
Marisha Pessl
Die alltägliche Physik
des Unglücks
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Adelheid Zöfel
FISCHER E-Books

Mit ›Die alltägliche Physik des Unglücks‹ wurde Marisha Pessl 2006 weltweit als literarisches Wunder gefeiert, der Roman stand wochenlang auf der Bestsellerliste.
Marisha Pessl wurde 1977 in North Carolina geboren und studierte Englische Literatur an der Columbia University. Sie lebt in New York.
Adelheid Zöfel lebt und übersetzt in Freiburg im Breisgau. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören u.a. Taiye Selasi, Chuck Klosterman, David Gilmour, Janice Deaner und Louise Erdrich.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
Covergestaltung- und abbildung: Gundula Hißmann und Andreas Heilmann, Hamburg nach einer Idee von gray318
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel
›Special Topics in Calamity Physics‹ im Verlag Viking Penguin, USA
Die Illustrationen stammen von der Autorin
© Marisha Pessl 2006
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402988-7
Eine Blässe, die auf akute Schlaflosigkeit hinwies. Oder auf die unbekannte Krankheit, welche die kleine Apotheke in ihrem Badezimmerschränkchen notwendig machte.
Eine Haltung, die dem unbequemen Quäkerstuhl in ihrer Schlafzimmerecke nachempfunden war.
Der müde und gedankenvolle Ausdruck verlieh Hannahs Gesicht eine seltsame Art von Füllen-Sie-die-leeren-Stellen-Ausdruck, weshalb ich mich fragte, ob ich mit meiner ursprünglichen Einschätzung danebenlag und sie doch das kleine rundäugige Mädchen auf den drei gerahmten Kommodenfotos war. Aber andererseits – wieso sollte sie ausgerechnet diese Fotos aufstellen? Dass weder ihre Mutter noch ihr Vater zu sehen waren, schien darauf hinzuweisen, dass sie kein besonders inniges Verhältnis zu ihnen hatte. Aber Dad sagte, wenn jemand glückliche Fotos aufstelle, sei das nicht unbedingt ein Ausdruck tiefer Gefühle – diese Schlussfolgerung sei zu simpel. Er sagte, wenn ein Mensch so unsicher sei, dass er sich ständig die »gute alte Zeit« ins Gedächtnis rufen muss, dann waren »die Gefühle von vornherein nicht besonders tief«. Und um noch etwas festzuhalten: Bei uns standen keine gerahmten Fotos von mir herum, und das einzige Klassenfoto, das Dad je bestellte, war von der Sparta Elementary School: Ich saß mit zusammengepressten Knien vor einem Hintergrund à la Yosemite, in einem pinkfarbenen Overall und mit trägem Blick. »Das ist klassisch«, sagte Dad. »Dass sie mir schamlos ein Bestellformular schicken, damit ich 65,95 Dollar bezahle für große und kleine Abzüge einer Aufnahme, auf der meine Tochter aussieht, als hätte sie gerade einen Schlag auf den Kopf bekommen – das beweist doch wieder einmal, wir sind alle miteinander an ein Fließband gefesselt, das quer durch das ganze Land läuft. Wir sollen zahlen und die Klappe halten – oder wir werden als Abfall ausgemustert.«
Ich empfehle die Benutzung eines Bleistifts B, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie sich beim ersten Durchlauf vertun und, falls Sie noch Zeit übrig haben, Ihre Antworten korrigieren möchten.
Für Anne und Nic
Dad sagte immer, ein Mensch braucht einen fabelhaften Grund, um seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, wenn er will, dass jemand sie liest.
»Wenn man nicht Mozart heißt oder Matisse, Churchill, Che Guevara, Bond – James Bond –, dann sollte man seine Freizeit lieber damit verbringen, mit Fingerfarben zu malen oder Shuffleboard zu spielen, denn außer deiner Mutter mit den Wabbelarmen und der Betonfrisur und dem Kartoffelbrei-Blick, mit dem sie dich immer ansieht, möchte niemand die Einzelheiten deiner jämmerlichen Existenz hören, die zweifellos genauso enden wird, wie sie begonnen hat – mit einem Ächzen.«
Angesichts so rigider Parameter war ich bisher davon ausgegangen, dass ich meinen fabelhaften Grund frühestens mit siebzig finden würde, wenn ich Altersflecken und Rheumatismus habe, einen Verstand so scharf wie ein Tranchiermesser, ein kompaktes kleines Stuckhaus in Avignon (wo ich 365 verschiedene Käsesorten esse), einen zwanzig Jahre jüngeren Liebhaber, der auf dem Feld arbeitet (keine Ahnung, auf was für einem – jedenfalls ist es golden und leuchtet), und nachdem ich, mit ein bisschen Glück, einen kleinen Triumph auf dem Gebiet der Naturwissenschaften oder der Philosophie eingeheimst habe, der mit meinem Namen verbunden ist. Und doch kam die Entscheidung – nein, die zwingende Notwendigkeit –, zum Stift zu greifen und über meine Kindheit zu schreiben – vor allem über das Jahr, in dem sie aufgeribbelt wurde wie ein alter Wollpullover – sehr viel früher, als ich gedacht hatte.
Begonnen hat es mit schlichter Schlaflosigkeit. Da war es schon fast ein Jahr her, dass ich Hannah tot aufgefunden hatte, und ich dachte, ich hätte es geschafft, alle Spuren jener Nacht aus meinem Inneren zu tilgen, so wie Henry Higgins mit seinen gnadenlosen Sprechübungen Elizas Cockney-Akzent ausradierte.
Ich hatte mich geirrt.
Ende Januar lag ich wieder einmal mitten in der Nacht hellwach im Bett. Im Flur draußen war alles still. Spitze Schatten lauerten in den Ecken der Zimmerdecke. Ich hatte nichts außer ein paar dicken, anmaßenden Lehrbüchern, zum Beispiel die Einführung in die Astrophysik, und dem traurigen, stummen James Dean, der, eingesperrt in Schwarz und Weiß und mit Klebeband hinten an unserer Tür befestigt, auf mich herunterblickte. Als ich durch die fleckige Dunkelheit zu ihm schaute, sah ich, in mikroskopischer Klarheit, Hannah Schneider.
Sie hing einen Meter über dem Boden, an einem orangeroten Verlängerungskabel. Die Zunge – aufgequollen, kirschrot wie ein Küchenschwamm – hing ihr aus dem Mund. Ihre Augen sahen aus wie Eicheln oder wie stumpfe Pennymünzen oder wie zwei schwarze Mantelknöpfe, die Kinder für das Gesicht eines Schneemanns nehmen würden, und sie sahen nichts. Oder aber, und genau da lag das Problem, sie hatten alles gesehen; J. B. Tower schrieb, dass man im Augenblick des Todes »alles, was je existiert hat, auf einmal sieht« (obwohl ich mich fragte, woher er das wusste, da er in den besten Jahren war, als er Sterblichkeit schrieb). Und ihre Schnürsenkel – eine ganze Abhandlung könnte man über diese Schnürsenkel schreiben –, sie waren burgunderrot, symmetrisch, zu perfekten Doppelknoten gebunden.
