Cover

Stefan Hradil (Hg.)
Deutsche Verhältnisse
Eine Sozialkunde
Campus Verlag
Frankfurt/New York
Über das Buch
Diese Sozialkunde der Bundesrepublik stellt dar, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sich in Deutschland historisch gewandelt haben, wo wir heute stehen und wohin die Entwicklung geht. Ausgewiesene Experten schreiben unter anderem zu den Themen sozialer Wandel, Migration, Familie, Bildung, innere Sicherheit, Wirtschaftsordnung, Arbeitsmarkt und Arbeitswelt, Zivilgesellschaft, Regierungssystem und Medien. Darüber hinaus zeigen mögliche Zukunftsszenarien: Trotz sozialer Ungleichheit, Generationenkonflikt und Demokratieverlust besteht die Chance auf eine Gesellschaft, die von Wachstum und Nachhaltigkeit geprägt ist. Das Standardwerk bietet einen Überblick auf dem neusten Stand der Soziologie und Politikwissenschaft.
Mit Beiträgen von Hans-Jörg Albrecht, Maurizio Bach, Rolf Becker, Johannes Berger, Hartmut Häußermann, Martin Heidenreich, Stefan Hradil, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Hans-Peter Müller, Oskar Niedermayer, Uwe Schimank, Josef Schmid, Manfred G. Schmidt, Norbert F. Schneider, Wolfgang Seifert, Roland Sturm, Jürgen Wilke, Annette Zimmer, Sascha Zirra und Michael Zürn.
Über den Autor
Stefan Hradil war von 1991 bis 2011 Professor für Soziologie an der Universität Mainz.

Inhalt

Kapitel 1
Sozialkunde Deutschlands
Einleitung
Stefan Hradil
Kapitel 2
Sozialer Wandel
Wohin geht die Entwicklung?
Uwe Schimank
Kapitel 3
Bevölkerung
Die Angst vor der demografischen Zukunft
Stefan Hradil
Kapitel 4
Migration
Vom Gastarbeiter zum Menschen mit Migrationshintergrund
Wolfgang Seifert
Kapitel 5
Familie
Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform
Norbert F. Schneider
Kapitel 6
Bildung
Die wichtigste Investition in die Zukunft
Rolf Becker
Kapitel 7
Soziale Ungleichheit
Eine Gesellschaft rückt auseinander
Stefan Hradil
Kapitel 8
Werte, Milieus und Lebensstile
Zum Kulturwandel unserer Gesellschaft
Hans-Peter Müller
Kapitel 9
Innere Sicherheit und soziale Kontrolle
Wie viel Freiheit ist möglich?
Hans-Jörg Albrecht
Kapitel 10
Siedlungsstruktur
Die neue Attraktivität der Städte
Hartmut Häußermann
Kapitel 11
Wirtschaftsordnung und wirtschaftliche Entwicklung
Vergangenheit und Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft
Johannes Berger
Kapitel 12
Arbeitsmarkt
Für alle wichtig, für viele unsicherer
Wolfgang Ludwig-Mayerhofer
Kapitel 13
Arbeitswelt
Die Entgrenzung einer zentralen Sphäre
Martin Heidenreich/Sascha Zirra
Kapitel 14
Demokratie
Deutschlands schwieriger »Weg nach Westen«
Manfred G. Schmidt
Kapitel 15
Zivilgesellschaft
Ein Leitbild
Annette Zimmer
Kapitel 16
Regierungssystem
Herausforderungen für Regierung und Verfassung
Roland Sturm
Kapitel 17
Parteien und Wahlen
Die Entwicklung des politischen Wettbewerbs
Oskar Niedermayer
Kapitel 18
Medien
Die »vierte Gewalt«?
Jürgen Wilke
Kapitel 19
Sozialstaat
Eine Institution im Umbruch
Josef Schmid
Kapitel 20
Europäische Integration
Zwischen Markt und Solidarität
Maurizio Bach
Kapitel 21
Supranationalisierung
Die Zukunft der Staatlichkeit
Michael Zürn
Kapitel 22
Zukunftsszenarien für Deutschland
Stefan Hradil
Glossar
Literatur
Autoren
Sachregister
Kapitel 1
Sozialkunde Deutschlands
Einleitung
Stefan Hradil

1  
Was ist eine »Sozialkunde«?

Die vorliegende Schrift wurde verfasst für Leser, die sich einen Überblick über Gesellschaft, Wirtschaft und Politik der Bundesrepublik verschaffen und dabei auf den aktuellen Stand sozialwissenschaftlicher Forschung gebracht werden wollen.
Jedes Kapitel ist von einem besonders gut ausgewiesenen Wissenschaftler verfasst. Alle Autoren wurden gebeten, die zentralen historischen Entwicklungen und die wichtigsten gegenwärtigen Strukturen auf ihrem Feld zu umreißen. Über Fakten hinaus informieren die Beiträge auch über aktuelle Probleme und zeigen, mit welchen künftigen Entwicklungen zu rechnen ist.
Eine Sozialkunde ist gedacht für einen breiten Leserkreis. Deswegen vermeiden Autoren und Herausgeber Fachbegriffe oder erklären sie. Die Darstellungen sind an den realen Gegebenheiten, Problemen und Wahrnehmungen ausgerichtet. Sozialwissenschaftliche Theorien, Ansätze und Methoden werden nur dann aufgeführt, wenn es zum Verständnis von Befunden nötig ist. Im Unterschied zu wissenschaftlichen Lehr- und Handbüchern gehen die Autoren in der Regel nicht auf die einzelnen Studien und ihre Urheber ein. Was zählt, ist das Gesamtbild der Befunde und ihre Bedeutung für die Bürger.
Die Sozialkunde erscheint sowohl als gedruckte Ausgabe – zuerst Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2012 – als auch im Internet (bpb.de/sozialkunde). Der gedruckte Band enthält die wichtigsten Daten und Belege und präsentiert Grundinformationen und eine Übersicht in flüssig lesbarer Form. Die Materialien im Internet umfassen neben dem Buchtext der Bundeszentralen-Ausgabe empirische Nachweise, Gesetzestexte, Interviews, Übersichten und Daten etc. Die vorliegende Verlagsausgabe ist die durchgesehene und aktualisierte sowie um einige Schaubilder und Tabellen erweiterte Neuauflage der Bundeszentralen-Ausgabe.|9|

