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Robert Hültner

Walching

Inhaltsverzeichnis

Buch und Autor
Copyright
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
VOKABULAR

VOKABULAR

auf dem Quivive sein, bayerisch auf dem kiwif-sein: auf der Hut sein

Gant, vergant: Versteigerung, durch Versteigerung den Hof verlieren

da leits nicht einmal …: da kann man sich nicht einmal leisten

Grattler: Landstreicher

Plätten: Transportschiffe der Inn- und Salzachschiffahrt

Chaise, bayerisch Schesn: Auto

lötz: unangenehm, schmerzhaft

Eisner: erster bayerischer Ministerpräsident

Gandorfer: Bauernführer, stand auf Seiten Kurt Eisners

Leviné: Führer der Räterepublik

Arco-Valley: antisemitisch-konservativer Offizier, Mörder Kurt Eisners

Landauer: Minister der Räteregierung

Heim: konservativer Bauernführer

Escherich: rechtsradikal-konservativer Freicorpsführer

Rais: Geröllabhang

BHE »Bund Heimat Oberland«: Name eines der vielen rechtsgerichteten Freikorps; seine Mitglieder gingen z.T. in der faschistischen SA auf.

»Miesbacher Anzeiger«: rechts-konservatives Blatt, in dem u.a. Ludwig Thoma schrieb.

»Befreiung«: Bürgerkriegs-Massaker anläßlich der Besetzung Münchens im Mai 1919 durch Freicorps.

blecken: aufflammen, flackern

Berscht: von berchen = glänzen. Die Sagenfigur der »Frau Berscht« geht auf eine Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin der Antike zurück. Spätestens seit der Gegenreformation wurde sie von der Kirche zur häßlichen und schreckerregenden Waldhexe umgewidmet und durch die Muttergottes ersetzt. Das »Berchtenlaufen« in der Adventszeit, bei dem furchterregend vermummte Männer Kinder und junge Mädchen in Angst und Schrecken versetzen, mag im Kern auf diesem Glauben zurückgehen.

1

»Lassens die Leut doch reden, Herr Inspektor«, meinte der Schuster, »die reden heute über dies und morgen über was anderes.« Ein Lächeln, das, wie er wußte und wollte, nichts bedeutete, zog kurz kuriose Linien über sein Gesicht. »Heute sinds für den König, morgen für den Eisner, und übermorgen ist alles wieder umgedreht. Grad wie’s ihnen eingesagt wird. Der Mensch ist dumm. Das ist sein Glück. Ist es nicht so?«

Den Mann, der ihm gegenüber saß und der sich wieder und wieder an seinen spitz zulaufenden Kinnbart faßte, schien das wenig zu trösten. »Und was reden sie, die Leute?«

Der Schuster, der einen Lederschuh genommen hatte, ihn ins Licht der über ihm hängenden Lampe hielt und ihn von allen Seiten besah, überhörte die Frage. Er wiegte anerkennend den Kopf. »Ein sauberes Schuhwerk, Herr Inspektor.«

Das hatte er schon einmal gesagt.

»Die Leut? Mein Gott …« Er legte den Schuh wieder ab, nahm den zweiten und hielt ihn ebenfalls zum Licht. Dann fixierte er eine Stelle genauer, indem er den Kopf leicht zurücklegte und seine Brille über die Stirn schob. »Hier fehlt es. Schauen Sie!« Er deutete auf die Naht der Schuhspitze. »Nichts Grobes«, fuhr er beruhigend fort, »aber es müßt halt anständig gemacht werden. Haben Sie es sehr pressant damit, Herr Inspektor?«

»Wie?« Der Angesprochene hatte gerade anderes im Sinn gehabt.

»Ich könnt’s Ihnen auf der Stell herrichten. Setzens Ihnen derweil ’nüber zum Ofen, draußen ist eh ein grobes Wetter heut. Daß einer ein Dach über dem Kopf hat und daß er nicht zu frieren braucht, ist doch noch allerweil das Wichtigste. Ist es nicht so?« Wieder lächelte der Schuster sein kunstvoll geschäftsmännisches Lächeln. Soll keiner sagen, Geschäftsleute hätten keinen eigenen Kopf für das, was in der Welt um sie herum vor sich geht. Sie haben nur gelernt, ihre Meinung nicht wie eine Annonce in der Zeitung wichtig zu machen.

