TOM
CLANCY
UND
MARK GREANEY
GEFAHRENZONE
Thriller
Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer
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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Threat Vector
bei G.P. Putnam’s Sons, New York
Redaktion: Werner Wahls
Copyright © 2012 by Rubicon, Inc.
Copyright © 2014 der deutschen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich
ISBN: 978-3-641-12336-9
V003
www.heyne.de
Hauptpersonen
Regierung der Vereinigten Staaten
JOHN PATRICK »JACK« RYAN: Präsident der Vereinigten Staaten
ARNOLD VAN DAMM: Stabschef des Präsidenten
ROBERT BURGESS: Verteidigungsminister
SCOTT ADLER: Außenminister
MARY PATRICIA FOLEY: Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste
COLLEEN HURST: Nationale Sicherheitsberaterin
JAY CANFIELD: Direktor der Central Intelligence Agency (CIA)
KENNETH LI: US-Botschafter in China
ADAM YAO: Undercoveragent, National Clandestine Service, Central Intelligence Agency
MELANIE KRAFT: Nachrichtenanalystin, Central Intelligence Agency (abgeordnet an das Büro der Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste)
DARREN LIPTON: Leitender Spezialagent, Federal Bureau of Investigation (FBI), National Security Branch, Counterintelligence Division (Spionageabwehrabteilung)
Militär der Vereinigten Staaten
ADMIRAL MARK JORGENSEN: United States Navy (US-Marine), Kommandeur der Pazifikflotte
GENERAL HENRY BLOOM: United States Airforce (US-Luftwaffe), Kommandeur des United States Cyber Command (Kommando für elektronische Kriegsführung)
CAPTAIN BRANDON »TRASH« WHITE: United States Marine Corps, F/A-18C-Hornet-Pilot
MAJOR SCOTT »CHEESE« STILTON: United States Marine Corps, F/A-18C-Hornet-Pilot
CHIEF PETTY OFFICER MICHAEL MEYER: United States Navy, SEAL-Team 6, Element Leader (Gruppenführer)
Der Campus
GERRY HENDLEY: Direktor von Hendley Associates/Direktor des Campus
SAM GRANGER: Operationsleiter
JOHN CLARK: Außenagent
DOMINGO »DING« CHAVEZ: Außenagent
DOMINIC CARUSO: Außenagent
SAM DRISCOLL: Außenagent
JACK RYAN JR.: Außenagent/Analyst
RICK BELL: Leiter der Analyseabteilung
TONY WILLS: Analyst
GAVIN BIERY: Leiter der IT-Abteilung
Die Chinesen
WEI ZHEN LIN: Präsident der Volksrepublik China/Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas
SU KE QIANG: Vorsitzender der Zentralen Militärkommission der VR China
WU FAN JUN: Geheimdienstoffizier, Ministerium für Staatssicherheit, Shanghai
DR. TONG KWOK KWAN alias »CENTER«: Leiter der Computer-Netzwerk-Operationen von Ghost Ship
ZHA SHU HAI alias »FastByte22«: Von Interpol gesuchter Cyberkrimineller
CRANE: Anführer der »Vancouver-Zelle«
HAN: Fabrikbesitzer und Markenpirat
Weitere Personen
WALENTIN OLEGOWITSCH KOWALENKO: Ehemaliger stellvertretender Resident der SWR (russischer Auslandsgeheimdienst) in London
TODD WICKS: Gebietsverkaufsleiter von Advantage Technology Solutions
CHARLIE »DARKGOD« LEVY: Amateurhacker
DR. CATHY RYAN: Präsident Jack Ryans Ehefrau
SANDY CLARK: John Clarks Ehefrau
DR. PATSY CLARK: Ehefrau von Domingo Chavez/John Clarks Tochter
EMAD KARTAL: ehemaliger libyscher Geheimdienstoffizier, Kommunikationsspezialist
Prolog
Das waren düstere Zeiten für die früheren Agenten der »Jamahiriya Security Organisation«, des gefürchteten libyschen Geheimdiensts unter Muammar al-Gaddafi. Die JSO-Mitarbeiter, die die Revolution in ihrem Heimatland überlebt hatten, waren untergetaucht und hatten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Sie fürchteten den Tag, an dem ihre grausame und brutale Vergangenheit sie auf ebenso grausame und brutale Weise einholen würde.
Auch nachdem Tripolis im Jahr zuvor an die vom Westen unterstützten Rebellen gefallen war, blieben einige JSO-Agenten in Libyen. Sie hofften, sich vor Vergeltungsmaßnahmen schützen zu können, indem sie ihre Identität wechselten. Allerdings gelang dies nur selten, da andere ihre Geheimnisse kannten und sie nur allzu gern an revolutionäre Kopfjäger verrieten, um dadurch alte Rechnungen zu begleichen oder sich bei den neuen Machthabern lieb Kind zu machen. Ein Gaddafi-Spion nach dem anderen wurde in seinem libyschen Schlupfloch aufgestöbert, gefoltert und getötet. Sie wurden also behandelt, wie sie es verdienten, obwohl der Westen auf naive Weise gehofft hatte, dass die Verbrechen der Vergangenheit nach der Machtübernahme der Aufständischen in »ordentlichen, fairen Gerichtsverfahren« abgeurteilt werden würden.
Nach Gaddafis Tod wurde genauso wenig Gnade gewährt wie zu seinen Lebzeiten. In dieser Hinsicht waren die neuen Herren auch nicht anders als die alten.
Die klügeren JSO-Agenten kehrten Libyen den Rücken, um diesem Schicksal zu entgehen. Einige beschlossen, sich in andere afrikanische Staaten abzusetzen. Tunesien lag zwar ganz in der Nähe, hegte jedoch keinerlei Sympathien für die früheren Spione des »verrückten Hunds des Nahen Ostens«, wie Ronald Reagan Gaddafi einst treffend genannt hatte. Der Tschad, das südliche Nachbarland, war trostlos und öde. Außerdem waren die Libyer dort ebenso wenig willkommen. Einige wenige schafften es nach Algerien und in den Niger. In beiden Staaten waren sie jetzt zwar einigermaßen sicher, aber als Gäste dieser bettelarmen Regime waren ihre Zukunftsaussichten äußerst beschränkt.
