Hans Diefenbacher | Oliver Foltin | Benjamin Held | Dorothee Rodenhäuser | Rike Schweizer | Volker Teichert
Zwischen den Arbeitswelten
Der Übergang in die Postwachstumsgesellschaft
FISCHER E-Books

Alle Autorinnen und Autoren sind wiss. Mitarbeiter im Arbeitsbereich Frieden und Nachhaltige Entwicklung des Instituts für interdisziplinäre Forschung (FEST) Heidelberg.
Prof. Dr. Hans Diefenbacher, geb. 1954, ist stellvertretender Leiter der FEST und apl. Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg.
Dr. Oliver Foltin, geb. 1981, ist Leiter des Projektbüros Klimaschutz der EKD, studierte Ökonomie in Mannheim und Heidelberg.
Dipl. Volksw. Benjamin Held, geb. 1985, studierte Ökonomie in Heidelberg und befasst sich mit Nachhaltigem Konsum und Alternativen zum BIP.
Dorothee Rodenhäuser, M. A., geb. 1983, studierte Ökonomie und Politikwissenschaft in Heidelberg und Lausanne. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Alternativen zum BIP und Indikatoren der sozial-ökologischen Transformation.
Dipl. Soz.-Wiss. Rike Schweizer, geb. 1984, studierte Sozialwissenschaften in Mannheim und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klima-Kollekte gGmbH.
Dr. Volker Teichert, geb. 1954, studierte Volkswirtschaftslehre und Erziehungswissenschaften in Heidelberg, Promotion in Kassel, hat seine Arbeitsschwerpunkte im Nachhaltigkeitsmanagement und in der Nachhaltigen Entwicklung.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Wachstum hat Grenzen. Die Gesellschaft steht deshalb schon heute vor der Herausforderung, neue Leitbilder zu entwickeln, um den Übergang in die Postwachstumsgesellschaft bewerkstelligen zu können. Denn eine zukunftsfähige Ökonomie muss sich vor allem an ökologischen und sozialen Zielen orientieren. Eine entscheidende Rolle bei diesem Prozess kommt dabei der Gestaltung des Arbeitslebens zu. Und dessen Transformation – von einem industriekapitalistischen hin zu einem gemeinwesenorientierten Leitbild – hat schon längst begonnen.
Entwürfe für eine Welt mit Zukunft
Herausgegeben von Harald Welzer und Klaus Wiegandt
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: Philipp Striegler, Berlin, aus dem Methodenheft: ›Endlich Wachstum!‹ von FairBindung e.V., Berlin
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403731-8
Online Datenbank: The Maddison-Project, URL: http://www.ggdc.net/maddison/maddison-project/home.htm, 2013 version
Daten auch online abrufbar; URL: http://ourworldindata.org/data/resources-energy/energy-production-and-changing-energy-sources/#note-1
Die »Trente glorieuses« (zu dt. »dreißig glorreiche [Jahre]«) stehen für den Aufschwung der Nachkriegszeit in Frankreich.
The Maddison-Project, URL: http://www.ggdc.net/maddison/maddison-project/home.htm, 2013 version, siehe auch Hinweise zu Methodik und Datenquellen in Bolt/van Zanden 2014.
Vgl. für eine Übersicht unterschiedlicher Positionen z.B. Hopwood et al. 2005.
Vgl. etwa Jänicke 2011, WBGU 2011 sowie die von Koepp et al. 2015 dargestellten Positionen.
Informationen zu dem als »historisch« gefeierten Abkommen bietet die Konferenzwebsite unter http://www.cop21.gouv.fr/en/, für eine kurze Zusammenfassung und Einschätzung des Vertrags vgl. beispielsweise Bodle et al. 2016 und Sommer/Müller 2016.
Vgl. etwa Adler/Schachtschneider 2010, Ott 2011, Ott 2012, Schmelzer 2015, für die internationale Diskussion u.a. Urhammer/Røpke 2013, Martinez-Alier et al. 2010; speziell zum Thema Arbeit Koepp et al. 2015.
Vgl. die Mehrzahl der Beiträge in Rätz et al. 2011.
Für solche Übersichten siehe z.B.: Hahn und Gall (2011) und Wehler (2008).
Zur »organisatorischen Revolution« vgl. Snower (1997), Gual i Sole (1998) und Eichhorst et al. (2013).
Der folgende Abschnitt ist ein gekürzter und überarbeiteter Ausschnitt aus Diefenbacher (1996).
Landauer (1910/13): In Sachen der Konsumgenossenschaften. In: Der Sozialist, 1.10.1910; Sozialismus und Genossenschaft. In: Der Sozialist, 13.10.1910; Vom Sozialismus und der Siedlung. Thesen zur Wirklichkeit und Verwirklichung. In: Aufbruch (Berlin), Heft 4, 1913, 86–93.
