
Foto: DEFF Westerkamp
Stephanie Bart, geboren 1965 in Esslingen am Neckar, studierte Ethnologie und Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 2001 lebt sie in Berlin. Ihr Romandebüt Goodbye Bismarck erschien 2009. Für die Arbeit an ihrem zweiten Roman, Deutscher Meister (2014), erhielt sie das Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2011 und 2012, für den Roman wurde sie mit dem Rheingau Literatur Preis 2014 ausgezeichnet.
Ulrich Held, 36, Inhaber und alleiniger Betreiber eines Fahrradladens, hat genau in dem Augenblick, in dem er »Schaltaugen« auf die Liste der zu bestellenden Artikel schreibt, Bismarcks blöden Blick im Kopf. Erst aus der Rückschau, in der sich vieles fügt, lässt sich diese Assoziation als Beginn des später mit dem Kürzel »BiBi« bezeichneten Projekts bestimmen. Das Denkmal, an dem er fast täglich vorbeikommt, ist ihm so vertraut, wie einem etwa eine Wohnzimmerlampe vertraut ist, auch wenn das Bismarck-Denkmal in Hamburg mit einer Wohnzimmerlampe ansonsten absolut nichts gemeinsam hat. Eine Wohnzimmerlampe kann immerhin leuchten. Ulrich Held fragt sich manchmal, ob er das Denkmal seiner Nähe zur Karikatur wegen nicht eigentlich doch gut finden soll. Er denkt also an das hoch über den Landungsbrücken stehende Bismarck-Denkmal, er denkt an Bismarcks blöden Blick, als er »Schaltaugen« auf die Liste der zu bestellenden Artikel schreibt, aber mehr denkt er in diesem Augenblick nicht.
Es ist ein Freitag im Mai 1990, und er hat seinen Laden in der Taubenstraße vor zehn Minuten geschlossen. Durch die Straßen der Hansestadt wälzt sich der Feierabendverkehr. Außer Ulrich Held denkt kaum einer an Bismarck. Die Leute denken eher solche Sachen wie, ich muss noch Butter kaufen, wieso fährt denn der da vorne jetzt nicht, aber sie denken diese Gedanken doch in gehobener Stimmung, und es ist immer noch eine kitzelige Aufgeregtheit dabei. Vergessen, als hätte es sie nie gegeben, ist die Erstarrung des Kalten Krieges, die Müdigkeit allerorten, die sich lähmend breitgemacht hatte, als nach den aufbruch- und reformschwangeren siebziger Jahren im nächsten Jahrzehnt all das Aufbrechende mitsamt den Reformen wieder zurückgenommen worden war. Abiturienten gingen an die Universitäten und begannen Berufsausbildungen mit dem Vorsatz, ordentlich zu sein, Karriere zu machen und Geld zu verdienen, und es war nur noch eine ganz kleine Minderheit, die fand, dass anderes wichtiger sei, zum Beispiel die Abschaffung des Kapitalismus, der Atomkraft, des Wettrüstens und des Patriarchats, die Erhaltung der Umwelt und eine schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen, die Lösung des Nordsüdkonflikts und dergleichen mehr. Die Öffnung der Mauer lag gerade mal ein halbes Jahr zurück. Die allgemein gehobene Stimmung, mit der man dachte, dass man noch Butter kaufen müsse, war dem durch nichts zu erschütternden Bewusstsein geschuldet, dass man sich mitten in einem historischen Geschehen befand, an dem man sogar Anteil hatte. Es tat dem keinerlei Abbruch, dass sich die unbezweifelbare Historizität des politischen Geschehens partout nicht anders bemerkbar machen wollte, als in den Gesprächen darüber. Man sagte, was für ein historischer Augenblick!, und dann ging man zur Arbeit wie je und kaufte Butter und stand im Stau wie immer.
In den ersten Tagen und Wochen nach der Öffnung der Mauer wurde man Zeuge beschämender Szenen mit den herüberströmenden Bürgern der DDR, die es geschafft haben sollten, ihre Regierung zu stürzen, aber jetzt dem Westen aus der Hand fraßen. Und die Bürger der Hansestadt gaben durchaus kein besseres Bild ab. Ulrich Held beobachtete, wie vor seinem Laden ein blitzblanker, silbergrauer Mercedes hielt, dem aus den Vordertüren ein äußerst hanseatisches Ehepaar entstieg. Das Haupthaar des hanseatischen Paares war genauso silbergrau wie sein Wagen. Der Mann öffnete die hintere Tür (Kindersicherung!), und heraus kam unverkennbar ein DDR-Bürger, dessen Vollbart aufgeregt in den hochgeschlagenen Kragen eines dunkelbraunen Polyesterjacketts zitterte. Man tauschte Adressen mit einem dümmlich glückseligen Lächeln im Gesicht, umarmte einander zum Abschied, und dann zückte der Herr mit dem silbergrauen Haupthaar das Portemonnaie und drückte dem Ossi einen Zwanzigmarkschein in die Hand. Die Frau wandte sich ab. Der Mann hatte seine Spendierhosen an und tat was Gutes auf offener Straße, wo jeder es sehen kann. Es fehlte nicht viel, und der Ossi wäre auf die Knie gegangen. Dies sehend, verließ Ulrich Held unverzüglich seinen Laden, schloss ab, ging nach Hause und blieb eine Woche lang in seiner Wohnung bei zugezogenen Vorhängen und absoluter Medienabstinenz. Zum ersten Mal im Leben hatte er vor den Ereignissen kapituliert, hatten ihn seine Gewitztheit und sein Humor verlassen, und nur die Aussicht, dass man dafür mit harter Münze werde bezahlen müssen, besänftigte ihn ein wenig.