Einige Agenten des früheren libyschen Geheimdiensts trafen es jedoch besser als der Rest ihrer gehetzten Kollegen, da sie über einen gewichtigen Vorteil verfügten. Die Mitglieder dieser kleinen Agentenzelle hatten nämlich viele Jahre lang nicht nur die Interessen des Gaddafi-Regimes verfolgt, sondern auch für ihre ganz persönliche Bereicherung gesorgt. Sie hatten sich anmieten lassen, um in Libyen wie im Ausland meist recht schmutzige »Auftragsarbeiten« für das organisierte Verbrechen, al-Qaida, den Umayyad-Revolutionsrat oder sogar für die Geheimdienste anderer nahöstlicher Staaten zu erledigen.
Bei dieser Arbeit erlitt die Gruppe bereits vor dem Sturz ihrer Regierung etliche Verluste. Einige wurden bereits ein Jahr vor Gaddafis Tod von amerikanischen Agenten getötet. Während der Revolution kamen ein paar andere bei einem NATO-Luftangriff auf den Hafen von Tobruk ums Leben. Zwei weitere wurden gefangen genommen, als sie gerade ein Flugzeug bestiegen, das sie aus Misrata wegbringen sollte. Man folterte sie mit Elektroschocks, bevor man sie auf dem Markt nackt an Fleischerhaken aufhängte. Den sieben Überlebenden der Zelle gelang jedoch die Flucht ins Ausland. Auch wenn sie ihre jahrelangen »Zusatzjobs« nicht reich gemacht hatten, halfen ihnen jetzt ihre internationalen Beziehungen, wie Ratten das sinkende Schiff der »Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriya« zu verlassen und der Rache der Aufständischen zu entgehen.
Die sieben setzten sich nach Istanbul ab, wo sie von örtlichen Unterweltgrößen unterstützt wurden, die ihnen einen Gefallen schuldeten. Nach kurzer Zeit verließen zwei von ihnen die Zelle und suchten sich eine ehrliche Arbeit. Einer wurde Wachmann eines Juweliergeschäfts, der andere fand einen Job in einer lokalen Kunststofffabrik.
Die übrigen fünf blieben dem Spionagegeschäft treu und verdingten sich als erfahrene professionelle Geheimdiensteinheit. Dabei achteten sie ständig darauf, ihre persönliche Sicherheit, PERSEC, mit der OPSEC, der operationellen Sicherheit, zu verbinden. Sie wussten, dass sie nur auf diese Weise möglichen Racheakten von Agenten der neuen libyschen Regierung entgehen konnten.
Tatsächlich gewährte ihnen diese Wachsamkeit einige sichere Monate. Danach wurden sie jedoch etwas zu nachlässig. Einer von ihnen verletzte sogar sämtliche Sicherheitsregeln und meldete sich bei einem alten Freund in Tripolis. Dieser hatte jedoch inzwischen die Seiten gewechselt, um seinen Hals zu retten, und berichtete dem neuen libyschen Geheimdienst von dieser Kontaktaufnahme.
Der steckte allerdings noch in den Kinderschuhen. So begeistert er war, dass man eine ganze Gruppe seiner alten Feinde in Istanbul aufgespürt hatte, sah er sich jedoch noch nicht in der Lage, eine Operation gegen sie durchzuführen. Ein Team in eine ausländische Metropole einzuschleusen, um dort eine Zelle von ausgebufften Spionageprofis auszuschalten, überstieg seine Möglichkeiten.
Allerdings hatte auch noch eine andere Organisation diese Nachricht aufgefangen, die sowohl die Mittel als auch das Motiv besaß, in dieser Angelegenheit tätig zu werden.
Bald darauf wurde die Istanbuler Zelle ehemaliger JSO-Agenten zu Zielpersonen erklärt. Sie waren jedoch nicht in das Fadenkreuz libyscher Revolutionäre geraten, die die letzten Reste des Gaddafi-Regimes beseitigen wollten. Ebenso wenig handelte es sich dabei um einen westlichen Geheimdienst, der eine alte Rechnung mit Mitgliedern einer früheren feindlichen Spionageorganisation begleichen wollte.
Nein, die fünf Libyer wurden von einem geheimen Tötungsteam aus den Vereinigten Staaten gejagt.
Vor über einem Jahr hatte ein Mitglied der JSO-Zelle einen Mann namens Brian Caruso, den Bruder eines der Amerikaner und Freund der anderen, erschossen. Der Schütze war zwar kurz darauf umgekommen, aber seine Zelle existierte noch immer. Sie hatte die Revolution überlebt, und ihre Mitglieder genossen inzwischen ihr neues Leben in der Türkei.
Aber Brians Bruder und Freunde hatten sie nicht vergessen.
Und sie hatten ihnen nicht vergeben.
1
Die fünf Amerikaner hielten sich seit Stunden in diesem heruntergekommenen Hotelzimmer auf und warteten auf den Einbruch der Dunkelheit.
Warmer Regen trommelte gegen das Fenster. Außer diesem monotonen Geräusch war in dem halbdunklen Raum fast kein anderer Laut zu hören. Die Männer wechselten kaum ein Wort. In der Woche, die sie jetzt bereits in der Stadt waren, hatte ihnen dieses Zimmer als Operationsbasis gedient, obwohl vier der fünf in anderen Hotels abgestiegen waren. Jetzt waren alle Vorbereitungen abgeschlossen. Die vier hatten aus ihren Quartieren ausgecheckt und sich mit ihrer gesamten Ausrüstung hierher zum fünften Mann ihrer Gruppe begeben.
So still sie jetzt waren, so beschäftigt waren sie die ganze Woche gewesen. Sie hatten die Zielpersonen ausgekundschaftet, Einsatzpläne entwickelt, Deckungsmöglichkeiten erkundet, sich ihre ersten, zweiten und dritten Fluchtwege eingeprägt und die Logistik der gesamten Mission koordiniert. Jetzt war alles vorbereitet, und sie konnten nur noch herumsitzen und auf die Dunkelheit warten.