Zit. auch bei Furniss (1920, 22); zur merkantilistischen Doktrin vgl. ausführlich Diefenbacher/Ratsch (1992, 85ff).
Die folgenden Absätze nehmen den Argumentationsgang und Teile des Textes von Douthwaite/Diefenbacher (1998, 53ff.) auf.
Dieses Modell sah im Wesentlichen ein großes Bürgergeld (600,– € + 200,– € Gesundheitsprämie) bis zu einem Bruttoeinkommen von 1600,– € bzw. ein kleines Bürgergeld (200,– € + 200,– € Gesundheitsprämie) bei einem Bruttoeinkommen von über 1600,– € vor. Unterhalb der Transfergrenze von 1600,– € lag der Steuersatz bei 50 Prozent und oberhalb dieser Grenze bei 25 Prozent (vgl. Blaschke 2010b, 343f).
Siehe als Übersicht für Gemeinschaftswerkstätten www.offene-werkstaetten.org/werkstaetten und für Repair-Cafés www.repaircafe.org/de/.
Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Epoche der expansiven Moderne. Immer weitere Teile der Welt folgten dem industriegesellschaftlichen und wachstumswirtschaftlichen Pfad, ihre Bewohnerinnen und Bewohner erlebten materiellen und vor allem auch immateriellen Fortschritt: Die Gesellschaften demokratisierten sich, wurden freiheitliche Rechtsstaaten. Arbeitsschutzrechte, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialversorgung wurden erkämpft. Im 21. Jahrhundert, da die Globalisierung fast den ganzen Planeten in den wachstumswirtschaftlichen Sog gezogen, aber dabei keineswegs überall Freiheit, Demokratie und Recht etabliert hat, stehen wir vor der Herausforderung, den erreichten zivilisatorischen Standard zu sichern, denn dieser gerät immer mehr unter den Druck von Umweltzerstörung, Ressourcenkonkurrenz, Klimaerwärmung – um nur einige der gravierendsten Probleme zu nennen. Wie sieht eine moderne Gesellschaft aus, die nicht mehr dem Prinzip der immerwährenden Expansion folgt, sondern gutes Leben mit nur einem Fünftel des heutigen Verbrauchs an Material und Energie sichert? Das weiß im Augenblick niemand; einen Masterplan für eine solche Moderne gibt es nicht. Wir brauchen daher Zukunftsbilder, die die Lebensqualität in einer nachhaltigen Moderne vorstellbar machen und mit den Entwürfen einer anderen Mobilität, einer anderen Ernährungskultur, eines anderen Bauens und Wohnens die Veränderung der gegenwärtigen Praxis attraktiv und nicht abschreckend erscheinen lassen.
Deshalb haben wir für die Buchreihe »Entwürfe für eine Welt mit Zukunft« Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebeten, konkrete Utopien künftiger Wirtschafts- und Lebenspraktiken zu skizzieren. Konkrete Utopien, das heißt: Szenarien künftiger Wirklichkeiten, die auf der Basis heute vorliegender technischer und sozialer Möglichkeiten herstellbar sind. Erst vor dem Hintergrund solcher Zukunftsbilder lässt sich abwägen, welche Entwicklungsschritte heute sinnvoll sind, um sich in Richtung einer wünschenswerten Zukunft aufzumachen. Anders gesagt: Ohne Zukunftsbilder lässt sich weder eine gestaltende Politik denken noch die Rolle, die die Zivilgesellschaft für eine solche Politik spielt. Wenn Politik und Zivilgesellschaft wie Kaninchen vor der Schlange ausschließlich auf die Bewahrung eines fragiler werdenden Status quo fixiert sind, verlieren sie die Fähigkeit, sich auf ein anderes Ziel zuzubewegen. Sie verbleiben in der schieren Gegenwart, was in einer sich verändernden Welt eine tödliche Haltung ist.
Nach 18 Bänden der ebenfalls im Fischer-Taschenbuch erschienenen Vorgängerreihe, die unter großer öffentlicher Resonanz eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme des naturalen Status quo der Erde in den einzelnen Dimensionen von den Ozeanen bis zur Bevölkerungsentwicklung vorgelegt hat, wenden wir nun also den Blick von der Gegenwart in die Zukunft – in der Hoffnung, konkrete Perspektiven für die Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen modernen Gesellschaft aufzuzeigen, Perspektiven, die der Politik wie den Bürgerinnen und Bürgern Mut machen, ihre Handlungsspielräume zu nutzen und Wege zum guten Leben einzuschlagen.