Aber als ewige Optimistin (»Die van Meers sind von Natur aus Idealisten und positive Freigeister«, befand Dad) hoffte ich, dass das eklige Wachliegen eine Phase sein würde, aus der ich schnell herauskomme, eine Art Mode, so wie Pudelröcke oder Lieblingssteine, aber dann, eines Abends Anfang Februar, während ich gerade die Aeneis las, erwähnte meine Zimmerkollegin Soo-Jin, ohne von ihrem Lehrbuch für Organische Chemie aufzublicken, dass ein paar Erstsemester auf unserem Flur vorhätten, uneingeladen zu einer Party außerhalb des Campus zu gehen, die irgendein Doktor der Philosophie gab, aber mich wollten sie nicht mitnehmen, weil alle fänden, dass ich in meiner Grundhaltung mehr als nur ein bisschen »düster« sei: »Besonders morgens, wenn du zu deiner Einführung in die Gegenkultur der sechziger Jahre und die Neue Linke gehst. Dann wirkst du immer irgendwie so gequält.«
Das war natürlich nur Soo-Jin, die das sagte (Soo-Jin, deren Gesicht für Wut und Begeisterung denselben Ausdruck hatte). Ich bemühte mich, die Bemerkung auszublenden, wie einen unangenehmen Geruch aus einem Reagenzglas, aber dann fielen mir alle möglichen Dinge auf, die bei mir tatsächlich düster waren. Zum Beispiel, als Bethany am Freitagabend Leute zu einem Audrey-Hepburn-Marathon einlud, merkte ich, dass ich im Gegensatz zu all den anderen Mädchen, die auf ihren Kissen saßen, eine Zigarette nach der anderen pafften und Tränen in den Augen hatten, eigentlich hoffte, dass Holly ihre Katze Cat nicht finden würde. Wenn ich mir selbst gegenüber ganz ehrlich war, dann wollte ich sogar, dass Cat für immer wegbliebe und ganz allein vor sich hin miaute zwischen den kaputten Holzverschlägen in dieser schrecklichen Gasse in Hollywood, der bei diesem Sturzregen in weniger als einer Stunde vom Pazifik verschlungen würde. (Diesen Wunsch behielt ich natürlich für mich und lächelte entzückt, als George Peppard fieberhaft nach Audrey Hepburn tastete, die ihrerseits fieberhaft nach Cat tastete, die aber gar nicht mehr aussah wie eine Katze, sondern wie ein ertrunkenes Eichhörnchen. Ich glaube, ich gab sogar eins von diesen mädchenhaft quiekigen »Uuuh«-Geräuschen von mir, das perfekt zu Bethanys Seufzern passte.)
Und damit nicht genug. Ein paar Tage später war ich in meinem Kurs über Amerikanische Biographie, gehalten von Glenn Oakley, dem Assistenten mit dem teigigen Maisbrot-Teint und der schrecklichen Angewohnheit, immer mitten im Wort zu schlucken. Er redete gerade über Gertrude Stein auf dem Totenbett.
»›Was ist die Antwort, Gertrude?‹«, zitierte Glenn in manieriertem Flüsterton, die linke Hand erhoben, als hielte er, mit gespreiztem kleinen Finger, einen unsichtbaren Sonnenschirm. (Er ähnelte Alice B. Toklas, mit dem Phantomschnurrbart). »›In diesem Fall, Alice, was ist die Fra-schluck-ge?‹«
Ich unterdrückte ein Gähnen, schaute auf mein Heft und sah, dass ich in Gedanken mit seltsam verschnörkelter Schreibschrift ein sehr beunruhigendes Wort gekritzelt hatte. Leb wohl. Für sich betrachtet war es banal und harmlos, klar, aber ich hatte es, wie eine Irre mit gebrochenem Herzen, mindestens vierzigmal geschrieben, über den ganzen Rand der Seite – und auch noch ein bisschen über die vorhergehende.
»Kann mir jemand sagen, was Ger-schluck-trude mit diesem Satz ausdrücken wollte? Blue? Nein? Könnten Sie bitte etwas besser aufpassen? Wie wär’s mit Ihnen, Shilla?«
»Das ist doch offensichtlich. Sie spricht von der unerträglichen Leere der Existenz.«
»Sehr gut.«
Es sah so aus, als hätte ich, trotz meiner Bemühungen, das Gegenteil zu tun (ich trug flauschige Pullis in Gelb und Rosa, frisierte meine Haare zu einem meiner Meinung nach höchst munteren Pferdeschwanz), mich genau dorthin begeben, wovor ich Angst hatte, seit das alles passiert ist. Ich wurde immer verkrampfter und verdrehter (nur Stationen auf dem Weg zu komplett verrückt), eine Frau, die dann mit vierzig jedes Mal zusammenzuckt, wenn sie irgendwo Kinder sieht, oder absichtlich in einen Schwarm Tauben fährt, die ganz unschuldig ihre Krümel aufpicken. Sicher, mir lief es schon immer kalt den Rücken hinunter, wenn ich irgendeine Schlagzeile oder Werbung las, die mich wider Willen daran erinnerten: »Stahlboss stirbt überraschend mit fünfzig, Herzstillstand«, »Camping-Ausrüstungen – Räumungsverkaufsfinale«. Aber ich sagte mir immer, dass jeder Mensch – jedenfalls jeder, der einigermaßen interessant ist – seine Narben hatte. Und auch mit Narben konnte man ja eher wie, sagen wir mal, Katharine Hepburn sein als wie Captain Queeg, was die allgemeine Lebenseinstellung und das Verhalten anging, und man konnte ein bisschen mehr Ähnlichkeit mit Sandra Dee haben als mit Scrooge.
Mein Abstieg in die Welt der Dunkelheit wäre vielleicht unaufhaltsam gewesen, hätte ich nicht an einem kalten Nachmittag im März einen ungewöhnlichen Anruf bekommen. Es war, fast auf den Tag genau, ein Jahr nach Hannahs Tod.
»Für dich«, sagte Soo-Jin und reichte mir das Telefon, den Blick auf ihr Diagramm 2114.74 »Aminosäuren und Peptide« gerichtet.
»Hallo?«
»Hi. Ich bin’s. Deine Vergangenheit.«
Es verschlug mir den Atem, nein, eine Verwechslung war ausgeschlossen – die tiefe Stimme, Sex und Highways, halb Marilyn, halb Charles Kuralt, aber sie hatte sich verändert. War sie früher zuckrig und brüchig gewesen, so war sie jetzt breiig wie Haferschleim.
