Frank Boblenz
Bernhard Post

Die Machtübernahme
in Thüringen 1932/33

Titel Abbildung links

Urzeichnung des Thüringer Landeswappens von 1921,

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Titel Abbildung rechts

Das 1933 von der NS-Regierung eingeführte Wappen des Landes Thüringen. Dem Thüringer Löwen wurde als „Symbol der deutschen Wiedergeburt“ ein Hakenkreuz als Beizeichen gegeben. Das Wappenschild – Der Herzschild – liegt auf einem geviertelten Schild auf, der mit der sächsischen Raute, dem schwarzburgischen Adler, dem reußischen Löwen sowie der hennebergischen Henne an die historischen Territorien erinnern sollten, aus denen das Land 1920 hervorgegangen war.

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Dr. Bernhard Post ist Direktor des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar. Dr. Frank Boblenz, Abteilungsleiter im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar, Mitglied der Historischen Kommission für Thüringen, zahlreiche Veröffentlichungen zur thüringischen Landes- sowie Archiv- und Bibliotheksgeschichte.

Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autoren die Verantwortung.

Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

Regierungsstraße 73, 99084 Erfurt

www.lzt.thueringen.de

2013

ISBN: 978-3-943588-31-6

Inhalt

Bernhard Post

Die Machtübernahme im Land Thüringen 1932

Die Anfänge der NSDAP in Thüringen

Nationalsozialisten in der Thüringer Regierung

Der Niedergang der Demokratie

Thüringen unter nationalsozialistischer Regierung

Hitlers Machtübernahme und das Ende der Demokratie in Thüringen

Die Gleichschaltung Thüringens

Literaturhinweise

Quellen und Literatur der NS-Zeit

Frank Boblenz

Zur Gaueinteilung Thüringens in der NS-Zeit

Territoriale Besonderheiten

Entwicklung der Wahlkreise in Thüringen

Der NSDAP-Gau Thüringen

Kreise der NSDAP im NSDAP-Gau Thüringen
(Stand Januar 1940)

Literatur

Archive

Karten

Bernhard Post

Die Machtübernahme im Land Thüringen 1932

Die Anfänge der NSDAP in Thüringen

Einen Thüringer Löwen, der mit seiner rechten Pranke ein Hakenkreuz darbietet, zeigt das am 26. August 1933 eingeführte neue Wappen Thüringens und damit dessen enge Verbindung zum NS-Regime. Aufgelegt war der Löwe auf vier Wappenfeldern, welche an die historischen Territorien Thüringens erinnerten. Es ersetzte nach nur zwölf Jahren das 1921 vom Thüringer Landtag beschlossene Wappen mit sieben silbernen Sternen auf rotem Grund für die im Land Thüringen aufgegangenen Herzog- und Fürstentümer. Dieses hatte in seiner Gestaltung nach der Überwindung der Monarchie in Deutschland während der Novemberrevolution 1918 auf Beschluss eines demokratisch gewählten Landtags Freiheit und Einigkeit symbolisieren sollen und erinnerte dabei an die Hoheitssymbole der Vereinigten Staaten von Amerika. Nun aber markierte die neue Staatssymbolik mit Hakenkreuz auch nach außen das Ende der Demokratie. Das thüringische Ermächtigungsgesetz vom 3. Mai 1933 hatte der nationalsozialistischen Landesregierung die Einführung ohne einen vorherigen Landtagsbeschluss ermöglicht.

Der thüringische Gauleiter der NSDAP und Reichsstatthalter Fritz Sauckel sah daher allen Grund, den endgültigen Sieg über das demokratische Staatswesen ausgiebig zu feiern, war doch zudem in Thüringen inzwischen bereits seit genau einem Jahr eine nationalsozialistische Regierung an der Macht, also bereits Monate bevor Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war. Am 26. August 1933 wurde in Thüringen der Jahrestag der vorgezogenen Machtergreifung mit Massenaufmärschen und Glockengeläut im ganzen Land begangen, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits Tausende Menschen bei willkürlichen Verhaftungen, Boykotten und Misshandlungen vor aller Augen zu Opfern des nationalsozialistischen Regimes geworden waren.

Kampf und Sieg in Thüringen, S. 117

Eine der ersten Ortsgruppen der NSDAP in Thüringen um 1923.

