Robert Hültner
Die Godin
Roman

Ich danke allen, die mir zu jeder, gelegentlich auch nachtschlafender Zeit mit Einschätzungen und engagierter Kritik geholfen haben. Besonderer Dank geht an Frau Christiane Droste für ihre engagierte und sachkundige Hilfe bei der Recherche, Herrn Tino Hocke für interessante Hinweise zur Altmünchner Spitznamen-Kultur, den Mitarbeitern des Siemens- und des Deutschen Museums für Informationen u. a. zum Stand der damaligen elektronischen Kommunikation und zum Bruchverhalten durchschossener Fahrzeugscheiben, Katy und Franz für viele regionalgeschichtliche Details und mitternächtliche Spaziergänge am Ufer des Inn, Herrn Dr. Krapp für kritische Anmerkungen zur Dramaturgie – sowie dem Patron der Bar-Tabac, Pont de Montvert, für die geeignete Arbeitsbeleuchtung in so manch verregnet-dämmriger Stunde und dem Café du Globe, Ste. Croix, für kühlschrank- und fliegensummende, träumerische Ruhe.
Gewidmet ist dieses Buch jenem Fabler, der mich darauf hingewiesen hat, daß eine Geschichte nicht wahr sein muß. Schön aber schon.
Über das weitere Schicksal der Godin habe ich nicht mehr viel in Erfahrung bringen können. Die entsprechenden Eintragungen der Gemeinde Sarzhofen scheinen, um es höflich zu formulieren, etwas nachlässig geführt worden zu sein. Auch existiert auf dem alten Friedhof von Wengen bei Sarzhofen, auf dessen Gemarkung das Höllbachtal liegt, keine Grabstätte mit der Aufschrift »Maier, Marie Anna« – so der Schreibname der Müllnerin.
Auch die Fabler in der Stube des Sarzhofener Klosterbräu, die mir vor einigen Jahren von der Godin erzählt hatten, wußten nur noch, daß sie nie vor ein Gericht gestellt worden sei und daß sie sich wieder verheiratet hätte (möglicherweise Pius Fleischhauer? Eine Photographie in der Ortschronik zeigt zwar einen Mann an ihrer Seite, doch die schmale, ernst und kränklich wirkende Gestalt hat wenig mit meiner Vorstellung des Detektivs zu tun).
Man erinnerte sich daran, daß beide ein so verliebtes wie zerstrittenes Paar gewesen seien, und einmal, beim Metzger-Hansl soll es gewesen sein, hätte die Müllnerin bei den Sarzhofener Frauen mit dem Ausspruch »Kaum wart’ eins dreißig Jahr auf ein Mannsbild – schon kommts daher!« für herzliches Gelächter gesorgt. Beide seien schließlich nach nicht allzulanger Zeit zu einer größeren Reise aufgebrochen (nach Kanada, meinten die einen, nach Südamerika ein anderer), von der sie nicht mehr nach Sarzhofen zurückgekehrt seien.
In der alten Mühle, die mittlerweile längst in andere Hände übergegangen und zu einem rustikalen Wochenenddomizil umgebaut worden ist, wußte man nichts.
R. H.
Nauferger: Bootsführer der Innschiffahrt
Plafond: Decke eines Raumes
streng … gespielt: nach den Regeln gespielt
Deine Goschn: (halt) dein Maul
er kanns nimmer deuten: er kann sich nicht mehr erklären, was er sieht
gspaßig: seltsam, eigentümlich
Weiberer: Weiberheld
Viragierung: monochrome Einfärbung einer Filmszene
epper: etwa, vielleicht
böhmakisch: böhmisch
Geraffelhaufen: Müllhalde
Gackerl: Gockel
blahts: aufgeblähtes, eingebildetes
zwiderne Wurzen: unangenehme Person
Thal: Straßenzug in der Münchner Innenstadt
Baraber: Obdachloser, Herumvagabundierender. Hier: Gelegenheitsarbeiter. Abwertend auch: Herumtreiber
ein gut tust: dich als brauchbar erweist
Krauterer: armselige Existenz
seit wann leits: seit wann kannst du dir … leisten
karessierst (n. d. Frz. caresser: streicheln, lieben): liebkost, zärtlich umgarnst; hier etwa: beschmust
Bladern: Blattern, Pocken. Hier: Pockennarben
Ypern: Die belgische Stadt Ypern steht im 1. Weltkrieg im Mittelpunkt der Flandernschlachten und wird fast vollkommen zerstört.
barabert: verrichtet Gelegenheitsarbeit
Laiberl: hier: Brüste
Schnallen: Huren
Bagasch (n. d. Frz. bagage): Gesindel
Penzerei: Aufdringlichkeit, Belästigung
zum Zeug bringt: heranschafft
Fotzn: hier: Ohrfeigen
biseln: Wasser lassen, pinkeln
Lacken: Pfütze
wifste (n. d. Frz. vif. lebendig): klügste
Stadelheim: Zuchthaus im Münchner Süden
delogiern (n. d. Frz.): ausquartieren, hinauswerfen
Kuntn: hier: Kerl
kommod (n. d. Frz.): bequem
zweng: wegen
Plumeau (lat.-frz.): halblanges, dickeres Federdeckbett
Tuchert: Zudecke, Federbett
Diridari: Geld
Hamma uns?: Haben wir uns verstanden?
iatz: jetzt
Kloiffe: Rüpel
Massl (jidd.): Glück
Gmoa: Gemeinde
Britschn: sehr abwertend für: Frau
Haberer: hier: Zuhälter
Graffel: Gerümpel
Glump: Gelump, wertloses Zeug
Parapluie (lat.-frz.): Regenschirm
hinten im Wald: hier: Bayerischer Wald
wengerl: wenig
Wosch ma a so gfalla dädsch! Warum denn it?: Wo du mir so gefallen tätst! Warum denn nicht?
