Jorge Bucay
Selbstbestimmt leben
Wege zum Ich
Aus dem Spanischen
von Lisa Grüneisen
FISCHER E-Books

Jorge Bucay, 1949 in Buenos Aires, Argentinien, geboren, stammt aus einer Familie mit arabisch-jüdischen Wurzeln. Aufgewachsen ist er in einem überwiegend christlichen Viertel von Buenos Aires. Er studierte Medizin und Psychoanalyse und wurde zu einem der einflussreichsten Gestalttherapeuten.
Jorge Bucay ist im wahrsten Sinn des Wortes ein geborener Geschichtenerzähler. Sein großer internationaler Erfolg verdankt sich der Erfahrung und Kenntnis unterschiedlichster kultureller Einflüsse und seinem stupenden Wissen über den Menschen. Seine Bücher reflektieren alle diese Einflüsse und seine jahrelange therapeutische Erfahrung.
Lisa Grüneisen, 1967 geboren, arbeitet seit ihrem Studium der Romanistik, Germanistik und Geschichte als Übersetzerin. Sie übersetzte unter anderem Carlos Fuentes, Miguel Delibes, Alberto Manguel und Frida Kahlo.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
Niemand ist wirklich unabhängig. Vom ersten Tag unseres Lebens sind wir in soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden. Wir werden erzogen, im Zusammenleben mit anderen gelten bestimmte Regeln, und es wird erwartet, dass wir uns so verhalten, wie andere es von uns verlangen. Sind Freiheit und Unabhängigkeit nur eine schöne Illusion?
Jorge Bucay ist der Auffassung, dass dem nicht so ist. Er untersucht die Geschichte unserer Abhängigkeiten in Familie und Gesellschaft, zeigt ihre unterschiedlichen Formen auf und erzählt, wie es möglich ist, selbstbestimmt und verantwortlich sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Wir alle verfügen über innere und äußere Ressourcen, die es uns ermöglichen, eine Wahl zu treffen, für oder gegen etwas und in voller Verantwortung für unsere Entscheidungen.
So begeben wir uns auf den Weg der Selbstabhängigkeit, der uns weiterführt, hin zum anderen und letztlich zu einem erfüllten Leben.
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg/Simone Andjekovic
Coverabbildung: Marcelino Truong
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die spanische Originalausgabe erschien 2001
unter dem Titel ›El camino de la autodependencia‹
© 2001 Jorge Bucay
The translation follows the edition by Editorial Sudamericana, S.A., Buenos Aires 2001
Published by arrangement with UnderCover Literary Agents
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402823-1
Hamlet Lima Quintana, in: Antología Poética. Edición Edaf.
Fernando Savater, Tu, was du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen. Campus 2007.
Das sind lediglich Tendenzen. Ich will damit nicht sagen, dass das für alle Frauen und alle Männer gilt, noch schließt das eine das andere aus.
Dieser unheilvolle Weg, den wir gewissermaßen als gesamte Menschheit beschreiten, wird auch von gewaltbereiten Gruppierungen in Argentinien und der übrigen Welt beschritten … Was ist da los? Das ist los: Da sind Menschen, die sich ungeliebt fühlen – niemand braucht sie, keiner beachtet sie, niemand bedauert sie in ihrem Leid. Und so beschließen sie, wenigstens gehasst zu werden, und verbreiten Angst und Schrecken. Die Angst, die sie verbreiten, ist ihr einziger Ersatz für die Liebe, die sie nicht bekommen können. Dieses Muster lässt sich auf alle Formen der Gewalt übertragen, von den Punks bis hin zu terroristischen Organisationen. Wer liebt schon einen Terroristen? Ich rechtfertige nichts, aber das hindert mich nicht daran, mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass es ihre Art ist, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen … Irgendwann sind sie vom Weg abgekommen. Irgendwann hat ihnen jemand eingeredet, der einzige Weg, Anerkennung zu finden, sei es, Macht zu erlangen, und nun gibt es kein Zurück mehr. Und doch begann ihr Fall an einem Ort, der ganz eng und leidenschaftlich mit Liebe zu tun hatte.