»Keine Bange«, sagte Jade. »Ich will nicht mit dir über früher reden.« Sie lachte, ein kurzes Ha!, wie wenn man mit dem Fuß gegen einen Stein kickt. »Ich hab aufgehört zu rauchen«, verkündete sie, offensichtlich stolz auf sich, und dann erzählte sie, dass sie es nach St. Gallway nicht aufs College geschafft habe. Stattdessen hatte sie sich, wegen ihrer »Schwierigkeiten«, in eine Institution »à la Narnia« einweisen lassen, wo man über seine Gefühle redete und lernte, Obst zu aquarellieren. Entzückt berichtete sie, dass auf ihrem Stockwerk, das heißt, auf dem relativ angepassten dritten Stock (»nicht so suizidal wie der vierte und nicht so manisch wie der zweite«) ein »echt berühmter Rockstar« untergebracht war und sie sich »nähergekommen« seien, aber wenn sie seinen Namen nennen würde, hieße das, dass sie alles preisgäbe, was sie in dieser zehnmonatigen »Wachstumsphase« in Heathridge Park gelernt hatte. (Jade betrachtete sich jetzt offenbar als eine Art Kletterpflanze oder Ranke.) Einer der Parameter für ihre »Graduation« (sie verwendete tatsächlich dieses Wort, vermutlich fand sie es besser als »Entlassung«), war gewesen, dass sie ein paar »unerledigte Dinge« regeln sollte.
Ich gehörte also zu den unerledigten Dingen.
»Und du?«, fragte sie. »Wie geht’s dir? Was macht dein Dad?«
»Ihm geht’s blendend.«
»Und Harvard?«
»Schön.«
»Gut, das bringt mich gleich zum Anlass meines Anrufs – es ist eine Entschuldigung, vor der ich mich nicht drücken will und die nicht unglaubwürdig klingen soll«, sagte sie förmlich, was mich irgendwie traurig machte, weil es überhaupt nicht zur richtigen Jade passte. Die Jade, die ich kannte, drückte sich eigentlich immer vor Entschuldigungen, und wenn sie trotzdem gezwungen war, sich zu entschuldigen, klang sie nie überzeugend, aber sie war ja jetzt die Jaderanke (Strongylodon macrobotrys), die zur Familie der Leguminosea gehörte, entfernt verwandt mit der bescheidenen Gartenerbse.
»Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen. Ich weiß, was passiert ist, hatte nichts mit dir zu tun. Sie ist einfach durchgedreht. So was passiert immer wieder, und jeder hat seine eigenen Gründe. Bitte, nimm meine Bitte um Verzeihung an.«
Ich überlegte mir, ob ich sie unterbrechen sollte mit meinem kleinen Cliffhanger, meiner Kehrtwendung, meinem Tritt zwischen die Zähne, meinem Kleingedruckten: »Na ja, um die Sache mal rein technisch zu betrachten, ähm …« Aber ich brachte es nicht über mich. Zum einen hatte ich nicht den Mut, zum andern fand ich es auch nicht sinnvoll, ihr die Wahrheit zu sagen – jedenfalls jetzt nicht. Jade blühte und gedieh, sie bekam genau die richtige Menge Sonne und Wasser, es gab viel versprechende Anzeichen dafür, dass sie ihre Maximalhöhe von zwanzig Metern erreichen würde, und nach und nach würde sie sich vermehren, durch Samen, durch Beschneidung des Stamms im Sommer, durch Ableger im Frühjahr, um schließlich die ganze Breite einer Steinmauer zu bedecken. Meine Worte würden sich auswirken wie hundert Tage Trockenheit.
Der Rest des Telefongesprächs bestand aus einem hitzigen Austausch von »Dann gib mir doch mal deine E-Mail-Adresse« und »Wir müssen unbedingt ein großes Treffen planen« – Papierpuppensprüche, die nicht vertuschen konnten, dass wir uns nie wieder sehen und nur ganz selten miteinander reden würden. Ich wusste schon immer, dass sie, und vielleicht die anderen auch, gelegentlich zu mir herübergeweht kommen würden, wie die Samen eines verblühten Löwenzahns, mit Nachrichten von zuckersüßen Eheschließungen, klebrigen Scheidungen, Umzügen nach Florida, einem neuen Job im Immobiliengeschäft, aber es hielt sie nichts, und sie würden wieder entschweben, genauso beliebig, wie sie gekommen waren.
Und wie es das Schicksal wollte, hatte ich später an diesem Tag noch meine Vorlesung über Griechische und Römische Epen bei Professor Zolo Kydd, einem emeritierten Professor der Klassischen Philologie. Die Studenten nannten Zolo »Rolo«, weil er, wenn auch nur von der Statur und Hautfarbe her, an diese weichen Schokokaramellbonbons erinnerte. Er war klein, braun gebrannt und rund, trug knallig karierte Weihnachtshosen, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit, und seine dichten weißgelben Haare klebten verkrustet auf der schimmernden Sommersprossenstirn, als hätte ihm vor Ewigkeiten jemand Hidden Valley Ranch-Salatsoße über den Kopf gekippt. Für gewöhnlich waren gegen Schluss der Vorlesung über »Götter und Gottlosigkeit« oder »Der Anfang und das Ende« die meisten Studenten eingeschlafen. Das lag an seinen Endlossätzen sowie an seiner Angewohnheit, irgendein Wort, in der Regel eine Präposition oder ein Adjektiv, mehrmals zu wiederholen, was an einen kleinen grünen Frosch erinnerte, der von einem schwimmenden Seerosenblatt zum nächsten hüpft.
Und doch war an diesem Nachmittag bei mir alles anders. Ich hing regelrecht an seinen Lippen.
