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Über dieses Buch:

Verstehe einer die Frauen! Jürgen liebt seine Frau und seine zwei Töchter und tut alles für sie – versorgt sie mit Süßigkeiten, isst Körnerbrötchen, organisiert Praktikumsplätze und romantische Überraschungsreisen. Doch von Tag zu Tag werden die Allüren seiner drei Grazien schlimmer. Es beginnt mit einer neuen Körperwaage, die sogar den Fettanteil bestimmen kann – und nichts als den Tränenfluss fördert. Romantische Freitagabende nur zur zweit? Wegen Sex-and-the-City-Partys gestrichen. Als seine Frau dann auch noch mit der Frage aller Fragen: „Hast du mir etwas zu sagen? … Sonst nichts? … Sicher?“ kommt, reicht es! Jürgen geht auf die Barrikaden. Sollen die Damen zusehen, wo sie ohne ihn bleiben! Doch leichter gesagt als getan …

Über den Autor:

Andreas Welter, Jahrgang 1967, lebte nach einem erfolgreichen BWL-Studium und einer vielversprechenden Karriere im Bankwesen als Freigeist auf Mallorca. Dort steht er – wenn auch unter Pseudonym – für die TV-Serie „Einsam unter Palmen“ vor der Kamera und organisiert Bootcamps für Frauen, um ihnen Erkenntnisse über urmännliche Überlebensstrategien zu vermitteln ... in Wort und Tat.

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Neuausgabe August 2015

Copyright © der Originalausgabe 2005 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung vom shutterstock/Iveta Angelova

ISBN 978-3-95824-255-5

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Andreas Welter

Wenn Männer tun, was Frauen wollen

Roman

dotbooks.

Vorspiel

Jürgen war enttäuscht. Da hetzte er sich an seinem freien Nachmittag die Seele aus dem Leib, um Elena in ihrem Schönheitstempel zu überraschen, und sie war nicht da. Und nach ihr fragen wollte er auch nicht. Die Lady, die an Elenas Platz hinter der Theke bei Douglas stand und versuchte, eine Kundin zum öffentlichen Probeschminken zu überreden, war zwar seit neustem Elenas Intima, aber gleichzeitig seine Intimfeindin.

Jürgen war versucht, die ahnungslose Kundin zu warnen. Wenn sie den Überredungskünsten der Kosmetikerin nachgab, würde ihr hinterher garantiert der Nachmittag verdorben sein. Er wusste, wie gerne Elenas Kollegin ihre Schminkkünste vorführte und sich dabei an ihren nichts Böses ahnenden Opfern austobte.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Wie?« Jürgen drehte sich um. Die Kleine, die ihn von der Seite angesprochen hatte, kannte er noch nicht. Sie sah recht niedlich aus. Offensichtlich eine neue Kollegin, die Schicht auf ihrem Gesicht war noch schön dünn. »Ähm, ich suche nur meine Frau, aber ...«

»Die meisten Herren suchen bei uns etwas für ihre Frau.«

»Ich nicht, meine Frau sitzt an der Quelle, das da ist normalerweise ihr Platz. Eigentlich wollte ich sie in ihrer Mittagspause entführen.«

»Sie sind der Mann von Elena?«

»Exakt. Sie wissen nicht zufällig, wo ...?«

»Sie ist nur mal rasch nach nebenan in den Kaufhof gegangen.«

»Sie sind ein Schatz. Passen Sie nur ja gut auf sich auf!«

»Aufpassen? Sie meinen hier im Geschäft?«

»Exakt.« Er fauchte kurz à la Löwe, als Imitator von Tierstimmen war er kaum zu toppen.

»He, das ist eine Parfümerie und kein Raubtiergehege!«

»Sind Sie da ganz sicher?« Jürgen duckte sich automatisch, weil Elenas Freundin just in diesem Augenblick in seine Richtung blickte. Dann beendete er seinen Talk mit der Kleinen und machte den Abgang, mit etwas Glück erwischte er Elena und konnte sie doch noch ins Café Zimmermann auf ein Stück Havanna-Torte entführen.

Diese Idee war ihm gekommen, als er die Anzeige in der Zeitung gesehen hatte. Früher waren sie oft in diesem Café gewesen. Bei jedem ihrer Besuche war Elena an der Tür immer noch fest entschlossen gewesen, höchstens ein Baiser zu bestellen, aber dann wurde doch mehr daraus. Er mochte es, wenn Elena schwach wurde. Hoffentlich hatte er Glück und erwischte sie noch.

Er hatte Glück. Er erkannte seine Frau schon von weitem. Sie stand in einer langen Schlange an der Kasse in der Schreibwarenabteilung an, in ihrer Hand befand sich ein roter Gegenstand, die Farbe erinnerte ihn an die Glasur von Weihnachtsäpfeln, ein gelacktes Rot ...

Auf Zehenspitzen trat er hinter sie, beugte sich vor und flüsterte »Sie sind verhaftet!« in ihr niedliches Ohr mit dem fleischigen Ohrläppchen, das sie gelegentlich mit modischen Gewichten schmückte, die ihr zwangsläufig Kopfweh bereiteten. Versteh einer die Frauen!

»Was willst du denn hier?« Während Elena das fragte, verschwand das rote Teil in einem Affenzahn aus seinem Gesichtsfeld. Besonders erfreut wirkte sie nicht.

»Die Diebesbeute«, er beförderte ihre Hand, die sie hinter dem Rücken verbarg, zurück nach vorn, »aber wenn du hübsch brav bist, verpfeif ich dich auch nicht. Was ist das überhaupt? Sieht aus wie dein altes Poesiealbum. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Weißt du noch?«

»Das ist für Ira.«

»Glaubst du, sie wird trotz Pubertät am laufenden Meter hilfreich und gut, wenn andere ihr das oft genug in dieses Büchlein da reinschreiben?«

»Das ist kein Poesiealbum, sondern ein Tagebuch. Wieso bist du überhaupt hier? Ist was passiert?«

Er erklärte seinen Auftritt. Sie zierte sich, aber dann ging sie doch mit ihm ins Café Zimmermann. Während sie auf der Toilette war, bestellte er ihre Lieblingstorte und dazu auf denselben Teller eine von diesen Bananen auf Biskuit mit Schokoladenüberzug und Goldsplittern, die pure Nostalgie. Frauen mögen so was, sie geben es nur nicht gern zu.

»Bist du verrückt?« Elena starrte den überbordenden Teller an, als ob darauf ein Molotowcocktail läge.

»Ja, nach dir!«

»Ich esse das nicht. Bild dir nur ja nicht ein, dass ich das esse, das ist Hüftgold pur.«

»Ich liebe dein Hüftgold. Du kannst es ja hinterher alles deinem Tagebuch beichten.«

»Zum Mitschreiben: Das ist nicht meins.«

»Okay, dann nehm ich dir ersatzweise die Beichte ab. Die Absolution liefere ich gleich mit.«

»Deine Absolutionen kenne ich.«

»Es gibt kein besseres Mittel gegen Hüftgold.«

Sie griff nach der Kuchengabel und legte los. Stumm, sie futterte immer schneller, ihr Gesicht glättete sich, so jung und schön machte keine von den teuren Cremes in ihrem Laden.