Ulrich Held ist Einzelkind und entstammt einer wohlhabenden Familie, die er verachtet. Sein Vater ist der bekannte, aber keineswegs brillante Professor für Wirtschaftswissenschaften, Heinrich Held. Dick, feige und selbstgerecht, sich an die Umstände anschmiegend wie die Katze an den Ofen, dünkelhaft sich blähend in seinem Professorenstand, war er seinem Sohn Ulrich immer ein leuchtendes Beispiel dafür gewesen, was es im Leben unbedingt und unter allen Umständen zu vermeiden galt. Seine Frau, die Mutter Ulrichs, Margarete Held, managte den Haushalt und das soziale Leben mit dem rationalen Fleiß und Eifer eines mittelständischen Geschäftsführers. Aus dem Saarland kommend, ist sie katholisch und hat eine Neigung zur Frömmelei. Das Akademikertum war in der gesamten Familie weit verbreitet, und man war sicher, dass Ulrich studieren und Professor werden würde. Er dachte gar nicht daran. Nur um seinen Vater zu ärgern, sorgte er auf dem Gymnasium mit Ehrgeiz und Berechnung dafür, dass er in Sport immer eine glatte Eins machte, in allen anderen Fächern aber nie bessere Zensuren erhielt als Dreien. Der Junge, den man neben ihn gesetzt hatte, hieß Jens Dikupp, war keineswegs dumm, aber ausgesprochen faul und machte in allen Klassenarbeiten nur und ausschließlich mit Ulrichs Hilfe Einsen und Zweien. Die beiden schlossen Freundschaft fürs Leben. Einen Tag vor der letzten Abiturprüfung, bisher war alles prima gelaufen, brannte Ulrich Held mit der Seiltänzerin eines bedeutenden Zirkus durch, der eben in Hamburg gastiert hatte und ausgerechnet am Tag vor der letzten Abiturprüfung Ulrich Helds die Stadt verließ. Ulrich und die Seiltänzerin hatten sich unsterblich ineinander verliebt. Die anderen Mitglieder des Zirkus wollten Ulrich nach seiner Entdeckung umgehend nach Hause schicken, aber die Seiltänzerin führte die Liebe ins Feld, handelte ein Ultimatum aus und trainierte mit Ulrich, der nach vier Wochen härtester, schweißtreibender Arbeit das Programm als akrobatischer Pausenclown bereicherte. Es waren bescheidene, anfängergerechte Nummern, und Ulrich, angespornt von der unsterblichen Liebe, machte seine Sache sehr gut. Er war auch geeignet dafür. Vom ungeliebten Vater hat er die ungeliebte Kürze geerbt, noch heute misst er nicht mehr als einen Meter siebenundsechzig, von der Mutter die Drahtigkeit und eine überaus zähe Konstitution, und also ist er leicht und stark, wie Akrobaten es sein sollen.
Obwohl sich die für unsterblich gehaltene Liebe nach etwa einem Dreivierteljahr doch als sterblich erwies, war Ulrich Held zwei Jahre lang mit dem Zirkus unterwegs. Zuletzt hatte er jene spektakuläre Nummer auf dem Hochseil entwickelt, bei der er einen Sturz vortäuschte, um endlose, zähe Minuten mit einer Hand am Seil zu hängen, hoch in der Kuppel des Zeltes, wie ein Waschlappen an der Wäscheleine, bevor er sich umständlich aus seiner Lage erretten ließ. Er hatte sehr schnell erkannt, dass das tiefe und eigentliche Ergötzen des Publikums seine Wurzeln in der Gefahr und letztendlich in der Katastrophe hat. Während des fingierten Sturzes, dessen Bewegungsablauf er noch im Schlaf, ja im Koma beherrscht hätte, während dieser höchstens halben Sekunde des Fallens stieß er einen markerschütternden »Angstschrei« aus. Natürlich weiß jeder, dass man in einer solchen Situation vom Schock paralysiert ist und nicht sofort schreien kann, aber man glaubte ihm die Panne, weil man die Panne glauben wollte. Im Übrigen brauchte er diesen Schrei, um das explodierende Adrenalin des Publikums zu kanalisieren. Er hörte die Menschen aufstöhnen, und für diese halbe Sekunde seines Fallens war das ganze Zelt erfüllt von Entsetzen und unterdrückter Lüsternheit. Und in dem Augenblick, in dem er das Seil gefasst hatte und daran hing, atmeten die Menschen aus, und in ihrer Erleichterung schwang die Enttäuschung über das Ausbleiben der Katastrophe mit. Zuerst war in den Zeitungen von einem bedauerlichen Zwischenfall die Rede, aber nachdem er die Panne vier- oder fünfmal hintereinander vorgeführt hatte, wurde sie zum Stadtgespräch. Man hatte solche und solche Meinungen darüber, und man wusste nicht, was das sollte, aber darauf kam es gar nicht an. Diejenigen nämlich, die die Panne gesehen hatten, berichteten darüber in einer so erregten Art und Weise, dass man in den Zirkus ging, um die Panne zu sehen. Alle Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz ausverkauft.
Ulrichs Eltern hatten ihn polizeilich suchen lassen. Da man ihn eher im politischen Untergrund vermutete als im Zirkus und da er in weiser Voraussicht seine bürgerliche Identität verschleiert hatte, fand man ihn nicht. Aber am Ende war er einsam im Zirkus. Er vermisste Jens Dikupp. Er vermisste Hamburg. Er fühlte sich fremd unter dem ach so bunten Zirkusvölkchen, das ausgesprochen konservativ war, mancher ließ sich schlechterdings als reaktionär bezeichnen, und er fühlte sich zunehmend unwohl damit, die Menschen zu unterhalten, sie abzulenken von den Kriegen und den ausbeuterischen Verhältnissen. Im Übrigen wurmte ihn die notorische Schlechtbezahltheit der Darsteller angesichts des stetigen Fetterwerdens des Zirkusdirektors mit seinen finanziellen Transaktionen, Varieté-Gründungen und neuen Showprojekten größeren Umfangs. Ende 1975, im Alter von 21 Jahren, bedachte Ulrich Held seine Situation und kam zu dem Schluss, dass es besser sei, wieder aufzutauchen und die Verhältnisse zu ordnen.
