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Wie vollzieht sich eine symbolische Revolution? Wann hat sie Erfolg? Am Beispiel des Begründers der modernen Malerei, Édouard Manet, geht der große französische Soziologe diesen Fragen in seinen Vorlesungen am Collège de France aus den Jahren 1998 bis 2000 nach. Begleitet werden die Vorlesungen von einem Manuskript über Manet, an dem Bourdieu mit seiner Frau Marie-Claire gearbeitet hat. Eine Entdeckung!

 Bourdieu situiert Manets Malerei in der Krise der Kunst Mitte des 19. Jahrhunderts – in einem Moment, in dem zum einen die Zahl der Künstler zunimmt und zum anderen die staatliche Autorität in der Beurteilung des Wertes von Kunst fundamental in Frage gestellt wird. In dieser Situation bricht Manet mit den Regeln der akademischen Malerei und revolutioniert die gesamte ästhetische Ordnung. Seine Gemälde sind als Kampfansagen zu verstehen: an die Bewahrer des Akademismus, an den Populismus der Realisten, an den kommerziellen Eklektizismus der Genremaler und sogar an den im Entstehen begriffenen Impressionismus. Symbolische Revolutionen, so arbeitet Bourdieu heraus, sind nur vor dem Hintergrund der Konstellationen des gesamten kulturellen Feldes zu erklären. Mit seinen Studien zu Manet hat Bourdieu nicht weniger als ein Grundlagenwerk der Kunstsoziologie geschaffen.

Pierre Bourdieu (1930-2002) hatte von 1981 an den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France in Paris inne. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die Médaille d'or du Centre national de la recherche scientifique. 1997 wurde ihm der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen.

 

Zuletzt erschienen:

Über den Staat. Vorlesungen am Collège de France 1989-1992 (2014)

Schriften Band 12.1: Kunst und Kultur. Zur Ökonomie symbolischer Güter. Schriften zur Kultursoziologie 4 (stw 2106)

Schriften Band 12.2: Kunst und Kultur. Kunst und künstlerisches Feld. Schriften zur Kultursoziologie 4 (stw 2126)

Schriften Band 12.3: Kunst und Kultur. Kultur und kulturelle Praxis. Schriften zur Kultursoziologie 4 (stw 2146)

 

 

Pierre Bourdieu

Manet
Eine symbolische Revolution

Vorlesungen am Collège de France 1998-2000
Mit einem unvollendeten Manuskript
von Pierre und Marie-Claire Bourdieu

Mit zahlreichen farbigen Abbildungen

Herausgegeben von Pascale Casanova,
Patrick Champagne, Christophe Charle, Franck Poupeau
und Marie-Christine Rivière

Christophe Charle
Opus infinitum

Pascale Casanova
Selbstporträt als freier Künstler

Aus dem Französischen von
Achim Russer und Bernd Schwibs

Suhrkamp Verlag

 

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Manet. Une révolution symbolique. Cours au Collège de France (1998-2000) suivi d'un manuscript inanchevé de Pierre et Marie-Claire Bourdieu © Éditions Raison d'agir / Éditions du Seuil 2013

 

Die Herausgeber danken Bruno Auerbach, Laure Bourdieu, Simon Bourdieu, Inès Champey, Olivier Christin, Adrien Fischer und Gilles L'Hôte für ihre Beiträge zur Erstellung dieses Werkes. Ebenso danken sie allen, die Pierre Bourdieu in Frankreich wie im Ausland bei der Arbeit über Manet unterstützt haben, namentlich seinen Mitarbeiterinnen Rosine Christin und Martine Dévé.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2015

Erste Auflage 2015

© dieser Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

Umschlagabbildung: Édouard Manet, Der tote Torero, 1864-1865, Öl auf Leinwand, National Gallery of Art, Widener Collection, Washington

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

 

eISBN 978-3-518-74185-6

www.suhrkamp.de

Inhalt

 

 

Notiz der Herausgeber

 

Vorlesungen am Collège de France
im Studienjahr 1998-1999
Der Manet-Effekt

 