Der Inspektor sah nach draußen. Zwei dunkel gekleidete Frauen gingen rasch nah an der holzgefaßten Schaufensterscheibe der Schusterwerkstatt vorbei und wischten mit im Wind flatternden Mänteln für Sekunden Schatten über sein Gesicht. Er stand auf. »Wenn ich in einer Stunde noch mal kommen tät?« Er knöpfte sich die obere Reihe seines Mantels zu.

»In einer Stunde? Da bin ich allerweil fertig, Herr Inspektor«, antwortete der Schuster zuversichtlich und, wie es schien, etwas lauter als zuvor, »schnappens ein bisserl frische Luft? Habens auch recht.«

Hund, falscher. Der Inspektor lächelte freundlich und öffnete die Tür, die ein schnarrendes Klingeln hören ließ. Der Wind warf sich ihm ohne Warnung entgegen. Er schloß die Tür, die noch mal, nun leiser, Laut gab und fühlte durch die Scheiben, die den grauen Tag spiegelten, den Blick des Schusters. Der Inspektor zog seinen Hut tiefer über die Stirn. Dann ging er die Gasse hinunter. Eine alte Frau kam ihm entgegen, hielt das wollene Kopftuch vor ihren Mund und sah kurz gleichmütig auf.

Die Gasse, auf der mit Mühe zwei schmale Fuhrwerke nebeneinander Platz finden mochten, führte hinunter zum Fluß, der die Altstadt von den erst während der Industrialisierung errichteten Gebäuden trennte. Eisgraupel führender Wind tanzte launisch in der nebligen Luft, fegte heftig, als wolle er die Menschen, die sich zu dieser Zeit ihm aussetzen mußten, für diesen Vorwitz ohrfeigen, fiel dann wieder mild ab, um sogleich wieder zu heftigerer Bö zu erwachen.

Was reden die Leute, Schuster?

Gehens zu, Herr Inspektor, was soll ich denn schon wissen?

Wissen Sie eh nicht alles schon selber?

Der Alte hatte recht. Daß halb Dornstein in Aufregung war wegen dieser Geschichte, wußte er, und was sie reden, konnte er sich denken. Er wollte es gar nicht hören. Statt dessen hätte der Schuster sagen sollen: Die da heut über Sie höhnen, Herr Inspektor, sind die wenigsten. Ich zum Beispiel, der Schuster Lettermann von Dornstein, Fischergassl Numero Neunzehn, denk da anders und bin beileib nicht der einzige, und ich sag Ihnen offen und ehrlich, daß Sie sich wegen der paar Schreihälse heut morgen auf dem Stadtplatz rein gar nicht aufzuregen brauchen. Nämlich, weil das Urteil des Dornsteiner Landgerichts gegen die ledige Hausmagd Waginger Anna, geboren in Tyrlaching, Post daselbst, lediges Kind der Magd Waginger Appolonia, herumgeschickt, bedrückt, getratzt, ausgeschmiert von windigen Burschen und manch nobligem Herrn ihr Lebtag lang und angeklagt des Diebstahls, weil dieses Urteil, jawohl, gerecht war.

Weil sie ohne jeden Zweifel überführt wurde, aus der Bügelwäsche ihres Hausherrn, des angesehenen Dornsteiner Privatiers Thaddäus Zunhammer (unter Saufbrüdern: Taddädl), einen irrtümlicherweise verbliebenen Hundertmarkschein genommen und nicht, wie es Pflicht gewesen wäre, diesen wieder abzugeben. Weil ihr verzweifelter, unter Rotz und Tränen vorgebrachter Einwand, sie sei von ihrer Herrschaft seit jeher schikaniert und sekkiert worden und sei ihr Lebtag ein Nichts und Niemand gewesen bei ihnen und hätt ihre Arbeit alleweil zur schönsten Freud jeder Herrschaft getan und nichts nachgefragt und gewollt, als daß man sie ehrenachtet und sei trotzdem der Herr Privatier ihr nachgestiegen in die Waschküch und hätt gesagt: Wo ist meine Kragennadel, Annerl, wo hast du sie versteckt, da oder dort, und hat ihr überall hingetatscht mit faulem Gered auch an die geheimen Stellen und sie es sich wegen ihrer Anstellung gefallen hat lassen und … Weil dieser Einwand völlig zu Recht vom Landrichter als erstens ohne Belang, zweitens als außerordentlich infame, dem Eigenschutz dienende Behauptung zu werten sei, welche als Verleumdung strafverschärfend wirken müsse.