Die Mutter weinte heiße und disziplinierte Tränen, die der Sohn dann doch mit einem Papiertaschentuch abtupfte. Der Vater hielt eine weitschweifige Strafrede mit rhetorischen Schwächen, für die sich der Sohn mit den Worten, vielen Dank für diesen ausführlichen Vortrag, und einem gut einstudierten Clownsgesicht bedankte. Und dann standen die Feldjäger vor der Tür. Ulrich Held ließ sich untauglich mustern, suchte sich eine Bleibe und ging verschiedenen Gelegenheitsarbeiten nach. Er schwang im Hafen die Zuckerklatsche, zapfte Bier und verkaufte Schnaps, schleppte Kisten und Möbel für ein Umzugsunternehmen und baute Bühnen für Großveranstaltungen. Er lebte anspruchslos und reiste. Die Sommermonate der Jahre 1977 und 78 verbrachte er mit Jens Dikupp und einem Haufen anderer Leute an einem Strand in Portugal, wo man tagsüber ein paar Würstchen verkaufte, abends Wein trank und Haschisch rauchte und unter freiem Himmel schlief. Wenn er in Hamburg war, engagierte er sich in der Kommunistischen Partei, deren Jugendorganisation er im Alter von 14 Jahren beigetreten war, und er unterhielt auch in Portugal ein paar kommunistische Kontakte. In dieser Zeit war ihm Jens Dikupp ans Herz gewachsen wie ein Bruder, aber das hätte er nie so gesagt und zugegeben auch nicht. Am allerwenigsten Jens Dikupp selber, der gleichzeitig mit Ulrich zur SDAJ gegangen war, und der, wenn er nicht sowieso politische Gründe dafür gehabt hätte, wenigstens aus Freundschaft eingetreten wäre. Mittlerweile hatte er, eher pro forma, ein Studium aufgenommen und ließ sich ansonsten genauso wie Ulrich Held zwischen Broterwerbstätigkeiten, politischen Aktivitäten und portugiesischen Stränden wohlgemut treiben.
Es war im zweiten Sommer in Portugal, in dem Jens Dikupp seine Leidenschaft fürs Klettern entdeckte, die so wichtig für das Projekt BiBi werden sollte. Er entdeckte sie an einer ringsum von hohen Felsen abgeschlossenen Bucht. Der Steilhang war gar nicht so hoch, zehn Meter vielleicht. Das erste Drittel verlief quer zum Hang, ein sehr schmaler Pfad, den man aber noch, mit den Händen an der Wand, normal gehen konnte. Den Rest musste man praktisch senkrecht runter. Es gab überall Vorsprünge und gelegentlich ein mageres Gebüsch, an dem man sich festhalten konnte. Ein paar Leute trauten sich nicht und waren deshalb nie in dieser Bucht. Zuerst merkte er, dass er sich immer auf den Ab- und Aufstieg freute, und dann begann er, wenn die anderen am Strand lagen und dösten, einfach so auf und ab zu klettern. Sie sagten, wasn mit dir los? Er merkte sich, welche Vorsprünge er wie benutzt hatte, wie er geklettert war und probierte verschiedene Möglichkeiten aus. Und dann wurden die paar Meter, die er haargenau kannte, natürlich langweilig, und er suchte sich interessantere Strecken. Jens Dikupp wurde, was man erst ein paar Jahre später einen Free Climber nannte.
Zu dieser Zeit, Anfang der achtziger Jahre, war er, wenn er nicht kletterte, an der Gründung eines alternativen Tischlereibetriebs beteiligt, der als Kollektiv arbeitete, ermüdende Plenumssitzungen an Samstagnachmittagen durchführte, und, obwohl er politisch sehr korrekt war, doch einer Handvoll Leuten ein Auskommen bot. Und ebenfalls zu dieser Zeit lieh sich Ulrich Held, der keine Lust auf ermüdende Plenumssitzungen und von Chefs aller Art die Nase gestrichen voll hatte, von seiner Mutter etwas Geld und machte den Fahrradladen auf. Er betrieb sein Geschäft mit stoischer Nüchternheit einzig zum Zweck des Lebensunterhalts. Weder war er ein besonders begabter Mechaniker, noch hatte er jene Verkaufsmentalität, die den Handel zum Blühen gebracht hätte. Er machte Fahrräder, die man ihm brachte, anstandslos heil und verkaufte auch welche, aber es ging ihm darum, das Geschäft seinem Leben anzupassen und nicht sein Leben dem Geschäft. Er hatte sich deshalb entschlossen, nachdem der Laden leidlich in Gang gekommen war, ihn bloß noch viermal die Woche drei Stunden geöffnet zu halten.
Und nun folgt auf jenen Freitag im Mai 1990, an dem Ulrich Held beim Schaltaugenaufschreiben an Bismarcks blöden Blick denkt, das Wochenende. Und am Montag fallen die Würfel für BiBi.
Ulrich Held schraubt in aller Ruhe an einem schönen alten dunkelgrünen Hollandherrenrad, bei dem die Schaltung im Eimer ist, als vorne die Ladentür geöffnet wird. Er spürt es nicht gleich bewusst, aber er wird erfasst von einer Woge kribbelnder Wärme. Die Luft um ihn herum setzt sich in Bewegung. In seinem Innern breitet sich Leichtigkeit aus. Er geht nach vorne. Im Laden steht eine Frau, und als Ulrich Held sie ansieht, weiß er schon nicht mehr, wo oben und unten ist. Sie hat eine gedrungene, sportliche Figur, mag etwa Mitte bis Ende zwanzig sein, und ihre Haare und Fingernägel sind recht kurz geschnitten. Sie sagt, Tach, ich brauch ’ne Beleuchtung. Ihre Stimme ist ein bisschen tief und butterweich und schlängelt sich durch Ulrichs errötende Ohren, wie einem ein alter Whiskey in der Kehle runterrinnt. Ulrich Held beißt die Zähne zusammen und nickt professionell. Beleuchtung, denkt er, alles klar.
