
Stephen L. Carter
Schachmatt
Roman
Aus dem Englischen von Jobst-Christian Rojahn und Hans-Ulrich Möhring
Rowohlt E-Book

Stephen L. Carter, geboren 1955, ist Juraprofessor an der Yale University, wo er seit 1982 unterrichtet, und als Mitglied des American Law Institute und der American Academy of Arts and Sciences maßgeblich an der Formung der amerikanischen Rechtspraxis beteiligt. Laut New York Times gilt er als einer der «führenden Intellektuellen der Nation». Er lebt mit seiner Frau Enola Aird und den beiden Kindern bei New Haven, Connecticut. «Schachmatt» ist sein erster Roman. Er war ein internationaler Bestseller und verkaufte sich allein in Deutschland insgesamt über 100000-mal.
Weitere Veröffentlichung:
Vermächtnis
Wenn der schwarze König fällt …
Als der geachtete Richter Oliver Garland überraschend stirbt, ist sein Sohn Talcott überzeugt, dass ein schwaches Herz die Ursache war. Doch warum wird Talcott ständig nach den «Vorkehrungen» gefragt, die sein Vater für den Todesfall getroffen habe? Warum wird er verfolgt? Und warum fehlen zwei Schachfiguren auf dem sonst so sorgsam gehüteten Schachbrett des Richters? Bald darauf wird ein zweiter Toter aus dem Umfeld Oliver Garlands aufgefunden. Und Talcott sieht sich hineingezogen in die dunkle Vergangenheit seines Vaters. Er muss alles aufs Spiel setzen: seine Ehre, seinen Ruf – und sein Leben.
«Seit Tom Wolfe habe ich keinen so vielschichtigen, mitreißenden und bereichernden Roman gelesen wie ‹Schachmatt›.» (USA Today)
«Ein prall erzähltes, anekdoten- und facettenreiches Werk.» (Der Spiegel)
«Dieses Buch kann man einfach nicht aus der Hand legen.» (New York Times Book Review)
«Wunderbar erzählt und clever konstruiert. ‹Schachmatt› ist eine lebendige und vielschichtige Familiensaga, die geschickt verbunden ist mit der Spannung eines Thrillers ... Ein wirklicher Genuss!» (John Grisham)
«Man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen ... Ein ebenso außergewöhnlicher wie überzeugender Roman.» (New York Times)
«Ein unterhaltsamer, eleganter und ideenreicher Roman mit einem wunderbaren Kosmos von Figuren.» (The New York Review of Books)
«Scharfsichtige Beobachtungen, gepaart mit einem ernsthaften sozialen Gewissen, das den meisten Büchern dieser Art fehlt ... Ein sprachliches Meisterwerk.» (Time)
Die Originalausgabe erschien im Jahr 2002 unter dem Titel «The Emperor of Ocean Park» im Verlag Alfred A. Knopf, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2013
Copyright © 2002 by Stephen L. Carter
Copyright der deutschen Übersetzung © 2002 by List Verlag, München
Der List Verlag ist ein Imprint der Ullstein Buchverlage, Berlin
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages
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(Foto: Gary S. Chapman/Getty Images)
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ISBN Printausgabe 978-3-499-25472-7 (1. Auflage 2010)
ISBN E-Book 978-3-644-42931-4
www.rowohlt.de
ISBN 978-3-644-42931-4
Für Mom, die ein Faible für Kriminalgeschichten hatte, und Dad, der in dieser nicht vorkommt – ich liebe euch beide, immer.
Deux fous gagnent toujours, mais trois fous, non!
(Zwei Narren gewinnen immer, drei jedoch nie!)
Siegbert Tarrasch
(Anm.: Die Schachfigur, die im Deutschen Läufer heißt, nennen die Franzosen le fou.)
Als mein Vater schließlich starb, hinterließ er die Karten zu den Spielen der Redskins meinem Bruder, das Haus in der Shepard Street meiner Schwester und das Haus auf Martha’s Vineyard mir. Natürlich waren die Tickets der wertvollste Teil des Nachlasses, aber schließlich war Addison stets sein Liebling und der größte Football-Fan gewesen, der Einzige von uns Kindern, der die Leidenschaft meines Vaters in etwa teilte, und außerdem der Einzige von uns, mit dem mein Vater, als er sein Testament zum letzten Mal änderte, noch häufiger sprach. Addison ist ein Juwel, wenn man seine Frömmelei ertragen kann, während Mariah und ich uns, seit ich zum Feind übergelaufen bin, wie sie es formuliert, nicht mehr besonders nahe stehen, weshalb unser Vater uns ja auch Häuser vermacht hat, die über sechshundert Kilometer voneinander entfernt liegen.
