Pierre Teilhard de Chardin
Einheit der Schöpfung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einführung
I. Philosophie – Die Einheit der Schöpfung
II. Religion – Der universelle Christus
III. Moral und Mystik – Die Ur-Anziehung
IV. Geschichte – Die Evolution der Welt
V. Mehr über Teilhards Universum
Impressum neobooks
Einheit der Schöpfung
Essenz aus dem Essai:
„Mein Universum“ von 1924,
bearbeitet und herausgegeben
von Peter Gotthard Bieri
Aus christlicher Sicht ist die ganze Vielfalt der Schöpfung in ständiger Bewegung in Richtung auf eine Einheit, auf ihre Vollendung hin (Uni–versum). Was das konkret für die heutige Zeit bedeuten kann, beschreibt der französische Naturforscher, Theologe und Visionär Pierre Teilhard de Chardin (1881 bis 1955) im vorliegenden Essay, der als eine seiner bedeutendsten Schriften 1924 im Exil in Tientsin entstand. Teilhard spannt darin einen großen Bogen über grundlegende Einsichten zur biologischen und menschlichen Evolution, zur Dynamik der Schöpfung und zu einem universellen Christus. Er schließt mit der Deutung innerlicher Entwicklungsvorgänge, die sich in der Welt und durch die Welt hindurch vollziehen als moralische und spirituelle Evolution.
Nach Teilhard handelt es sich um vorläufige, spontane, wissenschaftlich kaum überprüfbare Überlegungen, die jedoch seiner innersten Überzeugung entsprechen und im Laufe von 25 Jahren vielfältiger Erfahrungen und Reflexion gewachsen sind.
Er schreibt dazu: „Ich empfinde es so, dass ich in Wirklichkeit nicht selber diese Seiten entworfen haben, sondern ein Mensch in mir, der grösser ist als ich, immer derselbe Mensch, den ich schon hundertmal um mich herum wahrgenommen habe.“
Peter Gotthard Bieri hat als Herausgeber dieses Werks versucht, Teilhards komplexe Sprache für ein breiteres Publikum aufzubereiten und allgemein verständlich zu formulieren.
A. Die Grundprinzipien
1. Des Bewusstsein hat Vorrang
Zuerst wollen wir uns auf ein paar Grundannahmen einigen:
Gehen wir davon aus, dass das, was ist, einen Sinn hat. Dann folgt daraus:
Es ist besser zu sein, als nicht zu sein.
Wenn wir uns mit anderen Lebewesen vergleichen, zum Beispiel mit Eintagsfliegen oder Kaninchen, dann müssen wir sagen:
Es ist besser, mehr zu sein, als weniger zu sein.
Aus dem bisherigen Verlauf der Erdgeschichte dürfen wir weiter annehmen, dass das vollendete Sein ein bewusstes Sein ist. Jetzt können wir die ersten beiden Grundannahmen klarer formulieren:
Es ist besser, bewusster zu sein, als weniger bewusst zu sein.
Dieser Satz mag als Binsenwahrheit erscheinen. Doch er erweist sich als äußerst fruchtbar und anspruchsvoll, sobald man versucht, ihn bis zur letzten Konsequenz zu verfolgen. Er scheidet nämlich die Agnostiker, die Pessimisten, die Genießer und die Kleinmütigen von den suchenden Menschen.
2. Der Glaube an das Leben
Wir kommen zu einer weiteren Grundannahme:
Das Universum in seiner Gesamtheit hat ein Ziel, und es kann sich weder im Weg täuschen, noch unterwegs stehen bleiben.
Was berechtigt uns zu dieser Behauptung? – Es ist die Erkenntnis, dass es einer universellen Kraft in einer Milliarden Jahre dauernden, unbeirrten Entwicklung gelungen ist, das Denken hervorzubringen.
Verbunden mit dem dritten Prinzip bedeutet das aber, dass die Welt als Ganzes zu einem immer höheren Bewusstseinszustand gelangen wird.