Also ich hätt gern diese Dinger zum Aufstecken, was kostn so was?
Ulrich Held lockert den Kiefer und schüttelt professionell den Kopf. In zwei Sätzen erklärt er, dass er so einen Schwachsinn nicht verkaufe. Es sei unvernünftig, Batterien einzusetzen, wenn man sowieso Strom erzeuge, sagt er und zeigt ihr zwei Dynamos. Die Frau winkt ab. Hör mir auf mit Dynamos, sagt sie mit ihrer Stimme, und Ulrichs Ohren fangen an zu klingeln, ich hab sie alle durchprobiert. Kein einziger hat länger gehalten als drei Tage, und spätestens, wenns regnet, gehts Licht aus. Sie sieht ihn die ganze Zeit an und kriegt überhaupt nichts vom Erröten der Ohren und den zusammengebissenen Zähnen mit. Ulrich Held, der seinen Blick auf die Holzbretter des Fußbodens geheftet hat, schaut ihr kurz in die moosgrünen Augen, die das, was sie sehen wollen, sehr gezielt prüfen. Im Augenblick prüfen sie das spärliche Inventar des Ladens.
Vielleicht nicht sachgemäß montiert?, wirft er fachmännisch ein.
Nö, sagt sie, kurz und trocken, und Ulrich Held denkt an die ganzen Weiber in seinem Freundeskreis, die immer, wenn was an ihren Fahrrädern nicht in Ordnung ist, unerwartet charmant und hilfsbedürftig werden. Diese aber lächelt nicht einmal. Sie braucht sich nichts über Schwachsinn und Vernunft, über Batterien und Dynamos und schon gar nichts über deren sachgerechte Montage erklären zu lassen. Sowieso interessiert sie sich kein bisschen dafür, wie Ulrich Held mitsamt seiner akrobatischen Vergangenheit am Seil ihrer samtenen Stimme zappelt. Er macht einen letzten Versuch. Er sagt, Speichendynamo.
Sie schüttelt den Kopf. Zu teuer, und dann lächelt sie doch noch. Es macht überhaupt nichts aus, dass sie sich mit ihrem Lächeln über ihn lustig macht, denn sie hat beim Lächeln Grübchen in den Backen, die sind zum Küssen. Ich muss mir die Dinger wohl anderswo holen, sagt sie, und dann kommen das Lächeln und die Grübchen, und in die moosgrünen Augen legt sich ein verschmitzter Schimmer. Ulrich hält die Luft an. Sie sagt, vielen Dank für diese ausführliche Beratung, und er kann nicht verhindern, dass sie sich umdreht und geht. An der Tür gibt sie sich die Klinke in die Hand mit einem Fahrradkurier.
Der Fahrradkurier ist einer, der gern und viel und schnell redet. Während Ulrich Held ihm die Bremsbacken über den Tresen schiebt, die er dringend nötig hat, flucht der Fahrradkurier wie ein Bierkutscher über die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, und Ulrich sagt, sieben Mark sechzig krieg ich. Danach geht er wieder zurück zum dunkelgrünen Hollandherrenrad. Er nimmt den Konusschlüssel in die Hand, aber er setzt ihn nicht an, sondern hält inne und denkt an die Grübchen. Er braucht anderthalb Stunden für eine Reparatur, die er unter normalen Umständen in vierzig Minuten erledigt hätte, weil er immer wieder seinen Träumereien nachhängt. Am Ende schiebt er die Schaltkette in die Achse, dreht sie fest und sagt sich, das ist doch totaler Blödsinn. Ihm ist eingefallen, dass er die Frau überhaupt nicht kennt, weder eine Telefonnummer von ihr hat noch den leisesten Hinweis, wo er sie finden könnte. Die Frau ist weg. Er weiß ja nicht mal, wie sie heißt. Vielleicht kommt sie ein andermal wieder vorbei. Ein Unsinn ist das. Er wäscht sich die Hände, macht Kasse, zieht seine Jacke an und geht. Genau in dem Augenblick, in dem er die Hand auf die Klinke legt, klingelt das Telefon. Er zögert kurz, aber dann lässt er die Klinke los und geht ran. Ich bin’s, sagt Jens Dikupp am anderen Ende der Leitung.
Jens Dikupp ist vor zehn Minuten nach Hause gekommen, das heißt, in die Wohnung in der Gilbertstraße, die er mit Susanne und Karl Meister bewohnt. Karl ist sein schwieriger vierjähriger Sohn, Susanne die Mutter des Kindes. Jens Dikupp hat sich fortgepflanzt, aber nicht einmal Ulrich Held weiß, ob das mit Absicht geschah. Susanne Meister jedenfalls war mal Jens Dikupps große Liebe. Die beiden haben sich im Laufe der Zeit zweimal getrennt und zweimal die Trennung rückgängig gemacht und haben sich dann in illusionsloser Freundschaft und alter Vertrautheit zur Aufzucht des Kindes hinarrangiert. Susanne hat erst Philosophie, dann Pädagogik abgebrochen und lernt jetzt Heilpraktikerin. Sie ist in der Küche, sie sitzt am Tisch und schält Kartoffeln.
Hallo Susanne.
Hallo Jens.
Was machstn?
Kartoffelgratin mit Feldsalat, Kathrin kommt zum Essen.
Kathrin! Jens stöhnt auf.
Na ja, siehs halt gelassen, sagt Susanne, frag doch Ulrich, ob er nicht kommen will, dann hast du Verstärkung.
Mach ich, sagt Jens und geht schnurstracks zum Telefon. Ulrich hebt ab.
Ich bins, sagt Jens, willste nich zum Essen rüberkommen?