Ich war froh, dass ich das Haus auf Martha’s Vineyard bekam. Es ist ein nettes kleines, im viktorianischen Stil erbautes Haus mit viel verschnörkelter Zimmermannsgotik an der leicht durchhängenden Veranda und einem wunderschönen Morgenblick auf den weißen Musikpavillon in dem weiten Meer weichen, grünen Grases, das sich von dem noch weiteren Meer leuchtend blauen Wassers abhebt. Meine Eltern erzählten gerne, wie sie das in dem Städtchen Oak Bluffs am Ocean Park gelegene Haus in den sechziger Jahren für ein Butterbrot gekauft hatten, zu einer Zeit, als Martha’s Vineyard, ebenso wie das Häuflein schwarzer Sommergäste aus der Mittelschicht, Niveau und eine gewisse Exklusivität besaß. In jüngster Zeit war es nach der oft wiederholten Ansicht meines Vaters mit Martha’s Vineyard bergab gegangen, denn es war voll und laut geworden, und außerdem ließ man jetzt Hinz und Kunz dorthin, wobei er mit «Hinz und Kunz» jene Schwarzen meinte, die weniger wohlhabend waren als wir. Es würden zu viele neue Häuser gebaut, pflegte er zu klagen, die zum Teil schon die Straßen und Wälder entlang der besten Strände verschandelten. Mittlerweile gab es vor allem bei Edgartown sogar Wohnanlagen, was er nicht begreifen konnte, weil der südliche Teil der Insel doch Kennedy-Land war. So nannte er das Gebiet, wo sich reiche weiße Urlauber und ihre schlecht erzogenen Gören versammeln. Ein Glaubensartikel meines – teils erbosten, teils eifersüchtigen – Vaters besagte nämlich, dass die Weißen den, wie er sich ausdrückte, Angehörigen der dunkelhäutigeren Nation zwar gestatteten, sich irgendwo gegenseitig die Ellbogen in die Rippen zu stoßen, die freien Räume aber für sich beanspruchten.
Und doch, ungeachtet aller Klagen, ist das Haus auf Martha’s Vineyard ein kleines Wunder. Ich habe es schon als Kind geliebt und liebe es heute noch mehr. Jedes Zimmer, jede dunkle Treppenstufe, jedes Fenster erzählt raunend seine Geschichte. Als Kind brach ich mir bei einem Sturz vom Giebeldach über dem Fenster des großen Schlafzimmers den Fuß und das Handgelenk; heute, dreißig Jahre später, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, warum ich dachte, es würde Spaß machen, dort herumzuklettern. Zwei Sommer darauf wanderte ich in nachmitternächtlicher Dunkelheit auf der Suche nach einem Glas Wasser durchs Haus, als mich ein seltsames Wimmern veranlasste, mich auf den Treppenabsatz zu kauern und durchs Geländer zu spähen, was mir, eine Woche vor meinem zehnten Geburtstag, zu einem ersten kurzen, aber anregenden Blick auf das Urwunder der Erwachsenenwelt verhalf. Mein Bruder Addison, der vier Jahre älter ist als ich, balgte sich mit unserer Cousine Sally, einer dunklen fünfzehnjährigen Schönheit, auf dem abgewetzten weinroten Sofa, das in einer schummerigen Ecke nahe der Treppe vor dem Fernseher stand. Beide hatten anscheinend nicht mehr sämtliche Kleider am Leib, auch wenn ich nicht auf Anhieb feststellen konnte, welche fehlten. Im ersten Moment wollte ich weglaufen, blieb dann aber hocken und beobachtete, von einer ausgesprochen anregenden Lethargie befallen, wie sich die beiden auf der Couch wälzten, Arme und Beine scheinbar willkürlich ineinander verschlungen – «rummachen» nannten wir das damals, in unkomplizierteren Tagen, ein herrlich vielsagender Ausdruck, mit dem wir uns vielleicht vor der Last allzu großer Deutlichkeit schützen wollten.
Meine eigenen Teenagerjahre verhalfen mir, wie die eintönigen überlangen Jahre des Erwachsenenlebens, leider nicht zu vergleichbaren Abenteuern, schon gar nicht auf Martha’s Vineyard; der absolute Höhepunkt ereignete sich wohl, als ich dreizehn war, gegen Ende des letzten Sommers, den die Familie vollzählig in Oak Bluffs verbrachte. Mariah, damals eine recht mollige Fünfzehnjährige, war stinksauer auf mich, weil ich mich über ihr Gewicht lustig gemacht hatte. Sie lieh sich deshalb in der Küche eine Schachtel Streichhölzer, stibitzte mir dann ein heißgeliebtes Topps-Sammelbild des Baseballspielers Willie Mays und kletterte die gefährliche Ausziehleiter mit ihren dünnen, wackligen Sprossen hoch auf den Dachboden. Als ich sie eingeholt hatte, verbrannte sie das Bild vor meinen Augen, während ich in der elenden Nachmittagshitze des staubigen, niedrigen Speichers hilflos weinend auf die Knie sank – schon damals hatte sich die hartnäckige Feindseligkeit zwischen uns herausgebildet. Im selben Sommer schaffte es meine Schwester Abigail, die damals immer noch «Baby» gerufen wurde, obwohl sie nur ein gutes Jahr jünger war als ich, in die Lokalzeitung, die Vineyard Gazette, weil sie an einem schwülen Augustabend bei einem Volksfest mit Dart-Pfeilen auf Luftballons und mit Baseball-Bällen auf Milchflaschen geworfen und acht verschiedene Preise abgeräumt hatte, wodurch sie ihre Stellung als einzige potenzielle Athletin der Familie festigte – wir anderen ließen von vornherein die Finger vom Sport, denn unsere Eltern predigten uns ständig, es sei wichtiger, Köpfchen zu haben als Muskeln.