hädsch: hättest du
schtiehlsch: stiehlst
etzla: jetzt
Impresario (ital.): Theateragent, der für einen Künstler die Geschäfte führt
Hühnerduttn: Hühnerbrüste
blahden: (von aufgebläht): eingebildeten
Gschamiger: schüchterner, zurückhaltender Mensch
ausse: hinaus
Selve: frühere deutsche Automarke
Orient: Zigarettenmarke, zugleich Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Marken
Innlände: Bootsanlegestelle am Inn
Roßbollen: Pferdeäpfel
Pratzen: große Hände, Pranken
Lackl: ungeschlachter Kerl
wif (n. d. Frz. vif): klug, schlau
Hundling: meist anerkennend für: gerissener Hund
penzt: belästigt
Kuttenbrunzer: verächtlich für: Mönch
reinloost: horcht, lauscht
ös Boarfackl!: Ihr Bayernschweine! (Schmähruf der Tiroler Aufständischen gegen die bayerischen Besatzungssoldaten in der Napoleonischen Zeit)
gefotzt: verdroschen
Plaid (schott.-engl.): großes wollenes Umhängetuch
gelurt: verstohlen beobachtet, heimlich gespäht
Gutl: Bonbon
Nahderin: Näherin
brunzt: pißt
Watschen: Ohrfeigen
Panbavaren: Separatisten, die eine Loslösung vom Deutschen Reich und den politischen Zusammenschluß aller bairischsprechenden Gebiete anstrebten
Buick: amerikanische Automarke
franschman (n. d. Frz. franchement): freimütig
Bopperl: Püppchen. Hier: Liebling
gschnappig: vorlaut, schnippisch, frech
ich hab kein gut getan: ich hab mich nicht einfügen können, war widerborstig
auf dem Kiwif (n. d. Frz.; ursprünglich Kontrollruf der frz. Militärpatrouillen: Halte là! Qui vive?): wachsam
Malaise (n. d. Frz.): unangenehme Situation
Schlamassl (jidd.): Pech, Unglück
Kistler: Schreiner
staubens die Leut weg: vertreiben Sie die Leute
anpatz: beschmutze, dreckig mache
poussiert (n. d. Lat.-Frz.): flirtet; hier: abküßt, knutscht
Krätzn: Hautausschlag
geschoppt: gestopft
gescheert: gemein, verletzend
gwamperte: fette
zwider: zuwider, mißmutig, ärgerlich
schnabeln: vorlaut sein
Platzl: Platz in der Münchner Altstadt
Galan (span.): Verehrer
Sägscheiten: Sägespäne
Gäu: Gau, Umkreis
Roßplätten, Klobzillen: Lastkähne
Kataster (ital.): amtliches Grundstücksverzeichnis
Schmarrn: hier: Unsinn
Geschiß.: Umstände. Hier: Ärger, Schwierigkeiten
Dementia praecox: Schwachsinn
Gesichte: Erscheinungen, Visionen, auch Tagträume
tränzen: weinen
Epilepsia tarda: Form der Epilepsie, die nach großen körperlichen oder psychischen Belastungen ausbricht
Licht aufreiben: den Lichtdrehschalter betätigen
Machler: Tüftler, Bastler
Gaudi: Spaß; hier: Tumult, Aufregungen
Bazi: durchtriebener, listiger Kerl, auch abwertend gebraucht
Und jetzt … sinds dahin!: Und jetzt verschwinden Sie!
Kämbden: Holzzahn eines Zahnrades (aus Hartholz)
Butzerl: kleines Kind
Godschaft: Patenschaft
Luden: Zuhälter
und er spannt: und er endlich versteht, bemerkt
Ratzen: Ratten
zwifeln: drangsalieren
im Dachstuhl gefunden: er hat sich erhängt
Der Wegmacher wollte wieder davon erzählen, wie einmal der Himmel auf Sarzhofen gefallen, der Eglinger Alois dabei zu Tode gekommen sei und das Elend über die Aichingerischen, aber man ließ ihn nicht.
»Es ist doch schon so lang her, Wegmacher«, sagte der Wirt, ohne den alten Mann anzusehen, und hielt einen Bierkrug unter den Zapfhahn.
Der Landthaler spuckte auf den Boden und griff nach den Spielkarten, die der Reither ausgegeben hatte. »Dasselbe mein ich auch«, pflichtete er dem Wirt bei. »Laß uns endlich in Ruh mit der Geschicht. Ein jeder kennt sie.«
Der alte Wegmacher jedoch hörte nicht. Störrisch wiederholte er jene Worte, mit denen alle Geschichten auf dem Land beginnen: »Leut, ich lüg euch nicht an …«
Das Ritual will eigentlich, daß die Zuhörer zunächst lautstarken Zweifel an dieser Behauptung äußern, woraufhin der Erzähler seine Versicherung zu erneuern hat. Doch, wie neugierig man auf das Kommende auch sein mag, so wenig darf auch jener Bekräftigung Glauben geschenkt werden: »Geh zu! Du allerweil mit deiner Fabelei!«
Ein paarmal darf das hin und her gehen. Es hat seine Grenzen aber dann, wenn der Erzählende nicht mehr anders kann, als sich schließlich in die Rolle des gekränkten Wissenden zurückzuziehen, welcher es durchaus nicht nötig hat, seine Weisheiten Unwürdigen mitzuteilen. Doch mit einem gnädigen »Dann red halt, in Gottsnam« wird dies rechtzeitig verhindert.
