
Hanni und Nanni
sind immer zur Stelle
Illustriert von Nikolaus Moras
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Schulstress
Hanni und Nanni kämpften mit den riesigen Bettbezügen, die die Hausmutter ihnen ausgehändigt hatte.
„Du siehst aus wie ein Gespenst mit Gelbsucht“, kicherte Nanni und ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen.
Aus der gelb gestreiften Wäsche kam ein Gickeln als Antwort. Und dann, mit einer großen Wellenbewegung, befreite sich Hanni aus dem Bezug und zog ihn im selben Moment über ihre Bettdecke. „Geschafft“, seufzte sie. „Jetzt kommt das Laken an die Reihe.“
„Was ist denn das für eine seltsame Technik, die du beim Bettenbeziehen anwendest?“, fragte Nanni bester Laune.
Die Zwillinge waren eben erst in Lindenhof eingetroffen. Nicht mal das leidige Bettenbeziehen konnte die Vorfreude auf die nächsten Wochen mit ihren Freundinnen trüben.
Ellis Laune allerdings schon. Sie saß missmutig zwischen Bettwäsche, Handtuchstapeln und Kleiderbergen. „Ich kann das nicht“, jammerte sie. „Und in zwei Wochen ist wieder Wäschewechsel. Wieso macht das nicht einfach die Hausmutter?“
Hanni und Nanni warfen sich einen belustigten Blick zu.
„Weil hundert Betten von hundert Schülerinnen für eine einzige Hausmutter vielleicht ein bisschen viel sind“, erklärte Nanni ihrer Cousine.
„Es ist doch Ehrensache, dass jeder sich um sein eigenes Bett kümmert“, meinte Hanni.
„Es gibt Hausmädchen“, hielt Elli weinerlich dagegen.
Nanni hielt inne. „Wie es Ruby wohl geht?“
Elli schüttelte sich. „Wenn ich mir vorstelle, dass sie ihr Zimmer jetzt mit Wanzen und Kakerlaken teilt …“
Hanni öffnete ihren Koffer und begann die Kleiderstapel in ihrem Schrank zu verstauen. „Wieso mit Wanzen und Kakerlaken? Doch wohl eher mit Verbrecherinnen.“
Elli bekam große Augen. „Auch Mörderinnen?“
„Bestimmt“, nickte Hanni beiläufig und weidete sich an Ellis entsetzten Blicken.
Vor den Ferien war die Polizei in Lindenhof gewesen und hatte das Küchenmädchen Ruby und ihren Kumpan, einen zwielichtigen Gärtnergesellen, verhaftet. Dank dem beherzten Einsatz von Mamsell, den Zwillingen und ihren Freundinnen waren die beiden dabei ertappt worden, wie sie das Diebesgut eines Einbruchs hatten beiseiteschaffen wollen.
Nanni schaute ihrer Schwester tadelnd an. Musste sie ihre Cousine Elli so in Aufregung versetzen? Wo die schon ein Pickel auf der Nase völlig aus der Fassung brachte? „Ruby wird sicher nicht mit Schwerverbrechern zusammen in der Zelle sitzen“, wischte Nanni Ellis düstere Fantasien vom Tisch. „Und jetzt beeil dich. Hanni und ich sind gleich fertig.“
Erschreckt nahm Elli den Kampf mit ihrem Bettzeug wieder auf, um sich im nächsten Augenblick wieder mutlos aufs ungemachte Bett fallen zu lassen. „Und wenn das Bett fertig ist, bin ich komplett durchgeschwitzt. Da kann ich mich gleich wieder umziehen. Ich weiß gar nicht, weswegen Angela von Faber sich das bieten lässt.“
„Was lässt sich unsere Baroness bieten?“ Die Tür flog auf, und Jenny und Bobby marschierten herein.
Angela war Ellis beste Freundin. Sie war tatsächlich eine echte Baroness, was Elli mit tiefem Stolz erfüllte. Angela war diejenige, die bei Elli den Ton angab. Nicht zur Freude von Ellis Mutter. Angela habe keinen guten Einfluss auf ihre Tochter, hatte sie gefunden und deshalb dafür gesorgt, dass sie bei ihren Cousinen Hanni und Nanni im Zimmer schlief.
