Über das Buch:
Kelly Warren, eine begabte Illustratorin, hat Zweifel am vermeintlichen Selbstmord ihres Vaters. Sie bittet Detective Cole Taylor, den Todesfall unter die Lupe zu nehmen. Tatsächlich entdeckt Cole bei seinen Nachforschungen eine Ungereimtheit nach der anderen. Unterdessen erleidet Kelly einen mysteriösen, beinahe tödlichen Allergieschock. Und das ist erst der Anfang. Irgendjemand scheint es auf sie abgesehen zu haben.
Wird es Cole und seinem Team gelingen, die Puzzlestücke zusammenzusetzen, bevor es für Kelly zu spät ist?

Über die Autorin:
Irene Hannon studierte Psychologie und Journalistik. Sie kündigte ihren Job bei einem Weltunternehmen, um sich dem Schreiben zu widmen. In ihrer Freizeit spielt sie in Gemeindemusicals mit und unternimmt Reisen. Die Bestsellerautorin lebt mit ihrem Mann in Missouri.

Kapitel 7

In den darauffolgenden beiden Tagen hielt ihn der Fall einer vermissten Person auf Trab, aber am Freitagnachmittag hatte Cole eine Gelegenheit, sich mit der Technikabteilung in Verbindung zu setzen und die Nummer weiterzugeben, die Kelly gefunden hatte. Eine Leitung zu identifizieren, die vielleicht seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr in Betrieb war, würde schwierig sein, sagte man ihm. Über einen Zeitraum von vier oder fünf Jahren hinweg war das normalerweise kein Problem. Doch wenn die Telefongesellschaft noch existierte, konnten sie die Nummer zurückverfolgen. In der Zwischenzeit hatte er vor, einen genaueren Blick in den Bericht des Gerichtsmediziners über John Warren zu werfen. Nach seinem ersten Treffen mit Kelly hatte er sich auf die Zusammenfassung und die Todesursache konzentriert und die Einzelheiten nur überflogen. Die logischen Schlussfolgerungen hatten eine detailliertere Untersuchung nicht nötig erscheinen lassen.

Aber angesichts all dessen, was geschehen war, beschloss er, Kellys Beispiel zu folgen und bei diesem Fall alles genau unter die Lupe zu nehmen.

Er lud sich den Obduktionsbericht herunter, beugte sich vor und las. Er hatte oft genug einer Autopsie beigewohnt, um die Terminologie zu verstehen und zu wissen, dass die Befunde über Leichenstarre und Totenflecke mit Alans Schlussfolgerungen übereinstimmten. Aber eine kleine Bemerkung in der Beschreibung des Äußeren fiel ihm auf.

John Warren hatte eine kleine runde Narbe auf der linken Seite des unteren Rückens gehabt.

Rund.

Was verursachte eine runde Narbe?

Eine Kugel?

Außerdem hatte Kellys Vater noch eine acht Zentimeter lange Narbe am linken Unterbauch.

Bestand zwischen den beiden Narben ein Zusammenhang?

Cole behielt diese Fragen im Hinterkopf und widmete sich den Ergebnissen der inneren Untersuchung.

Der Lungenkrebs war erwähnt, aber ansonsten fiel ihm nichts auf, bis er zum Magen-Darm-Trakt kam. Dort hatte der Pathologe alte Schädigungen des Dickdarms auf der linken Seite festgestellt.

Hatten diese Verletzungen etwas mit den Narben zu tun?

Er las den Rest des Berichts, darunter auch die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung, die das Vorhandensein von Ethanol und Schmerzmitteln konstatierten. Das passte zu dem Bier und den Tabletten, die bei der Leiche und im Haus gefunden worden waren.

Er trommelte mit den Fingern auf dem Schreibtisch und scrollte auf der Seite weiter nach unten. Dale Matthews hatte die Untersuchung vorgenommen. Ein kluger Kopf. Jemand mit Intuition, der sehr genau und gründlich arbeitete. Cole war bei einigen seiner Autopsien anwesend gewesen, und die kombinatorischen Fähigkeiten des Mannes hatten ihn beeindruckt. Matthews spontane Bemerkungen waren natürlich nicht Teil des Berichts. Bei einer Obduktion ging es um Fakten, nicht um Mutmaßungen. Aber Matthew hatte einen gesunden Menschenverstand und Erfahrung, und Cole wollte wissen, was er von den Narben und dem verletzten Darm hielt.

Obwohl die Chance, den Mann gleich beim ersten Versuch an die Leitung zu kriegen, gering war, wählte Cole die Nummer des Mediziners.

Überrascht stellte er fest, dass er Matthews in seinem Büro angetroffen hatte. Der Pathologe öffnete den Autopsiebericht, während Cole ihm eine Zusammenfassung des Falles lieferte.

„Ach ja … ich überfliege den Bericht gerade. An den kann ich mich erinnern. So viele Tode durch Kohlenmonoxidvergiftung bekomme ich nicht rein. Was willst du wissen?“

„Du hast eine runde Narbe am Rücken des Opfers festgestellt und eine längliche vorne am Unterleib. Und du hast auf Schädigungen am Dickdarm hingewiesen. Glaubst du, die drei Befunde könnten zusammenhängen? Inoffiziell gesprochen.“

„Davon würde ich ausgehen. Sie passen alle zu einer Schussverletzung. Meine Vermutung ist, dass die Kugel in den Rücken eingedrungen ist, den Darm verletzt hat und auf der Vorderseite entfernt wurde.“

Matthews’ Schlussfolgerung bestätigte seinen eigenen Verdacht.

Auf Kellys Vater war geschossen worden.

„Hast du eine Ahnung, wie alt die Verletzung war?“

„Die Narben waren ziemlich alt. Fünfundzwanzig, dreißig Jahre, würde ich sagen. Beim Darm ist es schwerer zu sagen.“

„Gut. Das hilft mir weiter. Danke.“

„Kein Problem. Viel Glück bei deinen Ermittlungen.“

Als die Verbindung beendet war, legte Cole den Telefonhörer auf und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er musste diese neueste Information mit Kelly besprechen. Wenn der Schaden von einer alten Kriegswunde stammte, wusste sie vielleicht davon.

