
Auch in diesem Inspektor-Kajetan-Roman mischt sich wieder Erfundenes mit Wahrem. So gab es im München der zwanziger Jahre tatsächlich einen begnadeten Hochstapler, der als »Goldmacher« vor allem Vertreter des rechtsorientierten Großbürgertums um mehrere Millionen erleichterte. (Ich habe mich bei dieser Gelegenheit übrigens ausführlich mit Toussaints Methode der Goldherstellung beschäftigt und darf verraten, dass sie wirklich funktioniert! Geneigten Investoren, die nicht nur über ausreichendes Kapital, sondern auch über ein Fenster verfügen, um selbiges hinauszuwerfen, stehe ich – gegen eine kleine Beteiligung am zu erwartenden Milliardengewinn – gerne mit Auskünften zur Verfügung …)
Auch der von Inspektor Zunhammer angezweifelte Selbstmord eines früheren Vorgesetzten Hitlers ist in Wirklichkeit geschehen, wenngleich Ort und Zeit verändert wurden und nähere Umstände Spekulation des Autors sind. Letztere sind allerdings nicht ganz unbegründet, da es Hinweise darauf gibt, dass das Opfer dieses mysteriösen Todesfalls (dessen Tatbestand übrigens aus sämtlichen amtlichen Eintragungen getilgt wurde) nicht bereit war, sich an der Legendenbildung um die Hitlerschen Kriegsorden zu beteiligen.
Ähnliches gilt für die Darstellung der frühen Alternativbewegung, deren Ideen keineswegs erst in den siebziger Jahren entstanden, sondern ihre Wurzeln in der Industriekritik des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts haben, und gegen deren Radikalität heutige Ökobewegungen nur noch ein fader Aufguss sind. An dieser Stelle seien die ausgezeichneten Arbeiten von Ulrich Linse erwähnt, denen ich – was die Gründlichkeit der Recherche, aber auch die Qualität der Analyse betrifft – viel verdanke. (Wer sich in diese Thematik vertiefen möchte, dem möchte ich die Lektüre von Paul Lafargues so genialer wie missverstandener Schrift »Das Recht auf Faulheit« empfehlen.)
Zuletzt noch ein Wort zu einer Problematik, die immer für interessante Debatten sorgt und mit der jeder Autor konfrontiert wird, der sich mit der Niederschrift von Volks- und Regionalsprache auseinander zu setzen hat. Die rein lautschriftliche Notation der in jenen Jahren in München gesprochenen Alltagssprache kann leicht zu Lese-Irritation führen. Eine verbindliche Schreibweise gibt es darüber hinaus nicht, und für entscheidende Charakteristika etwa in der bairisch-österreichischen Vokalbildung existieren skandalöserweise nicht einmal die dazu erforderlichen Buchstaben (zumindest nicht im deutschen Alphabet). Da sich jedoch die meisten Schriftsprachen von ihrem mündlichen Ausdruck unterscheiden, wobei es zusätzlich allein in Bayern Hunderte kleinstgeografischer Varianten gibt, habe ich mich bei der Schreibweise weitgehend an den (deutschen) Wortstämmen volkssprachlicher Ausdrücke orientiert. Ich überlasse es also meinen Lesern, diese Ausdrücke mit jenem Klang zu versehen, der ihrer Lese- und Sprecherfahrung entspricht.
Christiane Droste war mir eine große Hilfe bei der Recherche, von Günter Gerstenberg, Dr. George Reiss, Margot Wingruber, Dr. Horst Weinek, B. v. G., Dr. Jürgen Zarusky, Herrn Schäller (in dessen Betrieb es natürlich solider zugeht als im von mir beschriebenen) und Gianni Bravo habe ich wertvolle Detailinformationen erhalten. Bei allen, die mich darüber hinaus mit Anregungen und kritischen Anmerkungen unterstützt haben, bedanke ich mich ebenfalls herzlich.
Robert Hültner
abfiseln: abnagen
Arbeiter-Union: deutsche anarcho-syndikalistische Partei FAUD
ausgeschmiert: betrogen
ausgschamt: unverschämt, schamlos
belfern: stänkern
Drä-drä: Tölpel
ein Hund sein: Hier ein Kompliment für Schläue, Professionalität
fei: hier: aber
Feim: (Bier)schaum
Feme: Hier: Rechtsradikale Untergrundorganisation, die in den Zwanzigern Attentate auf Politiker der Linksparteien verübte. (»Schwarze Hand«)
Filifa: Unsinn, Firlefanz
gelln’s: Höflichkeitsform von ›gell‹ (nicht wahr?)
Goaßbart: (Geißbart) Spitzbart
Gout: (a. d. franz.: Geschmack) Hier: Lust
Grattler: Landstreicher, Habenichts
Gries: hier: Name einer Armeleutesiedlung im Norden des Münchner Stadtteils Lehel
Gscheithaferl: Naseweis, Klugscheißer
gschert: ungehobelt, ordinär (abgeleitet von den gescherten Köpfen der Leibeigenen)
Gspusi: (von ital. sposa, Braut) Liebling
Haberer: hier: Liebhaber
Hifeln: Gerüststangen zum Trocknen des Heues
hinausgrasen: hier: Ehebruch begehen (von Tieren, die ihre eingezäunte Weide verlassen)
Kebsn: hier abwertend für: Geliebte
Koprater: Kooperator, katholischer Hilfspriester kudern: kichern
Kunt, Kundt: hier: Kerl
leimsiederisch: (eigentlich: lehmsiederisch) fad, langweilig
Leite(n): steiler Hang
Minga: volkstümlich für München (a. d. ureuropäisch-baskischen ›muninga‹ für: Ort auf Hochufer)
Missöh: Monsieur, Herr
mockig: muffig
notig: bedürftig, ärmlich
patschert: unbeholfen
Sozen und Nazen: Sozialdemokraten und Nationalsozialisten
Spassetl: sarkastischer Scherz
spechten: lauern, spionieren
speiben: spucken, auch: erbrechen
St. Adelheim: das Gefängnis Stadelheim im Münchner Süden
Strawanzer: Herumtreiber
Thal: alte Schreibweise der Straße zwischen Isartor und Marienplatz
tränzt: weint, schluchzt
Tricks: Trick
Wachtl: abwertend für Schutzmann, Wachtmeister
Wiah, Wistaha, Diott, Eho: (a. d. indoeurop.) Lenkrufe für Zugpferde und -ochsen: Vorwärts, links, rechts, halt.
wif: (a. d. franz.) lebhaft, pfiffig
Zinken: Hier: Nase
zottlert: zottelig, langhaarig, ungekämmt
zwider: ärgerlich, unangenehm
Nimmt man die im Roman angegebenen Geldsummen mal fünf, erhält man ungefähr den heutigen Euro-Wert, wobei von wesentlich geringerem Verbrauch bei Miete, Energie, Lebensmittel, Kleidung etc. auszugehen ist.
