


Der Autor:
Daniel Juhr, geb. 1978, lebt als Autor, Texter und Verleger in Wipperfürth. Er hat nach zahlreichen Arbeiten als Journalist verschiedene Kurzgeschichten veröffentlicht. „Exit“ ist sein erster Roman.
Impressum
© 2011 by Daniel Juhr
Alle Nutzungsrechte by JUHRVerlag
Waldweg 34a
51688 Wipperfürth
www.juhrverlag.de
Lektorat: Volker Maria Neumann
Korrektorat: Christoph Nettersheim
Nutzung des original „Exit“-Logos mit freundlicher
Genehmigung von Wolfgang Hilbrich
Coverreinzeichnung: Grazyna Witkowski
Reprosatz Neumann
www.reprosatz.de
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten der Hauptfiguren mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wenn authentische Beschreibungen lebender Personen verwendet wurden, so geschah dies mit ausdrücklicher Genehmigung der betreffenden Personen.
Das Werk ist vollumfänglich geschützt. Jede Verwertung wie zum Beispiel die Verbreitung, der auszugsweise Nachdruck, die fotomechanische Verarbeitung sowie die Verarbeitung und Verbreitung in elektronischen Systemen bedarf der vorherigen Genehmigung durch den Verlag.
ISBN: 978-3-942625-25-8
die
farbe
ist
egal
hauptsache
schwarz
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Prolog
Teil 1
Before night falls
Susann
Wolfgang und Vossi
Witold
Susann
Sam und Klaus
Susann
Sam und Klaus
Becky
Guido und Silke
Becky
Guido und Silke
Max
Guido und Silke
Peter
Max
Guido und Silke
Peter
Becky
Max
Zeitlupenbahn
Guido und Silke
Becky
Guido und Silke
Peter
Guido und Silke
Teil 2
Nothing else matters
Becky
Susann
Paul
Max
Zwischenspiel
Paul
Max und Anne
Paul
Max und Anne
Peter
Paul
Peter
Max und Anne
Paul
Peter
Max
Paul
Becky und Peter
Susann
Max
Becky und Peter
Susann
Paul
Susann
Becky und Peter
Paul
Susann
Teil 3
After dark
Wolfgang
Susann
Die Letzten
Anne, Max und Susann
Danke an …
Für Sandra
Im Exit begann auch unsere Geschichte.
Danke für all die schönen Kapitel.
Und die vielen, die wir noch schreiben werden.
Die letzten Klänge verschwinden, bis nichts mehr bleibt.
Er nimmt den Kopfhörer ab und schaut auf die rotbraunen Fliesen der Tanzfläche. Die Discokugel, eines dieser Glitzerdinger aus den Achtzigern, reflektiert tapfer das Licht der Scheinwerfer und dreht sich einsam um sich selbst.
Als der letzte Ton verstummt ist, schauen sie ihn an. Er zuckt mit den Schultern und betrachtet sie, einen nach dem anderen.
Einer schnippt seine Kippe weg.
Eine reibt sich die Augen.
Einer schaut sich versonnen um.
Einer wischt sich Schweiß vom Gesicht.
Eine schließt einfach die Augen.
Einer dreht sich um und geht.
Eine lächelt.
Das Ende: Er hat diesen Moment kommen sehen. Er wusste, dass es passieren würde. Doch jetzt, da es so weit ist, spürt er einen Schmerz, den er nicht erwartet hat.
Und wie er so in ihre Augen schaut, während mit einem hellen Blink die Lichter der alten Neonröhren angehen, glaubt er in ihnen denselben Schmerz zu erkennen.
Es ist die Stille.
Sie haben den Laden aufgemacht, am Anfang fast jeden Tag. Das Ding rockt, und Menschen kommen, tanzen, reden, bleiben, leben hier. Freundschaften werden im Suff geboren, Ehen brechen auseinander wie ein Schiffswrack, Verlorene trinken und bemitleiden einander. Es ist eine Welt unterhalb der Welt. Du kommst nach Hause. Du kennst jeden, und es ist egal, was du anhast, wie du drauf bist oder ob du morgen in den Knast musst. Was da draußen zählt, all das Verkehrte, das dich jeden Tag einholt, gibt es hier nicht. Alles ist echt. Der Rauch, der Schweiß, das Schütteln der Hände, die Umarmungen, die Gespräche. Das Klack-klack der beiden Kicker-Tische hinter dem Eingang. Das Ploppen der Flens-Flaschen. Das Quietschen der Federn in den durchgesessenen, alten Sofas, die immer besetzt sind. Mit Einsamen. Mit denen, die jemanden gefunden haben. Und denen, die gerade dabei sind, jemanden zu verlieren.