Harald Welzer & Klaus Wiegandt
Das vorliegende Buch haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Arbeitsbereichs »Frieden und Nachhaltige Entwicklung« der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), die an Nachhaltigkeitsthemen forschen, gemeinsam verfasst. Es ist zwischen Anfang 2015 und April 2016 entstanden.
Angeregt und finanziell gefördert wurde das Projekt jedoch von Klaus Wiegandt, dem Begründer der Stiftung Forum für Verantwortung in Seeheim-Jugenheim, der diesem Thema auch Raum gab bei den von ihm mit veranstalteten Kolloquien »Wege aus der Wachstumsgesellschaft« in der Europäischen Akademie Otzenhausen. Wir danken Klaus Wiegandt sehr für seine Inspiration und seine Unterstützung.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu diesem Buch war eine Tagung zum Thema »Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende«, die als vierte Tagung in der Reihe »Die Wirtschaft der Gesellschaft« im September 2015 in Heidelberg stattfand; die Tagungsreihe ist ein Gemeinschaftsprojekt des Nell-Breuning-Instituts der Hochschule St. Georgen, Frankfurt, und der FEST in Heidelberg. Die Vorträge und Diskussionen der Tagung haben uns wertvolle Anregungen für den vorliegenden Band geliefert; die Beiträge zu dieser Tagung werden gesondert veröffentlicht.
Bedanken möchten wir uns auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die zum Buch entweder durch kurze Texte oder durch Mithilfe bei diversen Korrekturgängen beigetragen haben: Rainald Basfeld, Fiona Hauke, Sven-David Pfau und Franziska Strohmaier.
Schließlich gilt unser Dank Ulrike Holler vom Lektorat Sachbuch und Wissenschaft des S. Fischer Verlags, besonders für ihre Geduld und ihre Bereitschaft, sich auf unsere Vorstellungen einzulassen.
Heidelberg, 1. Mai 2016 (Tag der Arbeit)
Hans Diefenbacher, Oliver Foltin,
Benjamin Held, Dorothee Rodenhäuser,
Rike Schweizer, Volker Teichert
Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Die Diskussion dieser Frage hat ihre eigene Geschichte, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt hat, in der bestimmte Grundfragen aber immer wiederkehren. Sie ist gekennzeichnet von vielen Paradoxien und teilweise nur schwer auszuhaltenden Widersprüchlichkeiten. Menschen müssen arbeiten und empfinden ihre Arbeit oft als kaum zu tragende Bürde; doch fehlt die Arbeit einmal, ist auch dies für die Betroffenen eine besonders schwere Belastung – nicht nur, weil ihr Arbeitseinkommen ausfällt, sondern weil sie an der Arbeitswelt keinen Anteil mehr haben. Menschen strengen sich unablässig an, um Arbeitsprozesse zu erleichtern, sei es durch technische Neuerungen oder durch eine Verbesserung der Arbeitsorganisation. Erfolge werden dann aber nur selten in Erleichterungen umgesetzt. Meist produzieren die einen dann mehr als zuvor, und andere werden arbeitslos – und wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Produktionsmittel nicht selbst besitzen, profitieren in der Regel Dritte davon. Seit Beginn der Industrialisierung hat dieser Umstand immer wieder zu Kämpfen gegen arbeitssparende Technik geführt (Chevasseur-au-Louis 2006, Spehr 2000). Die Befürchtung, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehe, kehrt in Wellen immer wieder auch in die akademische Diskussion zurück. So formulierte Hannah Arendt schon 1958:
»Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein? … Es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvollen Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde.« (Arendt 1958, 13)
Dabei reicht die Spanne von der Hoffnung auf paradiesische Zustände bis zu Warnungen vor einer apokalyptischen Zerstörung der Sinnhaftigkeit gesellschaftlicher Strukturen: Nach Albert Camus (1943) müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Zu den Fragen (1) der gesellschaftlichen Verhältnisse, in die die Arbeit eingebettet ist, (2) der Sinnstiftung durch Arbeit für die Arbeitenden selbst und (3) der Veränderung der Arbeitswelt durch Technik hat sich in den letzten Jahrzehnten eine weitere Dimension ungeklärter Fragen in den Vordergrund geschoben, die – das ist nicht schwer zu prognostizieren – im 21. Jahrhundert zunehmende Bedeutung erlangen werden. Zum einen wird es, je höher das Niveau von Produktion und Konsum in entwickelten Industriegesellschaften ist, umso schwieriger, in Zukunft weitere Wachstumspotentiale zu erschließen, für deren Realisierung dann Arbeitstätigkeiten erforderlich wären, die jene ausüben könnten, die durch technischen Fortschritt gerade freigesetzt wurden. In vielen Bereichen sind, was Produkte aber auch Dienstleistungen angeht, Sättigungsgrenzen erreicht oder zumindest in greifbarer Nähe. Zum anderen ist eine beliebige Ausdehnung der Produktion aus ökologischen Gründen nicht möglich, da an vielen Stellen »planetare Grenzen« der ökologischen Belastbarkeit und der Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen ebenfalls erreicht oder absehbar sind. Und selbst wenn es gelänge, Wachstumsprozesse vom Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen und von unerwünschten ökologischen Begleiterscheinungen wie dem Ausstoß von Schadstoffen weitgehend zu entkoppeln, so ist es doch höchst wahrscheinlich, dass es zu einer tiefgreifenden Veränderung der Arbeitswelt kommen muss, um sowohl den Sättigungsgrenzen als auch den ökologischen Grenzen Rechnung zu tragen.