Freiherr Aloys von Marain, ehemals stellvertretender Kommandeur des traditionsreichen Regiments Lotz, hatte die Schlacht verloren. Sein Befehl, Fenster und Vorhänge des Salons tagsüber nicht mehr öffnen zu lassen, um die Augusthitze aus den Wohnräumen des Gutes fern zu halten, hatte nichts bewirkt. Eine Wolke fetter Wärme durchströmte die dämmrigen Räume des Erdgeschosses, strahlte von den Tapeten, dunstete aus dem wachsgetränkten Parkett und dem schweren, matt glänzenden Mobiliar.
Verdrossen stellte er das Weinglas ab, steckte einen Finger unter den Kragen, löste den schweißgetränkten Stoff von der Haut und massierte seinen Nacken. Mit leisem Ächzen, und kurz gegen eine Welle sirrenden Schwindelgefühls ankämpfend, stemmte er sich aus dem Fauteuil, stapfte schwerfällig zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt weit.
Die Sonne, von rötlichem Dunst verschleiert, berührte bereits den waldigen Horizont des Ammerlandes.
Es klopfte.
»So komm Er halt, Albert«, rief der Baron unwillig.
Die Scharniere gaben ein fast unhörbares Winseln von sich. Von Marain sah sich nicht um. »Es wird wieder nicht regnen«, seufzte er, um mit plötzlichem Ärger anzufügen: »Diese Hitze! Diese elende Hitze!«
»Sehr wohl, Herr Baron.« Der alte Hausdiener stand wie angewachsen auf der Schwelle.
Wieder fühlte von Marain diese grundlose Gereiztheit, an der er seit Tagen litt. Er drehte sich mit einer heftigen Bewegung um und starrte auf die akkurat ausgerichteten Schuhspitzen seines Dieners.
»Albert! Bevor Er mir gleich sagen wird, was er auf dem Herzen hat – gib Er mir doch darauf eine Antwort: Leben wir in einer Republik?«
Die Augen des Alten waren auf die Brust des Barons geheftet. Seine Lippen bewegten sich, als spreche er dessen Worte nach, um sie verstehen zu können.
Der Baron schnaufte ungeduldig.
»Wie … wie meinen der Herr Baron? Ob …«
Dass er den Alten verwirrte, machte von Marain noch zorniger.
»Ich frag Ihn«, fiel er ihm hitzig ins Wort, »ob meine Feststellung korrekt ist, dass wir in einer Republik und nicht mehr im Kaiserreich leben. Und das nicht erst seit gestern, sondern seit nun schon fast einem ganzen Jahrzehnt?! Das ist doch eine ganz einfache Frage! Und die versteht Er nicht?«
Der Blick des Alten folgte dem nervösen Zickzack des Parketts. Unmerklich zuckten seine Finger.
»Gewiss, Herr Baron«, antwortete er schließlich, gefolgt von einem leisen Hüsteln, »aber der Herr Baron wissen doch, dass ich … dass ich mich um politische Sachen nicht bekümmern tu.«
»Aber dass sich etwas geändert hat, ist Ihm bekannt«, bohrte von Marain weiter.
Alberts Augen fixierten das Kinn des Barons. Wenn ihn die Frage verletzt hatte, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.
»Gewiss, Herr Baron.«
Die unerschütterliche Beherrschtheit des Alten machte von Marain schier rasend. »Ah ja? Tatsächlich?« Er reckte das Kinn. »Und wieso gewöhnt Er sich nicht endlich ab, auf jede meiner Bemerkungen mit ›Sehr wohl, Herr Baron‹ zu antworten?«
Bevor der verstörte Diener etwas zu sagen wusste, fuhr von Marain fort. »Ich habe vorhin lediglich festgestellt, dass es auch heute wieder sehr heiß ist. Zu heiß für mein Empfinden, versteht Er? Also ist Sein ›Sehr wohl, Herr Baron‹ auch deshalb schon unangebracht.«
Alberts Lider zuckten.
»Herrgott!«, bellte der Baron unbeherrscht. »Und steh Er bequem! Ist Er schon ausgestopft?«
In diesem Augenblick befiel von Marain ein schlechtes Gewissen. Was erlaubte er sich eigentlich gegen einen Mann, der von den Jahren her sein Vater hätte sein können? Der im jugendlichen Alter Adjutant seines Vaters gewesen war, ein untadeliger, wie der alte Baron nicht müde wurde zu loben? Der nach einem schweren Unfall aber den Militärdienst hatte quittieren müssen und nun der Familie schon seit Jahrzehnten diente? Es war immer Verlass auf Albert gewesen, Kindheit und Jugend ohne ihn unvorstellbar. Von Marain überkam plötzlich ein Gefühl großer Zuneigung. Wieder griff er mit dem Finger zwischen Kragen und Hals. Verlegen suchte er nach Worten.