Vier Sommer später war Abbys jungenhaftes Lachen weder am Ocean Park noch sonst irgendwo mehr zu hören, denn ihre Lebensfreude und unsere Freude an ihr fanden in einem einzigen chaotischen Augenblick ein Ende, als sie, ein unerfahrener Teenager, auf regennassem Asphalt den erfolglosen Versuch unternahm, einem außer Kontrolle geratenen Sportwagen auszuweichen, einem dieser schicken Dinger, das zwar etliche Zeugen gesehen hatten, das aber nie genau beschrieben und folglich auch nie ausfindig gemacht werden konnte; der Fahrer, der meine kleine Schwester in jenem ersten Frühling der kurzen Amtszeit von Jimmy Carter ein paar Blocks nördlich der Washingtoner Kathedrale tötete, hatte sich lange vor Eintreffen der Polizei aus dem Staub gemacht. Dass Abby noch keinen richtigen Führerschein, sondern nur eine vorläufige Fahrerlaubnis besaß, erfuhr die Öffentlichkeit nicht; genauso wenig wurde das Marihuana, das man in ihrem geliehenen Auto fand, erwähnt, schon gar nicht von der Polizei, aber selbst von der Presse nicht, denn mein Vater war schließlich der, der er war, und hatte die Beziehungen, die er hatte, und außerdem war es damals noch kein Volkssport, den Ruf der Großen dieser Welt zu zerstören. Deshalb konnte Abby so unschuldig sterben, wie wir vorgaben, dass sie gelebt hatte. Addison stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor seinem College-Abschluss, und Mariah war in ihrem zweiten College-Jahr, was mich in die nervenaufreibende Rolle zwängte, das «einzige Kind» meiner Mutter zu spielen. So nannte sie mich jedenfalls. Und in diesem Sommer in Oak Bluffs, in dem mein Vater zwischen Martha’s Vineyard und dem Gerichtsgebäude in Washington pendelte und meine Mutter im Erdgeschoss ziellos von Zimmer zu Zimmer wanderte, machte ich es mir zur Aufgabe, im ganzen Haus Dinge aufzuspüren, die an Abby erinnerten: unter einem Bücherstapel auf dem schwarzen, metallenen Rollwagen, auf dem der Fernseher stand, ihr Lieblingsspiel Life; ganz hinten in dem Glasschränkchen über der Spüle ein weißer Keramikbecher mit der schwarzen Aufschrift BLACK IS BEAUTIFUL, den sie gekauft hatte, um meinen Vater zu ärgern; und, versteckt in einem Winkel des stickigen Dachbodens, der Plüschpanda George (benannt nach dem militanten, zum Märtyrer gewordenen Schwarzen George Jackson), den sie bei dem besagten Volksfest gewonnen hatte und aus dessen Gelenken inzwischen eine eklige rosa Substanz quoll – Erinnerungen, die, wie ich, der ich die gefahrvollen mittleren Lebensjahre erreicht habe, gestehen muss, im Laufe der Zeit immer mehr verblasst sind.
Ach ja, das Vineyard-Haus! Addison hat zweimal dort Hochzeit gefeiert, einmal mehr oder weniger erfolgreich, und ich habe zweimal die bleigefassten Scheiben der Haustür eingeworfen, einmal mehr oder weniger absichtlich. In meiner Kindheit fuhren wir jedes Jahr hin, um den Sommer dort zu verbringen, denn genau dazu ist ein Sommerhaus schließlich da. Im Winter schimpfte mein Vater dann regelmäßig über die Kosten und drohte, das Haus zu verkaufen, denn genau das tut man schließlich, wenn Glück eine fragwürdige Investition ist. Und als dann der Krebs, der meine Mutter sechs Jahre lang verfolgt hatte, den Sieg davontrug, starb sie in diesem Haus, im kleinsten der Schlafzimmer, von dem aus man den schönsten Blick auf den Nantucket Sound hat, denn genau das tut man schließlich, wenn man sein Ende wählen kann.
Mein Vater starb an seinem Schreibtisch. Und anfänglich glaubten nur meine Schwester und ein paar bekiffte Anrufer bei spätabendlichen Radioshows, dass er ermordet worden sei.
Nowotny-Verstellung
Bei der Komposition von Schachproblemen ein Thema, bei dem sich zwei schwarze Figuren gegenseitig daran hindern, wichtige Felder zu decken.
«Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens», sprudelt meine Frau heraus, mit der ich seit fast neun Jahren verheiratet bin, an dem Tag, der in Kürze einer der traurigsten meines Lebens werden soll.
«Aha», antworte ich, und mein Tonfall verrät, dass ich verletzt bin.
«Ach, Misha, nun werd mal erwachsen! Ich vergleiche das doch nicht mit unserer Hochzeit.» Pause. «Oder mit Bentleys Geburt», setzt sie dann gleichsam als Fußnote hinzu.
«Ich weiß, ist schon klar.»
Wieder eine Pause. Ich hasse Pausen am Telefon, aber ich hasse das Telefon sowieso – und noch vieles andere mehr. Im Hintergrund höre ich einen Mann lachen. Während es im Osten schon fast elf Uhr vormittags ist, geht es in San Francisco erst auf acht zu. Es besteht jedoch kein Anlass zu Argwohn – sie könnte von einem Restaurant, einem Einkaufszentrum oder einem Konferenzraum aus anrufen.
Oder auch nicht.
«Ich dachte, du freust dich für mich», sagt Kimmer endlich.