Von Süden rollte ein lauter Donnerschlag heran. Ein greller Blitz weit draußen am Himmel über dem Marmarameer erleuchtete einen Augenblick lang die regungslosen Personen im Zimmer, die aber sofort darauf im Schummerlicht wieder zu Schemen wurden.
Das Hotel lag im Istanbuler Sultanahmet-Viertel. Das Team hatte es als Operationsbasis ausgewählt, weil sie ihre Fahrzeuge auf dem Hof parken konnten. Außerdem lag es von den Orten etwa gleich weit entfernt, an denen sie später am Abend ihre Operationen durchführen würden. Ganz bestimmt hatten sie das Hotel jedoch nicht wegen seiner Vinyl-Bettlaken, der schmuddeligen Flure oder dem mürrischen, unfreundlichen Personal ausgesucht, oder gar wegen der Haschisch-Schwaden, die von der Jugendherberge im Erdgeschoss heraufzogen.
Aber die Amerikaner beklagten sich nicht über ihre Unterkunft. Sie dachten einzig an die Aufgaben, die vor ihnen lagen. Zwei saßen auf dem mit Rattenkot gesprenkelten Bett, einer lehnte an der Wand neben der Tür, und ein anderer stand am Fenster.
Um neunzehn Uhr schaute der Anführer der Gruppe auf den Chronografen an seinem Handgelenk. Er war über dem Verband befestigt, der seine gesamte Hand und einen Teil seines Unterarms bedeckte. Er stand von seinem Holzstuhl auf und sagte: »Wir ziehen einer nach dem anderen im Abstand von jeweils fünf Minuten los.«
Die anderen nickten.
Der Anführer setzte seine kleine Ansprache fort. »Den Einsatz auf diese Weise aufzusplittern geht mir absolut gegen den Strich, das könnt ihr mir glauben. So gehen wir normalerweise nicht vor. Aber die Umstände lassen uns hier keine andere Wahl. Wenn wir diese Penner nicht halbwegs gleichzeitig erledigen, erfahren ein paar von ihnen davon und flüchten wie die Küchenschaben zurück ins Dunkle.«
Die anderen hörten zu, ohne etwas zu erwidern. Sie hatten das Ganze in der vergangenen Woche dutzendfach durchgespielt. Sie kannten die Schwierigkeiten, sie kannten die Risiken, und sie kannten die Bedenken ihres Anführers.
Sein Name war John Clark. Er hatte solche Einsätze bereits durchgeführt, als der jüngste seiner Männer noch nicht einmal auf der Welt war. Seine Worte hatten also Gewicht.
»Ich habe es schon ein paar Mal gesagt, Leute, aber verzeiht mir, wenn ich es euch noch einmal zu Gemüte führe. Bei dieser Operation sind keine Stilnoten zu vergeben.« Er machte eine Pause. »Rein und raus. Schnell und kaltblütig. Kein Zögern. Keine Gnade.«
Sie nickten erneut.
Nach seiner Rede zog Clark einen blauen Regenmantel über seinen dreiteiligen Nadelstreifenanzug. Er ging zum Fenster hinüber und streckte seine linke Hand aus. Domingo »Ding« Chavez ergriff sie seinerseits mit der Linken und schüttelte sie. Er trug einen dreiviertellangen Ledermantel und eine schwere Rollmütze. Zu seinen Füßen lag eine Segeltuchtasche.
Ding bemerkte Schweiß auf der Stirn seines Mentors. Er wusste, dass Clark starke Schmerzen haben musste, aber er hatte sich in der ganzen Woche nicht ein einziges Mal beklagt. »Alles in Ordnung, John?«, fragte Chavez besorgt.
Clark nickte. »Geht schon.«
Dann streckte John Sam Driscoll die Hand entgegen, der gerade vom Bett aufstand. Sam trug eine Jeansjacke und Bluejeans, außerdem jedoch noch Knie- und Ellbogenschützer. Auf dem Bett lag ein schwarzer Motorradhelm.
»Mr. C.«, sagte Sam.
»Bereit zum Fliegenklatschen?«, fragte John.
»Ich kann’s kaum erwarten.«
»Entscheidend ist der Winkel. Wähl den richtigen und bleib dabei. Die Aufprallwucht erledigt dann den Rest.«
Sam nickte, als gerade ein weiterer Blitz das Zimmer erhellte.
John trat auf Jack Ryan jr. zu. Jack war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. Er trug schwarze Baumwollhosen und einen schwarzen Strickpullover. Über der Stirn hatte er eine Strickmaske auf eine Weise hochgerollt, dass sie Chavez’ Rollmütze ähnelte. Außerdem trug er Softlederschuhe, die wie schwarze Slipper aussahen. Clark gab dem siebenundzwanzigjährigen Ryan die Hand und sagte: »Viel Glück, Junior.«
»Das klappt ganz bestimmt.«
»Da bin ich mir sicher.«
Als Letztes ging John um das Bett herum und schüttelte Dominic Caruso die linke Hand. Dom trug ein gelb-rotes Fußballtrikot und einen hellgelben Schal, auf dem in roten Buchstaben das Wort Galatasaray prangte. Seine Aufmachung hob sich von den gedeckten Farben der anderen gewaltig ab. Seine Miene war jedoch weit düsterer als seine Kleidung.
Mit ernstem Gesichtsausdruck sagte er: »Brian war mein Bruder, John. Ich brauche keine ...«
John fiel ihm ins Wort. »Haben wir darüber nicht bereits gesprochen?«
»Schon, aber ...«
»Mein lieber Dom, was immer unsere fünf Zielpersonen hier in der Türkei vorhaben sollten, diese Operation ist auf jeden Fall weit mehr als eine bloße Vergeltungsaktion für den Tod deines Bruders. Trotzdem ... heute sind wir alle Brians Brüder. Das ist für uns alle eine Herzensangelegenheit.«
»Das stimmt. Aber ...«
»Ich möchte, dass ihr euch ganz auf euren Job konzentriert und auf nichts anderes. Jeder von uns weiß, was wir hier tun. Diese JSO-Arschlöcher haben gegen ihr eigenes Volk und gegen die Vereinigten Staaten zahllose Verbrechen begangen. Ihr ganzes Verhalten zeigt, dass sie auch jetzt nichts Gutes im Schilde führen. Niemand außer uns wird sie aufhalten. Es ist unsere Aufgabe, sie aus dem Verkehr zu ziehen.«
Dom nickte leicht abwesend.
