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Paul Moor

Jürgen Bartsch – Selbstbildnis eines Kindermörders

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Zitate

1 Vorwort

2 Untermalung zu einem Selbstbildnis

3 Der erste Prozeß

4 Einleitung zu den Briefen

5 Briefe I

6 Einleitung zum psychogenen Inventar

7 Psychogenes Inventar des Jürgen Bartsch

8 Briefe II

9 Briefe III

10 Briefe IV

11 Briefe V

12 Die Hölle

13 Der Revisionsprozeß

14 Briefe VI

15 Briefe VII

16 Entr’acte

17 Briefe VIII

18 Briefe IX

19 Briefe X

20 Briefe XI

21 Briefe XII

22 Das Ende

23 Nachspiel

Postskriptum

Literaturverzeichnis

Personenregister

IN MEMORIAM

 

Klaus Jung

1954  1962

 

Peter Fuchs

1952  1965

 

Ulrich Kahlweiss

1953  1965

 

Manfred Grassmann

1954  1966

 

*

Jürgen Bartsch

1946  1976

Das Leben lehrt uns, weniger mit uns

Und andern strenge sein; du lernst es auch.

Goethe: Iphigenie auf Tauris

 

Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen

seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in

Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder

kein Verbrecher zu werden, – weil wir durch

gleiche Umstände wohl Alle gleich würden,

und weil die Umstände außer uns liegen.

Georg Büchner an seine Familie

 

Ich bin mit der Zeit immer ehrlicher geworden,

bis ich zum Schluß ganz ehrlich war … ich bin

stolz (!) darauf, schon lange nicht mehr gelogen

zu haben.

Jürgen Bartsch an Paul Moor

1  Vorwort

Mensch bin ich, nichts Menschliches

ist mir, glaub’ ich, fremd.

Terenz: Heauton timorumenos

 

Im Juni 1966 lebte ich schon siebzehn Jahre in Europa, fünfzehn Jahre in Deutschland und zehn Jahre (als Korrespondent der amerikanischen Zeitschriften Time und Life und als Mitarbeiter von CBS, dem Radiosender Columbia Broadcasting System) in Berlin. Sieben Tage in der Woche las ich frühmorgens einen ganzen Stapel von Zeitungen aus Ost und West. Im Juni 1966 erschienen auf Seite eins fast jeder Zeitung in der Bundesrepublik und West-Berlin besonders ausführliche Berichte über die Verhaftung eines neunzehnjährigen Metzgergesellen namens Jürgen Bartsch in Langenberg bei Essen.

Am Dienstag, dem 21. Juni, hatte ihn die Langenberger Polizei verhaftet. Bis dahin hatten seine Mitmenschen wenig Notiz von Jürgen Bartsch genommen; in der Siedlung «Glaube und Tat», wo er und seine Eltern wohnten, war er nie aufgefallen, weil er – wie seine Eltern – einen langen Arbeitstag und wenig Freizeit hatte. Buchstäblich über Nacht wurde Jürgen Bartsch nun als «der Kirmesmörder» einer der bekanntesten Menschen der Bundesrepublik. Zum Beispiel berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

«Der neunzehnjährige Metzgergehilfe Jürgen Bartsch aus Langenberg hat gestanden, in den Jahren von 1962 bis 1966 vier schulpflichtige Jungen mißbraucht und ermordet zu haben. Gegenüber dem ersten gab sich Bartsch am 31. März 1962 auf dem Kirmesplatz in Essen-Huttrop als Detektiv aus. Er versprach dem Jungen einen Auftrag, den er bezahlen wollte. In einem Stollen erschlug er das Kind mit einer Schreckschußpistole, die er später fortwarf. Die Leiche verscharrte er im Stollen. Erst am 5. August 1965 will der ‹Kirmesmörder› sein nächstes Opfer gefunden haben. Bartsch berichtete, er habe den Jungen mit nach Langenberg genommen. Unweit vom Stollen hielt er an und fesselte den Jungen, ehe er ihn schließlich im Stollen erwürgte. Die Leiche verscharrte er erst am 14. August 1965 mit dem leblosen Körper seines nächsten Opfers. Dieses Kind wurde von Bartsch ebenfalls im Lieferwagen vom Kirmesplatz zu dem Stollen transportiert, hier dann mit Steinbrocken erschlagen. Einen vierten Jungen erwürgte Bartsch in dem Stollen. Seine Leiche verscharrte er nur oberflächlich und bedeckte sie mit Steinen und Holzbalken. Obenauf legte er die Kleider seines Opfers.»