»Bin neulich auf, auf, auf einen unterhaltsamen kleinen Aufsatz über Homer gestoßen«, sagte Zolo, schaute mit gerunzelter Stirn auf sein Manuskript und schnüffelte (Zolo schnüffelte immer, wenn er nervös wurde, weil er den tapferen Entschluss gefasst hatte, das sichere Terrain seiner Vorlesungsnotizen zu verlassen und einen riskanten Umweg zu wagen.) »Er stand in einer kleinen Zeitschrift – ich empfehle Ihnen allen, in der Bibliothek mal einen Blick hineinzuwerfen, es ist die, die, die kaum bekannte Classic Epic and Modern America. Winterausgabe, glaube ich. Vor einem Jahr haben ein paar verrückte Gräzisten und Latinisten wie ich ein Experiment durchgeführt, mit dem sie die Macht des Epischen testen wollten. Sie schickten die Odyssee an, an, an hundert der schlimmsten, abgefeimtesten Kriminellen in einem Hochsicherheitsgefängnis – Riverbend, wenn ich mich recht entsinne –, und ob Sie’s glauben oder nicht, zwanzig der Insassen lasen den Text von Anfang bis Ende, und drei haben sich hingesetzt und ihr eigenes Epos verfasst. Eins davon wird nächstes Jahr von der Oxford University Press veröffentlicht. Der Artikel vertrat die These, epische Dichtung sei eine durchaus praktikable Form, selbst die, die die hartgesottensten Verbrecher auf der Welt zu erreichen und zu resozialisieren. Auch wenn es lustig klingt, aber es sieht so aus, als gäbe es etwas in dieser Kunstform, was die Wut, den, den Stress, den Schmerz abmildert und selbst bei, bei Menschen, die ganz, ganz weit weg sind, ein Gefühl der Hoffnung auslöst – denn heutzutage gibt es ja eigentlich kein echtes Heldentum mehr. Wo sind die wahren Helden? Die großen Taten? Wo sind die Götter, die Musen, die Krieger? Wo ist das alte Rom? Nun ja, sie, sie, sie müssen irgendwo sein, nicht wahr, denn laut Plutarch wiederholt sich ja die Geschichte. Hätten wir nur den Mut, danach in, in uns selbst zu suchen, dann, dann könnte vielleicht –«
Ich weiß nicht, was über mich kam.
Vielleicht war es Zolos schwitzendes Gesicht, in dem sich festlich die Neonröhren an der Decke widerspiegelten, wie Jahrmarktslichter in einem Fluss, oder die Art, wie er sich an seinem Rednerpult festhielt, als würde er sonst in sich zusammensacken zu einem Bündel bunter Klamotten – ein krasser Gegensatz zu Dads Haltung auf Bühnen oder erhöhten Plattformen. Wenn Dad über die Reformen in der Dritten Welt dozierte (oder worüber er sonst dozieren wollte; Dad hatte keine Scheu vor Abschweifungen in Randgebiete oder vor Ausflügen ins Apropos), stand er immer ganz aufrecht, ohne auch nur im Geringsten zu wanken oder sich zu krümmen. (»Wenn ich einen Vortrag halte, sehe ich mich immer als eine der dorischen Säulen des Parthenons«, sagte er.)
Ohne zu überlegen stand ich auf. Mein Herz wummerte gegen die Rippen. Zolo unterbrach sich mitten im Satz, und gemeinsam mit den dreihundert schläfrigen Studenten im Hörsaal starrte er mich an, während ich mich mit gesenktem Kopf zwischen Rucksäcken, ausgestreckten Beinen, Jacken, Turnschuhen und Büchern zum nächsten Gang durchkämpfte. Ich torkelte zur Schwingtür, zum AUSGANG.
»Da geht Achilles«, scherzte Zolo ins Mikrophon. Er erntete ein paar müde Lacher.
Ich rannte ins Wohnheim. Dort setzte ich mich an meinen Schreibtisch, nahm einen zehn Zentimeter dicken Papierstapel und begann hastig, diese Einleitung zu kritzeln, die ursprünglich mit Charles begann und mit dem, was mit ihm passiert war, als er sich an drei Stellen das Bein gebrochen hatte und von der Nationalgarde gerettet wurde. Angeblich hatte er so wahnsinnige Schmerzen, dass er immer wieder »Lieber Gott, hilf mir!« schrie und gar nicht aufhören konnte. Charles hatte eine furchtbare Stimme, wenn er außer sich war, und ich musste mir immer vorstellen, dass diese Wörter ein Eigenleben besaßen und wie Heliumballons durch die sterilen Gänge des Burns County Hospital schwebten, bis zur Entbindungsstation, sodass jedes Kind, das an diesem Morgen auf die Welt kam, seine Schreie hörte.
Natürlich kann man »Es war einmal ein hübscher, trauriger kleiner Junge namens Charles« nicht gerade als fair bezeichnen. Charles war das Traumschiff von St. Gallway, er war Doktor Schiwago und Tom Destry aus Der große Bluff. Er war der Goldjunge, den Fitzgerald aus jedem Klassenbild herausgefischt und mit sonnengetränkten Begriffen wie »aristokratisch patrizisch« und »mit unendlichem Selbstbewusstsein gesegnet« tituliert hätte. Charles würde sich heftig dagegen wehren, wenn ich eine Geschichte mit seinem Moment der Niederlage beginnen würde.
Ich kam nicht weiter (und fragte mich, wie diese Gefangenen es geschafft hatten, trotz allem und mit so viel Schwung das leere Blatt zu besiegen), aber als ich die zerknüllten Seiten in den Papierkorb unter Einstein warf (der an der Wand neben Soo-Jins planloser Pinnwand »Tun oder nicht tun« als Geisel gehalten wurde), fiel mir plötzlich etwas ein, was Dad in Enid, Oklahoma, gesagt hatte. Er blätterte in dem verblüffend attraktiven Vorlesungsverzeichnis der University of Utah in Rockwell, die ihm, wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich lässt, gerade eine Gastprofessur angeboten hatte.
»Es gibt nichts Faszinierenderes als einen gut strukturierten Lehrplan«, verkündete er unvermittelt.
Ich muss die Augen verdreht oder eine Grimasse gezogen haben, denn er schüttelte den Kopf, stand auf und drückte mir das Ding – das beeindruckende fünf Zentimeter dick war – in die Hand.
»Ich meine es ernst. Gibt es etwas Glorioseres als einen Professor? Vergiss, dass er das Denken der Jugend und so die Zukunft der Nation formt – ohnehin ein zweifelhaftes Konzept; man kann bei Leuten nur sehr wenig bewirken, wenn sie schon bei der Geburt für Autodiebstahl-City bestimmt sind. Nein. Was ich meine, ist Folgendes: Ein Professor ist der einzige Mensch auf Erden, der die Macht besitzt, dem Leben einen Rahmen zu geben – nicht dem ganzen, um Gottes willen, nein – nur einem Fragment, einem kleinen Ausschnitt. Er strukturiert das Unstrukturierbare. Teilt es ein in Moderne und Postmoderne, Renaissance, Barock, Primitivismus, Imperialismus und so weiter. Und der Vorgang wird in Referate, Semesterferien und Prüfungen gegliedert. So viel Ordnung – einfach göttlich. Die Symmetrie eines Semesters. Sieh dir doch nur die Wörter an: Seminar, Tutorium, Kolloquium in Was-weiß-ich, nur für fortgeschrittene Semester, für Doktoranden, das Praktikum – was für ein herrliches Wort: Praktikum! Du findest, ich bin verrückt. Denk mal an Kandinsky. Das große Chaos, aber dann rahmst du ihn ein, und voilà – sieht doch sehr hübsch aus über dem Kamin. Und so ist es auch mit dem Curriculum. Dieses himmlische, beglückende System aus Vorschriften, das im Schreckensmirakel des Abschlussexamens kulminiert. Und was ist das Abschlussexamen? Ein Test, bei dem das Verständnis gigantischer Konzepte geprüft wird. Kein Wunder, dass so viele Erwachsene am liebsten wieder auf die Universität gehen würden, mit all den Abgabeterminen – aaah, diese Struktur! Ein Gerüst, an dem wir uns festhalten können! Auch wenn es beliebig ist – ohne dieses Gerüst sind wir verloren, völlig unfähig, in unserem traurigen, wirren kleinen Leben die Romantik und das Viktorianische Zeitalter auseinanderzuhalten …«
Ich sagte zu Dad, er habe den Verstand verloren. Er lachte.