2  
Die Bedingungen der neuen Sozialkunde

Eine umfassende »Sozialkunde« der Bundesrepublik Deutschland wurde zum letzten Mal in den 1980er Jahren veröffentlicht (Claessens/Klönne/Tschoepe 1985). Dabei handelte es sich um die aktualisierte Ausgabe des Buches, das schon 1965 geschrieben wurde.
Hintergrund der damaligen Sozialkunde war eine schnell wohlhabend werdende Nachkriegsgesellschaft. Die Verfasser sahen Deutschland denn auch als eine primär nachfaschistische Gesellschaft. Vieles wurde von der Vergangenheit Deutschlands und von den Mühen her analysiert, sich davon zu lösen. Der neue Wohlstand wurde als umwälzende Kraft begriffen, die die Lösung von den alten Schatten indessen nicht immer erleichterte. Die »Industrialisierung im Obrigkeitsstaat« erschien so als Verheißung und Problem zugleich.
Seither hat sich viel verändert. Die meisten äußeren Gegebenheiten haben sich gewandelt. Aber auch deren Wahrnehmung, die zentralen Problemdefinitionen und die öffentlichen Diskussionsgegenstände sind andere geworden. Damit wird eine Sozialkunde auch ein anderes Publikum, andere Bedürfnisse und andere Rezeptionen in Rechnung stellen, sich insgesamt andere Ziele setzen müssen. Beispielsweise zeigt sich dies in folgenden Erscheinungen:
So lässt es die Globalisierung nicht mehr zu, eine Sozialkunde auf Deutschland zu beschränken. Auch dann nicht, wenn sie sich, ihrem Titel zufolge, auf Deutschland konzentriert. So beendete ein weitgehend deregulierter globaler Finanzmarktkapitalismus in Deutschland den nationalen »Rheinischen Kapitalismus«, manche sagen sogar: die Soziale Marktwirtschaft. Mag die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands davon profitiert haben, so sind doch die Konflikte härter geworden. Eine Sozialkunde wird daher auf eine Leserschaft treffen, deren Überzeugungen wesentlich weiter auseinandergehen als noch vor wenigen Jahrzehnten. An die Überzeugungskraft der dargestellten Befunde stellt das hohe Anforderungen.
Zudem engen vielfältige Transnationalisierungsprozesse die Wirksamkeit gewählter nationaler Regierungen immer mehr ein. Supranationale Entscheidungsträger sind jedoch in aller Regel kaum demokratisch legitimiert. Dies trägt zur Empfindung bei, dass die Einwirkungsmöglichkeiten der Menschen schrumpfen. Kein Wunder also, dass politische Instanzen vermehrt unter Rechtfertigungsdruck geraten und eine Sozialkunde mit einer oftmals skeptischen Leserschaft zu rechnen hat.
Neue Informationstechnologien verwandelten in den letzten Jahrzehnten das Alltagsleben, das Informationsverhalten, die Kommunikationsstile, einschließlich der Wege politischer Kommunikation und sozialer Kontrolle. Eine Sozialkunde muss diese Veränderungen als Gegenstand ihrer Darstellungen, aber auch als |10|Kommunikationsmittel und als Erwartungshaltung ihrer Leser berücksichtigen. In einer Zeit, in der eine Fülle von Einzelinformationen mühelos im Internet greifbar ist, wird von einer Sozialkunde nicht erwartet, die Informationsflut zu vermehren, sondern Wissen zu vermitteln. Das heißt: Informationen von großem Gewicht hervorzuheben, sie in Zusammenhang zu bringen und ihre Bedeutung für die Bürger herauszustellen.
Computer und Internet verbinden die Menschen, treiben sie aber auch auseinander. So entstanden wirtschaftliche Sektoren mit hoher Produktivität, hohen Qualifikationsanforderungen, hohen Einkommen und hohen Partizipationserwartungen. Andere Sektoren blieben von alldem jedoch weitgehend unberührt. Die Disparitäten wuchsen dementsprechend. Nach jahrzehntelanger Angleichung wurde die Sozialstruktur Deutschlands, aber auch die anderer Gesellschaften, wieder ungleicher. Auch dies veränderte nicht nur die Darstellungsobjekte, auch die Leserschaft einer neuen Sozialkunde rückte auseinander.
Eine Facette des Auseinanderrückens zeigt sich darin, dass den Gebildeten und Erfolgreichen die vorhandenen Partizipationschancen einer repräsentativen Demokratie immer weniger ausreichen. Die Gewinner erhöhen den Druck, direktere Einflusskanäle zu eröffnen. Dagegen sinkt die Bereitschaft der weniger Erfolgreichen, auch nur an Wahlen, der Basis einer jeden Demokratie, teilzunehmen.
Wird eine Sozialkunde trotz aller Bemühungen um Eingängigkeit und weite Verbreitung vorrangig von Gebildeten und Partizipationsbereiten zur Kenntnis genommen – und das liegt zumal dann nahe, wenn sich die Publikation auf sozialwissenschaftliche Resultate stützt –, so läuft heute eine Sozialkunde mehr denn je Gefahr, die sich aufbauende Kluft des Wissens und der Partizipation noch zu verstärken.
Dass in letzter Zeit immer mehr Menschen armutsgefährdet, aber auch immer mehr Menschen sehr wohlhabend sind, hat auch mit veränderten Lebensformen zu tun. Noch lebt eine knappe Bevölkerungsmehrheit durchaus »konventionell« als Verheiratete, mit oder ohne Kinder. Die Menschen, die als Singles, Alleinerziehende, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften oder in anderen »unkonventionellen« Beziehungsformen leben, machen aber schon weit mehr als kleine Minderheiten aus. Die einen leben ihre Lebensform fraglos und selbstverständlich, die anderen ringen mit ihrer sozialen Identität und um gesellschaftliche Anerkennung. Vor allem Letztere erwarten von einer Sozialkunde auch gesellschaftliches Orientierungswissen.
Die demografisch bedingte Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung entwickelter Gesellschaften, aber auch die wachsenden internationalen Ungleichheiten fördern Zuwanderungen. Viele Zielländer, auch und gerade Deutschland, versäumten es aber schon in der Vergangenheit, sich auf das Bleiben der Zuwanderer |11|rechtzeitig einzustellen. Kulturelle Heterogenität, Vorurteile und die oftmals geringe Qualifikation von Migranten kulminierten in wachsenden Integrationsproblemen. Von differenzierter Sachkenntnis wenig getrübte, emotional vereinfachende Reaktionen hierauf waren und sind eher die Regel als die Ausnahme. In dieser Situation ist eine Sozialkunde aufgefordert, Ideologie durch Empirie einzudämmen. Es geht um die Verbreitung von Wissen, auch von Wissen über Fehlentwicklungen, die nach allgemein gültigen Maßstäben (z. B.des Grundgesetzes) festzustellen sind. Es geht in einer Sozialkunde nicht um Dramatisierungen, Anklagen, persönliche Bewertungen und Parteinahmen.
Trotz wachsenden Reichtums hatte die Sozialpolitik in den letzten Jahren wachsende Aufgaben. Zugleich gerät der Sozialstaat aber unter Druck, unter anderem weil seine Finanzierungsbasis nicht entsprechend wächst und in Zukunft zu erodieren droht. Wenn Problemlasten die Lösungsmöglichkeiten überwiegen, liegt es nahe, von einer Sozialkunde nicht nur Aufklärungen über gegebene Sachverhalte zu erwarten, sondern auch Diskussionsangebote hinsichtlich alternativer Lösungen. Diese durchaus berechtigten Erwartungen kann die vorliegende Veröffentlichung jedoch nur in engen Ausschnitten erfüllen. Die öffentliche Diskussion durch Lösungsvorschläge und deren Analyse anzuregen erforderte eine zusätzliche, weit umfangreichere Sozialkunde, zudem eine, die nicht nur von Sozialwissenschaftlern geschrieben ist.
Überblickt man die erwähnten Veränderungen, so stellen sich die Zielsetzungen einer Sozialkunde heute sehr komplex dar. Im Folgenden sollen einige wesentliche herausgegriffen werden.