Ich weiß nicht mehr, wie viele solche Berichte über Jürgen Bartsch ich an jenem Dienstag in meinen Zeitungen las. Je mehr ich las, desto unfaßbarer wurde mir der Fall psychologisch. Da wurde in allen Blättern über ein anständiges, fleißiges Ehepaar berichtet, in dessen Haus das arme Waisenkind Jürgen das große Glück gehabt hatte, ein Zuhause zu finden, wo ihn seine biederen katholischen Adoptiveltern mit Stofftieren, Plattenspieler, Fotoapparat usw. in jeder denkbaren Weise verwöhnten. Schon die Berichterstattung dieses ersten Tages machte mir klar: Da stimmte etwas nicht.

Etwa neun Monate früher, im September 1965, hatte ich eine Psychoanalyse abgeschlossen. Eine solche Therapie geht niemals schnell, aber in meinem Fall hatte sie ungewöhnlich lange gedauert. Ich hatte sie 1946 im Alter von zweiundzwanzig Jahren in New York begonnen, mußte sie aber nach anderthalb Jahren aus finanziellen Gründen abbrechen. Erst neun Jahre später, in Berlin, konnte ich sie bei einem angesehenen, schon älteren Analytiker fortsetzen – einige Jahre, bis Dr. Boehm starb. Um die Analyse abschließen zu können, mußte ich mir meinen dritten Analytiker suchen. In diesen langen «Lehrjahren auf der Couch» (Tilmann Moser) habe ich nicht nur über mich, sondern über meine Mitmenschen, über alle Menschen einiges gelernt.

Ich wußte nur zu gut, was es bedeutete, ein todunglückliches, emotional mißbrauchtes, mit elf Jahren sexuell verführtes und mißhandeltes Kind zu sein, und ich wußte auch, welche Narben, welche nie ganz verheilenden Wunden solche Erlebnisse im späteren Leben werden konnten. Meine eigenen Kindheitserlebnisse hatten mich, im Gegensatz zu Jürgen Bartsch, nicht einmal in die Nähe von Mord geführt, aber mir war allzu vertraut, was es hieß, das Kind einer unglücklichen Ehe zu sein – einer Ehe, die nie hätte zustande kommen sollen, zwischen einem primitiven, brutalen, tyrannischen, verachtungsvollen Vater und einer prüden, höchstwahrscheinlich frigiden, hysterisch religiösen Mutter. Ich sah in mir zwar keinen Vorgänger des zwanghaften Kindermörders Jürgen Bartsch, aber ich sah mich doch als einen Menschen, der unter noch ungünstigeren Umständen ein solcher Verbrecher hätte werden können. Goethe wird der Satz zugeschrieben: «Ich habe nie von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können.»

