
Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze dieses Romans sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.
Erste Auflage September 2015
Lektorat: Rainer Hörmann
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale
unter Verwendung eines Fotos von Fotolia
ISBN 978-3-89656-583-9
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Wen der Teufel reitet, den verdirbt er auch.
Carl Orff, „Die Kluge“
Als ich aufwachte, schlief er noch.
Ich streichelte ihn sanft und vorsichtig, aber ich wollte ihn nicht wecken. Nicht den flüchtigen Moment der Sicherheit zerstören. Den trügerischen Moment.
Wie er gestern Abend vor mir gestanden hatte, genauer: heute Nacht. Zitternd, nass, blutend. Bebende, sprachlose Lippen. Und dann diese entsetzliche Angst in seinen Augen. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. So viel Angst. Augen so voller Angst.
Wir betraten das Lab und natürlich kannte ich die Leute vom Personal. Klawitter, mein Chef, schien leicht irritiert, wie freundschaftlich ich hier begrüßt wurde. Irgendwie – ich meine, er ist offen und so –, aber das Lab hatte doch so eine Halbwelt-Anmutung. Selbst jetzt, am Samstagmorgen. Die Jungs von der Garderobe und die Barkeeper waren erstaunt, mich zu sehen. Schließlich kannten sie mich nur, wie ich an der Bar stand, ich redete da nie viel über meinen Beruf.
Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte.
Ich spürte das Adrenalin durch meine Adern rieseln. Meine Hände waren nicht ruhig.
Der Tote lag im Außenbereich. Das Lab hat einen Fick-Garten. Der ist von außen vor Blicken geschützt. Von innen eine lustige Erfahrung.
Der Tatort war abgesperrt. Alles war wie immer. Wie immer, im Beruf. Wie nie, im Lab.
Also, ich sah ihn da liegen. Genauer: seinen Oberkörper und seinen Hinterkopf. Er lag verdreht, seinen Kopf schamhaft abgewandt.
Aus der Entfernung sah er aus wie Kasper.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. In meinem Gehirn schrillte ein Alarmton. Ich spürte kleine Explosionen auf meinem Gesicht und auf meiner Kopfhaut. Mein Schädel fühlte sich an, als würde er aufgepumpt und drohte zu zerplatzen.
Nicht Kasper.
Ich ging näher, ein wenig wankend. Die anderen ganz cool, es war ja unser Job. Monika sah immer wieder zu mir. Sie wusste, wie oft ich privat hier war. Dass ich hier Freunde hatte. Ich spüre ihre Hand an meinem Unterarm. Ich bin ein total harter Kerl, der das nicht braucht. Ich bin ihr so dankbar.
Wir kamen näher.
Wieso sollte es Kasper sein, der Tote? Wie kam ich überhaupt auf diese abwegige Idee? Nur weil die grobe Beschreibung (Mitte zwanzig, ca. 1,75 bis 1,80 Meter, schlank etc.) auf ihn passte? Weil ich wusste, dass er gestern Abend hier gewesen war?
Oder einfach, weil ich sowieso die ganze Zeit an ihn dachte?
Meine Schritte waren weich. Da vorne lag er. Ich sah eines seiner Beine.
Ich ging näher und beugte mich über ihn.
Er war es nicht.
Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entrang sich meiner Brust.
Ich hielt kurz inne, stand bewegungslos.
Zwei, drei Atemzüge Luft holen.
Den Herzschlag runterfahren.
Allerdings war es jemand anderes, den ich kannte, wenn auch nur vom Sehen: Henrik, wahrscheinlich zweite Hälfte zwanzig. Auch er ein Stammgast hier. Es war ein mulmiges Gefühl, jemanden tot zu sehen, der vor kurzer Zeit noch quicklebendig vor meinen Augen durch die Gegend gelaufen war – es war ein mulmiges Gefühl, auch in meinem Beruf. Aber trotzdem war ich erleichtert.
