ANDREW KAPLAN
HOMELAND
CARRIES JAGD
Thriller
Aus dem Amerikanischen
von Norbert Jakober

ANDREW KAPLAN
HOMELAND
CARRIES JAGD
Thriller
Aus dem Amerikanischen
von Norbert Jakober

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Die Originalausgabe Homeland – Carrie’s Run erschien 2013
bei William Morrow,
an Imprint of HarperCollins Publishers, New York
Copyright © 2013 by Twentieth Century Fox Film Corporation.
All rights reserved.
Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Redaktion: Ulrike Nikel
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,
unter Verwendung eines Artworks
von © 2013 Showtime Networks, Inc.
A CBS Company. All Rights Reserved.
Satz: Leingärtner, Nabburg
ePub-ISBN: 978-3-641-12773-2
V002
www.heyne.de
Für meinen Sohn Justin,
der für mich alles ein bisschen besser gemacht hat,
und
für die Frauen und Männer der US-Geheimdienste,
die im Dunkeln das seltenste Gut der Erde suchen:
die Wahrheit.
»Weißt du, wie Princeton an einem dunklen Wintermorgen ist, wenn alles noch schläft? Ich bin manchmal um fünf Uhr früh im Jogginganzug rausgegangen – ich war nie das Glamourgirl, mehr die Ernsthafte. Eine, die nicht mit den Jungs flirtete, die andere Interessen hatte. Ich begann zu laufen, ohne die Stoppuhr zu drücken. Der Campus war still, niemand zu sehen, die Luft blies einem so kalt entgegen, dass das Atmen wehtat. Ich lief erst mal zur Nassau Street, die Geschäfte waren noch geschlossen, das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich auf dem eisigen Bürgersteig. Danach auf der Washington Road zurück zum Campus, vorbei am Frist Campus Center und weiter zum Weaver-Track-Stadion.
Dort schnaufte ich kurz durch, blies kleine Wölkchen in die Luft. Inzwischen färbte sich der Himmel langsam grau. Ich drückte auf die Stoppuhr und lief die fünfzehnhundert Meter, als ginge es um mein Leben, versuchte das Tempo zu halten. Und ich schwöre dir, Saul, obwohl die letzten zweihundert Meter mörderisch waren, hatte ich manchmal das Gefühl, ich könnte ewig so weiterlaufen.«
»Was willst du mir damit sagen, Carrie? Was zum Teufel willst du wirklich?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht möchte ich wieder dieses Mädchen sein. Diese Reinheit spüren, wenn man es so nennen kann. Er verbirgt etwas, Saul. Ich bin mir absolut sicher.«
»Jeder verbirgt irgendwas. Wir sind nun mal Menschen.«
»Nein, etwas Schlimmes. Etwas, das uns allen Schaden zufügen wird. Wir dürfen das nicht zulassen.«
»Dir ist schon klar, dass du nicht nur dein Leben und unser beider Karrieren aufs Spiel setzt? Es geht um die nationale Sicherheit, auch um die Agency. Bist du voll und ganz davon überzeugt, dass du das wirklich willst?«
»Mir ist gerade etwas klar geworden: Ich werde nie wieder dieses Mädchen sein, oder?«
»Bist du es überhaupt jemals gewesen?«
2006
Vor Brody
KAPITEL 1

Achrafieh, Beirut
Nightingale hatte sich verspätet.
Carrie Mathison saß in der viertletzten Reihe des dunklen Kinosaals und überlegte, ob es besser wäre, das Ganze abzublasen. Es sollte nur ein erster Kontakt sein. »Passing Ships« nannte Saul Berenson, ihr Chef und seit ihrer Zeit auf der »Farm«, dem Ausbildungszentrum der CIA in Virginia, ihr Mentor, solche Treffen. In diesem Fall ging es um eine flüchtige Begegnung mit einem gewissen Taha al-Douni – Codename »Nightingale« –, damit sie ihn und er sie kannte. Sie würde ihm Zeit und Ort des nächsten Treffens zuflüstern und wieder gehen. Strikt nach Lehrbuch.
Wenn sich die Kontaktperson verspätete, war es üblich, fünfzehn bis zwanzig Minuten zu warten und dann den Versuch abzubrechen. Eine zweite Chance gab es nur, wenn der oder die Betreffende einen verdammt guten Grund vorbringen konnte, warum das erste Treffen geplatzt war. Nicht akzeptiert wurden die üblichen Ausreden wie zum Beispiel ein Missverständnis hinsichtlich der verabredeten Uhrzeit oder der regelmäßige Verkehrsstau am Freitagabend auf dem Boulevard Fouad Chehab während der Cinq à sept, der Zeit zwischen fünf und sieben Uhr abends, wenn sich die Geschäftsleute in diskreten kleinen Apartments im Hamra-Viertel mit der Geliebten trafen.
Das Dumme war nur, dass ihr viel an dem Kontakt lag. Dima, ein hübsches Mädchen, das der prowestlichen, aus Sunniten und maronitischen Christen bestehenden Allianz des 14. März angehörte und zu ihren Informanten zählte, hatte sie auf al-Douni hingewiesen, der aus zwei Gründen für die CIA interessant schien. Erstens war er angeblich Offizier beim berüchtigten syrischen Geheimdienst und verfügte laut Dima über einen direkten Draht zum Assad-Regime in Damaskus – und zweitens brauchte er Bares. Eine attraktive ägyptische Freundin mit teuren Vorlieben zog ihm das Geld offenbar aus der Tasche.