Weil der so beleumdete Hausherr zumindest eine schwere Ohrenerkrankung haben müsse, nachdem er bei den von seiner Hausmagd stockend vorgebrachten Anwürfen aus dem Fenster des Gerichtssaales gesehen hatte, als verstünde er kein einziges Wort. Zwar war es eigenartig, aber doch zutiefst verständlich, wenn statt des Gatten die ehrengeachtete Frau Privatier Zunhammer (und die, falls dieses Detail jemanden interessieren sollte, zum Freundeskreis ihres Hauses auch die Familie des Landrichters zählen durfte) mit aus dem Gesicht springender wütender Verletztheit, zornrot im Gesicht, in die Höhe schoß und dies alles als Gipfel der Schlechtigkeit zurückwies.

Und weil es vor allem der unbestechlichen und, der Staatsanwalt betonte dies mehrmals, »meisterhaften« Ermittlungsarbeit des Inspektors zu verdanken sei, daß diese Untat gesühnt werden konnte.

»Meisterhaft …« Der Inspektor prustete und grinste schief. Der Wind warf Eis.

Was, du meisterhafter Ermittler, ist schon dabei, einfach zur Landwirtschaftsbank von Dornstein zu gehen und dort gesteckt zu bekommen, daß die brave Haut ihren Schatz striktement dorthin gebracht, etwas von einer seltsamen Beerbung gestammelt hatte und ihn auf ihr Aussteuerkonto einbezahlt hatte?

»Bin ich doch nichts und hab ich doch nichts und die Schönste bin ich auch nimmer und …«, hatte sie gesagt, »Lauter! Machens gefälligst Ihren Mund auf!« der Richter, »… auch nimmer und vielleicht nimmt mich einmal ein braver Mann, wenn ich nimmer gar so notig dasteh« und »Arms Wurm« hatten die Zuhörer geflüstert und schließlich mit Empörung reagiert, als sie endlich vom Gericht für Wochen ins Zuchthaus und ihr Lebtag in die Schande geschickt wurde. Doch die so überraschend aufwallende Gerechtigkeitsliebe der Dornsteiner hatte gewiß mit nichts anderem als mit der außerordentlichen Unbeliebtheit der sich weiß was einbildenden Privatiersgattin zu tun. Was hatten denn dieselben Zuschauer gesagt, als vor einiger Zeit jener auswärtige Student mit seinem, in irgendeinem Hetzblatt veröffentlichten Gedicht, »Klassenjustiz« überschrieben, mehr als hart abgeurteilt wurde? »Richtig«, hieß es da, »wo kämen wir denn da hin« und »Soll sich bloß nicht mehr bei uns blicken lassen, der Revoluzzer, der.«

Der Inspektor war bei der steinernen Brücke angekommen, die auf der Gegenseite gerade von einem Gespann mit gleichmütig vorantrottenden Pferden angefahren wurde. Die aus Granitblöcken errichtete schmale Brücke bog sich leicht über den dunklen Fluß, den an den Ufern mehrschichtige, dünne Eisbrüche, totes Geäst und hellbraune, vom Wasser bewegte Gräser säumten.

Der Inspektor beobachtete nun, wie ihm zuerst zwei Pferdeköpfe, grauen Dampf aus den Nüstern stoßend, dann der schwarz behutete Kopf des Fuhrmannes entgegenwuchsen. Auf der höchsten Stelle stand das Fuhrwerk wie ein Denkmal, hinter dem sich die bis nah an den Fluß gebauten Arbeiterhäuser im Nebel verloren. »Hüah!« schrie der Mann rauh, kümmerte sich nicht um den zur Seite weichenden Fußgänger und rollte dann mit taubem Geknatter vorüber. Nichts hallte in der engen, zum Stadtplatz führenden Gasse, in die das Fuhrwerk nun einbog und bald, still, als wäre alles nur eine wunderliche Erscheinung gewesen, in einer Kehre verschwand.

Der Inspektor betrat die Brücke und blieb auf ihrer Mitte stehen. Fragile Balkone der Altstadthäuser ragten über die Tiefe; in Sichtweite, doch schon in der Unschärfe der nebeligen Luft, wurde die Zeile der Flußhäuser von einer exakt waagrechten, alle Linien der alten Landschaft verachtenden Eisenbahnbrücke unterbrochen.

»Wie dumm«, dachte der Inspektor und erschrak, als er bemerkte, daß er laut gesprochen hatte. Er hatte plötzlich das Gefühl, hinter den Fenstern der Uferhäuser verborgene Zuschauer könnten ihn für einen feig zögernden Selbstmörder halten.

Sie haben Ihre Pflicht getan, Herr Inspektor. Sie haben getan, was getan werden mußte.