Aber er hatte das Gefühl, dass diese Neuigkeit sie überraschen würde. Dass die Verletzung von einem Zwischenfall stammte, von dem ihr Vater ihr nie erzählt hatte.

Aus diesem Grund wollte er darüber nicht am Telefon sprechen.

Er zog sein Handy vom Gürtel, sah in seinem Telefonverzeichnis nach und wählte ihre Nummer. Sie war nach zweimaligem Klingeln mit einem fröhlichen Hallo am Apparat.

„Hi, Kelly.“ Er drehte nervös einen Stift in seiner Hand. „Wenn du ein paar Minuten Zeit hast, würde ich heute Abend nach der Arbeit gerne kurz bei dir vorbeikommen.“

„Klar.“ Sie klang überrascht, aber erfreut. „Hast du meine geheimnisvolle Telefonnummer identifiziert?“

„Nein. Die Techniker arbeiten noch dran. Aber ich habe heute noch etwas Interessantes erfahren, wovon ich dir berichten will.“

„Ist gut. Hör mal … da du zur Abendessenszeit bei mir auftauchen wirst, was hältst du davon, wenn du mir beim Essen von deinen Neuigkeiten erzählst? Bei mir steht gegrillter Lachs auf dem Plan. Es sei denn … schließlich ist heute Freitag. Da hast du wahrscheinlich andere Pläne.“

Zu seinem üblichen Freitagabendprogramm gehörte es, mit den anderen alleinstehenden Kollegen loszuziehen, aber das hatte er an diesem Abend gar nicht in Erwägung gezogen – dank der rothaarigen Schönheit am anderen Ende der Leitung.

„Ich habe nichts vor. Und Essen klingt gut. Dann bin ich so gegen sechs Uhr bei dir, wenn dir das passt.“

„Super. Bis dann.“

Als er das Telefon auf die Station fallen ließ, sagte Alan hinter ihm. „Das klingt so, als wärest du heute Abend nicht für die Happy Hour zu haben.“

Cole drehte sich mitsamt seinem Stuhl zu ihm um und lächelte. „Ich bin anderweitig vergeben.“

„Du sprichst nicht zufällig von einer gewissen Rothaarigen, die wir beide kennen, oder?“

„Vielleicht.“ Cole musste Alan von seinem Gespräch mit Matthews berichten. Sein Kollege sollte nicht den Eindruck bekommen, dass Cole etwas hinter seinem Rücken tat. Wo war Alison, wenn er sie brauchte, um ihn in Sachen Taktgefühl zu coachen? „Aber es ist überwiegend dienstlich.“

Der andere Mann grinste. „Klar.“

„Nein, im Ernst.“ Er versuchte, seine Erklärung so diplomatisch zu formulieren, wie er konnte. „Kelly hat an diesem Wochenende in einem Geheimfach im Portmonnaie ihres Vaters eine Telefonnummer gefunden. Ich lasse sie gerade von der Technikabteilung überprüfen. Und da immer neue Informationen aufzutauchen scheinen, habe ich mir den Autopsiebericht von Kellys Vater noch einmal angesehen und ein paar Dinge bemerkt, die ich beim ersten Lesen übersehen hatte. Ein paar Narben und eine Verletzung des Darms. Ich hatte gerade eine interessante Unterhaltung mit Dale Matthews, dessen Meinung meinen eigenen Verdacht bestätigt hat. Wir glauben, dass vor vielen Jahren auf Kellys Vater geschossen wurde.“

Alan starrte ihn erschrocken an. „Wie konnte ich das übersehen?“

„Wenn man die Todesumstände bedenkt, hätte ich einer alten Verletzung wahrscheinlich auch keine Beachtung geschenkt. Aber im Lichte der jüngsten Entwicklungen frage ich mich, ob hier ein Zusammenhang besteht.“

„Sie hat nie etwas davon gesagt, dass ihr Vater angeschossen wurde.“

„Ich habe das Gefühl, dass sie nichts davon weiß.“

„Deshalb fährst du also heute Abend hin.“ Die schockierte Miene wich einem Ausdruck des Verstehens. „Um ihr die Nachricht schonend beizubringen – und zu sehen, ob sie Licht auf diesen überraschenden Teil der Vergangenheit werfen kann.“

„Mehr oder weniger. Und sie hat angeboten, etwas zu kochen.“ Cole zog eine Schulter in einer Was-soll-man-machen-Geste hoch. „Seit meine Mutter nach Chicago gezogen ist und Alison mit Mitch ausgeht, bekomme ich nicht oft etwas selbst Gekochtes.“

Alans Mundwinkel verzog sich zu einem schiefen Grinsen. „Das kann ich mir vorstellen. Also lass es dir schmecken. Und sag mir Bescheid, was du herausfindest. Vielleicht muss ich mich ja doch noch mal mit der Sache befassen. Aber jetzt genieß erst mal das Essen.“

Sein Kollege winkte und verschwand auf dem Flur.

Als Cole sich wieder seinem Computer zuwandte, beschloss er, sein Möglichstes zu tun, um Alans Rat zu befolgen und ein nettes Essen zu haben.

Aber er hatte das Gefühl, dass seine Neuigkeit seiner Gastgeberin den Appetit verderben könnte.

* * *

Die Dinge liefen nicht so, wie er es geplant hatte.

Kelly Warren war nicht gestorben, und Cole Taylor interessierte sich viel zu sehr für den Fall John Warren. Es dauerte noch vier Wochen, bis der letzte Teil des Geldes bezahlt werden würde, und seine Schulden türmten sich auf. Inzwischen bestand die ernsthafte Gefahr einer Gehaltspfändung. Aber einen Monat würde er noch durchhalten.

Seine größte Sorge war, dass er die letzte Rate seiner Entlohnung auch tatsächlich bekam. Das letzte Drittel war davon abhängig, ob die Operation einwandfrei verlief, und die Zeitverzögerung war eine Absicherung gegen Spätfolgen.

Die Art von Spätfolgen, wie sie jetzt auftraten.

Die Art, die verhindert werden musste.