Jetzt zog Elli es vor, sich mit ihrer Bettwäsche zu beschäftigen, statt sich mit Jenny und Bobby auf einen Streit einzulassen. Die beiden liebten es, andere zur Weißglut zu bringen. Besonders, wenn sie so schnell an die Decke gingen wie Elli und Angela von Faber.
„Kommt ihr mit raus?“, strahlte Jenny. Sie trug um den Hals ein riesiges Fernglas. „Von meinen Brüdern“, bemerkte sie stolz.
„Und eine Jägeruniform haben sie dir vermutlich auch eingepackt“, bemerkte Elli abfällig. „Willst du auf die Pirsch gehen?“
„Wir halten Ausschau nach Fledermäusen“, gab Bobby zurück.
„Igitt“, entfuhr es Elli.
Jenny und ihre Freundin Bobby waren die Spottdrosseln der Klasse. Und manchmal übertrieben sie es wirklich. Außerdem bewohnten die beiden zusammen dasselbe Zimmer. So blieben ihnen auch noch die Nächte, um sich Streiche für ihre Freundinnen und die Lehrerinnen auszudenken.
Hanni und Nanni bekamen glänzende Augen. „Glaubt ihr wirklich, unsere beiden Kleinen sind wieder da?“
„Katrin meint, sie hat die zwei um die Türme von Lindenhof flattern sehen“, erklärte Jenny.
Eilig stopfte Nanni ihr Kopfkissen in den Bezug. „Worauf warten wir? Lasst uns gehen!“
Leonie und Levin waren zwei kleine, kuschelige Plattnasenfledermäuse, die Katrin, Jenny und Hanni im Herbst auf dem Speicher von Lindenhof durchgefüttert hatten. Dann hatte die Hausmutter das Versteck entdeckt. Zu Katrins großem Bedauern mussten die Freundinnen die Fledermäuse in einem Winterquartier im Wald aussetzen.
Die tierliebe Katrin hatte den ganzen langen Winter über Sehnsucht nach den beiden Tierchen gehabt und immer befürchtet, dass sie ohne ihre Hilfe nicht überleben würden. Seit es Frühling geworden war, hatte Katrin jeden Tag nach ihren Lieblingen Ausschau gehalten. Hatten sie den Winter allein im Wald überstanden? Würden sie nach Lindenhof zurückfinden? Jetzt war sie ganz aus dem Häuschen.
„Kommen Fledermäuse nicht erst im Dunkeln aus ihrem Versteck?“, wandte Hanni ein.
Die Sonne draußen tauchte den Park in ein wunderschönes Abendlicht und war noch lange nicht am Horizont verschwunden.
„Beeilt euch!“, trieb Bobby die Zwillinge zur Eile an. „Katrin platzt schon vor Aufregung.“
Jenny stieß das Fenster auf und winkte hinunter.
„Jetzt kommt endlich!“, rief Katrin zu ihnen hoch. „Ich sehe etwas flattern. Ganz bestimmt! Das sind sie. Jenny, wirf mir mal das Fernglas runter!“
„Bist du wahnsinnig?“, schrie Jenny zurück. „Meine Brüder bringen mich um, wenn das Fernglas auch nur den kleinsten Kratzer bekommt.“ Dann wandte sie sich an die Zwillinge. „Los, kommt, sonst fällt Katrin vor lauter Wiedersehensfreude noch in Ohnmacht.“
Bobby grinste. „Das tut sie sowieso. Wenn sie nämlich durch das Fernglas sieht, dass die herumsausenden Schatten am Himmel Schwalben auf Fliegenjagd sind.“
Durch das offene Fenster war das Plopp-Plopp von Tennisbällen zu hören.
„Marianne spielt schon Tennis?“, wunderte sich Hanni.
„Falsch geraten“, grinste Bobby. „Es ist unsere verehrte Baroness in ihrem neuen Tennisdress mit ihrer neuen Tennisfreundin.“
„Das glaube ich nicht!“, stieß Elli aus und stürzte ans Fenster.
„Wenn du ganz lieb bitte, bitte sagst, leiht Jenny dir bestimmt ihr Fernglas“, meinte Bobby. „Dann siehst du die falsche Schlange ganz deutlich, mit der dich deine geliebte Baroness gerade betrügt.“
Nanni warf Bobby einen strafenden Blick zu. Dabei dachte Jenny gar nicht daran, ihr Fernglas herzugeben. Sie wollte endlich hinunter zu Katrin.