Aus diesem Grund finden die Bar Mitzwa der Juden, die Konfirmation bei den Katholiken und die Beschneidung bei den Muslimen zwischen dem zwölften und dreizehnten Lebensjahr statt. Damit endete das erste Lebensdrittel und mit ihm die Kindheit.
Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft, den Erkenntnissen über das menschliche Genom und der Entwicklung der neuen Wissenschaft der Neuro-Immunendokrinologie steht es praktisch außer Frage, dass jeder Mensch von Geburt an ein bestimmtes Temperament in sich trägt, das an den Rest der genetischen Information gekoppelt ist: Haarfarbe, Hautfarbe, Geschlecht usw. Das Temperament ist also nichts, was man sich aussucht; es ist angeboren.
Carl Rogers, Entwicklung der Persönlichkeit, Klett-Cotta 2014.
Virginia Satir, Mein Weg zu dir – Kontakt finden und Vertrauen gewinnen, Kösel 2001.
Als in Argentinien in den 80er Jahren das Scheidungsrecht eingeführt wurde, geschah etwas schier Unglaubliches. Die Kirche und konservative Kreise unkten, dass sich nun alle scheiden lassen würden … Dem widersprachen Juristen und auch wir Psychologen entschieden; schließlich sei das Gesetz keine Verpflichtung zur Scheidung, sondern lediglich eine Option. Niemand ist gezwungen, etwas nur deshalb zu machen, weil er die Möglichkeit dazu hat.
Angeblich entschlossen sich nach diesem Vorfall viele Organisatoren, Doktor Perls nicht mehr einzuladen. Man kann davon ausgehen, dass diese Entscheidung die Verbreitung der Gestalttherapie und die Beliebtheit des von ihm geschaffenen therapeutischen Modells nicht eben befördert hat.
Ich kann sogar reagieren, indem ich das genaue Gegenteil dessen tue, was man mir mitgegeben hat. Allerdings wäre auch das eine Form der Abhängigkeit, eine Art »negativer Gehorsam«.
Für meine Ursprungsfamilie
Chela, Elías und Cacho,
durch die ich bin, der ich bin.
Mit Sicherheit gibt es einen Weg,
der vielleicht
auf vielerlei Weise
individuell und einzigartig ist.
Vielleicht gibt es einen Weg,
der mit Sicherheit
auf vielerlei Weise
für alle derselbe ist.
Mit Sicherheit gibt es
einen möglichen Weg.
Dieser Weg ist es, den man finden und gehen muss. Vielleicht macht man sich allein auf und ist überrascht, auf dem weiteren Weg all jenen zu begegnen, die in dieselbe Richtung unterwegs sind.
Dieses endgültige, einsame, persönliche, entscheidende Ziel sollte man nicht vergessen. Denn es ist unsere Brücke zu den anderen, der einzige Verbindungspunkt, der uns unweigerlich mit der Welt dessen verbindet, was ist.
Wie auch immer man das endgültige Ziel nennen mag: Glück, Selbstverwirklichung, Erfüllung, Erleuchtung, Erkenntnis, innerer Frieden, Erfolg, Vollendung oder einfach das endgültige Ziel … Es tut nichts zur Sache. Wir alle wissen, dass es darum geht, gut dort anzukommen.
Manche gehen unterwegs in die Irre und treffen ein wenig später ein, andere finden eine Abkürzung und werden zu kundigen Führern für die anderen.
Einige dieser Wegführer haben mich gelehrt, dass es viele Wege gibt, die ans Ziel führen, unendlich viele Ausgangspunkte, Tausende von Optionen und Dutzende von Routen, die in die richtige Richtung führen. Wege, die jeder für sich geht.
Doch es gibt einige Wege, die stets Teil des ganzen Weges sind.
Wege, denen man nicht ausweichen kann.
Wege, die man gehen muss, wenn man weiterkommen will.
Wege, auf denen wir lernen, was man unbedingt wissen muss, um das letzte Wegstück in Angriff zu nehmen.