Den Inspektor fror. Wütende, langanhaltende Windstöße krallten sich durch seinen Mantel, dann hatte sich, mit einem Herzschlag, die Wahrheit vor ihm aufgebaut: Das Urteil war natürlich völlig unangemessen, und er hatte, mit einer Mischung aus Ehrgeiz und Feigheit, an der Vernichtung dieser armseligen Existenz mitgewirkt. Die empörten Blicke, die gezischten Beschimpfungen, daß es doch die Kleinsten stets am härtesten träfe, sie galten nicht nur der falschen Strenge und dem Hochmut der Richter und dem bebenden, dummen Triumph der Privatiersgattin, sie hatten auch den Inspektor getroffen.

Auf dem Platz vor dem Landgericht, den er anschließend zu überqueren hatte, hatten sich noch einige Gruppen erregt debattierender Zuhörer aufgehalten. Ein zornig kläffender Köter wieselte um seine Beine und schnappte nach seinen Waden, bis ihn jemand zurückrief. »Ein braves Hunderl«, hatte eine gemütvolle Stimme bemerkt, und als der Inspektor, der bei dem Tanz auf dem naßglatten Boden den Stand verloren hatte, sich umwandte, sah er in Gesichter voller Verachtung.

Der Wind hatte erneut die Richtung gewechselt und war etwas schwächer geworden. Von der Neustadt flogen Stimmfetzen und das Geräusch einer Säge heran. Dann legte sich wieder ein matter Frieden über das Flußtal, bis es von einem langgezogenen Pfeifen durchschnitten wurde. Feines, schnellnahendes metallisches Stampfen, das zunächst noch von den Gebäuden der Altstadt verschluckt wurde, öffnete sich für Sekunden zu krachend rhythmischem Lärm. Dann hatte der Zug die Brücke überquert.

Nun stand die Luft reglos. Flußnebel und Wolken hatten sich fast augenblicklich gehoben und ließen nun sich steil in die Höhe windende Rauchsäulen erkennen. Eine Tür in einem der Häuser der Arbeiterstadt hatte sich geöffnet, doch niemand trat heraus. Der Inspektor kehrte um. Wieder überfiel ihn jämmerliche Scham in heißen, pochenden Wellen. Er schniefte, beschleunigte seine Schritte, lief.

»Schon fertig«, begrüßte ihn der Schuster. Die Schuhe standen bereits im für Abholer bestimmten Regal, doch nach hastiger Suche mußte der Inspektor gestehen, daß er, in all der Aufregung – »jaja«, sagte der Schuster verständnisvoll – seinen Geldbeutel vergessen hatte. Daß ihm so etwas passieren müsse. Daß es ihm peinlich sei.

»Zahlen Sie, wenn Sie das nächste Mal vorbeikommen … Sie sind ja ein ehrlicher Mann.«

Als der Inspektor die Werkstatt verlassen hatte, fingerte der Schuster ein abgegriffenes Buch aus einer Schublade, befeuchtete einen Stift mit der Zunge und trug ein: »Insp. Kajetan, Polizei Dornstein, 23 Mark Schuld …«

Der Inspektor hatte unterdessen bereits die Oberstadt erreicht. In der schmalen Gasse, in die er einbog, um ein Überqueren des Marktplatzes zu vermeiden, drängte sich zitternd ein melancholischer Köter, das Fell krank zerfressen, heran und begleitete ihn einige Schritte. Als der Inspektor keine Notiz von ihm nahm, ließ er enttäuscht ab.

Die massige Front der Bezirksinspektion tauchte auf. Die Schultern fröstelnd zusammengezogen, ging Kajetan auf das Portal zu. Eine lächerliche Sicherheit umgab ihn, als er das Tor hinter sich schloß.

Was in der vergangenen Nacht in einem kleinen Dorf unweit Dornsteins vor sich gegangen war, wußte er noch nicht. Auch nicht, daß er bereits erwartet wurde.

2

Vom nördlichen Flachland und von den Vorgebirgen im Osten und Westen durch niedrige, bewaldete Urgebirge abgetrennt, lag das Walchinger Tal zu Füßen eines hoch aufragenden Kalksteinmassivs; wie urzeitliche Zitadellen sahen dessen Gipfel auf das wie von Kinderhand verschüttete Gewürfel der Dorfhäuser. Den runden Talkessel unterteilte ein Fluß, der in den Sommern in friedlichem Gleichmut die Quellbäche der Höhen aufnahm, in jedem Frühjahr jedoch zur reißenden Gottesgeißel wurde. Sein Wasser verfärbte sich in der Talmitte von silbrigem Weiß in fauliges Grünbraun; er durchwand verspielt und unbeirrbar den Sumpf eines verlandeten Sees und setzte dann seinen Weg nach Norden fort.