«Ich freue mich ja auch für dich», versichere ich ihr viel zu spät. «Es ist nur –»
«Ach, Misha, nun komm schon!» Sie wird langsam ungeduldig. «Ich bin nicht dein Vater, okay? Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Was ihm passiert ist, wird mir nicht passieren. Was dir passiert ist, wird unserem Sohn nicht passieren. Okay, Schatz?»
Mir ist gar nichts passiert, bin ich versucht zu lügen, lasse es aber, zum Teil weil ich den seltenen, köstlichen Geschmack, den dieses «Schatz» hinterlässt, mag. Ich möchte Kimmer, die gerade so glücklich ist, nicht verärgern. Und ganz bestimmt möchte ich ihr nicht sagen, dass meine Freude über das von ihr Erreichte durch die Sorge beeinträchtigt wird, wie mein Vater darauf reagieren mag. Ich sage also sanft: «Ich mache mir bloß Sorgen um dich, das ist alles.»
«Ich kann durchaus auf mich selbst aufpassen», versichert mir Kimmer, und das ist eine Aussage, die in schon erschreckendem Maße den Tatsachen entspricht. Ich staune über die Fähigkeit meiner Frau, mit guten Nachrichten hinter dem Berg zu halten, zumindest ihrem Mann gegenüber. Sie hat bereits gestern erfahren, dass sich ihre jahrelange subtile Einflussnahme und ihre sorgfältige politische Betätigung endlich ausgezahlt haben und sie für die Besetzung einer beim Bundesberufungsgericht frei gewordenen Stelle in die engere Wahl gekommen ist. Ich versuche mir nicht die Frage zu stellen, mit wie vielen Leuten sie ihre Freude schon geteilt hat, bevor sie es endlich geschafft hat, zu Hause anzurufen.
«Ich vermisse dich», sage ich.
«Das ist lieb von dir, aber es sieht leider ganz so aus, als müsste ich doch noch bis morgen hier bleiben.»
«Ich dachte, du wolltest heute Abend kommen.»
«Wollte ich auch, aber … tja, es geht halt nicht.»
«Verstehe.»
«Ach, Misha, ich bleibe doch nicht absichtlich weg. Es ist mein Job. Ich kann es nicht ändern.» Ein paar Sekunden lang denken wir beide darüber nach. «Ich komme so schnell nach Hause, wie ich kann, das weißt du doch.»
«Ja, ich weiß, Liebling, ich weiß.» Ich stehe hinter meinem Schreibtisch und blicke hinunter zu den Studenten, die lesend auf dem Rasen liegen oder Volleyball spielen und im Licht der untergehenden Oktobersonne versuchen, den neuenglischen Sommer in die Länge zu ziehen. Mein Büro ist geräumig und hell, und auch ein bisschen unordentlich, was wohl ganz allgemein auf mein Leben zutrifft. «Ich weiß», sage ich ein drittes Mal, denn wir haben in unserer Ehe den Punkt erreicht, wo der Gesprächsstoff allmählich auszugehen scheint.
Nach einer angemessenen Zeit des Schweigens kehrt Kimmer zu praktischeren Fragen zurück. «Soll ich dir was sagen? Das FBI wird bald anfangen, sich mit meinen Freunden unterhalten zu wollen. Auch mit meinem Mann. Als Ruthie mir das verkündete, meinte ich zu ihr: ‹Ich hoffe bloß, er erzählt ihnen nicht von allen meinen Sünden.›» Ein kleines Lachen, argwöhnisch und selbstsicher zugleich. Meine Frau weiß, dass sie sich auf mich verlassen kann. Und dieses Wissen lässt sie plötzlich bescheiden werden. «Mir ist vollkommen klar, dass sie auch andere Kandidaten im Blick haben», fährt sie nämlich fort, «von denen einige wahnsinnig gute Voraussetzungen mitbringen. Aber Ruthie meint, ich habe trotzdem sehr gute Chancen.» Ruthie ist Ruth Silverman, unsere ehemalige Kommilitonin von der Juristischen Fakultät und Kimmers damalige Freundin, die inzwischen zum Beraterstab des Weißen Hauses gehört.
«Die hast du bestimmt, wenn sie deine Verdienste berücksichtigen», sage ich loyal.
«Das klingt nicht so, als würdest du meinen, dass ich den Posten kriege.»
«Ich meine, du müsstest ihn kriegen.» Und das entspricht der Wahrheit. Meine Frau ist der zweitklügste Anwalt, den ich kenne. Sie ist Teilhaberin der größten Anwaltskanzlei von Elm Harbor, einem Ort, den Kimmer für eine Kleinstadt hält, während ich finde, dass er schon fast Großstadtcharakter hat. Nur zwei andere Frauen haben es so weit gebracht, und keine, die nicht weiß ist.
«Ich schließe nicht aus, dass das Ergebnis schon feststeht», räumt sie ein.
«Ich hoffe nicht. Ich möchte, dass du bekommst, was du haben willst. Und was du verdienst.» Ich zögere, dann presche ich vor. «Ich liebe dich, Kimmer. Ich werde dich immer lieben.»