3  
Zu den Zielen der neuen Sozialkunde

Leitbild der politischen Bildung ist nicht nur der wissende, sondern auch der kritische, urteilsfähige Bürger (Hilligen 1957, zit. n. Patzelt 2007: 346).
Er soll nicht nur zum Sehen befähigt werden, sondern auch zum Beurteilen und – mehr noch – zum Handeln. Gemessen daran, halten sich die Ziele einer Sozialkunde notwendigerweise in Grenzen. Zum Sehen soll eine Sozialkunde auf jeden Fall befähigen. Was das Beurteilen betrifft, so kann und sollte sie immerhin Kriterien hierfür anbieten und Reflexionen in Gang setzen. Jedoch wird eine Sozialkunde kaum Handlungsanleitungen und -kompetenzen vermitteln können. Dies zu leisten bleibt Schulen, öffentlichen Diskussionen, Netzwerken und politischen Akteuren vorbehalten.
Aber schon die Wissensvermittlung und das dementsprechende Erkennen von Strukturen, Entwicklungen und Problemen gelingen in einer pluralisierten, un|12|gleicheren und nicht selten skeptischen Gesellschaft nicht leicht: Inwieweit lässt sich mittels einer Sozialkunde gegen politische Ideologien, verfestigte Alltagstheorien, tiefsitzende Überzeugungen und routinisierte Lebensstile etwas ausrichten? Wie kann das vermittelte Wissen also individuell in die Tiefe dringen? Inwieweit kann eine Sozialkunde angesichts immer ungleicherer sozialer Schichten mit ihren divergierenden Interessen und angesichts immer unterschiedlicherer sozialer Milieus mit ihren heterogenen Mentalitäten darauf hoffen, gesellschaftsweite Wirkung zu erzielen? Wie kann sozialkundliches Wissen also die nötige Breite erlangen?
Wie viele Wirkungen, auf die Sozialwissenschaftler hoffen, so stellen sich auch diese mentalen Effekte beim Leser nur selten direkt ein. Zwar sollte es gelingen, dass die in dieser Sozialkunde enthaltenen Informationen individuell und momentan zur Kenntnis genommen werden. Inwieweit sie dabei aber – seien sie auch eingängig formuliert und leicht zugänglich publiziert – komplexe Wissenssysteme verändern und wie nachhaltig dieser Wandel ist, steht auf einem anderen Blatt. Ganz zu schweigen davon, ob sich Einstellungen, Werthaltungen und diesbezügliche Urteile verändern und sich sogar eingeschliffene politische und alltägliche Verhaltensstile wandeln.
Die sozialwissenschaftliche Praxisforschung (Beck/Bonß 1989) machte deutlich, dass dies erst dann der Fall ist, wenn Diskussionen angeregt werden und sich dadurch gesellschaftliche Diskussionshorizonte insgesamt verschieben, wenn ferner praxisnahe Einübungen (beispielsweise in der Schule) stattfinden, wenn also indirekte Wirkungen erzeugt werden.
Die vorliegende Sozialkunde kann und soll den Sozialkundeunterricht in der Schule nicht ersetzen, und schon gar nicht die rege Diskussion einer politischen Öffentlichkeit. Aber sie sollte beides beeinflussen und mit dieser Hilfe praktische Wirkungen erzeugen.
Jede Sozialkunde muss über bloße Sachinformationen hinaus Interpretationen anbieten. Fakten und Daten allein (zum Beispiel zum Ausmaß der relativen Armut in Deutschland) werden den Lesern nur bedingt die damit einhergehenden Probleme verdeutlichen. Auch diese Interpretationen (zum Beispiel zu den Folgen der Armut) werden in einer wissenschaftlich fundierten Sozialkunde so weit wie möglich durch objektive Daten verdeutlicht werden. Dennoch kann eine Sozialkunde nicht den Anspruch erheben, »richtige« und »vollständige« Probleminterpretationen zu vermitteln. Wie »schlimm« ein gesellschaftliches Problem (zum Beispiel relative Armut) ist, wird nur der beurteilen können, der sich an praktischen Aktivitäten der Zivilgesellschaft (möglicherweise an einer Tafel oder einer Hausaufgabenhilfe) praktisch beteiligt.
In einer Sozialkunde sollen keine persönlichen Werturteile gefällt und erst recht keine politischen Handlungsempfehlungen gegeben werden. Es ist Aufgabe |13|der politischen Willensbildung herauszufinden, welche Gesellschaft wir haben wollen und was wir tun sollen, um die jeweils gewollte Gesellschaft zu erreichen. Aber eine Sozialkunde kann sehr wohl über unterschiedliche Vorstellungen von einer »besseren« Gesellschaft informieren (zum Beispiel in Gestalt von Gerechtigkeitskonzeptionen), eine Sozialkunde kann auch über Urteile informieren, die sich aus bestimmten Wertvorstellungen ergeben (sie kann beurteilen, ob zum Beispiel aus der Sicht der Chancengerechtigkeit die schulische Auswahl in Deutschland gerecht ist), und eine Sozialkunde kann über die Konsequenzen informieren, die zu erwarten sind, wenn bestimmte Maßnahmen (zum Beispiel eine bestimmte Armutsbekämpfung) getroffen werden.
Die Verfügbarkeit differenzierter Informationen erzeugt leider keineswegs automatisch differenzierteres Wissen und sachgerechtes Handeln. Vielmehr droht ausführliche Information im Gegenteil nicht selten zur Ideologisierung beizutragen. Je komplexer nämlich die angebotenen Informationen sind, und wissenschaftliche Spezialisierung trägt hierzu ebenso bei wie die Informationsverbreitung durch das Internet, desto eher neigen Menschen dazu, radikale Vereinfachungen vorzunehmen, um Übersicht und Handlungsfähigkeit zu erhalten. Einer Sozialkunde fällt in dieser Situation die Aufgabe zu, einerseits Komplexität im Dienste ihrer Handhabbarkeit zu reduzieren, andererseits die Bürger vor »schrecklichen Vereinfachungen« zu schützen. Ein wesentliches Ziel einer Sozialkunde ist erreicht, wenn es auf diese Weise gelingt, sozialwissenschaftlich fundiertes Wissen bereitzustellen, das tatsächlich in politische Argumentation Eingang findet, und somit eine Versachlichung gesellschaftlicher Interessens- und Bewertungskämpfe zu erreichen. Dies ist vor allem wichtig in einer ungleicher und heterogener werdenden Gesellschaft, in der die Verteilungskämpfe härter werden und die politischen Lager sich verfestigen.
Was man sich als Herausgeber einer Sozialkunde erhoffen darf, ist nicht die deduktive, flächendeckende Anwendung »wahrer« Erkenntnisse durch die Bürger, sondern sind Prozesse des induktiven, situativen Umgehens mit Kenntnissen und Deutungsangeboten, produziert von Wissenschaftlern, die dem unmittelbaren politischen oder alltäglichen Rechtfertigungs- und Handlungsdruck weitgehend enthoben sind. Politiker, aber vielfach auch »einfache Bürger« stehen häufig unter unmittelbarem Legitimationsdruck. Politische Korrektheit und Pragmatismus engen so häufig die Bandbreite ihrer Fragen und Antworten ein. Wissenschaftler haben mehr Freiheit, heterogene Fragen zu stellen und kontroverse Antworten zu vermitteln. Dies kommt, so ist zu hoffen, einer Sozialkunde zugute (Beck/Bonß 1989: 27).|14|