Elli linste angestrengt zum Tennisplatz hinüber. Konnte es wirklich wahr sein, was Bobby da behauptete?
Sie hatte sich ja auch schon gewundert, wieso Angela sie noch nicht begrüßt hatte. Normalerweise führte ihr erster Weg in Lindenhof zu Elli, gleich nachdem sie sich frisch gemacht hatte. Angela fuhr nicht, wie die anderen Mädchen, mit dem Zug nach Lindenhof. Sie wurde vom Chauffeur ihres Vaters in einer schwarzen Limousine gebracht.
„Sei nicht so gemein“, wies Nanni Bobby zurecht.
„Jetzt kommt schon!“, erklang Katrins Stimme von unten. „Sie sind gleich weg!“
Bobby und Jenny warfen Elli noch ein letztes mitleidsloses Grinsen zu, dann verschwanden sie mit Hanni und Nanni aus dem Zimmer.
Elli rutschte vom Fensterbrett. „Wartet, ich komme mit!“ Eilig hastete sie den Freundinnen hinterher.
Petra und Alina – ein ungleiches Paar
Petra hockte in der Bücherei und schob die Brille hoch. Vor ihr auf dem Tisch stapelten sich dicke Wälzer. „Pfei…“, las Petra. Ihr Finger lief die Spalte hinunter. „Pfeiffer…“ Da war es: „Pfeiffersches Drüsenfieber“. Petra klappte das Buch ganz auf und vertiefte sich in den Artikel. Er war nicht ganz leicht zu verstehen, denn er wimmelte von Fachbegriffen.
Heute, am ersten Tag nach den Ferien, war die Bücherei vollkommen leer. Keine der Schülerinnen von Lindenhof kam auf die Idee, sich am Tag des Wiedersehens dort zu verkriechen. Petra wiederum liebte es, wenn es so ausgestorben war wie heute. Dann störte sie kein Kichern und kein Türenschlagen.
Petra war die Jüngste in der Klasse. Gleichzeitig war sie Klassenbeste. Und sie war schrecklich schüchtern. Wenn man sie suchte, fand man sie am ehesten in der Schulbibliothek, wo sie ihre Nase in dicke Bücher steckte.
Die Freundinnen suchten Petra nicht allzu oft. Denn obwohl sie fast so lange in der Klasse war wie Hanni und Nanni, blieb sie eine Außenseiterin.
Es war ein Glück, dass es die lustige Doris gab. Sie brachte Petra dazu, auch mal etwas anderes zu tun, als sich Wissen aus Büchern anzueignen.
Gleichzeitig war die fleißige Petra ein Glücksfall für Doris, die zu den Schlechtesten in der Klasse gehörte. Denn Petra war die geduldigste Hausaufgabenhilfe, die man sich vorstellen konnte.
„Siebenwöchige Ansteckungszeit …“, murmelte Petra versunken. „Tröpfcheninfektion …“ Sie griff sich das nächste Buch und begann wieder zu suchen.
Für Petra war die Bibliothek mit ihren unzähligen Büchern und Nachschlagewerken fast das Schönste an Lindenhof. Hier fühlte sie sich geborgen. Hier konnte sie ungestört nach Wälzern stöbern, in denen sie stundenlang versinken konnte.
Gerade an Tagen wie heute, an denen Lindenhof vom Geschnatter aufgeregter Mädchen erfüllt war, war dieser Ort Petras Zuflucht. Zu allem Überfluss war auf ihrem Zimmer, das sie sich mit Doris und Hilda, der Klassensprecherin, teilte, eine Neue eingezogen: Alina.
Alina war eines dieser selbstsicheren Mädchen, die gleich den ganzen Raum ausfüllten, wenn sie ihn betraten. Das genaue Gegenteil von ihr selbst. Petra ahnte, dass es mit dieser Alina Probleme geben würde. Für solche Mädchen war sie eine unscheinbare graue Maus.
Sie vertiefte sich wieder in die Bücher. Ihr waren Alina und ihre Ansichten egal. Jedenfalls hielt sie sich immer wieder vor Augen, dass sie ihr egal sein sollten.