Ich hatte während meiner zwei Jahre in Paris, den fünf Jahren in München und dann den zehn Jahren in Berlin immer wieder feststellen können, daß die alten, aber immer noch beliebten und häufig zitierten Mutmaßungen über Nationalcharakter, «Erbmasse» usw. in Fällen wie dem meinen – und in dem von Jürgen Bartsch – einfach nicht stimmten. Sigmund Freud zitierte gern den heiligen Augustinus: «Inter urinas et faeces nascimur» – und zwar wir alle, egal wer, egal wo. Aus meinen Jahren auf der Couch wußte ich, daß das untadelige Bild der Familie Bartsch, das meine Kollegen da in den Zeitungen, im Rundfunk, im Fernsehen malten, einfach nicht stimmen konnte. Und noch etwas: Während jeder Analyse lernt man eine Menge über das Wesen der Homosexualität – eine Grundkomponente in jedem Menschen. Also mußten mich die zahlreichen Andeutungen in den Presseberichten, daß nur ein Homosexueller die Taten von Jürgen Bartsch hatte begehen können, daß der Ursprung, die Ursache seiner Verbrechen in seiner Homosexualität zu suchen sei, sofort alarmieren, weil ich wußte, daß auch das nicht stimmte.

Für Hellhörige allerdings gab es von Anfang an schwache Zwischentöne, die die klischeehafte Harmonie der Berichterstattung störten. Zum Beispiel: die Adoptivmutter habe ihren Sohn bis zum Tage seiner Verhaftung selber gebadet – da war der vierfache sadistische Kindermörder Jürgen Bartsch neunzehn Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage alt. Dieses Detail ließ mich einen allerersten Einblick nehmen in den Abgrund des katastrophalen Familienlebens hinter der Fassade des hübschen kleinen Zweifamilienhauses im Finkenweg der Langenberger Siedlung mit dem harmonischen Namen «Glaube und Tat». In einer Familie, wo so etwas geschehen kann, wird ohne Zweifel mit der psychischen Hygiene eine ganze Menge nicht in Ordnung sein.

Ich wußte damals wenig über die Psychologie des Mordes – so gut wie gar nichts –, aber ich wußte doch genug von der menschlichen Natur, um zu wissen, daß Mörder keine glücklichen Menschen sein können. Aus der Psychoanalyse wußte ich auch, daß das Mörderische in jedem von uns Sterblichen nur schlummert und daß viele Mörder – vielleicht die meisten – ganz andere Menschen töten als diejenigen, die sie eigentlich tot sehen wollen. Ich fragte mich damals, was für eine Kindheit hatte Jürgen Bartsch zu solchen bestialischen Taten führen, ja sogar zwingen können. In meiner Unerfahrenheit hatte ich damals noch nie von einem Mörder gehört, dem das Töten sexuelle Befriedigung verschafft. Was hätte Jürgen Bartsch denn gegen die vier unglücklichen Kinder überhaupt haben können, die er in so unbeschreiblich grausamer Weise schlachtete? Und wenn er gegen seine Opfer nichts haben konnte, wen wollte er dann eigentlich tot sehen?

Einen Prozeß gegen Jürgen Bartsch, las ich damals, sollte es in etwa einem Jahr, wahrscheinlich in Wuppertal, geben. Meine Arbeit für Time-Life International beschränkte sich normalerweise auf Berlin und den Ostblock, auch hatte ich noch nie in meinem Leben Gelegenheit gehabt, über ein Strafverfahren zu berichten; aber ich dachte mir, den Termin für diesen Prozeß sollte ich im Auge behalten. Es erschienen noch einige Zeitungsberichte über den «Kirmesmörder», dann las man monatelang nichts mehr über Jürgen Bartsch. Beruflich hatte ich in und um Berlin viel zu tun, und ich hatte Bartsch fast vergessen, als die Berichterstattung über die Eröffnung seines Prozesses am 30. November 1967 in Wuppertal plötzlich explodierte. Was ich da las, bestätigte und konturierte mein intuitives Bild von der psychologisch tiefkranken Familie Bartsch in Langenberg. Einen ganzen Mittwoch hatte der «dezent angezogene», «liebenswürdige», «nett aussehende», «sympathische» junge Mörder da im Wuppertaler Gerichtssaal mit dem Mikrophon in der Hand gestanden und angefangen, seine eigene Geschichte in allen Einzelheiten endlich bloßzulegen. Die sensationellen Berichte darüber waren lang, aber für mich war klar, daß sie trotzdem nur an der Oberfläche bleiben mußten. Dieser Prozeß erforderte ja wesentlich mehr als nur die übliche journalistische Sachkenntnis.