Es ist Zippl in seinem weißen T-Shirt, wenn er seine einzige Tanzpause der ganzen Nacht vor der silbernen Pinkelrinne auf dem Herren-Klo verbringt. Zippl, der immer da ist, der als Erster tanzt und als Letzter geht.
Es ist das Knacken der Boxen, von denen jede Woche mindestens eine den Geist aufgibt.
Es ist der Kaffee im Bistro, gleich links neben dem Eingang, der dich durch die ganze Nacht bringt.
Es ist Witolds schulterlange Matte, die er nicht aus Überzeugung trägt, sondern nur, weil er es einfach nicht zum Friseur schafft. Es ist die Ironie in seinem Blick, wenn er nachts um drei die letzten Tische selber abräumen muss, weil wieder mal einer der Flaschensammler nicht konnte.
Es ist das Kritzeln des Stiftes auf der Recyclingpapier-Songwunschliste, die auch garantiert gespielt wird. Und es sind die Songs. Es sind Vedder und Dickinson und Stapp und Etheridge und Morissette und Manson und Kiedis und Hetfield. Und all die anderen. Es ist der Gitarrenteppich, auf dem sie stehen, während sie dir einen Rock’n’Roll-Dolchstoß ins Herz jagen. Mitten rein. Du bist getroffen und willst, dass dieser Song, dieser Moment, diese eine Stelle nie endet. Jener Augenblick der Stille, ehe sie dir noch einmal den Refrain entgegenschleudern und du total ausflippst. Und vergisst, dass es hiernach überhaupt noch irgendetwas anderes gibt. Denn du willst nichts anderes.
Nur das hier.
Sie macht den Wagen aus und dreht Trent Reznor den Saft ab. Klappt den Spiegel runter, betrachtet sich darin. Sie sind wieder dunkler geworden, die Ringe. Die Wangen schmaler. Die Haut blasser. Die Jochbeinknochen auffälliger. Sie holt einen Kajalstift aus der kleinen, braunen Handtasche, die ihr Fred geschenkt hat, bevor es aus war, und verdunkelt ihre Lider. Sie verzichtet auf den Lippenstift.
Ihr Haar ist so, wie es sein soll, dunkelblond, glatt und lang. Ihr Haar, um das sie so große Angst hatte, hat alles mitgemacht.
Als sie vor dem Laden steht, ist es noch hell, Wolfgang muss schon drin sein, Witold sowieso, auch Vossis Wagen hat sie schon gesehen, wahrscheinlich schraubt der wieder an irgendwas rum. Sie schaut auf das weiß-schwarze Schild und lächelt. Vierzehn Jahre Exit. Immer eigentlich. Bis auf die letzten paar Monate, da war sie verhindert.
Und jetzt soll es das also gewesen sein.
Als sie eintritt, steht vorne niemand. Aber es riecht so wie immer: ein bisschen nach Rauch, der nie mehr aus den Wänden weichen wird, ein bisschen auch nach Putzmittel, ein bisschen nach Kaffee. Und es riecht alt. Das Ende steht vielerorts geschrieben. Am Putz, am Türgriff, an den alten Postern. Auf dem Tresen liegen wie vergessen ein paar Getränkechips, die mit dem Bild der Müngstener Brücke drauf. Sie dreht einen in der Hand und muss dabei lächeln. Zu Hause hat sie zwanzig von den Dingern. Sie legt ihn mit einem Klacken zurück.
„Hallo? Wer kommt denn da?“, hört sie Ellis Stimme aus dem Bistro. Sie tritt ein. Elli und Steffi hocken am Tresen, sie quatschen, trinken Kaffee, rauchen, hören Nirvana und wissen nur, dass sie eine Zeitlang krank war. Sie springen auf, laufen auf Susann zu und fallen ihr um den Hals.
Als Elli von ihr ablässt, betrachtet Susann fasziniert ihren Arm. „Es ist schon wieder größer geworden, oder?“
„O ja. Und du willst gar nicht wissen, wo es überall lang führt.“
„Doch, will ich.“
„Steffi, du! Na klar. Dass du das gerne wüsstest, wundert mich überhaupt nicht.“ Steffi lächelt verstohlen, aber es ist Show, sie streicht mit ihren Händen über die Jeans, zieht auffällig lasziv an ihrer Zigarette, pustet den Rauch durch halb zerschundenes, blondes Haar, das viel zu viele versaute Färbeversuche mitmachen musste.
Es entsteht jene Stille, die immer entsteht, wenn man einander weniger zu sagen hat, als man glaubte. Elli betrachtet ihr Tattoo, dann schaut sie Susann in die Augen, die wie geheimnisvolle, große, dunkle Kugeln in einem viel zu kleinen Gesicht stecken.