Atemlos starrte Katrin durch das Fernglas in die blaue Luft, den schwarzen Fledermäusen hinterher. Von den Tennisplätzen kam ein gleichmäßiges Plopp-Plopp …
„Das sind sie!“, jubelte Katrin. „Ganz bestimmt. Die Kleinere ist Leonie und der etwas Dickere muss Levin sein.“
„Lass mich mal!“ Jenny riss Katrin das Fernglas aus der Hand und legte es an die Augen. Um den Turm flatterten kleine schwarze Läppchen durch die Luft: Fledermäuse. Aber sie witschten so schnell hin und her, dass sie immer gleich wieder verschwunden waren. Für Jenny sah ein schwarzes Flatterläppchen wie das andere aus. Und dass Katrin behauptete, sie würde Leonie und Levin genau erkennen können, hielt sie für eine glatte Lüge. Nein! Katrin war in ihrer Sehnsucht nach den kleinen Flattertieren komplett verrückt geworden
„Lass uns auch mal“, drängelte Hanni.
Bobby hatte genug vom Betteln. Sie nahm Jenny das Fernglas kurzentschlossen aus der Hand. „Ich sehe überhaupt keine Fledermäuse“, erklärte sie dann und glitt mit dem Feldstecher suchend über die Turmmauern. „Wo sollen sie sein?“
Plötzlich wurden die Freundinnen mucksmäuschenstill. „Ich hab doch gesagt, Leonie und Levin sind auch dabei“, erklärte Katrin mit heiserer Stimme.
Bobby setzte das Fernglas ab. Und jetzt sah sie es auch. Zwei kleine Fledermäuse hatten sich im Ausschnitt von Katrins T-Shirt eingehängt und lugten neugierig unter ihren Flügeln hervor.
Die Freundinnen standen wie erstarrt. „Glaubst du, Leonie und Levin erkennen uns wieder?“, wisperte Nanni.
Katrin nickte strahlend. „Sie erkennen uns am Geruch. Fledermäuse haben eine sehr gute Nase. Dann gibt es euch beide also noch?“, flüsterte sie den flauschigen kleinen Tieren zu. „Habt ihr den Winter im Holzstapel gut überstanden?“ Sie wollte eben nach einer der Fledermäuse greifen, um sie zu streicheln, wie sie es nach dem Füttern auch immer gemacht hatte, da flatterten die beiden auch schon wieder los.
Katrin und die anderen sahen ihnen atemlos hinterher. „Glaubt ihr mir jetzt, dass ich Leonie und Levin gleich wiedererkannt habe?“, fragte sie.
Die Freundinnen nickten. Jedenfalls waren ihre beiden Schützlinge wieder zurück. Es hatte ihnen also in ihrer Obhut gefallen, und darauf waren sie sehr, sehr stolz.
Die kleine Gruppe sah noch lange den Fledermäusen zu, die um die Türme von Lindenhof herumflatterten. Und noch jemand sah zu: ein blasses, etwas zu mageres Mädchen mit braunem Haar, das ihr bis zu den Schultern reichte.
Endlich rissen sich die Freundinnen vom Anblick der Fledermäuse los. Es würde gleich zum Abendessen läuten. Plötzlich bemerkte Jenny das Mädchen, das zwischen den Bäumen stand und zu ihnen herübersah.
„Wieso spionierst du uns hinterher?“, putzte Jenny die Kleine herunter. Es klang harscher, als es gemeint war.
Das Mädchen blickte sie traurig an. Dann lief es davon. Im selben Augenblick läutete es.
Nanni seufzte. „Jenny, kannst du dich nicht mal ein bisschen zurückhalten? Es sind nicht alle so hart im Nehmen wie deine drei Brüder.“
Ein wenig bestürzt sah Jenny dem Mädchen hinterher. „Ich wollte wirklich nicht … Ein bisschen was sollte man schon aushalten können, wenn man nach Lindenhof kommt“, beharrte sie dann aber.
„Es ist doch nicht Jennys Schuld, wenn die Kleine keinen Spaß versteht“, fand auch Bobby. „Wenn sie wegen so einem Kinderkram zu heulen anfängt, wird es sowieso höchste Zeit, dass sie sich eine dickere Haut zulegt.“
„Sie ist in der ersten Klasse“, hielt Hanni dagegen. „Da waren wir auch leichter zu erschrecken.“
„Ich nicht“, behauptete Jenny.
