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Sibylle Meyer

Der Weg des Bösen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Weg des Bösen- Sibylle Meyer

 

 

2. Auflage

© Sibylle Meyer

 

-Alle Rechte vorbehalten-

 

Diese Geschichte ist reine Fiktion. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

 

Umschlaggestaltung: Sibylle Meyer

 

Titelbild: Viktoriapark /Kreuzberg- Berlin

 

 

 

 

 

 

Der Weg des Bösen

 

Obwohl gerade in Berlin der April zumeist regnerisch und dunkel war, lachte die Sonne heute am strahlendblauen Himmel und tat genau so, als wenn es mitten im Hochsommer wäre. Die große Stadt wirkte dadurch bei weitem freundlicher, als sie es in den letzten Tagen getan hatte. Eigentlich waren die letzten beiden Wochen nur verregnet und hatten von Unfreundlichkeit nur so getrotzt.

Eva Härtling stand am Fenster und blickte hinab auf die belebte Straße. Die Menschen, die dort unten umherliefen, genossen den warmen, angenehmen Wind und die Freundlichkeit des Tages. Jedenfalls dachte Eva, dass es so war. Die ersten warmen Sonnenstrahlen nach kalten Tagen wurden doch immer begrüßt, oder etwa nicht? Nur Eva hatte heute kaum ein Auge für das Wetter und den strahlendblauen Himmel. Stattdessen starrte sie aus tränenüberströmten Augen aus dem Fenster, drehte sich dann wieder abrupt um und lief ziellos durch ihre Wohnung.

Eva war meistens gerne zu Hause. Sie war stolz auf ihre Zweizimmerwohnung im Herzen von Kreuzberg, die sie sich selbst nach eigenem Geschmack liebevoll eingerichtet hatte. Eine dunkelrote Couchgarnitur aus Lederimitat, dazu passend einen Tisch aus Buchenholz, der allerdings einen Anstrich erhalten hatte, dass es schien, er wäre aus echtem Mahagoni und ein hellgrauer Schrank aus Birkenholz bildeten die hübsche Einrichtung.

Eine urig moderne Lampe und helle Auslegware, die sie billig bei Domäne erstanden hatte, verliehen ihrem Wohnzimmer einen Hauch von Eleganz und Modernität. Sie lebte gerne hier. Die Menschen hier waren herzhaft natürlich; nicht so snobistisch veranlagt, wie in der Gegend, in der Eva aufgewachsen war und in der immer noch ihre Mutter lebte.

Sie war froh gewesen, den immer neugierigen Blicken und dem ständigen Naserümpfen der Nachbarn ihrer Eltern entkommen zu sein.

Eva war in einer der reichsten Gegenden Berlins aufgewachsen, in der niemand zu leben schien, der nicht zumindest einen Doktortitel vorzuweisen hatte. Natürlich gab es auch einige, denen einfach das Glück zu Wohlstand verholfen hatte, aber die waren dann am aller schlimmsten.

Nur nicht aus der Rolle fallen, war ihre Divise. Nein, diese Einstellung hatte ihr nie gefallen, und als sie dann endlich über ein Alter verfügt hatte, wo man sich von seinem Elternhaus loseisen konnte, ohne dass es zu sehr nach Flucht aussah, und als sie dann auch über genügend Eigenkapital verfügt hatte, um sich diese Wohnung leisten zu können, hatte sie schnell ihren Koffer gepackt, und war gegangen. Wenn Eva jetzt an ihr damaliges Zuhause dachte, konnte sie nur mit dem Kopf schütteln. Dort hatte sie immer das Gefühl gehabt, von allen anderen ausgeschlossen zu sein. Warum eigentlich? Auch ihre eigene Familie war nicht gerade arm. Auch sie besaßen eine zweistöckige Villa und ein größeres Grundstück.

Vielleicht war ihr Vater daran schuld? Er war ausgezogen und ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als Eva zehn Jahre alt gewesen ist. Eva war damals sehr traurig gewesen, daran konnte sie sich noch gut erinnern. Heute fragte sie sich allerdings, wie diese beiden doch so grundverschiedenen Menschen, überhaupt eine Ehe hatten führen können. Ihre Mutter war die Tochter einer steinreichen Professorenfamilie, die oftmals sogar für die höchste Prominenz tätig gewesen war. Ihre Mutter selbst erhielt ihren eigenen Professorentitel in Geografie, als sie nicht älter als dreißig war. Ihr Vater war ein kleiner Arbeiter gewesen, und ihre Mutter hatte Zeit ihrer Ehe versucht, ihm eine bessere Stellung zu verschaffen, die er allerdings gar nicht haben wollte. Darum hatten sie sich getrennt, und die einzige, die über diese Trennung geweint hatte, war Eva gewesen.

Trotzdem, oder vielleicht sogar weil ihre Eltern getrennt waren, hatte sich ihr Verhältnis zu ihrem Vater nur noch

liebevoller entwickelt. Eva liebte ihren Vater, und vielleicht war das der Grund gewesen, dass sie sich im Hause ihrer Mutter immer so fehl am Platze gefühlt hatte. Trotzdem hatte sie Jahre lang versucht, ihrer Mutter alles Recht zu machen;

Eva war aufs Gymnasium gegangen, hatte ihr Abitur gemacht und angefangen Literatur zu studieren. Allerdings nur vier Semester lang. Dann hatte sie ihrer Mutter wohl den größten Schock verpasst, als sie nicht nur ihr Studium schmiss, sondern noch dazu bei der Schwester ihres Vaters in die Lehre ging. Aber sie war als Friseurin hundertmal glücklicher, als sie es jemals in einer der vielen Vorlesungen auf der Uni gewesen war. Aber vielleicht war der Grund auch nur, weil dort eines der wichtigsten Dinge waren, immer den Garten grüner zu haben, das Haus sauberer und das Auto größer. Falls die Menschen, die hier wohnten, dieses Spiel des gegenseitigen Ausstechens ebenfalls kannten, geschah es in viel kleinerem, bescheidenerem Rahmen, und man musste erst hinter die Fenster sehen. Hier geschah kein Protzen auf offener Straße, hier hatte keiner Angst, dass ein Fremder, der nur zufällig vorbei kam die Nase rümpfte nur weil der Garten, vor der Haustür nicht die teuersten Pflanzen und Steinanlagen aufzuweisen hatte. Als Eva dann auszog um sich ihr eigenes Leben aufzubauen hatte ihre Mutter ihr sämtliche finanzielle Unterstützung gestrichen. Aber Eva war das egal gewesen. Sie war stolz darauf, aus eigenen Kräften und mit eigenem Geld ihr Leben zu meistern.