Albert beendete die lastende Stille. Er nickte wissend. »Die Hitzn, gell?«
»Herrgott noch mal, ja!«, platzte von Marain erleichtert heraus. »Wenns doch endlich etwas abkühlen würde!«
»Kommt schon noch, Herr Baron.« Die Stimme Alberts klang wie immer, ruhig, weise, falsche Aufgeregtheiten dämpfend. Doch jetzt hörte von Marain einen warmen, begütigenden Ton heraus, und ein Bild aus seiner Jugend stieg in ihm auf. Er lächelte schwach. »Meinst?«, fragte er mit leiser Stimme. »Aber wann, Albert, wann? Ich mein manchmal, gar keine Luft mehr zu kriegen.«
Der Alte wies mit dem Kopf aufmunternd nach draußen. »Die Mucken tanzen, unds Feld dampft schon seit ein paar Tag. Der Herr Baron darfs mir ruhig glauben: Es kommt gwiss bald runter.«
Von Marain nickte erleichtert. »Aber – du weißt schon, das ›Sehr wohl, Herr Baron‹ – ich mags halt einfach nicht, das Getue, als könnt ich wunders viel dafür, ein Marain zu sein. Also – damit bremst dich ein bisschen, gell?«
»Ach, der Herr Baron kennen das doch. Die alten Gewohnheiten.«
»Schon, schon.« Von Marain hob den Zeigefinger. »Aber die Aristokratie hat heutzutag nichts mehr zu melden. Heutzutag bestimmt nämlich das Volk, was geschieht.« Es hatte spöttisch klingen sollen.
Doch die Antwort des Dieners kam prompt, beinahe heftig:
»Der Herr Baron dürfen net so reden! Wenn … wenn eine Herrschaft eine gute ist, dann darfs ruhig eine sein!«
Der so Angesprochene versteckte seine Rührung hinter einem Räuspern. »Nein, Albert«, korrigierte er gnädig. »Ein Oben und ein Unten gibt es nicht mehr, und das ist auch richtig so. Aber, schau«, er öffnete fragend die Arme, »wenn schon das Volk sich nicht an die neuen Sitten gewöhnen mag, warum sollen sich dann die daran halten, die ihr Privileg aufgeben müssten?«
Der Alte lächelte entschuldigend.
»Ein altes Gewächs wie ich tut sich halt schwer damit. Und so schlecht waren die alten Zeiten auch wieder net.«
»Na ja, das ›Herr Major‹ hast dir wenigstens schon abgewöhnen können, immerhin. Aber lassen wir das jetzt.«
»Sehr wohl, Herr Baron.«
Von Marain atmete tief durch.
»Also – was gibt es? Wieder irgendeine anonyme Pöbelei?«
»Nein«, log Albert.
»Also, was dann?«
»Das Fräulein aus England …«
»Miss Thomson? Hat sie wieder angerufen?«
Albert bejahte.
»Wann? Warum hast du mich nicht gerufen?«
»Vor gut einer halben Stund. Der Herr Baron sind unten beim Weiher gewesen.«
»Hat sie gesagt, was sie will? Was will eine Journalistin aus England von mir, Albert?«
Albert schüttelte den Kopf. »Sie wollts dem Herrn Baron selber erklären, hats gemeint.«
Von Marains Blick glitt über das zerknitterte Gesicht des Alten. Er drehte sich wieder zum Fenster.
Er hatte eine Ahnung. Aber war es wirklich möglich, dass dieser Anruf mit den Aufregungen der letzten Wochen zusammenhing? Mit dem Streit, den er mit einigen seiner ehemaligen Regimentskollegen hatte?
Man hatte ihn um etwas gebeten, dessen vorgebliche Bedeutung ihm nicht einleuchten wollte. Es ging dabei um einen ehemaligen Soldaten seines Regiments, der sich offenbar in eine peinliche Lage manövriert hatte und an den er sich nur schwach als einen von Unsicherheit geplagten, unangenehm beflissenen Sonderling erinnern konnte. Als er seinen Namen zum ersten Mal in einer Schlagzeile las, war er zunächst von einer zufälligen Namensgleichheit ausgegangen, bis er eines Besseren belehrt wurde. Was da über ihn geschrieben stand, hatte dem Baron nicht behagt. Der Mann schien zu gefährlichen Narreteien zu neigen. Deshalb, und auch, weil ihn das Ansinnen seiner ehemaligen Kameraden mehr als befremdete, hatte er abgelehnt, etwas für ihn zu tun. Zu nichtig war der Anlass, als dass er dafür seine Prinzipien zu opfern bereit gewesen wäre.
Gewiss, es hatte eine überraschend heftige Auseinandersetzung gegeben. Aber warum sollte sich jemand aus dem Ausland dafür interessieren? Außerdem handelte es sich dabei um eine interne Angelegenheit unter – jawohl, noch immer – Kameraden. Die Wogen würden sich irgendwann glätten. Nein, nicht irgendwann. Schon heute Abend war er zu einer Feier seines ehemaligen Regiments geladen. Großzügig hatte man ihm Abholung und Heimfahrt zugesagt, als er mit Hinweis auf seine angegriffenen Nerven und das Alter Alberts, der ihn früher chauffiert hatte, gezögert hatte.
War das nicht ein Zeichen dafür, dass man zur Einsicht gekommen war? Und überhaupt – würde sich jemand anmaßen, seine Entscheidung nicht zu respektieren? Die Entscheidung eines Aloys von Marain, des ehemals stellvertretenden Regimentskommandeurs? Des Sohnes von General Maximilian von Marain? Des Enkels des Helden von Balan, Carl von Marain, sowie des Urenkels von …?
Aber vor allem ging es niemanden etwas an. Schon gar nicht das Ausland.
»Albert – sag der Dame beim nächsten Mal, ich stünde nicht zur Verfügung. Weil – ach was. Sag ihr meinetwegen, dass ich derzeit etwas … außer Form bin. Ist ja nicht gelogen.«
Der Diener machte einen Bückling. »Sehr wohl, Herr Baron.«
»Gut, Albert.« Von Marain warf einen Blick auf die Standuhr. Der Wagen müsste bald eintreffen. »Wenn das alles ist, lässt mich jetzt bitt schön noch einen Moment allein, ja?«
Der alte Diener zog die Tür hinter sich zu. Der Baron lauschte den sich langsam entfernenden Schritten und wandte sich wieder zum Fenster.
Die Dämmerung hatte eingesetzt. Der Himmel über dem Alpenvorland hatte die Farbe geflammten Metalls angenommen. Der Blick des Barons strich über die Wipfel der Bäume, die den Park des Marainschen Gutes umgaben. Reglos standen sie vor dem violetten Riss des Gebirges, dessen schartige Kuppen noch im Widerschein des versinkenden Tages glühten.