Meine Frau, die es vorzieht, nicht auf dieses Thema einzugehen, schlägt eine andere Richtung ein. «Vier oder fünf Kandidaten sind in der Endauswahl. Ruthie sagt, einige davon sind Professoren. Sie meint, es sind zwei oder drei Kollegen von dir dabei.» Ich muss lächeln, aber nicht vor Vergnügen. Ruthie ist viel zu klug, um Namen zu nennen, doch Kimmer und ich wissen sehr gut, wer die zwei oder drei Kollegen sein sollen, nämlich nur ein einziger, und zwar Marc Hadley, den einige für den brillantesten Vertreter der Fakultät halten, obwohl er in den fünfundzwanzig Jahren seiner Lehrtätigkeit nur ein Buch geschrieben hat, und das ist fast zwanzig Jahre her. Marc und ich standen uns einmal recht nahe, und ich stehe nicht vielen Menschen nahe, vor allem nicht an der Uni, aber der unerwartete Tod von Richter Julius Kratz vor vier Monaten machte das bisschen Freundschaft, das uns verband, zunichte und löste jenen Wettstreit hinter den Kulissen aus, der uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind.
«Ich glaube kaum, dass der Präsident wieder einen Juraprofessor ernennt», mutmaße ich, nur um etwas zu sagen. Marc bemüht sich schon länger als meine Frau um ein Richteramt und hat Ruthie, die einmal zu seinen Lieblingsstudentinnen gehörte, zu ihrer augenblicklichen Position verholfen.
«Die besten Richter sind immer die, die wenigstens eine Zeitlang als Anwälte gearbeitet haben.» Meine Frau sagt das so, als zitierte sie eine offizielle Wettbewerbsregel.
«Ich glaube, da hast du recht.»
«Hoffen wir, dass der Präsident das auch so sieht.»
«Genau.» Ich strecke einen Arm aus, und es knackt hörbar. Mein Körper schmerzt an genau den Stellen, die es mir unmöglich machen, still zu sitzen. Heute Morgen nach dem Frühstück habe ich Bentley bei seinem viel zu teuren Kindergarten abgesetzt und mich danach mit Rob Saltpeter, einem weiteren Kollegen, mit dem ich nicht richtig befreundet bin, zum Basketballspielen getroffen, und zwar nicht in der Sporthalle der Uni, wo wir uns vor Studenten hätten blamieren können, sondern beim YMCA, wo alle anderen mindestens genauso alt waren wie wir.
«Ruthie meint, die Entscheidung wird innerhalb der nächsten sechs bis acht Wochen fallen», fährt meine Frau fort und bestärkt mich damit in dem Verdacht, dass sie sich viel zu früh freut. Kimmer spricht Ruthies Namen mit bemerkenswerter Zuneigung aus, jedenfalls wenn man bedenkt, dass sie ihre alte Freundin noch vor zwei Wochen mir gegenüber spöttisch als unsere kleine Richter-Macherin bezeichnet hat. «Gerade rechtzeitig zu Weihnachten.»
«Also, ich finde, das sind wirklich gute Nachrichten, Liebling. Vielleicht können wir, wenn du heimkommst –»
«Oh, Misha, Süßer, ich muss los. Jerry ruft mich. Tut mir leid. Ich melde mich später wieder.»
«Okay. Ich liebe dich», versuche ich es noch einmal, aber ich erkläre meine Liebe schon der leeren Luft.
Jerry ruft mich. Zu einer Besprechung? Ans Telefon? Zurück ins Bett? Ich peinige mich mit gewagten Spekulationen, bis es Zeit für mein Elf-Uhr-Seminar ist, sammle dann meine Bücher zusammen und eile zum Unterricht. Ich bin, wie Sie erraten haben werden, Juraprofessor. Ich gehe auf die vierzig zu und war in grauer Vorzeit einmal als Anwalt tätig. Heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit, dass ich gelehrte Artikel schreibe, die viel zu obskur sind, um etwas zu bewirken, und an einigen Vormittagen der Woche versuche, Deliktsrecht (Herbstsemester) und Verwaltungsrecht (Frühjahrssemester) in die Köpfe meiner Studenten hineinzubekommen – Studenten, die zu intelligent sind, um sich mit mittelmäßigen Zensuren zufriedenzugeben, zugleich aber auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihre wertvolle Energie an die langweiligen Details zu verschwenden, die man nun einmal kennen muss, wenn man sehr gute Noten bekommen will. Den meisten von ihnen liegt an dem Studienabschluss, den wir ermöglichen, nicht aber an dem Wissen, das wir vermitteln. Und da die Studenten uns in zunehmendem Maße nur noch als eine Art Berufsschule ansehen, klafft die Lücke zwischen dem Wunsch, einen Abschluss zu erreichen, und dem, das Rechtssystem zu durchschauen, immer weiter auseinander. Das sind vielleicht nicht gerade die fröhlichsten Gedanken, die ein Juraprofessor hegen kann, aber den meisten von uns kommen sie hin und wieder, und heute scheint mein Tag zu sein.