Für mich sind diese unerlässlichen Wege die folgenden vier:
Der Weg der endgültigen Begegnung mit sich selbst. Ich nenne ihn den Weg der Selbstabhängigkeit.
Der Weg der Begegnung mit dem anderen, mit der Liebe und der Sexualität. Ich nenne ihn den Weg der Begegnung.
Der Weg der Verluste und des Schmerzes. Ich nenne ihn den Weg der Tränen.
Und schließlich den Weg der Erfüllung und der Sinnsuche. Ich nenne ihn den Weg des Glücks.
Auf meiner eigenen Reise habe ich die Hinweise studiert, die andere auf ihrer Reise hinterließen, und ich verwendete einige Zeit darauf, meine eigenen Wegkarten zu zeichnen.
Meine Karten dieser vier Wege wurden in jenen Jahren zu einer Art Leitfaden, der mir dabei half, wieder auf den Weg zurückzufinden, wenn ich die Orientierung verlor.
Vielleicht können meine Bücher dem einen oder anderen eine Hilfe sein, der wie ich immer wieder vom Weg abkommt, und vielleicht auch jenen, die in der Lage sind, Abkürzungen zu finden. Aber eine Karte ist immer etwas anderes als die Landschaft selbst, und wir müssen die Route immer wieder korrigieren, wenn wir aufgrund unserer eigenen Erfahrungen einen Fehler des Kartographen entdecken. Nur so können wir den Gipfel erreichen.
Hoffentlich begegnen wir uns dort.
Das würde bedeuten, dass du es geschafft hast.
Und es würde bedeuten, dass auch ich es geschafft habe.
Jorge Bucay
Die Allegorie von der Kutsche
Eines Tages im Oktober sagt eine vertraute Stimme am Telefon zu mir:
»Komm mal vor die Tür. Da ist ein Geschenk für dich.«
Begeistert renne ich auf die Straße, und da steht sie: eine prächtige Kutsche, die genau vor meiner Tür hält. Sie ist aus glänzendem Nussbaumholz, mit Bronzebeschlägen und Lampen aus weißem Porzellan, sehr vornehm, sehr elegant, sehr »chic«. Ich öffne den Wagenschlag und steige ein. Eine breite, dick gepolsterte Bank aus bordeauxrotem Samt sowie weiße Spitzenvorhänge verleihen dem Innenraum ein herrschaftliches Gepränge. Ich nehme Platz und stelle fest, dass alles wie für mich gemacht ist: Beinfreiheit, Sitztiefe, Deckenhöhe … Alles ist sehr bequem, da ist kein Platz für jemand anderen. Ich schaue aus dem Fenster: Auf der einen Seite ist die Fassade meines Hauses zu sehen, auf der anderen das Nachbarhaus … Und ich sage mir: »Was für ein wunderbares Geschenk! Einfach phantastisch …«, und ich genieße eine ganze Weile dieses Gefühl.
Doch nach einiger Zeit beginne ich mich zu langweilen. Die Aussicht aus dem Fenster ist immer dieselbe. Ich frage mich, wie lange man immer dasselbe ansehen kann. Und ich komme zu dem Schluss, dass dieses Geschenk, das man mir gemacht hat, völlig nutzlos ist.
Gerade, als ich meinem Unmut lautstark Ausdruck verleihen will, kommt mein Nachbar vorbei und sagt, als könne er meine Gedanken lesen:
»Merkst du nicht, dass dieser Kutsche etwas fehlt?«
Ich mache ein ratloses Gesicht, während ich die Polster und Wandbespannungen betrachte.
»Die Pferde fehlen«, setzt er hinzu, bevor ich fragen kann.
Ach, deshalb verändert sich die Aussicht nicht, denke ich. Deshalb ist es so eintönig …
»Stimmt«, sage ich.
Ich gehe zur Poststation und spanne zwei Pferde vor den Wagen. Dann steige ich wieder ein und rufe von drinnen:
»Hüh!!!«
Die Landschaft, die an mir vorüberzieht, ist wunderbar, einzigartig, sie verändert sich fortwährend und versetzt mich in Staunen.
