die Berghütte gesprengt und habe sogar einen Erdrutsch ausgelöst.«

»Das mit dem Erdrutsch auf Tar Stone warst du?«, flüsterte Robbie heiser, während er die Bilder der Zerstörung vor sich sah. »Und das mit dem Feuer auch?«

Daar starrte auf seinen Stock und rieb mit einer vom Alter krummen Hand über das alte Holz. »Ich habe auch die Flut verursacht, die letzte Woche die Brücke mitgerissen hat.« Dann aber hob er trotzig seinen Kopf. »Ich habe versucht, einen neuen Zauber zu entwickeln, mit dem sich der alte verlängern lässt.«

Robbie fuhr sich mit einer Hand durch das Gesicht. »Lass mich gucken, ob ich dich richtig verstanden habe. Du hast die ganze Zeit gewusst, dass der Zauber nur fünfunddreißig Jahre gültig ist, aber das erzählst du uns erst jetzt?«

»Nicht euch.« Daar riss alarmiert die Augen auf. »Nur dir. Greylen und die anderen dürfen nichts davon erfahren.«

»Und warum nicht? Schließlich werden ihre Leben in drei Monaten zerstört.«

»Aber wir können es verhindern«, erklärte der Druide eifrig nickend. »Du reist einfach in die Vergangenheit zurück und besorgst mir ein neues Zauberbuch, mit dem ich den alten Zauber verlängern und sie hierbehalten kann.«

Robbie, der noch immer reglos neben dem Kühlschrank stand, schüttelte den Kopf. »Oh nein. Ich weiß, was du schon alles unternommen hast, um das Buch zu ersetzen, das du vor zwanzig Jahren explodieren lassen hast. Solange du nicht richtig zaubern kannst, bleiben wir alle vor Schlimmerem als ein paar kleinen Feuern, Erdrutschen und Überschwemmungen verschont.«

»Aber genau darum geht es. Die fünf verbliebenen Highlander sind jetzt von viel Schlimmerem bedroht. Zur Sommersonnenwende werden sie nach Hause zurückgeschickt.«

»Aber sie sind hier zuhause!«

»Zurück in ihr altes Zuhause!«, brüllte Daar, stieß dann aber einen abgrundtiefen Seufzer aus, stand auf und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Robbie, ich habe Greylen MacKeage hierhergebracht, damit er meine Erbin zeugt. Das ist dir bereits bekannt. Was bisher noch niemand weiß, ist, dass ich ihn nur lange genug in der Jetzt-Zeit brauchte, damit er sieben Töchter zeugen und das jüngste Mädchen, Winter, lange genug schützen kann, bis es alt genug ist, um die Ausbildung zur Druidin zu beginnen. Für einen dauerhaften Zauber hätte ich Zugeständnisse machen müssen.«

»Was für Zugeständnisse?«

Daar wich einen Schritt vor ihm zurück. »Ich hätte den Rest meines unnatürlichen Lebens in der modernen Zeit verbringen müssen.«

Robbie trat drohend auf ihn zu.

»Dann hast du dich also aus reinem Eigennutz dafür entschieden, die Leben von fünf Männern gleich zweimal zu zerstören!«

Daar hob abwehrend seinen Stock. »Ich habe einfach nicht so weit vorausgedacht. Und es hätte sowieso nur Greylen in die Jetzt-Zeit kommen sollen. Es war ein Unfall, dass die anderen auch hierhergekommen sind.«

»Und was bin dann ich? Auch ein Unfall oder was?«

Daar schüttelte vehement den Kopf. »Nein. Du bist ihre Rettung. Du bist als ihr Beschützer auf die Welt gekommen, sie haben dich zu einem guten Krieger ausgebildet, und jetzt ist es an der Zeit, dein Schicksal zu erfüllen.«

»Indem ich dir ein Zauberbuch besorge, damit du deine alte Macht zurückerlangst.« Robbie lehnte sich gegen die Anrichte und kreuzte die Arme vor der Brust. »Wie praktisch, dass die Erfüllung meines Schicksal genau deinen Bedürfnissen entspricht.«

Daar rang erstickt nach Luft und wich so weit zurück, bis er gegen den Esstisch stieß. »Denkst du etwa, dass ich lüge?«, fragte er empört, wobei er mit seinem Stock anklagend auf Robbie wies. »Die Pocken sollen dich befallen, junger MacBain! Schließlich bin ich immer noch ein Priester!«

Robbie stieß sich von der Anrichte ab und trat so dicht auf den Priester zu, bis er mit der Brust gegen die Spitze seines Stockes stieß. Dann sah er den Druiden derart drohend an, dass der rückwärts in Richtung seines Stuhles stolperte und sich krachend auf die Sitzfläche fallen ließ. »Wag es lieber nicht, mich zu verfluchen, alter Mann. Meine Schutzherrschaft über die beiden Clans ist ein göttliches Recht.« Er beugte sich noch etwas dichter über Daar, starrte in seine aufgerissenen blauen Augen und fügte rau hinzu: »Und ich erlaube dir nur deshalb, hier zu leben, weil Winter MacKeage in Zukunft deine Hilfe brauchen wird. Bis es so weit ist, wirst du schön brav in deiner Hütte bleiben und dich glücklich schätzen, dass du unter dem Schutz eines wohlmeinenden Herren stehst. Denn«, fuhr er drohend fort, während er Daar den Stock entwand und auf den Esstisch fallen ließ, »ich wäre nicht so nachsichtig wie Greylen, wenn du dich so in mein Leben mischen würdest wie in seins.«