Einst hatte ein gewaltiger See, von Moränenmassen der letzten Eiszeit aufgestaut, diesen Talkessel am Rande der Alpen gefüllt. Wenige Filzflächen, von Bauern und Gütlern zum Torfabstich genutzt, ein unergründlich dunkler Toteissee und der Sumpf am Talende zeigten seine Tiefstellen an. Quellen und Brunnen flossen reichlich; nur einmal, so erzählten die Alten, seien sie in einem heißen Sommer sämtlich versiegt.

Die Ernte auf den Feldern brannte, Menschen und Tiere drohten zu verdursten, bis endlich, in der Augustmitte dieses elenden Jahres, ein großes Unwetter die Qualen von Natur und Kreatur beschloß. Drei Tage dauerten die Sturzgüsse an. Eine derartige Finsternis herrschte, daß sogar in der Tagesmitte in den Stuben Kerzen angezündet werden mußten. Brücken von jahrhundertealtem Bestand wurden in die Fluten gerissen; nur das höher gelegene Kirchdorf wurde vom Hochwasser verschont, das bei den tiefer gelegenen Höfen längst die aus Feldstein und Kalkmörtel gemauerten Fundamente unterspült hatte und zu den Fenstern hereinschwappte. In das Rauschen des endlosen Regens krachten Blitzschläge und hefteten lidschlaglang bleiche Gesichter starr an die Dunkelheit; der über Häuser und Höfe rollende Donner ließ die Erde erbeben. In kurzen Minuten, in denen wieder das mächtige Rauschen hochzog, war das Geläut der Pfarrkirche zu hören: Zwei Höfe waren vom Blitz getroffen und standen bereits in hellen Flammen. Die Alten beteten, die Kinder scharten sich eng um ihre Mütter; Bauern und Knechte, nun Brüder, errichteten Hochwasserbarrieren, die, kaum waren sie erbaut, sogleich wieder unterspült und fortgerissen wurden, und zerrten das brüllende Vieh aus den brennenden Ställen, blind vor Glut und der Angst, von einem sich kreischend aus dem Bund lösenden Balken erschlagen zu werden.

In der Nacht des dritten Tages flauten die Güsse endlich ab. Der Morgen fand Menschen, die sich in seltsamer Zärtlichkeit aneinander gedrängt hatten und die keinen Haß, keine Wut, gegen nichts und gegen niemand, empfanden und wie Kinder in diesen friedlichen Tag blickten. Gleichmütig, als hätte es die Sintflut nie gegeben, stieg die Sonne höher und höher in den gelben und hellgrünen Tag, sangen die Vögel und suchten die Bienen nach Nektar und war die Welt so selig und voller inwendigem Glück wie das Gesicht jenes ertrunkenen Mädchens, das in den Morgenstunden im zerschlagenen Gewirr des Mühlrechens aufgefunden worden war. Das Unheil der vergangenen Tage für ein herrliches Spiel haltend, war es zu nahe an das Ufer des schlammigen Waldbaches gegangen, trat dort auf einen längst unterspülten Graswasen und war, ohne daß auch nur ein Schrei zu hören gewesen wäre, sogleich fortgerissen worden.

Am Fuß des über dem schwarzen Kragen des Bergwaldes zerklüfteten Kalksteingebirges fand sich die größte Quelle, halb im Schatten eines glatten, beinahe senkrecht aufsteigenden Felsens und umstanden von Bäumen mit hellgrünem, schattenspendenden Blattwerk. Des Nachts, so erzählen alte Geschichten, im brausenden Getöse der »Wilden Jagd«, tränken dort die Pferde der grausamen Jäger. Und wirklich, als hätten Urväter auf der Suche nach den Schätzen der Gebirge einen Stollen geschlagen, doch statt funkelnder Edelsteine nur einen nächtlichen See entdeckt, führte eine Öffnung tief in das Innere des Berges.

Zu bestimmten Stunden des Hochsommers fielen die Strahlen der Sonne, gebrochen von wiegendem Laub, auf den Grund des Quelltümpels. Wo der schwarzgrüne Kessel über helleres Gestein abfloß, flatterten Grasfetzen und dünnes, abgestorbenes Geäst tänzelnd in verblockt wirbeligem, nun eisweißem Wasser.