Sie sahen sich auf eine gewisse Entfernung tatsächlich ähnlich, Henrik und Kasper, das war mir schon aufgefallen.
Das Lab – genauer: der Garten des Lab – war genauso tot wie Henrik. Ich war hier zum ersten Mal außerhalb der Öffnungszeiten. Ohne Musik. Ohne cruisende Männer. Ohne diese sexuelle Spannung in der Luft, Blicke, Gerüche, Berührungen. Können Räume tot sein? Darüber dachte ich eine Zeit lang nach und stellte dann fest, jedenfalls nicht so tot wie Henrik. Henrik war toter.
Es war, wie gesagt, Samstagmorgen – wir arbeiten in der Abteilung Delikte am Menschen in vierzehntägigen Schichten –, Samstag, der 11.10., um genau zu sein, 8:30 Uhr, in den Iden des Oktober also, oder meinetwegen kurz davor. Die Sonne begrüßte den Tag und schickte sich bereits an, das Jahr zu verabschieden. Dieser Abschied beginnt in Berlin früh. Noch hatten wir ein paar goldene Tage vor uns, sonnige Nachmittage, aber ganz sicher glitten wir in die Dunkelheit. Wir hatten noch ein paar Wochen Licht. Wir näherten uns dem November, in dem wir uns, wie eine Stadtzeitung mal unschlagbar treffend formuliert hatte, „ab 14 Uhr nur noch mit Taschenlampe auf die Straße wagen“. Ab November wendet sich die Sonne von uns ab, sie verlässt uns, um vielleicht nie wiederzukehren. Über uns liegt dann eine Wolkenschicht, aber nicht aus Schlagsahne, sondern aus dreckigen Putzlappen. Über ihr wird die Sonne vermutet. Aber wer kann das sagen? Ob sie da wirklich ist. Vielleicht nicht. „It’s getting dark, too dark to see.“
Während ich mich diesen tieferen Gedanken hingab, machten meine Kollegen die Arbeit.
Insgesamt ließ sich sagen, dass Henrik mit einer Verletzung am Hinterkopf auf dem Rücken lag, und nicht all zu viel Blut verloren hatte.
Er lag ein wenig versteckt in einem Spalt zwischen zwei Containern. Im Garten des Lab sind ein paar Container aufgestellt, die als Darkrooms verwendet werden. Sie werden nicht bewegt und es wird nichts in ihnen aufbewahrt, sie sind einfach Räume.
In dem Spalt, in dem Henrik lag, ist es nachts dunkler als dunkel. Nicht nur nehmen die Container von beiden Seiten das wenige Licht, das sich aus dem Nachthimmel durch die Wolken und die verschmutzte Luft kämpft, sondern zusätzlich ist der Spalt zwischen den Containern auch von oben bedeckt: Auf ihnen befindet sich eine Holzplattform, durch eine Treppe erreichbar. Das Ganze ist so eine Art Abenteuerspielplatz.
Beziehungsweise: Es ist ein Abenteuerspielplatz.
War Henrik hier ermordet worden? Oder war er nach seinem Tod hierhergeschleift worden, weil das hier ein gutes Versteck für eine Leiche war? Oder wollte er Sex haben, hier in diesem hintersten Loch? Man wusste es – noch – nicht. Hatte er sich vielleicht in die Ecke gekauert, um andere zu beobachten, wie Nabokov es mal so meisterhaft formuliert hatte: „Ich ein demütiger Buckliger, der sich im Dunkeln heimliche Freuden verschafft.“ Henrik hatte ein hübsches, waches, intelligentes Gesicht, war schlank-muskulös, hatte einen riesigen Schwanz und war so gar nicht demütig, so gar kein Buckliger – aber vielleicht wollte er es sein? Zumindest manchmal, von Zeit zu Zeit? Der Mensch ist rätselhaft, daran führt nun wirklich kein Weg vorbei.
Jedenfalls war es eine dunkle Ecke.