Wenn sie nun hier aus ihrem Fenster schaute, das in der vierten Etage lag, fiel ihr Blick auf schöne, alte Häuser und eine belebte Straße.

Auf dem breiten Mittelstreifen standen mächtige alte Bäume.

Zumeist Kastanien, die im Herbst in goldroten Farben leuchteten. Das geschäftige Treiben, das erst vollkommen ungewohnt für sie gewesen war, hatte ihrer Seele gut getan.

Es hatte aus ihr, zumindest nach eigenem Empfinden, einen normalen, unkomplizierten Menschen gemacht.

Doch heute wusste sie nicht recht, ob ihr Heim nun Zuflucht oder Gefängnis war. Sie fühlte sich so mies!

Niedergeschlagen und verzweifelt suchte sie nach einem Grund. Ihr Blick fiel auf ihren Spiegel. Für einen kurzen Moment hörte sie auf zu schluchzen und widmete sich, voller Aufmerksamkeit, ihrem eigenen Spiegelbild. Eva war vor ein paar Tagen fünfundzwanzig geworden, doch heute wirkte sie bei weitem älter. Ihre Finger zeichneten die dunklen Ringe, die sich unter ihren Augen gebildet hatten, nach.

Dann tasteten sie sich über ihren Hals, ihre Taille, bis zu ihrem Bauch. Hatte sich schon etwas an ihr verändert?

fragten ihre Augen, die sie aus dem Spiegel heraus kritisch anstarrten. Unsinn! Schnippisch zog sie ihre schmale Nase kraus, wandte sich schlagartig wieder um und nahm ihren unruhigen Spaziergang durch ihr Wohnzimmer wieder auf. Das einzige, das ihr wiederholtes Schluchzen, das zwar mittlerweile tränenlos blieb, übertönte war Terry Yacks Stimme, die zum hundertsten Male Season in the sun erklingen ließ. Eva hatte ihren CD-Player auf Wiederholung gestellt. Warum sie das getan hatte, und warum sie sich diesen Song immer noch anhörte, hätte sie nicht sagen können. Die Musik tat ihren Nerven nicht gut. Im Gegenteil, alles wurde durch dieses Lied nur noch schlimmer! Dennoch versagten ihre Hände ihr den Dienst, wenn sie die Musik abstellen wollte. Evas Hände glitten durch ihr mittelblondes Haar und über ihr heißes Gesicht. Ihr Kopf war leer. Leer von all den Tränen, die sie seit gestern vergossen hatte. Erschöpft ließ sie sich auf einen Sessel fallen. Langsam machten ihr Kopfschmerzen zu schaffen. Sollte sie sich darüber wundem? Sicher nicht!

Plötzlich vernahm sie das Klingelzeichen an ihrer Wohnungstür. Aus leergeweinten Augen starrte sie ungläubig in ihren Flur. Unfähig sich zu bewegen. Erst als der Klingelton zum vierten Male erklang, raffte sie sich endlich auf. „Moment bitte!" kam es kläglich und leise aus ihrer wunden Kehle.

Niemals zuvor war ihr eine einzige Bewegung so schwer gefallen! Dabei war sie doch Minuten vorher noch durch die ganze Wohnung gehetzt!

 

Mit bleiernen Gliedmaßen erhob sie sich schwerfällig aus ihrem Sessel und stolzierte mit steinernen Beinen, zur Wohnungstür. Der Besuch schien mittlerweile seinen Finger nicht mehr von der Klingel zu bekommen. Der Ton ging ihr auf die Nerven. Trotzdem schaffte sie es nicht, ihren Füßen einen schnelleren Gang zu befehlen. Endlich hatte sie die Klinke in der Hand.

Bernd, ihr langjähriger Freund und seit zwei Jahren auch Kollege, starrte sie verdattert an.

"Ich glaube, du hast auch schon mal besser ausgesehen!

Ist was nicht in Ordnung?" stammelte er verlegen. Aus ratlosen Augen blickte er sie einen Moment an. Doch dann nahm er das aufgelöste Mädchen nur in seine Arme und drückte sie sanft.

Eva hing in seinen Armen wie eine Puppe. Bernd glaubte beinahe sie atme nicht einmal mehr. Doch dann traten neue Tränen in Evas hübsche, blaue Augen und ein neuer Schwall haltlosen Schluchzens ließ ihren schlanken Körper beben.

"Was ist denn nur los? Hey, erzähl schon!" forderte Bernd sie liebevoll auf. Er hätte nicht gedacht, dass sie ihn verstehen könne, so laut war ihr Weinen geworden.

Vorsichtig schob er sie erst einmal zurück in ihre Wohnung und schloss die Tür.

"Dieser verdammte, bepisste Scheißkerl!" würgte Eva schließlich hervor.

Bernds Augen wurden groß. Solche Ausdrücke nahm Sie sonst niemals in den Mund. Was war denn nur los?

"Burkhard?" fragte er ungläubig.

Evas Kopfnicken folgte seiner Frage, noch ehe er die erste Silbe ausgesprochen hatte. Noch dazu war es so heftig, dass Bernd nun schon Angst haben musste, sie würde buchstäblich ihren hübschen Kopf verlieren.

"M' ich verstehe! Ihr habt euch also gestritten?!- Aber Hey, das soll vorkommen! In den besten Beziehungen! Aber das ist doch kein Grund, gleich das Ende der Welt voraus zu sagen!"

 

Bernd setzte ein schiefes Grinsen auf, das ihm aber nicht so richtig glücken wollte und blitzte Eva spitzbübig an. Doch Evas Augen blieben leer und seltsam starr. Es kam keinerlei Reaktion auf sein aufmunterndes Lächeln. Auch Bernds Mundwinkel zogen sich gezwungen wieder zurück.