4  
Wie wird versucht, die Ziele der neuen Sozialkunde zu erreichen?

Wie eingangs erwähnt, stellt die Bundeszentrale für Politische Bildung zum gedruckten Buchtext der vorliegenden Sozialkunde zusätzliche Materialien auf ihrer Website bereit. Diese werden regelmäßig aktualisiert (bpb.de/sozialkunde).
Jedes Kapitel der Sozialkunde wurde von einem besonders ausgewiesenen und erfahrenen Spezialisten geschrieben. Das Gesamtwerk folgt einem systematischen Aufbau. Dies kommt schon äußerlich in der Kapitelstruktur zum Ausdruck. Zwar bringen die Kapitel der einzelnen Autoren insgesamt keine durchgehende Argumentation hervor, wohl aber ergänzen die einzelnen Darstellungen einander und vermitteln insgesamt einen Überblick.
Dank vieler Abstimmungen sind die einzelnen Kapitel in Diktion, Aufbau und Anlage vergleichbar. Sie sind jedoch nicht einheitlich geraten. Dies ist bis zu einem gewissen Grade auch gewollt: Die je besonderen Stärken und Eigenarten der Autoren sollten durchaus erhalten bleiben. Das gilt in Ansätzen auch für die politischen und weltanschaulichen Grundüberzeugungen der einzelnen Verfasser. Die vorliegende Sozialkunde enthält zwar keine Meinungsartikel, sondern sozialwissenschaftlich fundierte, in ihren Aussagen durchgehend empirisch belegte Darstellungen. Die objektive Darstellung der Gegebenheiten und Probleme steht im Vordergrund. Probleme definieren die Autoren nicht aufgrund ihrer persönlichen Bewertung, sondern weil faktische Gegebenheiten von allgemein akzeptierten Sollvorstellungen abweichen. Gleichwohl wird dem aufmerksamen Leser nicht verborgen bleiben, dass die politischen Grundeinstellungen der Autoren teilweise auseinandergehen. Dies zeigt sich bei der Auswahl der Inhalte im Einzelnen, den Interpretationen von Befunden und insbesondere in den Ausblicken, die naturgemäß nur bedingt empirisch zu belegen sind. Auf diese Weise kommt in der vorliegenden Sozialkunde zugleich ein Spektrum von legitimen Bewertungsmaßstäben gesellschaftlicher Entwicklungen zum Ausdruck.
Man kann sicher darüber streiten, welche Themenbereiche in einer Sozialkunde zur Darstellung kommen sollen. Hier gilt es auf der einen Seite, die unerlässlichen, konventionellen Basisinformationen zu vermitteln, die aus gutem Grund in allen schulischen Lehrplänen und in allen universitären grundständigen Studiengängen der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Fächer enthalten sind, also etwa: Grundinformationen zum politischen System, zur Sozialstruktur sowie zur Wirtschaftsordnung Deutschlands. Auf der anderen Seite erfordern es neuere Entwicklungen und Verschiebungen der öffentlichen Diskussion, auch bislang in Sozialkunden wenig berücksichtigte Themen darzustellen: So sind der Medienentwicklung, der Supranationalisierung, der Zivilgesellschaft und der sozialen Kontrolle (einschließlich des Datenschutzes) jeweils eigene Kapitel gewidmet. |15|
Der Herausgeber hätte gerne weitere Beiträge in diese Sozialkunde aufgenommen, so etwa zu Fragen der Ökologie, der Jugend und zum Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt. Der Umfang dieser Sozialkunde wäre dann aber kaum noch handhabbar geworden, oder aber die einzelnen Beiträge wären zu reinen Skizzen verkürzt worden.
Ausführungen zum Verhältnis von Frauen und Männern werden die Leser jedoch nicht vermissen. Die Lage und die sozialen Beziehungen der Geschlechter sind heute in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik so bedeutend geworden, dass dieser Aspekt quer zur Gliederung in vielen Kapiteln dargestellt wird, unter anderem in den Kapiteln Bildung, Soziale Ungleichheit, Arbeitsmarkt, private Lebensformen.|16|
Kapitel 2
Sozialer Wandel
Wohin geht die Entwicklung?
Uwe Schimank