»Diese Wichser haben es allemal verdient«, fügte Clark noch hinzu.
»Ich weiß.«
»Bist du startklar?«
Jetzt hob der junge Mann sein bärtiges Kinn. Er schaute Clark direkt in die Augen. »Hundertprozentig«, sagte er in entschlossenem Ton.
John Clark griff sich mit der nicht bandagierten Hand seine Aktenmappe und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Die vier übrigen Amerikaner schauten auf ihre Uhren und warteten schweigend, bis sie an der Reihe waren. Wieder war nur das Geräusch der Regentropfen zu hören, die immer noch an die Fensterscheibe trommelten.
2
Der Mann, den die Amerikaner intern »Zielperson eins« getauft hatten, saß an seinem gewohnten Bistrotisch im Straßencafé vor dem Hotel May im Mimar-Hayrettin-Viertel. Bei schönem Wetter kam er an den meisten Abenden hierher, um ein oder zwei Raki zu trinken, die er mit eiskaltem Wasser vermischte. An diesem Abend regnete es zwar in Strömen, aber das lange Segeltuchdach über den Tischen auf dem Trottoir hielt ihn trocken.
Trotzdem hatten nur wenige Gäste einen Platz im Freien gewählt. Einige Paare gönnten sich noch ein Getränk und rauchten eine Zigarette, bevor sie auf ihre Hotelzimmer zurückkehren oder ein anderes Lokal irgendwo in der Altstadt aufsuchen würden.
Zielperson eins war sein abendliches Glas Raki zur lieben Gewohnheit geworden. Das milchig weiße Anisgetränk, ein doppelt gebrannter Tresterschnaps, wies immerhin einen Alkoholgehalt von 40 bis 50 Volumenprozent auf und war deshalb in seinem Heimatland Libyen und anderen islamischen Staaten, die nicht der liberaleren hanafitischen Rechtsschule folgten, streng verboten. Allerdings war der ehemalige JSO-Spion auch zuvor schon »gezwungen« gewesen, bei Auslandseinsätzen aus Tarnungsgründen gelegentlich alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Nach seiner Flucht hatte er sich jetzt jedoch daran gewöhnt, die ständige nervliche Anspannung durch den Genuss des einen oder anderen Raki zu lindern. Manchmal benutzte er diesen sogar als eine Art Schlafmittel, obwohl auch die liberale Hanafi-Schule jede Form von tatsächlicher Trunkenheit strikt ablehnte.
Nur wenige Fahrzeuge rumpelten keine vier Meter von seinem Tisch entfernt über das Kopfsteinpflaster. Dies war keine Durchgangsstraße. Selbst an schönen Wochenendabenden mit klarem Himmel herrschte hier kaum Verkehr. Auf den Gehsteigen gab es jedoch etwas mehr Betrieb. Zielperson eins betrachtete mit Wohlgefallen die attraktiven Istanbuler Frauen, die unter ihren Schirmen an ihm vorbeihasteten. Der gelegentliche Anblick der nackten Beine einer sexuell anziehenden Frau verband sich jetzt mit dem wohligen leichten Rauschgefühl des Alkohols und sorgte dafür, dass der Libyer diesen Aufenthalt in seinem gewohnten Straßencafé selbst an diesem regnerischen Abend ausgesprochen genoss.
Um einundzwanzig Uhr lenkte Sam Driscoll seinen Fiat Linea ruhig und umsichtig durch den abendlichen Verkehr, der aus den Außenbezirken in die Istanbuler Altstadt strömte.
Die Lichter der Stadt spiegelten sich in der nassen Windschutzscheibe. Je weiter er in das Straßengewirr der Altstadt vordrang, desto schwächer wurde der Verkehr. An einer roten Ampel schaute der Amerikaner kurz auf das GPS-Gerät, das er mit einem Klettverschluss an das Armaturenbrett geheftet hatte. Nachdem er sich über die Entfernung zu seiner Zielperson vergewissert hatte, griff er zum Beifahrersitz hinüber und packte seinen Motorradhelm. Als die Ampel auf Grün schaltete, rollte er ganz langsam den Nacken, um sich zu entspannen, zog sich den Sturzhelm über den Kopf und schloss dessen Visier.
Beim Gedanken, was gleich passieren würde, zuckte er unwillkürlich zusammen. Obwohl ihm das Herz bis zum Hals pochte und fast jede Synapse seines Gehirns in der Konzentration auf die bevorstehende Operation feuerte, fand er doch noch den inneren Abstand, den Kopf zu schütteln und etwas vor sich hin zu murmeln.
Er hatte in seiner Zeit als Soldat und Außenagent eine Menge hässlicher Dinge erledigen müssen, aber so etwas wie jetzt hatte doch noch nicht dazugehört.
»Gleich werde ich zu einer gottverdammten Fliegenklatsche.«
Als der Libyer zum ersten Mal an seinem zweiten Raki nippte, bog etwa achtzig Meter weiter nördlich ein silberner Fiat um die Kurve und sauste die schmale Altstadtstraße hinunter. Zielperson eins schaute gerade in die entgegengesetzte Richtung, wo sich eine wunderschöne junge Türkin auf dem Gehsteig näherte. In der linken Hand hielt sie einen roten Schirm und in der rechten die Leine ihres Zwergschnauzers. Als sie an ihm vorbeiging, hatte er von seinem Platz aus einen fantastischen Blick auf ihre langen, gebräunten Beine.
Ein lauter Schrei von links lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Kreuzung direkt vor ihm. Sein Kopf fuhr herum, und er sah, wie ein silberfarbener Fiat bei Rot über die Ampel fuhr und jetzt die bisher so ruhige Straße herunterraste.
Er erwartete, dass er an ihm vorbeiflitzen würde.
Er nahm erneut einen Schluck, ohne sich weiter zu beunruhigen.