Susann schaut sich um im Bistro. Das wäre auch was, hat sie schon oft gedacht, wenn sie, irgendwann morgens, noch einen Augenblick zusammensaßen und die Nacht gemeinsam Richtung Morgen schickten: so ein Bistro. So wie das hier, klein, aber nicht winzig, mit einer Couchecke, egal, wie alt und abgesessen, ein einfacher, klarer Ort, an dem es einfache, klare Menschen und Dinge gibt. Dein Bier, dein Kaffee, dein Snack, und wenn wir den nicht haben, dann bestell dir halt ne Pizza hierher. Sie wollte jeden Abend hier sein, viele Menschen um sich haben, ihre Geschichten hören und die vielleicht irgendwann mal aufschreiben.
„Susann?“
Sie schreckt auf wie aus einem Tagtraum.
„Alles klar bei dir?“, fragt Steffi.
Sie sammelt sich, schaut die beiden an, lächelt: „Ja, es ist nur … ihr wisst schon.“
Steffi und Elli tauschen einen Sekundenblick, Elli beendet den seltsamen Moment: „Super, dass du noch mal an Bord bist, ehrlich. Wie geht’s dir? Warst ja jetzt echt ’n paar Monate weg, oder?“
„Ja. Ist wieder ganz okay“, lügt sie. „Also, Mädels, wie machen wir’s?“
„Die Susann: Kaum wieder da und schon voller Tatendrang. Sehr schön! Also: Steffi und ich gehen an die Große. Da kommen nachher noch zwei Aushilfen, dann sind wir zu viert, das muss langen.“
„Dann geh ich also vorne an die Kleine. Wer kommt noch? Betty?“
„Betty, ja. Die muss gleich hier sein“, antwortet Steffi und verdrückt sich hinter die Theke, um sich einen Tote-Aufweck-Kaffee zu machen. Susann schaut ihr nach, dann wirft sie einen Blick in die kleine Garderobe, eigentlich nicht mehr als ein Abstellraum mit einer Bügelstange dran, der ist um neun Uhr leer und um zwölf dann voll und um vier stehen sie dann davor, sind selber voll und haben keinen Plan, was davon eigentlich ihnen gehört, und sind deswegen auch schon im Winter bei minus dreizehn Grad im T-Shirt nach Hause gestiefelt.
Sie muss unwillkürlich lächeln.
Doch als sie einen Stich im Magen spürt, verzieht sich alles in ihrem Gesicht.
Elli schaut sie plötzlich besorgt an. „Schaffst du’s auch wirklich, Susann? Der Laden wird heute platzen.“
„Klar. Die eine Nacht, die mach ich auf einer Arschbacke.“ Die kleine Theke, gleich links neben dem Eingang: Wie viele Nächte hat sie hier gestanden? Wie viele Leute hat sie hier kommen und gehen sehen?
Sie spürt den nächsten Stich im Magen. Ignoriert ihn. Lenkt ab: „Was glaubt ihr, wer so alles kommt?“
„Na, was glaubst du denn? Alle natürlich! Alle werden kommen. Die, die immer da sind, sowieso, aber da werden auch einige auftauchen, die schon ewig nicht mehr hier waren und jetzt mit zur Beerdigung wollen. So wie man halt alle paar Jahre mal an Weihnachten in die Kirche geht. Wolfgang wird gar nicht wissen, wohin mit den Leuten, wart’s ab.“
„Wo ist der eigentlich?“, fragt Susann.