Doch nach einiger Zeit spüre ich, wie die Kutsche zu vibrieren beginnt, und ich bemerke einen Riss in einer der Seitenwände.
Es sind die Pferde, die mich auf schreckliche Wege führen; sie jagen durch sämtliche Schlaglöcher, galoppieren über Randsteine, bringen mich in gefährliche Viertel.
Mir wird bewusst, dass ich keinerlei Kontrolle habe. Die Pferde machen mit mir, was sie wollen.
Am Anfang war die Fahrt wirklich schön, aber irgendwann merke ich, dass es sehr gefährlich ist.
Ich bekomme Angst und stelle fest, dass auch das mir nichts nützt.
In diesem Moment sehe ich meinen Nachbarn in seinem Auto vorbeifahren. Ich brülle ihn an:
»Was hast du mir angetan?«
Er schreit zurück:
»Du hast den Kutscher vergessen!«
»Oh …«, sage ich.
Unter großer Mühe bringe ich mit seiner Hilfe die Pferde zum Stehen und beschließe, einen Kutscher einzustellen. Ein paar Tage später tritt er seinen Dienst an. Er ist ein zuverlässiger, umsichtiger, erfahrener, stets schlecht gelaunter Mann.
Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich bereit bin, das Geschenk, das man mir gemacht hat, wirklich zu genießen.
Ich steige ein und mache es mir bequem, dann sehe ich aus dem Fenster und sage dem Kutscher, wo es hingehen soll.
Er lenkt, er hat die Lage unter Kontrolle, er entscheidet über die angemessene Geschwindigkeit und wählt die beste Route.
Und ich genieße die Fahrt.
Diese kleine Geschichte soll dazu dienen, das ganzheitliche Konzept des Seins zu veranschaulichen.
Bei der Geburt verlassen wir unser »Haus« und erhalten ein Geschenk: unseren Körper. Eine Kutsche, nur gemacht für uns. Ein Fortbewegungsmittel, das sich im Laufe der Zeit allen Veränderungen anpassen kann und doch während der gesamten Reise ein- und dasselbe bleibt.
Nicht lange nach der Geburt wird unser Körper von einem inneren Drang nach Bewegung erfasst, von einer tiefen Notwendigkeit, dem unstillbaren Bedürfnis, sich in Bewegung zu setzen. Doch ohne Pferde ist die Kutsche – unser Körper – nutzlos. Diese Pferde sind unsere Impulse, unsere Triebe und Gefühle.
Eine Zeitlang geht alles gut, doch irgendwann stellen wir fest, dass diese Impulse uns auf riskante und bisweilen gefährliche Wege führen. Dann müssen wir sie zügeln. Hier kommt nun der Kutscher ins Spiel: unser Kopf, unser Intellekt, unsere Fähigkeit zu rationalem Denken. Dieser Kutscher wird uns der beste Wegführer sein.
Man muss sich bewusst machen, dass jeder von uns mindestens drei dieser Komponenten, von denen hier die Rede ist, in sich trägt.
Auf der Reise deines Lebens bist du die Kutsche, du bist die Pferde, und du bist der Kutscher.
Du musst ein Gleichgewicht zwischen all diesen Teilen herstellen und darauf achten, keines der drei zu vernachlässigen.
Wenn du zulässt, dass dein Körper nur von deinen Impulsen, deinen Gefühlen oder Leidenschaften geleitet wird, kann das sehr gefährlich werden. Du brauchst deinen Kopf, um eine gewisse Ordnung in dein Leben zu bringen.
Die Aufgabe des Kutschers ist es, sich Gedanken über den Weg zu machen. Aber letztendlich sind es die Pferde, die die Kutsche ziehen. Lass nicht zu, dass der Kutscher sie vernachlässigt. Sie müssen genährt und gepflegt werden, denn was würdest du ohne die Pferde machen? Was würde aus dir, wenn du nur aus Körper und Gehirn bestehen würdest? Wie sähe das Leben aus, wenn du keine Wünsche und Sehnsüchte hättest? Es wäre wie bei diesen Menschen, die ohne Kontakt zu ihren Emotionen durchs Leben gehen und deren Kutsche einzig und allein von ihrem Verstand angetrieben wird.