1  
Die Vielfalt sozialen Wandels

Sozialer Wandel*, d. h. nachhaltige Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen, kann schneller oder langsamer vor sich gehen und bleibt den Gesellschaftsmitgliedern mitunter über längere Zeit mehr oder weniger verborgen. Viele dieser Veränderungen berühren lediglich begrenzte Teilbereiche der Gesellschaft, etwa das Familienleben oder die Kunst; andere betreffen tendenziell die gesamte Gesellschaft, wie z. B. die Transformation der staatssozialistischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas nach 1990. In diesem Kapitel geht es um gesellschaftsweite Entwicklungen.
Kleine Chronologie der Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg
Wer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Westdeutschland aufwuchs, erlebte eine Phase vielfältigen sozialen Wandels:
Die »Naturwüchsigkeit« sozialen Wandels
Diese sehr unvollständige Auflistung von Problemen und Chancen macht deutlich, in welchem Maße zahlreiche sich gleichzeitig vollziehende und in oftmals komplexen Wechselwirkungen miteinander verknüpfte Veränderungsdynamiken den sozialen Wandel kennzeichnen. Manche Zeitdiagnostiker gehen davon aus, dass eine immer größere Beschleunigung des Wandels aller Lebensverhältnisse zum Signum der Gegenwartsgesellschaft geworden sei, womit wir alle irgendwie zurechtkommen müssen. Dem widerspricht auf den ersten Blick eine ebenfalls immer wieder geäußerte Sichtweise, die auf Stillstand, Reformstaus, Blockaden hinweist: Vieles müsse sich grundlegend ändern, aber nichts passiere – so z. B. die verbreitete Stimmung in der Endphase der DDR. Der scheinbare Gegensatz löst sich auf, wenn man sich klar macht, dass sozialer Wandel einerseits »naturwüchsig« geschieht, zwar als Ergebnis des handelnden Zusammenwirkens vieler Menschen, aber von keinem geplant – dass wir andererseits aber in der Moderne* der Idee anhängen, diesen Wandel mit Blick auf bestimmte Zielvorstellungen, die wir unter der Generalformel »Fortschritt« bündeln, gestalten zu können. Dass »nichts« passiert, kann dann eben bei genauerem Hinsehen auch heißen: Es passiert nicht das »Richtige«, das als notwendig Erachtete. Was uns also offensichtlich zunehmend Probleme bereitet, ist ein sozialer Wandel, der aus dem Ruder läuft – wobei wir nicht wissen, ob der Wandel tatsächlich immer ungesteuerter passiert oder ob wir immer unrealistischere Steuerungsambitionen hegen.

2  
Die Unaufhörlichkeit sozialen Wandels in der Moderne

Optimistische und pessimistische Sichtweisen
Ist das, was wir an sozialem Wandel erleben, eher gut oder eher schlecht? Und haben wir den sozialen Wandel noch im Griff, oder ist er uns entglitten? Diese beiden Fragen – Fortschrittsoptimismus oder -pessimismus und Gestaltungsoptimismus oder -pessimismus – bestimmen unser Bild des sozialen Wandels. Wenn Fortschritts- und Gestaltungsoptimismus zusammenkommen, fühlen wir uns gut. Das ist immer wieder über längere Zeiträume, wie auch in den 1950er- und 1960er-Jahren in Westdeutschland, die Grundstimmung der Moderne gewesen. |18|Gut können wir uns auch fühlen, wenn wir zwar gestaltungspessimistisch, aber fortschrittsoptimistisch sind. Denn dann gehen wir davon aus, dass eine wohltätige »unsichtbare Hand«, etwa die des Marktes, richten wird, was wir geplant nie schaffen würden. Schlecht fühlen wir uns hingegen, wenn wir aufgrund von Gestaltungspessimismus Fortschrittspessimisten sind: Weil wir die überkomplexen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht oder nicht mehr in den Griff bekommen, brechen sie – so kommt es vielen vor – unkontrolliert wie ein Wirbelsturm über uns herein.
Sozialer Wandel – eine Grundkonstante der Moderne
Wenn Letzteres nicht bloß zeitweise, sondern dauerhaft zur gesellschaftlichen Grundstimmung würde, liefe das auf einen radikalen Selbstzweifel der Moderne hinaus. Denn – paradox formuliert: Sozialer Wandel ist eine Grundkonstante der Moderne. Natürlich gab es sozialen Wandel auch in früheren Gesellschaften. Doch diese verstanden sich viel stärker als prinzipiell stabile Ordnungen, in denen Wandel entweder als – zumeist von außen, etwa durch Kriege oder Naturkatastrophen auferlegte – De-Stabilisierung und Verfall oder als Re-Stabilisierung, also als Gegenreaktion vorkommt. Zum Selbstverständnis der Moderne gehört hingegen, dass es keine dauerhafte Ordnung gibt, vielmehr sämtliche gesellschaftlichen Strukturen immer nur als Provisorien gelten. Entweder erweisen sie sich früher oder später als schlecht eingerichtet; dann bemüht man sich darum, sie zu verbessern. Oder sie funktionieren gut; dann setzt genau deshalb eine Anspruchssteigerung derart ein, dass man sie sich noch besser vorstellen könnte und dahingehend umgestaltet. Das kann wiederum glücken, was die nächste Anspruchssteigerung nach sich zieht; und wenn es nicht glückt, zieht man aus der Enttäuschung den Schluss, wieder neue Umgestaltungen zu versuchen.
Dieses Bild wird noch viel komplexer, wenn man berücksichtigt, dass die Vorstellungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen darüber, wann bestimmte gesellschaftliche Strukturen gut bzw. schlecht sind, stark divergieren können. Unternehmern beispielsweise kann ein Sozialstaat schon viel zu weit gehen, den ärmere Bevölkerungsgruppen als völlig unzulänglich ansehen. Unter solchen Bedingungen kann das erfolgreiche Bemühen einer Gruppe, gesellschaftliche Strukturen zu ihren Gunsten zu verändern, im nächsten Schritt andere Gruppen, die bis dahin halbwegs zufrieden waren, auf den Plan rufen und zu weiteren Veränderungen, die in der Regel nicht einfach zum Status quo ante zurückführen, veranlassen – usw.|19|
Die Unaufhörlichkeit sozialen Wandels
Allein schon die nimmermüden Gestaltungsbemühungen der gesellschaftlichen Akteure führen also unablässig sozialen Wandel herbei. Hinzu kommen »naturwüchsige« Wandlungsdynamiken – so etwa die auf ein Ursachenbündel aus medizinischem Fortschritt, veränderten Bedingungen für Elternschaft und weitere Faktoren zurückzuführende drastische Verschiebung des Altersaufbaus der Bevölkerung Deutschlands (vgl. dazu Kapitel 3: Bevölkerung). Solche nicht auf Gestaltungshandeln zurückgehenden Wandlungen sind dann ihrerseits Auslöser für Gestaltungshandeln, sobald sie in den Augen gesellschaftlicher Gruppen Probleme aufwerfen, und halten damit die Unaufhörlichkeit sozialen Wandels ebenfalls in Gang. Dieses abstrakte Modell soll die Unaufhörlichkeit des sozialen Wandels in der Moderne verständlich machen.
Die drei Hauptlinien des sozialen Wandels
Im Folgenden veranschaulichen wir dieses Bild, indem wir drei gegenwärtige Hauptlinien des Wandels nachzeichnen:
Wie sich zeigen wird, gibt es zahlreiche Wechselwirkungen zwischen diesen drei Dynamiken. Gleichsam als Generalformel des Geschehens wird abschließend die These von der »reflexiven Moderne« (Beck 1986) vorgestellt.
Das Augenmerk gilt Deutschland, für den Zeitraum vor 1989 vorzugsweise Westdeutschland. Freilich müssen die sich hier abspielenden Wandlungsdynamiken im Kontext weltweiter Veränderungen gesehen werden.