Die drei Männer dagegen, die sich an diesem Augustabend in der Sarzhofener Gaststätte »Zum Nauferger« zum Kartenspiel getroffen hatten, machten keine Anstalten, ein anderes Spiel zu spielen als jenes, welches der Reither soeben gemischt hatte.
Der Stadler sandte einen geschmerzten Blick zum schwarzgeräucherten Plafond. »Sagt ja auch niemand, daß du lügst, Michl«, stöhnte er, »aber jetzt gibst eine Ruh. Wir spielen Karten.«
»Gewiß wahr, ich lüg euch nicht an …«, wiederholte der Wegmacher Michl. Er knetete seine fleckigen Finger und blickte ins Nichts.
Die Kiefer des Landthaler mahlten. »Streng wird gespielt, habts gehört?« mahnte er die anderen beherrscht. »Einen wenn ich beim Schwindeln erwisch!«
»Freilich.« Der Reither tat unschuldig und gab seinem Nebenmann einen leichten Stoß mit der Fußspitze. »Wer gibt?«
»… es ist gewesen im Vierer Jahr, wie …«
»Deine Goschn, Wegmacher!« fauchte der Landthaler.
»… im Vierer Jahr, wie der Teufelsstein im Schatzberger Wald auf einmal angefangen hat zu schwitzen …«
Zornig wandte sich nun auch der Reither um. »Wir spielen! Hörst nicht? Bring uns nicht draus, sonst werden wir grantig!«
»… auf einmal angefangen hat zu schwitzen, und wie …«
Krachend patschte die geöffnete Hand des Landthalers auf den Tisch. Er stand auf, ging zur Ofenbank und stellte sich breit vor den Alten. Seine zur Faust geballte rechte Hand pendelte drohend. Der Wegmacher duckte sich ängstlich.
Wortlos kehrte der Landthaler an den Tisch zurück.
»Das hat er verstanden«, stellte der Reither befriedigt fest. Der Wirt atmete erleichtert auf, griff nach den gefüllten Krügen und trug sie an den Tisch.
»Wißts ja, wie er ist. Er hört nimmer gut«, versuchte er auszugleichen.
»Der hört ganz gut, da täusch dich nicht«, widersprach der Landthaler ärgerlich.
»Schon«, wußte der Stadler, »aber er kanns nimmer deuten.«
»Was für eine Krankheit das ist«, schüttelte der Wirt den Kopf, »hört und sieht, aber kanns nimmer deuten.«
»Die Krankheit hast du auch hie und da«, stichelte der Stadler boshaft. Der Wirt lachte.
»Aber bloß dann, wenn du ein halbes Jahr bei mir anschreiben laßt, nicht ans Zahlen denkst und allerweil noch eine Halbe willst!«
»Dafür kommst auch in den Himmel, Nauferger. Ist dir das gar nichs wert?«
»Und das verdank ich dann dir, Stadler.«
»So ist es. Selig sind, die die Durstigen tränken, heißts in der Heiligen Schrift.«
»Jetzt spiel!« unterbrach der Landthaler ungeduldig. Der Stadler überlegte einen Augenblick, zog eine Karte und schlug sie auf die Tischplatte.
»Liegt schon!«
Der Landthaler betrachtete mit zusammengekniffenen Augen sein Spiel und überlegte. Er wirkte angestrengt.
»… ich lüg euch nicht an!« brabbelte der Alte.
Das Gesicht des Bauern wurde krebsrot. Heftig stand er auf. Sein Stuhl kippte und polterte zu Boden.
»Wegmacher!« schrie er unbeherrscht. Der Wirt sah alarmiert auf.
»Spinn dich aus, Landthaler«, sagte der Stadler ruhig, »was regst dich denn eigentlich gar so auf?«
»Warum ich mich aufreg?« japste der Landthaler. »Weil ich dem Wegmacher seine erstunkenen Geschichten nimmer hören kann.«
»Hörst halt nicht hin! Aus! Hast doch sonst nichts gegens Geschichtenerzählen!«
Der Landthaler erstarrte. Sein Blick flirrte. Auf seiner Schläfe bildete sich eine wurmartige Geschwulst. »Was … was willst damit sagen?« fragte er rauh.
Der Stadler tat unschuldig. »Gar nichts. Bloß, daß du doch auch hie und da gern Geschichten erzählst.«
»Landthaler! Stadler!! Aufhören!« Der Wirt hatte das Wischtuch zur Seite geworfen, kam an den Tisch geeilt und versuchte, die beiden Männer auseinanderzuzerren. Ein klobiger Faustschlag, der eigentlich dem Stadler gegolten hatte, traf seine Schulter. Er taumelte zurück.
Die Tür der Gaststube fiel krachend in das Schloß.
»Hörts auf!« keuchte der Wirt.
»Das mein ich auch.« Wachtmeister Kaneder trat langsam in die Mitte des Raums, schob seine Brille mit der Fingerspitze zurecht und kratzte sich seinen hinter dem Kragen nässend geröteten Hals. Der Landthaler richtete sich mürrisch auf.
Der Ortspolizist musterte ihn streng. »Wegen was wird da schon wieder gerauft?« Der Bauer schniefte verletzt und schwieg. Langsam griff er in seinen schütteren Schopf und schob einige siechfarbige Strähnen, die ihm über die Stirn gefallen waren, zurück. Kaneder wandte sich mit fragendem Blick an den Stadler. Dieser zuckte die Schultern.