»Weißt du, dass du jetzt gerade wie ein junges Mädchen aussiehst? Apropos jung: Deine neue Kollegin hat mir verraten, wo ich dich finde. Sie wirkt ja ausgesprochen sympathisch«

»Hey, wirfst du jetzt etwa dein altes Auge auf Mädels, die deine Töchter sein könnten?«

»Keine Sorge, ich bevorzuge noch immer Damen reiferen Alters, so wie beim Wein, die zugestaubten Flaschen haben ja auch meistens den besten Inhalt.«

»Danke für die Blumen.«

»Seit wann bist du so empfindlich? Das sollte ein Kompliment sein. Nun komm schon ...« Er schob eine Hand auf ihr Knie, sie trug einen Rock, es fühlte sich verdammt gut dort an, leider sprang sie wie von der Tarantel gestochen auf.

»Ich muss los.«

Er verzichtete darauf, ihr zu folgen. Er musste noch bezahlen, außerdem hatte er absolut keine Lust auf eine weitere Begegnung mit ihrer Intima. Im Hinausgehen nahm er noch ein Päckchen hausgemachte Pralinen und eine Tüte Vanillekipferl mit. Für sie. Für heute Abend.

Aber Elena wollte an diesem Abend nichts Süßes, und kuscheln wollte sie auch nicht. Der Frust trieb ihn noch mal aus dem Bett zum Kühlschrank. Jemand hatte den Flaschenöffner verschwinden lassen, und mit seinen Zähnen war er nach der letzten Rechnung vom Zahnarzt vorsichtig geworden, auch die Tür verschonte er besser, Spuren am Lack kamen nicht besonders gut an.

Der Öffner lag in der Schublade mit den Platzdeckchen, dort gehörte er ebenso wenig hin wie dieses Büchlein. Auf dem Deckel stand Haushaltsbuch. Sieh mal einer an! Er schlug das Buch auf, was dort auf der ersten Seite stand, verwirrte ihn. Komisches Zeug, wenn Elena sich so ein Haushaltsbuch vorstellte, musste sie noch viel lernen.

»Ein Stück Havanna Torte, ein Bananen-Schoko-Biskuit, hundert Gramm Pralinen und zweihundert Gramm Vanillekipferl, macht eine Tonne Kalorien gleich auf der ersten Seite und einen Fettanteil von sage und schreibe neunundzwanzig Prozent auf der Waage. Letzte Woche waren’s noch achtundzwanzig, wenn das so weitergeht, passe ich an meinem Geburtstag nicht mal mehr mit einer halben Schwabbelhüfte in den neuen Jeansrock. Ich hasse mich. Oder sollte ich besser ihn hassen?« Jürgen klappte das Buch hastig zu, dabei verrutschte der Einband, etwas Lackrotes kam zum Vorschein. Etwas, was haargenau wie das Tagebuch aussah, das Elena heute Mittag für ihre jüngste Tochter gekauft hatte. Seltsam! Wieso schrieb Elena in Iras Tagebuch? Sicherheitshalber legte er das Büchlein wieder dorthin zurück, wo er es gefunden hatte, und widmete sich seinem Bier. Das war wie immer. Wen sie wohl mit diesem »ihn« meinte? Hoffentlich den neuen Rock.

Kapitel 1

Mach dich nackig, Liebling

Im Grunde begann alles mit jenem Freitagabend, als Jürgen allein zu Hause blieb, weil seine Frau es vorzog, mit ihren besten Freundinnen zu einer Sex-in-the-City Party zu gehen. Ohne ihn. Dabei gehörte der Freitagabend eigentlich traditionsgemäß ihnen beiden, daran hatte sich nicht mal etwas geändert, als zuerst Nora und pünktlich zwei Jahre später Ira dafür sorgten, dass Elena in eine Art Mutterrausch verfiel und mitunter bis an die Grenzen des für einen Mann Erträglichen gluckte. Was seine eigene Mutter allerdings völlig okay fand und ihn schief ansah, wenn er es gelegentlich wagte, sich gegen die »rosa Diktatur« mit Schnullern, Beißringen, Zahnspangen und Brackets im Gefolge aufzulehnen.

Dabei war das Zahnthema nur eins von den vielen Themen, die innerhalb des Familienalltags so selbstverständlich und unkontrollierbar heranwuchsen wie der Efeu in seinem Garten. Es handelte sich – zu diesem Schluss war Jürgen mittlerweile gekommen – bei dem nun bereits rund achtzehn Jahre andauernden Prozess um eine moderne Variante der Vertreibung aus dem Paradies. Nach und nach blieb auf der Strecke, was mal tierisch viel Spaß gemacht hatte – und hoffentlich bald wieder machen würde.

Während Elena bei den Vorbereitungen für ihre Party wie ein aufgescheuchtes Huhn von hier nach dort und vorzugsweise ins Fernsehbild lief und dabei mit ihren Töchtern um die Wette gackerte, benutzte Jürgen einen Trick, um nicht doch noch aus der Haut zu fahren. Er befahl den armdicken Heil- und Kostenplan für die Zahnsanierung seiner Jüngsten vor sein geistiges Auge, stellte diesem die erst tags zuvor von ihm bezahlte Zahnarztrechnung gegenüber und kam zu dem befriedigenden Ergebnis, dass auch diese Tortur in spätestens einem halben Jahr Schnee von gestern sein würde. Sie hatten die letzte ebenso kostspielige wie Nerven raubende Etappe in Form transparenter Strips erreicht. Halleluja! Seine Lebensgeister erwachten schlagartig, er schaffte es sogar, seinem rosa Trio ein »Viel Spaß!« hinterherzurufen. Die Mädels kutschierten zusammen mit ihrer Mutter in die City und machten sich dort selbstständig, für diesen Abend war, wenn er das richtig verstanden hatte, ein Besuch im »Nachtpflug« angesagt. Auf seine Nachfrage, was er sich bitte schön unter einer Lokalität namens Nachtpflug vorzustellen habe, hatte er lediglich zu hören bekommen, dass Leute in seinem Alter dort sowieso nicht mehr reingelassen würden.

Die Haustür knallte zu, Trippelschritte entfernten sich und kehrten zurück. Die Tür wurde erneut aufgeschlossen und wieder lautstark geschlossen, dieses Procedere wiederholte sich insgesamt dreimal, dann hatten seine Ladies endgültig alle Siebensachen beisammen. Jürgen war mit sich und dem Fernsehmoderator allein. Letzterer hatte ihm den Genuss eines Fußballspiels voraus, von dem er selber jetzt nur noch einmal die nüchternen Torergebnisse zu hören bekam. Garniert mit dem euphorischen Schlusssatz, dass dieses verpasste letzte Tor das Zeug hätte, Sportgeschichte zu schreiben. Na prima!