Ich presche durch mein Seminar über das Deliktsrecht (was lässt sich zum Thema der Vollkaskoversicherung schon viel Neues sagen?) und bringe ein paar nette Sprüche an, die zwar alle nicht von mir sind, aber meine dreiundfünfzig Studenten den größten Teil der anderthalb Stunden bei Laune halten. Um halb eins trotte ich mit zwei meiner Kollegen zum Essen – mit Ethan Brinkley, der noch so jung ist, dass er sich freut, weil er einen Lehrstuhl erhalten hat, und Theo Mountain, der schon meinem Vater und dann mir das Verfassungsrecht nahegebracht hat und der dank des gesetzlichen Schutzes, den ältere Arbeitnehmer inzwischen genießen, sowie einer unerschütterlichen Konstitution auch gut noch meine Enkelkinder unterweisen könnte. Wir setzen uns in eine ramponierte Nische im Post (nur die Uneingeweihten sprechen vom Post’s), einem zwei Straßen von der Juristischen Fakultät entfernten, trostlosen Bistro, und ich höre zu, wie Ethan von irgendetwas wahnsinnig Komischem berichtet, das Tish Kirschbaum am vergangenen Wochenende auf einer Party von Peter Van Dyke gesagt hat, wobei mich – wie so oft – das Gefühl überkommt, dass es an der Fakultät ein weißes Gesellschaftskarussell gibt, das sich so schnell um mich dreht, dass ich immer nur flüchtig einen Blick darauf erhasche; bis eben hatte ich keine Ahnung, dass bei Peter Van Dyke am letzten Wochenende eine Party stattgefunden hat, und ganz bestimmt wurde mir keine Gelegenheit gegeben, die Teilnahme dankend abzulehnen. Peter wohnt zwar nur zwei Straßen von mir entfernt, steht jedoch in der Fakultätshierarchie weit über mir. Ethan rangiert, theoretisch, Meilen unter mir. Aber die Hautfarbe sorgt selbst an den liberalsten Unis für eine ganz eigene Hierarchie.
Ethan redet und redet. Theo, dessen weißer Bart mit Senf bekleckert ist, lacht vergnügt, und während ich versuche, mich am Gespräch zu beteiligen, erwäge ich, ihnen von Kimmer zu erzählen, nur um zu sehen, wie für einen wunderbaren Augenblick die Blasiertheit von ihren selbstzufriedenen weißen Gesichtern weicht. Ich möchte es einfach irgendwem erzählen. Andererseits, wenn ich jetzt die Nachricht verbreite und Marc am Ende Kimmer aus dem Feld schlägt – was er, wie ich vermute, tun wird, wenn auch unverdienterweise –, trifft mich die geballte Arroganz meiner Kollegen erneut und schlimmer denn je.
Außerdem weiß Marc wahrscheinlich sowieso schon Bescheid. Ruthie würde Kimmer niemals Marcs Namen nennen, aber ich wette, dass sie Marc Kimmers Namen genannt hat. Das rede ich mir jedenfalls ein, als ich allein durch die Town Street zum Gebäude der Juristen zurückgehe. Die Mittagszeit ist vorbei. Theo, der alt genug ist, um eine Enkelin unter den Studenten zu haben, während die meisten von uns gerade mal ihre Kinder in die Grundschule schicken, musste zu einer Besprechung, und Ethan, Experte auf dem Gebiet des Terrorismus und des Kriegsrechts, wollte in die Sporthalle. Er hält sich fit für den Fall, dass MSNBC oder CNN bei ihm anrufen. Ich habe nichts Besonderes vor und kehre deshalb in mein Büro zurück. Studenten eilen an mir vorbei, Studenten aller Hautfarben und mit ganz verschiedenem Kleidungsstil, aber alle mit diesem seltsam anmaßenden Gang, den die jungen Leute heutzutage bevorzugen – sie halten den Kopf gesenkt, ziehen die Schultern hoch, Arme eng am Körper und heben kaum die Füße, schaffen es aber trotzdem, den Eindruck zu erzeugen, dass tief in ihnen Energien schlummern, die nur darauf warten, freigesetzt zu werden.
Marc weiß wahrscheinlich längst Bescheid. Ich werde diesen Gedanken einfach nicht los. Ich passiere die granitene Pracht der um einen quadratischen Platz angeordneten Gebäude der Naturwissenschaftlichen Fakultät, in deren Ausstattung die Universität inzwischen alles Geld steckt. Ich komme an einer Gruppe von Bettlern vorbei, die allesamt der dunkelhäutigeren Nation angehören und denen ich jeweils einen Dollar gebe – Schuldgeld zahlen, wie Kimmer diese Angewohnheit von mir nennt. Ich frage mich kurz, wie viele von ihnen Betrüger sein mögen. Diese Art von Erwägungen bezeichnete mein Vater als unwürdig. Solche Erwägungen sind eurer nicht würdig, predigte er seinen Kindern mit seltener Empörung, gefolgt von der Ermahnung, unsere Gedanken im Zaum zu halten.
Marc weiß wahrscheinlich Bescheid, sage ich mir noch einmal, während ich die breiten Stufen zum Gebäude der Juristischen Fakultät hinaufsteige. Ruthie Silverman hat ihm, darauf möchte ich wetten, alles gesagt. Theo war zwar ebenfalls Ruthies Dozent, und sie hat mit meiner Frau und mir zusammen studiert, aber sie ist Marc Hadley, wie viele Studenten heute auch, eben doch am treuesten ergeben.
«Das ist das Problem mit Studenten», murmele ich leise vor mich hin, als ich über die Schwelle trete, denn ich führe schon mein ganzes Leben lang Selbstgespräche – ein Zeichen von Geisteskrankheit, wie meine Frau mir versichert. «Sie sind einem ewig dankbar.»