„Drinnen bei Vossi, glaub ich. Kommt gleich. Ist schon alles so weit okay, Vossi hat die Boxen auch eigentlich schon gecheckt. Aber du kennst ihn ja: Besser noch mal alles prüfen.“
Früher hatte Susann immer mal die Schreckensvision, wie eine der Boxen plötzlich einfach runterrauscht, mitten auf die Fläche, und drunter steht einer und der ist dann platt. Aber zum Glück sind die Dinger eben immer nur ausgefallen. Nicht runter. „Der kann schrauben, wie er will“, ruft sie lachend, „da wird auch heute wieder eine ausfallen.“
Steffi hebt ihre Tasse: „Natürlich, was denn sonst? Also: Auf den Abschied!“
„Na, läuft die Kiste?“
„Wenn ich Glück habe, ja.“
Vossi schiebt die Brille von seiner kahlen Stirn zurück auf die Nase und seufzt. Er steht also mal wieder auf der Leiter und fummelt an einer der Boxen rum. Wie fast jede Woche. Wie eigentlich immer. Wolfgang tritt neben ihn und schaut nach oben. „Das wird mir fehlen. Wie du da oben stehst und schraubst. Oder unten. Oder an der Anlage. Eigentlich schraubst du ja ständig. Wenn du nicht grade auflegst.“
„Wenn du Geizhals mal irgendwann zwischendurch ein paar Ocken hättest springen lassen, müsste ich hier gar nicht ständig rumschrauben.“
„Ich hol dir ein Bier.“
„Ja stimmt doch, oder nicht?“
„Stimmt nicht. Und ich hol dir jetzt ein Bier.“
Vossi zieht einen anderen Schraubenzieher aus der Tasche, den kleinen mit dem Schlitz, der ihm schon so manche Minischraube geöffnet hat, mit der ein Kabel fixiert werden musste, und er zieht noch einmal nach, sicher ist sicher. Er schaut zum DJ-Bereich rüber und denkt: Wie oft habe ich da eigentlich gestanden? Wie viele Leute sind die zwei Stufen zu mir hochgestiegen und haben den Block vollgekritzelt mit immer wieder den gleichen Songs? Über die Jahre wurden es mehr, zu den Klassikern kamen neue dazu, aber die alten blieben und er hat sie gespielt, ganz gleich, ob es nun seine Songs waren oder nicht. Er hat nie viel Theater gemacht, nie viel gesagt, er ist für die Musik da gewesen, nicht fürs Quatschen. Gleich wird er hier oben mit Uwe stehen, sie werden CDs durchkramen, ein paar von den Mädels werden sich dazustellen, ein bisschen reden, den Blick von oben auf die anderen genießen. Denn das ist es, hier oben stehen, einfach Musik machen und den Blick nach unten erleben. Er schluckt.
Als Wolfgang die Flasche aus dem Kühlschrank holt, hält er kurz inne. Ja, denkt er, wenn ich hätte. Aber hätte das mehr Leute gebracht? Wann ist der Augenblick gekommen, in der eine Zeit einfach vorbei ist? Ist es heute? War es schon vor ein paar Jahren? Oder ist es vielleicht doch noch gar nicht so weit? Es ist derselbe Moment, in dem Vossi gedankenverloren zum DJ-Bereich hinüberschaut, und er ahnt, dass auch Vossi gerade so einen Flash hat, der ihn in rasender Geschwindigkeit durch die Vergangenheit scheucht, mit vielen Fragen, aber wenigen Antworten.
Als er mit der Flensflasche zu Vossi zurückkehrt, fährt der erschrocken herum.
„Alles klar?“, fragt Wolfgang und reicht ihm die Flasche.
Vossi prüft zum dritten Mal die Lichtanlage, weiß längst, dass alles im Lot ist, pustet durch. „Klappt auch.“
„Ich weiß“, entgegnet Wolfgang. „Du hast es jetzt dreimal geprüft. Also dann.“
Vossi steigt ab, nimmt einen Schluck und lehnt sich an eine der schwarzen Säulen. Wolfgang stellt sich zu ihm, lässt zufrieden den Blick schweifen, streicht sich über den Mund, den alle paar Monate mal ein Schnurrbart bedeckt. Bis er dann wieder keinen Bock mehr drauf hat. Heute Nacht hat er auch keinen Bock drauf.
„Also, ist doch alles gut, wie immer.“
„Ja, alles wie immer.“ Dann, nach einem Moment der Stille: „Jetzt müssen nur noch die Kack-Rohre halten.“
Wolfgang lacht dreckig auf. Die Nummer mit Alfred. Wieder mal. Ein Vossi-Klassiker, auf ewig in den Annalen festgeschrieben. Heute werden noch ein paar Klassiker dazukommen.
„Mann, Vossi, so eine Schweinerei hatten wir bis dahin echt nicht gehabt. Und danach auch nicht mehr. Wer kam eigentlich auf die beknackte Idee, diese blöde Schleuse zu öffnen?“
„Na, der Alfred selber natürlich. Kommt der mitten in der Nacht zu mir und meint: Du, Vossi, das Rohr ist verstopft. Das hängt schon durch. Und ich sag noch: Schön, sammel du mal weiter Flaschen ein, ich hol den Witold. Aber nein, er will ja selber ran an den Revisionsschacht. Steht der davor und meint: So, dann dreh ich das Ding jetzt mal auf. Und ich noch so: Alfred, ich würde das nicht machen. Und er: Wieso? Macht der Witold doch auch. Und ich: Nee, der Witold würde ’nen Klempner holen und fertig. Und er: ’Nen Klempner? Brauch ich nicht. Nee, lass ma, ich mach das schon. Und dann dreht der das Ding mit seinen fetten, gelben Raucherfingern auf und kriegt das ganze Zeug ins Gesicht.“
„Und du hast danebengestanden. Mann, ich hab echt Schwein gehabt, dass ich mir das nicht geben musste.“
„Hunderter Strahl, volles Rohr. Ohne Witz: An Alfreds rechtem Ohr hing ne Binde, links ein Tampon. Den haben wir dann erst mal mit ’nem Schlauch abgespritzt. Und danach bin ich kotzen gegangen.“
„Der war danach auch nicht mehr da, oder?“
„Machst du Witze? Den hab ich gleich danach in die Wüste geschickt. Und Uwe macht mich danach noch an, warum ich so nach Kotze stinke. Da hab ich nur gesagt: Uwe, das möchtest du nicht wissen.“
Sie lachen beide in die Leere des Ladens hinein.