Er schritt von einer Seite des spärlich eingerichteten Wohnzimmers zur anderen, während die Muskeln in seinen Schultern sich vor Frustration verspannten. Er war clean geblieben, wie er es versprochen hatte.

Er lebte wie ein Sozialhilfeempfänger, um Geld zu sparen. Eigentlich hatte er sich geschworen, nie wieder so zu leben. In seiner Kindheit hatte er lange genug in irgendwelchen Rattenlöchern dahinvegetieren müssen, weil sein alter Herr nie lange genug nüchtern gewesen war, um eine Arbeitsstelle zu behalten. Nun tat er alles, um sauber zu bleiben, und er hatte nicht verdient, dass die Sache ihm jetzt um die Ohren flog.

Was ihm am meisten zu schaffen machte, war die Tatsache, dass er sich einige der Probleme selbst zuzuschreiben hatte, dank der Erdnussgeschichte. Anstatt Kelly abzulenken, hatte der Zwischenfall sie nur noch mehr motiviert und ihre Entschlossenheit verstärkt. Und jetzt gab es alle möglichen neuen Entwicklungen im Fall Warren. Eine geheimnisvolle Telefonnummer. Eine alte Schussverletzung. Einen Detective, der sich in die Tochter des Opfers verliebte und sich persönlich für den Fall interessierte.

Wenigstens bekam er die aktuellen Updates von einer hervorragenden Quelle. Das war so ungefähr der einzige Lichtblick bei der ganzen Angelegenheit.

Er blieb am Fenster stehen und blickte in die Dunkelheit hinaus. In dieser Jahreszeit wurde es früh dunkel. Das bedeutete, dass die Winterkälte nicht mehr lange auf sich warten ließ. Er hasste den Winter. Wenn die Sache geklärt war und er die letzte Zahlung in Händen hielt, würde er von hier weggehen, irgendwohin, wo es warm war. Florida vielleicht. Oder Arizona.

Und wenn er Glück hatte, würde er dabei nicht allein sein.

An diese Hoffnung klammerte er sich. Gut, es hatte ein paar Pannen gegeben, aber bis jetzt lieferte keine der neuen Informationen irgendwelche nützlichen Hinweise. Und sie brachten ihn auch nicht mit John Warrens Tod oder mit dem anaphylaktischen Schock seiner Tochter in Verbindung.

Dazu würde er es auch nicht kommen lassen. Er war sehr vorsichtig gewesen. Sein Wohltäter hatte keinen Grund, unzufrieden mit ihm zu sein. Er hatte keinen Grund, die letzte Zahlung zurückzuhalten.

Das plötzliche Aufleuchten von Autoscheinwerfern im Fenster blendete ihn, und er hob erschrocken eine Hand, um die Augen gegen das grelle Licht abzuschirmen. Er zuckte zurück, stieß gegen den Couchtisch und verlor das Gleichgewicht. Er brauchte eine Weile, bis er sich wieder gefangen hatte, und fluchte leise.

Als er sich wieder gefangen hatte, sog er scharf die Luft ein. Normalerweise machte ihm Druck nichts aus. Aber diese ganze Situation ließ ihn nervös werden. Er war so schreckhaft wie ein Black-Jack-Neuling, der zum ersten Mal gegen Profis spielte.

Er rieb sich das Schienbein und humpelte in die Küche.

Er brauchte ein Bier.

* * *

„Also, welche Neuigkeiten hast du für mich? Wir sind schon fast mit dem Essen fertig und du hast sie mir immer noch nicht verraten.“ Kelly lächelte Cole über den kleinen Bistrotisch in ihrer Küche hinweg zu und lehnte sich zurück. So entspannt hatte er sie noch nie gesehen. Das war gut, wenn man das nächste Gesprächsthema bedachte.

Cole aß seinen letzten Bissen Lachs und legte die Gabel fort. „Zuerst möchte ich dir eine Frage stellen. War dein Vater jemals beim Militär?“

„Nein. Warum?“

„Oder hatte er mal einen Jagdunfall?“

„Das war schon die zweite Frage, aber die Antwort lautet immer noch Nein.“ Zwei steile Falten erschienen auf ihrer Stirn. Sie nahm ihr Wasserglas und hielt es fest, als wollte sie sich wappnen. „Was hast du herausgefunden?“

„Ein paar Dinge im Autopsiebericht deines Vaters, die ich beim ersten Mal übersehen hatte.“

„Zum Beispiel?“

„Bemerkungen über zwei Narben und eine alte Verletzung des Darms.“

„Wie alt?“

„Der Pathologe vermutet, etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt, und er sagt, alle drei Verletzungen passen zu einer Schusswunde.“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Eine Schusswunde? Das ist verrückt. Mein Vater war der sanfteste, gütigste Mann, der mir je begegnet ist. Er hasste Waffen. Und wenn er vor Jahren bei einem Raubüberfall oder etwas Ähnlichem angeschossen worden wäre, hätte er es mir erzählt. Das muss ein Versehen sein.“

„Die Verletzungen lassen sich nicht leugnen, das sind Tatsachen. Andererseits können wir nicht beweisen, dass sie von einer Schussverletzung stammen. Aber der forensische Mediziner, der die Autopsie durchgeführt hat, ist ein kluger Kopf, und ich habe ihn angerufen, um ihn zu fragen. Er ist der gleichen Meinung wie ich.“

Kelly hob ihr Glas an die Lippen und trank einen Schluck. Ihre Hand zitterte und auch ihre Stimme, als sie sprach.