"Also doch so schlimm?" konnte er nur dumm fragen. Etwas anderes fiel ihm jetzt auch nicht mehr ein. Was nützten alle guten Worte? Liebeskummer musste nun mal jeder alleine meistern! Dennoch verstand Bernd eigentlich immer noch nichts.

Doch da stammelte Eva erregt:

"Er hat Schluss gemacht! Er hat eine andere! - So 'ne verfluchte rothaarige Hexe! - Diese dreimal verfluchte Schlampe...! " Evas Stimme hatte jetzt einen heiseren, und doch schrillen Klang angenommen. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, so dass ihre Fingernägel sich tief ins Fleisch gruben. Ruckartig löste sie sich aus seiner leichten Umarmung und lief rückwärts einige Schritte. Vor ihrem Spiegel blieb sie dann plötzlich wieder stehen, starrte hinein und begann auf einmal wie besessen zu lachen.

"Da, „ schrie sie und zeigte auf ihr Spiegelbild, "Da, sie dir das an!" Blitzschnell, mit einer kraftvollen, schnellen Drehung fegte sie plötzlich ein Bild, einen Parfümflakon und alles Mögliche, das sich noch auf ihrer Konsole befand, zu Boden.

Wut war in ihr Gesicht getreten. Keine Verzweiflung mehr, eher eine wahnsinnige, alles zerstörende Wut! Bernd trat erschrocken einen Schritt rückwärts und beobachtete sie aus erstaunt aufgerissenen Augen. Eva starrte für Sekunden auf die Parfumflasche, deren Inhalt sich jetzt auf dem Parkettboden ergoss und das Foto von Burkhard, dessen Glas nun einen Sprung quer über sein Gesicht zeigte. Noch einmal fuhr ihre Hand hoch, zur Faust geschlossen schlug sie auf ihren Spiegel ein. Ein knirschendes Geräusch verriet, dass auch dieses Glas jetzt aufgegeben hatte. Vier große Stücke

Spiegelglas kippten, wie in Zeitlupe, nach vorne und zerbarsten vollends auf dem Holzboden. Die Scherben deckten den ganzen Fußboden ab. Doch das Geräusch, des berstenden Glases, hatte Eva wieder zu Besinnung gebracht.

Zitternd starrte sie auf ihr Zerstörungswerk.

Bernd war nun ganz und gar fassungslos. Erst nach einigen Sekunden, in denen er Eva nur beobachtete, während sie noch immer auf den Boden starrte, fiel sein Blick auf Evas Hand. Ein Strom roten Blutes ergoss sich daraus auf die glitzernden Scherben. Jetzt endlich kam wieder Bewegung in Bernd. Er schüttelte mit dem Kopf, um dann aber gleich ins Badezimmer zu stürzen, und mit einem Handtuch und einem Lappen wieder zu kommen.

"Mann oh Mann“, murmelte Bernd nur, während er das Handtuch um ihr Handgelenk schlang.

Dann sah er sich wieder dem zertrümmerten. Spiegel gegenüber.

"Nun wirst du wirklich Pech haben! Sieben Jahre.. Hat ja bereits angefangen. Ganz schön tiefer Schnitt, den du dir da zugezogen hast! - Ich glaube, ich werde dich zu einem Arzt fahren. Muss bestimmt genäht werden.“ Ungläubig schaute Eva auf ihre Hand. Unter dem dicken Handtuchverband sickerte langsam etwas Blut durch. Doch nun musste Eva doch grinsen.

"Typisch Schwuchtel!" meinte sie dann nur. " Wegen jedem bisschen gleich zum Arzt.." Evas Augen sahen ihn wieder ganz normal an. Na, wenigstens hatte sie sich wieder beruhigt. Schnippisch warf sie jetzt ihren Kopf in den Nacken und meinte spitz:

"Pah! Konnte das auch schon mal besser!"

"Was meinst du?" fragte Bernd, erstaunt über diese unerwartete Wandlung.

"Na, Spiegel zerschlagen. Du hättest mich eben als Teenie kennen müssen. Da hätte ich sicher nicht einen Kratzer abbekommen." Sagte sie und ließ dabei völlig außer Acht, dass Bernd sie ja bereits als Kind gekannt hatte.

Eva wandte sich jetzt ihrem Wohnzimmer zu und setzte sich hin. Bernd tat es ihr nach und nahm neben ihr Platz. Eine Weile saßen sie nur schweigend da, dann schüttelte Eva den Kopf und meinte leise:

"Eigentlich hatte ich ja gedacht, ich hätte mir solche Unarten abgewöhnt. Schließlich muss ich ja jetzt alles allein bezahlen.

Ist doch viel zu teuer! -- Aber vielleicht gehören solche Unarten einfach zu einer Schwangerschaft. Was meinst du?" Eva schüttelte wieder den Kopf. Diesmal nur heftiger. Sie rollte ihre Schultern, als beabsichtige sie ihre Muskeln zu locken. Doch dann fielen ihre Schultern wieder nach vorne und sie sackte in sich zusammen.

Ungläubig überrascht, vielleicht auch schockiert, starrte Bernd sie an.

"OH Evi, das ist es also! -- Du bist schwanger?!-- Dieser verfluchte Typ! -- Sag mal, weiß er es überhaupt? Lässt du es weg machen? Du willst doch das Kind nicht behalten, oder? Irre Situation!" Bernd war nun völlig durcheinander. Was sollte er dazu sagen. Er wusste nicht, wie man mit solch einer Situation umgehen sollte!

Aus wieder tränenfeuchten Augen blickte Eva ihn nun direkt an. Dann stahl sich wieder ein Lächeln in ihr Gesicht.

"Mensch, du tust ja gerade so, als solltest du das Kind bekommen!" Ihre Hand wischte die letzten Tränen fort und ihr Lächeln wurde jetzt sogar freier.

Bernd atmete sichtlich auf. So gefiel sie ihm schon besser.

Jetzt glich sie mehr der Eva, die er kannte.

"Was hast du denn jetzt vor? Mit dem Kind.. meine ich. "

Eva blickte kurz zu Boden, dann zuckte sie nur die Schultern.