Was gibts denn?, fragt Ulrich.
Kartoffelgratin mit Feldsalat.
Ich mach gradn Laden zu, bin in zehn Minuten da.
Zehn Minuten später klingelts bei »Meister Dikupp« in der Gilbertstraße, und Ulrich, kaum dass er abgelegt hat, bietet an, den Feldsalat zu putzen. Er freut sich über ein leckeres warmes Essen in angenehmer Gesellschaft und weiß, dass Feldsalatputzen sogar bei Susanne, von Jens ganz zu schweigen, extrem unbeliebt ist. Es dauert so furchtbar lange, und immer bleiben kleine welke Blättchen an den nassen Fingern kleben. Jens schneidet geschälte Kartoffeln in Scheiben. Susanne macht Sahne-Gorgonzola-Soße. Karl wirft Bauklötzchen umher. Er will auf den Schoß von Jens und mit Ulrich Stierkampf spielen und dann bei Susanne Gorgonzola-Soße naschen.
Als der Feldsalat sauber und das Gratin in den Ofen geschoben ist, geht wieder die Klingel. Es ist Kathrin. Kathrin kommt in die Küche. Kathrin ist die kleine Schwester von Susanne und studiert Kunstgeschichte. Sie hat seidenglänzendes, lockiges, blondes Engelshaar und wurde früher Kathi gerufen, besteht aber inzwischen auf ihren ganzen Namen.
Ah, die Kathrin, sagt Ulrich Held zur Begrüßung und weiß jetzt, warum Jens ihn angerufen hat.
Das Gratin und der Salat stehen auf dem Tisch. Alle haben sich gesetzt. Das Essen wird auf die Teller verteilt. Karl will keinen Salat. Ulrich gibt ihm trotzdem Salat. Der Salat muss nicht aufgegessen werden. Susanne wünscht guten Appetit, und dann stechen fünf Gabeln ins Essen und heben es in geöffnete Münder, und die Münder sind voll und kauen. Mit einer Ausnahme. Kathrin hält die Gabel mit dem dampfenden Kartoffelgratin vor ihren Mund und pustet ein bisschen. Aber dann isst sie nicht, sondern fängt stattdessen an, in die Essensstille zu sprechen. Also ich bin ja echt froh, dass ich meine Hausarbeit so gut wie fertig hab.
Susanne und Jens tauschen einen kurzen Blick mit unbewegten Gesichtern. Sie glauben zu wissen, was jetzt kommt. Sie sind sicher, dass Kathrin ihre Hausarbeit, eingebettet in einen Überblick über das gesamte Seminar, en detail referieren möchte. Damit liegen sie richtig. Sie sind außerdem sicher, dass sie beide, Susanne und Jens, gemeinsam mit Ulrich daran arbeiten werden, eben dies zu verhindern. Aber hierin täuschen sie sich, denn Ulrich Held ist aus begreiflichen Gründen mild gestimmt gegen das weibliche Geschlecht und beschließt, für heute die Fronten zu wechseln. Plötzlich hat er Mitleid mit der so hübschen und doch stets geschmähten Kathrin, die ja eigentlich und letzten Endes ein herzensguter Mensch ist, und außerdem ist es eine nette Möglichkeit, Jens zu ärgern, weil der ihm nicht vorher Bescheid gesagt hat.
Ich muss eigentlich nur noch die Einleitung schreiben, leitet Kathrin ihren Vortrag ein, und in diesem Augenblick fängt Karl an, wie am Spieß zu schreien, weil er sich Zunge und Gaumen verbrannt hat. Was hat der Knabe für eine phantastische Kinderstimme! So glockenrein und dabei so überirdisch laut und hoch. Jens kümmert sich dankbar und wortreich um Karl. Aber Karl, der sonst nicht genug Aufmerksamkeit bekommt, beruhigt sich viel zu rasch, und sobald man sich wieder unterhalten kann, fragt Ulrich, ja?, worüber schreibstn grad?
Susanne und Jens erbleichen.
Also es geht um Macht und Kunst, freut sich Kathrin, das ist ja ein weites und spannendes Feld, und das Seminar ist sogar interdisziplinär. Wir machen das zusammen mit Historikern, Soziologen, Politologen, Philosophen, Ethnologen, Psychologen und Pädagogen. Und jetzt …
Meint ihr wirklich, dass das reicht?, unterbricht Jens Dikupp, glaubt ihr allen Ernstes, ihr könntet den ebenso komplexen wie dynamischen Strukturen dieser problematischen Thematik auch nur ansatzweise gerecht werden, ohne die Sinologen zu Rate zu ziehen, die Sportwissenschaftler, Theologen, Maschinenbauer, Bohemisten, Astrophysiker, Evolutionsbiologen und Kommunikationswissenschaftler?
Gute Idee, ich werd das mal im Seminar zur Diskussion stellen, lässt ihn Kathrin ungerührt wissen, um im selben Atemzug fortzufahren, aber jetzt muss man sich, welche Disziplinen auch immer daran mitarbeiten, zunächst einmal klarmachen, was man überhaupt unter Kunst subsumieren und wie man eigentlich Macht definieren will. Wir haben …
Keiner hat es gesehen, aber Kathrin hat inzwischen tatsächlich drei Gabeln Kartoffelgratin gegessen. Susanne Meister, die langsam kauend beobachtet, wie Ulrich Held hoch konzentriert den Worten ihrer Schwester folgt und dabei noch genüsslich isst, Susanne Meister begreift, dass es heute nicht so läuft wie sonst, und denkt, da hilft nur noch kürzen, kürzen, kürzen. Sie schluckt runter und sagt, du Kathrin, ich will dich ja nicht unterbrechen, aber Ulrich hat nicht nach dem Seminar gefragt, sondern bloß, was du grad so schreibst. Sag doch einfach, am besten so in zwei, drei Sätzen, worums in deiner Hausarbeit geht, und dann möchte Karl was vom Kindergarten erzählen.