„Das wird immer merkwürdiger.“ Sie stellte das Glas vorsichtig ab. „Aber angenommen, es handelt sich wirklich um eine Schusswunde, wie kann eine so alte Geschichte irgendetwas mit dem zu tun haben, was meinem Vater vor fünf Monaten zugestoßen ist?“

„Das ist die große Preisfrage.“ Er stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und legte nachdenklich die Fingerspitzen aneinander. „In den Tagen und Wochen vor dem Tod deines Vaters, ist da irgendetwas Ungewöhnliches passiert, das im Nachhinein bedeutsam erscheint? Hat dein Vater irgendetwas gesagt oder getan, was dir jetzt untypisch vorkommt oder dir zu denken gibt?“

„Nein. Dad hat ein sehr ruhiges Leben geführt. Er war aktiv in der Kirchengemeinde und im Gartenverein, und manchmal hat er mit einer Seniorengruppe vom Bürgerhaus Ausflüge gemacht. Das Einzige, was er in den letzten Monaten seines Lebens Ungewöhnliches getan hat, ist, dass er an seinem Hochzeitstag allein zu den Niagarafällen gefahren ist. Dort haben er und meine Mutter ihre Flitterwochen verbracht. Er war ungefähr zehn Tage fort. Alleine zu verreisen, war für ihn ungewöhnlich, aber wegen des Anlasses habe ich mir keine Gedanken gemacht.“

„Hast du Alan davon erzählt, als er den Fall untersucht hat?“

„Nein.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Es schien mir nicht wichtig. Glaubst du, es könnte etwas bedeuten?“

„Ich weiß nicht. Aber jedes ungewöhnliche Verhalten ist einen genaueren Blick wert. Wann genau ist er verreist?“ Er holte ein Notizbuch aus der Tasche und notierte die Daten, die sie ihm nannte. „Hat er auf dieser Reise jemanden besucht?“

„Nicht dass ich wüsste. Ich glaube kaum, dass er Freunde in der Gegend dort hatte. Er und Mom stammen aus dem Mittleren Westen. Natürlich kann es sein, dass er jemanden auf dem Weg dorthin besucht hat, aber ich bezweifle es. Ich glaube, er hätte es mir gegenüber erwähnt. Andererseits weiß ich nicht, warum er mir die Narben oder die inneren Verletzungen verschwiegen hat.“ Sie biss sich auf die Lippe, und ihr Blick war besorgt. „Ich verstehe das alles immer weniger.“

Ihm ging es ähnlich. Jede Tatsache, die sie herausfanden, warf mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gab.

„Na ja, die Reise hat vielleicht …“ Als das Handy an seinem Gürtel zu vibrieren begann, warf er ihr einen entschuldigenden Blick zu und sah auf die Anruferkennung. Sein Boss. Das verhieß nichts Gutes für den Rest des Abends. „Tut mir leid, ich muss drangehen.“

„Mach ruhig. Ich räume schon mal den Tisch ab.“ Sie stand auf, nahm ihre Teller und verschwand in der Küche.

„Taylor.“

„Cole, wir haben einen Doppelmord. Ich brauche ein paar zusätzliche Leute. Schreib dir den Tatort auf, die Einzelheiten erfährst du dort.“

Er notierte die Adresse, die Paul nannte. Das war also das abrupte Ende seines schönen Abends mit Kelly.

Als sie mit einem Teller Zitronenschnitten hereinkam, die selbst gebacken aussahen, hatte er sich bereits erhoben.

„Du bleibst nicht zum Dessert.“ Es war eher eine Aussage als eine Frage, und sie klang ein wenig enttäuscht.

„Die Pflicht ruft. Wir haben einen Fall, bei dem zusätzliche Leute gebraucht werden. Es wird eine lange Nacht werden.“

Sie seufzte und ging in Richtung Flur, den Teller noch immer in der Hand. „Ich beneide dich wirklich nicht um deine Arbeitszeiten.“

„Sie sind nicht immer so unangenehm.“ Er blieb an der Tür stehen, und ihre mageren Sicherheitsvorkehrungen gefielen ihm diesmal noch weniger als bei seinem letzten Besuch. „Du musst dir bessere Schlösser zulegen.“

„Es steht auf meiner Liste.“

„Schieb es auf der Liste ganz nach oben.“

„Ich habe schon ein paar Firmen angerufen und warte jetzt auf Kostenvoranschläge. Aber ich will sowieso den Großteil des Wochenendes in Dads Haus verbringen. Bei all den neuen Entwicklungen – wer weiß, was ich da noch so alles finde?“

Dem konnte er nichts entgegenhalten. „Aber sei vorsichtig, ja?“

„Das bin ich.“

„Und beim nächsten Mal geht das Essen auf mich.“

„Das fände ich nett.“ Ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Sein Blick blieb an diesen Lippen hängen, und sein Puls beschleunigte sich.

Er wollte nicht gehen und war versucht, sie auf der Stelle zu küssen.

Aber das wäre nicht klug. Also war es vielleicht besser, dass er weggerufen wurde. Das hielt ihn davon ab, die Sache zu überstürzen und einen Fehler zu machen, den er später bereuen würde. Zum Beispiel die Schwelle vom Dienstlichen zum Privaten zu überschreiten. Oder Kelly in die Flucht zu schlagen. Sie wirkte auf ihn wie jemand, der sich viel Zeit nahm, und wenn er im Rennen bleiben wollte, musste er sich zurückhalten.

„Ich sage dir Bescheid, sobald ich etwas über die geheimnisvolle Telefonnummer höre.“ Er nahm sich zwei Zitronenschnitten, öffnete die Tür und trat in die kalte Luft hinaus. „Schließ hinter mir ab.“

Bevor sie antworten konnte, war er schon auf dem Weg zu seinem Wagen. Und trotz des eisigen Novemberwindes fror er nicht, denn er war immer noch ganz erfüllt von der Wärme ihres Lächelns.

Kapitel 8

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“ Lauren warf einen nervösen Blick auf Kellys Zimtschnecke und Mokka, als sie sich im Perfect Blend an den Tisch setzten.

Kelly schüttelte ihren Mantel ab, hängte ihn über den Stuhl und setzte sich. „Entspann dich. Ich war seit Dads Tod jeden Samstag hier – und an vielen Tagen dazwischen auch. Das Essen ist ungefährlich. Der Geschäftsführer hat uns das gerade noch mal versichert. Außerdem habe ich einen nagelneuen Injektionspen dabei. Setz dich. Iss. Und hör auf, dir Sorgen zu machen.“

„Das sagst du so einfach.“ Lauren warf ihr einen besorgten Blick zu, während sie sich auf der Kante ihres Stuhls niederließ. „Ich hätte am Samstag beinahe einen Herzinfarkt bekommen. Das will ich nicht noch mal erleben. Dafür habe ich einfach nicht die Nerven.“

„Ich auch nicht.“ Kelly stach mit der Gabel einen Bissen von ihrer Zimtschnecke ab. „Meinst du wirklich, ich würde das hier essen oder trinken“ – sie zeigte auf Teller und Becher – „wenn ich irgendwelche Zweifel hätte?“

Lauren sah mit skeptischer Miene zu, wie sie das Gebäck in den Mund schob und kaute.