„Ich weiß nicht! Ich muss noch darüber nachdenken. - Aber ich weiß, was wir jetzt machen!" Sie ließ ein stockendes Lachen erklingen.

„Ich gehe jetzt da rein“, Sie zeigte bestimmt auf die Badezimmertür, „und werde sehen, dass ich mich einigermaßen wieder herrichten kann. Du könntest ja vielleicht, in der Zwischenzeit, die Scherben etwas zusammen fegen. Bist du so lieb?" Jetzt zog sie eine Grimasse, die Bernd ein amüsiertes Grinsen entlockte.

„Und dann gehen wir aus. Ich finde, das sollte alles gefeiert werden. Ich lade dich ein! - Mal sehen… Vielleicht erst mal gut essen gehen, und dann vielleicht Billard? Wie wär's?

Oder nein! Wir gehen tanzen! Was hältst du davon?" Eva schaute Bernd an. Doch in ihrem Blick war keine Frage.

Ihre Augen verrieten, dass ihr Vorschlag bereits abgemachte Sache war. Bernd kam sich unsicherer denn je vor. Seine Augen spiegelten Überraschung und Ratlosigkeit wieder.

Beides in gleichen Maßen. Doch dann nickte er nur stumm.

Sein Blick schien zu sagen: Verdammt! Lerne einer die Frauen kennen! Eva musste lachen. Doch dann sagte er:

"Klar doch! Mann, das nenn ich einen Stimmungswechsel!"

Während Eva sich im Bad fertig machte, dachte sie an Bernds überraschtes Gesicht. Sie fragte sich, ob überhaupt ein Mann jemals eine Frau verstehen würde. Eva band sich ihre langen Haare zu einem Zopf, den sie mit einer silbernen Spange zusammen hielt. Dann trug sie das Make-up sorgfältig auf. Nachdem sie auch noch etwas Schminke benutzt hatte, betrachtete sie ihr Gesicht selbstsicher im Spiegel. Ihre dicken Augenringe waren gekonnt weggeschminkt. Sie konnte zufrieden sein. Was nur fand Burkhard an dieser anderen?

Als sie dann bereits nach wenigen Minuten, aus dem Badezimmer trat, hörte sie auch Bernds anerkennendes Pfeifen. Das tat er nicht gerade oft. Er war einfach nicht der Typ, für Komplimente, und erst recht nicht bei einer Frau.

"Man hat ja nicht umsonst einen Kosmetikkurs absolviert!" sagte sie lachend und streckte ihre Nase provozierend in die Luft.

Hätte Bernd nicht selbst diesen Ausbruch von Leid und Wut erst vor wenigen Minuten miterlebt, hätte er geglaubt, alles sei in bester Ordnung.

Eva führte ihn als erstes in ein Restaurant, wo sie ihre Schwangerschaft allerdings tatsächlich unter Beweis stellte.

Bernds Augen wurden immer größer, angesichts des vielen Essens, das Eva heute in sich hinein stopfte. Normaler weise war er es immer, der viel zu viel aß. Nicht selten tat es ihm Tage später wieder leid. Wenn er zum Beispiel, seinen dicker gewordenen Bauch einziehen musste, um überhaupt in seine Jeans zu passen. Doch heute konnte er nur zusehen. "Irgendwie merkt man wirklich, dass du schwanger bist!" konnte er sich dann nicht verkneifen fest zu stellen.

Eva zog für Sekunden einen Schmollmund, aß aber dann unbekümmert weiter.

"Vielleicht!" nuschelte sie nur, während sie den Mund noch voller Eis hatte. "Aber vielleicht ist das auch nur dieses berüchtigte Wutfressen. Soll's ja geben! Aber jetzt bin ich auch wirklich satt. Sonst kann ich mich ja nachher nicht bewegen. Schließlich wollten wir ja tanzen gehen! Früh genug werde ich wohl sowieso zu schwerfällig werden. Mir graust es schon jetzt, bei dem Gedanken!"

"Du willst es also doch behalten? Ohne Vater?"

"Sch... drauf Wer braucht denn schon einen Vater?!" schnippisch pustete Eva los. Dann wischte sie dieses leidige Thema mit einer kurzen Handbewegung vom Tisch, bevor sie den Ober heran rief.

Eva zahlte und sie verließen das Lokal. Bernd nahm sich vor, heute lieber nicht mehr zu viel zu sagen. Wer konnte schon wissen, wie Eva die Worte heute aufnehmen würde. Er beschloss, sie einfach entscheiden zu lassen. Innerlich nickte er sich selbst anerkennend zu. Vielleicht kam er ja doch mit solch einer Situation ganz gut zurecht?

Eva ließ den Taxifahrer vor einer Disco in der City halten.

Nach einer halben Stunde hatte Bernd dann doch das Gefühl es könne ein angenehmer Abend werden.

2

 

Nach anfänglichem Schweigen, in das beide verfallen waren, lockerte sich die Stimmung doch zusehends. Eva schien sich bester Laune zu erfreuen. Sie lachte und wirbelte auf der Tanzfläche herum, so als hätte es die Ausbrüche zu Hause gar nicht gegeben. Die meisten Gäste der Diskothek, hielten sie beide wohl für ein Pärchen der Traumfabrik. Bernd musste innerlich schmunzeln. Für ihn war das Ganze etwas seltsam und ungewohnt. Dennoch genoss er dieses Spiel, was ihn allerdings selbst wunderte, schließlich verkehrte er ansonsten in ganz anderen Kreisen! Aber so langsam taten ihm auch die Beine weh, und er strebte wieder der Sitzecke zu. Eva dagegen schien überhaupt nicht genug bekommen zu können. Sie konnte gut tanzen; das musste selbst Bernd zugeben. Jetzt, so allein auf der Tanzfläche, fehlte es Eva auch nicht an gut aussehenden Männern, die vielleicht sogar versuchten mit ihr anzubändeln. Eva lachte nur und wirbelte weiter über ihre eigene Bühne. Bernd hob sein Glas und ließ sich das köstliche, kühle Bier durch die durstige Kehle laufen. Lächelnd lehnte er sich zurück und beobachtete Eva und die Männer, die sich um ihre Gunst zu reißen schienen.