Carrie sah erneut auf ihre Uhr. Neunundzwanzig Minuten. Wo zum Teufel steckte der Mann nur? Sie sah sich im Kinosaal um, der zu mehr als drei Vierteln besetzt war. Seit der Film begonnen hatte, war niemand mehr hereingekommen. Auf der Leinwand saßen Harry Potter, Ron und Hermine in »Mad-Eye« Moodys Klasse und beobachteten, wie ihr Lehrer eine große Spinne mit einem »Imperius«-Fluch Zirkuskunststücke vollführen ließ.
Ihre Nerven waren gespannt wie die Saiten einer Geige, obwohl das nichts heißen musste. Nicht immer konnte sie sich auf ihr Gefühl verlassen; manchmal dachte sie im Geheimen, ihr Nervensystem müsse von den gleichen Idioten installiert worden sein wie das Stromnetz von Washington, D. C. »Bipolare Störung« nannten es die Ärzte. Eine psychische Fehlfunktion, die durch den Wechsel von manischen und depressiven Phasen gekennzeichnet sei, wie ihr vor Jahren ein Psychiater am Student Health Center in Princeton erklärte, den sie konsultiert hatte. Ihre Schwester Maggie drückte es anschaulicher aus und sprach von Stimmungsschwankungen, die zwischen »Ich bin das klügste, hübscheste, fantastischste Mädchen im Universum« und »Ich will sterben« hin und her pendelten. Wie auch immer: Trotz ihrer Neigung zu nervlichen Turbulenzen fühlte sich irgendwas an diesem Kontaktversuch hier nicht richtig an.
Sie konnte nicht länger warten. Auf der Leinwand kreischte Hermine, Moody solle aufhören, die Spinne mit dem »Cruciatus«-Fluch zu foltern. Der ideale Zeitpunkt, um zu verschwinden: eine Menge Lärm und Spezialeffekte. Niemand würde sie beachten, dachte sie, als sie aufstand und den Kinosaal verließ.
Draußen auf der Straße wurde ihr sofort wieder bewusst, wie sehr sie sich mit ihrem Äußeren von der Menge abhob – für eine Frau aus dem Westen ein vertrautes Gefühl im Nahen Osten. Selbst eine lange, mantelartige Abaya samt Kopftuch würde da nichts nützen – mit ihrer schlanken Figur, ihrem langen blonden Haar und ihrem typisch amerikanischen Gesicht könnte sie kaum jemanden täuschen, zumindest nicht aus der Nähe. Außerdem war in den nördlichen Vierteln Beiruts die Kleidung ausgesprochen vielschichtig – hier trugen die Frauen alles, vom Kopf und Körper verhüllenden Hidschab bis zu hautengen Designerjeans. Und manchmal beides zusammen.
Es war inzwischen dunkel geworden. Die Lichter der zahllosen Autos und die beleuchteten Fenster der hohen Büro- und Wohnhäuser in der Avenue Michel Bustros erzeugten ein Mosaik aus Licht und Schatten. Carrie blickte sich vorsichtig um, ob sie beobachtet wurde. Eine gescheiterte Kontaktaufnahme stellte immer eine gewisse Gefahr dar. Plötzlich blieb ihr fast das Herz stehen.
Nightingale saß in einem Café auf der anderen Straßenseite und sah direkt zu ihr herüber. Was wollte er hier? Er konnte die Instruktionen, die ihm Dima gestern Abend in der Bar im Le-Gray-Hotel übermittelt hatte, unmöglich falsch verstanden haben. War der Mann verrückt? Aber es kam noch schlimmer: Er winkte ihr zu. »Komm her« besagte die Geste, und plötzlich fügte sich eins zum anderen wie in einem Kaleidoskop, das man schüttelt, bis die Teile plötzlich ein Bild ergeben. Es war ein Hinterhalt – ein Geheimdienstoffizier und somit ein absoluter Profi in diesem Geschäft würde sich bei einer Kontaktaufnahme nie dermaßen amateurhaft verhalten. Al-Douni wollte sie in eine Falle locken.
Ob syrischer Geheimdienst oder Hisbollah – es war diesen Leuten jederzeit zuzutrauen, dass sie einen CIA-Agenten töteten oder, noch besser, als Geisel nahmen. Eine attraktive blonde Spionin zu erwischen wäre für diese Leute wie ein Lottogewinn. Sie konnte sich den Medienrummel lebhaft vorstellen, wenn Filme von einer Gefangenen auftauchten, deren Agententätigkeit sich hervorragend für den Kampf gegen den amerikanischen Einfluss im Nahen Osten benutzen ließe. Jahrelang würden sie sie in einen Verschlag sperren, foltern und vergewaltigen, denn abgesehen davon, dass sie eine verachtenswerte Spionin war, hielten viele islamische Männer alle westlichen Frauen ohnehin für Schlampen.
Als Nightingale ihr erneut zuwinkte, sah sie aus dem Augenwinkel zwei arabische Männer auf ihrer Straßenseite aus einem Van steigen und auf sie zukommen. Bestimmt wollten sie sie schnappen, schoss es ihr durch den Kopf. Sie musste sich schnell entscheiden, sonst war es in wenigen Sekunden um sie geschehen. Sie drehte sich um und verschwand wieder im Kino.