Jürgen überlegte, ob er seinen Freund Bernd anrufen sollte. Möglicherweise hatte der das Spiel zufällig aufgezeichnet und Lust auf eine gemeinsame Nachlese, den besseren Fernseher besaß er auch. Plasma Flachbild vom Feinsten, ohne Familie konnte er sich das locker leisten. Bernd war standhaft geblieben und folglich Junggeselle, jeden Mittwoch stellte er seine Junggesellenbude für den obligatorischen Skatabend zur Verfügung, dann hatten seine diversen Gespielinnen Hausverbot. Ein Akt männlicher Solidarität.

Jürgen tastete neben sich in den Zeitungsständer, in dem er immer sein Handy deponierte. Nichts! Dann fiel ihm ein, dass seine Jüngste sich im Hinausgehen über ihn gebeugt, ihn überraschend mit einem Kuss bedacht und etwas genuschelt hatte, er glaubte sich auch vage an ein anschließendes »Danke, Paps!« erinnern zu können. Anscheinend hatte er Ira in der Hoffnung, wenigstens die Wiederholung jenes Wahnsinnstors mitzubekommen, ohne richtig hinzuhören erlaubt, sich wieder mal sein Handy auszuleihen. Ihre Prepaid-Card war chronisch leer.

So ein Mist! Er rappelte sich aus seinem bequemen Sessel hoch und begann die gleichfalls obligatorische Suche nach dem schnurlosen Telefon, von dem nur noch sein Aufladegerät einen festen Platz hatte. Bei drei telefonsüchtigen Frauen im Haushalt ergaben sich mindestens 1001 Möglichkeiten, wo das verflixte Ding stecken konnte. Sofern Kreativität sich daran ablesen ließ, wie viele Verstecke jemand für ein nicht mal mehr handtellergroßes Etwas in einem Haus mit rund hundertvierzig Quadratmetern auftat, konnten seine drei bequem mit jedem freischaffenden Künstler konkurrieren. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie für ihre bravouröse Leistung keinen Cent kassierten.

Jürgen ging bei seiner Suche systematisch vor. Zuerst kontrollierte er jene Orte, wo seine Damen sich am längsten und liebsten aufhielten, das waren das »Mädchenbad«, die beiden Kinderzimmer und das eheliche Schlafzimmer, in dem er sich immerhin im Allgemeinen behaupten konnte. Nichts außer einem Wirrwarr von Kleidungsstücken und Dessous, die ihn kurzfristig von seiner Suche ablenkten. Er war von dieser Welt, keine Frage, Strings sind nichts weiter als die modernen Schwestern der Unterhose, und er würde sich hüten, jemals wieder die Frage aufzuwerfen, was einen weiblichen Menschen veranlasste, sich freiwillig eine übel scheuernde Kordel durch den Po zu ziehen.

Aber musste es gleich eine Perlenschnur sein, an deren Schnittpunkt mit der horizontal verlaufenden Schnur ein rotes Herz S. O. S. (auf gutdeutsch: Bitte hier lang!) funkte. Es funkte wirklich. Jürgen verfolgte das Mysterium bis zu einer integrierten Knopfbatterie und erlag kurzfristig der Vorstellung, wie ein zweifelsfrei männliches Wesen diese wollüstig blinkende Einladung demnächst wörtlich nehmen würde. Wütend entfernte er die Batterie. Es juckte ihn in den Fingern, so einem Mistkerl gehörte der Hals rumgedreht. Ob er ihn kannte? Jürgen ließ die jüngsten Besucher seiner Töchter Revue passieren, bedauerlicherweise sah man ihnen nicht an, was so alles in ihnen schlummerte. Und nur weil einer sein Motorrad frisierte oder mit seiner Wasserpfeife prahlte, musste sich dahinter noch kein auf rot funkelnde Herzen spezialisierter Lustmolch verbergen.

Widerwillig legte Jürgen das Corpus Delicti dorthin zurück, wo er es entdeckt hatte, nämlich auf die neue Körperwaage. Eine Anschaffung, die aus Jürgens Sicht völlig überflüssig gewesen war, weil die alte noch perfekt funktioniert hatte. Angeblich leistete dieses Modell aus Glas und Chrom aber etwas, auf das man heutzutage laut seinem Trio unmöglich verzichten konnte: Der körpereigene Fettanteil wurde exakt bestimmt. Je niedriger desto besser, im Mädchenbad war es bei der ersten Inbetriebnahme hoch hergegangen. Er hatte an die Tür geklopft und seine Dienste als Schlichter angeboten. Daraufhin war er zuerst selbst gewogen und dann der Sabotage bezichtigt worden, weil er ungeachtet seiner beharrlichen Weigerung, eine Muckibude aufzusuchen, und trotz einem beinahe unsichtbaren Rettungsring um die Hüften den niedrigsten Fettanteil von allen aufwies. Er war somit als Sieger aus diesem Wettstreit hervorgegangen, das verziehen sie ihm nicht so schnell. Die Erinnerung an jenen winzigen Triumph besänftigte ihn und lenkte sein Interesse von dem anstößigen String zurück auf die Suche nach dem vermaledeiten Telefon.

Er entdeckte es schließlich in der Vorratskammer hinter dem Klopapier in einer angebrochenen Packung mit jenen Plastikfläschchen, die seine Töchter sich regelmäßig vor langen Diskonächten als Muntermacher in die Handtasche oder deren auf dem Rücken zu tragenden Nachfolgemodell – winzig klein wie ein Nadelkissen – packten. Ob das diese Alco-Pops waren, über die man neuerdings so viel las? Er suchte vergeblich nach einer Deklaration des Inhalts und überlegte, ob er den Restbestand trotzdem rein prophylaktisch vernichten sollte, entschied sich dann aber dagegen. Dieses letzte halbe Jahr bis zum Ende von Iras kieferorthopädischer Behandlung und Noras Fechtkurs und letztlich dem Auszug seiner beiden Grazien sollte harmonisch ausklingen. Mit wunderbaren Bildern vor seinem geistigen Auge, die ihm vorgaukelten, wie Nora und Ira demnächst beim fleißigen Lernen und zusätzlichem Jobben nebenher in der Ferne begreifen würden, wie gut es ihnen zu Hause gegangen war, rief Jürgen das Adressbuch auf und tippte ein B für Bernd ein. Es gab viele abgespeicherte »B«s, aber leider keinen Bernd mehr, nur noch Bens und Bennys und einen Boris. Jemand hatte seinen besten Freund gelöscht. Argwöhnisch gab Jürgen ein »W« ein, sein zweiter Intimus hieß Walter. Er, Walter und Bernd hatten zusammen die Schulbank gedrückt, das Abitur gemacht und sogar gemeinsam bei den Gebirgsjägern gedient, in deren Truppe ja bekanntlich nur die Besten aufgenommen werden. Manchmal gab es noch Reserveübungen, und jeden Mittwochabend spielten sie Skat und redeten über Gott und die Welt und natürlich über die Frauen.

Auch Walter war aus dem Speicher rausgeflogen.