Natürlich beobachtete er aber meistenteils die Männer. Normalerweise hätte es ihn gestört, sich diesem Teil nicht ganz und gar hingeben zu können. Doch Eva schien wohl doch etwas zu viel getrunken zu haben. Das konnte er an ihrem Gesichtsausdruck ablesen.

Irgendwie beunruhigte ihn das. Eigentlich war es nicht seine Art, dermaßen auf sie acht zu geben. Na ja, diesmal war doch etwas anders als sonst, sie war schließlich schwanger. Hieß es nicht immer, Alkohol würde dem Kind schaden? Und sie wollte es doch behalten, oder etwa doch nicht? Etwas genervt, von seinen eigenen, übertriebenen Sorgen, und der noch dazu störenden Erkenntnis, dass er sich dieses Kind wirklich wünschte, schaute er auf seine Armbanduhr. Nur wenige Sekunden fehlten bis Mitternacht. Als homosexueller würde er sonst wohl kaum in den Genuss kommen ein eigenes Kind zu haben, bei Evas Kind hätte er wenigstens die Möglichkeit Onkel zu sein. Wäre sicherlich schön, dachte Bernd. Ob er Eva dazu überreden könnte, für heute genug sein zu lassen?

Noch ein, zwei Tänze wollte er ihr gönnen, und sie dann darauf ansprechen. Bernd wurde es schon ganz mulmig,

wenn er an den nächsten Tag dachte, wo der Wecker ja wieder um 6.30h sein schrilles Klingeln hören lassen würde. Tief atmete er ein. Doch der gewollte Kick kam nicht. Kein Wunder, bei diesem Qualm hier drinnen!

Plötzlich begann das Licht zu flackern und dann war es stockdunkel in der Disco. Auch die Musik war verstummt.

Stromausfall! Doch es blieb keine Zeit, um darüber beunruhigt zu sein; binnen weniger Sekunden waren die vielen Lichter wieder an und auch die Musik lief weiter.

Kaum einer der Gäste hatte sich dadurch stören lassen.

Bernds Augen suchten nach Eva. Da sah er sie! Sie stand, als wäre sie angewurzelt. Nichts an ihr war noch in Bewegung.

Ihre Augen waren, soweit Bernd das von hier aus sehen konnte, weit aufgerissen. Ihr Gesicht wirkte, jedenfalls in diesem Flackerlicht, wie eine wächserne Maske. Bernd sprang auf und lief auf sie zu. Er griff ihr an die Schultern und begann sie sanft zu schütteln.

"He Eva, ist dir nicht gut? Komm, das war wohl doch zu viel!" Er blickte ihr jetzt direkt ins Gesicht. Ihre Augen waren wirklich aufgerissen und ihr Blick ging in irgendwelche Fernen. Bernd jagte es eine kalte Gänsehaut über den Nacken. Was war nur los mit ihr? Doch jetzt blinzelte sie. Ihr Blick normalisierte sich wieder, was bei Bernd einen Seufzer der Erleichterung auslöste.

"Hat dir der Stromausfall etwa solche Angst eingejagt?" fragte er und versuchte seiner Stimme etwas Belustigung zu verleihen.

Fragend sah Eva ihn an.

"Von was sprichst du eigentlich?" Unwirsch machte sie sich los und verließ die Tanzfläche von ganz allein. Er musste sie nicht erst bitten. Eigentlich hätte ihm das recht sein können, wenn nicht dieser seltsame Ton in ihrer Stimme gewesen wäre. Bernd lief ihr nach. Sie war bereits durch die Tür, als er sie einholte. Auf der Straße wirkte sie plötzlich wieder ganz normal. Sie lächelte, als wäre nichts gewesen. Verdammt, das machte ihn ganz nervös! Lag das nun wirklich an der Schwangerschaft?

Eigentlich wäre er selbst gerne Vater geworden, aber seine Veranlagung sprach nun mal dagegen. Bernd seufzte leise und heftete seinen Blick auf die Straße. Er hatte beschlossen, Eva nicht mehr auf den Vorfall anzusprechen. Doch dann nagte diese Ungewissheit in ihm. Oder war es einfach nur Neugier?

Doch Eva sah ihn, auf seine Frage hin, nur merkwürdig an.

"Was meinst du denn? Mir ging es doch die ganze Zeit über prächtig!" verkündete sie bestimmt. Vielleicht ein wenig zu bestimmt.

Sie liefen schweigend weiter, doch dann nahm Eva von allein das Thema noch einmal auf.

"Ich weiß nicht, was los war. Irgendetwas war in meinem Kopf. Verstehst du? So ein Gefühl eben. Ich kann es nicht erklären. Aber jetzt ist wieder alles O.K.!" Eva hakte sich, wie zur Bestätigung, bei ihm unter und lachend steuerten sie dem Taxistand entgegen.

Dennoch, Eva selbst war nicht so beruhigt, wie sie sich gab.

Dieses Gefühl, das sie vorhin, auf der Tanzfläche, überfallen hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Es war nichts Bestimmtes. Nichts Konkretes. Und doch...!

Innerlich zuckte sie dann doch die Schultern und schob diese Gedanken bei Seite. Wahrscheinlich lag es einfach an dem Kind und allem Drumherum!

 

3

 

Eva spürte mehr, als dass sie es sah, dass Bernd Sie ununterbrochen musterte.

"Mir ist ein wenig schwindlig. Habe sicher zu viel getrunken. " Eva ließ diese Erklärung so beiläufig wie möglich erklingen.

Sie hatte die Augen geschlossen und lehnte ihren Kopf an die lederne, braune Kopfstütze, des Mercedes. Aber ihr war nicht schwindlig. Sie hatte auch nicht zu viel getrunken. Das war es ganz und gar nicht! Die drei kleinen Biere konnten nicht die Schuld daran tragen. In Evas Kopf ging es auf ganz andere Art drunter und drüber. Dieses Gefühl, das sie vorhin überfallen hatte. Was war das nur? Eva hatte versucht es als kleines Mitbringsel, ihrer Schwangerschaft, abzutun. Aber das gelang ihr nicht! Gut, man hatte ja schon einiges gehört, das sich durch eine Schwangerschaft ändern könnte… Aber sie stand nicht kurz vor der Entbindung! Das neue Leben, das in ihr heran zu wachsen begonnen hatte, war nicht älter als zwanzig, vielleicht auch einundzwanzig Tage. Es konnte noch keine Depressionen in ihr hervorrufen! Aber war nicht Depression sowieso der falsche Ausdruck? Nein, sie war nicht plötzlich depressiv geworden! Es war eine Angst in ihr gewesen, ein Gefühl als sähe sie in einen riesigen Abgrund.