Dass in den letzten beiden Jahrzehnten die Wachstumsraten des BIP im Schnitt niedriger wurden, ist nicht von der Hand zu weisen – siehe hierzu Kapitel 4. Der Versuch, durch politische Maßnahmen weiter hohe Wachstumsraten zu erzielen, hat nicht selten der Strategie geähnelt, einen heiß gelaufenen Motor zu reparieren, indem man noch mehr Gas gibt. Sinkt der Absatz? Dann eben noch mehr und billigere Produkte, auch wenn deren Herstellung mit hohen ökologischen Kosten und fragwürdigen Arbeitsbedingungen verbunden sind. Gibt es zu wenige Investitionen? Dann vielleicht noch mehr billiges Geld in den Markt pumpen, auch wenn dadurch neue Finanzblasen entstehen. Wachstumsraten, wie sie die traditionelle Ökonomie und Politik sich erträumen, sind in den letzten Jahren immer häufiger einfach ausgefallen – was in deren Argumentationslogik als Scheitern, wenn nicht gar als Vorbote einer Katastrophe empfunden wird, mit allen dazugehörigen Ängsten: Renten und Sozialleistungen könnten nicht mehr finanziert, Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden, und die internationale Wettbewerbsfähigkeit sei aufs äußerste bedroht. Das Schicksal der Industriegesellschaften wird so untrennbar mit der Fortsetzung des Wachstumspfades verknüpft, der in dieser Sicht, koste es was es wolle, weiter beschritten werden muss.
Wenn aber die oben ausgeführte These einer doppelten Begrenzung des Wachstums nicht völlig unwahrscheinlich ist, dann würde es bereits die ökonomische Rationalität verlangen, sich zumindest als Möglichkeit darauf einzustellen. Aufgabe wäre dann, einen Weg in eine Gesellschaft »nach« dem Wachstum zu entwerfen, der eben nicht als Debakel erscheint, sondern auf dem versucht wird, die Notwendigkeit der Einhaltung der planetaren ökologischen Grenzen mit einer möglichst hohen Lebensqualität für alle Menschen zu kombinieren – unter der Bedingung, dass die Wirtschaft, gemessen in Einheiten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf, nicht mehr weiter wächst oder sogar wieder schrumpft. Allerdings scheint das BIP gerade mit Blick auf eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit als Kennziffer nicht besonders geeignet zu sein, Erfolg oder Misserfolg der Veränderung der Wirtschaft zu messen. Bei einem zukunftsfähigen Umbau der Wirtschaft werden bestimmte Bereiche der Ökonomie stark schrumpfen, andere wachsen; das Resultat in Einheiten BIP sagt wenig aus. Aber solange sich die Diskussion in der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit immer wieder stark auf das BIP fokussiert, kann der Begriff »Postwachstum« nicht völlig vom BIP entkoppelt werden, auch wenn sich in der Zwischenzeit eine weite Diskussion um alternative Formen der Wohlfahrtsmessung entwickelt hat (vgl. Diefenbacher/Held/Rodenhäuser/Zieschank 2016).
Eine Beschäftigung mit den Gestaltungsmöglichkeiten einer Postwachstumsgesellschaft wäre also bereits durch ökonomische Überlegungen allein ausreichend legitimiert. Darüber hinaus – und den ökonomischen Überlegungen vielleicht sogar vorgeordnet – stellt sich die Frage nach dem menschlichen Maß, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Es wird kaum mehr bestritten, dass der homo oeconomicus, dieses mit einfachen theoretischen Annahmen skizzierte gefräßige Wesen, das niemals satt oder gänzlich zufrieden wird, auch für die Ökonomie kein brauchbares Menschenbild darstellt. Die Frage, wie viel an materieller Ausstattung und Konsum für Menschen genug ist (Skidelsky/Skidelsky 2012, Durning 1992), führt moralphilosophische, ethische und sozialpsychologische Überlegungen erneut an die Ökonomie heran. Aber die Frage, wie viel genug ist, muss auch an die Quantität und – aus der entgegengesetzten Richtung – an die Qualität der Arbeit gestellt werden, die Menschen sich zumuten oder ertragen müssen. Der Kampf um den Achtstundentag war historisch bedeutsam und letztlich erfolgreich (o.Verf. 1890, Leuchten 1978), aber Multitasking, Refa-Prozeduren und andere Formen der Arbeitsverdichtung tun heute das Ihre, um den Erfolg wieder zu relativieren. Und schließlich kann die Frage auch an die Technikentwicklung gerichtet werden, vor allem dann, wenn sie Menschen überflüssig macht oder ihnen unzumutbare Arbeitsbedingungen aufbürdet (Mumford 1967). Durch »Arbeit 4.0« könnte diese Diskussion im 21. Jahrhundert erneut sehr intensiv geführt werden müssen (BMAS 2015, Franken 2015).