Selbstverständlich wusste Jürgen die Nummern seiner beiden besten Freunde auswendig, also gab er Bernds Nummer von Hand ein. Es meldete sich der Anrufbeantworter. Logisch, dachte Jürgen nach einem Blick auf seine Uhr. Wenn er frei und ledig wäre, würde er bestimmt auch nicht an einem Freitagabend zu Hause hocken und darauf warten, dass sich Julia Roberts als Zimmermädchen zu ihm verirrte. »Zimmerservice, dürfte ich wohl bei Ihnen Staub wedeln?« Guter Witz! Jürgen lachte, erschrak ein wenig über das laute Echo und machte sich auf den Weg zurück in seinen bequemen Fernsehsessel.

Ob er sein Glück bei Walter versuchen sollte? Walter war bekanntermaßen häuslich. Bei ihm stand freitags mit schöner Regelmäßigkeit zuerst Monopoly mit der ganzen Familie, dann zwecks Entlastung der Hausfrau Schlemmerfilet aus der Tiefkühltruhe mit Pommes Frites vom Griechen an der Ecke und zuletzt, wenn die beiden pubertierenden Söhne sich gegenseitig am PC via Joystick abknallten, Sex auf dem Programm. Letzteres läuteten er und Karin seit kurzem immer mit ein bis zwei Saunagängen ein, laut Walter ein Riesenvergnügen, da sich seine Frau im nagelneuen Schwitzbad wieder in ein rosiges junges Mädchen verwandelte, das ihm Dinge zu tun erlaubte, für die er sich unter der Woche nichts als ein »Lass das!« einhandelte, siehe Vertreibung aus dem Paradies.

Jürgen stellte das Telefon zurück auf die Ladestation. Wenn er eins wusste, dann dass er seinen Freund nicht um diesen Spaß bringen durfte. Ob er vielleicht vor drei, vier Jahren, als sein eigener Keller saniert worden war, auch besser für eine eigene Sauna votiert hätte? Elena hatte sogar selbst den Vorschlag gemacht, die beiden Mädels waren eher für einen Partykeller gewesen, wogegen er selbst für einen Hobbyraum plädiert hatte, in dem man sowohl seine Werkbank als auch jene Folterinstrumente unterbringen konnte, die sich nach und nach im ehelichen Schlafzimmer angesammelt hatten.

Es war nicht unbedingt witzig, beim Sex aufs Ergometer oder ein Rubbelgerät gegen Orangenhaut zu schauen. Alles, was diese Rubbelei bei Elena bewirkte, waren rote Quaddeln, rein von der Logik her war diese Maschine, die sich trotz Hobbyraum am Bettende behauptet hatte, Betrug. Es kam ja auch keiner auf die Idee, einen Apfel auszupeitschen, um seine Schale wieder schön knackig werden zu lassen. Mal ganz davon abgesehen, dass Elena diesen Schwachsinn gar nicht nötig hatte, sie gefiel ihm so wie sie war, sie gefiel ihm noch immer verdammt gut, und in spätestens einem halben Jahr ...

Ein halbes Jahr kann verdammt lang sein. Allein dieser Freitagabend dehnte sich ja schon nach nicht mal einer Stunde zur Ewigkeit. Jürgen seufzte schwer, dann nahm er die Fernbedienung hoch und befahl dem Fernseher, der seinen Zenit längst überschritten hatte, ihm zu zeigen, was er denn heute zu bieten hatte. Das Angebot war dürftig. Lustlos zappte Jürgen von Kanal zu Kanal, holte sich zwischendurch ein Glas Gewürzgurken und eine angebrochene Packung Cracker aus der Küche und stand nochmals auf, um seine trockene Kehle mit einem Bier zu befeuchten. Es war keins mehr da, alles, was der Kühlschrank außer Fruchtsäften und Eistee zu bieten hatte, war eine ihm unbekannte Flasche Prosecco. Er überlegte, wo die Flasche herkam. Ein Mitbringsel? Er konnte sich nicht erinnern, außerdem war es wenig wahrscheinlich, dass ihnen jemand so etwas mitbrachte, da jeder seinen Ehrgeiz kannte, mit dem er den hauseigenen, bestens ausgestatteten Großhandel für Spirituosen betrieb.

Jürgen nahm die Flasche in die Hand und studierte das Etikett, dieser Schaumwein stammte garantiert nicht aus seinem Lager, zumal er in jüngster Zeit kaum noch Sekt oder Wein und erst recht nichts Härteres mehr mitgebracht hatte. Wozu auch? Elena schwamm seit jüngstem auf der Gesundheitswelle und traktierte alle mit ihren wunderbaren Tees. Er hasste Tee. Als Kind hatte er ständig Tee trinken müssen. Tee und Milch. Milch hasste er auch.

Kommando zurück. Wenn Elena trotz allem diese Flasche besorgt hatte, so war damit zweifelsfrei eine Absicht verbunden. Etwa eine erotische? Sehnte auch sie sich insgeheim ungeachtet ihrer spitzen Kommentare nach einer jener schaumweinseligen Stunden zurück, in denen sie sich gegenseitig das lauwarme und in aller Regel viel zu süße Gesöff vom Kinn und anderen Körperpartien geleckt hatten, bis aus dem ganzen Lecken und Kosen wunderbar geiler, rattenscharfer Sex geworden war?

Jürgen schluckte schwer. Er klemmte sich die Flasche unter den einen und den Sektkühler unter den anderen Arm, kehrte damit ins Wohnzimmer zurück, holte zwei von den guten Sektgläsern aus der Vitrine, schaltete den Fernseher aus und den CD-Player an. Elena würde sich wundern, wenn sie zurückkam. ›Sex in the City‹ mit ihren Freundinnen mochte als Trockenkurs eine gar nicht mal so üble Einstimmung sein, aber spätestens wenn sie die gute Stube betrat und registrierte, dass der Fernseher aus war und der Prosecco bereitstand, würden alle Spitzzüngigkeiten auf der Strecke bleiben. Dann könnte endlich der schöne, der praktische Teil des Abends beginnen.

Wie wär’s beispielsweise vorab mit einem kleinen Striptease exklusiv für ihn? Jürgen stand nochmals auf, um die Deckenlampe und ebenso die Stehleuchte auszuschalten, zuvor zündete er sämtliche im Raum stehenden Kerzen an. Hübsch sah das aus, romantisch und inspirierend, je länger er darüber nachdachte, umso wärmer wurde ihm auf seiner Couch. Und von der CD stöhnte es »Je t’aime« und »Sexbomb«, es wurde wirklich höchste Zeit, dass Elena heimkam. Hoffentlich ohne die beiden Mädels, dachte Jürgen und verspürte fast so etwas wie Dankbarkeit dafür, dass seine Töchter am Wochenende immer erst am frühen Morgen den Weg nach Hause fanden.