Vorlesung vom 6. Januar 1999

Thema der Vorlesung: die von Manet ausgelöste symbolische Revolution – Eine vollendete symbolische Ordnung – »Peinture pompier« – Die Konstruktion der modernen Kunst: ein umkämpftes Thema – Parenthese: Soziale Probleme und soziologische Probleme – Staatskunst und Akademismus der Avantgarde – Die Talmi-Revolution – Parenthese über wissenschaftlichen Populismus – Ein unmögliches Forschungsprogramm: der Raum der Kritik – Vom Banalen zum Skandal – Ein Bild voller Unstimmigkeiten – Die Kollision zwischen Edlem und Trivialem – Die Affinität zwischen den Hierarchien – Der falsche Gegensatz »Realismus / Formalismus«

 

Vorlesung vom 13. Januar 1999

Frage nach der Revolution in der Kunst – Das Spiel des projektiven Bildungstests (»Das erinnert mich an …«) – Das Feld der Kritik konstruieren – Die Wirkungen des Kunstwerks – Die »Kommunikation von Unbewußtem« – Die intentionalistische Theorie – Regelverstoß und ästhetische Barbarismen – Rhetorik des Euphemismus und Wirkung des Titels – Die Wirkungen der Komposition – Eine symbolische Bombe – Die Daseinsberechtigung eines Bildes – Die Infragestellung der Malerei innerhalb der Malerei – Intention und Disposition

 

Vorlesung vom 20. Januar 1999

Beantwortung einer Frage zur Dialektik – Die Regelverstöße auf ethischem Gebiet – Manet und Monet – Das akademische Auge – Die Dispositionstheorie – Die Philosophie der Intention – Intention und Disposition – Das Zusammentreffen von Habitus und Raum des Möglichen – Das Beispiel der Schriftsteller – Kritik des Begriffs »Quelle« – Die Hypothese der Kohärenz

 

Vorlesung vom 27. Januar 1999

Reflexiver Rückblick auf die vorangegangene Vorlesung – Präkonstruierte Objekte und technische Perfektion – Epistemologischer Bruch und sozialer Bruch – Theorie der Dispositionen und scholastischer Bias – Philosophie der Intention und Philosophie der Dispositionen – Kritik der genetischen Kritik – Kritik der ikonographischen Tradition – Die hermeneutische Haltung – Kopien, Parodien, Pastiches – Eine sehr seltsame Übung – Das Körperwissen

 

Vorlesung vom 3. Februar 1999

Entgegnung auf zwei Mißverständnisse – Vom richtigen Umgang mit Quellen – Eine Vorlesung hören – Internalisten und Externalisten – Jugendwerk und Schulübung – Die Intelligenz des Körpers – Die strukturellen Bedingungen schöpferischen Tuns – Eine totale soziale Tatsache – Eine Krise der Institution – Eine formalistische Theorie – Schluß mit dem »Perfekten« der Pompiers

 

Vorlesung vom 10. Februar 1999

Rückblick auf eine heftige Reaktion – Grenzen des formalistischen Ansatzes – Die illusio als Metaglauben – Die Falle der dichotomischen Logiken – Infragestellung des akademischen Systems und Historisierung des Kunstwerks – Sozialgeschichte der akademischen Kunst – Die Ateliers als Eliteschulen – Körperschaft und Feld – Das Verlagsfeld

 

Vorlesung vom 17. Februar 1999

Eine akademische Kunst – Pompier-Kunst, Aristokraten und Neureiche – Die akademische Ästhetik – Eine integrierte akademische Institution – Ateliers und Initiationsriten – Konsekration und Glaubensproduktion – Ein gradus ad parnassum – Académie und akademische Malerei – Technische und historische Virtuosität – Eine Ästhetik der Lesbarkeit – Eine »enthistorisierte« Geschichte – Eine Ästhetik der Vollendung

 

Vorlesung vom 24. Februar 1999

Manets Kritiker – Parenthese über die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem – Lebensstil und Werkstil – Die Abschaffung der Bedeutung – Häretiker und Orthodoxe – Die Nominierung – Der Kampf um das Monopol – Ausstellung und Konsekration – Die Transformation des Bildungswesens – Verteidigung der Körperschaft – Eine Glaubenskrise – Das morphologische Modell Durkheims und seine Grenzen