»Ich habe etwas liegen lassen«, murmelte sie auf Arabisch und zeigte dem Kontrolleur ihre Karte. Sie ging den Mittelgang hinunter und kniff die Augen zusammen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Auf der Leinwand löschte Hermine gerade das Gedächtnis eines Todessers, während Carrie durch den Seitenausgang auf eine Gasse hinaustrat. Sie waren ihr bestimmt ins Kino gefolgt, vermutete sie und eilte zur Avenue zurück, um hinter einer Hausecke hervorzulugen. Nightingale saß nicht mehr in dem Café, und auch die beiden Männer konnte sie nirgends entdecken.
Carrie bog um die nächste Ecke und hastete eine schmale Straße hinunter, weg vom Gedränge auf der Avenue. Wie viele Verfolger mochten es wohl sein?, fragte sie sich und verfluchte die High Heels, die sie trug, um nicht aufzufallen. Keine Frau, die etwas auf sich hielt, würde in Beirut mit flachen Schuhen durch die Straßen laufen, es sei denn, man war mit einer Abaya bekleidet. Bestimmt waren mehr hinter ihr her als diese beiden Männer, überlegte sie und blieb stehen, um die Stöckelschuhe auszuziehen.
Die Straße war dunkel und zudem von Bäumen beschattet. Kaum Leute um sie herum, und so konnte sie sehen, wie die beiden Araber aus dem Van um die Ecke bogen. Einer zog etwas aus der Jacke, wahrscheinlich eine Pistole mit Schalldämpfer. Sie rannte los. Die sollten merken, dass man sie nicht unterschätzen durfte – schließlich war sie immer eine gute Läuferin gewesen. Bestimmt lief sie schneller als diese Männer.
Plötzlich schlug hinter ihr etwas in den Straßenbelag ein, und sie spürte einen schmerzhaften Stich im Bein. Kurz blickte sie zurück und sah die weiße Spur einer Kugel auf dem Bürgersteig. Sie schossen auf sie. Carrie wich nach links aus, dann nach rechts, fasste sich ans Bein und ertastete einen Riss in der Jeans und etwas Feuchtes. Blut. Ein Betonsplitter musste sie getroffen haben, während sie um ihr Leben rannte. An der nächsten Ecke sprintete sie eine leere Straße hinunter. Sie musste sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Zu ihrer Linken sah sie ein großes Haus hinter einem schmiedeeisernen Zaun; auf der anderen Straßenseite erhob sich eine hell beleuchtete orthodoxe Kirche mit einer großen Kuppel.
Sie hielt auf die Seitentür zu und riss am Türgriff. Verschlossen. Mit pochendem Herzen blickte sie sich um und sah ihre beiden Verfolger, die mit schallgedämpften Pistolen in der Hand auf sie zuliefen. An der Straßenecke vor ihr kam ein Mercedes mit quietschenden Reifen zum Stehen. Vier Männer sprangen heraus. Scheiße, dachte sie und rannte, so schnell sie konnte, zum Hauptportal der Kirche und verschwand im Inneren.
Etwa zehn Leute, fast durchweg schwarz gekleidete Frauen, waren in dem Gotteshaus. Sie zündeten Kerzen an, küssten ehrerbietig Ikonen oder standen betend vor dem Altar. Ein bärtiger junger Priester in schwarzer Robe kam ihr auf dem Mittelgang entgegen.
»Christus ist unter uns«, sagte er auf Arabisch.
»Sicher, Pater. Ich brauche Hilfe. Gibt es hier einen Hinterausgang?«, fragte sie ihn in seiner Sprache.
Fast unmerklich blickte er statt einer Antwort zur Seite. Sie eilte in diese Richtung, als auch schon die vier Männer durch das Hauptportal eindrangen, zwei mit automatischen Gewehren. Eine Frau schrie auf, die anderen wichen in alle Richtungen auseinander. Bis auf den Priester, der auf die Männer zuging.
»Bess!«, rief er. Halt! »Das ist das Haus des Herrn!« Einer schob ihn beiseite, um Carrie zu folgen, die hinter einem Vorhang in einer Nische verschwunden war.
Der Seitenausgang. Sie gelangte auf einen von einer Hecke umgebenen Parkplatz und schlüpfte, als sie den gedämpften Knall eines Schusses hinter sich hörte, durch eine Lücke in den Büschen auf die Avenue Charles Malek, eine breite, belebte Hauptstraße. Sie rannte auf die Fahrbahn und wich wild hupenden Autos aus, nachdem die Ampel auf Grün umgesprungen war und der Verkehr um sie herum sich wieder in Bewegung setzte. Verstohlen schaute sie sich um und sah, dass drei der vier Männer aus dem Mercedes sich auf dem Bürgersteig suchend nach ihr umblickten. Es würde nicht lange dauern, bis sie sie entdeckten.
Carrie stand eingekeilt da von zwei Reihen Autos, zwischen denen kaum mehr als zwanzig Zentimeter Platz war. Aus einem der langsam fahrenden Wagen grapschte eine Hand nach ihrem Hintern. Sie verschwendete keine Zeit damit, sich nach dem Typen umzudrehen – sie musste so schnell wie möglich aus dem Blickfeld ihrer Verfolger verschwinden.