Das war wohl einer der Gründe, warum Henrik erst heute Morgen beim Putzen gefunden worden war. Es war aber zudem wahrscheinlich, dass er erst recht spät in der Nacht gestorben war. So ab vier oder fünf wird es im Lab ruhiger. Davor ist es meistens sehr voll, so dass ihn vermutlich selbst hier, in diesem finstersten Spalt, jemand entdeckt hätte.
Aber wie dem auch sei: Für den Todeszeitpunkt würde uns natürlich die Obduktion helfen. Und: Wer hatte ihn wann wo zuletzt gesehen?
Noch wussten wir nicht mal, ob das überhaupt ein Fall für uns werden würde. Aber es ratterte bereits alles mögliche Zeug durch mein Gehirn. Mein Kopf rennt manchmal einfach los, ohne mich zu fragen, und ich kann nichts dagegen tun.
Woran war Henrik gestorben? Die Verletzung am Hinterkopf sah nicht sehr tödlich aus. Es drängte sich auf den ersten Blick keine Todesursache auf. Nun kannte ich Henrik ja ein bisschen. Nicht sehr gut, aber doch gut genug für ein paar Einschätzungen. Und ich vermutete, das hier würde doch ein Fall für uns werden. Möglicherweise litt er an Krankheiten, von denen er selbst nichts gewusst hatte und denen er also nicht begegnen konnte – ein Blutgerinnsel, das durch seine Adern zum Herzen gewandert war und es verstopft hatte, oder ein Gefäß im Gehirn –, so was in der Art, das war möglich, aber ich hielt es nicht für wahrscheinlich. Die Obduktion würde es uns sagen. Ich nahm auch stark an, dass es sich bei der Todesursache nicht um eine Überdosis Drogen handelte. Ich meine, bestimmt hat der Typ Drogen genommen, aber nicht auf sinnlos-dumme und verantwortungslose Art. Das war ein intelligenter, junger Mann, dem sein Leben was wert war und der über die Kinderkrankheiten – wozu ich eine Überdosis zählen würde – hinaus war. Der mischte auch nicht Poppers mit Viagra oder so einen Scheiß. Das war ein Erwachsener gewesen, ein Veteran. Ein alter Kämpfer.
Deshalb glaubte ich an Fremdeinwirkung.
Ich hielt mich ein wenig fern von dem Toten. Obwohl es für meinen Job anders besser wäre, mag ich Menschen doch lieber lebendig als tot. Auch wenn das altmodisch klingen mag.
Im Unterschied zu meiner Kollegin Andrea.
Äh, nein, das stimmt nicht. So kann man das dann doch nicht sagen. Andrea ist nur völlig gefühllos. Scheint mir jedenfalls. Na ja, es scheint allen so. Wahrscheinlich fühlt sie doch was, jedenfalls alle fünf Jahre oder so, aber es ist verdammt gut versteckt. Und das ist ja eigentlich auch gut, denn es ermöglicht ihr, vollkommen analytisch an die Sache ranzugehen. Ein toter Mensch ist für sie nicht viel mehr als irgendein anderer Gegenstand.
Vielleicht täusche ich mich auch, aber es wirkt wirklich sehr so.
Während ihrer Ausbildung wurde sie in ihrer Abwesenheit „Kühlschrank“ genannt, habe ich mal gehört.
In diesem Moment hockte sie gerade vor dem Toten und wippte ein wenig auf den Zehenspitzen. Andrea war zum Zeitpunkt dieser Ereignisse, ich sag mal, ein thirty-very-something oder so, Details verbieten sich. Sie hatte ihre dunklen Locken zu einem lockeren, tiefsitzenden Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trug eine schwarze Lederjacke, knackig sitzende Jeans und knallrote Pumps. Als sie einundzwanzig war, hatte sie bei einem Model-Wettbewerb einer großen Zeitschrift, die es nicht mehr gibt, mitgemacht und war unter die Finalistinnen gekommen. Zehn Mädels auf dem Cover: „Gesicht des Jahres beeeep“. Sie hatte das mal nebenbei erzählt, sie machte sich eigentlich gar nichts draus, im Gegenteil, sie wollte gar nicht so sehr damit assoziiert werden.