 

Vorlesung vom 4. März 1999

Externe Faktoren und Logik der Felder: die Überproduktion von Absolventen – Die Reproduktion der Unterschiede – Disziplinen und »Zufluchts«-Positionen – Die Schwächung des staatlichen Monopols – Der Beitrag des Publikums zur Revolution – Sklerose des Salon und verallgemeinerte Glaubenskrise – Ein Vergleich des künstlerischen Milieus in Paris und London – Manet und die Präraffaeliten – Manet in der Sicht Mallarmés

 

Vorlesungen am Collège de France im Studienjahr 1999-2000
Grundlagen einer dispositionalistischen Ästhetik

 

Vorlesung vom 12. Januar 2000

Zweifel und Reflexivität – Entstehung des künstlerischen Felds – Kommentar zu einem Text Mallarmés über Manet – Kritik der Kritik – Das Paradigma Zola-Manet-Mallarmé – Die Unstimmigkeiten von Eine Bar in den Folies-Bergère – Mallarmé über Manet – Strukturhomologie zwischen künstlerischem und religiösem Feld – Glaube und Rückkehr zu den Quellen

 

Vorlesung vom 19. Januar 2000

Zola und Mallarmé – Formalismus, Materialismus und Symbolismus – »Sich ins Wasser stürzen« als Philosophie des Handelns – Eine praktische Ästhetik

 

Vorlesung vom 26. Januar 2000

Kritischer Rückblick auf die vergangene Vorlesung: Notwendigkeit einer doppelten Historisierung – Parenthese zur Kunstkritik – Zurück zu Mallarmés Text – Der Rahmen als Zuschnitt der Welt – Eine neue Ökonomie der Produktion – Das Zusammentreffen zweier Geschichten

 

Vorlesung vom 2. Februar 2000

Zusammenfassung der vorherigen Vorlesung – Erläuterung der künstlerischen Formen: das Basis/Überbau-Modell – Modelle historischer Prozesse – Weiterer Verlauf der Vorlesung: das Modell Habitus-Feld – Manet, eine Herausforderung für den Analytiker – Analysemethode – Jenseits der Alternative kontinuierlich / diskontinuierlich

 

Vorlesung vom 9. Februar 2000

Bruch und Kontinuität – Der Salon des refusés von 1863 – Für einen rationalen Eklektizismus – Brüche in der Kontinuität (1): die Vorwegnahmen – Bruch in der Kontinuität (2): die Parodie – Das Paradox der symbolischen Revolutionäre – Erklärung des Charismas – Die technischen Faktoren – Die morphologischen Veränderungen – Faktoren auf seiten der Nachfrage – Ein multifaktorielles Modell – Besonderheit der Ökonomie der symbolischen Güter

 

Vorlesung vom 16. Februar 2000

Das künstlerische Feld – Gesellschaftliche Veränderungen und Veränderungen der Form – Parenthese über Forschungen »im Schongang« – Der »Maler des modernen Lebens« – Der Irrtum des Kurzschließens – Der Blick bei Manet – Das Feld als intermediärer sozialer Raum – Die Künstlergesellschaften – Parenthese über Pseudo-Begriffe – Ästhetisch-politische Haltungen und Positionen im Feld – Das Feld der Kritik zwischen literarischem und künstlerischem Feld – Eine Revolution im Feld

 

Vorlesung vom 23. Februar 2000

Die Produktion von Glauben – Zweckmäßigkeit des Feld-Begriffs – Das Feld der Kritik: die zwei Dimensionen – Kritikerporträts – Die Funktionsweise des Felds der Kritik – Das Kompetenzprinzip – Auf dem Feld-Begriff basierende Analyse – Manet, Subjekt und Objekt des künstlerischen Felds

 

Vorlesung vom 1. März 2000

Mechanische Erklärung und strukturale Kausalität – Die körperliche Hexis – Manet: ein gespaltener Habitus – Manets Kapital – Die Orte der Akkumulation sozialen Kapitals: 1) Das Collège Rollin – 2) Der Salon des Kommandanten Lejosne – 3) Der Salon von Manets Gattin – 4) Das Atelier von Thomas Couture – 5) Das Louvre-Museum – 6) Die Cafés: eine schicke Bohème – 7) Die Ateliers der Maler