Ein Sammeltaxi tauchte neben ihr auf. Auf dem Rücksitz war noch ein Platz frei. Sie winkte heftig und rief: »Hamra!« Das Taxi war eindeutig Richtung Westen unterwegs, und im luxuriösen, westlich geprägten Stadtteil Ras Beirut, nicht weit vom Geschäftsviertel Hamra entfernt, unterhielt die CIA ein sicheres Haus, das sie aufsuchen konnte. Sofern sie unbemerkt dorthin gelangte. Der Fahrer hielt mitten auf der Straße an, von hinten ertönte lautes Hupen, und Carrie sprang rasch auf den Rücksitz.
»Salaam aleikum«, murmelte sie den anderen Fahrgästen zu, schlüpfte in die Schuhe, die sie in der Hand getragen hatte, zog ein schwarzes Kopftuch aus der Tasche und setzte es auf, um ihr Aussehen zu verändern. Sie schlang sich ein Ende des Tuches über die Schulter und blickte durchs Fenster zurück. Einer der Männer auf dem Bürgersteig deutete auf das Taxi und sagte etwas zu den anderen. Sie setzte sich so hin, dass die beiden anderen Fahrgäste auf dem Rücksitz sie verdeckten – eine ältere Libanesin im grauen Hosenanzug, die sie interessiert betrachtete, und ein junger Mann im Jogginganzug, wahrscheinlich ein Student. Vorne neben dem Fahrer telefonierte eine junge Frau mit ihrem Handy.
»Wa aleikum salaam«, antworteten der Student und die Dame neben ihr.
»Wo in Hamra?«, fragte der Fahrer, während er aufs Gas trat und sich in eine Lücke zwischen zwei Autos vor ihnen zwängte.
»Zentralbank.« Die Adresse des sicheren Hauses wollte sie nicht preisgeben, falls ihre Verfolger ihr weiter auf den Fersen blieben, aber von der Bank war es nicht mehr weit. Sie gab dem Fahrer zwei Tausend-Pfund-Scheine, zog eine Puderdose aus ihrer Handtasche und drehte sie so, dass sie im Spiegel durch die Heckscheibe sehen konnte. Jede Menge Autos waren hinter ihnen, doch keine Spur von dem Van und dem Mercedes. Trotzdem war sie überzeugt, dass diese Männer nicht aufgaben. Und das bedeutete, dass ihretwegen alle hier im Taxi in Gefahr schwebten und sie so schnell wie möglich aussteigen musste. Sie strich sich eine Haarsträhne aus den Augen und blickte sich kurz um, ehe sie die Puderdose wieder einsteckte.
»Das sollten Sie nicht tun«, sagte die Frau im Hosenanzug. »Sich einfach so mitten in den Verkehr stellen.«
»Es gibt vieles, was ich nicht tun sollte«, antwortete sie und fügte schnell hinzu, weil ihre Nachbarin sich etwas zu sehr für sie zu interessieren schien: »Sagt mein Mann immer.« Dabei hielt sie ihre Hand so, dass die Frau den Ehering sehen konnte, den sie bei Kontaktaufnahmen stets trug, obwohl sie nicht verheiratet war. Um sich vor ungewollten Zudringlichkeiten oder gar Sex zu schützen.
Sie befanden sich inzwischen auf dem Boulevard General Fouad Chehab, einer Ost-West-Achse im Norden Beiruts, und der Verkehr floss nun etwas schneller. Der geeignete Moment für einen Angriff, dachte sie, während ihre Blicke hin und her sprangen und die anderen Fahrzeuge absuchten. Das junge Mädchen auf dem Beifahrersitz beendete gerade das Gespräch: »Ich weiß, Habibi. Ciao«, und begann eine SMS zu tippen.
Beim rechteckigen Al-Murr-Tower bog der Fahrer auf den Boulevard Fakhreddine ab. Alle Häuser in diesem Viertel waren neu, denn die Gebäude, die früher hier gestanden hatten, waren in den langen Jahren des Bürgerkriegs zerstört worden. Etwas weiter vorne sah sie hohe Kräne – dort wuchsen weitere Bauten in die Höhe. Kurz darauf fuhr das Taxi in eine Nebenstraße und wurde langsamer. Offenbar wollte einer der Fahrgäste aussteigen.
Carrie blickte durch das Heckfenster. Da waren sie wieder – nur noch vier Autos befanden sich zwischen dem Taxi und dem Mercedes. Sie warteten darauf, dass sie ausstieg, würden zuschlagen, noch bevor sie fünf Meter weit gekommen wäre. Was sollte sie tun? Das Taxi fuhr rechts ran und hielt vor einem mehrstöckigen Wohnhaus. Carrie spannte sich an. Was würden sie jetzt unternehmen? Dem Taxi den Weg versperren, damit es sich nicht mehr in den Verkehr einfädeln konnte. Dann säße sie unweigerlich in der Falle. Sie erkannte, dass sie umgehend handeln musste.
Die ältere Dame nickte den anderen Fahrgästen zu und stieg aus. Eine Sekunde später sprang Carrie auf der Straßenseite aus dem Wagen, ging um das Heck herum und packte den Arm der Frau.
»Ich dachte, Sie wollten zur Zentralbank«, sagte die Libanesin erstaunt.
»Ich stecke in Schwierigkeiten. Ich brauche Hilfe, Madame«, bat Carrie.
Die Frau sah sie an. »Welche Schwierigkeiten?«, fragte sie, während sie zum Eingang des Wohnhauses gingen. Carrie blickte über die Schulter zurück. Als das Taxi losfuhr, nahm der Mercedes seinen Platz am Straßenrand ein.