»Eines Tages wirst du es begreifen«, sagte er mit einem Augenzwinkern. »Und vergiss nicht – du musst alles, was du sagst, mit erstklassigen Anmerkungen versehen, und am besten noch mit Anschauungsmaterial, mit Abbildungen, denn glaub mir, es gibt immer irgendeinen Komiker hinten in der letzten Bank, irgendwo bei der Heizung, der seine flache Flosse hebt und sich beschwert: ›Nein, Sie haben das alles falsch verstanden.‹«
Ich schluckte und starrte auf das leere Blatt. Während ich den Stift zwischen meinen Fingern einen dreifachen Lutz vollführen ließ, schaute ich aus dem Fenster hinaus auf den Harvard Yard, wo die feierlichen Studenten, ihre Winterschals fest um den Hals geschlungen, die Wege entlang und über die Rasenflächen rannten. »›Singen will ich von Kämpfen und von dem Mann, der zuerst von Trojas Gestade,/vom Schicksal verbannt, zu Laviniums Küste, nach Italien kam‹«, hatte Zolo uns erst vor ein paar Wochen vorgetragen und bei jedem zweiten Wort mit dem Fuß auf den Boden gestampft, völlig bizarr, sodass seine karierten Hosenbeine nach oben rutschten und man, ob man wollte oder nicht, seine zahnstocherdünnen Knöchel und die feinen weißen Söckchen zu sehen bekam. Ich schrieb in meiner schönsten Schönschrift: »Curriculum« und dann »Lektüreliste«.
So hat Dad auch immer angefangen.
Bevor ich von Hannah Schneiders Tod erzähle, möchte ich über meine Mutter reden.
Um 15:10 am 17. September 1992, zwei Tage, bevor sie den neuen blauen Volvo Kombi beim Autohändler Dean King’s Volvo and Infiniti in Oxford abholen sollte, fuhr meine Mutter, Natasha Alicia Bridges van Meer, mit ihrem weißen Plymouth Horizon (dem Wagen, dem mein Vater den Spitznamen Todesmaschine gegeben hatte) durch eine Leitplanke an der Mississippi State Highway 7 und in eine Wand aus Bäumen.
Sie war sofort tot. Ich wäre auch sofort tot gewesen, wenn Dad nicht, durch eine seltsame Fügung des Schicksals, in der Mittagspause meine Mutter angerufen hätte, um ihr zu sagen, sie müsse mich nicht, wie sonst immer, im Kindergarten der Calhoun Elementary School abholen. Dad hatte nämlich beschlossen, die Studenten, die nach seinem Kurs »Politikwissenschaft 400a: Konfliktlösungsstrategien« immer noch herumhingen und schlecht überlegte Fragen stellten, einfach wegzuschicken. Er wollte lieber mich von Ms Jettys Kindergarten abholen, damit wir den Rest des Tages im Mississippi Wildlife Conservatory Project in Water Valley verbringen konnten.
Während Dad und ich erfuhren, dass Mississippi eines der besten Rotwild-Management-Programme in den ganzen Staaten hatte, mit 1,75 Millionen Weißwedelhirschen (nur noch übertroffen von Texas), versuchten Rettungssanitäter, die Leiche meiner Mutter mit dem Rettungsspreizer aus dem Autowrack zu befreien.
Dad über Mom: »Deine Mutter war eine Arabesque.«
Dad benutzte gern Ballettbegriffe, um sie zu beschreiben (zu den Lieblingswörtern gehörten auch: Attitude, Ciseaux und Balancé), zum Teil deswegen, weil sie als Kind sieben Jahre lang am berühmten Larson Ballet Conservatory in New York Unterricht gehabt hatte (auf Wunsch ihrer Eltern hörte sie auf, um die Ivy School in der East 81st Street zu besuchen), aber auch, weil sie ihr Leben in Schönheit und mit Disziplin lebte. »Obwohl sie eine klassische Ausbildung hatte, entwickelte Natasha schon früh im Leben eine eigene Technik und galt bei ihren Eltern und ihren Freunden als ziemlich radikal für ihre Zeit«, sagte er, eine Anspielung darauf, dass ihre Eltern, George und Geneva Bridges, und ihre Kindheitsfreunde nicht verstanden, wieso Natasha sich dafür entschied, nicht im fünfstöckigen Townhouse ihrer Eltern in der Nähe der Madison Avenue zu wohnen, sondern in einer Einzimmerwohnung in Astoria, Queens; wieso sie nicht für American Express oder Coca-Cola arbeitete, sondern für NORM (Non-profit Organization for Recovering Mothers), wieso sie sich in Dad verliebte, einen Mann, der dreizehn Jahre älter war als sie.
Nachdem er drei Bourbon getrunken hatte, erzählte Dad gern von dem Abend, an dem sie sich im Pharaonen-Raum der Edward Stillman Collection of Egyptian Art in der East 86th Street kennengelernt hatten. Er sah sie auf der anderen Seite des Raums stehen, zwischen den mumifizierten Gebeinen der ägyptischen Könige und den Menschen, die für 1000 Dollar pro Person Ente aßen (die Einnahmen kamen einer Wohltätigkeitsorganisation zugute, die sich um Waisenkinder in der Dritten Welt kümmerte). Dad hatte von einem verbeamteten Kollegen an der Universität, der verhindert war, ganz zufällig zwei Eintrittskarten bekommen. Ich kann mich also bei Professor Arnold B. Levy, Professor für Politikwissenschaft an der Columbia University, und bei der Diabeteserkrankung seiner Frau für meine Existenz bedanken.