Im Bonner Hauptbüro von Time & Life arbeiteten mehrere Kollegen, die für das Bundesgebiet verantwortlich waren, aber nach reiflicherer Überlegung habe ich doch den dortigen Chef Hermann Nickel angerufen und mich angestrengt, ihn davon zu überzeugen, daß der Prozeß in Wuppertal eine psychologische und soziologische Fundgrube werden würde und daß er diesen Auftrag mir zuteilen solle. Er erklärte mir, die wöchentliche Nachrichtenkonferenz habe gerade am Vortag in New York stattgefunden; wir müßten nun also die sechs Tage bis zur nächsten Redaktionskonferenz abwarten.

Das Gericht in Wuppertal tagte in Sachen Bartsch nur montags, mittwochs und freitags und hatte an einem Mittwoch angefangen. Ich mußte also nicht einen, sondern zwei Tage warten, ehe die Berichte über den zweiten Prozeßtag erschienen. Sie waren vielleicht noch ausführlicher als die ersten; je mehr der Angeklagte erzählte, desto ungeheuerlicher und unglaublicher wurde seine Geschichte. Ich habe Hermann Nickel noch einmal angerufen und gesagt, dieser Stoff sei einfach zu wertvoll, um auf eine Entscheidung aus New York zu warten. Ich hatte schon die Aussagen von zwei unersetzlichen Tagen versäumt; um nicht noch mehr zu verpassen, würde ich auch ohne Auftrag nach Wuppertal fahren. So geschah es, daß ich – als einziger Ausländer, soviel ich merkte – dem Prozeß in Wuppertal vom dritten Verhandlungstag an beiwohnte und mir darüber umfassende Notizen machte.

Fast alle Sitzungen des Prozesses fanden unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt; bei einer Sitzung mußten auch wir Presseleute, auf Antrag des Angeklagten, den Saal verlassen. Am Tage meiner Ankunft in Wuppertal hatte ich mich dem Gerichtsvorsitzenden Dr. Walter Wülfing persönlich vorstellen müssen, um meine Zulassung zum Prozeß zu bekommen. Ziemlich bald lernte ich auch den Verteidiger Heinz Möller und seinen Referendar Hartwig Kolbe kennen. Ein Ortskundiger erzählte mir, Gerhard Bartsch, Jürgens Vater, sei mit den Problemen seines Sohnes zu Rechtsanwalt Möller gegangen, weil der ihn in irgendeiner kleinen Verkehrsangelegenheit schon einmal vertreten hatte. Nicht nur Heinz Möller – ein kluger, gutherziger, gewissenhafter, sympathischer Anwalt, Familienvater mit vier Kindern, absolut ohne jegliche Erfahrung in solchen Alpträumen wie dem Fall Bartsch – war durch diesen Prozeß überfordert. Ich glaube, ich war der erste, der ihm vorschlug, als zusätzlichen Gutachter einen Psychoanalytiker beizuziehen. Er stellte zwar einen entsprechenden Antrag (es handelte sich um den damals bekanntesten Analytiker in Deutschland, Alexander Mitscherlich), aber das Gericht lehnte diesen – wie so viele Anträge der Verteidigung – schroff ab.

Irgendwann im Laufe des Prozesses wurde ich plötzlich, völlig ohne Vorwarnung, selber zum Teilnehmer. Heinz Möller hatte eine einschlägige wissenschaftliche Arbeit in englischer Sprache gefunden und versuchte sie, mit hörbarer Mühe, vorzulesen. Mit einer dramatischen Handbewegung rief der Vorsitzende: «Halt! Wir haben ja einen Amerikaner unter uns. Bitte, Mister Moor!» Ein anderer Richter erinnerte den Vorsitzenden daran, daß ich zunächst als Gerichtsdolmetscher vereidigt werden müßte. Ehe ich wirklich wußte, was los war, stand ich da unten neben Heinz Möller, und jeder Anwesende – auch der Angeklagte, natürlich – musterte den Exoten. So kam es, daß Jürgen Bartsch, als ich ihm einige Wochen später meinen ersten Brief schickte, wenigstens einen visuellen Eindruck von mir hatte.