Vossi hat sich vorgenommen, nichts zu sagen. Aber er muss: „Was, wenn wir doch mehr Werbung gemacht hätten? Oder zusammengeschmissen hätten? Irgendwelche Events. Oder wenn wir …“
„Komm, hör auf, Vossi. Das Thema hatten wir schon. Das Ding ist durch. Die wollen ihren Rentnerpark, die kriegen ihn und gut. War doch auch kein Mensch mehr da in der letzten Zeit. Wir wussten, dass es so kommt. Du, ich, Witold, Uwe, alle. Seit die damit angefangen haben, hier unter der Brücke diesen Park hinzupflanzen. Lass einfach gut sein.“
„Wie geht’s denn dem Witold eigentlich?“
„Du kennst ihn doch.“
„Na, immerhin wohnt der hier.“
„Wohnt? Der lebt hier. Kann er doch auch morgen noch und nächste Woche, die Bude selber bleibt ja erst mal stehen. Nur weil hier unten nicht mehr gefeiert wird, lässt es sich doch oben noch hervorragend wohnen.“
„Du wartest also noch ein bisschen ab.“
Wolfgang schüttelt seufzend den Kopf. „Ach, sollen die hier mal ruhig ihre Auen hinsetzen und mir den halben Parkplatz zuklatschen. Ein Teil davon gehört mir, das wissen die, glaub ich, gar nicht. Den können sie dann gleich wieder zurückbauen. Nee, erst mal sollen die Ömchen hier schön an unserem Laden vorbeimarschieren und sich drüber aufregen, wie hässlich der doch ist: Mitten in unserem schönen Park so eine verkommene Hütte, also wirklich!“
Vossi schaut sich mit ernstem Blick um.
„Wir begraben unsere Jugend.“
„Du deine vielleicht. Ich bin doch längst ’n alter Sack.“
„Und? Was machen wir morgen?“
Doch Wolfgang lächelt nur, wie man es halt so macht, wenn einem keine Antwort mehr einfällt.
Der Dicke spielt wieder. Er hockt in seiner Bude, hämmert auf seine Orgel ein, die ihm Witold am liebsten aus der Wohnung holen würde. Früher kam der Dicke auch mal runter, in den Laden, haute sich eine Pizza rein, als es die hier noch gab, die gute vom Italiener, die machte ihn noch dicker, und er stampfte wieder nach oben in seine Bude, die mit dem Fenster zur Straße raus.
Witold schließt seine Wohnungstür ab, da fängt der Dicke auch noch an zu singen, es ist irgendwas von den Flippers, nur, dass die so halbwegs die Töne treffen. Der Dicke übt, denn morgen Nachmittag, wenn hier unten schon Feierabend sein wird, macht er munter weiter und spielt in irgendeinem Altenheim ein paar Omis einen vor.
Unten trifft er Wolfgang und Vossi.
„Wisst ihr, was ich so richtig schlimm finde?“
„Die Flippers?“, grinst Wolfgang.
„Ach, da bin ich ja fast schon dran gewöhnt. Nee, was ich viel schlimmer finde, ist, dass der die auch morgen noch spielt und übermorgen und nächste Woche auch noch. Wenn hier unten schon Sense ist, macht der da oben einfach weiter mit seinem Schlagermüll.“
„Aber passt doch“, überlegt Vossi, „Schlager, grüne Auen und Kaffeeklatsch. Wart mal ab, der Typ wird noch zum Star hier unten. Und Schlager machen wir doch auch manchmal.“
„Ja, aber das willst du ja jetzt nicht vergleichen, oder?“
Vossi schweigt grinsend.
„Vielleicht schafft er es ja mit seinen Auftritten wenigstens bald mal, die Miete zu bezahlen.“
„Keine Sorge, Wolfgang, wenn nicht, gehen wir morgen zu ihm rein und klauen ihm die Orgel. Und dann ist Ruhe.“
Als wäre es heimlich von der Decke gepurzelt, ist plötzlich wieder so ein Schweigen da. Nur der Dicke oben, der schweigt nicht.