Wie nett, dass ich sie jetzt genau damit vorstelle.
Jedenfalls, meine Kollegen – wir sind vier: Klawitter, Andrea, Monika und moi – führten die ersten üblichen Gespräche mit dem Personal. Auch wenn ich ihn nicht gekannt hätte, wäre Henrik problemlos zu identifizieren gewesen, da sein Portemonnaie bei seinen Sachen in der Garderobe war. Darin sein Führerschein mit seinem vollen Namen: Henrik Fox. Ich hörte, wie Monika gerade von einem der Barkeeper erfuhr, dass der gestern keine Streitigkeiten beobachtet hatte und dass ihm nicht aufgefallen wäre, dass Henrik sich anders verhalten hätte als sonst. Er hatte nicht mit ihm gesprochen, außer weniger Worte, während er ihm ein paar Bier verkauft hatte. Es war ihm nicht aufgefallen, dass Henrik außerordentlich viel getrunken hätte. Er hatte nicht beobachtet, mit wem Henrik Kontakt gehabt hatte, wie auch, bei so vielen Leuten? Dreihundert? Vierhundert?
Der Laden war knackevoll gewesen.
Ich meine, ich wusste das ja.
Mir fiel ein, dass ich es genauso gut gleich sagen konnte. Ich hätte es schon bei der morgendlichen Besprechung sagen können. Eigentlich wurde es höchste Zeit.
Also ging ich rüber zu Klawitter und sagte: „Ich war gestern Abend übrigens auch hier.“
Klawitter war zum Zeitpunkt dieser Ereignisse dreiundfünfzig, ein alter Hase beim Mord-Dezernat, und ich arbeitete schon einige Jahre unter ihm. Klawitter ist ein Lawinenhund, ein Bernhardiner, nur ohne dieses Fässchen um den Hals. Ich glaube, er ermittelt wirklich in erster Linie mit der Nase, tatsächlich ein Schnüffler, er ist ein sehr sinnlicher Mann. Er hat sich mit den Jahren ein Bäuchlein angefuttert – auch das ein Produkt seiner Sinnlichkeit. Er wirkt gemütlich und fast ein wenig naiv, was natürlich eine Stärke ist. Er hat jahrzehntelang Menschen gegenüber gesessen, die ihn angelogen haben, und er hat gelernt, seine Instinkte zu schulen und, vielleicht noch wichtiger, ihnen zu vertrauen. Um sie dann zu hinterfragen und faktisch zu untermauern – oder zu verwerfen, natürlich ist ihm das auch passiert, oft genug. Aber er hat gelernt, dass es einen Grund gibt, wenn sich in einer Situation mit einem Menschen ein komisches Gefühl einstellt. Er hat mir das mal an einem längeren Abend erzählt – man sollte ihm nicht zu viel Bier zu trinken geben, wenn man früh nach Hause will –, der Grund für das komische Gefühl kann komplett aus einem selbst kommen, aus Klawitter selbst: Vielleicht misstraue ich dem Typen mir gegenüber nur, weil er mich an wen erinnert, der mich mal übel belogen hat. Möglich. Aber es gibt immer einen Grund für ein komisches Gefühl. Es wäre falsch, es zu ignorieren.
Und jetzt, nachdem ich gesagt hatte, dass ich gestern Abend hier gewesen war, hatte ich das Gefühl, dass er ein wenig an mir schnupperte, und das beunruhigte mich ein ganz kleines bisschen, aber andererseits mochte ich es auch.
Ich habe ziemlich oft mehrere Gefühle gleichzeitig.
Obwohl das in diesem Fall vielleicht nichts besonderes ist. Ich glaube, Angst und Lust sind siamesische Zwillinge.