Am 15. Dezember 1967 ging der Prozeß nach zwei dramatischen Wochen zu Ende. Kurz zuvor hatte ich Heinz Möller gebeten, seinem Mandanten zu sagen, ich sei daran interessiert, ein ganzes Buch über ihn und diesen Prozeß zu schreiben. Als ich das Gericht um die Genehmigung ersuchte, den verurteilten Jürgen Bartsch zu interviewen, hat der Gerichtsvorsitzende Dr. Wülfing abgelehnt.

Meine eigenen Briefe an Jürgen Bartsch habe ich leider nicht aufgehoben – damals hatte ich nicht daran gedacht, daß das Interesse für den «Fall Bartsch» bis zum heutigen Tage andauern würde –, aber der erste Brief, den ich von ihm erhielt, trägt das Datum 23. Januar 1968 und fängt an: «Lieber Herr Moor! Zuerst einmal den allerherzlichsten Dank für Ihre liebe Karte vom 9. 1. 68 und auch für das Weihnachtstelegramm vom 24. 12. 67, daß [sic]1 mir sehr viel Freude gemacht hat.» Damals konnte ich nicht ahnen, was aus diesem Briefwechsel werden würde und was für eine Verantwortung ich mir da ungewollt aufgebürdet hatte.

Irgendwann im Laufe von Monaten wurde mir klar, daß diese Verantwortung wesentlich gewichtiger war als ursprünglich angenommen. Am klarsten wurde diese Entdeckung im Frühling 1968 in New York beim Dinner mit meinem ersten Analytiker und dessen Frau, auch einer Analytikerin. Am Schluß eines längeren Gesprächs über den Fall Jürgen Bartsch und über meinen Briefwechsel mit ihm blickte mich mein Gastgeber lange an, ehe er schließlich sagte: «Vielleicht bist du dir noch nicht darüber im Klaren, aber de facto bist du der Therapeut dieses jungen Mannes geworden.»

Betonen möchte ich, daß ich mir niemals angemaßt habe, Jürgen Bartsch zu «behandeln», psychoanalytisch oder sonstwie; aber eine von mir naiverweise nicht vorausgesehene psychoanalytische Entwicklung ist trotzdem nicht lange ausgeblieben: das, was Freud die Übertragung nannte. In der Übertragungssituation erlebt der Analysand eine unendlich breite Skala von Emotionen, die zwischen Haß und Liebe pendeln. Mehr als einmal seit 1968 bekam ich mehr oder minder deutlich vermittelt, ich hätte mich wohl in Jürgen «verliebt». Daß ich ihn geliebt habe, verneine ich nicht: Er war immerhin mein Spiegelbild, in dem ich sah, wie ich unter Umständen sehr leicht selber hätte werden können. Als ein solches Alter ego liebte ich Jürgen und hatte unendlich Mitleid mit ihm. Lieben konnte ich ihn, ja. Aber verlieben in ihn? Nein.

Es gibt viele körperliche Krankheiten mit schrecklichen, ekelerregenden Symptomen, aber gewissenhafte Ärzte und Krankenschwestern überwinden ihre spontane und verständliche Abscheu, um solchen Patienten zu helfen. Bei psychisch Kranken gibt es manchmal genauso schreckliche und ekelerregende Symptome – zum Beispiel Kindesmord; aber um solch einem Menschen helfen zu können, muß man die wissenschaftliche Grundhaltung beibehalten, dann kann man zwischen Tat und Täter differenzieren und seine Abscheu gegen die Tat überwinden, um den Täter wirklich zu verstehen und – vielleicht – ihm zu helfen.