 

Vorlesung vom 8. März 2000

Das weitere Vorgehen – Die Kunst, eine »reine Praxis ohne Theorie« – Der Standpunkt des Autors und die Beziehung zum Publikum – Eine Wirkungsästhetik – Manet als konkretes Individuum – Form und Inhalt – Der Manet-Effekt – Stützpunkte und Kontrastfiguren – Analyse von Werken

 

Christoph Charle
Opus Infinitum. Genese und Struktur eines unvollendeten Werks

 

Pierre und Marie-Claire Bourdieu
Manet, der Häresiarch
Entstehung der Felder der Kunst und der Kritik
(Unvollendetes Manuskript)

 

Einleitung

1. Die Pompier-Kunst als akademisches Universale

2. Die Krise der akademischen Institution

3. Bruch und Kontinuität

4. Feld der Kritik und künstlerisches Feld

5. »Häresiarch & Co.«

6. Manets Ästhetik

Nachtrag

 

Pascale Casanova
Selbstporträt als freier Künstler oder »Ich weiß nicht, warum ich mich da hineingemischt habe«

 

Anhänge

 

Zusammenfassungen der Vorlesungen im Jahrbuch des Collège de France

 

Namenregister

Sachregister

Abbildungsnachweise

Notiz der Herausgeber

 

 

Dieser Band umfaßt die von Pierre Bourdieu im Verlauf der Studienjahre 1998-1999 und 1999-2000 am Collège de France gehaltenen Vorlesungen sowie ein unvollendetes Manuskript, das Édouard Manet gewidmet ist. Dieses Manuskript, dessen Niederschrift in den achtziger Jahren begann und sich bis zum Tod des Soziologen fortsetzte, wird hier in seiner letzten, vorläufig gebliebenen Fassung veröffentlicht; Marie-Claire Bourdieu, seine Gattin, hatte im Zuge ihrer Mitarbeit an der Dokumentation daran mitgewirkt und war auch an der Konzeption beteiligt. Für seine Überschrift ebenso wie für die der Vorlesungen sind die Herausgeber verantwortlich. Sie folgten den bei der Veröffentlichung von Über den Staat entwickelten editorischen Leitlinien.[1]

Die Transkription der Vorlesungen am Collège de France orientiert sich an den Prinzipien, nach denen Bourdieu selbst bei der Überarbeitung seiner Vorlesungen und Seminare verfuhr: stilistische Korrekturen, Glättung von Ungeschicklichkeiten beim mündlichen Vortrag (Wiederholungen, sprachliche Marotten usw.) und Beseitigung allzusehr abschweifender oder allzu improvisierter Entwicklungen. Weitere Eingriffe machte vor allem der von Bourdieu eingeräumte unabgeschlossene Charakter der Untersuchung unabweisbar. Genauer gesagt – und eben darin liegt einer der Gründe für diese Veröffentlichung –: Es handelt sich um eine laufende Arbeit, um sich entwickelnde Gedanken, um ein work in progress; daher die Abweichungen von den in seinem Exposé ursprünglich vorgesehenen Inhalten, die Unschlüssigkeiten, die abgebrochenen Überlegungen, teilweise improvisierte oder bloß skizzenhaft angedeutete Punkte, und gelegentlich Wiederholungen oder Rückgriffe, dazu bestimmt, den Hörern den Überblick zu erleichtern – Dinge also, die beim Vortrag unproblematisch waren, aber die Lektüre einer Transkription erschwert hätten, die sich allzu eng an den Wortlaut gehalten hätte. Zwar kam es nicht in Frage, den Vortrag »umzuschreiben«, wie er selbst es getan hätte, aber eine gewisse Umformung erwies sich als unverzichtbar, da Bourdieu seine Vorlesungen nicht niederschrieb, sondern anhand von Notizen laut nachdachte und sich die Möglichkeit vorbehielt, den Gedanken nachzuhängen, die sich beim Reden einstellten. Wenn diese Entwicklungen sich auf das Thema beziehen, stehen sie in Gedankenstrichen; wenn sie den Gedankengang verlassen, werden sie in Klammern gesetzt, und wenn sie zu lang sind, können sie einen eigenen Abschnitt bilden. Für die Gliederung in Abschnitte und Unterabschnitte, für die Zwischentitel, die Interpunktion, die Anmerkungen mit ihren bibliographischen Angaben und Verweisen sind die Herausgeber verantwortlich. Um den kritischen Apparat nicht zu überlasten, haben sie sich darauf beschränkt, andere als bibliographische Angaben nur dann einzuführen, wenn Anspielungen aufzuklären oder allzu knapp angesprochene Dinge in ihren Kontext zu stellen waren; biographische Daten zu den weniger bekannten von Manets Zeitgenossen (Malern und Kritikern), die Bourdieu erwähnt, liefert er im allgemeinen selbst im Verlauf seiner Vorlesungen, soweit die Untersuchung es erforderlich macht.