Das Walchinger Tal war seit Urzeiten bewohnt. Auf einer kleinen Anhöhe, die einmal als Halbinsel in den eiszeitlichen See geragt haben mußte, fand der frühere Pfarrherr von Walching kleine, aus Ton geformte Spindelscheiben, die von gelehrten Herren in München der Hallstatt-Kultur zugeordnet wurden. Über romanischem Grundriß war nach einem den Ort verheerenden Brand eine barocke Kirche errichtet worden; im Portal war eine groteske Figur eines fröhlichen, altmodisch sündhaften Dämons zu sehen, doch nur dies und der Ortsname wiesen noch darauf hin, daß hier einst Romanen siedelten. Was sonst noch zu finden sein mochte im mäßig fruchtbaren Talboden, war längst in Generationen überbaut, zerpflügt und zerstört worden. In den Köpfen der Menschen jedoch, bei winterlichen, kienspanbeleuchteten Erzählungen, lebten geisterhafte Bilder fort, als seien nicht schon fast zweitausend Jahre vergangen, vor denen die wilde Frau Berscht und mancherlei Wiesen- und Walddämone verehrt wurden.

Im 17. Jahrhundert hatte man, mehrere hundert Meter über dem Talgrund und dort, wo die steilen Hänge des Bergwalds in die Felslandschaft des Hochgebirges übergingen und wo bereits in alten Zeiten ein geistlicher Fürst nach Silber schürfen ließ, ergiebige Blei- und Galmei-Adern entdeckt. Walching erlebte eine Blüte, denn der Bedarf an Erzen für Krieg und Mechanik war ungeheuer gestiegen. Bergarbeiter aus den Revieren um Innsbruck und aus Venetien siedelten sich an, mißtrauisch beäugt von Bauern und Obrigkeit. Sie hatten gelernt, für ihre Rechte zu kämpfen, waren so mancher Zauberei mächtig, stellten sich gut mit den im Berg wohnenden Geistern und glaubten an nichts. Am Klang des geschlagenen Steins hörten sie, wann dessen Ergiebigkeit zu Ende gehen mußte. Immer neue und kurzzeitig ergiebige Stollen wurden in den Berg getrieben, bis das Bergwerk zum Ende des 19. Jahrhunderts schließlich aufgelöst wurde.

Zuletzt hatte ein vermögender Mailänder sich in zunehmender Verwirrung um all seinen Reichtum gebracht und sich, verbrecherisch verschuldet bei den Stollenholz liefernden Talbauern, in einer Frühlingsnacht davongemacht. Die Knappenhäuser, die Schmelzen und Hammerstuben verfielen rasch. Die aus dicken Kalksteinquadern errichteten Verwaltungsgebäude im Ortskern blieben wie das vergessene Gepäck vertriebener Riesen bestehen. Das Haus des ehedem mächtigen Bergrichters wurde zum Siechenhaus, später zur Gendarmerie und das unbedacht bis nah an den Grundwasserspiegel gebaute Kellergewölbe blieb – wie je – das Gefängnis.

Im Tal wohnten etwa 700 Menschen. Bis dicht an den Dorfplatz waren die Höfe gebaut, und während diese ihre Rückseite mit Stallungen und Misthaufen zumeist dem Platz zuwandten, öffneten sich die Türen des Gasthofs, des Kramers, der Schule, der Gendarmerie und einiger Geschäfte zur Dorfmitte. Der Turm der Pfarrkirche überragte die Dorfhäuser, und die stille Insel des Friedhofs umrundete das Gotteshaus. Dahinter stand das kleine Krankenhaus. Es hätte sich niemand gefunden, der diese Nähe als etwas anderes als höchst Praktisches empfunden hätte. Krankheit galt zumeist nur als eine Vorform des Sterbens, und wer sich, vielleicht zerbrochen im Absturz eines Baumschlittens oder bis nah an den Tod verwundet von den Granatsplittern vor Verdun, als Krüppel zum Ende seines Lebens schleppen mußte, wurde auf den Höfen gehalten und mit dem Nötigsten versorgt.

Von Norden erreichte die aus der Kreisstadt Dornstein kommende Straße den Platz. Im Osten, vorbei am Dorfbrunnen und an einer Reihe hoher Platanen, verließ eine andere Schotterstraße den Ort, wand sich, zwischen im späten Sommer prangenden Feldern, Ähren in blühendem Mohn, über eine Hügelkuppe zum Nachbardorf; zuvor zweigte, noch im Tal und bei einem während der Pestzeit errichteten Kreuzstein, eine schmälere Straße ab. Dieser Weg war nicht breiter, als es für ein Fuhrwerk nötig war; er führte über trollblumengesäumte Bachläufe ins Oberland, stieg zunächst in engen Kehren durch ein steiles Waldstück, welches die Uferböschung des eiszeitlichen Sees bewuchs.