Was dies für die Gestaltung menschlichen Arbeitens bedeuten könnte, davon handelt dieses Buch. Auch in einer Postwachstumsgesellschaft, so unsere zentrale These, wird Arbeit für Menschen einen zentralen Stellenwert haben. Um uns der Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten einer zukünftigen Gestaltung der Arbeitswelt in einer Postwachstumsgesellschaft anzunähern, umkreisen wir das Thema und nähern uns ihm aus verschiedenen Perspektiven. In TeilI beschäftigen wir uns mit Konzepten und Erfahrungen in den Bereichen »Arbeit« und »Wachstum«. Kapitel 2 schildert einige wichtige Stationen in der Geschichte des ökonomischen Denkens mit Blick auf Definitionen und auf das Verständnis der Bedeutung von Arbeit, insbesondere am Beispiel des Entstehens der Arbeitswertlehre, die für die Betonung des gesellschaftlichen Stellenwerts von Arbeit eine mindestens ebenso wichtige Bedeutung hat wie alle Formen einer religiös oder moralisch grundierten Arbeitsethik (Furniss 1924). Kapitel 3 zeigt die Entwicklung des Diskurses um Postwachstum und stellt dar, dass sich diese Diskussion bereits in vielfacher Weise ausdifferenziert hat (Koepp/Schunke/Köhler/Schröder 2015).
Kapitel 4 beschreibt die Entwicklung, die Arbeit in der auf Wachstum ausgerichteten Ökonomie genommen hat; hier wird der Boden bereitet, an dem sich die Veränderung in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft abzuarbeiten hätte. Die beiden folgenden Kapitel widmen sich dann den Utopien (Kapitel 5) und den konkreten Realisierungsversuchen (Kapitel 6) von Entwürfen, die sich als Alternativen zur kapitalistischen Arbeitsgesellschaft verstanden und teilweise auch noch verstehen. Die Erkenntnisse über das Gelingen, aber auch das Scheitern dieser Versuche könnten Anregungen zur Gestaltung der Zukunft geben – ebenso wie die Kenntnis der Utopien dazu beitragen kann, Theorien besser auf den Kontext ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beziehen.
In den ersten Kapiteln der vorliegenden Veröffentlichung werden somit viele Fragen grundsätzlich angesprochen, die sowohl Quantität als auch Qualität von Erwerbsarbeit, deren Verteilung, aber auch den Stellenwert anderer Formen der Arbeit betreffen. Die folgenden Fragen erscheinen dabei von besonderer Bedeutung:
Es gibt Sektoren oder Unternehmens- und Arbeitsformen, in denen die Verringerung des Arbeitseinsatzes durch Produktivitätssteigerungen eine geringere Rolle spielt. Wie lässt sich deren Potential zur Schaffung von Arbeitsplätzen nutzbar machen?
Lässt sich Arbeitslosigkeit gegebenenfalls auch bei stagnierendem oder schrumpfendem Volumen bezahlter Arbeit begrenzen, etwa durch strikte Regulierung entsprechender Arbeitszeitverkürzungen und Umverteilung der Erwerbsarbeit?
Welche Möglichkeiten gibt es, eine veränderte Basis für materielle wie immaterielle Bedürfnisbefriedigung zu schaffen – durch Erwerbsarbeit und über diese hinaus? Kann eine Relativierung des zentralen Stellenwerts der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft dazu beitragen, mit einer drohenden »Unterbeschäftigung« auf andere Weise als bisher umzugehen?
Lassen sich auf die vorangehenden Fragen Antworten finden, die gleichzeitig zu einer sozial-ökologischen Transformation beitragen, also zu einem Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, der sowohl den Naturverbrauch auf ein dauerhaft tragfähiges Niveau begrenzt als auch sozial gerecht ist?