Eben noch den Kaffee zum Wachbleiben, jetzt ein Flens: Sie machen es wie früher, ein Flens vorab, danach nur noch Cola und Wasser. Ab halb vier vielleicht mal einen Kurzen. Oder zwei. Oder drei. Ihre Flaschen klacken aneinander, sie schweigen für einen Augenblick, hängen ihren Gedanken nach. Susann blickt aus den Fenstern nach draußen, Steffi lässt den Blick über die alten Bilder an den Wänden gleiten, Elli dreht lächelnd ihre Flasche in der Hand. Aus den Boxen dröhnt Spacelord von Monster Magnet.
Es ist Steffi, die beginnt. „Wisst ihr noch, der Typ, den der Dirk mal hier angeschleppt hat, als ich noch gar nicht bedient habe? Dieser Schweizer?“
„Was war denn mit dem noch mal? War der nicht nur zu Besuch oder so?“
„Dachte ich auch“, antwortet Steffi und wippt wie immer automatisch im Takt mit. „Da sacht der Dirk: Guck mal, das ist der Schweizer. Der Typ stellt sich neben mich, kaum größer als ich, so die Kategorie Danny De Vito. Und ich, höflich wie immer …“
„Höflich? Du?“ Susann und Elli funkeln sich spöttisch grinsend an.
„Ruhe …“
„Mother-Mother!“, rufen die beiden plötzlich wie aus einem Mund, und Steffi wird langsam ungeduldig.
„Also: Wollt ihr das jetzt hören oder lieber singen? Und außerdem heißt es Fucker.“
„Quatsch, Fucker kommt erst am Ende. Zuerst heißt es Mother“, protestiert Elli und klopft im Takt des Songs auf ihrer schwarzen Lederhose herum. „Nee nee“, sagt sie dann übertrieben großzügig, „fahr mal schön fort.“
„Ja, danke“, beginnt Steffi. „Ja, ich dreh mich also zu dem um und frag ihn: Heißt du denn jetzt mit Nachnamen so oder kommst du nur aus der Schweiz? Der hört erst mal gar nicht zu, sondern starrt plötzlich wie besessen auf mein Bauchnabelpiercing, so als hätte der so was noch nie gesehen und wolle er das gleich rausziehen oder so. Ist mir ja direkt mal total suspekt. Er fragt also Häh?, ist ja auch laut im Laden, wie immer. Und ich frag ihn wieder, ob er denn aus der Schweiz komme. Da wird er ganz blass und ganz klein und meint nur: Nee, die nennen mich nur alle so, weil ich immer ein bisschen rieche wie ein Schweizer Käse.“
Elli prustet das halbe Bier über den Tresen, Susann grölt so laut los, dass es sie wieder in den Magen sticht, aber sie lacht es einfach weg. Und macht gleich weiter. „Ich hatte mal einen, der war auch immer da, Michael oder so. Oder Martin? Der war jedenfalls ganz früher auch immer da, dann mal weniger, aber egal. Der kommt irgendwann an ’nem Donnerstag um halb drei an die Bar, als schon kaum einer mehr im Laden ist, und meint nur: Du, ich muss jetzt leider gehen, aber ich wollte dich fragen, ob ich dich nächsten Donnerstag vielleicht mal kennen lernen darf?“
Elli prustet wieder los. „Susann, hör auf! Jetzt läuft mir die Suppe schon durch die Nase!“
„Was trinkst du auch, wenn ich zur Pointe komme?“
„Ist er wenigstens wiedergekommen?“
„Ja, aber sonst ist dann keiner mehr gekommen von uns, falls du das meinst.“
Sie hat ihn sogar noch vor Augen, wie er damals vor ihr stand, dieser Michael oder Martin, es standen danach noch so viele vor ihr. Mit manchen ging sie mit, krallte sich die kleinen Abenteuer, wenn ihr danach war. Wenn die Lampen angingen und die Relikte einer Rocknacht in alle Ecken des Exit gekrochen waren. Wenn sich Kippen in den Aschenbechern stapelten, bis sie über den Rand fielen, wenn Vergessene im Halbkoma mit vereinten Kräften von der Couch gehievt werden mussten, wenn das Schwarz der Wände nicht mehr schwarz, sondern seltsam dunkelgrau schimmerte im grellen Neonröhrenlicht. Sie liebte diese Zeit nach der Zeit, wenn alles egal war, wenn Ebenen verschwammen und sie absolut keine Ahnung hatte, wie der nächste Tag aussehen würde. Auch mit Fred hatte sie später viele solcher Nächte verbracht. Sie hatten sich in diese Nächte hineingestürzt, wie in einen tiefen dunklen Ozean, aus dem sie nie wieder auftauchen wollten. Schwerelos. Vielleicht war es die schönste Zeit überhaupt gewesen, das mit ihm. Es war ein 13. Juli, an dem sie plötzlich auftauchen musste. Um unterzugehen.