Jedenfalls erzählte ich ihm kurz meine Beobachtungen von gestern Abend. Im Prinzip konnte ich den Aussagen des Barkeepers nicht viel hinzufügen, außer dass ich mich düster erinnerte, vor längerer Zeit mal gehört zu haben, dass Henrik liiert war, ich ihn aber nie mit seinem Freund gesehen hatte. Und wie das so ist, sind Lebenspartner immer verdächtig, rein statistisch, Erfahrungswerte, niemand ist so gefährlich wie der Mensch, neben dem man schläft.
Ich hatte Klawitter also meine Beobachtungen des Abends geschildert, jedenfalls die relevanten.
Die mir zu diesem Zeitpunkt relevant erschienen.
Aber um das ganze Bild zu geben, lohnt es sich, ein wenig weiter auszuholen. Im Lichte der späteren Ereignisse scheint mir, es wäre wohl klüger gewesen, ich hätte auch Klawitter alles erzählt.
Na ja, vielleicht fast alles.
Denn es waren natürlich noch einige andere Dinge passiert, und mein Fokus des Abends hatte gewiss nicht auf Henrik gelegen.
Das Lab, mit vollem Namen und in korrekter Schreibweise: Lab.oratory, liegt in-Berlin-Friedrichshain, im Erdgeschoss des Berghain, welches sich wiederum in den Räumen eines ehemaligen Heizkraftwerkes befindet. Das Berghain ist ein Solitär, ein Koloss, ein paar Straßen hinter dem Ostbahnhof und einen Steinwurf von der Redaktion des „Neuen Deutschland“ entfernt, in Sichtweite eines Baumarktes und ein paar Lagerhallen. Die Straßen außenrum sind düster und leer, und nachts kann man von Berlin-Besuchern schon mal den Satz aufschnappen: „Is that street safe?“
It is.
Well … I’d say.
Ein längerer Kiesweg führt von der Straße zum Haupteingang des Berghain. Hier ist der Boden mit Tränen der Touristen getränkt, die nicht am Türsteher vorbeigekommen sind. Der Weg zum Lab führt links an diesem Eingang vorbei. Dann weiter entlang am Berghain, am Ende des Gebäudes rechts, weiter geradeaus und damit auf die Tür zu, neben der das schöne Schild hängt: „Play safe. Dress dirty. No drugs. No perfume.“ Die Verfassung. Sie wird unterschiedlich ernst genommen.
Es gibt zwei Dinge, die mir im Lab sehr früh aufgefallen sind, zwei Dinge, die es dort nicht gibt. Und beide sind, wie ich finde, recht aussagekräftig.
Erstens: Obwohl es ein Sexclub ist, laufen nirgendwo Pornovideos, was an ähnlichen Orten ja üblich ist. Hier nicht. Und das gefällt mir. Es gibt nicht diesen Vergleich, den man ja doch verliert.
Na ja, manche vielleicht nicht. Ich aber schon.
Zweitens: Es gibt nirgendwo Spiegel. Keinen einzigen, nicht mal auf der Toilette über den Waschbecken. Es gibt eine Dusche, aber auch dort: kein Spiegel. Keinen im Garderobenbereich. Im ganzen Club keinen. Und das mag ich ganz besonders. Du bist du, vergiss irgendwelche albernen Verstellungen. „Du bist am Ende – was du bist. Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was du bist.“ Mephisto muss es wissen. Und die Designer vom Lab offensichtlich auch.
Der Abend, an dem wir alle begannen, in das Chaos, die Angst und die Düsternis zu gleiten, in das Töten und die Jagd und die Flucht, und lange bevor ich verstehen sollte, was wirklich hinter all dem steckte – der Abend war eigentlich ganz normal.
Außer, dass Kasper hier war. Ich kannte seinen Namen noch nicht. Noch weniger wusste ich, dass sein ursprünglicher Name Kacper war, mit „c“, weil er aus Polen kam, und dass er sich erst Kasper nannte, seit er in Berlin wohnte. Man hört das nicht mal, aber es ist doch ein ganz kleiner Identitätswechsel.