»Ich werde verfolgt. Wir müssen uns beeilen, sonst bringen die Sie auch noch um, Madame.« Carrie lief los, die Frau mit sich ziehend. Sie rannten ins Haus, weiter zu den Aufzügen und drückten die Ruftaste.
»Fahren Sie nicht in Ihr Stockwerk, sondern eins oder zwei höher«, riet Carrie. »Gehen Sie die Treppe zu Ihrer Wohnung hinunter. Schließen Sie die Tür ab und lassen Sie zumindest für eine Stunde niemanden rein. Es tut mir so leid.« Sie drückte kurz den Arm der Frau und wandte sich zum Gehen.
»Warten Sie«, rief ihr die Unbekannte nach und kramte in ihrer Handtasche. »Ich habe einen roten Renault auf dem Parkplatz stehen.« Sie hielt ihr den Schlüssel hin.
»Warten Sie eine Stunde und melden Sie ihn dann als gestohlen«, schlug Carrie vor und nahm den Autoschlüssel. »Kennen Sie das Crowne Plaza beim Einkaufszentrum?«
Die Frau nickte.
»Wenn ich kann, stelle ich ihn dort ab.« Carrie lief zur Seitentür. »Shukran«, dankte sie der hilfsbereiten Dame, die in den Aufzug stieg. Dann eilte sie auf den Parkplatz hinaus, entdeckte den roten Renault in einer Reihe von Autos vor einer niedrigen Wand. Sie rannte hin, schloss auf, stieg ein und ließ den Motor an. Als sie die Spiegel zurechtrückte, sah sie sie. Zwei Männer. Es waren die beiden aus dem Van, die sie anfangs verfolgt hatten. Sie setzte den Wagen zurück und fuhr zur Ausfahrt. Die Männer hetzten hinterher; einer ging in Schussposition und zielte auf das Auto. Instinktiv duckte sie sich, als sie in die Straße einbog, wendete und beschleunigte, was das kleine Auto hergab. Eine Kugel durchschlug das Heckfenster, und um das Einschussloch breiteten sich spinnennetzartig Risse und feine Linien aus.
Sie riss das Lenkrad herum und blickte kurz nach rechts zum Parkplatz, wo der Schütze erneut auf sie anlegte. Sie musste direkt an ihm vorbeifahren. Im letzten Moment stieg sie auf die Bremse und knallte mit dem Hinterkopf gegen die Kopfstütze. Eine Kugel durchschlug das Seitenfenster und zischte an ihrem Gesicht vorbei. Dann trat sie aufs Gas – der Fahrer hinter ihr hupte laut – und raste die belebte Straße entlang. Im Rückspiegel sah sie den Mercedes immer noch am Straßenrand stehen. Jemand rannte auf das Auto zu. Warum schossen diese Typen überhaupt auf sie? Eine CIA-Geisel hatte für die Hisbollah oder die syrischen Behörden einen gewissen Wert – aber was nützte ihnen eine tote Spionin?
Abrupt wechselte sie, ohne den Blinker zu betätigen, auf die rechte Spur, bog mit quietschenden Reifen ab und schoss die schmale Straße hinunter. Sie bremste nicht einmal, als vor ihr ein Mann die Fahrbahn überquerte, hupte nur und lenkte den Wagen ein Stück zur Seite, um den Passanten nicht zu überfahren. Wütend zeigte er ihr den erhobenen Daumen, was im Nahen Osten so viel wie ein hochgestreckter Mittelfinger bedeutete. Bei der nächsten Querstraße fuhr sie links ab und blickte kurz in den Rückspiegel. Im Moment war niemand mehr hinter ihr zu sehen.
Sie bog noch zweimal ab, bevor sie die Rue Hamra erreichte. Falls sie ihr nach wie vor auf den Fersen waren, würden sie in dieser schmalen Straße mit dichtem Verkehr, wo Überholen unmöglich war, nicht zu ihr aufschließen können. Auf den Gehsteigen wimmelte es von Menschen aller Altersgruppen, viele modisch gekleidet, ein paar Frauen im Hidschab. Neonschilder leuchteten hell an Cafés und Restaurants, durch die offene Tür eines Clubs tönten rhythmische Hip-Hop-Klänge.
Carrie fuhr auf der Rue Hamra nach Westen und ließ die Spiegel nicht aus den Augen, während die Stadt mit ihren vielfältigen Farben an ihr vorbeiwirbelte. Sie öffnete ein Fenster, ließ das Gewirr aus Stimmen und Musik zu sich hereindringen, dazu den Duft von gebratenem Shawarma und Apfeltabakrauch aus den Shisha-Cafés. Von ihren Verfolgern keine Spur, und fast sah es so aus, als habe sie sie abgeschüttelt. Was allerdings nichts heißen musste, denn sie konnten natürlich das Auto gewechselt haben. Kein Grund also, sich zurückzulehnen. Diese Typen würden bestimmt die Stadt nach ihr durchkämmen. Falls sie den Fahrer des Taxis fanden, würde er ihnen verraten, dass sie nach Hamra wollte. Sie konnten bereits überall sein. Carrie hoffte nur, dass sie die Libanesin in Ruhe ließen, von deren Auto sie sich schnellstmöglich trennen sollte.