 

Die Korrespondenz zwischen Jürgen Bartsch und mir dauerte insgesamt etwas mehr als neun Jahre. Seinen letzten Brief an mich hat er am 21. April 1976 geschrieben; eine Woche später, neunundzwanzig Jahre alt, ist er an Herzversagen gestorben.

Der Revisionsprozeß gegen ihn ging am 6. April 1971 in Düsseldorf zu Ende. Einige Monate vorher hatte das ZEITmagazin die ersten Auszüge aus Briefen von Jürgen Bartsch an mich veröffentlicht. Bis dahin hatte er schon fast tausend nachhakende, heikle, psychoanalytisch orientierte Fragen von mir ausführlich beantwortet; auf dem Papier hatte ich ihn besser – sogar intimer – kennengelernt als manchen persönlichen Freund.

Bald nach dem Revisionsurteil habe ich ein Manuskript mit dem Titel Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch geschrieben. Als das Taschenbuch erschien, hatte ich insgesamt nur drei halbe Stunden mit Jürgen verbringen dürfen, und zwar in Gegenwart eines Justizbeamten.

Nach dem Urteil lief die Korrespondenz selbstverständlich weiter. Solange Jürgen Bartsch im Düsseldorfer Untersuchungsgefängnis saß, wurde er einmal in der Woche von einer mutigen Ärztin, Margret Suhr-Effing, psychotherapeutisch behandelt. Sie und ihr Mann (auch Arzt) und ich haben uns kennengelernt und spontan einen freundschaftlichen Kontakt zueinander gefunden. Bald danach hat Jürgen Frau Suhr und mich von unserer beruflichen Schweigepflicht entbunden, damit wir enger zusammenarbeiten konnten. Irgendwann damals hat ihr Jürgen gesagt, sie sollte mir ausrichten, daß ich für ihn der wichtigste Mensch geworden sei und sie der zweitwichtigste.

Ein erfahrener Analytiker hätte wahrscheinlich mit dieser Entwicklung gerechnet, während ich damals mit Überraschung reagierte. Mir wurde klar, daß dies kein einfacher Austausch von freundlichen Briefen mehr war, sondern eine äußerst ernst zu nehmende persönliche Verantwortung, die im Leben eines so kranken Menschen eine entscheidende Bedeutung bekommen konnte. Jürgen Bartsch ist 1946, ich bin 1924 geboren; seine Briefe bezeugen, daß er mich nicht nur als Freund, sondern auch als Vaterfigur betrachtete. Es dürfte keinen überraschen, wenn ich ihn hier nicht Bartsch oder Jürgen Bartsch, sondern Jürgen nenne.

Am 15. November 1972 – fast sechseinhalb Jahre nach seiner Verhaftung und neunzehn Monate nach dem endgültigen Urteil – kam er als Patient in die geschlossene Abteilung des Landeskrankenhauses in dem kleinen westfälischen Nest Eickelborn, zwischen Soest und Lippstadt, wo er endlich offiziell, nach dem Buchstaben des Gesetzes, richtig behandelt werden durfte. Seine Briefe an mich dokumentieren, wie seine verzweifelten Wünsche nach Behandlung dort scheiterten, scheitern mußten.

Ich habe leider nie ein Tagebuch geführt, aber viele Male habe ich Jürgen in Eickelborn besucht. Der Direktor des Krankenhauses, Dr. Schneller, kannte mein Taschenbuch, hatte eine positive Meinung darüber und behandelte mich in der Frage der Besuche wie einen Familienangehörigen. Ich wohnte weiterhin in Berlin, aber jedesmal, wenn ich Gelegenheit hatte, mit dem Wagen in die Bundesrepublik zu fahren, versuchte ich es einzurichten, den Nachmittag und den Vormittag des nächsten Tages mit Jürgen zu verbringen und dazwischen in Soest oder Lippstadt zu übernachten. Das habe ich mehrmals gemacht. Es strengte mich unbeschreiblich an, schien aber für ihn besonders wichtig zu sein. Dadurch habe ich ihn natürlich viel gründlicher kennengelernt als zu dem Zeitpunkt, da ich das Taschenbuchmanuskript schrieb.