Er musste sich verirrt haben. Seine zarte Haut, sein volles, sanftes Haar und sein Erektionswinkel verrieten, dass er noch keine dreißig Lenze zählte. Vielleicht keine fünfundzwanzig.
Meine Haut, mein Haar und mein Erektionswinkel … aber lassen wir das.
Jedenfalls war es nicht in erster Linie seine Jugend, die ihn fehl am Platze erscheinen ließ – da waren auch andere in seinem Alter, auch Jüngere, nein, es war diese Unschuld in seinem Gesicht, in seinen Bewegungen. In seinem Augenaufschlag. Das Rätsel in seinen Augen. Wahrscheinlich sollte ich es einfach Unsicherheit nennen.
Als wir uns küssten, spielte er mit seinem Blick, schielte spielerisch übertrieben auf meine Nasenspitze, kleine Grimassen, entfloh meiner Zunge, schnappte dann danach, lächelte liebevoll, machte plötzlich wieder ein ganz ernstes Gesicht – Teenager-Spiele, und er roch so gut.
Irgendwie, dachte ich, gehörte er hier nicht hin.
Aber natürlich tat er es doch. Eine seltene Pflanze.
Jedenfalls war der Abend eigentlich ganz normal. Ich trank ein Bierchen an der Bar und rauchte eine Zigarette. Wolfgang kam mit einem circa dreißigjährigen Typen ohne Haare, aber mit athletischem Körper, an mir vorbei und nickte freundlich. Drei Meter weiter legte der sich dann in den Sling, während Wolfgang ihn gemütlich fickte. Ich wandte mich diskret zur Seite. Nicht, dass es eine Rolle spielen würde, aber wir kennen uns seit über zehn Jahren, hatten nie Sex miteinander und unsere Beziehung ist eher familiär, entfernte Cousins. Deshalb die diskrete Haltung, im 45-Grad-Winkel abgewandt.
Das Lab ist, wie gesagt, im Erdgeschoss eines ehemaligen Heizkraftwerkes. Hohe Räume, Rohre an den Wänden und der Decke, eine Wand aus Backstein, eine andere aus Sichtbeton, irgendwo eine Stahltonne, ein Bock aus einer Turnhalle, Pritschen, Teile des Raumes mit Stahlgittern abgegrenzt und es lief diese hypnotische Musik: „I’ve been thinking too much about you, I’ve been staring at the floor. Constantly thinking about you and I can’t get through this at all…“ Eine laszive Frauenstimme. Lasziv, aber keine Spur billig, keine Spur schwach. Ganz Kraft. Ganz Sehnsucht. Ganz Sex.
Henrik stand an der Bar. Das ist fast die einzige Erinnerung, die ich von diesem Abend an ihn habe. Er trug eine Jeans, sein Oberkörper war nackt.
Ich sah Simon an ihm vorbeigehen, seine Hand nach Henriks Schritt ausstrecken, aber Henrik schob Simons Hand, nicht unfreundlich, aber doch, beiseite. Simon schien das nicht weiter zu kümmern. Er durchquerte leichten Schrittes den Raum, mit einem Grinsen für mich. Als er sich langsam weiter hinten in den Tiefen der Darkrooms zu verlieren begann, löste sich ein blonder junger Mann mit scharfgeschnittenem Gesicht aus dem Schatten der Wand und folgte ihm. Der Blonde trug eine kurze Sporthose und ein sehr weit geschnittenes tank top. Weiche Haut über harten Muskeln. Langsamer, aber entschlossener Schritt. Ich dachte – ich weiß es noch genau –, ich dachte: Der hat doch ein Klappmesser in der Tasche. Schwer zu glauben, ich weiß, aber das schoss mir wirklich durch den Kopf.
Wahrscheinlich nur als Symbol, als Symbol des Eindringens, Freud und der ganze Quatsch.