Für den Aufbau und die Organisation der noch jungen NSDAP hatten Mitte der Zwanzigerjahre die zerrütteten politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Land Thüringen gute Bedingungen geboten. Die Wirtschaftskrise und die Inflation trieben besonders Handwerksbetriebe und mittelständische Unternehmen in den Ruin und ließen die Arbeitslosenzahl hochschnellen. Die Arbeiterparteien waren tief gespalten und ab März 1924 regierte das Land eine rechtsbürgerliche Parteienkoalition als „Thüringer Ordnungsbund“. Zur Regierungsbildung war es mit Unterstützung der Stimmen der „Vereinigten Völkischen Liste“ gekommen, der auch Sympathisanten der nach Hitlers gescheitertem Putschversuch 1923 verbotenen NSDAP angehörten. Diese politische Konstellation ermöglichte es, dass der erste Reichsparteitag der NSDAP nach ihrer Wiedergründung 1925 am 3./4. Juli 1926 in Weimar stattfinden konnte. In Bayern hingegen hatte Hitler bis 1927 Redeverbot. Der existenziell bedrohte Mittelstand war während der Wirtschaftskrisen nicht nur in Thüringen besonders empfänglich für die Heilsbotschaften des Nationalsozialismus. Aber auch die überwiegend nationalkonservativ ausgerichteten bürgerlichen Führungseliten ließen den Nationalsozialisten zumindest eine wohlwollende Duldung zuteil werden. Vor allem in der damaligen Landeshauptstadt Weimar ging die ältere Generation der demokratiefeindlichen Nationalkonservativen schon früh eine unheilvolle Allianz mit der um das Jahr 1900 geborenen Generation ein. Die Jüngeren waren, von der scheinbaren Agonie Deutschlands nach dem verlorenen Krieg enttäuscht, begeisterungsfähig für Versprechungen und charismatischen Leitpersonen der „Neuen Rechten“. Die Republik und ihre Repräsentanten hatten eine vergleichbare Zündkraft nicht zu bieten. Die Älteren lehnten die Republik strikt ab und stimmten allem zu, was sich nicht republikanisch gab. Thüringen und vor allem Weimar wurde zum Tummelplatz völkischer Gruppen. Der Stadt, in der die Nationalversammlung die erste demokratische Verfassung für das Deutsche Reich beschlossen hatte, maßen die Rechten für spektakuläre Aufmärschen eine besondere Propagandawirkung zu.

Kampf und Sieg in Thüringen, S. 116

Während des „Deutschen Tages“ in Weimar vom 15.–17. August 1924, einem Treffen völkischer Verbände, weiht General Erich Ludendorff die Sturmfahnen der SA und des Frontbanns.