Seite 133: »Ich passe mit meinem Arm durch den Rockbund, hipp hipp hurra. Und alles nur von ein bisschen tanzen, ich war eine Ewigkeit nicht mehr tanzen, es hat irren Spaß gemacht, konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wie nett so ein Zappel-Abend sein kann. Ob er schon schläft? Was er wohl sagen würde, wenn er mir zugesehen hätte? Kann er überhaupt noch so richtig aus der Haut fahren, oder ist er dazu auch schon zu träge? Egal! Er ist selber schuld, er ganz allein. Keiner kann von mir verlangen, dass ich neben ihm versauere. Das sagen alle.«

Der grelle Strahl der Leselampe war genau auf sein Gesicht gerichtet und ließ Jürgen aus seinem wunderbaren Halbschlaf hochschrecken. Keinen halben Meter von ihm entfernt stand Elena. Ihr Arm schwebte über seinem Kopf, die dazugehörige Hand dirigierte den Lichtstrahl auf ihn, was wiederum zur Folge hatte, dass ihr ohnehin schon kurzer Rock sich an der ihm zugewandten Seite bis zu jener Stelle hob, an welcher gottlob alle Trimmgeräte versagten und das Fleisch ihrer Oberschenkel weich und zart und die pure Versuchung war. Er grinste glücklich und streckte eine Hand aus, erwischte aber lediglich die selbstklebende Spitzenbordüre der halterlosen Nylons.

»Lass sofort los! Weißt du, was die kosten?«

»Ich kauf dir neue, Liebling! Weißt du, woran ich den ganzen Abend denken musste ...?«

»Offenbar nicht an einen Teller für deine gottverdammten Cracker. Sieh dir mal das Gekrümel an. Und das Gurkenglas hast du auch offen gelassen und dich außerdem offensichtlich schon wieder mit den Fingern bedient. Echt eklig ist das. Kann ich nicht einmal weggehen und meinen Spaß haben, ohne mich hinterher gleich wieder ärgern zu müssen?«

»Ärger dich nicht, Liebling! Vom Ärgern bekommt man bloß Orangenhaut!«

»Wer sagt das?« Sie sah ihn mit schief gelegtem Kopf an, was, wie er fand, sehr süß aussah. Frauen konnte man wirklich jeden Bären aufbinden, sobald es um ihre Schönheit ging.

»Nirgends, ich hab dich nur ein bisschen veräppelt, weil du dann so schön in Fahrt kommst. Hast du überhaupt schon gesehen, was sonst noch auf dem Tisch steht?« Er führte ihre widerstrebende Hand zu dem Flaschenhals, der aus dem Kühler ragte, und zog beides nach oben, bis das Etikett sichtbar wurde. »Na? Was fällt dir dazu ein?«

»Dass dir offenbar das Bier ausgegangen ist.«

»Wenn ich mit dir zusammen sein kann, brauche ich kein Bier. Mit dir allein wohlgemerkt. Und elektrisches Licht brauchen wir auch keins, ich habe alle Kerzen angezündet, die ich finden konnte.«

»Ira wird dich köpfen, weil du ihre neuen Duftkerzen genommen hast.«

»Hm, manchmal hat sogar unsere Sechzehnjährige echt gute Ideen. Riecht nach Erdbeeren. Weißt du noch, wie wir damals Walderdbeeren gepflückt und sie in Prosecco gebadet und uns dann gegenseitig damit gefüttert haben. Hinterher warst du genauso beschwipst wie die Beeren und wolltest mir unbedingt beweisen, dass du noch gerade auf einer Linie gehen kannst. Du hast darauf bestanden, mit Schneiderkreide einen Strich auf den neuen Teppichboden zu malen.«

»Was du ja dann erfolgreich verhindert hast.«

Jürgen strahlte. So langsam näherten sie sich der Zielgeraden. »Weißt du auch noch, wie?«

Elena blitzte ihn an. »Und ob ich das weiß! Rein, raus, schnarch!«

»Ich war halt noch sehr jung.«

»Gut, jung bist du nicht mehr.«

»Ich bin im besten Alter«, verteidigte sich Jürgen.

»Na, das kommt wohl auf den Betrachtungswinkel an. Ins Nachtpflug hätten sie dich jedenfalls heute nicht reingelassen.«

»Wer will schon in diesen obskuren Nachtpflug, wenn er so eine Alternative hat?« Jürgen wurde erneut der innen mit Gummi beschichteten Spitzenbordüre an Elenas Schenkel habhaft und zupfte auffordernd daran. »Weißt du, dass du noch immer unglaublich sexy aussiehst? Was hältst du davon, wenn du mir beispielsweise zeigst, wie du diesen Strumpf ausziehst? Du weißt schon, mit allem Pipapo.«

»Pipapo?«

Jürgen fragte sich, warum sie sich nur so verdammt begriffsstutzig anstellte? Am liebsten hätte er ihr die dämlichen Strümpfe vom Leib gerissen. Aber er beherrschte sich und rappelte sich hoch, um ihr zu demonstrieren, was er meinte.

Mit einer Herrensocke war das natürlich weitaus schwieriger als mit solchen hauchzarten Gebilden für Frauenbeine, auch seine ausgebeulte Cordhose taugte nicht unbedingt für einen Striptease. Beim Anblick seiner klassischen Unterhose drängte sich ihm automatisch der Vergleich zu jenem Perlenstring mit Rotlichtherz auf, er schob das unangenehme Bild hastig beiseite. Jetzt war wirklich nicht der geeignete Moment, um sich über die Dessous seiner halbwüchsigen Töchter und deren Wirkung auf Jungmänner Gedanken zu machen. Im Augenblick war ihm, wie man so schön sagt, das Hemd näher als die Jacke oder vielmehr Elenas Schenkel wichtiger als die Tugend von Ira oder Nora.

»Jetzt bist du dran!«, keuchte er. Die Musik war verdammt schnell geworden, dieser Sound schoss ins Blut, bis auf sein unter die Brust hochgerutschtes T-Shirt stand er nun da, wie Gott ihn erschaffen hatte. Kein übles Gefühl, halb nackt durchs eigene Wohnzimmer zu tanzen. Und der Ausblick auf das, was sich da stolz und unübersehbar reckte, war erst recht nicht zu verachten ...

»Ich glaub einfach nicht, dass die neue Waage dein Gewicht neulich richtig angezeigt hat. Du musst gemogelt haben. Am liebsten würde ich dich jetzt gleich noch mal wiegen.« Elena starrte auf seine vibrierenden Lenden, was er gut verstehen konnte. Der Sinn ihrer Worte leuchteten ihm dagegen weniger ein, aber wer verstand die weibliche Gedankenwelt schon? Ob sie womöglich glaubte, dass sein Pimmel im ausgefahrenen Zustand die Digitalanzeige hochschnellen ließ? Sehr süß!

»In Gegenwart der Kinder war ich natürlich leichter«, erwiderte er bescheiden.

»Ich rede vom Fettanteil. Wenn ich mir deine Hüften so anschaue ...«

Hastig fuhr Jürgen ihr in die Parade. Seine Hüften waren eindeutig der falsche Aufhänger für das, was ihm vorschwebte. »Wie wär’s, wenn du mich endlich deine Hüften anschauen lässt? Gleiches Recht für alle! Nun kommt schon, Liebling, zier dich nicht und mach dich endlich nackelig! Ich schwöre auch, nicht auf Orangenhaut oder Fettanteile zu achten, für mich bist du so wie du bist ein Lustpaket.«

Ein ersticktes Keuchen war die Antwort. Die Sache mit dem Lustpaket schien ihr zu gefallen, das ließ sich unschwer an dem folgenden Kommando ablesen, genauso wie in diesem gewissen Funkeln ihrer Augen.