„Susann? Alles klar? Hallo!“
Sie zuckt zusammen, schüttelt sich kurz, schaut die beiden an. „Ich … ja … ich war nur gerade irgendwie …“
„Mal wieder ein bisschen weg, was? Vielleicht bei dem Typen, mit dem dann so gar nichts lief, oder wie?“, grinst Steffi, „also so ganz unwichtig scheint der ja dann wohl doch nicht gewesen zu sein, oder?“
Sie erwidert Steffis Grinsen mit Mühe, schüttelt auf eine Weise den Kopf, wie man es immer macht, wenn man einen unbequemen Moment zu überspielen versucht, und sagt plötzlich, mit klarer, fester Stimme: „Nein, Steffi. Es ging um jemand ganz anderen.“
Sie zieht damit eine Schneise des Schweigens, in dieser Sekunde macht der Lautsprecher dasselbe, spuckt dann die ersten Töne von L´Ame Immortelles Bitterkeit aus, und jetzt überlegt Susann, ob das vielleicht der Moment für sie ist zu gehen. Elli und Steffi tauschen hilflose Blicke, doch dann greift Elli sich ihr Flens, leert es in einem Zug, knallt es auf den Tresen und fragt: „Sagt mal, kennt ihr eigentlich noch den Foxy?“
Steffi nimmt es dankbar auf. „War doch dein Terrier, oder? Kreativer Name übrigens: Foxy für ’n Fox-Terrier.“
„Wart’s ab. Jedenfalls, mit dem hat mich mal einer beim Gassigehen gesehen. So ’n großer Schmaler, der war auch oft freitags mal da. Schaut mich an, von wegen, die kenn ich doch und so, ich also zurückgeschaut, genickt, er dann weiter.“
„Und?“
Und? Das fragt sich auch Susann, die den Versuch der beiden, das hier irgendwie am Laufen zu halten, so liebenswert findet, dass sie ihnen um den Hals fallen möchte. Und sie beschließt, dass sie bleibt, dass sie hierher gehört, zu diesen beiden und zu denen, die da drin jetzt noch schrauben oder aufräumen oder Musik sortieren oder was auch immer sie noch machen müssen, um diese Nummer hier heute Nacht durchzuziehen.
„Ihr seid echt so geil“, ruft sie plötzlich. Steffi antwortet sofort mit einem Lächeln und nimmt Susanns Hand in ihre, und Susann begreift, dass diese Hand jetzt das Beste ist, was ihr passieren konnte. Steffi dreht sich wieder zu Elli: „So, jetzt also: du und der Terrier.“
„Ja, sag ich doch, aber vor lauter Händchenhalten kommt ja hier keiner mehr auf den Punkt.“
„Jetzt erzähl.“
„Also“, fährt Elli fort, „der Typ trifft mich also beim Gassigehen.“
„Da warst du schon“, erinnert sie Steffi.
„Ja ja, jedenfalls, dann also derselbe Abend, ja? Merken: derselbe Abend. Und ich mach gerade Thekenpause. Und Vossi spielt irgendwas richtig Geiles, ich glaub, es war Toxity von System of a Down.“
„Sehr geil.“
„Und ich also auf die Fläche, da hatte ich grade das Riesen-Armtattoo ganz neu.“
„Das Ding, das jetzt überall ist“, hakt Susann noch kurz ein.
„Du sagst es. Ich gehe also richtig ab, und wer steht da plötzlich vor mir? Der Typ vom Gassigehen.“
„Und? Was macht der?“
„Was der macht? Der drückt mir ’ne Packung Frolic in die Hand. Mitten auf der Tanzfläche.“
„Hat der nicht gemacht.“
„Hat der gemacht!“
Wieder bricht das Lachen aus ihnen heraus, bei Susann sticht es zugleich in ihren Magen, sie schiebt den Schmerz wieder weg. Aber nicht weit genug.
Steffi schaut gedankenverloren an die Decke, mit einem ungeduldigen Geschichten-Sucher-Blick, und sie wird fündig: „Also, ich weiß noch, mich hat mal einer unter die Müngstener Brücke zum Kiffen eingeladen, in einer Vollmondnacht. Das fand ich echt romantisch.“
„Ach, Steffi …“
„Echt. Und ich bin mitgegangen. Natürlich nicht nur zum Kiffen.“
„Nee, natürlich nicht … Susann, alles klar bei dir? Susann? Susann!“
Aber bei Susann ist gar nichts klar. Sie entreißt Steffi ihre Hand, ganz unbewusst, presst sie gegen ihren Bauch, sie krümmt sich vor Schmerzen, denn die haben gerade wieder einfach so zugestochen, aber diesmal mit einem Riesenstachel, der durch ihr Innerstes durchgeht, und sie spürt, wie ihr alles hochkommt, sie versucht zu rennen, aber sie schafft nur drei Schritte und übergibt sich mitten ins Bistro, als Wolfgang durch die Türe kommt.