Natürlich darfst du auch die Kutsche nicht vernachlässigen, schließlich muss sie die ganze Reise hindurch halten. Und das bedeutet, sie zu reparieren, sie zu pflegen und alles Notwendige zu tun, um sie in einem guten Zustand zu erhalten. Wenn sich keiner um sie kümmert, geht die Kutsche kaputt, und wenn die Kutsche kaputtgeht, ist die Reise zu Ende.
Erst in dem Moment, in dem ich das verinnerlicht habe, in dem ich mir darüber im Klaren bin, dass ich mein Körper, mein Kopfschmerz und mein Appetit bin, mein Verlangen, meine Wünsche und Instinkte; dass ich meine Gedanken bin, mein Verstand und meine Erfahrungen … Erst dann bin ich in der Lage, mich gut gerüstet auf den Weg zu machen. Den Weg, für den ich mich heute entscheide.
Unterschiedliche Formen der Abhängigkeit
Hamlet Lima Quintana schreibt[1]:
Alles ist eine Frage des Lichts,
das auf die Dinge fällt …
Alles ist eine Frage der Form,
der Konturen,
der Auslassungen und
Unwägbarkeiten.
Alles ist auch eine Frage dessen,
wie die Zeit uns prägt,
wie, was uns umgibt, zu dem macht, was wir sind.
Im Grunde geht es darum, zu wählen,
ob man den Schatten folgt
oder sich damit abfindet, der Verfolgte zu sein.
Ein merkwürdiges »To be or not to be«
in diesem Beinahe-Sein,
in diesem Beinahe-Nichtsein.
Aus den Schatten herausfinden
oder die Schatten beständig werden lassen.
Und sich auf der letzten Etappe des Abgrunds,
wenn wir die anderen befreit haben,
all jene anderen,
daran erinnern,
dass man selbst der Gefangene ist.
Und von nun an …
frei werden.
Um den Begriff der Abhängigkeit zu begreifen, lohnt es sich, uns vorzustellen, dass wir auf manche Weise frei und auf vielerlei Weise Gefangene sind. In diesem »Beinahe-Sein und Beinahe-Nichtsein«, von dem der Dichter spricht, von der Frage auszugehen: Welchen Sinn und welche Bedeutung messen wir der Tatsache bei, dass wir von anderen abhängig sind?
Ich greife hier einen Gedanken wieder auf, für den ich seinerzeit einen eigenen Begriff formte: die Selbstabhängigkeit (= Autodependenz).
Gibt es nicht schon genügend Wörter, die auf dieselbe Wurzel zurückgehen?
Abhängigkeit = Dependenz
Co-Abhängigkeit = Co-Dependenz
Wechselseitige Abhängigkeit = Interdependenz
Un-Abhängigkeit = Independenz
Braucht es da noch ein weiteres?
Ich glaube ja.
Das Wort abhängig – dependiente – leitet sich im Spanischen von pendiente – hängend – ab, bezeichnet also etwas, das sich ohne Kontakt zu einem Untergrund in der Luft befindet.
Gleichzeitig bezeichnet es etwas, das unvollständig ist, ohne Abschluss, etwas Unerledigtes. In der maskulinen Form bezeichnet es zudem ein Schmuckstück, einen Anhänger oder Ohrring nämlich. Ist es weiblich, bezeichnet es eine abschüssige Fläche, einen Abhang, der durchaus schwierig zu erklimmen und gefährlich sein kann.
Bei all diesen Bedeutungen und Ableitungen ist es nicht verwunderlich, dass das Wort Abhängigkeit in uns Bilder hervorruft, die wir zu seiner Erklärung verwenden:
Abhängig ist jemand, der sich an einen anderen hängt, der quasi ohne Bodenhaftung in der Luft schwebt, wie ein Schmuckstück, ein Anhänger oder Anhängsel dieses anderen. Jemand, der am Abhang, am Abgrund steht, ewig unvollkommen, ewig unvollständig.