„Komm schon, Lauren, entspann dich. Mir geht es gut. Ich habe dir doch erzählt, was Cole gesagt hat. Er glaubt, der ältere Mann, der meinen Becher hatte, hat Erdnüsse hineingetan.“

„Das ist genauso beunruhigend.“

„Wem sagst du das!“ Kelly sah sich schnell in dem Café um. Sie kannte die Stammkunden vom Sehen, und der ältere Mann war ein neues Gesicht gewesen – eines, von dem sie hoffte, dass sie es nie wieder sehen würde.

„Das heißt, unser freundlicher Detective ist jetzt empfänglicher für deine Theorie, dass der Tod deines Vaters kein Selbstmord war?“

„Ja. Vor allem nach einigen anderen neuen Entwicklungen.“ Sie erzählte Lauren von der Telefonnummer, die sie gefunden hatte, und von den neuen Informationen, die Cole im Autopsiebericht entdeckt hatte.

„Wow.“ Lauren trank einen Schluck von ihrem Karamellkaffee. „Wann hast du das mit der Autopsie erfahren?“

„Gestern Abend.“

Ihre Freundin zog eine Augenbraue hoch. „Gestern Abend – heißt das, nach Dienstschluss?“

Kelly rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum. Lauren hatte immer offen über ihr Privatleben gesprochen und Kelly sogar einen detaillierten Bericht über Shauns Werben gegeben. Sie hingegen war bezüglich ihrer seltenen Verabredungen, aus denen lediglich eine kurze Beziehung hervorgegangen war, weitaus zurückhaltender gewesen. Lauren behauptete, der Grund für ihre trostlose Vergangenheit in Sachen Romantik ließe sich mit wenigen Worten zusammenfassen: sie sei zu wählerisch. Dagegen konnte Kelly nichts sagen. Die meisten Männer, mit denen sie ausgegangen war, waren ihren hohen Maßstäben nicht gerecht geworden.

Aber mit Cole war es anders. Von dem Tag an, als sie mit dem Lieferschein für die Tulpenzwiebeln in seinem Büro erschienen war, hatte sie eine Verbindung zu ihm gespürt. Nicht nur eine gewisse Anziehungskraft – obwohl diese unbestreitbar vorhanden war –, sondern das Gefühl, dass sie auf einer tieferen Ebene viel gemeinsam haben könnten. Deshalb hatte sie sich aus ihrer Zurückhaltung herausgewagt und ihn zum Mittagessen und gestern zu dem spontanen Abendessen eingeladen.

Aber man konnte ihre Beziehung beim besten Willen nicht als Romanze bezeichnen.

Jedenfalls noch nicht.

Aber sie machte sich Hoffnungen, von denen sie Lauren bisher nichts erzählt hatte. Irgendwie fürchtete sie, wenn sie zu viel darüber sprach, würden sich ihre Träume in Luft auflösen.

„Das war doch keine schwierige Frage, Kelly. Nach Dienstschluss – ja oder nein?“

Unter Laurens prüfendem Blick stieg ihr die Röte ins Gesicht. Sie versuchte, der Frage auszuweichen. „Ermittler haben lange Arbeitszeiten.“

„Also, wann hat er angerufen, um dir die Neuigkeit mitzuteilen?“

Jetzt saß sie in der Falle. Dieser Frage konnte sie nicht ausweichen, ohne zu lügen. Und das wollte sie nicht. „Genau genommen hat er mir die Nachricht persönlich überbracht, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause.“

Lauren nahm ihren Kaffeebecher von den Lippen. „Er war bei dir zu Hause?“

„Ja.“

„Und wie lange ist er geblieben?“

„Eine Weile. Ich, äh, habe ihn zum Essen eingeladen.“

Lauren stellte ganz bedächtig ihr Getränk ab und musterte ihre Freundin mit dem Blick, den Kelly immer als ihren „Staatsanwältinnenblick“ bezeichnete. „Anscheinend bin ich nicht mehr auf dem neuesten Stand. Letzte Woche in der Notaufnahme war es zwar nicht zu übersehen, dass es da besondere Schwingungen zwischen euch gibt, aber ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr euch schon zum Essen verabredet. Was habe ich sonst noch verpasst?“

Jetzt konnte sie genauso gut alles ausspucken. Lauren würde es ja doch herausbekommen. „Am Mittwoch habe ich ihn zum Mittagessen eingeladen, um mich dafür zu bedanken, dass er in der Notaufnahme gewartet und mich nach Hause gefahren hat.“

„Korrigier mich, wenn ich das falsch verstanden habe.“ Lauren setzte sich aufrecht hin und kniff die Augen zusammen. „Innerhalb weniger Tage hast du ihn zum Mittagessen und zum Dinner eingeladen. Und du hast mehrmals mit ihm telefoniert. So weit alles korrekt?“

„Ja, aber es ging dabei meistens nur um den Tod meines Vaters und um nichts Persönliches.“

Lauren warf ihr einen „Ja klar!“- Blick zu. „Glaub mir, wenn der Mann kein Interesse daran hätte, den Kontakt zu dir persönlich werden zu lassen, hätte er nicht seinen freien Tag in der Notaufnahme verbracht und alle dienstlichen Angelegenheiten telefonisch geregelt. Erst recht an einem Freitagabend. Meinst du, ein Junggeselle, der aussieht wie Cole Taylor, würde sich ein heißes Date entgehen lassen, nur um den Abend mit Diskussionen über deinen Fall zu verbringen? Er hat ganz eindeutig Interesse an dir!“

Es fiel Kelly schwer, die guten Argumente ihrer besten Freundin zu widerlegen.