Der Baron war nicht erstaunt über die Melancholie, die in solchen Stunden oft von ihm Besitz ergriff. Er gestattete sich den Luxus dieses Gefühls. Obwohl noch keine Fünfzig, fühlte er sich plötzlich alt. Wieder hatte er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Er ließ sich in den Lehnstuhl fallen, griff nach dem Weinglas, hielt es in Höhe seiner Augen und betrachtete es gegen das Licht des vergehenden Tages. Der Merlot glomm dunkel. Er schwenkte das Glas leicht. Die Flüssigkeit kreiste träge. Er nahm einen Schluck. Sein Gaumen fühlte sich taub an.
Der Baron wollte die Hand wieder senken, als er etwas Eigenartiges bemerkte. Verdutzt starrte er in das noch zur Hälfte gefüllte Glas. Was zuvor ölig schimmerndes Rund gewesen war, hatte sich in fiebriges Blinken gewandelt. Im gleichen Augenblick stellte er fest, dass sein Handrücken nass geworden war. Überrascht setzte der Baron das Glas ab. Jetzt bemerkte er, dass seine Hand heftig zu zittern begonnen hatte. Mit einem Schlag, und begleitet von einem plötzlich einsetzenden Hämmern in der Brust, erkannte er, dass er Angst hatte.
In den vergangenen Wochen hatte er immer wieder die Möglichkeit erwogen, dass man seine Entscheidung doch nicht hinnehmen würde. Die unverschämte, fordernde Direktheit, mit der man in ihn gedrungen war, um diese – jawohl, höchst unappetitliche! – Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, hatte ihn beunruhigt.
Hatten sich die Mitglieder des ehemaligen Regimentsstabs darauf beschränkt, ihm ins Gewissen zu reden, er möge doch an die Folgen denken, die sein durchaus höchst ehrenhaftes, doch leider auch stures Festhalten am traditionellen Commens haben könnte, so war ihm von anderer Seite unmissverständlich gedroht worden. Von wem, hatte er nicht herausfinden können. Gekränkt hatten seine Gesprächspartner jeden Verdacht zurückgewiesen. Nie würde man sich derartig degoutanter Mittel bedienen.
Degoutant?! Der Baron war außer sich gewesen. Degoutant nennen Sie es, wenn mir mit Mord gedroht wird?
Blicke waren gewechselt worden. Der Baron möge sich beruhigen. Pöbelei sei das, nichts weiter, und jeder weitere Gedanke daran Zeitvergeudung. Aber er möge es als ernstes Zeichen dafür nehmen, auf wie viel Unverständnis seine Haltung auch bei schlichteren Gemütern stieß. Leider verrohten die Sitten zunehmend, und immer schwerer werde es heutzutage, den Plebs noch unter Kontrolle zu halten.
Aloys von Marain hatte die Möglichkeit, dass man gegen ihn tätlich werden könnte, damals verächtlich abgetan, wobei ihn das Gefühl einer gewissen Männlichkeit durchströmt hatte. Der Gedanke an den Tod beunruhigte ihn nicht, hatte es nie getan. Er hatte gelernt, damit umzugehen, und behauptete von sich, nie ein Feigling gewesen zu sein. Er war sich sicher gewesen, dass es seinen Gegnern nie gelingen würde, ihn einzuschüchtern.
Doch jetzt ahnte er, dass dies alles weder mit Mut noch mit Vernunft zu tun hatte. Sondern allein damit, dass es ihm, dem seit früher Jugend an Disziplin und Gehorsam gewohnten Offizier, von jeher an Fantasie gemangelt hatte. Vor allem an der, sich vorzustellen, dass er bald nicht mehr am Leben sein könnte.
Sein Puls jagte mit einem Mal. Er saß starr. Durch sein Gehirn taumelten Gedanken.
Sie werden es nicht tun. Es gäbe einen ungeheuren Skandal. Es wäre ihr Untergang.
Und wenn ihnen die Vernunft fehlt, das vorauszusehen?, widersprach etwas in ihm. Denkt das Raubtier, wenn es mordet, an seinen Untergang?
Er presste seine Hände gegen die Schläfen.
Oberleutnant Aloys von Marain! Sie lassen sich ins Bockshorn jagen? – Offensive!
Mit einem Ruck erhob er sich, eilte zu seinem Schreibtisch, riss an der Schublade seines Sekretärs, entnahm ihr eine Pistole und überprüfte das Magazin.
Es war leer. Er wiegte die Waffe in seiner Hand.
Lächerliche Hirngespinste! Was war bloß in ihn gefahren?
Heute Abend würde die Sache geregelt werden, wie es sich unter Offizieren gehörte.
Er legte die Waffe wieder zurück.
Von draußen drang das Geräusch eines Automobils herein. Der Motor erstarb. Gedämpft erklang die Türglocke. In der Halle wurden Worte gewechselt. Kurze Zeit später klopfte es.
»Ihr Besuch, Herr Baron«, sagte Albert. Er trat zur Seite.
»Ich komme, Albert.«
»Grüß Gott, Herr Major.« Ein kräftiger, breitgesichtiger Mann, dessen kurz geschorenes Haar an seinem runden Schädel zu kleben schien, schritt forsch herein. Sein Begleiter blieb auf der Schwelle stehen. Der Kräftige hob die Hand zu einem angedeuteten militärischen Gruß. Der Baron winkte ab.
»Ich bin bekanntlich seit einigen Jahren Zivilist. Also lassen wir das, ja?«
Er erntete ein gleichmütiges Achselzucken.
»Wies möchten.«
»Albert?«
»Herr Baron?«
»Die Herren chauffieren mich freundlicherweise zur Feier unseres Regiments.«
»Aber ich könnt doch auch den Herrn Baron …«
»Nein, Albert. Das will ich dir nicht mehr zumuten. Ich werde gegen Mitternacht zurück sein. Den Mantel bitte.«
Der zweite Besucher, ein jüngerer Mann mit blau schimmernden, glatten Wangen und dünnen Lippen, ließ seine Blicke durch den Raum schweifen. Er nickte anerkennend.