»Mach die Augen zu!«, befahl sie mit animalisch aufgerauter Stimme.

»Dein Wunsch ist mir Befehl.« Er schloss die Augen, die Musik spielte weiter, zur Abwechslung Marianne Rosenberg mit »Er gehört zu mir!«. Wie wahr, ER gehörte zu ihm. Aber was machte sie nur so lange? Langsam verließen ihn die Kräfte, kalt wurde ihm auch. Offenbar war die Heizung pünktlich um Mitternacht runtergefahren, und länger als zwei, maximal drei Stunden hielt die Restwärme nicht. »Liebling, brauchst du noch lange?«

Nichts, kein Ton, und dann rauschte über seinem Kopf die Wasserspülung. Im Mädchenbad. Er riss die Augen auf, der Raum verlassen, die Deckenlampe ausgeschaltet, und in der Zimmermitte er selbst mit nichts als einem eingelaufenen T-Shirt am Leib, das sich wie ein wulstiger Büstenhalter mit Ärmeln um seinen Brustkorb wand. Darunter etwas, das aussah, als ob Elena es versehentlich zur Kochwäsche sortiert und bei neunzig Grad gekocht und volles Rohr geschleudert hätte.

Versehentlich? Von wegen! Sie hatte ihn ausgetrickst. Ob der Tipp von ihren tollen Freundinnen stammte? Mach IHN klein, egal wie, und du bist der King! Oder ob sie es vorzogen, Queen statt King zu sagen? Das klang zumindest noch weiblich an! Oder, auch dieser Gedanke sprang ihn an, stimmte am Ende doch etwas mit ihm selbst nicht? War er womöglich ein Sexomane? Immerhin musste er ja zugeben, dass seine Gedanken gerade in jüngster Zeit immer häufiger um das Thema Nummer eins kreisten. Blödsinn! Er war ein Mann, in dem gelegentlich, wenn er allzu lang kurz gehalten wurde, seine noch ungezähmten Urahnen durchbrechen mochten. Was er dachte und tat, oder besser tun wollte, war »typisch Mann«, und das war gut so, denn andernfalls hätte Elena ja damals diesem Milchgesicht den Vorzug gegeben. Aber sie hatte ihn erwählt, alles eine Sache der Chemie, und wenn es jetzt mitunter am falschen Ende funkte, sollte er sich vielleicht einen Chemiekasten zulegen und noch mal von vorn anfangen. Schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!

Nachtrag S. 133: »Vielleicht hätte ich’s mir ja noch überlegt. Aber der Spruch mit der Orangenhaut war einfach zu viel. Wie neulich mit der Waage, bestimmt hat er die manipuliert. Kann ja gar nicht sein, dass sein Fettanteil so niedrig ist. Ob er das mit der Orangenhaut ernst gemeint hat? Ab morgen trainier ich wieder regelmäßig, und mein Arm passt trotzdem durch den Rockbund, sogar locker. Das macht er alles nur extra. Er will mich kleinkriegen. Im Nachtpflug war ich jedenfalls die Größte. Und die Älteste. Und garantiert die mit dem höchsten Fettanteil. Ich glaub, ich krieg die Krise.«

Samstagmorgen, um ihn herum Stille, weit weg Geräusche von vorbeifahrenden Autos, dann wieder nichts als diese göttliche Ruhe und die Wärme des Betts. Arme Schweine, dachte Jürgen eingedenk seiner weniger begünstigten Mitmenschen, für die der Samstag ein stinknormaler Arbeitstag war, und streckte einen Arm in die Richtung, wo sich die Bettdecke gleichmäßig hob und senkte und die Wärme eine runde Kugel bildete. Elena schlief schon immer so, mit angezogenen Knien und rundem Rücken, die klassische Embryostellung. Nur wenn er sie an den richtigen Stellen streichelte, streckte sie sich und schnurrte wie ein Kätzchen vor einem Topf mit Sahne.

Beim Vorspiel war die beste Stelle bei Elena zweifelsfrei der Bereich rund um ihre Wirbelsäule, sie liebte es, dort stundenlang von ihm gekrault zu werden, was abends relativ unkritisch war, solange ihm nicht gerade der Arm einschlief. Morgens hingegen war es ratsam, sich relativ zügig vom Schulterblatt Richtung Süden vorzuarbeiten, weil nie völlig auszuschließen war, dass eins der Mädels gegen die Schlafzimmertür hämmerte.

Behutsam schob er die zum Glück kurze Schlafanzugjacke hoch und ließ eine Hand zart über ihren Rücken tänzeln, während er sich gleichzeitig leise aufsetzte. Ihr Po drängte sich ihm entgegen, was ein gutes Zeichen war. Zufrieden ließ er seine zweite Hand zwischen den Gummizug ihrer Hose und die nackte Haut darunter gleiten, verharrte kurz und arbeitete sich dann an beiden Fronten systematisch vor. Schlaftrunkenes Grummeln paarte sich mit mehr als eindeutigen Bewegungen ihrer Rückpartie, sie war bereit, gleich konnte er loslegen.

Zu spät fiel ihm ein, dass bei ihm selbst noch alles unter Verschluss war. Das Rauschen der Klospülung nebenan animierte ihn zu einer Blitzattacke, sich an der entscheidenden Stelle freilegen und Attacke reiten war eins. Hm, tat das gut! Weich und feucht, er war schon halb in ihr drin, als er schnurstracks aus dem Himmel geradewegs in die Hölle katapultiert wurde, Elena sich über ihm aufbaute und ihn mit ihren Oberschenkeln festklemmte. Wogegen er der Abwechslung halber gar nichts gehabt hätte, wenn der Begleittext zu dieser Aktion ein anderer gewesen wäre. So allerdings blieb ihm nicht der Hauch einer Chance, das Glockengeläut ihrer vollen Brüste oder das hektische Zucken ihres Bauchnabels zu genießen. So ähnlich musste sich ein Käfer fühlen, den man auf den Rücken geschibbelt und fixiert hatte. Er konnte nicht mal mehr seine Beine bewegen, die in Kniehöhe hängende Schlafanzughose hatte sich heimtückisch in eine Fessel verwandelt, und Elenas Stottern war auch nicht besonders hilfreich.

»Du bist .... Du bist ... du bist ein ...«

»... ein Mann?«, schlug er vor und versuchte, sich auf seinen im Moment unsichtbaren Gehilfen zu konzentrieren, der in den Stand-by-Modus verfallen war. Was er ihm kaum übel nehmen konnte.

»Wie wär’s mit Monster?« Elena wippte einmal auf und nieder, was den Mittäter im Tiefparterre neugierig sein Köpfchen recken ließ. »Oder Sexist!« Zweites Wippen, er reagierte prompt. Drittes und viertes Wippen mit Ausrufezeichen, diesmal tat es weh.