Dies änderte sich jedoch schlagartig, als das Auto plötzlich mit einem lauten Quietschen seiner nassen Reifen hart nach links steuerte und direkt auf den Libyer zuhielt, der fassungslos auf den Kühlergrill des Fiats starrte.
Noch immer mit seinem Glas in der Hand sprang die Zielperson eins von ihrem Stuhl hoch, blieb dann jedoch wie angewurzelt stehen. Sie hatte weder die Zeit noch den Raum, sich irgendwohin abzusetzen.
Die Frau mit dem Zwergschnauzer schrie laut auf.
Der silberne Fiat rammte jetzt den Mann am Bistrotisch mit voller Wucht und quetschte ihn gegen die Ziegelsteinwand des Hotels, wo er halb unter und halb vor das Auto geriet. Der Brustkorb des Libyers wurde dabei zerdrückt und zerschmettert. Einzelne Knochenstücke durchbohrten seine lebenswichtigen Organe wie Schrotkugeln aus einer kurzläufigen Polizeiflinte.
Die Augenzeugen im Café und auf der Straße sagten später aus, dass der Mann mit dem schwarzen Sturzhelm, der das Auto steuerte, danach ganz ruhig den Rückwärtsgang eingelegt, in den Rückspiegel geschaut und zur Kreuzung zurückgesetzt habe, um in nördlicher Richtung davonzufahren. Er wirkte dabei so unaufgeregt wie ein Mann, der auf einem Sonntagsausflug eine Parklücke auf dem Marktplatz gefunden hatte, feststellte, dass er seinen Geldbeutel zu Hause vergessen hatte, und dann wieder ausparkte, um ihn daheim zu holen.
Einen Kilometer weiter südöstlich parkte Driscoll den Fiat in einer privaten Einfahrt. Die Motorhaube des Wagens war völlig verbeult, und sein Kühlergrill und die Stoßstange waren eingedrückt und zerfetzt. Sam stellte den Fiat so ab, dass sein beschädigtes Vorderteil von der Straße aus erst einmal nicht zu sehen war. Er stieg aus und ging zu einem Motorroller hinüber, der ganz in der Nähe an einem Laternenmast angekettet war. Bevor er das Schloss öffnete und davonfuhr, gab er noch eine kurze Botschaft in sein verschlüsseltes Mobiltelefon ein:
»Zielperson eins ist ausgeschaltet. Mit Sam ist alles klar.«
Der Çırağan-Palast war ein prächtiges Stadtschloss, das in den 1860er-Jahren für Abdülaziz I. erbaut wurde, einen Sultan, der während des langen Niedergangs des Osmanischen Reiches regierte. Nachdem seine Verschwendungssucht den Staat in immer höhere Schulden gestürzt hatte, wurde er abgesetzt und »dazu bewogen«, ausgerechnet mit einer Schere Selbstmord zu begehen.
Nirgends wurde die Prunkliebe, die zu Abdülaziz’ Sturz geführt hatte, deutlicher als im Çırağan-Palast. Dieser war jetzt ein Fünf-Sterne-Hotel, dessen gepflegte Rasenanlagen und kristallklare Wasserflächen und Swimmingpools sich von der Palastfassade bis zum Westufer des Bosporus erstreckten, der Meerenge, die Europa von Asien trennte.
Das Tuğra-Restaurant im ersten Stock des Palastes zeichnete sich durch prächtige hohe Räume aus. Durch die Fenster hatte man einen weiten Blick auf die Hotelanlage und die dahinter liegende Meeresstraße. Selbst während eines Dauerregens wie an diesem Dienstagabend konnten sich die Gäste von ihren Tischen aus an den hellen Lichtern der vorbeifahrenden Jachten erfreuen.
Am wichtigsten war jedoch das ausgezeichnete Essen, das neben zahlreichen zahlungskräftigen Touristen auch etliche Geschäftsleute aus der ganzen Welt in dieses Restaurant gelockt hatte, die jetzt allein oder in unterschiedlich großen Gruppen ihre Mahlzeit genossen.
John Clark passte mit seinem feinen Nadelstreifenanzug hervorragend in diese Umgebung. Er tafelte ganz allein an einem kleinen Tisch, der mit prächtigen Kristallgläsern, edlem Knochenporzellangeschirr und vergoldetem Besteck gedeckt war. Er hatte sich einen Platz in der Nähe des Ausgangs, weit weg von den großen Panoramafenstern ausgesucht. Sein Kellner war ein gut aussehender Mann mittleren Alters in schwarzem Smoking, der Clark ein erlesenes Mahl servierte. Der Amerikaner konnte es allerdings nicht so recht würdigen, da seine ganze Aufmerksamkeit einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes galt.
Als sich John gerade den ersten Bissen seines zarten Seeteufels auf der Zunge zergehen ließ, führte der Oberkellner drei Araber in teuren Maßanzügen zu einem Tisch direkt neben dem Fenster. Kurz darauf fragte sie ein Kellner, ob sie vor dem Essen einen Cocktail wünschten.
Zwei Männer wohnten in diesem Hotel. Clark wusste das aufgrund der Überwachungsaktivitäten seines Teams und der ausgezeichneten Vorarbeit seiner Organisation. Sie waren Bankiers aus dem Oman, die ihn in keiner Weise interessierten. Das galt jedoch nicht für den dritten Mann, einen fünfundfünfzigjährigen grauhaarigen Libyer mit einem gepflegten, gestutzten Bart.
Er war die Zielperson zwei.
Clark hatte nach seiner Verletzung lernen müssen, die Gabel beim Essen in der linken Hand zu halten. Während er seinen Fisch sehr langsam verspeiste, konzentrierte er sich mithilfe des winzigen, fleischfarbenen Hörverstärkers in seinem rechten Ohr auf die Stimmen der drei Männer. Dabei war es ziemlich schwierig, sie von denen der anderen Restaurantgäste zu unterscheiden. Nach ein paar Minuten gelang es ihm dann jedoch, die Stimme der Zielperson zwei aus dem allgemeinen Lautgewirr herauszufiltern.
Clark wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Seeteufel zu und wartete.