Zum Glück tauchte jetzt das rote Leuchtschild des Crowne Plaza auf. Sie fuhr am Hotel vorbei auf den Parkplatz des Einkaufszentrums. Eine Viertelstunde dauerte es, bis sie einen freien Platz fand. Sie legte den Autoschlüssel auf die Fußmatte, stieg aus und betrat die Ladenpassage. Ließ sich im Strom der Besucher treiben, schlüpfte durch einen Ausgang nach draußen, um durch eine andere Tür wieder hineinzugehen. Da und dort blickte sie in einen Spiegel, stieg Treppen hinauf und hinunter, um sich zu vergewissern, dass ihr wirklich niemand folgte, bis sie das Einkaufszentrum endgültig verließ und auf der Rue Gemayel zum Campus der American University ging.
Sie umrundete den Gebäudekomplex zweimal, dann einen anderen Block, um absolut sicherzugehen, dass die Männer sie verloren hatten. Bei dieser Vorgehensweise entdeckte man einen Verfolger nämlich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Carrie atmete wieder ein bisschen freier. Fürs Erste schien sie die Typen los zu sein. Trotzdem machte sie sich keine Illusionen. Diese Leute würden ganz Hamra nach ihr absuchen. Sie musste sich sofort in das sichere Haus begeben.
Auf keinen Fall durfte sie in die Rue Hamra zurück, wo man vielleicht noch nach ihr suchte. Stattdessen schloss sie sich einer Gruppe von Studenten an, plauderte mit ihnen darüber, wo es das beste Manakish, eine Art Pizza, gab. Die beiden Mädchen waren Libanesinnen, einer der Jungen stammte aus Jordanien, und für einen Moment fühlte sie sich wieder wie in jenem Beiruter Sommersemester, an dem sie als Princeton-Studentin teilgenommen hatte. Die jungen Leute luden sie ein, mit ihnen weiterzuziehen, doch sie lehnte ab. Nach einer Weile trennte sie sich von ihnen und erreichte zwanzig Minuten später die Rue Adonis, eine schmale, von Bäumen gesäumte Wohnstraße. Dort fuhr sie mit dem Aufzug in den siebten Stock eines Wohnhauses, wo sich die sichere Unterkunft der CIA befand.
Oben angekommen, spähte sie nach allen Seiten in Flur und Treppenhaus, wartete, bis sie den Aufzug nach oben weiterfahren hörte, und ging erst dann zur Wohnungstür. Sie überprüfte den Türrahmen auf eventuelle Spuren unbefugten Eindringens, aber es schien alles in Ordnung zu sein. Im Türspion war eine Kamera installiert, in die sie beim Anklopfen blickte. Zweimal doppelt, das vereinbarte Signal. Carrie blieb auf dem Sprung, jederzeit fluchtbereit. Als keine Reaktion erfolgte, klopfte sie noch einmal, bevor sie den Schlüssel aus der Handtasche nahm und die Tür aufschloss.
Die Wohnung war leer. Merkwürdig. Es sollte immer jemand da sein. Was zum Teufel war hier los? Sie vergewisserte sich, dass die Vorhänge zugezogen waren, sperrte die Tür ab und überprüfte die beiden Schlafzimmer – in einem standen Betten, das andere diente als Lagerraum. Sie ging zur Kommode mit den Waffen und nahm eine Glock-28-Pistole und vier Magazine heraus. Die ideale Waffe für sie: klein, leicht, geringer Rückstoß und mit der Munition vom Kaliber .380 dennoch sehr durchschlagend. Sie lud die Pistole und steckte die Magazine in ihre Handtasche.
Danach trat sie ans Fenster und spähte hinter dem Vorhang auf die Straße hinunter, die von einer einzelnen Laterne erhellt war. Falls irgendjemand das Haus beobachtete, würde er sich hinter einem Baum oder einem Auto verborgen halten.
»Ich brauche einen Drink«, sagte sie laut zu sich selbst und ging zur Hausbar im Wohnzimmer. Ein Blick auf den Laptop zeigte ihr Bilder der verschiedenen Sicherheitskameras, die im Spion, auf dem Flur und auf dem Dach installiert waren. Es schien alles in Ordnung zu sein. In der Bar fand sie eine halb volle Flasche Grey-Goose-Wodka, aus der sie sich einschenkte – in ihrer Situation sicher nicht ratsam, doch das war ihr im Moment ziemlich egal. Aus der Handtasche kramte sie ihre Clozapin-Tabletten hervor, die sie sich in der Schwarzmarktapotheke in Zarif besorgte, und spülte sie mit dem Wodka hinunter. Sie sah auf ihre Uhr: 19.41 Uhr. Wer saß um diese Zeit in der Telefonzentrale der CIA-Station Beirut? Wahrscheinlich Linda, dachte sie. Ja, Linda Benitez würde bis Mitternacht Dienst haben.
Bevor sie anrief, wollte sie sich alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Was heute passiert war, passte einfach nicht zusammen. Den Kontakt mit Nightingale hatte Dima arrangiert. Sie gehörte nicht zu den Informanten, die von Carrie selbst rekrutiert worden waren – sie hatte sie von Davis Fielding, dem hiesigen CIA-Stationschef, übernommen. Für diese Panne wird die junge Frau büßen müssen, dachte Carrie zornig. Das Dumme war nur, dass sie nicht wusste, ob Dima wirklich für beide Seiten arbeitete oder ob sie selbst von Nightingale getäuscht worden war. In diesem Fall wäre sie ebenfalls in Gefahr – oder vielleicht schon tot.