Natashas Kleid wechselt in seiner Erinnerung öfter die Farbe. Manchmal trug sie ein »taubenweißes Kleid, das ihre perfekte Figur betonte und in dem sie mindestens so attraktiv aussah wie Lana Turner in Im Netz der Leidenschaften.« Dann wieder war sie »ganz in Rot«. Dad hatte eine Begleiterin mitgebracht, eine gewisse Miss Lucy Marie Miller aus Ithaca, Assistenzprofessorin für Englisch an der Columbia University. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, welche Farbe sie getragen hatte. Er konnte sich nicht einmal erinnern, Lucy überhaupt noch gesehen oder sich von ihr verabschiedet zu haben, nachdem sie sich kurz über die bemerkenswert gut erhaltene Hüfte von König Taa II. ausgetauscht hatten – denn gleich darauf erspähte er eine blasse Blondine mit einer aristokratischen Nase, Natasha Bridges, die beim Knie und Unterschenkel von Ahmosis IV. stand und sich etwas zerstreut mit ihrem Begleiter Nelson L. Aimes unterhielt, einem Mitglied der Aimes aus San Francisco.
»Der Junge hatte ungefähr so viel Charisma wie ein Teppichboden«, sagte Dad gern, aber manchmal war der arme Mr Aimes in seinen Erzählungen einfach nur ein Mann mit »schlechter Haltung« und »wirrem Haaransatz«.
Ihre Liebesgeschichte war grausam wie ein Märchen. Es kam alles vor: die böse Königin, der stümperhafte König, die reizende Prinzessin, der verarmte Prinz, eine verzauberte Liebe (die bewirkte, dass sich Vögel und irgendwelche kleinen Felltierchen auf einem Fenstersims versammelten) – und ein letzter Fluch.
»Mit ihm wirst du unglücklich sterben«, sagte Geneva Bridges angeblich während ihres letzten Telefongesprächs zu meiner Mutter.
Dad konnte nicht adäquat antworten, wenn man ihn fragte, warum George und Geneva Bridges eigentlich derart unbeeindruckt von ihm waren, während doch der Rest der Welt ihn so liebte. Gareth van Meer, am 25. Juli 1947 im schweizerischen Biel geboren, hatte seine Eltern nie kennengelernt (er vermutete, dass sein Vater ein deutscher Soldat war, der sich versteckt hielt) und wuchs in einem Züricher Waisenhaus für Knaben auf, in dem Liebe und Zuwendung etwa so selten waren wie persönliche Auftritte des Rat Packs. Mit nichts ausgestattet als mit einem eisernen Willen, der ihn zu Höchstleistungen antrieb, bekam Dad ein Stipendium für die Universität Lausanne, um Volkswirtschaft zu studieren, dann lehrte er zwei Jahre Soziologie an der Jefferson International School in Kampala, Uganda, arbeitete als Assistent an der Diaz-Gonzales-Schule in Managua, Nicaragua, und kam 1972 in die USA. 1978 promovierte er an der Kennedy School of Government in Harvard mit einer viel gerühmten Dissertation über das Thema: »Der Fluch des Freiheitskämpfers: Irrtümer in Guerilla-Kriegsführung und revolutionärer Strategie in der Dritten Welt«. Die nächsten vier Jahre lehrte er in Cali, Kolumbien, und danach in Kairo; dazwischen ging er zu wissenschaftlichen Feldstudien nach Haiti, Kuba und in verschiedene afrikanische Länder, einschließlich Sambia, Sudan und Südafrika, weil er ein Buch über territoriale Konflikte und Entwicklungshilfe schreiben wollte. Als er in die USA zurückkehrte, bekam er die Harold H. Clarkson Professur für Politikwissenschaft an der Brown University, danach 1986 die Ira F. Rosenblum Professur für Weltpolitische Studien an der Columbia University. Außerdem veröffentlichte er sein erstes Buch, Die herrschenden Mächte (Harvard University Press, 1987). In diesem Jahr bekam er sechs verschiedene Auszeichnungen, unter anderem den Mandela Award of the American Political Science Institute und den renommierten McNeely Prize of International Affairs.
Doch als George und Geneva Bridges aus der 16 East 64th Street Gareth van Meer kennenlernten, verliehen sie ihm keinen Preis, ja, er bekam nicht einmal eine lobende Erwähnung.
»Geneva war Jüdin, und sie hasste meinen deutschen Akzent. Dabei kam ihre Familie aus St. Petersburg, und Geneva hatte auch einen Akzent. Sie beschwerte sich immer, weil sie an Dachau denken musste, wenn sie mich reden hörte. Ich habe mich also bemüht, meine Aussprache zu verbessern – deshalb spreche ich heute so picobello akzentfrei. Tja, ja«, seufzte er und wedelte mit der Hand, eine Geste, die signalisierte: Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. »Ich denke, ich war ihnen einfach nicht gut genug. Sie wollten für ihre Tochter einen dieser hübschen Jungen mit gepflegter Frisur und mit einem Talent für Immobiliengeschäfte, jemanden, der noch nichts von der Welt gesehen hatte, oder höchstens durch die Fenster der Präsidenten-Suite im Ritz. Sie haben Natasha nicht verstanden.«
Und meine Mutter wagte es, »so Schönheit, Geist, Vermögen auszuliefern/Dem heimatlos unsteten Abenteurer/Von hier und überall«, und verliebte sich in Dads Geschichten von Land und See. Sie heirateten auf einem kleinen Standesamt in Pitts, New Jersey, mit zwei Trauzeugen, die sie in einer Kneipe am Highway aufgelesen hatten, einem Lastwagenfahrer und einer Kellnerin namens Peaches, die seit vier Tagen nicht mehr geschlafen hatte und zweiunddreißigmal gähnte (Dad zählte mit), während sie das Ehegelöbnis sprachen. Damals hatte Dad bereits Differenzen mit dem konservativen Leiter des Instituts für Politikwissenschaft an der Columbia University, was darin gipfelte, dass Dad in The Federal Journal of Foreign Affairs einen Artikel veröffentlichte, mit dem Titel »Stilettos mit Stahlspitzen: Die Designermode der amerikanischen Entwicklungshilfe« (Bd. 45, Nr. 2, 1987). Er kündigte mitten im Semester. Sie zogen nach Oxford, Mississippi. Dad nahm eine Stelle an der Ole Miss an und lehrte Konfliktlösungsstrategien in der Dritten Welt, während meine Mutter fürs Rote Kreuz arbeitete und begann, Schmetterlinge zu fangen.
Ich kam fünf Monate später auf die Welt. Meine Mutter beschloss, mich Blue zu nennen, denn während ihres ersten Jahres als Schmetterlingsforscherin bei der Southern Belles’ Association of Butterflies mit den Treffen dienstagabends in der Baptistenkirche (zu den Vortragsthemen gehörte: Habitat, Artenschutz und Hinterkörperpaarung sowie attraktive Vitrinen und Schaukästen) konnte Natasha nur eine Sorte Schmetterling fangen, den Cassius Blue (siehe Leptotes cassius, Schmetterlingslexikon, Meld, 2001 ed.). Sie probierte verschiedene Käscher aus (Nessel, Musseline, Netzbeutel), sowie Gerüche (Patschuli, Geißblatt), verschiedene Techniken, sich anzupirschen (Gegenwind, Rückenwind, Seitenwind) sowie die zahlreichen Netzschwünge (Überraschungsangriff, rasches Zuschlagen, Lowsell-Pit-Manöver). Beatrice »Bee« Lowsell, Präsidentin der SBAB, traf sich an Sonntagnachmittagen sogar privat mit Natasha, um ihr die Methoden der Schmetterlingsjagd beizubringen (Zickzack, indirekte Verfolgung, schneller Zugriff, Einsammeln) sowie die Kunst, den eigenen Schatten zu kaschieren. Nichts half. Der Shy Yellow, der Weiße Admiral und der Nymphalide wurden vom Käscher meiner Mutter abgestoßen, als handelte es sich um gleich gepolte Magnete.