»Schön haben Sies. Respekt.«
Der Baron antwortete nicht. Der Alte stand hinter ihm, den Mantel bereits in der Hand.
Der Kräftige rieb seinen Handrücken.
»Entschuldigens, Herr – ah, Baron. Ich mein, ich will ja nicht … aber wenn ich anmerken dürft …«
»Ja?«, kam es eisig zurück.
»Ich glaube, man wünscht … also, entschuldigens …«
»Ich verzichte auf Belehrung«, fuhr ihn der Baron an. »Ob ich Uniform und Ehrenwaffe anlege, ist allein meine Entscheidung. – Albert? Bitte!«
Der Baron schlüpfte in die Ärmel.
»Tuns Obacht geben, Herr Baron«, flüsterte der Diener. Von Marain fühlte die knotigen Hände des Alten an seiner Schulter. Mit einem Ruck löste er sich.
»Ich bin bereit.«
Die beiden Männer gingen zum Eingangstor. Der Baron zögerte in plötzlichem Widerwillen. Er war für einen Augenblick unsicher, ob er sich nicht überrumpelt fühlen sollte. Doch dann folgte er den Vorausgehenden.
»Man freut sich schon drauf, dass kommen«, sagte der Kräftige, während er die Tür zum Fond der dunklen Adler-Limousine mit lässigem Schwung öffnete und ins Innere wies: »Gibt gwiss eine schöne Feier, werdens sehn.«
Der Baron nahm Platz. Der Kräftige umrundete den Wagen und ließ sich ächzend neben ihn in die Polster fallen.
»Fahr zu, Edi«, befahl er. »Schlaf nicht ein.«
Der junge Mann zündete den Motor. Der Wagen verließ den Vorplatz und rollte die Auffahrtsallee entlang, über die sich die schwer belaubten Äste alter Platanen neigten. Nach wenigen Minuten bog er auf die Landstraße nach München ein.
»Mach gefälligst die Lampen an, Edi«, sagte der Kräftige, unvermittelt grob. »Bist selber nicht so ein Licht, dass wir drauf verzichten könnten.«
Der Fahrer grunzte eine unverständliche Antwort. Das Licht fraß sich in das dunkelnde Land. Obwohl sie sich längst auf freier Strecke befanden, war kein Himmel mehr zu sehen.
Nach einer Weile des Schweigens wandte sich der Kräftige an den Baron: »Und Sie, Herr Baron? Haben Sie sich die Sach noch mal durch den Kopf gehen lassen?«
Aloys von Marain fühlte den lauernden Blick seines Begleiters. Für Sekunden bäumte sich Empörung in ihm auf.
»Ich werde das zu gegebener Zeit dem mitteilen, den es etwas angeht. In Ordnung?«
»Nein.« Der Kräftige seufzte. »Es wär besser für Sie, wenn Sies uns jetzt sagen.«
»Sind Sie sicher, dass Sie den richtigen Ton gewählt haben?«, brauste der Baron auf. »Und würden Sie einen Augenblick darüber nachdenken, mit wem Sie eigentlich reden? Wenn ich vorhin sagte, dass ich Zivilist bin, dann heißt das noch lange nicht, dass man mit mir wie im Hofbräuhaus redet!«
»Hab ich was Verkehrts gsagt?« Der Kräftige tat unschuldig. »Freilich weiß ich, wer Sie sind. Aber auf der andern Seite – schauns, wer da vor ein paar Jahr noch eine eingebildete Herrschaft oder ein stellvertretender Regimentskommandeur gewesen ist, der zählt heut nicht mehr als irgendein anderer vertrottelter Privatier. Is eine Schand, gwiss. Abers is halt die neue Zeit, net wahr?«
Der Baron war verblüfft. Noch nie hatte jemand gewagt, so mit ihm zu sprechen. Wie kam man dazu, ihm ein derart ungehobeltes Pack als Eskorte zuzumuten? Er saß stocksteif. Seine Kiefer mahlten. »Kehren Sie um«, sagte er gepresst, »ich … ich verzichte auf Ihre Dienste.«
»Jetzt sinds nicht gleich beleidigt.« Der Kräftige beugte sich vor und suchte den Blick des Barons.
Von Marain versuchte vergeblich, einen Befehlston in seine Stimme zu legen.
»Kehren Sie um, sagte ich!«
»Das ist uns leider nicht erlaubt«, erklärte der Kräftige kühl. »Wir haben einen Befehl.«
Der Fahrer wandte ihm sein Gesicht zu.
»Bockt er, oder was?«
»Hat dich einer danach gefragt? Wie redst du überhaupt mit dem Herrn Major?«, gab der Kräftige zurück. »Halt dein Schnabel und schau gefälligst auf die Straß!« Er wandte sich wieder an von Marain.
»Keinen Anstand hats mehr, diese Bagasch, was? Aber ich sags ja: Das sind die neuen Zeiten.«
Der Baron hörte nur noch das Hämmern seines Herzens. Er war wie gelähmt. So leicht gelang es also, ihn in eine Falle zu locken?
Ein heftiger Stoß, von einem Ächzen der Federung begleitet, hob die Männer nach oben. Ihre Schultern berührten sich.
Der Kräftige grinste hämisch. »Aber ein paar Dinge bleiben trotzdem, stimmts, Herr Major? Gefahren wird noch immer wie ein Rossknecht!«
»Weil das auch noch eine Straß ist!«, maulte der Fahrer. »Ein Loch nach dem anderen.«
Der Kräftige winkte gelangweilt ab. Der Baron starrte nach draußen. Sie passierten einen kleinen Ort. Die Fenster des Gasthauses waren hell erleuchtet. Wieder drehte der Kräftige sein Gesicht zu von Marain.
»Also, Herr Baron? Was haben Wir vor?« Der Baron, noch immer wie betäubt, presste die Lippen aufeinander.
»Was is? Redens nimmer mit mir? – Na, von mir aus. Dann frag ich anders rum: Wissens denn, was man von Ihnen erwart?«
Der Baron atmete flach. »Ich weiß, was ich von mir erwarte«, flüsterte er.