Das Publikum war bunt gemischt, alle Altersstufen, alle Gewichtsklassen. Auch der Typ im Rollstuhl war wieder da. Einmal habe ich hier jemanden gesehen, der war bestimmt nicht größer als 1,30 Meter, aber kein typischer Kleinwüchsiger mit diesem gedrungenen Körperbau, sondern einfach ein ganz normaler, schlanker Mann. Nur eben in Miniatur-Ausgabe. Um mich herum viele Formen des An- und Ausgezogenseins: von ganz nackt, über Unterwäsche oder Speedos – das war auch die Kleidung meiner Wahl – oder Jeans und freiem Oberkörper bis zu vollständig bekleidet. Natürlich gab es Männer in Leder oder Gummi, einer trug eine Gasmaske, zwei American-Football-Kerle waren da, deren ausgestopfte Schultern knapp unter der Sonne quer durch den Raum ragten. Sportswear war sowieso recht verbreitet. Einer trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „FC Bayern München“, was in Berlin entschieden das mutigste Outfit ist – und deshalb fand ich es auch das coolste. Der dreiundzwanzigjährige Punk, dessen Namen ich vergessen habe, war da. Ich erinnerte mich, dass er mir mal erzählt hatte, wie er mit siebzehn zum ersten Mal einem Schulfreund, auf dessen Aufforderung hin, irgendwas in die Harnröhre eingeführt hatte.
Ich meine, was für eine Sauerei.
Alle möglichen Sprachen liefen an mir vorbei.
Wie gesagt, der Abend war eigentlich ganz normal.
Und dann sah ich eben Kasper, wie er hinten aus dem Darkroom kam, offenkundig unberührt – jedenfalls heute. Ich war fasziniert von seiner unschuldigen, ruhigen Ausstrahlung. Obwohl die ganze Fickerei ihm wahrscheinlich in dieser Menge neu war – oh, ich habe vergessen, zu erwähnen, dass überall gefickt wurde: also an der Bar, in den Gängen, einfach überall. Mal zu zweit, mal zu dritt, mal – was du willst. Der übliche Anblick, bei dem ich immer an Goethe denken muss: „Wie alles sich zum Ganzen webt, wie eins im andern wirkt und lebt.“
Jedenfalls – Kasper schien es nicht allzu sehr zu irritieren. Wobei mir sein Desinteresse nicht gespielt vorkam.
In diesem Moment kamen Wolfgang und sein neuer Genosse an die Bar, er hieß Mitja und war Russe. Wolfgang war schweißnass und Mitja staubtrocken, was vielleicht an der Aufgabenteilung während ihrer fünzehnminütigen Affäre lag. Wolfgang holte was zu trinken, während ich, ein paar Worte mit Mitja wechselnd, weiter Kasper beobachtete, der nach hinten in einen der anderen Darkrooms ging.
Warum es in einer Bar, in der die Leute überall Sex haben, Darkrooms gibt, kann ich nicht erklären.
Jedenfalls folgte ich ihm mit dem Blick.
Er gefiel mir. Erst mal rein körperlich. Er war einfach mein Typ. Schlank, meine Größe, also ca. 1,75 Meter, hübsches Gesicht und er bewegte sich cool, nach meinem Geschmack, schlurfend und dann dieses leicht amüsierte Grinsen. Nach dem Motto: Habt ihr sie noch alle?
Natürlich nicht.
Ich mochte auch seinen Arsch. Ich mochte seine lustigen, quietschbunten Turnschuhe. Er bestellte sie im Internet und ließ sie sich aus Korea schicken. Er war ein Asien-Fan, ich weiß das jetzt.
Ich weiß mittlerweile, dass er auf Flugzeug-Abstürze stand. Wenn etwas kritisch war, also auf harmlose Art, man kommt zu spät oder hat sein Handy zu Hause vergessen, rief er in Panik: „Too low terrain, too low terrain! Pull up! Pull up!“ Wenn er im Aufzug fuhr, sang er „I believe I can fly“, und weil er sowieso eine Parallele zwischen Lift-Fahren und Fliegen sah, und irgendwie gibt es die ja auch, hatte er mir mal vorgeschlagen, wie bei einem Charter-Flug zu applaudieren, wenn der Aufzug an einem Stockwerk hält. Weil es der Landung entspricht. Natürlich nur, wenn andere Leute im Lift sind.