3  
Vom »fordistischen« zum »postfordistischen« Kapitalismus

Die drei Stadien der Wirtschaftsentwicklung
Für die längerfristige Betrachtung der Wirtschaftsentwicklung seit dem 19. Jahrhundert wird oftmals eine Drei-Stadien-Einteilung genutzt. Vor dem 19. Jahrhundert und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein handelte es sich überall auf der Welt |20|um eine Wirtschaft, in der der Agrarsektor dominierte; im 19. Jahrhundert setzte sich in größeren Teilen Europas und zunächst kleineren Regionen Nordamerikas eine Wirtschaftsstruktur durch, in der der Industriesektor zunehmend den Ton angab; und seit einigen Jahrzehnten befinden wir uns – wiederum vorzugsweise in den hochentwickelten westlichen Gesellschaften sowie einigen Ländern Südostasiens – auf dem Weg in eine Wirtschaft, in der der Dienstleistungssektor den größten Raum einnimmt. In dieser postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft* sind also zumindest in den entwickelten Ländern die meisten Arbeitskräfte nicht mehr in der Industrie und schon gar nicht in der Landwirtschaft beschäftigt, sondern in Dienstleistungsberufen. Diese Berufe tragen auch am meisten zur wirtschaftlichen Wertschöpfung bei (vgl. Kapitel 12: Arbeitsmarkt).
Technischer Fortschritt – ein Hauptmotor sozialen Wandels
Mehrere Faktoren haben diesen tiefgreifenden Wandel ausgelöst. Unmittelbar einsichtig ist, dass der technische Fortschritt ein Hauptmotor gewesen ist – dies übrigens im westlichen Kapitalismus und in den staatssozialistischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas einschließlich der ehemaligen DDR gleichermaßen. Immer mehr Güter zunächst des Agrar-, dann auch des Industriesektors können mit einem immer geringeren Arbeitskräfteeinsatz hergestellt werden; und auch wenn die durchschnittlich von einem Menschen benötigte Menge an Gütern deutlich gewachsen ist, wir z. B. heutzutage viel mehr Kleidung besitzen und viel öfter neue kaufen als die Menschen vor hundert oder vor fünfzig Jahren, hat der ungeheure technische Fortschritt in der industriellen Produktion zunehmend Arbeitskräfte freigesetzt, die dann für andere Tätigkeiten wie Dienstleistungen verfügbar wurden. Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft ist also durch den technischen Fortschritt ermöglicht worden.
Die steigende Nachfrage nach Dienstleistungen
Andere Faktoren haben dafür gesorgt, dass auch immer mehr Dienstleistungen nachgefragt worden sind. Hierfür nur zwei Beispiele: Dass Frauen zunehmend berufstätig geworden sind, hatte zur Folge, dass bestimmte Tätigkeiten der Haushalts- und Familienarbeit wie das Putzen der Wohnung oder die Beaufsichtigung der Kinder von anderen erledigt werden müssen – also etwa Putzfrauen oder Kindergärtnerinnen; und dass Jugendliche heute länger zur Schule gehen, mehr junge Erwachsene ein Studium absolvieren und anschließend im Laufe ihres Berufslebens noch öfter Fort- und Weiterbildungen in Anspruch nehmen, bedeutet, dass das Lehrpersonal des Bildungswesens sehr stark aufgestockt werden musste. Beide Veränderungen sind Teil eines allgemeinen Individualisierungsprozesses*, zeigen |21|
also beispielhaft die Verflochtenheit der hier in den Blick genommenen gesamtgesellschaftlichen Wandlungen.
Die Entwicklung zur Informations- und Wissensgesellschaft
Schon die genannten Beispiele führen vor, dass Dienstleistungen von sehr einfachen Tätigkeiten für Ungelernte, z. B. Putzfrauen, bis zu hochqualifizierten Tätigkeiten etwa von Professoren reichen. Insbesondere die seit den 1980er-Jahren zu beobachtende Entwicklung zu einer Informations- und Wissensgesellschaft* hat zahlreiche neue Dienstleistungsbranchen und -berufe geschaffen, wobei die dort benötigten beruflichen Qualifikationen überwiegend auf mindestens mittlerem, in erheblichem Maße auch auf höherem Niveau liegen. Am augenfälligsten ist die Expansion rund um die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und, teilweise damit verbunden, im Mediensektor gewesen. Die weltweite Verbreitung des Internets mit immer neuen Diensten ist nach wie vor auch eine gigantische Arbeitsplatzbeschaffung; die nicht zu übersehenden Probleme mit Arbeitslosigkeit, die Deutschland wie viele andere westliche Gesellschaften seit den 1970er-Jahren plagen, wären ohne diese schnell gewachsene Branche des Dienstleistungssektors noch weit größer.
3.1  
»Fordismus«
Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft muss noch tiefgreifender als Transformation eines Grundmusters verstanden werden, dem nicht nur die Wirtschaft, sondern auch deren weitere gesellschaftliche Einbettung unterzogen wurden. Das alte Muster, dessen erste Anfänge in den 1920er-Jahren erkennbar wurden und das seinen eigentlichen Siegeszug nach dem Zweiten Weltkrieg feierte, war der »Fordismus«* – benannt nach dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford. Der Fordismus lässt sich durch vier Merkmale kennzeichnen.
Standardisierte Massenproduktion
Erstens stellt er den Höhepunkt der Industriegesellschaft dar. Standardisierte Massenproduktion von Gütern am Fließband beherrscht das Bild – siehe schon Charlie Chaplins Film »Moderne Zeiten« aus dem Jahr 1936. Das ist als selbstironische Devise pointiert in dem Ford zugeschriebenen Diktum formuliert, dass ein Ford-Automobil in allen Farben erhältlich sei – solange es sich um die Farbe Schwarz handle! Diese Form der hochgradig rationalisierten und technisierten |22|Güterproduktion erfordert ein mittleres Qualifikationsniveau der meisten Beschäftigten ohne größeren Weiterbildungsbedarf. Wichtiger als größtenteils »on the job« erlernbare spezielle Qualifikationen ist Arbeitsdisziplin: Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Sich-Fügen in eine monotone Tätigkeit, die sich häufig auf ganz wenige immer gleiche Handgriffe beschränkt.
Steigerung der Massenkaufkraft
Die durch standardisierte Massenproduktion erzielbaren Kostenvorteile sorgten dafür, dass viele Güter sehr viel erschwinglicher wurden als zuvor. Das stellt das zweite Merkmal des Fordismus dar. Wiederum mit einer Devise Fords ausgedrückt: Jeder Arbeiter in einer seiner Fabriken solle sich auch selbst einen Ford leisten können. Im Vergleich zur Ausbeutungshaltung, wie sie Karl Marx und andere Kapitalismuskritiker nicht zu Unrecht den Unternehmern des 19. Jahrhunderts zugeschrieben hatten, war das eine durchaus revolutionär zu nennende Einstellungsänderung. Sie basierte auf der Erkenntnis, dass die Unternehmen mit zunehmender Ausdehnung industrieller Produktion auf die Kaufkraft der Massen angewiesen waren. Wer sollte denn sonst all die Autos, Möbel, Konserven oder Damenoberbekleidung kaufen? Die Reichen oder das Militär – wichtige Abnehmer im 19. Jahrhundert – reichten als Nachfrager bei weitem nicht mehr aus. Eine Voraussetzung solcher Massenkaufkraft waren entsprechende Lohnsteigerungen, ohne dass die Unternehmer dafür auf stabile und sogar noch steigende Gewinne verzichteten; und diese Konstellation beiderseitiger Vorteile setzte starke, aber gesamtwirtschaftlich verantwortliche, »Maß haltende« Gewerkschaften als Gegenüber der Arbeitgeber voraus.
Aufbau des Sozialstaats
Der Sozialstaat, dessen Aufbau Ende des 19. Jahrhunderts begann, und eine keynesianische Konjunktur- und Vollbeschäftigungspolitik, wie sie in den 1960er-Jahren etabliert wurde, flankierten als drittes Merkmal des Fordismus diesen Klassenkompromiss von Kapital und Arbeit, wie ihn Marx vor dem Erfahrungshintergrund des 19. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten hatte (vgl. Kapitel 19: Sozialstaat). Wirtschaftliche Schicksalsschläge, die den Einzelnen in Form von Arbeitslosigkeit, krankheits- oder altersbedingter Arbeitsunfähigkeit trafen, wurden durch entsprechende Versicherungssysteme abgefedert; und gesamtwirtschaftlichen Krisen wollte man nach der Erfahrung der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise durch eine ausgleichende Wirtschaftspolitik begegnen, der gemäß der Staat in Krisenzeiten Schulden macht, um Beschäftigung zu sichern und die Konjunktur wieder anzukurbeln, um dann mit den nach der wirtschaft|23|lichen Erholung wieder sprudelnden Steuereinnahmen diese Schulden abzahlen zu können.