»Nichts«, räusperte er sich, »ich … ich hab ihm bloß gesagt, daß es seltsam ist, daß er allerweil, wenn er mit dem Mischen dran ist, hernach den Herzkönig kriegt.«
Der Reither nickte erleichtert.
»Ist überhaupt nicht wahr«, knurrte der Landthaler.
Kaneder verstand. »Dann sag ich euch, daß jetzt gleich Sperrstund ist und ich den Holzköpfen, die ich das nächste Mal wieder beim Raufen erwisch, eine saftige Straf aufbrenn! Haben wir uns?« Er hob die Stimme. »Ob ihr mich verstanden habt?«
Die beiden Streithähne nickten widerwillig. Der Reither griff nach den Karten, stand auf und legte das Päckchen auf eine Ablage neben dem Schanktisch. »Heut wars wieder gemütlich!« sagte er ernüchtert und griff nach seiner Jacke.
Auch der Landthaler zog sich an. Der Reither befand sich bereits im Hausgang. Wortlos verließen die Bauern die Stube.
Der Wachtmeister wandte sich an den Wirt.
»Und deine gspaßigen Logiergäst? Sind die eigentlich schon daheim?«
»Den Notari von München, meinens? Der ist schon längst oben in seiner Kammer«, sagte der Wirt. »Ist was mit dem?«
Kaneder schüttelte unwillig den Kopf und drehte sich um.
»Und der Wegmacher?« sagte er milder. »Mag Er nicht heimgehen? Zeit ists.«
Der alte Bauer regte sich nicht.
»Keine Geschichterl heut, Wegmacher?«
Der Wachtmeister wartete die Antwort des bockig dreinblickenden Alten nicht ab, kratzte sich wieder hinter seinem Kragen und verabschiedete sich.
Der Alte schwieg auch noch, als ihn der Wirt wenig später vor die Tür führte. Mit unsicherem Schritt trat er aus dem Kegel des von Mücken berannten Hauslichts und verschwand in der Finsternis. Vom fernen Altwasser am Flußgrund quakten Frösche.
Der Wirt drehte den Schlüssel und löschte das Licht. Als er kurz darauf die Treppe zu seiner Schlafkammer emporstieg, sich in ihr entkleidete, das Federbett zurückschlug und sich schwer auf sein Lager fallen ließ, dachte er noch einen kurzen Augenblick an die Geschichte, die der Alte hatte erzählen wollen. Dabei schlief er ein.
Als die Magd an diesem Spätnachmittag im August des Jahres 1904 mit käsigem Gesicht zur Reitherin in den Stall trat und ihr stumm den leeren Wassereimer zeigte, wußte die Bäuerin sofort, daß etwas Ernstes geschehen sein mußte. Der Hausbrunnen war nun endgültig trocken, und der in die Tiefe gelassene Eimer scheppernd auf Stein gefallen.
Bald darauf versiegten auch die Brunnen von Wengen und Oberroth. Die erst vor wenigen Jahren verlegte Bleirohrleitung, die das Wasser der Elskirchner Quelle zu den Weilern über dem Inn führen sollte und aus der zuletzt nur noch ein rostig braunes Rinnsal geflossen war, gab schon seit Wochen keinen Tropfen mehr ab. Auch der Gruber hatte bereits aufgegeben und die Hunde, die seine Pumpe antrieben, aus dem Geschirr gelassen.
Als vom Grund des Hungerbrunnens im Wolfspeuntner Wald feuchter, von Mückenschwärmen umtoster Morast glitzerte, erschraken die Bauern zutiefst. Von ihren Vorfahren wußte sie, daß Feuchtigkeit in dieser Grube, die in regenreichen Zeiten stets trocken war, eine noch größere Dürre voraussagte.
Schließlich war auch der Burgstaller Bach ausgetrocknet, und die Mühle im Höllgraben mußte stillgelegt werden. Die Bauern suchten den Pater Prosper auf und baten ihn um die Abhaltung des Regengebets. Kurz flammte der alte Streit zwischen der »Bruderschaft zum guten Tod« und dem »Jünglingsverein« auf, in welcher Pfarrei dieser Gottesdienst abgehalten werden sollte. Die Auseinandersetzung wurde jedoch sofort erstickt, denn kein vernünftiger Mensch konnte widersprechen, daß allein die heilige Elisabeth und damit das alte Elskirchner Gotteshaus zuständig waren.
Das gotische Kirchenschiff war überfüllt, als der aus dem Kloster Sarzhofen herbeigeeilte Augustinerpater das alte Regengebet vortrug. Doch die Orgel, deren Holzverkleidung in der wochenlangen Trockenheit geschrumpft war, gab keinen Ton mehr von sich. Auf der Heimkehr begegneten die erschöpften Wallfahrer den Fuhrwerken der Wasserträger. Auf ihre keuchenden Rösser einschlagend, bis hoch über den Kutschbock in Staub gehüllt, waren sie nahezu Tag und Nacht unterwegs, um das rettende Naß zu den Höfen zu bringen.
Die Gebete waren vergeblich gewesen. Die einst üppigen Bauerngärten verdursteten, das Blattwerk der Obstbäume verlor seinen Glanz. Die Wiesen brannten aus. Die Grasnarbe wurde rissig, schälte sich, hungriges Federvieh kratzte auf der Suche nach Engerlingen den brockigen Boden auf. Aus einst blühenden Feldern wurden staubgraue Äcker. Um die Augustmitte mußten bereits die Heustöcke angegriffen werden, um das Vieh zu füttern. Doch für den Schäfer von Aschpoint stellte sich die Frage, was im Winter werden würde, nicht mehr. Er bestritt, betrunken gewesen zu sein, und gab statt dessen an, von Erschöpfung überwältigt in seinem Karren eingeschlafen zu sein, als seine Herde in die sumpfigen, von den Mäandern des Höllbachs durchzogenen Naßwiesen ausgebrochen war. Erbärmlich waren die Tiere verendet. Man hatte den Schäfer mit Schlägen vom Hof gejagt.