Wir haben es nicht getan.
Nun ja. Kasper. Was kann ich dafür? Ich hab ihn nicht erfunden.
Jedenfalls, als Wolfgang mit zwei Getränken zurückkam, entschied ich mich, Kasper zu folgen.
Das hätte ich natürlich nicht tun sollen. Jetzt weiß ich das auch.
Also, ich folgte ihm in einem gewissen Abstand. Sein Blick glitt über den Boden. Er suchte wahrscheinlich nach Stolperfallen, Minen oder gespannten Drähten. Bläuliches Licht und die hämmernde Musik. Irgendwann blieb er stehen und ich ging langsam auf ihn zu. Er lehnte an einer Wand und ich stellte mich neben ihn. Aus einem, mir immer noch unerklärlichen Zufall heraus, streifte meine Hand seinen Oberschenkel. Er zuckte nicht zurück. Also rutschte ich ein wenig näher an ihn heran – das übliche Spiel eben, aber was dann passierte, hatte ich doch nicht erwartet. Plötzlich legte er seine Hände um meinen Hals und schmiegte sich an mich. Umarmte mich ganz fest. Unwillkürlich schloss ich meine Arme um seine Taille. Er rieb seinen Kopf an meiner Schulter, wie eine Katze, und wollte gestreichelt werden.
An diesem Punkt liefen die Dinge ein wenig aus der Spur.
Also wirklich. Alles, was recht ist. Irgendwo war doch eine Grenze.
Das ganze Geficke und der Sex und so, okay, aber das, diese plötzliche Nähe, das war zu intim. Das war … unerhört. Das gehörte sich doch nicht! Diese Nähe. Ich meine, also wirklich.
Und ich hätte es hier schon wissen müssen, es war schon klar: Er ist stärker als ich. Dabei bin ich älter, ein paar Zentimeter größer, bin breiter, habe mehr Muckis und der ganze Scheiß.
Ja, ich weiß natürlich, dass das keine Rolle spielt.
Wir standen vielleicht eine Viertelstunde kuschelnd inmitten der üblichen Fick-Horde.
Ich dachte immer schon, das Lab ist ein Seelenraum, das Lab ist ein Unterbewusstsein. Es ist nicht einfach eine Sexbar. Vielleicht bist du an keinem Ort so sehr du wie hier. Weil sowieso schon alles egal ist. Wenn du die Bar betrittst, gibst du am Anfang so viel von deinen Klamotten in dem Müllsack an der Garderobe ab, wie du willst. Mancher packt vielleicht noch seine Wartenummer vom Arbeitsamt mit rein, ein anderer seinen Porsche-Schlüssel, aber jeder seine bürgerliche Existenz. Und dann bist du einfach du.
Als wir ausgekuschelt hatten, ging er wieder. Er ging einfach wieder.
Schließlich marschierte ich zurück zur Bar, holte mir was zu trinken und stellte mich einigermaßen konsterniert zu Wolfgang und Mitja, die mittlerweile in ein angeregtes Gespräch vertieft waren. Ich stand ein wenig entrückt neben den beiden und dachte, also wirklich, was war denn das.
Später lief Kasper an mir vorbei und ich bot ihm ein Bier an. Heute war two-for-one, also hatte ich sowieso eins übrig. Aber Kasper lehnte ab. Dann verschwand er und nach einer guten halben Stunde kam er wieder. Diesmal war er es, der zwei Biere dabei hatte und mir eins anbot. Ich nahm es.
Wir gingen in eine Ecke und knutschen. Er hatte grüne Augen. Sie explodierten hinter meiner Stirn.