Es gibt einen weiteren Grund, jetzt dieses große Buch über Jürgen Bartsch zu schreiben. Abgesehen von einem kurzen Artikel über den ersten Prozeß in Time, ist mein erster Bericht über diesen Fall – «Jürgen Bartsch – Mörder ohne Grund?» – in der Zeitschrift Der Monat erschienen. Von Anfang an habe ich versucht, Jürgen Bartsch aus der Perspektive der Psychoanalyse einigermaßen verständlich zu machen, aber damals verfügte ich hauptsächlich über meine eigenen Erfahrungen als Analysand. Der erste Bericht im Monat, dann die im ZEITmagazin veröffentlichten Briefauszüge, dann das Taschenbuch brachten mich in immer engeren Kontakt mit psychologischen, psychiatrischen und psychoanalytischen Kapazitäten in Deutschland und im Ausland, die sich für diesen fast einmaligen Fall interessierten. So kam es, daß ich in Berlin vom Institut für Psychotherapie und, ein Jahr später, vom Berliner Psychoanalytischen Institut zur «informatorischen» Ausbildung angenommen wurde. Am ersten Institut studierte ich ein Jahr, am zweiten sechs, bis ich 1981 Europa, nach zweiunddreißig Jahren, verließ. «Informatorische Ausbildung» bedeutete Zugang zu allen theoretischen Seminaren, nicht aber zu den technischen oder klinischen. Schon bei meiner Antragstellung hatte ich freiwillig eine Art Eid unterschrieben, daß ich mich nie Psychoanalytiker nennen oder Patienten mit psychoanalytischen Methoden zu behandeln versuchen würde. Dank dieser theoretischen Ausbildung fühle ich mich heute wesentlich besser qualifiziert, über Jürgen Bartsch zu schreiben, als ich es früher war.

Während meiner Arbeit an dem vorliegenden Buch schrieb mir Hermann Gieselbusch, seit meiner 1974 erschienenen Euthanasie-Studie mein Freund und Lektor beim Rowohlt Verlag: «Bartsch ist ein Jahrhundertfall; Deine Korrespondenz mit ihm ist eine Singularität, die für alle Zeiten in einer unanfechtbaren Form auch für wissenschaftliche Zwecke aufbereitet werden muß. Ich denke nicht an die sehr strengen Kriterien der philologischen Textkritik. Aber gerade weil Jürgen Bartsch ein sehr origineller, auch schriftstellerisch begabter Mensch war, der eine manchmal eigentümliche, selbstgeschaffene Rechtschreibung kreiert hat, bin ich dafür, die Abweichungen von der durch den Duden geregelten Umgangssprache wohl bis in die Einzelheiten beizubehalten. Gerade für Interpretationen auf dem Boden der Psychoanalyse sind ja sogenannte ‹Fehlleistungen› oftmals von abgründiger Bedeutsamkeit und dürfen keinesfalls um der formalen Korrektheit willen verfälscht werden 

«… ich möchte, daß Du wahrnimmst; wie hoch ich dieses kommende Bartsch-Buch in meiner Vorstellung rangieren lasse. Ich sehe darin ein klassisches Werk wie etwa die Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken von Schreber junior [worüber Sigmund Freud eine seiner bekanntesten Arbeiten schrieb]. Dein Bartsch-Buch wird eben auch in hundert Jahren noch ein Standardwerk sein. Unter diesem Aspekt können Autor und Verlag nur die allerstrengsten Maßstäbe an ihre gemeinsame Arbeit an diesem Buch legen.»