Es war einmal ein Mann, der litt an der absurden Angst, sich in der Menge zu verlieren. Alles begann an einem Abend, als er noch sehr jung war. Es war auf einem Maskenball. Jemand hatte ein Foto gemacht, auf dem alle Gäste in einer Reihe standen. Aber als er es betrachtete, konnte er sich nicht finden. Er hatte sich für ein Piratenkostüm mit Augenklappe und Kopftuch entschieden, aber viele andere waren in einer ähnlichen Verkleidung gekommen. Er hatte die Wangen rot angemalt und sich ein Schnurrbärtchen aufgemalt, aber es gab noch mehr Kostümierte mit roten Bäckchen und Schnurrbärten. Er hatte sich prächtig amüsiert auf dem Fest, aber auf dem Foto sahen alle sehr vergnügt aus. Schließlich fiel ihm wieder ein, dass er den Arm um ein blondes Mädchen gelegt hatte, als das Foto gemacht wurde; also versuchte er diesen Anhaltspunkt auf dem Foto auszumachen. Jedoch vergeblich: Mehr als die Hälfte der Frauen war blond, und nicht wenige zeigten sich Arm in Arm mit einem Piraten.
Dem Mann machte dieses Erlebnis sehr zu schaffen. In der Folge ging er jahrelang nirgendwo mehr hin, aus Angst, sich erneut zu verlieren.
Aber eines Tages fand er eine Lösung: Ganz gleich zu welchem Anlass, von nun an würde er stets braune Kleidung tragen. Braunes Hemd, braune Hose, braunes Sakko, braune Strümpfe, braune Schuhe. »Wenn dann jemand ein Foto macht, weiß ich immer, dass ich der Mann in Braun bin«, sagte er sich.
Im Laufe der Zeit hatte unser Protagonist Hunderte von Gelegenheiten, seine Schläue bestätigt zu sehen: Wenn er sich neben anderen Passanten in den Schaufenstern der großen Geschäfte spiegelte, beruhigte er sich immer wieder mit dem Satz: »Ich bin der Mann in Braun.«
Im darauffolgenden Winter schenkten ihm Freunde einen Wellnesstag. Der Mann war begeistert; er war noch nie in einem solchen Bad gewesen und hatte von Freunden schon viel über die Vorzüge von Wechselbädern, finnischer Sauna und Dampfbad gehört.
Im Bad angekommen, reichte man ihm zwei Handtücher und forderte ihn auf, in einer Kabine die Kleider abzulegen. Der Mann zog die Jacke aus, die Hose, den Pullover, das Hemd, Schuhe und Strümpfe … Als er auch die Unterhose ablegen wollte, fiel sein Blick in den Spiegel, und er erstarrte. »Wenn ich das letzte Kleidungsstück ausziehe, bin ich ein Nackter unter Nackten«, dachte er. »Und wenn ich mich verliere? Wie soll ich mich wiederfinden ohne diesen Hinweis, der mir so gute Dienste geleistet hat?«
Eine gute Viertelstunde saß er in Unterhosen in der Kabine und überlegte, ob er wieder gehen sollte … Dann fiel ihm ein, dass er vielleicht ein Identitätsmerkmal bei sich behalten konnte, wenn er schon nicht angezogen bleiben konnte. Ganz vorsichtig zupfte er einen Faden aus seinem Pullover und band ihn sich um den rechten großen Zeh. »Falls ich mich verliere, weiß ich: Der mit dem braunen Faden um den Zeh bin ich«, sagte er sich.
Nun beruhigt, genoss er den heißen Dampf in der Sauna und schwamm ein paar Bahnen. Dabei bemerkte er nicht, dass sich der Wollfaden im Wasser von seinem Zeh löste und auf der Oberfläche trieb. Als ein anderer Schwimmer den