Direkt in das heiße Feuer der Hölle. Eva wunderte sich, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Aber auch das war nicht richtig. In Wirklichkeit, erkannte sie jetzt, hatte sie nichts gesehen. Gar nichts! Es war nur ein Gefühl. Aber ein Gefühl, das sie sich nicht erklären konnte. Nicht in dem Moment, als es sie besprungen hatte, und auch nicht jetzt, als sie darüber nachdachte. Aber es hatte ihr Angst gemacht. Und, wenn sie ehrlich war, machte es ihr immer noch Angst! Dennoch wäre sie nicht in der Lage gewesen, dieses Gefühl, oder gar den Grund dafür, wirklich zu erklären. Nicht sich selbst und erst recht keinem anderen. Das war auch der Grund, weshalb sie die Augen geschlossen hatte und versuchte Bernd weis zu machen, ihr ginge es nicht so gut.

Aber sie konnte auch nicht aufhören, daran zu denken. Was, zum Teufel, war nur mit ihr los? Wenn es Angst gewesen war, dann vor was? Angst hatte Gründe, konnte erklärt werden! Aber Eva hatte keinen Grund und sie konnte auch nichts erklären. Kurz dachte sie an den Stromausfall, der in der Disco aufgetreten war. Aber der war auch nicht der Grund, für dieses seltsame Gefühl. Er war zwar ungewöhnlich, das konnte Eva sich getrost sagen, aber er hatte nichts mit diesem Gefühl zu tun gehabt. Nichts mit dieser unerklärlichen Starre, in die sie diesen einen Moment verfallen war. Der Stromausfall war nicht vorher geschehen, sondern genau gleichzeitig mit diesem Gefühl gekommen. Er hatte auch nicht so lange angehalten; nicht einmal so lange, bis Eva sich wieder erholt hatte. Nur Sekunden. Allerdings Sekunden, in denen nichts mehr ging. Weder eines der sicher zahllosen Lichter, die die Disco zu bieten hatte, noch die Tonanlagen, deren es gewiss auch nicht wenige dort gab. Ein normaler Sicherungsschaden hatte es nicht sein können, denn eine solche Vielzahl, von elektrischen Anlagen, lief über mehrere Sicherungen. Sicherlich verfügte die Diskothek auch über eine geeignete Notstromversorgung.

Eva öffnete die Augen. Aber nicht so, dass Bernd es sehen konnte. Sie blickte aus nur leicht geöffneten Lidern auf die vorbei ziehenden Straßenschilder; sie wollte nicht mehr daran denken, was in der Disco passiert war.

Eva wollte dieses Gefühl der Angst wieder loswerden, deshalb begann sie, fast automatisch, mit einem Spiel, das sie als Kind schon gespielt hatte, wenn sie irgendeinen Ärger verkraften musste. Sie zählte die Autos einer Farbe. Diesmal entschied sie sich für die Farbe Gelb. Und tatsächlich funktionierte dieser Trick. Wie damals, als sie noch ein Kind war. Es gab nicht viele Autos dieser Farbe. Bis zur übernächsten Straßenabzweigung zählte sie gerade vier Stück. Aber es reichte, um ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Eva schmunzelte über ihre eigene Reaktion.

"Geht es dir jetzt wieder besser?" fragte Bernd, und Eva erkannte, dass er ihr Gesicht und ihre geöffneten Augen im Spiegelbild, der dunklen Taxischeibe erkennen konnte. Sie wandte den Kopf und lächelte ihn an. Dann nickte sie.

Es ging ihr auch tatsächlich wieder gut. Trotzdem wollte sie nicht allein nach Hause gehen. Sie beschloss Bernd zu bitten, die Nacht bei ihr zu verbringen. Dazu würde sie wohl keine Überredungskünste anwenden· müssen, denn Bernd war sowieso viel zu faul, um jetzt noch zu sich nach Hause zu fahren. Eva wusste das. Sie kannte schließlich Bernd lange genug, um seine Ablehnung gegenüber nächtlichen Alleinfahrten zu kennen.

Das Taxi hielt und Eva drückte dem Fahrer einen Zwanziger in die Hand.

"Stimmt so!" sagte sie beschwingt und stieg aus. Bernd kam natürlich mit zu ihr; sie hatte ihn gar nicht erst bitten müssen.

Bernd holte noch etwas zu trinken aus dem Kühlschrank und Eva legte eine CD ein. Diesmal jedoch nicht Terry Yacks, den packte sie weit weg, in die Schublade ihres Schrankes.

Bernd beobachtete sie verwundert, ohne jedoch etwas dazu zu sagen. Sie unterhielten sich eine Zeit lang ungezwungen miteinander. Doch plötzlich war es wieder da! Dieses Gefühl. Aber anders als zuvor, hatte sie sich diesmal unter Kontrolle. Bernd bemerkte nichts davon. Aber es war auch ein anderes Gefühl. Diesmal war es nicht Angst, sondern eher ein Gefühl der Beklemmung, das sich um ihre Brust zu legen begann. Eva schluckte einmal etwas zu heftig, denn Bernd Gesichtsausdruck wurde fragend. Aber Eva hatte sich schnell wieder unter Kontrolle, und Bernd sagte nichts. Das Gefühl schwand, wie beim ersten Mal, binnen Sekunden.

Eva konnte wieder frei atmen. Sie empfand Erleichterung.

Dennoch blieb ein vages Gefühl der Unsicherheit. Am liebsten hätte sie Bernd gebeten, die Nacht in ihrem Bett zu verbringen. Nicht um mit ihm zu schlafen. Nein, sicher nicht!