„Du brauchst nichts zu sagen.“ Lauren nahm ihren Becher und lächelte selbstgefällig. „Ich sehe die Antwort in deinem Gesicht. Und ich bin froh, dass du die Initiative ergreifst. So habe ich Shaun gekriegt, wenn du dich erinnerst. Ich habe ihn zu unserem ersten Rendezvous eingeladen.“

„Das waren keine Rendezvous, Lauren.“ Kelly drückte die Gabel in die Krümel ihrer Zimtschnecke, die sie während ihrer Unterhaltung zerlegt hatte.

„Aber du wünschst dir, es wären welche gewesen.“

Sie seufzte. „Na gut. Stimmt. Das wäre schön. Er ist ein netter Kerl.“ Sie schob die Gabel in den Mund und leckte die Krümel ab. „Aber mir ist es lieber, er konzentriert sich auf Dads Fall, bis wir die Sache aufgeklärt haben.“

„Das kann ich verstehen. Aber es schadet nicht, ein paar Vorarbeiten zu leisten. Der Mann muss wissen, dass du Interesse an ihm hast. Dass du dir wünschst, er würde sich in dich verlieben.“

Kelly dachte an das unterdrückte Feuer in Coles kobaltblauen Augen, als er nach dem Essen gegangen war. Und an seinen Gesichtsausdruck, der deutlich gemacht hatte, dass er sie küssen wollte. Ihr Magen flatterte, und sie umfasste ihren Becher fester. „Ich glaube, das weiß er.“

„Hervorragend.“ Lauren lächelte zufrieden.

Kelly schob die Erinnerung an das gestrige Abendessen beiseite und konzentrierte sich wieder auf ihre Freundin. „Warum bist du eigentlich so froh darüber?“

„Weil ich deine Freundin bin. Ich möchte, dass du glücklich bist. Obwohl du erst kürzlich deinen Vater verloren hast und trotz der dramatischen Ereignisse am letzten Wochenende, sehe ich ein Leuchten an dir, das ich noch nie gesehen habe. So wie es Menschen haben, wenn sie sich verlieben.“

Kelly starrte sie entsetzt an. „Ich kenne den Mann erst seit einem Monat. So schnell verliebt man sich nicht.“

„Vielleicht nicht. Aber man erkennt schon früh, ob ein Mensch etwas Besonderes ist – und ob er es wert ist, ihn besser kennenzulernen. Du siehst genauso aus, wie ich aussah, als ich Shaun erst einen Monat kannte.“

„Das bedeutet noch lange nicht, dass etwas daraus wird. Die Anziehungskraft könnte nachlassen, falls wir überhaupt zusammenkommen.“

„Das stimmt.“ Lauren grinste. „Aber ich wette, das tut sie nicht. Es sei denn, du bekommst kalte Füße.“

„Warum sollte ich?“

„Weil du es langsam angehen lässt, und ich vermute, dass Cole eher die Überholspur gewöhnt ist.“

Sie musste der Einschätzung ihrer Freundin zustimmen. Die meisten Männer wollten schnell mehr, als sie bereit war zu geben. Deshalb hatte sie die Beziehungen immer frühzeitig beendet. Sie hoffte, dass Cole nicht in diese Kategorie fiel. Und sie hoffte auch, dass er ihren Glauben teilte. Dieses Thema war noch nicht zur Sprache gekommen, aber sie musste es herausfinden, bevor sie sich noch mehr auf ihn einließ.

„Es ist besser, vorsichtig zu sein, Lauren. Und meine Prinzipien verletze ich für keinen Mann.“

„Vorsicht ist gut. Und Prinzipien sind es auch.“ Lauren nahm ihren Becher. „Und wenn Cole der Mann ist, den meine Intuition in ihm vermutet, dann wird er beides respektieren. Sollen wir darauf anstoßen?“

„Auf jeden Fall.“ Kelly nahm ihren Becher und berührte damit den von Lauren.

Eine halbe Stunde später, nach einer angeregten Unterhaltung über verschiedene Themen, sah Lauren auf ihre Uhr und sammelte ihre Becher und Servietten ein. „Tut mir leid, dass ich nicht länger bleiben kann, aber ich habe Shaun versprochen, dass ich rechtzeitig zu Hause bin, damit er mit den Jungs eine Runde Golf spielen kann.“

„Kein Problem.“ Kelly nahm ihren Teller und schob den Riemen ihrer Handtasche über ihre Schulter. „Ich weiß es immer zu schätzen, wenn du dir Zeit für mich nimmst.“

„He … du bist nicht weniger wichtig in meinem Leben als früher, als es Shaun und die Zwillinge noch nicht gab. Es tut mir nur leid, dass ich an Thanksgiving nicht hier sein werde. Ich wünschte, wir müssten nicht ausgerechnet dieses Jahr zu den Schwiegereltern nach Ohio fahren.“

„Mach dir um mich keine Sorgen, ich komme schon klar.“ Kelly stand auf, war sich aber nicht sicher, ob das wirklich stimmte. Sie und ihr Vater hatten diesen Tag immer zusammen verbracht. Ihr erstes Thanksgiving-Fest allein würde hart werden.

„Vielleicht erwidert der nette Detective ja deine Einladungen, indem er dich an Thanksgiving zum Essen einlädt.“

Erschrocken angesichts dieses Vorschlags schüttelte Kelly den Kopf, während sie zur Tür gingen. „Er und seine Familie haben ein sehr enges Verhältnis, und mich kennen sie ja gar nicht. Außerdem ist es eine große Sache, jemanden zu Thanksgiving einzuladen, und wir haben uns schließlich gerade erst kennengelernt.“

„Das heißt aber nicht, dass ich nicht dafür beten kann.“ Lauren warf Plastikbecher und Servietten in den Mülleimer.

Kelly folgte ihr und warf ihren Teller in den Plastikmüll. Während sie einander umarmten und sich verabschiedeten, dachte sie unwillkürlich, wie schön es wäre, den Feiertag mit Cole zu verbringen. Auch wenn dieser Wunsch natürlich völlig abwegig war.