Steigende Ansprüche an die individuelle Lebensführung
Die typische Lebensführung der Gesellschaftsmitglieder, die mit dem Fordismus verbunden war, lässt sich viertens mit folgenden Stichworten umreißen: Kleinfamilie mit männlichem Alleinverdiener; Betriebstreue und bescheidene Aufstiegsaspirationen; standardisierter Konsum. Man wollte sich etwas erarbeiten, so dass es einem im Lauf des Lebens immer besser geht. Insbesondere das eigene Haus in den sich ausdehnenden Vorstädten stellte für Facharbeiter und Angestellte das zentrale Objekt des Begehrens dar. Der Jahresurlaub im Süden kam schon in den 1950er-Jahren als neuer Luxus auf.
In den 1960er-Jahren trat dann auch der Wunsch hinzu, dass es die eigenen Kinder durch Bildungsanstrengungen und sich daraus ergebenden beruflichen Erfolg einmal besser haben sollten als man selbst. Diese Ambition, die einen massiven gesellschaftlichen Individualisierungsschub einleitete, sprengte im Grunde bereits das Stabilitätsmuster, das den Fordismus ausgezeichnet hatte. Aber sie war nicht der entscheidende Grund dafür, dass sich der Fordismus Mitte der 1970er-Jahre aufzulösen begann. Das hing vielmehr mit einem nicht ganz zufälligen Zusammentreffen mehrerer Ursachen zusammen.
3.2  
»Postfordimus«
Ursachen des Niedergangs des Fordismus
Hier sind zunächst die sogenannten »Ölkrisen« der Jahre 1973 und 1978 zu nennen. Ein zentraler Rohstoff der industriellen Produktion in vielen Branchen und der räumlichen Mobilität der »automobilen Gesellschaft« wurde verknappt und massiv verteuert, eine bis dahin ungekannte Kombination stagnierenden Wirtschaftswachstums mit hoher Inflation und steigenden Arbeitslosenzahlen trat ein. Nun erfuhren die westlichen Gesellschaften ihre vitale Abhängigkeit von ehemaligen Kolonien. Weiterhin brach ebenfalls 1973 mit dem aus dem Jahr 1944 stammenden Abkommen von Bretton Woods* eine stabilitätssichernde Architektur des internationalen Finanzmarkts zusammen. Die Freigabe der Wechselkurse hat seitdem für eine Globalisierung und Verselbständigung des Finanzmarktgeschehens gesorgt – auch die weltweiten Turbulenzen des Herbsts 2008 sind als Folge dessen und weiterer Liberalisierungen des Finanzmarkts einzustufen. Ferner war eine starke Steigerung der Staatsausgaben aufgrund der »Anspruchsinflation« an wohlfahrtsstaatliche Leistungen insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswe|24|sen zu verzeichnen. Diese öffentliche Finanzkrise wurde Mitte der 1970er-Jahre durch hohe Lohnforderungen der öffentlich Bediensteten zusätzlich angeheizt. Aufkommende »neue soziale Bewegungen« insbesondere zu Fragen der Ökologie – die erste Studie des »Club of Rome« zu den »Grenzen des Wachstums« erschien 1972 – waren weitere Kräfte, die konservative Beobachter das Menetekel einer »Unregierbarkeit« westlicher Demokratien an die Wand malen ließen. Schließlich nahm die wirtschaftliche Globalisierung Fahrt auf: Immer mehr Unternehmen wurden »vaterlandslose Gesellen«, nahmen also eine Produktionsverlagerung ins Ausland vor, wo die Ware Arbeitskraft billiger war, oder drohten dies an, um hierzulande Lohnzurückhaltung oder staatliche Subventionen zu erpressen. Dieser Drohung hatten Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften nichts entgegenzusetzen. Die »win-win«-Koalition mit den Arbeitgebern zerbrach, Arbeitslosigkeit und insbesondere Dauerarbeitslosigkeit stiegen auf ein vorher ungeahntes Niveau. »Der kurze Traum immerwährender Prosperität« (Burkhard Lutz), der in den 1950er-Jahren begonnen hatte, zerbrach.
So hat sich der tiefgreifende Wandel zum Postfordismus vollzogen, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Die Veränderungen lassen sich in allen vier Merkmalsdimensionen feststellen, die für den Fordismus benannt worden sind.
Veränderungen im Produktionsbereich
Erstens gilt, dass die standardisierte Fließband-Massenproduktion, die es natürlich nach wie vor gibt, zunehmend in die Dritte Welt, in »Schwellenländer« und – nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus – nach Osteuropa ausgelagert worden ist. Hierzulande sind diejenigen Produktionsbereiche verblieben, die in »flexibler Spezialisierung« heterogene und schneller wechselnde Kundenpräferenzen bedienen – sei es in der Werkzeugmaschinenbranche, sei es in denjenigen Branchen, die den schnell wechselnden modischen »Lifestyle« gesellschaftlicher Milieus bedienen. Technische Voraussetzungen dieser neuen internationalen Arbeitsteilung sind die Computerisierung und die Ausbreitung des Internets gewesen – womit zugleich, zusammen mit den Medien, diejenigen Branchen benannt sind, in denen, wie bereits erwähnt, bei uns neue Arbeitsplätze entstanden sind.
Die permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen
Makroökonomischer Wachstumsmotor ist damit fortan – in der zweiten Merkmalsdimension – die permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen. Die Musikindustrie ist ein augenfälliges Beispiel: Nachdem die Schallplatte über ein halbes Jahrhundert lang das technische Medium der Musikspeicherung und -übertragung gewesen war und in diesem Zeitraum immer wieder inkrementell |25|verbessert worden ist, haben sich seit Ende der 1990er-Jahre die Ereignisse von der CD über MP3 und iPod überschlagen. Diese Beschleunigung nicht nur des technischen Fortschritts macht auf Seiten der Arbeitskräfte ein »lebenslanges Lernen« erforderlich. Keiner kann sich mehr auf einmal erworbenen Qualifikationen ausruhen.
Auf dieser Basis herrscht im sich ausbreitenden »Finanzmarkt-Kapitalismus«* (Windolf 2005) eine gesteigerte Qualitäts- und Flexibilitätskonkurrenz von Berufsgruppen und Unternehmen. Immer mehr Unternehmen geraten unter den Druck von »shareholder value«-Forderungen und müssen kurzfristige Gewinne maximieren, auch wenn sich das negativ auf ihr längerfristiges Überleben auswirkt. Für die Beschäftigten läuft das auf eine Polarisierung in eine kleiner werdende Kern- und eine wachsende Randbelegschaft hinaus. Die Gewerkschaften als kollektiver Interessenvertreter erleben einen Niedergang, der sich unübersehbar in den deutlich sinkenden Mitgliederzahlen zeigt.
Der Abbau sozialstaalicher Leistungen
Drittens führt diese globalisierte Standortkonkurrenz vielerorts zu einem sozialpolitischen »race to the bottom«. Jeder Staat baut arbeitsrechtliche und sozialpolitische Sicherungen ab, um attraktiv für die Unternehmen zu sein, die nur noch auf möglichst kostengünstige Standorte schauen. Das im Fordismus erreichte Niveau wohlfahrtsstaatlicher Sicherung wird von Garantien auf Förderung und Anreize zurückgeschraubt: Wer sich anzustrengen bereit ist und vielversprechend erscheint, wird unterstützt – alle anderen haben zu leiden. Ein zu der Zeit aufgekommener vielsagender politischer Slogan lautete: »Leistung soll sich wieder lohnen.« Das unterstellt zum einen, dass man vorher ohne eigene berufliche Leistung zum »Sozialschmarotzer« werden konnte und immer mehr Gesellschaftsmitglieder diesen scheinbar so bequemen Weg gegangen seien. Zum anderen wird darüber hinweggegangen, dass manche Gesellschaftsmitglieder, ohne etwas dafür zu können, nicht hinreichend leistungsfähig sind – etwa chronisch Kranke. Auch wenn der »fordistische« Sozialstaat hier und da ausgenutzt worden sein mag, kommt in seinem »postfordistischen« Umbau ein unbarmherziges egoistisches Menschenbild derer zum Ausdruck, denen es – durch eigene Leistung oder durch das Glück sozialer Herkunft oder körperlicher Gesundheit – gut geht.
Viertens ist die typische Lebensführung der Menschen zu betrachten. Hier lautet das entscheidende, im nächsten Abschnitt ausführlicher zu behandelnde Stichwort: Individualisierung.|26|