Carrie hätte sie gerne kontaktiert, doch von hier aus konnte sie nicht anrufen. Die beiden Telefone in der sicheren Wohnung waren tabu; der normale Apparat war nur für eingehende Gespräche da, und über die verschlüsselte Leitung durfte nur die US-Botschaft in Awkar nördlich von Beirut angerufen werden. Ihr Handy konnte sie ebenfalls nicht benutzen, weil es ihren Standort verraten würde, falls ihre Verfolger sie mit GPS aufzuspüren versuchten. Denk nach, sagte sie sich. Angenommen, der syrische Geheimdienst oder die Hisbollah steckten dahinter: Wie waren sie an sie herangekommen? Dima, es musste Dima gewesen sein. Was bedeutete, dass es da etwas gab, von dem Fielding nichts wusste. Auf seinen Wunsch hin sollte sie schließlich einen Kontakt zu Nightingale herstellen.
»Wir würden alles tun, um jemanden im syrischen Geheimdienst zu haben«, hatte er gemeint und ihr versichert, sie könne ohne Unterstützung hingehen. »Dima ist zuverlässig. Sie hat uns nicht viel geliefert, aber das wenige war Gold wert.« Dieser Hundesohn, dachte sie. Konnte es sein, dass er mit Dima schlief? War Sex das »Gold«, das sie ihm lieferte? Sie hatte Virgil Maravich mitnehmen wollen, einen ausgewiesenen Experten für Überwachungsjobs. Fielding jedoch behauptete, ihn genau zu diesem Zeitpunkt für etwas anderes zu benötigen. »Sie sind doch ein großes Mädchen. Sie schaffen das schon«, sagte er mit Nachdruck und deutete damit an, dass sie im Libanon ohnehin fehl am Platz sei, wenn sie das nicht auf die Reihe kriegte. An diesem Ort brauchte man Topleute.
»In Beirut herrschen eigene Gesetze«, hatte ihr Fielding gleich an ihrem ersten Tag in der libanesischen Hauptstadt erklärt, als er sie, lässig in einen Ledersessel gelehnt, in der Station im obersten Stockwerk der US-Botschaft empfing. Er war groß und blond, eine stattliche Erscheinung mit deutlichem Bauchansatz – ein Mann, der gerne aß und trank. »Hier kriegen Sie keine zweite Chance. Und im Nahen Osten nimmt keiner darauf Rücksicht, dass Sie eine Frau sind. Falls Sie es vermasseln und einen Fehler machen, sind Sie so gut wie tot – selbst wenn Sie mit Glück davonkommen, sind Sie hier erledigt. Beirut sieht aus wie eine zivilisierte Stadt – jede Menge Clubs, schöne Frauen in Designerklamotten, tolles Essen, Leute, die das Leben genießen –, aber lassen Sie sich davon nicht täuschen. Das ist immer noch ein arabisches Land. Ein falscher Schritt und die Typen bringen Sie um – und danach feiern sie eine Party.«
Verdammt, was ging hier vor?
Es war Fieldings Informantin, die den Kontakt arrangiert hatte, und er selbst hatte sie ermutigt, die Sache alleine durchzuziehen. Gewiss, Fielding war schon lange Stationschef in Beirut und besaß Erfahrung mit solchen Kontaktaufnahmen – bestimmt hatte er nicht damit gerechnet, dass etwas schiefgehen würde. Und doch wäre sie um ein Haar verschleppt oder getötet worden. Sie atmete tief durch. Eine verrückte Situation. Trotzdem fühlte sie sich fast ein bisschen aufgedreht. Konnte es sein, dass ihre Pillen gegen die bipolare Störung ausgerechnet jetzt nicht wirkten?
Sie stand auf, hatte das dringende Gefühl, etwas tun zu müssen. Nur was? Ihre Haut kribbelte. O Gott, nicht das noch. Bloß jetzt nicht »abheben«, wie sie ihre manischen Phasen nannte. Sie ging im Zimmer auf und ab, trat wieder ans Fenster und hätte am liebsten die Vorhänge aufgerissen, um sich zu präsentieren: Da, seht mich an, ihr Mistkerle!
Sei nicht dumm, Carrie. Bleib ruhig.
Bestimmt würde das Clozapin bald wirken, obwohl es vermutlich falsch gewesen war, es mit reichlich Wodka herunterzuspülen. Sie griff nach dem Vorhang, zog vorsichtig eine Ecke zurück und spähte auf die Straße hinunter. Die Mercedes-Limousine, die sie verfolgt hatte, stand in zweiter Reihe vor dem Haus. Drei Männer gingen gerade zur Haustür. Angst durchzuckte sie wie ein Stromschlag. Außerdem musste sie ganz dringend pinkeln und presste die Schenkel zusammen.
Das war doch unmöglich. Sie befand sich in einer geheimen CIA-Wohnung. Wie konnten die sie überhaupt finden? Carrie war sich absolut sicher, dass ihr niemand gefolgt war. Sie hatte die Typen schon mit dem roten Renault abgeschüttelt und war so lange kreuz und quer durch Hamra gegangen, bis keine Zweifel mehr bestanden. Da war niemand zu Fuß und auch nicht mit dem Auto hinter ihr her gewesen. Und was jetzt? Sie würden ins Haus kommen, und ihr blieben nur Sekunden, um zu flüchten. Entschlossen griff sie nach dem abhörsicheren Telefon, wählte eine Nummer – beim zweiten Klingeln hob jemand ab.