* * *

Die Hände in die Hüften gestemmt, betrachtete Kelly die beiden Regale im Wandschrank ihres Vaters. Wie die unterste Schublade in seiner Kommode war auch dieser Schrank im Schlafzimmer ein einziges Chaos – eine Mischung aus verschiedensten Gegenständen, die willkürlich aufgetürmt waren. Für einen Mann, dessen Beruf aus akkurater Buchführung von Zahlen und Konten bestand, der die Werkzeuge auf seiner Werkbank in der Garage mit der akribischen Sorgfalt eines Chirurgen aufgereiht und jedes Foto im Familienalbum genau beschriftet hatte, war das Durcheinander dieser beiden Stauräume unnatürlich.

Andererseits hatte jeder ein paar Macken.

Aber sie war nicht gerade erpicht darauf, nach dem Gottesdienst den restlichen Sonntag in diesem Chaos zu verbringen.

Seufzend fügte sie sich in ihr Schicksal, stellte die Trittleiter halb in den Schrank, stieg auf die zweite Stufe und zog einen Arm voll Dinge heraus. Als sie die Arme sinken ließ, stieg ihr eine Staubwolke direkt in die Nase und sie musste niesen. Fünf Mal. Bei jedem „Hatschi!“ lösten sich ein, zwei Gegenstände aus dem Stapel auf ihrem Arm und fielen auf den Boden.

Als ihr Niesanfall abgeklungen war, stieg sie von der Trittleiter und ließ die Sammlung von Dingen auf ihrem Arm neben dem Bett zu Boden gleiten. Dann kniete sie sich davor und betrachtete betroffen den chaotischen Haufen. Zerschlissene Pullover, eine durchsichtige Plastikschachtel mit einer vertrockneten Blume, die früher vielleicht ein Anstecksträußchen gewesen war, ein Ordner mit Routen längst vergangener Reisen, ein angelaufener silberner Geld-Clip und verschiedene lose Papierblätter und Grußkarten.

Ach, du liebe Güte!

Sie hatte ihren Vater nie für einen Sammler gehalten, aber vielleicht musste sie ihre Meinung revidieren.

Die Kommodenschublade hatte einen versteckten Schatz enthalten. Vielleicht fand sich in dieser bunten Mischung ja auch etwas.

Durch diesen Gedanken ermutigt, stürzte sie sich in das Durcheinander.

Eine Stunde später, als sie den letzten Arm voller Krimskrams aus dem Schrank zog, waren ihre Hoffnungen bereits sehr gedämpft. Obwohl sie jeden einzelnen Gegenstand untersucht hatte, war nichts dabei gewesen, das sie mit dem Tod ihres Vaters hätte in Verbindung bringen können. Vielleicht war die Telefonnummer alles, was sie finden sollte. Und auch die konnte sich als Sackgasse erweisen.

Sie durchsuchte den letzten Haufen Papier, der Ähnliches enthielt wie die anderen Stapel davor. Anfänglich hatte sie gehofft, die Unterlagen oder Karten ihres Vaters könnten interessante Informationen zutage fördern, aber sie hatte nichts damit anfangen können. Das Programm einer Theaterinszenierung. Die Speisekarte eines Restaurants. Der Beleg einer Pension mit dem Datum des Hochzeitstages ihrer Eltern. Geburtstagskarten von ihrer Mutter. Alles Erinnerungen persönlicher Natur und sonst nichts.

Ein gefaltetes Blatt Briefpapier erweckte jedoch ihre Aufmerksamkeit, und sie nahm es in die Hand. Beim Überfliegen des handschriftlichen Textes sah sie, dass es sich um einen Brief handelte, der vor sechzehn Jahren geschrieben worden war. Sie begann, die Zeilen genauer zu lesen.

Mein lieber J.,
ich habe extra früh geschrieben, hoffe also, dieser Brief erreicht dich zu deinem Geburtstag. Ich wünschte, ich könnte da sein, um dir persönlich zu gratulieren, aber das geht natürlich nicht – und die Endgültigkeit dieser Tatsache belastet mich immer mehr, je mehr Zeit verstreicht.
Als du vor fünfzehn Jahren so plötzlich gegangen bist, bevor wir auch nur die Chance hatten, uns zu verabschieden, wusste ich, dass es nie wieder so sein würde wie vorher. Aber mir war nicht klar, dass so viel von meiner Vergangenheit mit dir verschwinden würde, denn nur du und ich kennen die alten Geschichten und haben die gleichen Erinnerungen an früher. Deine Abwesenheit hat eine klaffende Lücke hinterlassen, die nie wieder ausgefüllt werden wird.
Aber während ich daran denke, was ich verloren habe, tut mir dein eigener Verlust noch mehr weh. Denn du hast alles aufgegeben. Ich bete, dass die Einsamkeit und Isolation deiner frühen Jahre nachgelassen hat und dass das Leben dich nun gut behandelt. Ich weiß, dass K. ein großer Trost für dich ist, und ich danke Gott jeden Tag für ihre Existenz. Ich bin sicher, dass sie zu der wunderbaren jungen Frau herangewachsen ist, die du in deinen Briefen beschreibst.
Du sollst wissen, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht an dich denke – aber ich verstehe und akzeptiere, dass du dort bist, wo du sein musst. Alles Gute zum Geburtstag, J.! Und möge das kommende Jahr für dich und K. voller Glück und Frieden sein. Ihr seid beide immer in meinen Gedanken und Gebeten.

Der persönliche und herzliche Brief war mit dem Buchstaben P. unterzeichnet.

Einer Initiale, die eindeutig für eine Person stand, die im Leben ihres Vaters wichtig gewesen war.

Eine Initiale, die mit keiner Person zu tun hatte, von der Kelly jemals gehört hatte.

Verwirrt lehnte sie sich an das Bett ihres Vaters, den Brief in der Hand. Warum hatte ihr Vater einen so alten und lieben Freund nie erwähnt? Warum konnten die beiden sich nie wiedersehen? Warum hatten sie sich so plötzlich getrennt? Was hatte ihr Vater aufgegeben? Wann war er einsam und isoliert gewesen? War P. ein Mann oder eine Frau?

Die Fragen überschlugen sich schneller in ihrem Kopf, als sie sie verarbeiten konnte, und sie schloss die Augen, als ein pochender Schmerz sich in ihren Schläfen breitmachte. Gab es noch andere beunruhigende Gegenstände in diesem letzten Stapel mit Dingen aus dem Versteck ihres Vaters?