Katrin kannte das Mädchen vom Sehen. „Sie heißt Pauline Girlitz und sieht oft ein bisschen traurig aus.“
„Vermutlich hat sie Heimweh“, sagte Nanni und fügte ärgerlich hinzu: „Du könntest dich wirklich mal zusammenreißen, Jenny. Das war nicht lustig.“
In dem Moment kamen Angela und ein neues Mädchen, beide mit einem Tennisschläger unter dem Arm, auf sie zu. Sie waren noch ganz aus der Puste, unterhielten sich aber angeregt über Schlägermodelle.
Elli trottete ein paar Meter hinter ihnen her und sah sehr unglücklich aus.
Das fremde Mädchen hatte krause schwarze Haare, die von einem breiten Stoffband gebändigt wurden. Sie trug eine Tennishose, die zwar hübsch war, aber in der sie mit Angelas schickem Dress natürlich nicht mithalten konnte.
„Hallo, Hanni, hallo, Nanni!“, winkte die Neue herüber, als wäre sie eine alte Freundin der Zwillinge. Sie hielt ihnen die Hand hin. „Ich bin Alina. Und ihr müsst Jenny und Bobby sein“, wandte sie sich an die beiden. Dann drehte sie sich zu Katrin. „Du bist sicher Katrin“, fuhr sie fort. „Die Fledermausflüsterin. Angela hat mir schon verraten, wer alles in meiner Klasse sein wird.“
„Was hat sie noch verraten?“, fragte Bobby misstrauisch. Angela hatte schon einiges von Bobby und Jenny zu erdulden gehabt. Deswegen war sie nicht allzu gut auf die beiden zu sprechen.
Alina ging locker über diese Frage hinweg. „Und ihr spielt auch Tennis?“, wandte sie sich wieder an die Zwillinge. „Vielleicht können wir mal zusammen Doppel spielen. Wie wär’s, Angela?“
„Das ist tatsächlich eine schöne Idee“, nickte Hanni. „Nanni und ich sind nämlich in der Schulmannschaft fürs Doppel vorgesehen. Wir nutzen gerade jede Gelegenheit, um zu trainieren.“
Alina begann zu kichern. „Gute Idee! Man lässt Zwillinge im Doppel antreten, um die Gegnerinnen völlig durcheinanderzubringen!“
Hanni und Nanni strahlten. Sie freuten sich schon riesig. Dies würde ihr allererstes Doppel für Lindenhof sein. Noch nie waren sie beide gleichzeitig in der Mannschaft gewesen. Und jetzt hatte Lexa, die Sportwartin, sie gleich als Doppelpartnerinnen vorgesehen.
„Wir haben schon angefangen, für das Pokalspiel gegen die Eichenwaldschule zu trainieren“, verkündete Nanni.
„Aber das ist noch ewig hin“, sagte Hanni.
„Ein hart umkämpfter Pokal“, erklärte Jenny. „Seit dem letzten Turnier steht er in der Vitrine der Eichenwälderinnen.“
Hanni und Nanni musterten die Neue neugierig. Sie hatte Lust auf Lindenhof, das merkte man gleich. Ob man mit ihr wohl Spaß bekommen würde? Selbstbewusst war sie auf jeden Fall.
Angela trat von einem Bein aufs andere. Sie fühlte sich abgeschoben. „Ich dachte, wir wollten uns vor dem Essen noch schnell frisch machen“, sagte sie ein wenig sauertöpfisch zu Alina.
„Ich komm schon!“, erwiderte Alina. „Haltet mir einen Platz neben euch frei“, winkte sie den Freundinnen noch zu. Plaudernd und bester Laune lief sie neben Angela die Treppe hinauf zu den Schlafräumen.
„Siehst du?“, wandte sich Jenny an Nanni. „Mit dieser Alina werde ich klarkommen. Die lässt sich nicht von jedem Witzchen umpusten.“
Kichernd und lachend strömten die Schülerinnen in den Speisesaal. Nach den Ferien fühlte sich in Lindenhof immer alles besonders an. Neu und spannend. Wie ein einziges großes Abenteuer.