Einige Minuten später nahm der Kellner die Bestellung der drei Araber entgegen. Clark hörte, wie seine Zielperson eine Portion Kalbsrostbraten bestellte, während sich seine beiden Begleiter für andere Gerichte entschieden.
Das war gut. Hätten die Omaner das Gleiche wie der Libyer bestellt, hätte Clark zum Plan B übergehen müssen. Dieser würde sich jedoch draußen auf der Straße abspielen, wo Clark auf weit mehr Unwägbarkeiten gefasst sein musste als hier im Tuğra.
Alle drei hatten auch nur einen einzigen Hauptgang bestellt. Clark dankte seinem Glück, holte das Hörgerät aus dem Ohr und steckte es zurück in die Hosentasche. Er nippte von Zeit zu Zeit an seinem Portwein, den er sich als Digestif gönnte, während am Tisch seiner Zielperson kalte Suppen und Weißwein serviert wurden. Der Amerikaner vermied es, auf die Uhr zu schauen. So wichtig die Einhaltung des Zeitplans sein mochte, er durfte äußerlich keinesfalls irgendwelche Anzeichen von Ungeduld oder gar Besorgnis zeigen. Stattdessen genoss er seinen Port und zählte die Minuten im Kopf ab.
Kurz bevor die Suppenteller vom Tisch der Araber abserviert wurden, fragte Clark den Kellner, wo genau sich das »gewisse Örtchen« befinde. Dieser erklärte ihm, dass er dazu nur an der Küche vorbeigehen müsse. Auf der Toilette schloss er sich in eine Kabine ein, setzte sich und begann, in aller Eile seinen Unterarmverband abzuwickeln.
Dieser war keinesfalls eine Finte. Seine verletzte Hand war ganz real und schmerzte entsetzlich. Einige Monate zuvor hatte man sie mit einem Hammer zerschmettert. Seitdem hatte er drei Operationen über sich ergehen lassen müssen, in denen man seine Knochen und Sehnen einigermaßen wiederhergestellt hatte. Trotzdem hatte er in der ganzen Zeit nicht eine einzige Nacht beschwerdefrei verbracht.
Auch wenn der Verband keine Attrappe war, diente er doch noch einem zusätzlichen Zweck. Beim Verbinden hatte Clark zwischen den beiden Schienen, die seinen Zeige- und Mittelfinger fixierten, auf raffinierte Weise eine kleine Spritze versteckt. Sie war so positioniert, dass er deren schmale Spitze durch den Verband nach außen stoßen konnte. Dabei wäre der Verschluss der Injektionsnadel abgesprungen, die er danach in die Zielperson hätte stechen können.
Das wäre jedoch der weniger günstige Plan B gewesen. John hatte sich stattdessen für Plan A entschieden.
Er holte die Spritze aus ihrem Versteck und steckte sie in die Tasche. Dann wickelte er den Verband vorsichtig wieder um seine verletzte Hand.
Der Injektor enthielt zweihundert Milligramm einer ganz speziellen Form des Succinylcholin-Gifts. Diese Dosis konnte man der Zielperson entweder direkt injizieren oder auf irgendeine Weise in ihr Essen schmuggeln. Beide Methoden waren absolut tödlich. Trotzdem war die Injektion verständlicherweise die effizientere Verabreichungsmethode.
John verbarg die Spritze in seiner linken Hand und verließ die Toilette.
Sein Timing war jedoch alles andere als perfekt. Er hatte gehofft, genau zu dem Zeitpunkt an der Küche vorbeizukommen, wenn der Kellner mit den Hauptspeisen für die drei Araber heraustreten würde. Als er jedoch zum Kücheneingang kam, war der Gang vollkommen leer. John tat so, als würde er die Bilder an den Wänden und den vergoldeten Stuck an der Decke betrachten. Schließlich erschien der Kellner. Auf der Schulter trug er ein Tablett voller abgedeckter Speiseteller. John stellte sich ihm in den Weg und verlangte, er solle das Tablett absetzen und den Küchenchef rufen. Der Kellner verbarg seine Wut hinter einer aufgesetzten Höflichkeit und tat, wie ihm geheißen.
Als der Mann hinter der Schwingtür verschwunden war, deckte John in aller Eile die Speiseteller auf, fand das Kalbfleischgericht und spritzte das Gift aus dem Injektor direkt in die Mitte der dünnen Bratenscheibe. Zwar waren auf der Soße kurzzeitig einige durchsichtige Bläschen zu sehen. Das allermeiste Gift steckte jetzt jedoch im Fleischstück selbst.
Als der Küchenchef einen Augenblick später erschien, hatte Clark den Teller bereits wieder abgedeckt und die Giftspritze in der Hosentasche verstaut. Er dankte dem Koch für das ausgezeichnete Abendessen, während der Kellner in aller Eile die Speisen zum Tisch der Araber brachte, damit diese sich nicht beschwerten, ihr Essen sei kalt.
Minuten später zahlte John seine Rechnung und machte sich zum Gehen bereit. Sein Kellner brachte ihm den Regenmantel. Als er ihn anzog, schaute er kurz zur Zielperson zwei hinüber. Der Libyer verspeiste gerade den letzten Rest seines Kalbs-Külbastis. Er war in ein Gespräch mit seinen omanischen Begleitern vertieft.
Als Clark in die Hotellobby hinunterging, lockerte sich Zielperson zwei die Krawatte.
Zwanzig Minuten später stand der fünfundsechzigjährige Amerikaner unter seinem Schirm im Büyükşehir-Belediyesi-Park direkt gegenüber dem Hotel und beobachtete, wie ein Krankenwagen heranbrauste und an dessen Eingang hielt.
Das Gift war absolut tödlich. Kein Sanitätsauto der Welt hatte in seiner Arzneimittelbox dafür ein Gegengift.
Zielperson zwei war entweder bereits tot oder sie würde es in kurzer Zeit sein. Die Ärzte würden annehmen, er habe einen Herzinfarkt erlitten. Es würde also höchstwahrscheinlich keine weitere Untersuchung geben. Auf keinen Fall würde man die anderen Gäste des Tuğra befragen, die zufälligerweise zum Zeitpunkt dieses unglücklichen, aber völlig natürlichen Ereignisses im Restaurant gegessen hatten.