Das stimmt natürlich nicht und ist riskant. Der Junge ist in der Trotzphase.
Also entschuldige mal, entrüstet sich Kathrin und wirft ihre Engelslocken entschieden über die Schulter zurück, ich bin doch keine Headlinerin, ich bin Wissenschaftlerin! …
Noch nicht, zischt Jens Dikupp dazwischen, noch bist du bloß Studentin im dritten Semester.
… und es ist eben so, Jens hat das ganz richtig erkannt, dass die Strukturen dieser Thematik komplex und dynamisch sind, und, was Jens nicht wissen kann, außerdem interdependent und polyvalent, das heißt mehrdeutig, und sie lassen sich seriöserweise eben nicht in zwei, drei Sätzen darstellen.
Ulrich Held räuspert sich. Ich finde das hochinteressant, lügt er mit großer Ernsthaftigkeit und sieht dabei aus wie die Unschuld selbst. Er kratzt sich am Hinterkopf und improvisiert. Wenn wir eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wollen, können wir den Bereich der Kunst nicht einfach außen vor lassen. Ich habe mich damit noch nie auseinandergesetzt. Wie ist das, Kathrin, womit beschäftigt ihr euch da?
Und nun doziert also Kathrin in epischer Breite. Susanne bemüht sich, diplomatisch zu kürzen, aber Jens mit seiner Sabotage verzögert alles bloß, und Ulrich stellt skrupellos hochinteressierte Nachfragen. Karl ist ungewöhnlich still geworden und sehr mit dem Essen beschäftigt. Kathrin zitiert allerlei Gelehrte, die keiner kennt, und kommt auch relativ bald auf ihr eigenes Thema. Sie schreibt übers Bismarck-Denkmal. Ja!, na klar, unseres am Hafen.
Igitt, sagt Jens Dikupp, spannend, sagt Ulrich Held, und Susanne Meister schweigt verdrossen.
Anderthalb Stunden später hat Jens Dikupp eingesehen, dass er mit seiner sabotierenden Sprücheklopferei nicht weiterkommt. Er ändert seine Taktik und hebt an zum letzten Gefecht. Ich vermisse hier den Klassenstandpunkt, gibt er mit strengen Falten auf der Stirn zu bedenken, als ob der Klassenstandpunkt das Maß aller Dinge sei.
Probiers mal mit dem Fundamt, rät Kathrin Meister und wirft schon wieder ihre Haare über die Schulter zurück, und jetzt sag ich dir mal was: Wenn dein beklopptes Proletariat nicht dauernd das Scheißprodukt der Springerpresse lesen, sondern sich mit diesem »bürgerlichen Firlefanz« auseinandersetzen würde, dann hätte es ruck zuck jenes richtige Bewusstsein, das es nach Marx braucht, um seine Geschichte selbst in die Hand zu nehmen.
Genau, antwortet Jens Dikupp und erhebt die zum Klassenkampf geballte Faust, Proletarier aller Länder, studiert Kunstgeschichte! Dann lässt er die erhobene Faust in einer vernichtend wegwerfenden Geste sinken, das kann man ja anhand deiner Person empirisch beweisen, was dabei rauskommt, wenn man Kunstgeschichte studiert.
Phh, macht Kathrin Meister verächtlich, das ist doch unsachlich und emotional, was du da sagst. Argumente, rationale Argumente musst du bringen, wenn du hier noch ein Bein auf die Erde kriegen willst.
Und genau deswegen finden Jens Dikupp und Ulrich Held die engelslockige Kathrin so nervig. Weil sie es nicht zugeben kann, wenn sie Blödsinn redet, weil sie immer recht und das letzte Wort behalten muss, weil sie humorlos und zickig ist.
Mal kurz was ganz anderes, sagt Susanne dazwischen, du, Jens, würdest du vielleicht Karl ins Bett bringen? Ich möcht jetzt noch was übers Denkmal wissen.
Möchte sie natürlich nicht und ärgert sich, dass sie überhaupt eine Begründung braucht, bloß damit Jens Karl ins Bett bringt. Fragt ja schließlich auch keiner nach einer Begründung, wenn sie das tut.
Klar, ’türlich, sagt Jens Dikupp, und dass er nichts lieber tue als das, weil es sinnvoller sei, als sich so eine gequirlte Scheiße anzuhören. Wenn Karl jetzt bloß nicht so ein Theater hinlegt wie fast jeden Abend beim Insbettgehen. Karl macht diesmal kein Theater. Er lässt sich ohne weiteres von seinem Vater auf den Arm nehmen.
Endlich ist Jens weg, denkt Susanne Meister und muss rasch noch was übers Denkmal wissen wollen. Was mich interessieren würde, äh, ist nicht so sehr der Klassenstandpunkt, sondern vielmehr – und dann fällt ihr auf die Schnelle nichts anderes ein als das, was grundsätzlich immer passt, wenn es um Vergangenes geht – der Gegenwartsbezug. Kannst du denn auch erklären, wie wir deine Erkenntnisse für uns heute fruchtbar machen könnten?