Schließlich siegt die Vorsicht. Ich beschließe, Kimmers Neuigkeit für mich zu behalten. Ich behalte die meisten Dinge für mich. Meine Welt bereitet mir zwar gelegentlich Kummer, im Allgemeinen ist sie jedoch still, und so mag ich sie. Dass plötzlich Gewalt und Angst über sie hereinbrechen könnten, liegt an diesem sonnigen Herbstnachmittag außerhalb meines Vorstellungsvermögens.
In der hohen Eingangshalle treffe ich eine meiner Lieblingsstudentinnen, Crysta Smallwood, die ein heilloses Faible für Daten hat. Sie ist eine dunkle, stämmige junge Frau mit beträchtlichen Geistesgaben, die vor ihrem Jurastudium an der Pomona University Französisch studiert und sich nie genötigt gesehen hat, mit Zahlen herumzuspielen. Dann kam sie nach Elm Harbor und entdeckte die Statistik, was sie auf eine nette Weise verrückt werden ließ. Im vergangenen Herbst hat sie an meinem Seminar zum Deliktsrecht teilgenommen und sich seitdem hauptsächlich zwei Dingen gewidmet: unserer Rechtsberatung für Bedürftige, wo sie sozialhilfebedürftigen Müttern dabei hilft, nicht aus der Wohnung zu fliegen, und ihrer Sammlung statistischer Daten, mit der sie eines Tages hofft beweisen zu können, dass die weiße Rasse ihrer eigenen Vernichtung entgegengeht, eine Aussicht, die sie fröhlich stimmt.
«Hallo, Professor Garland», ruft sie mit ihrem ausgeprägten Westküstenakzent.
«Guten Tag, Ms. Smallwood», antworte ich förmlich, denn die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es klüger ist, mit Studenten nicht auf zu vertrautem Fuß zu stehen. Ich strebe auf die Treppe zu.
«Wissen Sie was?, sagt Crysta schwärmerisch und schneidet mir den Fluchtweg ab, wobei sie die Möglichkeit vollkommen unberücksichtigt lässt, dass ich ja auch einen Termin wahrzunehmen haben könnte. Sie trägt einen ganz kurzen Afro-Schnitt, als eine der Letzten in der Fakultät. Ich bin alt genug, um mich noch an die Zeit erinnern zu können, als nur wenige schwarze Frauen in ihrem Alter die Haare anders trugen, aber wie sich dann zeigte, war der Nationalismus doch weit weniger eine Ideologie als eine Modeerscheinung. Crystas Augen stehen zu weit auseinander, was ihrem Blick etwas Schielendes, leicht Beunruhigendes gibt. Für eine Frau ihrer Körperfülle bewegt sie sich erstaunlich schnell, und es ist deshalb nicht einfach, ihr zu entkommen. «Ich habe mir die Zahlen noch einmal angesehen. Die zu den weißen Frauen.»
«Ach ja.» Ich sitze in der Falle, schaue zur stuckverzierten Decke hinauf: religiöse Symbole, Girlanden aus Eibenzweigen und Anspielungen auf die Gerechtigkeit, wobei das Ganze allerdings schon so oft überstrichen worden ist, dass die scharfen Konturen allmählich verlorengehen.
«Ja, und nun raten Sie mal. Ihre Fruchtbarkeitsrate, also die der weißen Frauen, ist inzwischen so niedrig, dass es ungefähr 2050 keine weißen Babys mehr geben wird.»
«Hm, sind Sie sich Ihrer Zahlen ganz sicher?» Denn Crysta ist, wenngleich brillant, auch ziemlich durchgeknallt. Wie ich als ihr akademischer Lehrer feststellen musste, ist sie in ihrer Begeisterung außerdem recht sorglos und zieht oft mit großer Selbstverständlichkeit Schlüsse aus ihren Daten, ohne sich vorher die Zeit genommen zu haben, sie genauer zu analysieren.
«Vielleicht auch erst 2075», räumt sie ein, und ihr freundlicher Tonfall lässt erkennen, dass sie zu Verhandlungen bereit ist.
«Klingt alles ein bisschen wacklig, Ms. Smallwood.»
«Liegt an den Abtreibungen.» Ich setze mich wieder in Bewegung, aber Crysta hält Schritt. «Daran, dass sie ihre Babys umbringen. Das ist der Hauptgrund.»
«Ich finde wirklich, Sie sollten sich für Ihre Arbeit ein anderes Thema suchen», halte ich dagegen und winde mich an ihr vorbei, um die geschwungene Marmortreppe zu erreichen, die hinauf zu den Büros der Professoren führt.
«Aber es sind nicht nur die Abtreibungen …», schallt mir ihre Stimme die Treppe hinauf nach, was einen meiner Kollegen, den nervösen kleinen Joe Janowsky, auf dem Weg nach unten dazu veranlasst, sich mit seinen dicken Brillengläsern über das Marmorgeländer zu beugen, um festzustellen, wer da so schreit. «… es sind auch die gemischtrassigen Ehen, denn die weißen Frauen …»
Dann bin ich durch die Flügeltür zum oberen Flur, und Crystas wahnwitzige Spekulationen sind glücklicherweise nicht mehr zu hören.
Beim Betreten meines Büros rufe ich mir in Erinnerung, dass ich auch einmal so war. Genauso bar jeden Zweifels bei Themen, von denen ich keinen blassen Schimmer hatte. Deshalb bin ich wahrscheinlich auch eingestellt worden – als ich geistig jünger war, war ich geistig auch noch kühner.