Clark wendete sich ab und ging zur Muvezzi-Straße hinüber, die fünfzig Meter weiter westlich lag. Dort nahm er ein Taxi und bat den Fahrer, ihn zum Flughafen zu bringen. Er hatte kein Gepäck dabei, nur seinen Schirm und ein Mobiltelefon. Er drückte auf dessen Sprechtaste, während das Taxi in die Nacht hinausfuhr. »Zwei ist ausgeschaltet«, sagte er leise. »Ich bin in Sicherheit.« Dann steckte er das Handy mit der Linken unter den Regenmantel und ließ es in die Brusttasche seiner Anzugjacke gleiten.
Nachdem Domingo Chavez die Anrufe von Driscoll und Clark entgegengenommen hatte, konzentrierte er sich ganz auf seinen Teil der Operation. Er befand sich gerade auf der alten staatlichen Passagierfähre, die zwischen Karaköy auf der europäischen Seite des Bosporus und Üsküdar auf der asiatischen Seite verkehrte. Auf den roten Holzbänken in der Kabine des riesigen Fährschiffs saßen zahlreiche Frauen und Männer, die langsam, aber sicher in der leichten Dünung der Meerenge ihrem Bestimmungsort am anderen Ufer entgegenschaukelten.
Dings Zielperson war allein, ganz so, wie es nach der Beschattung der letzten Tage zu erwarten war. Chavez musste seinen Mann während der vierzigminütigen Überfahrt hier auf der Fähre ausschalten, damit dieser nicht doch noch vom Tod seiner Kumpane erfuhr, Verdacht schöpfte und seine Wachsamkeit verstärkte.
Zielperson drei war ein fünfunddreißigjähriger dicklicher Mann. Er saß auf einer Bank direkt am Fenster und las in einem Buch. Nach fünfzehn Minuten stand er jedoch auf und ging an Deck, um eine Zigarette zu rauchen.
Nachdem Chavez sich ein paar Sekunden lang vergewissert hatte, dass sich niemand anders für den Libyer interessierte, stand er ebenfalls auf und trat durch eine andere Tür aufs Deck hinaus.
Es regnete immer noch in Strömen, und die niedrige Wolkendecke ließ nicht das geringste Mondlicht durch. Außerdem versuchte Chavez, immer in den langen Schatten zu bleiben, die die Lampen entlang des schmalen Unterdecks warfen. Er stellte sich etwa fünfzehn Meter von seiner Zielperson entfernt an die spärlich beleuchtete Reling und schaute zu den blinkenden Lichtern am Ufer hinüber, vor denen sich gerade eine schwarze Fläche vorbeibewegte, als ein Katamaran unter der Galatabrücke hindurchfuhr.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er seine Zielperson, die immer noch in der Nähe der Reling stand und rauchte. Das Oberdeck schützte ihn vor dem Regen. Im Moment standen noch zwei weitere Männer am Fährengeländer, aber er folgte seinem Mann seit Tagen und wusste deshalb, dass er noch eine ganze Weile draußen bleiben würde.
Chavez wartete im Schatten, bis die anderen schließlich zurück ins Fähreninnere gingen.
Jetzt näherte er sich dem Mann langsam und vorsichtig von hinten.
Zielperson drei mochte in letzter Zeit zwar seine persönliche Sicherheit etwas vernachlässigt haben, aber er hätte nicht so lange als Agent eines staatlichen Geheimdienstes und freischaffender Spion überlebt, wenn er ein argloser Narr gewesen wäre. Er war also auch jetzt auf der Hut. Als Chavez auf dem Weg zu seiner Zielperson vor einem Decklicht vorbeigehen musste, bemerkte der Mann den sich bewegenden Schatten, schleuderte seine Zigarette weg und drehte sich blitzschnell um. Seine Hand glitt in seine Manteltasche.
Chavez startete sofort einen Angriff. Mit drei blitzschnellen Schritten erreichte er seine Zielperson. Mit der Linken fiel er diesem in den Arm, um ihn am Ziehen seiner Waffe zu hindern. In der Rechten hielt er einen ledernen Totschläger, den er jetzt dem beleibten Libyer mit aller Kraft an die linke Schläfe schlug. Zielperson drei war sofort außer Gefecht gesetzt und sank zwischen der Reling und Ding zu Boden.
Der Amerikaner steckte seinen Lederknüppel zurück in die Tasche und packte den bewusstlosen Mann am Kopf. Er vergewisserte sich noch einmal, dass niemand in der Nähe war, und brach mit einer kurzen, brutalen Drehbewegung seiner Zielperson das Genick. Nachdem er zum letzten Mal nach links und rechts geschaut hatte, ob die Luft tatsächlich rein war, hievte Ding den Libyer über die Reling und ließ ihn fallen. Die Leiche verschwand in der Dunkelheit. Es war nur ein schwaches Klatschen zu hören, das vom Rauschen der schnellen Meeresströmung und den rumpelnden Schiffsmotoren weitgehend überdeckt wurde.
Einige Minuten später kehrte Chavez in die Passagierkabine zurück und suchte sich auf der roten Bank einen anderen Platz. Von hier aus setzte er über sein Mobiltelefon einen kurzen Funkspruch ab.
»Drei ist ausgeschaltet. Ding ist in Sicherheit.«
Die neue Türk-Telecom-Arena fasste mehr als fünfzigtausend Zuschauer. Bei Spielen der Istanbuler Fußballmannschaft Galatasaray war das Stadion bis auf den letzten Platz gefüllt. Trotz des Regens sorgte das Dach über den Zuschauerrängen dafür, dass niemand nass wurde.