»Hab mirs schon denkt«, seufzte der Kräftige. »Ich glaube, das langt uns. – Edi?«
Der Wagen nahm eine scharfe Rechtskurve. Von Marain stemmte sich gegen die Rückenlehne, um nicht gegen seinen Nebenmann zu kippen. Der Fahrer schaltete herunter. Der Motor heulte auf. Schotter prasselte gegen den Wagenboden.
Der Baron kniff die Augen zusammen.
»Wohin fahren Sie?«, rief er beunruhigt, »das war doch die Abzweigung zur Münchner Straße!«
»Was Er nicht sagt«, meinte der Fahrer, ohne sich umzudrehen.
»Fahren Sie mich sofort zurück!«, schrie der Baron und erkannte seine eigene Stimme nicht mehr.
Aloys von Marain wusste nun, was ihm zum Verhängnis werden würde: Nie hatte er gelernt, das Gefühl der Angst zuzulassen – jenes Gefühl, welches ihn davor gewarnt hätte, dass er einem Feind gegenüberstand, dem er längst nicht mehr gewachsen war. Im Krieg, da hatte es Bedrohung und Tod gegeben, aber auch Regeln. Was indes jetzt geschah, hatte damit nichts mehr zu tun. Seine Gegner kannten kein Reglement mehr, sie agierten frech und mit nie gekannter Rücksichtslosigkeit.
Ein Rauschen wuchs in den Ohren des Barons. Seine Panik wurde größer. Mit der Rechten tastete er verstohlen nach dem Türgriff.
»So sinds doch gscheit, Baron.« Die Stimme des Kräftigen klang, als spreche er zu einem unvernünftigen Kind.
»Jetzt aussteigen. Könntens Ihnen ja glatt den Hals brechen.«
Erst jetzt bemerkte der Baron, dass die Rechte seines Mitfahrers schon seit Beginn der Fahrt in seiner Manteltasche ruhte.
»Meine Liebe …«
Donald S. Baines stockte und legte den Füller zur Seite. Es fiel ihm von Mal zu Mal schwerer, mit der Hand zu schreiben. Zu sehr hatte er sich bereits an die Schreibmaschine gewöhnt. Er war stolz auf seine Schrift gewesen. Ausgeglichen, in schönen, klaren Linien war sie aus seiner Hand auf das Papier geflossen. Doch jetzt zerfiel sie in einzelne nervöse Krakel, von denen der eine gerade, der andere nach links, der dritte nach rechts driftete. Begann er eine Zeile mit schwungvollen Unterlängen, so schrumpften diese bald zu mickriger Ausfransung, auch sein Gespür für die Zeilengerade war geschwunden.
Dennoch wollte er mit seiner Frau nicht per Maschine korrespondieren. Es hätte nicht seinem Gefühl entsprochen, das er noch immer für sie hegte.
Doch womit sollte er beginnen? Noch vor wenigen Stunden waren ihm die Worte, die er ihr sagen wollte, so klar gewesen!
Donald S. Baines war, daran glaubte er zumindest, kein Mann, der an wechselnden Stimmungen litt. Dennoch musste er sich eingestehen, dass er sich alles andere als wohl fühlte. Er war aufgekratzt und erschöpft zugleich, ziellos kreisten seine Gedanken, doch nichts darin wollte sich verknüpfen, zu einem Ende kommen, sich lösen.
Lag es an der gedämpften, etwas gezwungen vornehmen Atmosphäre der Pension, in der er sich eingemietet hatte? Er war bereits einmal in München gewesen. Doch wenn er sich jetzt an diesen ersten Besuch im Frühsommer des Jahres 1925 erinnerte, so konnte er sich nur noch schwer vorstellen, dass ihn diese Stadt damals geradezu betört hatte. Es war ihm schwer gefallen, Worte für den Zauber zu finden, dem er verfallen war. Es musste, so hatte er schließlich herausgefunden, mit dem Geruch dieser Stadt zu tun haben, und er hatte sich an frühere Reisen erinnert. Boston etwa roch nach gemahlenem Kaffee und Rauch, in New York mischten sich halbfauliger Hafengeruch und die Abgestandenheit alter, kellerfeuchter Backsteingebäude mit dem Geruch von erhitztem Metall und elektrischen Motoren. Unter dem Nebel Londons wiederum schwebte der Brodem ätzenden Braunkohlerauches in den Gassen, durchsetzt vom Bittergeschmack schwarzen Bieres und der Süße orientalischen Tabaks. Wenn ihm der Geruch feuchten Sägemehls in die Nase stieg, dann dachte er sofort an Paris, an die abgestorbene Luft und den verbrauchten Sauerstoff dieser Stadt, an Millionen erschöpfter Menschen, aber auch an eine unvergleichliche Mischung köstlicher und zugleich verdorbener Düfte.
Durch die Straßen Münchens dagegen – so hatte er es damals empfunden – schwebte ein feiner, fast geruchloser und dennoch erregender Duft, der etwas von der perlenden Stimulanz der kräftigen Alpenluft in sich hatte. Wenn von einem stahlblauen, klaren Himmel die Sonne brannte, war es ihm eine Lust gewesen, tief durchzuatmen, die vor Hitze knisternde Luft in sich hineinzuziehen, als söffe er sich an gewaltigen Strömen von Sonnenkraft satt.
Was ihn dazu verleitetet hatte, die Stadt wie eine Art deutsches Himmelreich zu empfinden, hatte er sich nicht erklären können. Ihre Gebäude hatten nichts vom verwunschenen Reiz gotischer Architektur, und nichts verführte zu verblasenen romantischen Träumen. Die Fassaden der Innenstadt zitierten, wo nicht noch die anheimelnde Kunstlosigkeit des späten Mittelalters zu erspüren war, Klassizismus und Barock, deren Leichtigkeit die Wucht einzelner wilhelminischer Gebäude und deplatzierter althellenischer Tempel mühelos in die Schranken wies.
Eine behäbige, gutmütige Solidität, durchsetzt von Spuren einer gewissen Schwerblütigkeit, ging von der Stadt und ihren Menschen aus.