»Guten Abend. U. S. Cultural Services Offices«, meldete sich eine weibliche Stimme. Trotz der leichten Verzerrung durch die Verschlüsselung hörte Carrie, dass es Linda Benitez war, die sie eigentlich nur vom Grüßen kannte.
»Amarillo«, nannte Carrie das Codewort der Woche. »Nightingale war eine Falle.«
»Können Sie das näher erläutern?«
»Ich hab’s eilig. Wir haben einen Sicherheitsbruch in Achilles. Verdammt, haben Sie verstanden?« Carries Stimme wurde unwillkürlich lauter. Achilles war die Bezeichnung für das sichere Haus.
»Verstanden. Wie ist Ihr Status und Standort?«, hörte sie Linda sagen. Sie wusste, dass die Telefonistin einem vorgegebenen Text folgte und jedes Wort niederschrieb. Linda wollte wissen, ob sie noch mobil und einsatzfähig oder vielleicht in Gefangenschaft geraten war und unter Zwang anrief.
»Ich bin unterwegs. Sagen Sie Sie-wissen-schon-wem, ich melde mich morgen bei ihm.« Carrie legte auf. Einen Moment lang verharrte sie auf Zehenspitzen wie eine Tänzerin, war unschlüssig, was sie tun sollte, und überlegte verzweifelt Fluchtmöglichkeiten. Sie musste schnell raus, aber wie? Immerhin waren sie zu dritt. Dazu mindestens einer draußen im Mercedes. Sie würden sowohl über die Treppe als auch mit dem Aufzug kommen.
Wie sollte sie aus der Wohnung raus? Für einen solchen Fall gab es keine Vorkehrungen und keine Vorschriften – so etwas durfte in einem sicheren Haus ganz einfach nicht passieren.
Hierbleiben konnte sie jedenfalls unter keinen Umständen. Diese Männer würden sich irgendwie Zutritt verschaffen – wenn nicht durch die Tür, dann durch ein Fenster, über einen Balkon oder gar durch eine Wand von der Nachbarwohnung aus. Vielleicht schaffte sie es, einen auszuschalten, eventuell sogar zwei, aber unmöglich alle drei. Also keine Schießerei wie am O. K. Corral. Nur wohin?
Flur, Treppe und Aufzug schieden aus, denn dort würden sie sehr bald auftauchen. Blieben bloß noch das Fenster oder der Balkon. Schon hörte sie Geräusche. Sie lief zum Laptop, sah auf dem Monitor die drei Araber auf dem Flur von einer Wohnung zur nächsten gehen und mit irgendeinem Lauschgerät an jeder Tür horchen. In wenigen Sekunden würden sie hier sein.
Sie eilte in das Zimmer mit der Ausrüstung, durchwühlte den Wandschrank auf der Suche nach einem Seil oder irgendetwas, das sich zum Abseilen verwenden ließ. Sie entdeckte lediglich Männerkleidung: Anzüge, Schuhe und Ledergürtel. Gürtel! Sie griff sich drei davon und schnallte sie zu einem einzigen langen Gurt zusammen, dann kehrte sie zum Laptop zurück.
Ihre Befürchtungen bestätigten sich: Die drei Männer standen vor ihrer Wohnungstür und brachten dort irgendetwas an. Sprengstoff, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hetzte zum Schlafzimmer, öffnete die Balkontür und zurrte den Gurt an dem schmiedeeisernen Geländer fest, lugte vorsichtig nach unten. Der Mercedes stand noch da, aber niemand war ausgestiegen oder blickte zu ihr herauf. Sie warf einen Blick auf den Balkon unter ihr – schwer zu sagen, ob sich jemand in der Wohnung befand. Was soll’s, machte sie sich Mut, denn sie hatte nur diese Chance. Die drei Typen würden gleich die Tür aufsprengen oder die ganze Wohnung in die Luft jagen. Dann wäre sie auf jeden Fall tot.
Sie zog noch einmal kräftig an dem Gurt, der zu halten schien – er musste einfach halten –, und stieg über das Geländer, hangelte sich nach unten. In der Wohnung unter ihr war alles dunkel. Niemand zu Hause. Nicht nach unten sehen, ermahnte sie sich, während ihre Zehen das Geländer berührten. Sie schwang sich nach vorne, ließ den Gurt los und landete auf dem Balkon. Gleichzeitig erschütterte eine ohrenbetäubende Explosion das Haus.
Sie hatten die Tür aufgesprengt. Noch ganz taub von dem Knall schlug sie mit ihrer Pistole die Balkontür ein, zwängte ihre Hand durch das gezackte Loch und entriegelte die Tür. Sie stieg über die Glasscherben, hastete nach vorne zur Eingangstür, öffnete sie und sprintete auf den Flur hinaus und die Treppe bis zum Erdgeschoss hinunter. Wenige Sekunden später schlüpfte sie durch die Hintertür auf eine Gasse. Vorsichtig schlich sie bis zur nächsten Seitenstraße. Niemand zu sehen. Keine Beobachtungsposten. Erneut streifte sie die High Heels ab und rannte, was das Zeug hielt, bis sich ihre schlanke Gestalt in der Dunkelheit verlor.