Die neuen Tage zeigten im ersten, zitronenfahlen Licht, daß wieder kein Regen zu erwarten war. Binnen kurzer Zeit wälzte sich erneut schmutzige Hitze über das Land. Übergossen mit glühender Luft lag es um die Mittagszeit längst benommen unter einer brütenden Sonne. Dann und wann schob sich ein heißer Windstoß durch das papieren wispernde Korn und kippte es, ohne Widerstand zu erfahren, aus der mürben Krume.
Nur der Marktflecken Sarzhofen, auf einer kleinen Erhebung zu Füßen des höheren Klosterhangs gelegen, hatte noch Wasser. Die fetten Gärten am Innhang, geschlämmt von einer Ableitung des Klosterbachs, widerstanden der Hitze.
Doch auch hier litten die Menschen unter der Hitze und dem Staub, den das Umland über den Markt geworfen hatte. Die Alten atmeten schwer durch rissige Lippen.
Es war Mittag. Die Menschen, die den baumlosen Platz in der Ortsmitte überquerten, bewegten sich langsam; kein Luftzug regte sich. Es war still. Rufe versanken taub, das Platzen des Kalkputzes von den Häuserwänden klang wie das Brechen verdorrter Äste. Der Wirt des Gasthofs »Zum Nauferger« riß in einem Moment der Verwirrtheit die Tür der Standuhr auf, dessen Ticken ihn zu schmerzen begonnen hatte, und hielt das Werk an.
Am späten Nachmittag schienen Ort und Hügelland friedlich zu dösen. Die Schatten wuchsen. Kaum war die Nacht zum Sonntag hereingebrochen, begann die Erde zu dampfen. Das Pflaster glänzte bleiern, und um Mitternacht stiegen vom Inn violette Nebelschwaden empor. Es wurde augenblicklich kühler. Als sich die letzten Besucher des »Nauferger« auf den Heimweg machten, in der Mitte des Marktplatzes nach oben sahen und betrunken die schneidende Luft kosteten, stand über ihnen, kaum anders als in den Nächten zuvor, der Nachthimmel wie kalt glimmender Granit. Die Tritte der Heimkehrer verloren sich in der Stille. Grillen zirpten kraftlos. Das Land fiel in Schlaf.
Niemand sah, wie kurze Zeit danach im Norden ein tonloses Leuchten über die Hügelketten eilte. Ein ferner, samtener Donner folgte. Nun herrschte völlige Stille. Wieder flammte das fahle Leuchten auf, und wieder, doch nun in kürzerem Abstand, war ein tastendes, zögerndes Poltern, das wie das Fallen eines Holzstoßes klang, zu vernehmen.
Es kam kein Tag. Die Sonne kämpfte irgendwo hinter dem östlichen Horizont, warf ein krankes Gelb und erstickte dämmernd. Entlang der Flußlinie hatten sich Schicht um Schicht die fetten Quader einer Wolkenwand in maßlose Höhen getürmt. Noch immer schien die Wand zu wachsen, noch immer stand sie nahezu unbewegt wie eine erstarrte Flutwelle.
Binnen Sekunden platzte das Gebilde. Eigroße Hagelbrocken explodierten auf Pflaster und Dachpfannen, spratzten knallend ab oder durchschlugen die Dächer. Kräftige Laubbäume bogen sich unter den Sturmstößen und brachen ergeben, die Fichten rissen im Fall ihr flaches Wurzelwerk aus dem Erdreich, Scheunen zerlegten sich Brett um Brett oder purzelten wie Würfel über das Feld. Durch die silbrige Schraffur des zur Erde jagenden Eises waberten die Blitze. Das Wettergeläut der Pfarrkirche winselte gegen den Tumult, bis der Orkan unter die zerschlagene Dachhaut des Turmes fuhr, dessen Spitze abriß und Schindeln, Gebälk und Mauerwerk in die Tiefe prasseln ließ. Bedrohlich ächzte das Bundwerk der Stallungen der freistehenden Gehöfte. Die windig gebaute Stallung des Wegmacher-Gütls krachte zusammen und begrub, was darunter lebte.
Fast beiläufig hatte sich das Unwetter gelegt. Ohne große Eile war es nach Nordosten gestapft. Der Wind wurde schwächer, dann legte er sich ganz.
Es war still. Das zerdroschene Land rauchte. Die Luft war kühlfeucht und klar und roch nach Winter. Der Himmel blieb grau, von Westen näherte sich ein sanfter Regen. Bis zum Herbstbeginn sollte er sich nicht mehr verziehen.
Natürlich hätte man die Leiche des Fuhrknechts Alois Eglinger irgendwann entdeckt. Wenn nicht an diesem Tag, dann am nächsten. Sie wurde so früh gefunden, weil sich der Nauferger beim Kirchbäck darüber beschwert hatte, daß das sich sulzig zersetzende Eis auf der Gasse zwischen beiden Gebäuden begann, den Weinkeller des Gasthauses unter Wasser zu setzen. So schickte der Kirchbäck seinen Lehrling, und dieser war es, dem diese eigenartige, blaßrot emporgestiegene Fläche aufgefallen war und der, nach wenigen Schaufelstichen, den Körper des Fuhrknechtes entdeckte.