Bei dem Buchmanuskript wurden unvollständige bibliographische Angaben ergänzt. Wie bei den Vorlesungen wurden zur Erleichterung des Verständnisses dienende Anmerkungen hinzugefügt: Erklärungen, Verweise, nähere Angaben. Das Buch blieb, wie gesagt, unvollendet; die abgeschlossenen Teile sind von mehr oder weniger langen, nur skizzenhaften Passagen durchsetzt – wir haben sie durch Kursivschrift kenntlich gemacht –, auch von Randbemerkungen, die wir trotz ihres fragmentarischen Charakters im Rohzustand belassen haben, denn sie geben eine Vorstellung von der Art und Weise, in der Bourdieu gearbeitet hat, und liefern in gewisser Weise die Betriebsgeheimnisse seiner Werke. Obwohl das Nebeneinander von Vorlesungen und Manuskript manche Wiederholung mit sich bringt, haben wir uns nicht zu Kürzungen entschlossen, da die Ergänzungen schwerer wiegen als die Redundanzen. Sofern jedoch aus anderen Gründen gekürzt wurde, werden diese Gründe im Einzelfall aufgeführt.

Der Text »Opus Inifinitum« von Christophe Charle stellt die Verbindung zwischen den Vorlesungen und dem Manuskript her; er situiert die Manet gewidmeten Arbeiten in Bourdieus Gesamtwerk und rekonstruiert ihre Genese. Er resümiert die seither unternommenen Forschungen und regt mögliche Erweiterungen und Modifizierungen der von Bourdieu eröffneten Sicht an. Ein kurzes Nachwort von Pascale Casanova mit dem Titel »Selbstporträt als freier Künstler« beschließt den Band. Es macht die Homologien zwischen dem Maler und dem Soziologen kenntlich, die zu den Triebfedern der Untersuchung Manets durch Bourdieu gehören, und erinnert an den hohen Preis, den »symbolische Revolutionäre« zu zahlen haben, diese unwahrscheinlichen Individuen – »sehr seltsam« nennt Bourdieu sie –, die ihre Beherrschung eines Systems gegen dieses System selbst kehren, um es umzustürzen.

Der Anhang enthält Bourdieus Zusammenfassungen der Vorlesungen im Jahrbuch des Collège de France, ein Namen- und Sachregister und ein Verzeichnis der zitierten Gemälde.

Die Photographien der Werke Manets und anderer Künstler, die Bourdieu besonders berücksichtigt, sind dem Werk beigegeben. Darauf verweisen Zahlen in eckigen Klammern bei der ersten Erwähnung innerhalb der jeweiligen Vorlesung.[2]



[1] Pierre Bourdieu, Sur l'État. Cours au Collège de France, Paris: Raisons d'agir / Seuil 2012; dt. Über den Staat. Vorlesungen am Collège de France 1989-1992, übersetzt von Horst Brühmann und Petra Willim, Suhrkamp: Berlin 2014.

[2] <Bemerkungen der Übersetzer stehen in spitzen Klammern>

Vorlesungen am Collège de France im Studienjahr 1998-1999
 
Der Manet-Effekt