Auf diesem Plateau, das an den steilen Waldhängen des südlichen Massivs endete, und das im Norden von der Schlucht des Waldbachs begrenzt wurde, hatten sich noch etwa ein Dutzend Höfe an weitverstreuten Rodungen angesiedelt. Vorbei am höchstgelegenen Gehöft, einem aufgegebenen Sägewerk, nun als Viehpfad oder Holzdrift dienend, stieg der Weg hoch zum alten Bergwerk. Kurz vor den weit in die Tiefe geschütteten Abraumhalden zweigte noch einmal ein Pfad ab, passierte rindengedeckte Holzfällerhütten, stieg zunächst noch im Schatten des Waldes, dann endlich den Blick auf das Tal öffnend über weißes Gestein, begleitet von Kiefern, grün und rot prangendem Almrausch und einzelnen schiefgestürmten Tannen, schließlich auf harte Grasflächen und verlief sich auf den Sommeralmen.

Vom Gipfel, auf den kein Weg mehr führte, hatten Hirten und Jäger Sicht auf die maßlose Weite der im Wolkenmeer schwimmenden Gebirgsketten des Südens, waren die roten Türme der Dolomiten zu erahnen, das Abfallen des Berglandes ins Lombardische zu den Häfen von Triest und Venedig zu erträumen. Dann und wann trug der Gratwind Töne aus den Tälern empor, und dort, wo die Hand in den Himmel greifen konnte und wo sich nur wenige Schritte weiter Schründe auftaten, aus deren Tiefen mit ewigem Schnee moderkalter Luftstrom zog, schien die Welt zu Ende.

Jedoch keine Lichtung, keine Höhle, keine Quelle im Kar und kein verfallenes Gemäuer waren vergessen. So abweisend das Hochgebirge für Fremde wirken mußte, so sehr war dieses Gebiet Schutz und Versteck für die in den Tälern lebenden Menschen in Zeiten, als Krieg und Verfolgung herrschten, als feindliche Talpasch-Truppen marodierend Höfe brandschatzten oder eifernde Rechtgläubige das Dorf nach Hexen und Zauberern durchkämmten.

Das alles war lange vorbei. Es hatte die brüchigen Farben der Bilder in alten Geschichten angenommen, und wem Natur und Liebe eine schöne Stimme gegeben hatten, wurde meist hochgeachtet, denn die Dörfler liebten Gesang und Geschichten. Doch Wohllaut und Reim endeten für immer vor Verdun, auch wenn noch die fröhliche Ausfahrt der Rekruten, nach der Ernte, mit Wiesenblumen und Gelächter, die Menschen in neugierig gekosteten Rausch versetzten. Auf diesen fernen Feldern ging keiner mehr aufrecht, sangen Schrapnelle heran, fuhren durch Fleisch, Muskeln, Gebein, durchrührten blitzend Augen und Hirne, zerstießen Seelen und führten, unter flirrend lothringischer Sonne, Fliegen und Gewürm in tote, überrascht geöffnete Münder, an deren Rändern das Blut bereits zu mehlig schwarzer Kruste getrocknet war.

Auch jene Wochen, in denen Münchner Arbeiter, Soldaten und die Bauern des Flachlands den König vertrieben, wurden in Unruhe und Verwirrtheit durchlebt. Freilich hatten die Walchinger damals keinen großen Rumor zelebriert, wurde kein Großbauer an die Laterne geknüpft (weil es gar keine Straßenbeleuchtung gab, und weil dieser und jener ein Geschwisterkind oder ein Firmpate der Hälfte derer war, die da im Gasthaus tolle Reden führten?), wurde kein Fensterglas zerschlagen und kein Gebäude angesteckt (weil die Handwerksgesellen und Bauernknechte nur zu gut wußten, daß sie es sein würden, die sie wieder aufzubauen hätten?). Auch der Pfarrer von Walching war geschützt durch die kraft ihrer anerkannt heiligmäßigen Redlichkeit allseits geachtete Haushälterin, welche damit drohte, jeden der gottlosen Bauernbündler und Bolschewisten mit eigenen Händen zu erwürgen, wenn diese es wagen sollten, »insern hochwirningen geistlingen Herrn« ein Leid anzutun.