»Deine Mutter fand, das muss ein Zeichen sein, also hat sie beschlossen, sich darauf zu spezialisieren, nur den Cassius Blue zu fangen. Jedes Mal, wenn sie loszog, kam sie mit ungefähr fünfzig Exemplaren nach Hause und wurde mit der Zeit eine richtige Expertin für diese Sorte. Sir Charles Erwin, oberster Schmetterlingsexperte im Insektenmuseum von Surrey, England, ein Mann, der nicht nur einmal, sondern viermal in der BBC-Sendung Bug Watch aufgetreten ist, hat deine Mutter sogar angerufen, um mit ihr über die Nahrungsaufnahme des Leptotes cassius bei der Blüte der Limabohne zu diskutieren.«
Wenn ich mich negativ über meinen Namen äußerte, sagte mein Vater immer das Gleiche: »Du kannst froh sein, dass sie nicht immer den Swamp Metalmark oder den Silbernen Perlmutterfalter gefangen hat.«
Die Lafayette County Police teilte Dad mit, Natasha sei offenbar am Steuer eingeschlafen, am helllichten Tag, und Dad wusste, dass Natasha vier oder fünf Monate vor dem Unfall oft ganze Nächte an ihren Schmetterlingen gebastelt hatte. Sie war an den merkwürdigsten Orten eingeschlafen: am Herd, während sie für Dad Irish Oatmeal kochte, auf dem Untersuchungstisch, als Dr. Moffet ihr Herz abhörte, sogar auf der Rolltreppe vom ersten zum zweiten Stock im Ridgeland Shoppingcenter.
»Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht so viel an den Faltern arbeiten«, sagte Dad. »Schließlich waren sie nur ein Hobby. Aber sie wollte unbedingt die ganze Nacht an diesen Schaukästen herumtüfteln, und sie konnte sehr dickköpfig sein. Wenn sie eine Idee hatte, wenn sie an etwas glaubte, ließ sie nicht locker. Und trotzdem – sie war genauso zerbrechlich wie ihre Schmetterlinge, eine Künstlerin, mit tiefen Gefühlen. Es ist ja gut und schön, wenn man empfindlich ist, aber es macht das Alltagsleben – das Leben überhaupt – nicht leichter, würde ich denken. Ich habe manchmal im Spaß gesagt, wenn jemand im brasilianischen Urwald einen Baum fällt oder auf eine Ameise tritt oder wenn ein Spatz gegen eine Glastür knallt, tut ihr das weh.«
Ich weiß nicht, an wie viel ich mich erinnern würde, ohne Dads Anekdoten und Beobachtungen (sein Pas de Deux, seine Attitudes). Ich war fünf, als sie starb, und anders als bei jenen Genies, die von sich behaupten, sie könnten sich an die eigene Geburt erinnern (»ein Erdbeben unter Wasser«, sagte der bekannte Physiker Johann Schweitzer über das Ereignis, »erschütternd.«), ist es bei mir so, dass meine Erinnerung an das Leben in Mississippi immer stottert und zum Stillstand kommt, wie ein Motor, der nicht laufen will.
Dads Lieblingsfoto von Natasha ist eine Schwarzweißaufnahme aus der Zeit, bevor sie ihn kennenlernte. Sie war einundzwanzig und für eine viktorianische Kostümparty verkleidet (Abbildung 1.0). (Das Originalfoto habe ich nicht mehr; deshalb zeige ich hier und an den Stellen, an denen es mir angemessen erscheint, nach meiner Erinnerung gezeichnete Illustrationen.) Obwohl sie im Vordergrund ist, scheint sie im Raum zu versinken, in einem Raum, der vollgestopft ist mit »bürgerlichem Besitz«, wie Dad gern mit einem Seufzer bemerkte. (Es sind echte Picassos.)
Und obwohl Natasha fast direkt in die Kamera blickt und ein vornehmes, aber trotzdem zugängliches Gesicht macht, blitzt bei mir kein Funke des Erkennens auf, wenn ich diese Blondine mit den ausgeprägten Wangenknochen und den tollen Haaren ansehe. Ich bringe diese kultiviert elegante Person auch nicht in Verbindung mit dem kühlen Gefühl der Geborgenheit, an das ich mich erinnere, wenn auch nur vage: ihr Handgelenk auf meiner Hand, glatt wie poliertes Holz, während sie mich in ein Klassenzimmer mit orangerotem Teppich führte, in dem es nach Klebstoff stank, das Gefühl, wenn wir mit dem Auto fuhren und ihre milchigen Haare fast ihr ganzes rechtes Ohr bedeckten und nur der Rand noch hervorlugte, wie eine Fischflosse.
Der Tag, an dem sie starb, ist ebenfalls vage und immateriell. Ich glaube mich zu erinnern, wie Dad in einem weißen Schlafzimmer saß und seltsame Würgegeräusche in seine Hände machte und es überall nach Pollen und feuchtem Laub roch, aber ich frage mich, ob das nicht eine erzwungene Erinnerung ist, geboren aus Notwendigkeit und »eisernem Willen«. Ich weiß allerdings noch ganz genau, dass ich hinausgeschaut habe auf die Stelle, wo ihr weißer Plymouth immer stand, neben dem Schuppen mit dem Rasenmäher, und dass ich nichts sah außer Ölflecken. Und ich weiß auch noch, dass mich ein paar Tage lang, bis Dad seinen Vorlesungsplan geändert hatte, unsere Nachbarin vom Kindergarten abholte, eine hübsche Frau in Jeans und mit kurzen roten Stachelhaaren, die nach Seife roch, und immer, wenn wir in unsere Einfahrt einbogen, machte sie nicht gleich die Wagentür auf, sondern umklammerte das Lenkrad und flüsterte, dass es ihr so Leid tue – aber dieses Flüstern galt nicht mir, sondern der Garagentür. Dann zündete sie sich eine Zigarette an und saß ganz still, während sich der Rauch um den Rückspiegel kräuselte.