Wachtmeister Sinzinger, den man vom Dach der Ortsgendarmerie holen mußte, wo er die zerschlagenen Dachpfannen inspiziert hatte, begann kurz darauf mit seinen Untersuchungen. Er tat es widerwillig. Irgend etwas sagte ihm, daß diese Angelegenheit unangenehm werden würde, obwohl alles, was ihm aufgeregt mitgeteilt wurde, auf einen Wirtshausstreit mit tragischem Ausgang hindeutete. So etwas kam nicht eben häufig, aber doch hin und wieder vor. Der letzte Mord im Gebiet der Sarzhofener Gendarmerie – eine Magd war im Wolfspeuntner Wald erschlagen und ausgeraubt worden – war lange vor Sinzingers Amtsantritt geschehen, und außer der nie ermittelten Todesursache eines Säuglings in der Nachbargemeinde, den die Mutter, eine unverheiratete und offenbar geistig etwas labile Magd, versehentlich im Schlaf erdrückt hatte, konnte er sich an keinen Fall in dieser Gegend erinnern, der nicht binnen weniger Stunden hatte aufgeklärt werden können.
Der Wachtmeister überlegte, wie er seinen Bericht beginnen sollte. Er war, nachdem er die Leute mit einem »Wenn er schon tot ist, pressierts eh nicht mehr« zu beruhigen versucht hatte, in die Amtsstube gegangen, hatte dort seinen Rock angezogen, seinen Säbel umgeschnallt, seinen Helm aufgesetzt und sich auf den Weg gemacht.
Der Schauplatz des Verbrechens, die vom Marktplatz zum Innhang führende Gasse zwischen dem Gasthaus und der Bäckerei, war nur wenige Minuten von der Station entfernt. Nachdem er die Neugierigen zurückgescheucht und sich schnell vergewissert hatte, daß der Fuhrknecht an mehreren Messerstichen in Brust und Hals gestorben sein mußte, wurden die Umstehenden von ihm befragt, ob einer von ihnen etwas berichten könne, das mit diesem Vorfall zusammenhinge. Man schüttelte den Kopf. Außer dem Wirt hatte sich keiner der Anwesenden in der vergangenen Nacht im Gasthaus aufgehalten. Der Nauferger gab zögernd an, daß der Ermordete am Abend zuvor einige Halbe Bier getrunken, die Gaststätte jedoch kurz nach Mitternacht verlassen habe.
»Als letzter?«
»Ja …« Die Erklärungen des Wirts wurden dadurch unterbrochen, daß der Dorfarzt mit offen fliegendem Mantel durch den Eismorast herbeigeeilt kam und sich wortlos der Leiche widmete. Respektvoll wich die Menge zurück.
Der Wirt fügte noch hinzu, daß der Tote als streitsüchtig gegolten habe und daß es beinahe täglich zu kleineren Auseinandersetzungen, die jedoch schnell wieder beigelegt waren, gekommen sei. Der Doktor unterbrach ihn.
»Der Mann ist seit etwa zwölf Stunden tot«, stellte er fest.
»Haben Sie berücksichtigt, daß er unter dem Eis gelegen ist?«
Der Arzt lächelte nachsichtig. »Ich kann durchaus bis drei zählen, Herr Wachtmeister. Aber …«, er war aufgestanden und wischte sich die Eissplitter vom Knie, »… man braucht mich ja hier nicht mehr, nicht wahr?«
»Ist ja nur eine Frag gewesen, Herr Doktor.«
»Schon recht.« Der Arzt knöpfte sich umständlich den Mantel zu.
Der Gendarm dachte nach. Vor zwölf Stunden. Kurz vor Sonnenaufgang. Was suchte der Fuhrknecht um diese Zeit in der Gasse?
Der Mesner hob den Zeigefinger. »Der Eglinger ist ein rechter Weiberer gewesen«, stieß er eifernd hervor. »Es hat so gehn müssen mit ihm.«
»Was du alles weißt …«
»Ich seh halt auch noch was anderes als Teig und versalzenes Mischbrot, Bäck.«
»Mit dir bigottem Hanswursten red ich gar nicht. Aber, Herr Wachtmeister …«
»Was, Bäck?«
»Der Doktor muß sich getäuscht haben.«
»Warum?«
Der Bäcker fühlte den mißbilligenden Blick des Arztes. »Weil ich … dann ja was gehört haben müßt. Ich bin jeden Tag schon um halb vier wach, auch wenn ich nicht in die Backstuben muß. Ich hätt was hören müssen – aber ich hab nichts gehört. Bloß, wie auf einmal das Wetter angefangen hat, hab ich gehört.«
»Und das hat angefangen, nachdem du aufgestanden bist?«
»Wenig später.«
»Da ist es also schon hell gewesen?«
Der Bäcker schüttelte den Kopf. »Da wär es hell gewesen!« berichtigte er. »Wenn es ein normaler Tag gewesen wär. War es aber nicht. Es war stockfinster.«
Sinzinger verzog nachdenklich den Mund und blickte wieder auf das mit schwarzem Blut besudelte, durchweichte Bündel zu seinen Füßen. Der Tote lag mit dem Rücken nach oben. Die klaffenden, wächsern gerandeten Einstiche waren deutlich zu erkennen.
»Der markiert nimmer«, bemerkte der Schmied-Hansl nüchtern. Die Bäckin kicherte hysterisch. Ein Blick des Wachtmeisters brachte sie zum Schweigen.