[Mit „höherem Bewusstsein“ meint Teilhard im Folgenden allgemein die stufenweise Entwicklung des Bewusstseins im Lauf der Evolution. Später ist dann die Rede von der totalen „Umkehr des Bewusstseins“, also von einem ganz neuen Bewusstsein, auf das die Menschheit zustrebt. PGB]
3. Der Glaube an das Absolute
Und welche wesentliche Eigenschaft soll diesem höheren Bewusstsein, dieser höheren Seinsweise zukommen, damit wir es anerkennen können? –
Wir wollen von ihm verlangen, dass es schließlich einen für immer gewonnenen Status erreicht, der eine absolute, ewige Vollkommenheit darstellt.
Diese Forderung mag maßlos erscheinen. Doch ohne diesen Anspruch, ohne diesen Anreiz eines endgültigen Ergebnisses, wäre wohl kein suchender Mensch bereit, sich für etwas Größeres einzusetzen. Wir dürfen und müssen der Kraft vertrauen, die das Leben in seiner Gesamtheit auf eine neue und ewige Erde zuführt.
4. Das vollkommene Ganze
Wie können wir uns diese neue Erde vorstellen, die all das zusammenfasst, was das Leben bisher geleistet hat? – Wenn das Leben in seiner Gesamtheit unfehlbar ist und wenn die Frucht des Wachstums der Welt mehr Bewusstsein ist, dann vermag das Absolute, zu dem hin wir uns bewegen, kein anderes Antlitz zu haben, als das eines Ganzen:
Das Absolute ist eine unermessliche, geläuterte, allbewusste, vollkommene Ganzheit.
So präzisiert sich, Schritt für Schritt, die universell zu erwartende Wirklichkeit. Aus diesem kosmischen Bewusstsein schöpfen wir die Kraft, in Freiheit und Liebe unseren Weg zu gehen. In dieser Kraft kann es kein Scheitern geben; ihre beseelende Anziehung setzt alles in uns in Bewegung, denn uns steht kein geringerer Lohn in Aussicht als die vollkommene Einheit des Universums.
B. Was heißt „Einheit der Schöpfung“?
Die beschriebenen Prinzipien lösen das Problem des Lebens noch nicht; sie liefern noch keine Interpretation der Welt. Doch sie umschreiben das Feld, innerhalb dessen die Lösung des Problems des Lebens zu suchen ist.
Die Lösung aber besteht darin, dass Geist und Materie nicht als Gegensätze aufgefasst werden, sondern als aufeinander bezogene und einander bedingende Pole der Einheit der Schöpfung.
Die Einheit der Schöpfung ist also das Zauberwort, das das Leben und das ganze Universum zu erklären vermag. Das Geistige ist demnach nicht im Bruch mit der physischen Welt zu suchen, sondern durch die Materie hindurch, ja gemeinsam mit ihr.
Die Erfahrung bei allen uns bekannten Lebewesen zeigt folgendes:
Je höher entwickelt das Seelische, desto komplexer der Organismus. Und:
Je geistiger die Seele, desto vielfältiger, aber auch desto ‚fragiler’ ist ihr Leib.
Dies ist kein paradoxes Gesetz, sondern verrät uns die verborgene ‚Einrichtung‘ (la secrète constitution) alles Seienden.
[Es ist bedenkenswert, dass eigentlich erst dieses Verborgene, das im Verlauf der Evolution immer stärker zum Vorschein kommt, den Begriffen ‚Evolution’ (Herausrollung) bzw. Entwicklung (Herauswicklung) entspricht. PGB]
In der kosmischen Entwicklung bildet das Eine sich durch aufeinanderfolgende Einswerdungen des Vielen (Konvergenzprinzip). Und das Eine ist umso vollkommener, als es unter sich ein umfassenderes Vieles zentralisiert.
Für die durch das Seelische in einem Leib gruppierten Elemente bedeutet dies:
Mehr sein heißt, besser mit einer größeren Zahl von Elementen vereint werden.
Für die Seele selbst, als Prinzip der Einheit, bedeutet es:
Mehr sein heißt, eine größere Zahl von Elementen besser vereinen.
Das Schöpfungsprinzip besteht also im Erschaffen durch Vereinigung.
Das heißt aber nicht, dass die Elemente im Einen verschmelzen. So könnte nicht etwas ganz Neues entstehen. Nein, die Neuschö