Bernd war schwul. Und auch sie stellte fest, nachdem sie sich nun, zum allerersten Mal seit sie sich kannten, und das war nun doch schon etliche Jahre lang, dass er auch dann nicht ihr Typ wäre, wenn es anders wäre. Sie bedachte ihn mit einem hämischen Grinsen. Aber auch darauf sagte Bernd nichts. Fragte er sich denn gar nicht, über was sie lachte? Die Vorstellung, es ihm zu erzählen, reizte sie ungemein! Doch sie unterließ es. Jetzt fühlte sie sich wieder ganz normal. Eva wunderte sich, wie schnell ihre Innenwelt sich doch ändern konnte! Trotzdem: sie hätte ihn heute Nacht gerne in ihrer Nähe gewusst. Doch die Nähe im Wohnzimmer musste wohl reichen! Alles andere hätte er doch sicherlich nicht, oder zumindest falsch, verstanden! So beließ sie es dabei und stand auf, um die Decken und das Kissen für Bernd, aus ihrem Wohnzimmerschrank zu kramen.

 

4

 

Wedding.

 

Evas Vater, George Härtling und zwei seiner Kollegen mussten sich heute die Spätschicht teilen. Normalerweise mochte George die Spätschicht nicht besonders. Aber mit Lutz und Achim ließ sie sich ertragen. Sie arbeiteten in einem Krematorium als Verbrenner, und sie verdienten nicht schlecht, in diesem Job. Dennoch gehörte diese Arbeit nicht gerade zu der Sorte von Beschäftigungen, die man gerne machte. Doch am Ende zählte das Geld, das man hier verdiente. Und schwer war diese Arbeit auch nicht, jedenfalls nicht körperlich.

Außerdem hatten George und seine Kollegen sich in all den Jahren, die sei bereits hier waren, auch daran gewöhnt.

Gruselig war hier jedenfalls nichts. Auch wenn viele andere das wohl dachten, doch darüber konnten sie mittlerweile nur noch lächeln.

Hier, in ihrem Aufenthaltsraum, wo sie die meiste Zeit der Nacht verbrachten, ließ es sich ja auch aushalten.

Die drei Männer, alle Ende der Vierzig bis Mitte Fünfzig, saßen auf gut gepolsterten Stühlen, die um einen runden Holztisch platziert waren, und hielten ihre Karten in den Händen. Skat war in der Tat der spannendste Teil in ihrem Job. Im Hintergrund lief der Schwarz-Weiß-Fernseher. Zu mehr reichte die Spendierhose ihres Arbeitgebers nicht. Aber niemand nahm von der Sendung viel Notiz; das Skatspiel war nun mal interessanter. Der Aufenthaltsraum war nicht groß. Seine Wände waren lindgrün gestrichen. Alles vom Einfachsten. Aber er war zumindest mit dem Nötigsten, für eine solche Nachtschicht ausgestattet. Nur eben der Fernseher, Tisch und vier Stühle, eine Kaffeemaschine, die auf ihren morgendlichen Dienst wartete, und ein alter, brummender Kühlschrank, der aber sehr wohl noch seinen Dienst tat. Das Krematorium selbst glich eher einem Hallenbad. Seine Wände waren hellbraun gekachelt und klinisch rein. Dafür sorgte täglich eine ganze Putzkolonne, die dem Haus dieses nach Chlor riechende Flair gab. Die Neonbeleuchtung sorgte für helles, schattenloses Licht. Es gab in dem ganzen Gebäude nicht eine einzige Ecke, die nicht vollständig ausgeleuchtet war. Die Öfen, in denen die, in ihren Särgen liegenden Leichen verbrannt wurden, waren versteckt in die glatten Kachelwände eingelassen. Die Särge wurden mit gabelstaplerähnlichen Gerätschaften, auf die, direkt in die Brennöfen führenden, Gleise gebracht. Maschinell wurden die Särge dann in die sich automatisch öffnenden Luken gefahren. Alles in allem war es wirklich kein schwerer Job, den sie hier zu erledigen hatten. Alles sauber und rein maschinell. Nur ein paar Knöpfe drücken und schon machte sich alles von allein. Das einzige, was sie dann noch zu tun hatten, war die verbrannte Asche in Plastikurnen zu füllen und ihnen eine Nummer zu verpassen. Alles in allem ließen sich hier die nötigen Wartezeiten aushalten.

"Gut, dass sie uns die Nachtschichten wenigstens zu dritt machen lassen! Da kann man doch wenigstens 'nen ordentlichen Skat dreschen! Dafür würd' ich sogar öfters herkommen! - Im Übrigen: ich spiele einen Grand aus der Hand. Ha, ha da guckst du, was?" George hielt sein Blatt triumphierend in den Händen und grinste über sein ganzes, breites Gesicht.

Es stimmte, die Tagschichten waren da langweiliger. Da waren sie immer nur zu zweit. Allerdings konnten nicht alle Kollegen Skat spielen, darum war George auch besonders froh, wenn er mit diesen beiden hier zusammen Dienst hatte.

Noch dazu an einem Abend, wie diesem hier, wo ihm die

Blätter nur so zufielen. Heute war wohl sein Glückstag und das wollte er aus ganzem Herzen genießen!

"M'" schnalzte Lutz jetzt. "Du ziehst einem heute ja ordentlich die Hosen aus! - Aber solange der Suff noch umsonst ist...! Wie lange ist denn noch?" George warf einen lachenden Blick auf seine goldfarbene Timex, die ein Geburtstagsgeschenk seiner Tochter war.