»Was ist gestern auf Nacht passiert? Hat einer gesehen, mit wem der Eglinger gestritten hat? – Wirt?«
Der Nauferger schüttelte den Kopf. »Nein. Gestern war er sogar recht gut aufgelegt, der Alois. Hab mich schon gewundert.«
Der Landthaler, den in seiner Jugend ein schwerer Unfall mit dem Heuwagen weißhaarig gemacht hatte, schniefte grimassierend durch die Nase und entblößte seine tabakbraunen Zähne. Er schien zu überlegen, wie er beginnen sollte.
Der Arzt trat einen Schritt vor. »Herr Wachtmeister, ich wollte Ihnen nur noch sagen: Wie ich vorhin an der Gendarmeriestation vorbeigekommen bin, hab ich den Aichinger Martl dort stehen sehen. Er möcht eine Angabe machen, hat er gesagt.«
»Wird nicht so pressieren«, gab Sinzinger unwirsch zurück.
Der Arzt, der sich schon zum Gehen gewendet hatte, wiegte den Kopf und strich sich über seinen grauen Bart.
»Es hätte aber mit der Leiche hier zu tun, hat er gemeint.«
Kopiermeister Ostler hatte Grund zu guter Laune. Die deutsche Kinoindustrie hatte nach dem Krieg einen ungeheuren Aufschwung genommen; allein im vergangenen Jahr wurden nahezu sechshundert Filme hergestellt, und bereits jetzt, im Frühsommer 1924, konnte jede Wette darauf eingegangen werden, daß sich diese Zahl heuer noch einmal erhöhen würde. Ostlers Zukunft war gesichert. Vor seinem Häuschen in Planegg blühte der Flieder, und im Biergarten der Münchner Kindl-Brauerei, den er aus alter Anhänglichkeit hin und wieder aufsuchte, obwohl er sich längst nicht mehr dem gemeinen Münchner Proletariat zurechnete, rückten die jungen Frauen näher an ihn heran.
Natürlich liebte Ostler auch das Kino. Der Kopiermeister hatte lediglich einen persönlichen Geschmack und war davon überzeugt, daß nur dieser der richtige sei. Er, der seit der Gründung der Filmfirma Arnold & Richter im Werk an der Türkenstraße arbeitete, hatte sie alle kennengelernt, den geschäftstüchtigen Ostermayer, den verrückten Fey, den verträumten Jaffe und viele andere. Erfolge und Katastrophen hatte er beobachten können, auch Jaffés Verzweiflung miterlebt, als diesem mitten in den Aufnahmen zu seinem König-Ludwig-Film, für den der Regisseur sein ganzes Privatvermögen eingesetzt hatte, der Hauptdarsteller verstarb.
Der Kopiermeister, der gerade dieses Werk mit einer gewissen Zuneigung bearbeitete, sich aber ein Mitleiden bei allerlei Katastrophen schon früh abgewöhnt hatte, gab dem jungen Mann einen Tip, den dieser dankbar annahm. Was er ihm riet, gab er, wenn sich Gelegenheit bot, gern zum besten. »Gehns, Herr Jaffé«, wollte er gesagt haben, »dann nehmens halt einen anderen und machen mit dem einen zweiten Teil: Der König im Alter!« Mit tränenfeuchten Augen habe ihm der Regisseur gedankt und sei seinem Rat gefolgt. Daß jedoch Publikum und Kritik sich nicht vorstellen konnten, daß der edle König innerhalb weniger Jahre vom jugendlich aufrechten Zwei-Meter-Recken zum kleinwüchsigen und quergesichtigen Vierschröter mutiert sei, erwähnte Ostler, wenn überhaupt, nur ungern.
Ebenso ungern erinnerte er sich auch an den Besuch jenes Frechlings aus Berlin, der sich an einer Bergfilmkomödie versuchen wollte und deutlich zeigte, daß er seine belichteten Rollen nur gezwungenermaßen in München bearbeiten ließ. »Mein Herr«, wollte Ostler ihm gesagt haben, »Sie dürfen uns schon glauben, daß wir uns auskennen, wenn es um Bergsachen geht.« Worauf der aufgeblasene junge Mann geantwortet hätte, daß ihm die Berge schnurz wären, eine verkehrt gesetzte Kreisblende hingegen nicht. Der Kopiermeister hatte später befriedigt feststellen können, daß gerade dieser Film, eine verquere Groteske um die Liebe einer in den Bergen hausenden Räuberin zu einem eitlen Verführer, ein Reinfall wurde, und mit noch größerem Genuß durfte er nach wenigen Monaten verfügen, daß die Kopie dieses Films aus dem überquellenden Filmlager geworfen und auf die Müllhalde gekarrt wurde. Kopiermeister Ostler erinnerte sich ebenso ungern daran, daß der vorlaute Berliner einmal von seiner Hauptdarstellerin begleitet worden war, was die Zurechtweisung wegen der verpatzten Blende um so peinlicher gemacht hatte.
An dieses Erlebnis mußte er denken, als er die Viragierung der neuen Filmkopien überprüfte. Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Brauen.
»Wer hat die Negri eingetaucht?« brüllte der Kopiermeister, »Kajetan?! Warst epper du das?«
Der Angesprochene, eine erst vor wenigen Wochen eingestellte Hilfskraft, antwortete vom anderen Ende der Reihe von Färbebottichen.
»Die wen?«
»Geh her da!« herrschte der Meister. »Wirds bald?«
Der Gehilfe kam. Ostler hob einen Streifen gegen das Mattlicht, deutete mit dem behandschuhten Finger darauf und sah den Kopierwerkshelfer streng an. Ein grauer Arbeitsmantel umschlotterte den nicht sonderlich großen, ziegenbärtigen Mann.
»Was … was ist damit?« Kajetan verstand nichts.