Von Anfang an war Sauckel eine treibende Kraft für den Sieg der Nationalsozialisten in Thüringen gewesen. In Unterfranken 1894 als Sohn eines Postangestellten geboren, hatte er zunächst den Beruf eines Kapitäns bei der Handelsmarine angestrebt, was jedoch durch den ersten Weltkrieg zunichte gemacht wurde. Diesen verbrachte er nach der Kaperung des Schiffes, auf dem er als Matrose gefahren war, in einem französischen Internierungslager. Nach dem Krieg begann er eine Lehre als Schlosser, Dreher und Maschinenbauer in Schweinfurt. Dort schloss er sich dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund an und wurde Gruppenwart in Unterfranken. Ab 1922 besuchte er das Technikum im thüringischen Ilmenau. Hier trat er 1923 in die NSDAP ein und gab ein Jahr später den „Deutschen Aar“ als erste nationalsozialistische Zeitung in Thüringen heraus. Im Jahre 1927 ernannte ihn Hitler zum Gauleiter der NSDAP in Thüringen in der Nachfolge von Arthur Dinter, der wegen seines religiösen Sektierertums für die Partei untragbar geworden war. Sauckel erweckte mit gedrungener Gestalt und schütterem Haar von seinem äußeren Erscheinungsbild her eigentlich nicht den Eindruck einer mitreißenden Führerpersönlichkeit, verfügte jedoch über ein nicht zu unterschätzendes Organisationstalent. Mit Gerissenheit und Brutalität schaltete er zunächst innerhalb der NSDAP Konkurrenten und später seine Gegner aus den anderen politischen Lagern aus. Enge Kontakte zu Spitzen der NS-Hierarchie ermöglichten es ihm, nicht nur die Macht innerhalb der Grenzen des Gaus Thüringen unangefochten in Händen zu halten, sondern auch zu einer wichtigen Figur auf reichspolitischer Ebene aufzusteigen. Beispielhaft für diese Verbindungen Sauckels bis in die Reichskanzlei als der Machtzentrale des nationalsozialistischen Regimes sind die Brüder Bormann, die in einem kleinbürgerlichen Milieu in Weimar aufgewachsen waren. Martin Bormann (1900–1945) war zeitweise der Fahrer Sauckels und Pressewart der Weimarer Kreisparteileitung. Er sollte bis zum Leiter der Parteikanzlei im Range eines Ministers aufsteigen und galt schließlich als der mächtigste Mann nach Hitler. Sein Bruder Albert (1902–1989), von 1929 bis 1931 Gaujugendführer in Thüringen, wurde Adjutant Hitlers und Reichshauptamtsleiter der NSDAP. Im bildungsbürgerlichen Bereich waren es Personen wie Hans Severus Ziegler (1893–1978), die den Weg zur Machtübernahme ebneten. Er war der Schüler und Protegé des in Weimar lebenden völkischen „Literaturpapstes“ Adolf Bartels (1862–1945), der sich als Vorkämpfer des Nationalsozialismus ehren ließ. Seit 1925 hatte Ziegler die Funktion eines stellvertretenden Landes- bzw. Gauleiters der NSDAP inne und war Herausgeber der Parteizeitung „Der Völkische“. Die Namensgebung für die während des Reichsparteitags der NSDAP 1926 in Weimar gegründete „Hitlerjugend, Bund deutscher Arbeiterjugend“, kurz „HJ“, wird Ziegler zugeschrieben. Als Beamter im Volksbildungsministerium initiierte er einen Erlass „Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum“ vom 5. April 1930. Im Jahr 1933 wurde er als Staatsrat Mitglied der Landesregierung und Staatskommissar der Thüringer Landestheater. Später auch zum Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters in Weimar ernannt, organisierte Ziegler 1938 im Rahmen der Reichsmusiktage in Düsseldorf die berüchtigte Ausstellung „Entartete Musik“. In ihr wurde gegen den Jazz polemisiert und die Entfernung jüdische Musiker sowie der Werke jüdischer Komponisten aus dem deutschen Kulturkreis gefordert. Ziegler beschreibt in seinen Erinnerungen Hitlers Auftritte in der bürgerlichen Gesellschaft als die eines geistvollen Plauderers mit vollendeten Manieren und legt dabei Wert auf die Feststellung, dass Hitler bei offiziellen Anlässen häufig im Frack erschien, „der nicht nur ‚saß‘, sondern den er auch zu tragen wußte.“ Einer großbürgerlichen Familie, die Hitler in Thüringen unterstützte, entstammte Baldur von Schirach (1907–1974). Sein Vater Carl Baily Norris von Schirach war 1908 zum Großherzoglichen Theaterintendanten in Weimar berufen worden, verlor aber seine Stellung mit dem Ende der Monarchie. Baldur von Schirach wurde während seiner Schulzeit in einem Landerziehungsheim in Bad Berka bei Weimar, das der Antisemit Hermann Lietz leitete, Mitglied der von Ziegler gegründeten völkischen Wehrjugendgruppe Knappschaft. Baldur von Schirach begegnete Hitler gemäß der offiziellen Parteigeschichtsschreibung erstmalig im Jahre 1925. Ausgesandt, um den wegen einer Autopanne am Stadtrand Weimars gestrandeten Parteiführer in die Stadt zu geleiten, soll dieses Zusammentreffen eine spontane, tiefgreifende Verehrung verursacht haben, die sogar in zahlreichen lyrischen Versuchen Ausdruck fand:

„Hitler. Ihr seid Tausend hinter mir, und ihr seid ich und ich bin ihr. [...]

Denn ich bin ihr und ihr seid ich, und wir alle glauben, Deutschland, an Dich!“

Baldur von Schirach wurde schließlich im Jahre 1929 zum Reichsführer HJ ernannt. Ab 1941 war der Weimarer Intendantensohn, der selbst nie eine Ausbildung abgeschlossen hatte, als Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien Herr über die die zahlreichen dortigen Kulturstätten von Weltrang. Verantwortlich war er auch für die Deportation der Wiener Juden in die Vernichtungslager.

Deutschland erwacht, S. 35

Hitler marschiert anlässlich des Reichsparteitags der NSDAP 1926 durch Weimar. Ganz rechts sein damaliger Privatsekretär und späterer Stellvertreter Rudolf Hess.

Nationalsozialisten in der Thüringer Regierung

Das Ergebnis der Wahl zum V. Landtag von Thüringen vom 8. Dezember 1929 brachte der NSDAP eine Verdreifachung ihrer Landtagsmandate auf Kosten der bürgerlichen und der beiden Arbeiterparteien. Zwar verfügten die Nationalsozialisten nur über 6 der 53 Landtagssitze, aber sie waren damit die notwendigen Mehrheitsbeschaffer für die bürgerlichen Parteien der Regierungskoalition (Thüringer Landbund 9, Deutschnationale Volkspartei 2, Deutsche Volkspartei 5, Wirtschaftspartei 6) gegenüber den Sozialdemokraten (18) und Kommunisten (6) geworden. Hitler, im Hintergrund agierend, nutzte diese Situation und erpresste von „Experimentierfeld“