George grinste, als er daran dachte. Er und seine Tochter hatten innerhalb einer einzigen Woche Geburtstag, und sie hatten in diesem Jahr, es war vor drei Jahren, George konnte sich genau daran erinnern, beide denselben Gedanken gehabt. Beide hatten sie als Geburtstagsgeschenk eine Timex gewählt. Es waren zwar beide nicht die teuersten Modelle, hatten aber trotzdem eine ganze Stange Geld gekostet. Aber Eva war ihm jeden Pfennig wert! Er und seine Tochter hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Dass das auch andersherum so empfunden wurde, hatte seine Tochter ihm, nicht nur mit diesem teuren Geschenk bewiesen. Aber er brauchte gar keine teuren Geschenke von ihr; er hatte sie damals auch ausgeschimpft deswegen. Er wusste auch so, dass sie ihn liebte. Eigentlich hätte Eva gar keine Geldsorgen haben brauchen, dachte er. Schließlich war ihre Mutter keine arme Frau. Aber, seit Eva sich dafür entschieden hatte auszuziehen, mit ihm Kontakt zu pflegen und natürlich, seit sie ihr Studium an den Nagel gehängt hatte, um Friseurin zu werden, hatte ihre Mutter jeglichen Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen. George war keineswegs erfreut darüber, und er war, genau wie seine Frau, ziemlich aus dem Häuschen gewesen, als Eva ihm eröffnet hatte, dass sie nicht länger zur Uni gehen würde. Aber Eva hatte seine Halsstarrigkeit wohl geerbt, jedenfalls hatte sie sich nicht reinreden lassen. Nicht von ihrer Mutter und auch nicht von ihm, und hätte seine Schwester ihr nicht die Lehrstelle gegeben, so wusste George, hätte sie sich eben eine andere gesucht. Zur Uni wäre sie trotzdem nicht mehr gegangen. Aber das war lange her. Ein Räuspern seines Spielpartners ließ ihn wieder an das Spiel denken.

"Beinahe noch eine ganze Stunde. Hast keine Chance, Lutz!

Ist noch genug Zeit, für mein Superspielchen! " Das stimmte. Jede Wartezeit betrug hier drei Stunden, solange, bis die schweren Eichensärge verbrannt waren und sie wieder ein paar Handschläge tätigen mussten. Außerdem wurden die Krematoriumsangestellten wöchentlich mit drei Flaschen Brandy und Bier versorgt. Auf die Art konnte man doch seine Schichten hinter sich bringen! Der Alkohol war zur Nervenberuhigung bestimmt, ob man dadurch nun seiner Gesundheit Schaden zufügte, darüber dachte wohl niemand nach.

George hatte seinen Gran Hand lachend gewonnen, und nun hatte Achim das neue Spiel an sich gerissen. Er hatte Herz angesagt und es war nicht schwer auszumachen, dass er mit Dreien spielte. George kratzte sich etwas säuerlich den Kopf, schließlich hatte er sich vorgenommen, heute als Sieger nach Hause zu fahren. Doch dieses Spiel würde wohl Achim gewinnen. Da konnte man wohl nichts machen! Aber die Nacht war noch lang und er würde wohl noch einige Male die Chance haben, zu gewinnen.

Plötzlich war da ein Geräusch. Direkt aus der Aufbewahrungshalle. Es war ein dumpfes Scheppern, dem Geräusch eines umfallenden Holzstapels nicht unähnlich.

"Was war denn das?" Achim schob sein Blatt zusammen.

"Mann, die Idioten waren sicher zu blöde, die Sargdeckel richtig drauf zu tun. Sicher waren wieder Verwandte da, die ihn noch mal sehen wollten." Kommentierte George gelassen. Das war tatsächlich schon einmal geschehen. Bei der Verbrennung hatte man festgestellt, dass nach einer letzten Verabschiedung von dem Toten, der Sargdeckel nicht richtig geschlossen war, und er beim letzten Transport plötzlich verrutschte. Aber es kam nun wirklich nicht so oft vor und dass der Deckel von allein fiel, war nun noch unwahrscheinlicher.

Georg stand auf, in dem er seinen Stuhl geräuschvoll nach hinten schob, wandte sich zur Tür und blieb dann wieder stehen.

"Na, was ist? Soll ich die Scheiße vielleicht allein aufheben?"

Lutz schlug sich lachend vor die Stirn.

"Oh entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass du ja viel zu schwach für solch eine schwere Last bist!" hänselte er. "Ach, verdammte Scheiße! Warum warten wir nicht auf die Frühschicht? Sollen die doch den Mist gerade biegen. Wenn da nun mehr vom Stapel gefallen ist, als du denkst? Dann ist das Spiel vorbei, ehe ich auch noch mal an der Reihe bin.

Verdammt! Ich hab sowieso keine Lust, heute noch eine steife Leiche in ihr anberaumtes Bettchen zurück zu legen! Warten wir also?“

Lutz warf seinen beiden Kollegen einen fast bittenden Blick zu, doch Achim winkte nur lachend ab und stampfte auf George zu, um ihm zur Hand zu gehen.

"Ach lass nur, das schaffen wir schon allein!" Doch nun hatte sich auch Lutz erhoben und die drei gingen, mit dem besten Vorhaben, ihren Job zu machen.

Sie hatten den längeren Gang, der zur Aufbewahrungshalle führte, noch nicht ganz durchquert, als ein weiteres Poltern erklang. Dann kam wieder ein Poltern, und dann noch eines. Die Männer blieben stehen. Irgendetwas war hier nicht normal! Sie konnten sich einer leichten Gänsehaut kaum noch erwehren. Dennoch war es ihre Pflicht nachzusehen, was da passiert ist. Sie begannen ihren Weg langsam fortzusetzen. Unvermittelt blieb Achim wieder stehen. Seine Augen blinzelten beunruhigt. Da war wieder ein Geräusch. Diesmal aber ein ganz anderes. Was sie jetzt hörten, waren eindeutig Schritte!

Doch in den Klang des Trittes, mischte sich noch ein weiteres Geräusch: etwas, das sich wie ein Kratzen oder Schaben anhörte. Beinahe so, als fahre man mit einer Metallklinge über die Kacheln des Fußbodens.

"Verflucht!" flüsterte Achim jetzt. "Wenn ich den erwische, der uns das..."

Er kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu vollenden. Seine Augen weiteten sich in grenzenlosem Entsetzen. Er hörte noch Georgs Stimme, die heiser flüsterte:

"Gott steh uns bei!" und dann das Kreuz, vor seinem Gesicht schlug.

Doch mehr nahm niemand mehr war. Das Grauen hatte sie gepackt! Für Sekunden verharrten sie in regloser Stellung, bereit sich diesem Grauen zu stellen, und... von ihm vernichtet zu werden!