»Wer die Negri eingetaucht hat, habe ich gefragt! Red ich böhmakisch?«
»Die Negri? Das war ich.«
»Natürlich. Wer denn sonst? Und wieso …« Der Kopiermeister legte die Rolle auf den Tisch und verschränkte die Arme, »… hast die Negri blau gemacht?«
Kajetan ahnte, daß Ostler, dessen Gesicht rot angelaufen war, kurz vor einem cholerischen Ausbruch stand. Aber noch immer begriff er nicht, was den Meister so erregte.
»Aber …«, sagte er unsicher, »so ist es doch draufgestanden in der Färbnotiz vom Teobalt.«
Ostler holte Luft. »Der Herr Teobalt ist nicht der Chef da herinn!« brüllte er unbeherrscht. »Da herinn ist der Teobalt ein kleines Würsterl und hat da gar nichts zum melden. Teobalt?! Da her!«
Er wandte sich nicht um, als wenig später ein blaßgesichtiger, hochgewachsener und hagerer Mann mittleren Alters mit bestürzter Miene an den Tisch trat.
»Herr Teobalt«, in Ostlers Stimme mischten sich Zorn und Hohn, »wie kommt Er drauf, daß die Negri blau werden soll?«
»Ich …«, stotterte der Mann eingeschüchtert, »ich habs so übertragen, wie es in den Notizen des Regisseurs steht. Sehns selbst …« Er blätterte aufgeregt in einem Stapel Papier.
Ostler wandte sich ihm zu und kippte seinen Kopf in den Nacken. Streng fixierte er den Blick Teobalts.
»Und was hab ich Ihm gesagt? Ha?«
»Sie sagten: rose. Aber ich dachte, daß das ein Irrtum sein muß, weil …«
»Irrtum?«
»Pardon …, aber …«
»Ist das eine Zimmer-Szene oder nicht?«
»Schon …, aber …«
»Und gehört nicht eine Zimmer-Szene rose eingetaucht?«
»Schon …«
»Schon was, Teobalt?«
»Es … ist doch aus dem Zusammenhang erkenntlich, daß es sich um ein unbeleuchtetes Zimmer handelt, also …«
Ostlers Augen hatten sich verengt.
»Er verdient bei mir offenbar so gut, daß Er alle daumlang ins Kino rennen kann?«
»Nein«, entgegnete der junge Mann, »alle daumenlang nicht. Aber dieser Film …«
»… ist ein Krampf, nebenbei gesagt!«
Emil Teobalt stand schmal und fest vor Ostler. Nein, meinte er, dieser Film sei ein Meisterwerk. Der Kopiermeister explodierte.
»Weißt du, was dabei ist, wenn ich dich das nächste Mal das Lager ausräumen laß, damits auf den Geraffelhaufen geschmissen wird, wos hingehört? Da ist ›Die Flamme‹ vom Herrn Ludwig dabei, das garantier ich dir! Und noch ein paar andere parfümierte Judensauereien!«
Teobalt schwieg.
»Und was die Färbung betrifft, mein Lieber, da laß Er sich ein für allemal gesagt sein: Der Tag ist gelb, die Nacht ist blau, und ein Weibsbild im Zimmer ist rosé! So war es, so ist es, und so wirds anders nie sein.«
Teobalt hob die Schulter und wich dem Blick des Meisters aus.
»Wir machen das nämlich so, wie wir das allweil machen«, fuhr Ostler fort, »und nicht, wie irgendein Herr Ludwig das meint! Als ob der wüßt, was die Leut wollen.«
»… Lubitsch«, korrigierte Teobalt ergeben.
»Ha?«
»Nicht Ludwig – Lubitsch!«
Auch Kajetan nickte.
»Egal!« Ostler machte eine ärgerliche Handbewegung. »Von dem hört man eh bald nichts mehr, weil die Leut dem seine Krämpf nimmer sehn wollen. Genausowenig, wie das Zeugs vom Plumpe, vom Reinhardt und wie die geblähten Gackerl noch alle heißen.« Er hob den Zeigefinger. »Das Publikum, das merkens Ihnen, das hat allweil recht!«
Teobalt räusperte sich. »Bitteschön, mir gefällts.«
»Tja«, sagte der Kopiermeister lauernd, »das ist so eine Sach mit dem Gefallen, Herr …«
Teobalt übersah die Signale. »Das ist wahr«, stimmte er zu.
Ostlers Stimme klang nun ruhig. Kajetan, der sich während des Streits wieder zu einem der Färbebottiche zurückgezogen hatte, horchte auf.
»Weißt«, fuhr der Kopiermeister fort, »mir gefallt zum Beispiel nicht, daß Er allerweil grad extra anders tut als wie man Ihm sagt.«
»Aber es ist doch der Wille des Regisseurs …«, beharrte Teobalt ahnungslos.
Ostler holte Luft. »Und mein Wille ist, weißt du, was? Daß du dich schleichst!« Seine Stimme überschlug sich. »Auf der Stell! Sie sind entlassen, Herr! Teobalt! Ihre Papiere liegen bereit! Schon seit einiger Zeit!«
Kajetan erschrak und senkte die Rolle, an der er gerade gearbeitet hatte, in den Bottich zurück. Teobalt löste sich langsam aus seiner Versteinerung und wandte sich um.
»Bleib da, Emil!« Vergeblich versuchte Kajetan seinen Kollegen, der sich bereits zur Tür des Färbesaales begeben hatte, aufzuhalten.
»Das könnens doch nicht tun, Herr Ostler …«, versuchte er zu vermitteln.
Der Kopiermeister kniff die Augen zusammen.
»Ah so?« sagte er sanft. »Das kann ich nicht?«