Ein wunderbarer Duft drang aus der Küche. Die Köchin und die Küchenmädchen gaben sich am ersten Tag immer ganz besondere Mühe, die Schülerinnen zu verwöhnen. An den langen Tischen herrschte ein munteres Stimmengewirr.
Bei Hanni und Nanni waren noch einige Plätze frei: der neben Elli, die wie immer für Angela einen Platz besetzte. Jenny hielt den Stuhl neben sich für Alina frei. Sie fand die Neue lustig und war schon richtig gespannt auf sie.
Der Platz neben Petra würde heute leer bleiben. Außerdem fehlte noch die Französischlehrerin Mamsell, die immer am Tisch der Zwillinge saß.
„Wo ist denn Doris?“, rief Hanni zu Petra hinüber.
Petra hob den Blick und wurde rot.
„Stimmt“, sagte Hilda, die bisher das Zimmer mit Petra und Doris geteilt hatte. „Im Zug habe ich sie nicht gesehen. Und im Bus war sie auch nicht. Ist sie vielleicht schon eher nach Lindenhof zurückgekehrt?“
„Sie hat eine Mononucleosis infectiosa“, gab Petra mit leiser Stimme zurück.
„Infecti… was?“ Elli zog ein angewidertes Gesicht.
„Pfeiffersches Drüsenfieber“, erklärte Petra. „Es beginnt mit Fieber und Halsentzündung und kann Bauchschmerzen verursachen.“
Elli rückte mit ihrem Stuhl ein Stück vom Tisch weg. „Ist das ansteckend?“, fragte sie.
„Sehr“, nickte Petra. „Außerdem dauert es von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit bis zu sieben Wochen. Doris geht es gar nicht gut. Ihr Hals ist zu einem dicken Kloß angeschwollen.“
Entsetzt griff sich Elli an ihren Hals. „Dann ist die Arme jetzt ganz entstellt?“
Bobby grinste breit. „Darauf kannst du Gift nehmen. Wie dir wohl so ein Elefantenhals stehen würde?“
„Hatte Doris die Krankheit schon vor den Ferien?“, wechselte Hanni das Thema.
„Die Ärzte vermuten es“, antwortete Petra.
Elli hielt sich die flache Hand an die Stirn. „Mein Kopf ist ganz heiß“, erklärte sie panisch. „Und ich habe vor den Ferien Doris noch mit ihrem Wandbehang geholfen. Bestimmt habe ich mich angesteckt!“
„Elli“, schaltete sich Hilda ein, „wenn sich jemand angesteckt hat, dann doch wohl am ehesten Petra oder ich. Wir beiden haben schließlich mit Doris im selben Zimmer geschlafen.“ Sie war Klassensprecherin und sah es als ihre Aufgabe an, die Wogen zwischen den Mädchen zu glätten.
„Das stimmt!“, raunte Jenny. „Aber so ein Virus, wenn er richtig hartnäckig ist, schafft es auch in der Nacht durch die dicken Wände von Lindenhof.“
„Sei nicht so gemein“, sagte Hanni. Ihre Cousine war kurz davor, in Tränen auszubrechen bei dem Gedanken, dass das Drüsenfieber sie so schrecklich entstellen könnte wie die arme Doris.
Die Tür ging auf. Alina und Angela kamen an den Tisch. Es hatte mal wieder länger gedauert. Angela hatte aus sich ein kleines, wohlriechendes Kunstwerk geschaffen. Alina sah dagegen fast genauso aus wie vorher, nur trug sie jetzt ein T-Shirt und eine kurze Hose.
„Uff“, meinte Alina. „Ich dachte schon, ihr seid fertig mit dem Essen, ehe wir unten ankommen.“
Jenny und Bobby grinsten vielsagend in sich hinein.
„Hast du schon gehört?“, wandte sich Elli aufgewühlt an Angela. „Wir bekommen alle das Drüsenfieber.“
Petra am anderen Ende des Tisches räusperte sich. Sie war jetzt rot wie eine Tomate. „Bestimmt nicht, Elli. Die meisten von uns haben sowieso den Virus in sich. Er bricht normalerweise nicht aus.“
„Das wird ja immer schlimmer!“, schnappte Elli. „Aber das Fieber könnte jederzeit ausbrechen, oder? Ist das in Lindenhof überhaupt erlaubt?“
Nicht nur Jenny und Bobby stand das Grinsen über Ellis Aufregung im Gesicht. Ehe sie laut herausprusteten, wechselte Nanni schnell das Thema.