Klaus steht irgendwo in Wuppertal-Vohwinkel am Ufer der Wupper, zieht sein Stirntuch nach und schiebt die abgewetzte schwarze Lederjacke mit den langen Fransen zurecht, die er sich mal irgendwann in Amiland besorgt hat. Das Ding ist älter als das Exit, und es hat auch mal deutlich besser gepasst. Er zieht sie vorne zusammen, zwingt einen Knopf ins Knopfloch, spannt den Bauch, der Knopf bricht aus. Eine Katastrophe.
„Verdammt, ich werde alt.“
„Du bist alt, Klaus. Was ist, passt die Jacke nicht mehr?“
„Sei ruhig und pump.“
„Musst mehr Bierchen trinken.“
„Du sollst pumpen!“
„Mach ich. Aber nicht mehr lange.“
Ein paar Meter weiter hat Sam aus einem überdimensionalen Gummilappen mit viel fester Treterei ein putziges, orangefarbenes Schlauchboot gemacht. Er tritt die Pumpe noch ein paar Mal kräftig durch, aus seinen grauen Schläfen rinnt der Schweiß bis zum Kinn, dort verfangen sich die Tropfen in einem langen, grauen Bart, der ihm bis auf die Brust reicht und immer länger wird, je mehr sich sein Chef darüber aufregt. Er prüft den Luftdruck, schließt das Ventil, pustet tief durch, streicht seine Mähne nach hinten, bindet einen neuen Zopf, zündet sich eine Kippe an, röchelt nach ein paar Zügen wie ein sterbender Büffel und ist nicht zufrieden. Skeptisch betrachtet er das Boot. „Also ich weiß nicht, Klaus. Das sieht so klein aus, das Teil.“
Klaus stutzt. „Stimmt. Was steht denn drauf, wie viele Leute da reinpassen?“, fragt er.
„Die Anleitung liegt bei deinen Sachen.“ Seine Sachen, dazu gehören auch eine Kiste Bier, sein alter Ghettoblaster und Schwimmwesten. Sie haben die Wagen oben an der Straße geparkt, alles den Hang runtergeschleppt, sie sind vorbereitet. Eigentlich. Klaus findet die Anleitung unter dem Bierkasten. „Hab sie“, ruft er, „hier steht: für vier Leute.“
Sam tritt neben ihn. „Zeig mal her … och, nee, oder? Nee …“
„Was denn? Sind doch vier Striche drauf.“
„Ja, du Idiot. Zwei große und zwei kleine. Das is ’n Familienboot. Mama, Papa und zwei Kinder. Schön mit Schwimmflügeln. Und da sollen jetzt wir beide rein, dazu deine Wampe, und Guido und Silke. Geil, Klaus, echt. Vielleicht setzt du beim nächsten Mal einfach deine Brille auf, wenn du so ein Ding kaufst.“
„Ich kauf garantiert nie wieder so ein Ding. Außerdem bist du doch da in dem Schwimmverein.“
„DLRG.“
„Ist auch egal. Wann kommen die denn eigentlich?“
„Müssten gleich da sein.“
„Und die wissen von gar nix?“
„Nee, die wissen nur, dass sie um acht hier sein sollen“, antwortet Sam, „mach doch schon mal ein bisschen Mucke an.“
Klaus schaut sich um und grinst. Sie werden also über die Wupper schippern. Zu viert in einem kleinen Bötchen.
„Auf so was kannst auch nur du kommen, Sam. Ist die wenigstens nett?“
„Das wird super, glaub ma. Und Silke wird dir gefallen, die ist absolute Klasse. Ehrlich, wenn zwei zusammenpassen, dann die und Guido.“
„Und heute sind das zwanzig Jahre?“
„Auf den Tag genau. Was suchst du denn jetzt wieder?“
Klaus hat sich hingekniet und nimmt die Schwimmwesten hoch. Schaut auf dem Boden herum, sucht, findet nichts. „Sam, wir haben nur drei Westen.“
„Was? Das ist nicht dein Ernst, oder?“
„Doch, hier. Oder siehst du noch eine? Also, ich nicht.“
„Scheiße.“
„Ja, Scheiße, Sam. Vielleicht setzt du beim nächsten Mal einfach deine Brille auf, wenn du wieder dein DLRG-Häuschen leerräumst.“
„Ja, ist gut, Klaus, ja? Ist gut. Unentschieden. Dann dürfen halt maximal drei von Bord gehen. Der Vierte säuft dann eben ab.“