»Erkenntnisse fruchtbar machen« ist die albernste aller Phrasen, die Susanne Meister aus ihrem Philosophiestudium behalten hat. Sie hatte sich damals in den Seminaren nicht zu sagen getraut, dass das eine astreine Gebärneid-Metapher ist, und musste, wenn vom Fruchtbarmachen die Rede war, immer an die Landwirtschaft denken, an Düngemittel, an Gülle und Chemokeulen, an Bewässerungsanlagen, an Zucchinizucht in der Wüste oder an holländische Gewächshäuser. Und jetzt findet sie, dass dieser Bismarck-Quark genau die richtige Gelegenheit ist für diese Phrase, und lässt sich jedes Wort auf der Zunge zergehen: für uns heute fruchtbar machen. Ulrich Held nickt zustimmend und heimlich erleichtert. Kathrin Meister hat es ihm mit ihrem Benehmen recht schwer gemacht. Sie holt Luft und legt los. Ja, also, da gibt es einen ganz erstaunlichen Aspekt, den ich aber nicht in meine Hausarbeit aufgenommen habe, weil ich mir sicher bin, dass mein Professor damit nicht klarkommen würde. Und zwar ist mir aus aktuellem Anlass aufgefallen – da wär man ja sonst nie drauf gekommen –, dass die Berliner Mauer und der Hamburger Bismarck gewisse Gemeinsamkeiten haben. Zunächst einmal erzählen beide von den staatlichen Grenzen: Der Bismarck als Reichsgründer stellt die Einigung in den Grenzen der »Kleindeutschen Lösung« dar, aber er blickt elbabwärts in Richtung aufs Meer, was im historischen Kontext von Flottenbau und pfeffersäckischen Frachtern auf Expansion verweist. Demgegenüber stellt die Mauer die Teilung dar und zementiert im wahrsten Sinne des Wortes die Grenze wie sie ist. Das wäre der außenpolitische Aspekt. Aber das Entscheidende für das Thema meines Seminars ist der innenpolitische Aspekt: Wenn wir also diese nationalen Bauten aus der Perspektive von Macht und Herrschaft betrachten, so handelt es sich bei beiden um Stein gewordene Kapitulationserklärungen, um Sinnbilder des Scheiterns, die eine von oben, von der Regierung, der andere von unten, von den Bürgern. Man muss sich das mal vorstellen, dieses Bürgertum, das so gut wie nichts von dem bekommen hat, wofür es in all den Aufständen und Unruhen der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekämpft hat, dieses Bürgertum finanziert nun aus eigenem Antrieb die Verherrlichung ausgerechnet desjenigen, der es politisch über den Tisch gezogen, der es abgebürstet, eingesackt und diszipliniert hat!
Etwas später, Kathrin hat gerade auf den Untertan von Heinrich Mann verwiesen, steht Jens Dikupp im Türrahmen und hat sichtlich mehr als genug. Karl schläft, sagt er, du, Ulrich, wir müssen noch was besprechen.
Toll, dass Karl schläft, sprudelt Kathrin Meister, ohne Luft zu holen, los, und bevor ihr beide was besprecht, müssen Ulrich und ich noch diese mentalitätsgeschichtliche Frage erörtern, da gibt es noch einiges zu sa… Sei du still, wenn erwachsene Männer sich unterhalten, fällt ihr Jens Dikupp ins Wort und wendet sich dann an Susanne. Ulrich und ich gehen noch ’n Bier trinken. Ulrich Held erhebt sich wie auf Kommando vom Tisch.
Kathrin Meister sieht sich suchend um, erwachsene Männer? Wo gibts denn so was?
Jens, erklär mir doch bitte, fragt indessen Susanne Meister, was passieren würde, wenn ich jetzt einfach so sagen würde, ich geh. Wer würde sich zum Beispiel drum kümmern, dass der Kleine behütet und beaufsichtigt ist?
Du, is’ kein Problem, sag einfach Bescheid, wenn du weg willst, dann bleib ich halt hier und unterhalt mich noch ein bisschen mit Kaathi.
Das ist lieb von dir, aber erwachsene Männer warten nicht, bis Frauen Bescheid sagen. Sie fühlen sich nämlich ganz von selber zuständig für das Wohl ihrer Kinder und handeln auch so, und zwar rund um die Uhr. Und jetzt hau ab und sieh zu, dass du Land gewinnst.
Menschenskind, grummelt Ulrich im Treppenhaus auf dem Weg nach unten, mach halt so ’n Wochenplan, weißte, wie in den WGs, wo man sich nich aufn Abwasch einigen kann, und da tragt ihr euch beide verbindlich ein, und dann musste dir nich mehr so ’n Scheiß anhörn.
Sie gehen die Gilbertstraße runter und überqueren schweigend den kopfsteingepflasterten Fahrdamm. Der berühmte Hamburger Frühling ist dieses Jahr nicht so berühmt. Zwar steht einiges in Blüte, aber es ist doch ungemütlich frisch und vom Himmel her recht grau. Noch regnet es nicht, aber es könnte jeden Augenblick anfangen zu nieseln. Das ist dieses feuchte Seeklima. Jens ist gereizt. Und wieso du diese Kathi noch dauernd mit deinen Nachfragen anfeuern musst, ist auch so ein Rätsel.
Hm, war doch gar nicht so uninteressant, was sie erzählt hat.
Klar, jetzt, wo du’s sagst, weiß ich auf einmal gar nicht mehr, wie ich bisher ohne dieses Wissen leben konnte.
Sie gehen in die Kneipe mit dem schönen Namen In Sicherheit. Es handelt sich um ein anspruchsloses Lokal im Brunnenhof, das in den letzten zehn Jahren nicht renoviert worden ist. Die Wände sind nachtblau, die Dielen von ungezählten Füßen ausgetreten. In den Toiletten riecht es nach feuchtem Keller. Das Bier ist gut und nicht teuer, und im Schankraum sitzt man nicht schön, doch gemütlich. Die Kneipe ist etwas mehr als halb voll. Alle rauchen. An den Tischen sitzen Langzeitstudenten und erklären die Welt. Leute, die jobben, und Angestellte erzählen von der Arbeit, Arbeitslose von den Ämtern, und an einem Tisch sitzen Werbefritzen, die es hier besonders authentisch finden. Am Tresen lümmeln alternde Rocker. Hinter dem Tresen steht ein Neuer. Ulrich und Jens verbringen einen völlig normalen Kneipenabend. Sie sitzen da und trinken Bier, sie unterhalten sich. Ein Bekannter kommt rein, sagt Hallo und erzählt, was er grad so macht, dann setzt er sich an einen anderen Tisch. Jens Dikupp kriegt sich nach seinem ersten Bier wieder ein und entspannt sich. Sie reißen sogar Witze und haben was zu lachen, und mit einem Mal sind Jens und Ulrich die letzten Gäste, und der Neue von hinterm Tresen kommt an den Tisch und will abkassieren. Man kommt ins Gespräch und versteht sich. Der neue Barkeeper hat eben seinen Magister in Politische Wissenschaften gemacht und möchte gerne Publizist werden. Er fängt gerade an, für einen Artikel zu recherchieren. Es gehe, erzählt er, um einen Beitrag für eine Reihe zum Thema »Politikrituale in der Demokratie«, und er schreibe über etwas ganz Herrliches. Er schreibe nämlich über den Politischen Aschermittwoch der CSU. Das ist ein Stichwort, bei dem Ulrich Held und Jens Dikupp sehr hellhörig werden.