Deswegen und wegen des glücklichen Umstands, der Sohn meines Vaters zu sein, dessen Einfluss in der Universität selbst nach den traumatischen Anhörungen nur langsam schwand. Selbst heute noch, mehr als ein Jahrzehnt nach dem Sturz des Richters, nageln mich Studenten fest und wollen aus meinem Mund hören, dass mein Vater ebenjener ist, der er, wie sie gehört haben, sein soll. Oder Kollegen wollen von mir beschrieben haben, was das für ein Gefühl war, als ich Tag um Tag dasaß und stoisch zuhörte, während der Senat ihn systematisch demontierte.
«Wie wenn man jemandem zuschaut, der in Zugzwang ist», sage ich dann immer, aber sie sind alle keine richtigen Schachspieler und verstehen das nicht. Obwohl sie, weil Professoren, so tun, als ob.
Auf der Suche nach Ablenkung sehe ich meinen Eingangskorb durch. Ein Schreiben des Rektors in Sachen Parkgebühren. Die Einladung zu einer in drei Monaten stattfindenden Konferenz über die Reform des Deliktsrechts in Kalifornien – unter der Bedingung, dass ich die Reisekosten selbst trage. Die Postkarte von jemandem irgendwo in Idaho, gegen den ich bei einem postalischen Schachturnier spiele und der den einen Zug entdeckt hat, von dem ich gehofft hatte, dass er ihn übersehen würde. Eine Erinnerung von Ben Montoya, dem stellvertretenden Dekan, daran, dass am Abend ein großer Rechtsgelehrter einen Vortrag hält. Ein gemäßigt drohendes Schreiben der Universitätsbibliothek wegen eines Buches, das ich offensichtlich verloren habe. Aus der Mitte des Stapels ziehe ich die Harvard Law Review hervor und überfliege das Inhaltsverzeichnis, lege die Zeitschrift aber schnell weg, als ich wieder einmal einen gelehrten Artikel entdecke, der erklärt, warum mein infamer Vater Verrat an seiner Rasse geübt hat. Das ist nämlich das Niveau, auf das sich die dunkelhäutigere Nation hat drücken lassen: Unfähig, im weißen Amerika auch nur auf ein einziges Ereignis wirkungsvoll Einfluss zu nehmen, verschwenden wir unsere kostbare Zeit und geistige Energie damit, uns gegenseitig schlechtzumachen, als dienten wir dem Fortschritt unserer Rasse dadurch am besten, dass wir uns gegenseitig vors Schienbein treten.
Gut, für heute habe ich genug getan.
Das Telefon klingelt.
Ich starre auf den Apparat und denke – nicht zum ersten Mal –, was für ein hässliches, aufdringliches, unzivilisiertes Ding das Telefon doch ist, so fordernd, irritierend, unterbrechend, jegliche Gedanken vernichtend. Ich weiß wirklich nicht, warum Graham Alexander Bell so verehrt wird. Seine Erfindung hat die Privatsphäre zerstört. Das Gerät hat keinerlei Gewissen. Es klingelt, wenn wir schlafen, duschen, beten, streiten, lesen, uns lieben. Oder wenn wir schlicht und einfach unsere Ruhe haben wollen. Ich erwäge, nicht dranzugehen. Ich habe genug gelitten. Und das nicht nur, weil meine blendend gelaunte, quirlige Frau so abrupt aufgelegt hat. Heute ist einer dieser seltsamen Donnerstage, an denen das Telefon mit seinem wütenden, Aufmerksamkeit heischenden Geschrei einfach nicht aufhören will: Der Mitarbeiter einer Fachzeitschrift hat den längst überfälligen Entwurf eines Artikels angefordert, ein unglücklicher Student um einen Termin gebeten, American Express für den vergangenen Monat Geld sehen wollen, und alle sind zum Zug gekommen. Die Dekanin der Fakultät, Lynda Wyatt – oder Dekanin Lynda, wie sie von allen gerne genannt werden möchte, von Professoren, Studenten und Ehemaligen gleichermaßen –, rief kurz vor der Mittagspause an, um mich wieder einmal in einen ihrer Ad-hoc-Ausschüsse zu berufen, die sie ständig einsetzt. «Ich bitte Sie nur, weil ich Sie so mag», flötet sie auf ihre mütterliche Art. Und das sagt sie zu jedem, den sie nicht leiden kann.
Das Telefon klingelt noch immer. Ich warte darauf, dass sich die Voicemail einschaltet, aber wie der Großteil der Spartechnik der Fakultät funktioniert sie dann am besten, wenn man sie nicht braucht. Ich beschließe, das Telefon zu ignorieren, aber dann fällt mir ein, dass mein Gespräch mit Kimmer nicht sehr positiv geendet hat und sie jetzt vielleicht anruft, um das wiedergutzumachen.
Oder um ein wenig weiterzustreiten.
Für beides gerüstet, greife ich zum Hörer in der Hoffnung, die Stimme meiner reuigen Frau zu vernehmen, aber es ist nur der große Anwalt Mallory Corcoran, Partner meines Vaters und sein letzter Freund, zugleich ein begnadeter Washingtoner Drahtzieher. Er ruft an, um mir zu sagen, dass der Richter von uns gegangen ist.