»Autsch!«

»Ich denke, du bist ein Mann?«

»Aber kein Pferd.«

»Stimmt! Ich habe noch nie von einem Pferd gehört, das heimtückisch ein ahnungslos schlafendes anderes Pferd aufspießt.«

»Aufspießen würde ich das eben nicht unbedingt nennen«, murmelte er und nutzte die günstige Gelegenheit, sie abzuwerfen und sich in Sicherheit zu bringen. Die dämliche Hose behinderte ihn gewaltig, er wollte sie mit einem Ruck hochziehen, aber der Stoff hatte sich in dem Scharmützel zuvor hoffnungslos verheddert.

»Du meinst, weil da nichts zum Aufspießen ist?« Sie deutete auf die Stelle, wo eben noch das pralle Leben pulsiert hatte. »Dumm gelaufen! Aber nur zu deiner Information: Die kriminelle Absicht reicht bereits aus!«

»Kriminell?« Er tippte sich gegen die Schläfe.

»Was glaubst du wohl, wie ich mich bei so was fühle?«

»Wir sind zufällig miteinander verheiratet.«

»Zufällig ist schon seit geraumer Zeit auch der erzwungene Beischlaf mit der eigenen Frau strafbar.«

»Aber du wolltest doch. Ich habe dich gekrault, und du hast mit dem Hintern gewackelt, es sah irre einladend aus ...«

»Schon mal was von Freud und dem Unterbewusstsein gehört?« Elena hüpfte aus dem Bett und gönnte ihm einen letzten Blick auf die komplette Pracht und Herrlichkeit, die ihm soeben zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden durch die Lappen gegangen war.

Scheißspiel! Jürgen schlüpfte in seinen Bademantel und machte sich auf den Weg nach unten, wo im ehemaligen Garderobenschrank eine zweite Dusche installiert worden war. Der Wasseranschluss kam aus der benachbarten Küche, in der jemand zu rumoren begann, als er sich gerade die Haare shampoonierte. Er hielt sich die Brause über den Kopf, das warme Wasser tat gut und dämpfte zudem das von nebenan zu hörende Gegackere. Der Jemand war da eindeutig nicht allein. Er fühlte sich verhöhnt und total ungerecht behandelt. Und was hatte Elena eigentlich mit ihrer Anspielung auf Freud gemeint? Nur mal angenommen, ihr Po hätte tatsächlich bloß als mechanische Reaktion auf ihr Unterbewusstsein auffordernd gewackelt, so konnte das doch nur heißen, dass sie auf seine vertraute Berührung mit einer Art Pawlowschem Reflex reagierte. Zustimmung aus dem Urschlamm, eine tolle Voraussetzung für guten Sex ...

Ein eiskalter Wasserschwall prasselte auf ihn nieder. Verdammt, er hatte nicht mitbekommen, wie in der Küche der Wasserhahn aufgedreht wurde. Wetten, dass sich seine Grazien jetzt nebenan vor Lachen krümmten. Die Wirkung von eiskaltem Wasser ist sattsam bekannt, er spürte es ja an sich selbst. »Du meinst, weil da nichts zum Aufspießen ist?«, höhnte eine unsichtbare Stimme. Er bückte sich, um den Stopfen aus dem Abfluss der Dusche zu ziehen, seine Füße hatten schon Frostbeulen. Es gurgelte laut und irgendwie unanständig, und dann begann der Abfluss zu spucken. Grün und glitschig und Ekel erregend, es spuckte auf seine Füße und gegen seine Beine, dieser Schleim sah aus wie klein gehackter Algenbrei. Bei näherem Hinsehen erkannte er Teeblätter. Elenas grüner Tee ließ grüßen. Ob sie ihren Mud absichtlich in den Küchenausguss gekippt hatte? Sogar sie wusste, dass die Rohrsysteme höchst innig miteinander kommunizierten.

S. 139: »Du hast mit dem Hintern gewackelt! Frechheit! Okay, vielleicht hab ich gewackelt, vielleicht hab ich sogar Lust gehabt, aber nur solange, bis mir wieder eingefallen ist, wie es geworden ist.«

Der Duft von frischen Backwaren stieg Jürgen in die Nase und stimmte ihn versöhnlich. Vielleicht waren seine Pferdestärken ja wirklich mit ihm durchgegangen. Er hatte Hunger für drei, gut möglich, dass sein Magen soeben die Rolle des geschlagenen Recken darunter übernahm, Kompensation nennt man das wohl. Jürgen gratulierte sich zu seinem gesunden Humor und beschloss so zu tun, als ob alles wie immer wäre.

»Guten Morgen miteinander!«

»Guten Morgen allein«, konterte seine Tochter Nora. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester hob nicht mal den Kopf.

Ira sah ausgesprochen grantig drein, was allerdings in jüngster Zeit eher die Regel als die Ausnahme war. Jürgen hatte sogar schon überlegt, ob die Pubertät sich möglicherweise in zwei sauber voneinander getrennten Phasen vollzog. Phase eins hätte dann bei Ira beginnend mit dem zwölften Lebensjahr Brüste und Schamhaare sprießen und sie einen eigenständigen Beitrag zu von Binden und Tampons verstopften Klos leisten lassen, während in der etwa zwei Jahre später einsetzenden Phase der innere Mensch revoltierte, und das vorzugsweise gegen sich selbst.

»Alles in Ordnung mit dir, Ira?« Er setzte sich und zog den Brotkorb näher heran. Müslistange, Mehrkornbrötchen, Sprossenliebe, etwas mit Sesam war ebenfalls dabei, nur kein einziges normales Brötchen. Dabei wussten sie genau, dass er nicht scharf auf dieses Körnerfutter war, gesund hin oder her. Er entschied sich für das Sesambrötchen, weil das noch am hellsten war. »Ich rede mit dir, Ira!«

»Wunderst du dich wirklich, dass sie nicht mit dir reden will?« Die tiefgekühlte Ansage erfolgte von dem Platz vis-à-vis und folglich von Elena, der Blickkontakt wurde jedoch durch einen in Tischmitte platzierten Blumenstrauß erschwert. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Sie würde doch nicht etwa eine unschuldige Sechzehnjährige in ihre ehelichen Intimitäten eingeweiht haben?

»Du hast doch nicht etwa ...«, vor lauter Erregung stotterte er schon.

»Ich kann mich ja beherrschen.« Die Betonung des Personalpronomens, erste Person Singular, war nicht zu überhören.

»Alles was ich wissen möchte ist, warum unsere Tochter es für überflüssig hält, meinen Morgengruß zu erwidern.« Er sah Elena an, doch die widmete sich hingebungsvoll ihrem grünen Tee. Er musste an sich halten, um sich nicht an den Füßen zu jucken. Die grünen Krümel waren besonders zwischen den Zehen ausgesprochen anhänglich gewesen. Es war seine Älteste, die sich schließlich zu einer Antwort in Form einer Gegenfrage bequemte.