„Wieso bist du eigentlich zu Jenny und Bobby umgezogen?“, fragte sie Hilda, um die Klagen ihrer Cousine endlich zu unterbrechen. Petra gab sich wirklich allergrößte Mühe, Ellis Panik zu dämpfen. Doch leider erreichte die Klassenjüngste mit ihren genauen Auskünften zum Drüsenfieber das genaue Gegenteil.
„Eine Idee der Hausmutter“, erklärte Hilda. „Sie wollte etwas für die Ordnung in Jennys und Bobbys Zimmer tun. Keine Angst!“, winkte sie dann zu den beiden hinüber, die besorgt aufsahen. „Ich werde euch garantiert nicht bewachen.“
„Alina schläft in meinem ehemaligen Bett“, half Hilda über das betretene Schweigen hinweg. „Ihr habt Glück. So habt ihr Doris’ Bett als gemütliche Liege. Und was verschlägt dich mitten im Jahr nach Lindenhof?“, wandte sie sich an Alina.
„Mein Vater ist Mathematiker und rund um die Uhr beschäftigt. Jetzt hat meine Mutter noch ein furchtbar wichtiges Projekt bekommen. Sie ist Biologin. Da bleibt keine Zeit mehr für das Küken der Familie: mich!“ Sie zuckte gut gelaunt mit den Schultern.
„Deine Eltern sind richtige Wissenschaftler?“, staunte Suse.
Alina nickte. „Stimmt das eigentlich mit dem guten Ruf von Lindenhof? Schließlich wollen meine Eltern, dass ich auch mal Professorin werde.“
„Dann viel Vergnügen in der Bücherei“, meinte Carlotta spöttisch.
Suse hing andächtig an Alinas Lippen. Die Neue strotzte vor Selbstbewusstsein. Kein Wunder, wenn man aus einer Wissenschaftlerfamilie stammte! Eigentlich fand sie, dass sie selbst auch sehr stolz auf sich sein konnte. Aber die anderen mochten Suses Art nicht, deren Selbstbewusstsein sich darauf gründete, dass ihr Vater viel Geld hatte. Suse wandte hoheitsvoll den Kopf ab, wie sie es bei Angela von Faber gesehen hatte.
„Als angehende Wissenschaftlerin bist du in Petras Zimmer ja bestens aufgehoben“, bemerkte Hanni.
Alina schaute zu Petra hinüber, die immer noch puterrot war. „Wieso denn das?“
„Ihr könntet ein echtes Forscherteam bilden“, pflichtete Hilda Hanni bei.
Alina schaute ungläubig. Ausgerechnet Petra, diese unscheinbare graue Maus, sollte so klug sein?
„Ja“, fiel Nanni ein, „es gibt nichts, über das Petra nicht Bescheid wüsste. Frag sie irgendwas …“
Petra schüttelte abwehrend den Kopf. Sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Warum taten Hilda und Nanni ihr das an?
Das Klingen eines Glases erlöste Petra aus der unangenehmen Situation. Frau Theobald, die Direktorin von Lindenhof, erhob sich, um die Mädchen mit einigen herzlichen Worten zu begrüßen. Die Schülerinnen liebten ihre Direktorin. Sie war zwar streng, aber gerecht.
Trotzdem waren alle froh, als die Rede zu Ende war und sie sich endlich über all die köstlichen Sachen hermachen konnten, die jetzt vor ihnen in den Schüsseln dampften.
„Mamsell ist immer noch nicht aufgetaucht“, wunderte sich Nanni. Wenn es gutes Essen gab, war die Französischlehrerin eigentlich immer zur Stelle.
Claudine machte eine bedauernde Geste. „Sie fühlt sich heute nicht wohl“, erklärte sie. Claudine war die Nichte von Mamsell, deshalb wusste sie Bescheid.
Nanni schloss genießerisch die Augen. „Dann verpasst sie leider dieses wunderbare Hühnerfrikassee …“
„Und dieses Gratin …“, seufzte Hanni.