Baines war mit diesen Eindrücken nicht allein gewesen. Wem immer er erzählte, dass er München besuchen würde – er hatte stets ein Himmeln und Seufzen geerntet, als spreche er vom Paradies.
Doch jetzt war irgendetwas anders. Etwas schien aus dem Gleichgewicht.
Vielleicht war es nur er selbst?
Er hatte damals in derselben Pension in der Hildegardstraße gewohnt. Man hatte sich an ihn erinnert und ihn etwas wärmer willkommen geheißen, als vermutlich üblich war. Obwohl ihm sofort wieder die Bilder glücklicher Tage aufstiegen, hatte er doch gleich gefühlt, dass sich etwas verändert hatte. Eine leichte Schäbigkeit hatte sich über Räume und Mobiliar gelegt, die mit der umso angestrengteren Vornehmheit und höflichen Zurückhaltung, die Besitzer und Gäste pflegten, nicht übereinstimmen wollte.
Frau Eisenschitz, die Pensionsinhaberin, war noch immer die ergraute, würdevolle Matrone mit schwerem, zu einer ausladenden Hochfrisur gestecktem Haar. Wie früher war sie noch immer angenehm entgegenkommend, markierte jetzt aber mit jeder Äußerung eine zwar freundliche, doch deutlich fühlbare Distanz, deren Überschreitung sie mit eisiger Höflichkeit strafte.
Am herzlichsten war das Wiedersehn mit Silvester gewesen. Er war der jüngere, sich etwas einfältig gebende Bruder der Inhaberin, der von dieser fürsorglich bekocht wurde, weshalb ihm kein Grund eingeleuchtet hätte, sich nach einer Ehefrau umzusehen.
Das hatte ihm damals erlaubt, Baines einige Geheimnisse Münchens zu zeigen – Lokale, die nur von Einheimischen frequentiert wurden, Aufführungen des Volkstheaters, Nachtvorstellungen in den Kammerspielen in der Augustenstraße, in denen Komiker ihre grotesken Späße machten, kleine Cafés, in denen Nachtschwärmer und Marktleute bis in die Morgenstunden zechten, verschwiegene Zugänge zur Residenz und zur alten Kaiserburg, aber auch die ausgelassenen Hinterhoffeste der Bewohner der neuen Genossenschaftsquartiere des Westend, zu denen sich sonst nie ein Tourist verirrte.
Silvester war von herzensguter Gemütlichkeit gewesen und schien auch jetzt noch am wenigsten von der flüsternd-zurückhaltenden Steifheit angekränkelt zu sein, die in der Pension Einzug gehalten hatte. Aber sein Gesicht war hagerer geworden, was die alten Narben, die es seit dem Krieg verunzierten, deutlicher hervortreten ließ. Er wirkte einsam, und der fadenscheinige Anzug, den er trug, verstärkte diesen Eindruck noch. Baines hatte ihm vorgeschlagen, irgendwann in den nächsten Tagen eines der Lokale zu besuchen, in dem sie sich damals wohl gefühlt hatten. Silvester hatte sofort zugestimmt, doch seine früher so überschäumende Freude wirkte etwas gedämpft.
Baines schob sich vom Tisch, stand auf und ging zum Fenster. Er zog den welken Store einige Zentimeter zurück und sah hinaus. Es hatte ihn berührt, dass ihm dasselbe Zimmer wie früher zugeteilt worden war. Das Fenster führte zum Inneren des Straßengevierts. Die einzelnen Höfe waren durch übermannshohe Mauern abgeteilt. Wie einst standen Rücken an Rücken Schuppen und Waschküchen, kleine Werkstätten und einstöckige Wohnhäuser. Schwach erinnerte sich Baines daran, dass ihm Silvester einmal berichtet hatte, im Rückgebäude des Nebenhauses sei ein zwar freundlicher, aber etwas seltsam und geheimnisvoll wirkender Mensch eingezogen, dessen Türschild davon kündete, dass er hier seine Auskunftei installieren wollte. Silvester hatte das »ein bissl gspaßig« gefunden. Nach seiner Meinung hatte der Zuzügler so gar nichts von einem der berühmten Detektive aus den Pinkerton-Geschichten an sich, und er hatte sich vorgenommen, sich einmal bei der Frau Süssmeier vom Vorderhaus nach ihm zu erkundigen.
Baines hob seinen Blick über die Dächer, über denen der Himmel wie ein ausgebleichtes Tuch hing. In der Ferne verschwammen die Konturen von Giebeln und Kaminen in milchigem Dunst. Er fand nichts, was sich geändert hätte.
Wenn jetzt alles andere bedrückende Empfindungen auslöste – spiegelte es womöglich nur seine eigene Situation wider, seine Erschöpfung, seine Überreiztheit? Damals hatte er vor Unbeschwertheit und Zuversicht gestrotzt.
Agenturen und Redaktionen hatten sich um seine Mitarbeit gerissen, seine Berichte aus dem nachrevolutionären Deutschland wurden in allen namhaften Blättern der modernen Welt veröffentlicht.
Doch jetzt – hatte er den Höhepunkt seiner Karriere bereits überschritten, ohne es bemerkt zu haben? Oder lag es doch an der stumpfen und drückenden Luft, die ihn empfangen und die ihm schon nach wenigen Schritten den Atem genommen hatte? An diesem diesig verhangenen Himmel, der wie ein dichtes Gewebe über München lastete und die Stadt zu ersticken schien?
Baines schloss die Augen und versuchte, tief einzuatmen.
Er dachte an den Himmel über Lloret de Mar, einem verschlafenen katalanischen Fischerdorf, das sie entdeckt hatten, an das Haus an der halbmondförmigen Bucht, an die stete kühle und salzige Brise. Louisa und er hatten Geld gespart, um sich dieses – wie sie es nannten – Sabbatjahr leisten zu können. Das Haus war zu einem lächerlich niedrigen Preis zu mieten gewesen, und mit einer Hand voll Pfund waren sie gut über die Runden gekommen, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Sie hatten nicht mehr an die Arbeit gedacht, waren täglich, noch bis in den Dezember hinein, im Meer schwimmen gewesen, waren zu den Ausläufern der Pyrenäen gewandert, vorbei an Olivenhainen und Korkeichenwäldern und den kühlen weißen Mauern der Bauernhäuser. Sie hatten endlich Zeit gehabt, sich kennen zu lernen, hatten sich und die Farben des Frühlings genossen, das Olivgrün der Hügel, das Blau des Meeres im Frühling. Nur einige Wochen waren nötig gewesen, um Louisa und ihn aufeinander einzustimmen, noch nie hatte es eine Zeit gegeben, in der sie sich so nahe gewesen waren. Dieses Jahr …
Baines ahnte, dass er sich wieder dem Grund seines Unglücks bedrohlich zu nähern begann. Seine Augen wurden feucht.