»Vielleicht fragst du dich mal, wie du reagieren würdest, wenn sich einer beispielsweise dein After Shave, oder was du sonst noch an Duftwässerchen besitzt, unter den Nagel reißt und dir nicht mal was davon sagt.«

»Ich würde nie im Leben an das Zeug gehen, das deine Schwester benutzt. Oder glaubt im Ernst eine von euch, dass ich wie ein Rosengarten riechen will?«

»Gegen Kerzen, die nach Rosen duften, hast du aber offenbar nichts. Die Duftkerzen waren für die Geburtstagsparty bei Max bestimmt, und du hast sie einfach so verjuxt.«

Einfach so stimmte nicht. Aber sollte er seinen Töchtern etwa erklären, dass ihm jedes Mittel recht gewesen wäre, um ihre Mutter mal wieder richtig in Stimmung zu bringen?

»Ich gebe dir Geld für neue, einverstanden?« Diesmal wandte er sich ausschließlich an Ira.

»Du glaubst wohl auch, dass sich mit Geld alles regeln lässt.« Seine Jüngste stand auf, ihre Pose war ausgesprochen theatralisch. »Mir ist der Appetit vergangen. Ciao, Mädels, vielleicht begegnen wir uns ja heute Abend wieder im Nachtpflug.« Sprach’s, verschwand und ließ Jürgen mit tausend auf ihn einstürmenden Fragen zurück.

Das hatte sich ja glatt so angehört, als ob Elena ebenfalls in diesem dubiosen Nachtpflug gewesen wäre. »Du wärst da jedenfalls nicht reingekommen«, glaubte er sie sagen zu hören. Und was war mit der Party und ihren Freundinnen? Er konnte diese Emanzen nicht ausstehen, andererseits waren sie alle verheiratet und boten auch deshalb eine gewisse Gewähr dafür, dass alles irgendwie im Rahmen blieb, Sex in the City hin oder her.

»Ich denke, du warst auf dieser Party.«

Nora kam ihrer Mutter mit der Antwort zuvor. »Wir sind mit dem Auto liegen geblieben, ein echt netter Typ mit ’nem gelben Porsche wollte uns abschleppen.«

»Interessant!«

»Mom hat dann aber doch lieber den ADAC verständigt.«

»Sehr vernünftig!«

»Na ja, und dann war’s halt Essig mit der Party. Die haben Mom nicht mehr reingelassen, dabei sind wir mit mindestens zweihundert Sachen über die Autobahn geflogen.«

»Soweit ich weiß, fährt der Laubfrosch deiner Mutter maximal hundertsechzig.«

»Wer redet denn von Froggy? Wir sind chauffiert worden.«

»Und der ADAC-Engel ist mit euch im Wagen über zweihundert gefahren?« Hielten die beiden ihn schon für so plemplem, dass er ihnen diesen Blödsinn abkaufte?

»Wer redet denn von dem? Ich meine natürlich Ken.«

»Ken?«

»So heißt der Besitzer des Porsche. Er war so nett zu warten«, warf Elena ein.

»Tja«, fuhr Nora mit sichtlichem Behagen fort, »und dann hat er, als Mom bei ihrer Party nicht mehr reindurfte – das war da total überfüllt –, also da hat Ken vorgeschlagen, dass wir alle zusammen in den Nachtpflug gehen. Er hat sogar eine VIP-Card, wir mussten als seine Gäste keinen Cent bezahlen.«

»Und der Türsteher?« Etwas Gescheiteres fiel Jürgen auf die Schnelle nicht ein.

»Der Türsteher hat Mom ohne mit der Wimper zu zucken reingelassen, falls du das meinst. Und Ken sowieso.«

Jürgen verkniff sich die Frage, weshalb dieser Ken ›sowieso‹ passieren durfte? Er stellte sich einen dieser nervtötenden Typen vor, die auf ein Schiebedach an ihrem Auto gleich aus zwei Gründen verzichten können: Erstens weil sie sowieso schon eins statt Haaren mit sich herumtragen, und zweitens, weil besagter Kahlschlag in fortgeschrittenem Alter auf Zugluft extrem empfindlich reagiert.

»Und was ist mit dem Auto?«, fragte er stattdessen.

»Froggy ist in der Werkstatt! In deiner Werkstatt!« Elena sah ihn nicht an, sondern schichtete den Teemud in ihrer Tasse um.

»Und wie bist du heimgekommen?«

»Bestimmt mit dem Porsche«, feixte Nora, »Ken ist total auf Mom abgefahren.«

Elena dachte offenbar gar nicht daran, die Wortwahl ihrer Tochter zu beanstanden. Sie konzentrierte sich zur Abwechslung auf ihren Göttergatten. »Wenn es dich beruhigt, ich habe mir ein Taxi genommen. Wenn ich allerdings geahnt hätte, was mich zu Hause erwartet ...« Der Satz blieb unvollendet.

Warum musste er nur wieder an die Bemerkung über das Unterbewusstsein denken? Hatte seine Frau letzte Nacht im Schlaf womöglich an diesen Porschefahrer gedacht und seine eigenen Berührungen mit diesem Kerl assoziiert und nur deshalb lustvoll mit dem Steiß gewedelt? Am liebsten hätte Jürgen mit einer einzigen Armbewegung den Frühstückstisch abgeräumt. Stattdessen flüchtete er sich in den Hobbykeller.

S. 134: »Wenn ihm wirklich noch was an mir läge, hätte er anders reagiert. Die Mädels haben ihm Ken und seinen Porsche auf dem Silbertablett serviert, jeder richtige Mann hätte nachgehakt, aber ihn interessiert nur das Auto und was es kostet. So ein Porsche gibt dir als Frau ein echt gutes Gefühl ...«

Es roch muffelig, anscheinend hatte es wieder mal keiner für nötig befunden, ordentlich zu lüften. Jürgen riss wütend das einzige Fenster auf und hatte prompt den Rahmen samt Drahtgitter zur Abwehr von Käfern und anderem Ungeziefer in der Hand. Das Kellerfenster lag keine Handbreit über der Erde, der Geruch allerdings, der ihm im selben Moment in die Nase stieg, trug allerdings nicht die Bohne zur Luftverbesserung bei. Es roch intensiv nach Fäkalien. Er beugte sich vor, um den Hundehaufen zu orten, in ihm kochte es, garantiert hatte Elenas Intima schon wieder ihren Köter sein Geschäft hier im Garten verrichten lassen. Es war nichts zu sehen. Er knallte das Fenster lautstark zu, das Gitter stellte er auf den Boden, er selbst hatte schließlich kein Problem mit Schnecken, Käfern oder Mäusen. Das nächste Kreischen kam bestimmt. »Papa, da ist ’ne Maus, komm mal ganz schnell!«

Gerade als Jürgen sich auszumalen begann, wie er als Retter in der Not die Kellertreppe hinabstiefelte, sich dabei hübsch viel Zeit nahm und ordentlich bitten ließ, fiel ihm ein, woher der üble Geruch draußen stammte. Er hatte tags zuvor eigenhändig auf den Beeten Rindenmulch verteilt, und der roch nun mal nicht nach Veilchen. Sauer auf sich selbst steuerte er seine Werkbank an, alles war ordentlich zusammengeräumt, niemand konnte erkennen, woran er gerade arbeitete.