Das heutige Spiel gegen den Lokalrivalen Beşiktaş war ein Pflichttermin für die örtlichen Fußballfans. Ein ganz bestimmter Ausländer im Publikum bekam von diesem Match jedoch nicht allzu viel mit. Dominic Caruso, der über diesen europäischen »Fußball« kaum etwas wusste und sich noch weit weniger dafür interessierte, richtete stattdessen seine ganze Aufmerksamkeit auf die Zielperson vier, einen einunddreißigjährigen bärtigen Libyer, der mit einigen türkischen Bekannten ins Stadion gekommen war. Dom hatte einem Mann, der nur ein paar Reihen über der Zielperson gesessen hatte, etwas Geld bezahlt, dass er seinen Platz mit ihm wechselte. Jetzt hatte der Amerikaner einen ausgesprochen guten Blick auf den Libyer. Außerdem lag der nächste Ausgang ganz in der Nähe.
Während der ersten Halbzeit gab es für Caruso nichts zu tun, als zu jubeln, wenn seine Sitznachbarn jubelten, und aufzuspringen, wenn diese aufsprangen, was tatsächlich alle paar Sekunden der Fall war. In der Halbzeitpause verließen fast alle Zuschauer ihre Plätze, um sich etwas zu essen zu holen oder die Toilette aufzusuchen. Zielperson vier und die meisten seiner Begleiter blieben jedoch sitzen, sodass Caruso dasselbe tat.
Kurz nach Wiederanpfiff brach die Menge in lauten Jubel aus, als Galatasaray überraschend ein Tor gelang. Nach einer weiteren Viertelstunde stand der Libyer plötzlich auf und machte sich in Richtung Ausgang auf den Weg.
Caruso verließ sofort seine Sitzreihe und eilte die Stadiontreppe hinauf. Tatsächlich gelang es ihm, noch vor seiner Zielperson den Ausgang zu erreichen. Da er annahm, dass diesen ein menschliches Bedürfnis plagte, schaute er sich kurz um und rannte dann zur nächsten Toilette hinüber. Vor deren Eingang blieb er stehen und wartete.
Dreißig Sekunden später ging Zielperson vier achtlos an ihm vorbei ins Innere der Toilette. Dominic griff in sein Fußballtrikot und zog blitzschnell ein kleines weißes Pappschild heraus, auf dem in Druckbuchstaben Kapalı stand, was auf türkisch »geschlossen« bedeutete, und klebte es außen an die Tür. Dann schlüpfte er selbst hinein und schloss sie hinter sich.
Zielperson vier stand an einem Urinalbecken. Allerdings waren auch noch zwei weitere Männer anwesend. Sie wuschen sich jedoch bereits die Hände und verließen kurz darauf die Toilette. Dom stellte sich jetzt seinerseits an ein Becken, das von dem des Libyers ein Stück entfernt war, und zog sein Stilett aus der Hosentasche.
Zielperson vier machte seinen Reißverschluss zu und ging zum nächsten Waschbecken hinüber. Als er auf dem Weg dorthin den Mann mit dem Galatasaray-Trikot und dem dazu passenden Vereinsschal passierte, drehte sich dieser ganz plötzlich zu ihm um. Der Libyer spürte einen plötzlichen Schlag auf seinen Bauch, dem ein stechender Schmerz folgte. Gleichzeitig schob ihn der Fremde in eine Kabine auf der anderen Seite des Toilettenraums. Der Ex-Spion versuchte, das Messer zu erreichen, das in seiner Hosentasche steckte, aber sein Angreifer presste ihm die Arme wie mit einem Schraubstock zusammen.
Beide Männer fielen in die Kabine und auf das Toilettenbecken.
Erst in diesem Moment schaute der Libyer zu der Stelle an seinem Bauch hinunter, wo er vorhin diesen Schlag verspürt hatte. Er erschrak zu Tode, als er den Griff eines Messers aus seiner Bauchdecke herausragen sah.
Der Panik folgte bald eine große Mattigkeit.
Sein Angreifer drückte ihn jetzt von dem Toilettensitz herunter, sodass er hilflos neben der Kloschüssel auf dem Boden lag. Dann beugte er sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Das ist für meinen Bruder, Brian Caruso. Deine Leute haben ihn in Libyen getötet, und heute werdet ihr alle bis zum letzten Mann mit eurem Leben dafür bezahlen.«
Die Augen von Zielperson vier zogen sich verwirrt zusammen. Er sprach englisch, verstand also, was dieser Mann zu ihm sagte. Er kannte allerdings niemand, der Brian hieß. Zwar hatte er viele Männer getötet, einige davon in Libyen, aber das waren alles Libyer, Juden oder Aufständische, also Feinde von Oberst Gaddafi, gewesen.
Einen Amerikaner hatte er jedoch ganz bestimmt niemals umgebracht. Er hatte keine Ahnung, wovon dieser Galatasaray-Fan überhaupt sprach.
Kurz darauf hauchte Zielperson vier in dieser Stadiontoilette sein Leben aus. Bis zum letzten Augenblick war er sich sicher, dass das Ganze ein schrecklicher Irrtum sein musste.
Caruso zog sein blutverschmiertes Fußballtrikot aus, unter dem er ein weißes T-Shirt trug. Als er auch dieses über den Kopf zog, zeigte sich, dass darunter ein weiteres Trikot steckte. Dieses Mal war es jedoch das der gegnerischen Mannschaft. Die schwarz-weißen Vereinsfarben von Beşiktaş würden es ihm wie zuvor das Rot und Gold von Galatasaray erlauben, sich unter die Fußballfans zu mischen, ohne weiter aufzufallen.
Er stopfte das T-Shirt und das Galatasaray-Trikot in seinen Hosenbund, holte eine schwarze Kappe aus der Tasche und setzte sie sich auf.
Für einen Augenblick beugte er sich über den Toten. In seiner kalten Wut hätte er am liebsten auf die Leiche gespuckt. Er unterdrückte jedoch diesen Drang. Er wusste, dass es pure Dummheit gewesen wäre, seine DNS an diesem Tatort zu hinterlassen. Er drehte sich um, verließ die Toilette, entfernte das Kapalı-Schild von deren Eingangstür und machte sich auf den Weg zum Stadionausgang.
Als er durch das Drehkreuz in den strömenden Regen hinaustrat, zog er sein Mobiltelefon aus der Seitentasche seiner Cargohose.
»Zielperson vier ausgeschaltet. Dom ist in Sicherheit. War ein Kinderspiel.«