Wie bereits angesprochen, wäre es aus Sicht der Autoren und Autorinnen ein zu anspruchsvolles Programm, diese Fragen im vorliegenden Band abschließend beantworten zu wollen. Vielmehr sollen im Folgenden aus verschiedenen Perspektiven einzelne Ansatzpunkte und Handlungsmöglichkeiten, aber auch Widersprüche aufgezeigt werden, denen man aller Voraussicht nach begegnet, wenn man sich auf den Weg in eine Gesellschaft »nach dem Wachstum« begeben will, die mehr ist als eine Wachstumsgesellschaft in der Rezession.
Um Bedingungen und Möglichkeiten der Gestaltung der Arbeitswelt in einer solchen Postwachstumsgesellschaft geht es im Teil II des Buches. Dabei besteht nicht der Anspruch, eine »wünschbare« Zukunft in Form einer konkreten Utopie so präzise wie nur möglich auszumalen. Stattdessen haben wir den Weg gewählt, eine Reihe von Themen aufzugreifen, von denen wir glauben, dass sie unter den Bedingungen einer Postwachstumsgesellschaft in jedem Fall diskutiert werden müssen, um den Menschen eine »Wiederaneignung« ihrer Arbeit (Schmidt 1984) zu ermöglichen, das heißt, an einer Arbeitswelt zu partizipieren, in der die planetaren ökologischen Grenzen eingehalten werden, in der Menschen weder über- noch unterfordert werden, in der sie sich selbst und den von ihnen wirtschaftlich abhängigen Personen durch ihre Arbeit einen angemessenen Lebensstandard finanzieren können, an der sie Freude haben und das Gefühl, etwas zu einem sinnvollen Ganzen beitragen zu können. Wir sind der Ansicht, dass in diesem Zusammenhang folgende Themen notwendig angesprochen werden müssen:
Die Frage der Eigentumsverhältnisse: Sind bestimmte Formen der Organisation der Verfügungsgewalt über Produktionsmittel besser oder schlechter geeignet, um eine Postwachstumsgesellschaft zu realisieren? (Kapitel 7)
Die Frage des Einkommens: Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen die Voraussetzung für eine andere Organisation der Arbeit und ihrer Verteilung? Wie sollten Einkommen verteilt sein, und wie könnte das Verhältnis zwischen Arbeit und Entlohnung überhaupt sinnvoll aussehen? (Kapitel 8)
Die Frage der Arbeitsteilung: Seit der griechischen Antike ist die Funktion der Arbeitsteilung in der Diskussion (Xenophon, 34; Aristoteles, 55b) – wie weit soll sie gehen? In welchem Verhältnis steht Arbeitsteilung zu Konkurrenz und Kooperation als tragendes Gestaltungsprinzip der globalisierten Wirtschaft? (Kapitel 9)
Die Frage der Qualifikation: Ist Bildung in einer Postwachstumsgesellschaft ebenso stark auf die Verwertung in Arbeitszusammenhängen ausgerichtet wie zurzeit? Wie finden niedrig Qualifizierte ihren Platz in der Arbeitswelt, und wie werden die Probleme der Inklusion bewältigt? (Kapitel 10)
Die Frage der Trennung zwischen formeller und informeller Arbeit: Kann die Bedeutung der Erwerbsarbeit im Verhältnis zur Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtlicher Tätigkeit in einer Postwachstumsgesellschaft neu bestimmt werden? Kommt es zu einer Neubewertung reproduktiver Tätigkeiten, vielleicht gar zu einer anderen Einschätzung des Wertes von Muße? (Kapitel 11)
Schließlich die Frage der Arbeitszeit: Kommt es zu einer weiteren Erosion des Normalarbeitstages? Können die Menschen aus weit mehr Angeboten zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten wählen als bisher – und zwar sowohl in Bezug auf ihre Lebensarbeitszeit als auch auf Wochen-, Monats- und Jahresarbeitszeit? (Kapitel 12)
In Kapitel 13 finden sich Ausführungen zur Entwicklung von Arbeitsproduktivität und des Strukturwandels der Wirtschaft. Wenn sich die Struktur der Wirtschaft unter den jeweiligen praktischen Bedingungen einer Postwachstumsgesellschaft verändert, welche Auswirkungen könnte dies dann für die Arbeitsproduktivität, die Inhalte und die Organisation der Arbeit haben, die in diesen Bereichen geleistet wird?