Es gibt verhältnismäßig wenige Fehlleistungen in den Briefen und so gut wie keine von tieferer psychologischer Bedeutung; die letzteren habe ich hier selbstverständlich beibehalten. In meinen Computer habe ich sämtliche Briefe ungekürzt und ungeändert eingespeichert; ein vollständiger Satz Disketten – einschließlich der dreiundzwanzig Kapitel eines «Büchleins», das Jürgen Bartsch in den letzten Monaten vor seinem Tode schrieb – steht zukünftigen Forschern im Berliner Psychoanalytischen Institut, in der Abteilung für Sexualwissenschaft des Klinikums der Universität Frankfurt am Main und im Hamburger Institut für Sexualforschung zur Verfügung. Viel faszinierendes, wissenschaftlich sehr wichtiges Material, das ich im vorliegenden Buch aus Platzmangel nicht ausbreiten konnte, findet sich in meinem 1972 erschienenen Taschenbuch «Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch».

Durch meine Beschäftigung mit Jürgen bin ich um einige neue Freunde reicher geworden. Dazu gehörte von Anfang an der hervorragende Psychoanalytiker Tobias Brocher. Margret Suhr-Effing, die Ärztin, die Jürgen wöchentlich in seiner Gefängniszelle neun Monate lang psychotherapeutisch behandelte, habe ich wegen ihres Mutes besonders bewundert. Mit dem Ärzte-Ehepaar Suhr verband mich, solange die beiden lebten, eine enge Freundschaft; heute fehlen sie mir sehr. Bei dem bald nach dem Revisionsprozeß nach Berlin umgezogenen Ehepaar Rasch habe ich an mehreren Abenden Gastfreundschaft genießen dürfen; unsere Gespräche konzentrierten sich auf die verschiedensten Aspekte von Jürgens Persönlichkeit. Herr Rasch hat mir bei der Vorbereitung meines Taschenbuchs wie kein anderer geholfen. Dietrich Wilke, den ich als jungen Sozialarbeiter des Jugendamts während des ersten Prozesses kennengelernt und beim Revisionsverfahren wiedergesehen habe, ist bis heute ein hilfreicher und zuverlässiger Freund geblieben. Christiane Detje vom Rowohlt Verlag hat mir mehrmals mit Recherchen in Deutschland geholfen, die für mich aus San Francisco, wo ich seit 1982 wohne, unmöglich gewesen wären. Und Hermann Gieselbusch kann ich für seine Unterstützung, seinen Beistand und für seine unentbehrliche Hilfe kaum genug danken; nach seiner redaktionellen Bearbeitung lesen sich meine Texte sogar so, als ob ich tatsächlich anständiges Deutsch schreiben könnte.

Zur Vorbereitung dieses Buches habe ich sämtliche Briefe, Postkarten und sonstige Schriftzeugnisse von Jürgen Bartsch – es sind Hunderte – mit meinem Computer buchstabengetreu erfaßt und alle Dokumente chronologisch geordnet. Komplett hätte die Textmenge ein doppelt so umfangreiches Buch ergeben. Also habe ich eine Auswahl treffen müssen und manche Briefe nur auszugsweise wiedergeben können. Bedenkt man, wie bildungsfern Jürgen aufgewachsen ist, so wird man über seine Begabung für differenzierten sprachlichen Ausdruck nur staunen. Sogar seine Orthographie und Interpunktion waren beachtlich sicher. Die wenigen, psychologisch belanglosen Kleinigkeiten wie die Verwechslung von «das» und «daß» oder von «bez. W.» mit «bzw.» habe ich in den meisten Fällen stillschweigend korrigiert, weil sie den Leser eventuell irritieren und vom Inhalt des Geschriebenen ablenken könnten. Denn wie leicht sind wir alle geneigt, von bloß formalen Patzern auf gewichtige innere Mängel des Schreibenden zu schließen.

Aus unzähligen Mosaiksteinchen entsteht hier ein in der ganzen Weltliteratur einmaliges Selbstbildnis eines jungen Menschen, dem (in den prägnanten Worten von Gerhard Mauz) «überlebenden, verzweifelten Opfer von vier Kindern, die ihm zum Opfer fielen».