4  
Individualisierung der Lebensführung

Die veränderten Lebenschancen der Individuen
Um die Individualisierung* der Gesellschaftsmitglieder zu verstehen, die sich mit dem Übergang zum Postfordismus, aber auch schon zuvor und unabhängig davon seit den 1960er-Jahren vollzogen hat, ist ein Rückgriff auf Ralf Dahrendorfs (1979) Konzept der Lebenschancen* hilfreich. Die Lebenschancen eines Individuums bestehen, ganz abstrakt betrachtet, aus Optionen auf der einen und Ligaturen auf der anderen Seite:
Genauso wie totale Fremdbestimmtheit und Chancenlosigkeit, also die Reduktion von Optionen auf null, einer Person das Leben zur Hölle machen können, ist dies auch bei einer Reduktion der Ligaturen auf null der Fall. Denn dann breitet sich im Leben einer Person Sinnleere aus. Je besser es hingegen sowohl um Optionen als auch um Ligaturen bestellt ist, umso größer sind die Lebenschancen.
Das Ideal der individuellen Autonomie
Der bereits in der Renaissance einsetzende moderne Individualismus betonte von Anfang an die Autonomie und Einzigartigkeit des Einzelnen – ursprünglich in Absetzung von der starken Eingebundenheit des mittelalterlichen Menschen in rigide lokale Gemeinschaften. Bis heute neigt der Kult des Individuums zu einer Überbetonung von Optionen auf Kosten der Ligaturen. Auf seinem Programm steht u. a. eine rigorose Enttraditionalisierung aller Lebenszusammenhänge, um der Person ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Traditionen sollen nicht mehr binden. Die Kehrseite dieser Optionserweiterung ist Ligaturenverlust. Der Schützenverein beispielsweise ist eben nicht bloß spießiger Konformitätsterror, sondern kann auch echtes Gemeinschaftserleben – genau wie in der Raver-Szene – bedeuten.|27|
Die drei Voraussetzungen des Individualisierungsprozesses