»Ich … es ist doch alles gut geworden. Er liebt seine Frau und seine Töchter und sein neues Leben hier. Alle Highlander sind glücklich.«

Knurrend richtete sich Robbie wieder auf. »Nur, weil du dich nicht mehr in ihre Leben einmischen kannst.«

»Ich bin nicht völlig machtlos«, widersprach ihm der Druide und hob nun, da etwas Abstand zwischen ihnen war, beinahe herausfordernd das Kinn.

»Nein. Du kannst immer noch Feuer entfachen und Erdrutsche oder Überschwemmungen verursachen.«

»Ich kann durch die Zeit reisen«, fügte Daar hinzu und beugte sich dabei ein Stückchen vor. »Und morgen Abend werden die Planeten dafür gerade richtig stehen.«

Robbie schloss die Augen, fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht, sah den starrsinnigen alten Priester wieder an und stieß einen müden Seufzer aus. »Es wird keine Zeitreise geben, Druide. Keine Zauberei und auch kein neues Buch.«

»Dann werden in drei Monaten fünf Männer weniger in Pine Creek leben«, gab der alte Mann zurück. »Es wird passieren, Robbie, auch wenn dir das sicher nicht gefällt. Außer«, fügte er hinzu, »wenn du ins Schottland des dreizehnten Jahrhunderts reist und mir ein neues Buch besorgst.«

Robbie starrte ihn schweigend an. Wie oft hatten ihn die anderen davor gewarnt, Daar je auch nur ein Wort zu glauben? Und wie viele Geschichten hatte ihm der alte Priester bereits aufgetischt, damit er ihm bei der Suche nach einem Ersatz für sein verlorenes Buch mit Zaubersprüchen half? So arglistig wie heute war der Alte bisher aber niemals vorgegangen. Daar wusste schließlich ganz genau, dass Robbie einfach alles täte, um seine Familie zu beschützen. Weil es für ihn nichts Wichtigeres gab.

»Nein«, knurrte Robbie trotzdem.

»Triff mich morgen bei Sonnenuntergang auf dem Gipfel des Tar Stone.« Daar schnappte sich seinen Stock und stand mühsam wieder auf. »Und bring dein Schwert mit.«

»Nein.«

»Vielleicht findest du auch noch das Plaid, das dein Papa bei seiner Ankunft hier getragen hat.« Der Priester wandte sich zum Gehen. »Du kannst nämlich keine Kleider aus modernen Materialien oder irgendwelche anderen Dinge mitnehmen, die es damals noch nicht gab.«

»Nein.«

Daar blieb noch einmal stehen, blickte an die Decke und meinte mit nachdenklicher Stimme: »Wahrscheinlich sollte ich dich ungefähr zehn Jahre, nachdem die Highlander verschwunden sind, dorthin zurückschicken.«

»Ich werde dir das Buch ganz sicher nicht besorgen, alter Mann.«

Daar lenkte den Blick aus seinen leuchtend blauen Augen auf den jungen Herrn. »Du hast keine andere Wahl«, erklärte er ihm sanft. »Nicht, wenn du deine Familie behalten willst. Morgen bei Sonnenuntergang auf dem Gipfel«, wiederholte er, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.

Robbie blieb wie angewurzelt stehen, dann aber stürzte er auf die Veranda und wollte von dem Priester wissen: »Warum ausgerechnet ich? Warum nicht Greylen, mein Vater oder Morgan? Sie kennen jene Zeit, die damaligen Sitten und Gebräuche und vor allem das Terrain.«

Daar blieb mitten in der Einfahrt stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um. »Obwohl sie durchaus noch vital sind, sind sie einfach zu alt. Ich brauche einen mächtigen Krieger in den besten Jahren. Einen starken, fähigen, intelligenten Mann, der es auch schafft zu töten, wenn es nötig ist.«

»Und was ist mit Morgans Jungen? Oder Callums Sohn?«

Daar schüttelte den Kopf. »Ihre Stärke liegt eher im Geschäftlichen, weniger im Krieg. MacBain hat dich zum Schutzherren gemacht. Er hat dich bestens vorbereitet, denn ihm war bewusst, dass du berufen warst.« Er sah Robbie mit einem schiefen Grinsen an. »Ich glaube, dass auch deine kurze Karriere als Soldat des einundzwanzigsten Jahrhunderts durchaus hilfreich ist, auch wenn du keine modernen Waffen mit in die Highlands nehmen kannst.«

»Das ist kein Problem, denn ich kehre sowieso nicht dorthin zurück.«

»Dann schlage ich dir vor, das bisschen Zeit nach Kräften zu genießen, das dir noch mit deinem Papa und mit deinen Onkeln bleibt.« Daar wandte sich erneut zum Gehen und lief auf seinen Stock gestützt in Richtung Wald zurück.