Ja! Dieses Jahr war nichts als ein einziges, köstliches Fest gewesen! Und es hätte alles noch länger dauern sollen, dürfen, müssen, wäre da nicht dieser unerwartete Kursverfall eingetreten, der ihre Ersparnisse mit einem Schlag reduziert hatte.
Baines hatte sich zuvor keine Sorgen gemacht, nach diesem Freijahr wieder Arbeit als Journalist zu bekommen. Er wusste, dass er einen hervorragenden Namen unter den internationalen Korrespondenten hatte. Nun aber drängte die Zeit. Er konnte nicht mehr in Ruhe das beste Angebot auswählen. So hatte er sich für das Berliner Büro der »Daily Tribune« entschieden, in der Hoffnung, sie bald wieder verlassen zu können. Er schätzte dieses Blatt nicht besonders – ein alberner, großmäuliger Nationalstolz wurde in ihm zelebriert, es hatte einen unangenehm marktschreierischen, falsch volksnahen Ton, die Schreibe war mittelmäßig und mit gequältem, witzlosen Humor garniert. Und als hätte es mit seiner vermutlich nicht zu übersehenden Reserviertheit zu tun, hatte Baines eine unerfreuliche, nervöse Stimmung unter den Mitarbeitern vorgefunden. Da ihm aber sein Ruf vorausgeeilt war und der Verlagseigner Lord Rothermore dem Leiter seines Berliner Büros zu Baines’ Einstellung sogar gratuliert hatte, begegnete man ihm mit Respekt. Es war ihm egal, ob dieser nur gespielt war. Insgeheim hatte er längst begonnen, Kontakte mit anderen Blättern aufzunehmen.
Dann aber hatte der Lord aus London gekabelt: MEET HERR HITLER COMING MAN OF GERMAN POLITICS APPROVAL GIVEN EXPECT RESULTS IN TWO WEEKS. Den Befehlston möge er dem Alten nicht übel nehmen, hatte ihn der Büroleiter zu beschwichtigen versucht, dieser rühre von dessen militärischer, nach eigener Einschätzung höchst ruhmreicher Vergangenheit. Auf Baines’ Verwunderung darüber, dass das Treffen offensichtlich von London aus arrangiert worden war, hatte er ergänzt, dass der Alte eben einen Narren an diesem »Herrn Hitler« gefressen habe – womit er im Übrigen auf der Insel durchaus nicht alleine sei.
Was das bedeute, hatte Baines wissen wollen. Etwas in seinem Ton musste den Büroleiter verstimmt haben.
»Dreimal dürfen Sie raten, Don. Sie sollen ja nicht auf den Kopf gefallen sein.«
Baines wiegelte ab. Er hatte keine Lust zu streiten. »Ich bin eben nicht gewohnt, dass man mir vorschreibt, wer mir zu gefallen hat. Vielleicht tut es dieser Hitler, vielleicht aber auch nicht.«
»Jedenfalls ist er zur ausländischen Presse von ausgesuchter Höflichkeit. Und vergessen Sie nicht – er ist Österreicher.«
»Er wird mir die Hand küssen.«
Der Büroleiter hatte verkniffen gegrinst. »Seien Sie doch einfach einmal offen für Neues, Don.«
»Von dem der Lord aber bereits weiß, wie es auszusehen hat.«
»Freut mich, dass wir uns verstehen, Don.«
»Da bin ich mir nicht so sicher. Dieser Mann steht schließlich für gewisse Tendenzen.«
»Sie meinen seine Abneigung gegen die Juden?«
»Abneigung? Hören Sie mal!«
»Nein, Sie hören, Don! Das mit seinem Hass auf die Juden ist etwas, was zwischen Marotte und Pragmatismus einzuschätzen ist. Glauben Sie mir: Der Mann ist clever, und genauso clever, wie er im Augenblick die Abneigung gegen die Juden einsetzt, genauso schnell wird er sich mit ihnen arrangieren. Die Deutschen haben dafür ein Sprichwort: Nichts wird so heiß gegessen …«
»Ich kenne es. Aber – das sagen Sie, obwohl Sie selbst …«
»Es ist doch völlig unwichtig, woher man kommt! Ich jedenfalls habe mit religiösem Brimborium nichts am Hut, das dürfte Ihnen bereits aufgefallen sein. Ich bin ein Mann der Vernunft. Etwas, was ich Ihnen übrigens auch empfehlen würde, und zwar dringend. Fangen Sie also jetzt nicht damit an, Moral in der Politik einzufordern. Hängt dieses idealistische Gefasel mit Ihrer deutschen Mutter zusammen? Dann würde mich nichts wundern. Der Idealismus nämlich ist eine Erbkrankheit der Deutschen.«
»Die Vernunft, die Sie einfordern, sagt uns aber auch, dass sein politisches Programm sich eindeutig gegen die Siegermächte richtet. Und damit auch gegen England.«
»Nun, das können Sie gleich in aller Dezentheit bei ihm ausloten, nicht wahr? Im Übrigen sollte Ihnen zu denken geben, dass Lord Rothermore dies offensichtlich anders sieht. Was hielten Sie davon, sich einfach einen Reim drauf zu machen?«
»Aber …«
»Lieber Don, jetzt hören Sie mir einmal gut zu. Sie fangen an, mir auf die Nerven zu gehen. Wenn Sie lieber für ein anderes Blatt schreiben wollen, dann können Sie das gerne tun. Die Zeit der Leibeigenschaft ist schließlich vorbei, nicht wahr?«