Ein unerklärliches Gefühl der Scheu – ja, beinahe Angst – dämpfte jetzt den Eifer ihrer Suche nach neuen Informationen, als Kelly vorsichtig die übrigen Unterlagen durchsah. Sonst fiel ihr nichts Ungewöhnliches mehr ins Auge, außer einer verblassten Fotografie, die sie nie zuvor gesehen hatte und die ihren Vater und ihre Mutter an ihrem Hochzeitstag zeigte. Es war eher ein Schnappschuss als ein offizielles Hochzeitsfoto wie das auf der Kommode ihres Vaters. Dies hier zeigte das lächelnde Brautpaar mit erhobenen Champagnergläsern, das sich gegenseitig zuprostete, mit einem Blick so voller Liebe, dass es Kelly vor Bewegtheit die Kehle zuschnürte.

Sie hielt das Bild in der Hand und sog den unerwarteten Anblick dieses Momentes der Freude, den ihre Eltern miteinander geteilt hatten, in sich auf. Das vor Glück strahlende Gesicht ihrer Mutter war von dem zarten Tüll ihres Schleiers umrahmt, während ihr Vater sie mit der grenzenlosen Liebe ansah, die jede Braut im Blick ihres Bräutigams zu finden hofft.

Diese letzte Entdeckung löste vielleicht keine Rätsel, aber sie war eine wunderbare Erinnerung, die allein schon die stundenlange Suche lohnenswert gemacht hatte.

Als sie den Arm hob, um das Foto zu den wenigen anderen Dingen auf das Bett zu legen, die sie als Erinnerungen behalten wollte, fiel ihr Blick auf die handschriftliche Notiz auf der Rückseite des Bildes. Die Schrift war ihr fremd, und sie sah genauer hin. In einer flüssigen Handschrift hatte jemand oben das Datum notiert. Darunter standen die Worte „Frisch vermählt“, gefolgt von zwei Namen.

Das Datum passte zu dem Hochzeitstag ihrer Eltern.

Die Namen nicht.

Jim und Lucille Walsh.

Die richtigen Initialen, die falschen Namen. Dies war ein Foto von ihren Eltern, John und Linda Warren.

War der Fotograf ungefähr zur gleichen Zeit bei zwei Hochzeiten gewesen und hatte die falschen Namen auf die Rückseite dieses Bildes geschrieben?

Oder war dies noch eine merkwürdige Entdeckung auf ihrer stetig länger werdenden Liste?

Und wenn ja, was bedeutete es?

Kelly hatte keine Ahnung.

Aber allmählich kam sie sich vor, als wäre sie in eine Episode von X-Factor: Das Unfassbare geraten.

Sie nahm den geheimnisvollen Brief von P. in die Hand und erhob sich, während ihr ein Schauer über den Rücken lief. Die Stille in dem leeren Haus fühlte sich mit einem Mal bedrückend an, und das Bedürfnis, eine menschliche Stimme zu hören und jemandem von ihrer jüngsten Entdeckung zu erzählen, ließ sie nach ihrem Handy suchen. Sie würde Lauren anrufen – aber ihre beste Freundin würden die neuen Informationen genauso verwirren.

Coles tiefe, beruhigende Stimme war es, die sie hören wollte.

Kelly kramte seine Karte aus ihrer Handtasche. Sie hatte ihn noch nie auf dem Mobiltelefon angerufen oder versucht, ihn außerhalb seiner Arbeit zu erreichen, aber sie wollte nicht bis morgen damit warten, ihm die Neuigkeit mitzuteilen.

Sie holte tief Luft, um ihre Nerven zu beruhigen, und tippte seine Nummer ein. Irritiert stellte sie fest, dass ihre Hände dabei zitterten. Allmählich forderten die Belastungen der vergangenen Wochen ihren Tribut, und die Unruhe raubte ihr den Schlaf. Sie standen mit der Aufklärung des Falles kurz vor einem Durchbruch. Das konnte sie spüren. Und sie verdankte ihn Cole, der sie ermutigt hatte, überall im Haus ihres Vaters zu suchen.

Das Telefon klingelte dreimal, und als sie schon damit rechnete, die Mailbox zu hören, nahm er ab und meldete sich kurz angebunden.

„Taylor.“

„Cole, hier ist Kelly. Störe ich gerade?“

„Hallo, Kelly.“ Er klang abgelenkt, und sie konnte das Summen anderer Stimmen im Hintergrund hören. „Ich bin immer noch mit dem Doppelmord von Freitagabend beschäftigt. Wir sind ununterbrochen dran. Was kann ich für dich tun?“

Die Müdigkeit in seiner Stimme verriet ihr, dass er in den letzten sechsunddreißig Stunden kaum oder gar nicht geschlafen hatte. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm von ihren neuen Informationen zu erzählen. Sie waren jahrelang im Schrank ihres Vaters verborgen gewesen, da konnten sie noch ein, zwei Tage warten.

„Hör zu, ruf mich doch einfach an, wenn es bei dir ein bisschen ruhiger geworden ist. Ich würde gerne etwas mit dir besprechen, aber das kann warten.“

„Bist du sicher?“ Im Hintergrund hörte sie jemanden seinen Namen rufen, dann sein gedämpftes – und ärgerliches – „Ich komme gleich“.

„Ja. Mach deine Arbeit. Und dann ruh dich aus.“

„Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren.“ Die Erschöpfung ließ ihn heiser klingen. „Ich rufe dich morgen an, in Ordnung?“

„Wann immer du dazu kommst. Du brauchst dich meinetwegen nicht zu stressen.“

„Glaub mir, mit dir zu reden, ist kein Stress. Ich melde mich.“ Die Verbindung wurde unterbrochen.

Lächelnd beendete sie den Anruf und ließ das Telefon wieder in ihre Handtasche fallen. Komisch. Vor ein paar Minuten war ihr das Haus bedrückend und einsam erschienen. Und jetzt, nach seiner letzten Bemerkung, fühlte sie sich nicht mehr allein.

Auch, wenn sie ihre Neuigkeit am liebsten so bald wie möglich loswerden und seine Meinung dazu hören wollte, hatte sie das Gefühl, dass sie heute Nacht besser schlafen würde.