In Kapitel 14, dem Schlusskapitel, werden einige Thesen aufgestellt, wie die nächsten Schritte auf dem Weg in eine Arbeitswelt der Postwachstumsgesellschaft aussehen könnten. Sie alle haben einen außerordentlichen Vorzug: Diese Schritte könnten sicher gegangen werden, bevor die Postwachstumsgesellschaft schon vollendete Realität ist. Würden sie aus der Nische in die breite Praxis der Arbeitswelt Einzug halten, so wäre eine lebenswerte Postwachstumsgesellschaft schon ein gutes Stück näher. Aber auch, wenn diese Schritte kritisch gesehen würden – in keinem Fall wird es möglich sein, die damit angesprochenen Fragen bei der Analyse und der Diskussion einer zukunftsfähigen Entwicklung der Gesellschaft außer Acht zu lassen.
Laut Brockhaus wird mit Arbeit der »bewusste und zweckgerichtete Einsatz der körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte des Menschen zur Befriedigung seiner materiellen und ideellen Bedürfnisse« beschrieben (Brockhaus 1987, 36). Schon aus dieser Definition wird deutlich, dass der Begriff nicht allein auf die Erwerbsarbeit reduziert werden kann, sondern sich auf die vielfältigen Formen der Arbeit zu beziehen hat, die im Haushalt, in der Familie, für Nachbarn und Verwandte, ehrenamtlich und freiwillig, erbracht werden. Im Weiteren wird daher zwischen formeller und informeller Arbeit unterschieden, also auf der einen Seite formelle Arbeit gegen Zahlung eines Lohns oder Gehalts und zum anderen nicht entlohnte, informelle Arbeit in und außerhalb des Haushalts. Wir gehen damit in diesem Buch von einem erweiterten Arbeitsbegriff aus.
Historisch gesehen ist (Erwerbs-)Arbeit ein zentraler Begriff der Menschheit, der sich im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt hat. Noch im antiken Griechenland war er negativ konnotiert. Homer besang den Müßiggang des altgriechischen Adels als erstrebenswertes Ziel und betrachtete körperliche Arbeit als eine nur den Frauen, Sklaven und Knechten gemäße Tätigkeit. Auch Aristoteles unterschied zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, die sich gegenseitig ausschließen würden:
»Es geht nicht an, sich zugleich körperlich und geistig anzustrengen. Es liegt nämlich in der Natur dieser beiden Anstrengungen, dass sie entgegengesetzt wirken: Die körperliche Arbeit beeinträchtigt die geistige Arbeit und diese die körperliche Leistungsfähigkeit.« (Aristoteles, 1337b)
Körperliche Arbeit steht letztlich für Notwendigkeit, Monotonie, Entfremdung und Zwang. Für Aristoteles liegt der eigentliche Sinn des Lebens in der Muße.
Charakteristisch für die christliche Haltung zur Arbeit ist der wohl bekannteste Satz des Paulus: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen« (2. Thessaloniker Brief, 3,10). Mit der christlichen Betonung körperlicher Arbeit wird – wie sich am Zitat von Aristoteles zeigen lässt – ein fundamentales Kriterium sozialer Differenzierung und Diffamierung in der griechisch-römischen Welt aufgehoben. Im Zeitalter der Reformation und später im 17. und 18. Jahrhundert wurde entlohnte, formelle Arbeit schließlich als Legitimation von Eigentum und Quelle von Reichtum aufgewertet. In einer Predigt vom 27. Juni 1529 berief sich Martin Luther (1529, 442) ausdrücklich auf den oben zitierten Satz des Paulus. Müßiggang erklärte Luther hier zum Laster: »Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat. Zum anderen sündigst du gegen deinen Nächsten.«
Karl Marx unterzog den Begriff der Lohn- beziehungsweise Erwerbsarbeit schon in seinen Frühschriften einer deutlichen Kritik, indem er sie als Zwangsarbeit ausweist, der der Einzelne nur entfliehen könne.
»Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird.« (Marx 1844, 514)
Trotz aller Kritik ist »nützliche Arbeit« für Marx das Wesen des Menschen schlechthin, denn sie ist »eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen« (Marx 1890, 57). Die informellen Arbeiten außerhalb der Erwerbsarbeit bleiben bei seinen Betrachtungen außen vor.
Diese Sicht auf die Arbeit inspirierte den Schwiegersohn von Karl Marx, den französischen Sozialisten Paul Lafargue, 1883, zur bekannt gewordenen Streitschrift Das Recht auf Faulheit mit den berühmten Eingangssätzen, die sich an der Diktion des Kommunistischen Manifestes orientierten:
»Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen gehende Arbeitssucht.« (Lafargue 1883, 5)
Lafargue plädierte für ein Gesetz, »das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten« und verknüpfte den Appell nach radikaler Arbeitszeitverkürzung mit der Devise »Arbeit und Enthaltsamkeit«.
»Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion. Dadurch, daß die Arbeiter den trügerischen Reden der Ökonomen Glauben schenken und Leib und Seele dem Laster Arbeit ausliefern, stürzen sie die ganze Gesellschaft in jene industriellen Krisen der Überproduktion, die den gesellschaftlichen Organismus in Zuckungen versetzen. Dann werden wegen Überfluß an Waren und Mangel an Abnehmern die Werke geschlossen, und mit seiner tausendsträhnigen Geißel peitscht der Hunger die arbeitende Bevölkerung. Betört von dem Dogma der Arbeit sehen die Proletarier nicht ein, daß die Mehrarbeit, der sie sich in der Zeit des angeblichen Wohlstands unterzogen haben, die Ursache ihres jetzigen Elends ist.« (Lafargue 1883, 40f.)
In späteren Schriften unterteilte Marx die Arbeit in die konkrete, auf die Herstellung eines bestimmten Produktes gerichtete Arbeit, die es in allen Gesellschaften gibt, und die abstrakte Verausgabung von Arbeitskraft im Kapitalismus, ungeachtet ihres Gebrauchswertes. Die Arbeit im Kapitalismus trägt nach Marx immer einen entfremdeten Charakter, und das nicht nur deswegen, weil die Arbeitenden keinen Einfluss auf Inhalte, Organisationsformen und die Ziele ihrer Arbeit hatten und die Produkte und Mittel der Arbeit ihnen nicht gehörten, sondern eben auch aufgrund der Arbeitsteilung, die dem Einzelnen den Blick auf das Ganze entzieht. Ziel der Arbeiterklasse sollte es daher sein, diesen Doppelcharakter der Arbeit und damit deren Entfremdung zu beseitigen (vgl. Oschmiansky 2010; Liessmann 2000).
»Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andrerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.« (Marx 1867, 61)
Deshalb heißt es im dritten Band des Kapital von Marx auch:
»Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse [sich erweitern]; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.« (Marx 1894, 828; Hervorh. d. Verf.).
Nach Marx lässt sich entfremdete Arbeit nicht vollständig aufheben, selbst im »Reich der Freiheit« nicht, denn ein gewisses Maß an entfremdeter Erwerbsarbeit wird es immer geben, deshalb die Forderung nach der Veränderung der Arbeitsbedingungen und der Verkürzung des Arbeitstages.
Das Arbeitsleid zeigt sich auch im Bundeslied, das Georg Herwegh 1863 anlässlich der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der als Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gilt, auf die Arbeiterklasse verfasst hat, und das 1886 erstmals in der Gedichtsammlung Vorwärts für das arbeitende Volk veröffentlicht wurde (Lavant 1886, 442f.):
Bet’ und arbeit’! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Thüre pocht die Noth –
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.
Und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst –
Sag, o Volk, was du gewinnst!
Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Ueberflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.
Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert!
Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber Nichts für dich!
Und von Allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?
…
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Deiner Dränger Schaar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!
Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Noth der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Noth!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!
Friedrich Engels hat in seiner Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) die elenden Wohnquartiere der Arbeiter in den englischen Industriestädten und die Arbeitssituation des Proletariats beschrieben. Hier geht er auch auf Kinderarbeit, Berufskrankheiten und Sterblichkeitsraten ein. Schließlich zeigt er, wie die Arbeiterfamilien zusätzlich dazu gezwungen wurden, bei den Unternehmern Lebensmittel einzukaufen und in den von ihnen bereitgestellten Wohnungen zu wohnen, dem sogenannten Truck- und Cottagesystem:
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Doch ihren allein bestimmenden Faktor für das Leben der Menschen hat die Erwerbsarbeit bereits heute verloren. Durch lebenslanges Lernen, das sich immer wieder in Bildungszeiten realisieren kann, durch den Wechsel von Teilzeit- zu Vollzeitarbeit und umgekehrt zu verschiedenen Phasen des Arbeitslebens und durch Unterbrechungen aufgrund von Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit, prekärer Beschäftigung und Phasen der Nichterwerbsarbeit ist die tatsächliche Bedeutung der Erwerbsarbeit rückläufig. Trotzdem hat sich diese Entwicklung in der individuellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Wahrnehmung noch nicht angemessen niedergeschlagen.
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Adam Smith (, ) skizziert in seinem Standardwerk den Produktionsfaktor Arbeit wie folgt:
In der heutigen Volks- und Betriebswirtschaftslehre wird der Produktionsfaktor Arbeit in erster Linie als Kostenfaktor gesehen, der maßgeblich die Wettbewerbsfähigkeit einer Organisation respektive einer Volkswirtschaft beeinflusst. Die Diskussion über die Konkurrenzfähigkeit des Produktionsfaktors Arbeit ist dabei eng verknüpft mit der jeweiligen Entwicklung der Arbeits- und Lohnstückkosten eines Landes.
20143190EU2824602890421041104010960810790EUIMK201522007200820112011201416IW2015512013IMK201512
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