Ich erinnere mich auch daran, wie sich unser Haus veränderte, früher war es klobig gewesen und hatte gekeucht wie eine rheumakranke Tante, aber ohne meine Mutter war es angespannt und zurückhaltend, als würde es auf ihre Rückkehr warten, weil es sich erst dann wieder wohlfühlte und knarzen und ächzen konnte und den Holzfußböden wieder erlaubte, unter unseren eiligen Schritten Grimassen zu schneiden; erst dann wollte es die Gittertür jedes Mal, wenn man sie öffnete, 2¼-mal gegen den Türrahmen schlagen lassen und mit dem Gegurgel der Gardinenstangen einverstanden sein, wenn ein unfreundlicher Windstoß durchs Fenster rauschte. Ohne Mom weigerte sich das Haus zu klagen, und bis Dad und ich 1993 unsere Sachen packten und Oxford verließen, verharrte es in dieser verschämt schmallippigen Haltung, die man zum Beispiel auch für die langweiligen Predigten von Pastor Monty Howard in der neupresbyterianischen Kirche brauchte, wo Dad mich jeden Sonntagmorgen ablieferte, während er selbst auf dem McDonald’s-Parkplatz auf der anderen Straßenseite wartete, Bratkartoffeln aß und The New Republic las.
Aber man kann sich ja vorstellen, dass ein Tag wie der 17. September 1992 einem im Kopf herumsaust, auch wenn man sich nicht mehr genau daran erinnert. Dass er sich meldet, wenn ein Lehrer nicht mehr weiß, wie man heißt, und einen schließlich »Green« nennt. Ich dachte auch an den 17. September, als ich in der Poe-Richards-Grundschule war und mich zwischen den tristen Regalen der Bibliothek verkroch, um dort mein Lunch zu essen und Krieg und Frieden zu lesen (Tolstoi, 1865–1869). Oder wenn Dad und ich abends den Highway entlangfuhren und er in undurchdringliches Schweigen verfiel und sein Profil aussah wie in einen Totempfahl geschnitzt. Ich schaute aus dem Fenster auf die schwarz gezackten Silhouetten der vorbeirauschenden Bäume und hatte eine Was-Wenn-Attacke. Was, wenn Dad mich nicht vom Kindergarten abgeholt hätte und sie an seiner Stelle gekommen wäre und sich ganz besonders angestrengt hätte, auf der Heimfahrt nicht einzuschlafen, weil ich ja auf dem Rücksitz saß – was, wenn sie das Fenster heruntergekurbelt hätte und ihre glänzenden Haare durchgepustet worden wären (und ihr ganzes rechtes Ohr zu sehen gewesen wäre), was, wenn im Radio »Revolution« von den Beatles gekommen wäre, eins ihrer Lieblingslieder, und sie laut mitgesungen hätte? Oder was, wenn sie gar nicht eingeschlafen war? Was, wenn sie absichtlich mit 130 Stundenkilometern durch die Leitplanke gedonnert war, um frontal gegen die Mauer aus Tulpenbäumen zu rasen, die neun Meter vom Randstreifen des Highways entfernt standen?
Darüber wollte Dad nicht reden.
»Am Morgen hat deine Mutter noch mit mir darüber geredet, dass sie sich in einen Abendkurs einschreiben will, Einführung in die Falter Nordamerikas, also wirf diese trüben Gedanken über Bord. Natasha war das Opfer zu vieler Schmetterlingsnächte.« Er schaute auf den Boden. »Eine Art Mottenmondsucht«, fügte er leise hinzu.
Dann lächelte er und schaute mich wieder an, wie ich da in der Tür stand, aber seine Augen waren schwer, als würde es ihn viel Kraft kosten, sie auf mein Gesicht zu richten.
»Und dabei wollen wir es belassen.«
Wir reisten.
Dank der verblüffend hohen Verkaufszahlen von Die herrschenden Mächte (zumal im Vergleich zu den anderen Knüllern, die von der Harvard University Press in diesem Jahr veröffentlicht wurden, einschließlich Finanzen und Außenpolitik [Toney, 1987] und FDR und sein großer Deal: Ein neuer Blick auf die ersten 100 Tage [Robbe, 1987]), aufgrund seines makellosen zwölfseitigen Lebenslaufs sowie wegen der häufigen Veröffentlichung seiner Essays in renommierten, hoch spezialisierten (wenn auch wenig gelesenen) Zeitschriften wie International Affairs and American Policies und Daniel Hewitts Federal Forum (ganz zu schweigen davon, dass er 1990 für das begehrte Johann D. Stuart Prize for American Political Science Scholarship nominiert wurde), hatte Dad es geschafft, sich so weit einen Namen zu machen, dass er im ganzen Land von den Instituten für Politikwissenschaft als Gastdozent berufen wurde.
Aber wohlgemerkt – Dad bemühte sich längst nicht mehr um die Topuniversitäten mit ihren vielnamigen Professuren, wie die Eliza Grey Peastone-Parkinson Professur für Regierungswesen in Princeton oder die Louisa May Holmo-Gilsendanner Professur für Internationale Politik am MIT. (Ich vermutete, dass angesichts der harten Konkurrenz diese Anstalten nicht besonders betrübt waren, dass Dad sich den »inzestuösen Zirkeln« – wie er die akademische Elite nannte – entzog.)
Nein, Dads Interesse war es jetzt, seine Bildung, Belesenheit, seine praktische internationale Erfahrung und seine Forschungsarbeit den niedrigeren Rängen (den Niedrigfressern, nannte er sie in einer Bourbon-Laune) zur Verfügung zu stellen, den Universitäten, von denen kein Mensch je gehört hatte, gelegentlich nicht einmal die Studenten, die dort eingeschrieben waren: die Cheswick Colleges, die Dodson-Miner Colleges, die Hattiesburg Colleges of Art and Sciences und die Hicksburg State Colleges, die Universitäten von Idaho und Oklahoma und Alabama in Runic, in Stanley, in Monterey, in Flitch, in Parkland, in Picayune, in Petal.
»Warum soll ich meine Zeit damit verplempern, irgendwelche aufgeplusterten Jugendlichen zu unterrichten, deren Verstand vor lauter Arroganz und Materialismus völlig zugekleistert ist? Nein, ich will meine Energie dafür einsetzen, die bescheidenen und normalen Amerikaner zu lehren. ›Keine Majestät ist der des gemeinen Mannes vergleichbar.‹« (Wenn ihn Kollegen fragten, warum er nicht mehr an der Ivy League unterrichten wollte, schwärmte er in den höchsten Tönen vom gemeinen Mann. Aber manchmal, unter vier Augen, wenn er grauenhaft schlechte Klausuren oder ein blödsinniges Referat korrigierte, konnte auch in Dads Augen der wunderbare, unverstellte gemeine Mann ein »Idiot«, ein »Schwachkopf«, eine »monströse Verschwendung von Materie« werden.