Wunderbar, sagt der Barkeeper Magister, da gabs mal Anfang der achtziger Jahre so eine grandiose Aktion. Ulrich und Jens kneifen auf ihren Stühlen die Arschbacken zusammen und hoffen, dass man ihnen nichts anmerkt. Der Barkeeper Magister merkt gar nichts, weil er so sehr von seinem Thema begeistert ist. Er sagt, der Politische Aschermittwoch ist ja eine Propaganda-Veranstaltung der CSU, und deshalb haben ihre Gegner auch immer versucht, ihn zu stören.
In der Tat.
Da haben es nämlich irgendwelche Linken geschafft, fährt der Barkeeper Magister fort, die näheren Umstände weiß ich nicht, ich weiß auch nicht genau welches Jahr, das muss ich alles noch rauskriegen, die haben es jedenfalls geschafft – doch, doch, der spricht von ihnen, gleich spricht ers aus, die Anspannung kriecht von den Arschbacken hoch bis in den Magen –, die Veranstaltung mindestens kurzfristig lahmzulegen – oder gabs vielleicht Anfang der achtziger Jahre noch irgendein solches Ereignis, von dem sie nichts wissen? –, und zwar einfach, indem sie solche Schilder hoch hielten, auf denen nichts weiter stand als »So ist es«, in roter Schrift auf schwarzem Grund oder umgekehrt, egal, also farblich als links erkennbar, und es soll daraufhin zu Saalschlachten gekommen sein.
Und Ulrich Held sieht vor seinem geistigen Auge die fliegende Maß. Er schaut in sein leeres Glas und schüttelt langsam den Kopf. Nä, sagt er, das wär nix für mich, in so eine Veranstaltung reinzugehn. Und dann schaut er Jens in die Augen und fragt ihn, weißt du, wer das war?
Ulrich Held und Jens Dikupp hatten damals Freunde in Passau besucht und saßen Montagabend vor Aschermittwoch am Küchentisch, als die Passauer von ihren Erfahrungen mit dieser Veranstaltung in den letzten Jahren erzählten. Unvorstellbar sei das, sagten sie, diese martialische Rechtschaffenheit, wie die Leute sich förmlich suhlten in ihrer reaktionären Haltung, ein Feixen und Johlen und Schulterklopfen und Auf-die-Schenkel-Hauen. Wie sie die Wurstsemmeln zwischen den Kiefern zermalmten und rechthaberisch die Fäuste auf die Tische knallten. Wie sie das Bier in sich hineinschütteten und sich berauschten daran, dass hier die Welt in Ordnung sei. Die Luft in der Nibelungenhalle, sagten die Passauer Freunde, sei durchgängig geschwängert von Aggression. Ohne dass ein halbwegs ernst zu nehmender Gegner auch nur am Horizont sichtbar werde, zeige sich in den Gesichtern die drohende Siegerfratze der Mehrheit. Und dann sagte einer von den Passauern, es sei typisch für diese Veranstaltung, dass sich aus dem Publikum eine aufbrausende Woge erleichterter, befreiter, ja, losgelassener Hurras! und Jawolls! mit Macht erhoben hatte, als 1978 Franz Josef Strauß die Wiedereinführung der Todesstrafe für die Gefangenen der Roten Armee Fraktion gefordert hatte. Spontan hatte Ulrich Held an dieser Stelle dazwischengeworfen, dass es dann ja genüge, sich mit einem Schild hinzuzustellen, auf dem stehe So ist es. Ja, ja, man lachte. Das wär wohl wahr. Hin und her. So und so. Mehr gäbe es dazu im Grunde nicht zu sagen. Und zwanzig Minuten später, als man thematisch schon ganz woanders war, sagte einer, lasst uns das doch machen, Jochen hat Karten.
Jochen kannte jemanden aus der Druckerei. Es wurde diskutiert, und es gab auch Bedenken. Manche hatten einfach keine Lust, aber einer sagte, es sei immerhin nicht auszuschließen, dass dieses Arschloch, sowie sie ihre Schilder enthüllten, sie sehe und sage, das ist aber schön, inzwischen stimmt uns auch unser Gegner zu, und etwas anderes bleibt ihm auch gar nicht übrig. Aber der musste sich dem Argument fügen, dass man grundsätzlich nie verhindern könne, falsch interpretiert zu werden. Es sei eben so, dass jede Äußerung dieses Risiko in sich berge, weil jeder in jeder Äußerung genau das sehe, was er sehen wolle, und auch dass dies so sei, sagten sie ja mit ihren schönen Schildern. So sei es eben. Am Ende gingen sie zu siebt mit drei solchen Schildern hin.
Der Dienstagnachmittag war der Herstellung der Schilder gewidmet. Drei Blatt roten Kartons holte Jochen aus der Druckerei und steckte dafür eine Mark in die Kaffeekasse, was er sofort bereute. Sie versahen die Schilder mit blau-weißen Bändern und zogen ihnen tarnungshalber Papierhüllen über, um nicht gleich am Eingang abgefangen zu werden. Und was schreiben wir da drauf?, fragte Jens Dikupp.
CSU