Aber warum war nun, als dies alles vorüber war, kein Frieden mehr möglich? Kein versöhnlicher Trinkspruch, wie er auch nach der wildesten Rauferei üblich war, und der die Zankhähne wieder zueinanderführte? War denn viel mehr geschehen, als daß einige im Dorf für eine sozialistische Revolution eintraten, und die anderen dies für einen ausgemachten Schmarren hielten? Vor allem der Pfarrer schien tödlich beleidigt. Entsetzt hatte er die gottlosen weltanschaulichen Eruptionen in seiner Gemeinde miterleben müssen; seiner Gemeinde, die er so gut im Griff seiner stets trefflich präparierten sonntäglichen Predigten wähnte, und die ihm nun den Alptraum von der Wiederkehr der Montgelas’schen Freigeisterei bescherte.

Ein nutzloser, unguter Keil war zwischen die Menschen geschlagen. Von jenem, der beim Schmied den Hammer schwang, war nun zu fürchten, er könne ihn im nächsten Moment als Mordwaffe benutzen, und von einem anderen, der am Wetzstein sein Messer schliff, gingen düstere jakobinische Anmutungen aus. Das Morgengeläut klang dem einen wie Frieden, dem anderen wie Krieg. Geräusche, Gelächter, Wörter – hörte einer daraus Glück und Hoffnung, so vernahm der andere Lüge und Drohung. War es die Erfahrung des Krieges, die plötzlich die Idee aufbrachte, es könne Wichtigeres geben als das Leben? Die Glorie einer Nation etwa? Wenn in bebender Zärtlichkeit geborenes Leben nicht mehr zu sein schien als ein, je nach Nutzen und verrückter Laune, beliebig verfügbares Futter für Gewehrkugeln und Granaten, war es dann nicht wertlos? Mußte es dann nicht Höheres geben, das dem einen Sinn gab, wenn Leben so beiläufig, so grausam zerstoßen werden durfte? Der Gott in den Kirchen schwieg, und die anderen, uralten, waren zu Figuren in kinderschreckenden Märchen verkommen. Mürbe zerfiel, was Jahrhunderte gegolten hatte, ein gefährliches, uraltes Flechtwerk aus Fremdheit und Irrsinn schien sich wieder auszubreiten, und die Zeit löste sich aus der bedächtig kreisenden Spirale, schoß jetzt kalt und ziellos voran.

3

Bereits im Spätherbst war auf Gipfeln und Hochalmen Schnee gefallen. Längst waren die auf die Höhen führenden Steige nicht mehr passierbar, und unter dem die Pfade bedeckenden Schnee lauerte die Gefahr, auf eine Fläche vereisten Schneewassers zu treten, den Halt zu verlieren und in die Tiefe zu fallen. Nur die Spuren des Bergwilds führten, furchtlos und unbedacht, vorbei an Steilhängen über atemberaubenden Tiefen.

Schon seit Tagen hatten die Dörfler den Schnee gerochen, bis auch hier, in den ersten Dezembertagen des Jahres 1922, sich die herbstbraunen Flächen des Bauernlandes mit dünnem, in der Sonne glitzerndem Weiß bedeckten. Noch waren die Furchen der Äcker darunter zu erkennen, hackten späte Krähen darauf nach der Saat, und noch war es ein Leichtes, mit wenigen Strichen des Reisigbesens vor den Läden des Dorfplatzes das nun zunächst weiß, dann naßgrau verfugte Kopfsteinpflaster freizulegen. Im Oberland jedoch mußten die Wege bereits mit großen, hölzernen Pflügen geräumt werden und kamen die dort lebenden Kinder des Morgens mit Skiern zur Schule.

Die Arbeit auf den Feldern war nun endgültig beendet. Die Tage waren ruhiger geworden und die bedächtige, feierliche Heimeligkeit der Adventszeit legte sich auf Gesichter und Bewegungen. Noch mühevoller als zuvor tappten die Alten, sich auf Stöcke stützend, durch den Ort, und noch bitterer wurden die früh hereinbrechenden Abende für die, die der erst vor einigen Jahren zu Ende gegangene Krieg oder ein anderes Schicksal freudlos und einsam gemacht hatte. Die Kammern der wohlhabenden Bauern waren gut mit Lebensmitteln gefüllt, und das gehackte Brennholz war hoch an die Häuserwände geschichtet. Die Störnäherinnen hatten Arbeit, stapften von Hof zu Hof, flickten, besserten aus und verteilten die jeweils erfahrenen Neuigkeiten mit hintersinnigem Bedacht. Das höllische Charivari von Krampus und Berschten war längst vergessen, als hätte der unbeirrt heranstapfende Winter alle Tollheit zu Stille und Frieden gezwungen.