Glühweinopfer &
Lebkuchenleichen
Ein fränkischer Adventskalender
in 24 Kurzkrimis
ars vivendi
Die Geschichte Unter dem Apfelbaum von Elmar Tannert erschien erstmals in der von Thomas Kastura herausgegebenen Anthologie Tatort Garten (2012).
Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage Oktober 2015)
© 2015 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG,
Bauhof 1, 90566 Cadolzburg
Alle Rechte vorbehalten
www.arsvivendi.com
Lektorat: Stephan Naguschewski
Umschlaggestaltung: Mascha Kirchner unter Verwendung einer Fotografie von isses/istockphoto
Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag
eISBN 978-3-86913-606-6
Inhalt
1 · Anne Hassel · Adventsseligkeit
2 · Blanka Stipetic´ · Weißes Rauschen
3 · Angelika Sopp · Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk
4 · Susanne Reiche · Liebesinsel
5 · Theobald Fuchs · Wenn dann die Kinderlein kommen
6 · Christian Klier · Nahtod, mehrfach
7 · Lucas Bahl · Lebkoungmoo
8 · Horst Prosch · Die Rache der Hühnergötter
9 · Bernd Flessner · Trommel, Pfeife und Gewehr
10 · Tommie Goerz · Neun Bier
11 · Helwig Arenz · KLEINE OPFER
12 · Killen McNeill · Der Dunkelschlag
13 · Elmar Tannert · Unter dem Apfelbaum
14 · Barbara Dicker · Der Engel im Grab
15 · Claudia Blendinger · Davidoff
16 · Roland Spranger · CHRISTBAUM PSYCHO
17 · Jan Beinßen · Schopenhauers schöne Bescherung
18 · Sabine Fink · Last Christmas
19 · Thomas Kastura · Der kleine Eisenbahnraub
20 · Hans Kurz · Erst eins, dann zwei, dann drei, dann …
21 · Georg Körner · Böse alte Zeit
22 · Ballwieser & Rinkes · Aischgründer Goldkarpfen
23 · Tessa Korber · Statistik
24 · Friederike Schmöe · Das nackte Licht
Die Autorinnen und Autoren
1 · Anne Hassel · Adventsseligkeit
Ein wenig naiv und sentimental ist die Katja, das weiß sie.
Aber wenn sie nun mal die Adventszeit und Weihnachten mag, dann ist das eben so.
Andere haben auch ihre Eigenheiten, Macken und Marotten, es muss ja nicht ein Mensch wie der andere sein.
»Wäre dann auch wirklich langweilig«, sagt die Katja, wenn sie auf ihre »Adventsseligkeit«, wie sie es nennt, angesprochen wird.
Der Werner weiß das auch, das mit der Sentimentalität. Seit zwölf Jahren schon, denn so lange kennen sich die beiden. Acht davon sind sie verheiratet, mal weniger gut, mal besser, sagt Katja.
Während sie in den anderen Monaten manchmal traurig über das »weniger« ist, stört sie ab dem 1. Dezember bis zum Heiligen Abend nichts, aber auch überhaupt nichts. Da zieht sie sich in einen Kokon aus Adventsseligkeit zurück, da kann der Werner tun und lassen, was er möchte, die Katja sieht darüber hinweg. Es waren ja auch bisher nur Kleinigkeiten, wie das Lästern über die beleuchteten Tiere im Vorgarten, Beschwerden über den erhöhten Stromverbrauch oder Kopfschütteln über den ständigen Besuch von Weihnachtsmärkten. Sonst ließ er sie gewähren.
Dass sich das mal ändern könnte, darüber hat die Katja nie nachgedacht. Gab bisher auch keinen Anlass dazu.
Katja hat schon viele Weihnachtsmärkte gesehen. Schön fand sie den in Würzburg, dort, wo sonst die Marktstände sind, weit um die Marienkapelle herum, und den Christkindlesmarkt am Schönen Brunnen in Nürnberg. Aber am allerschönsten ist für Katja der Weihnachtsmarkt im romantischen Miltenberg.
»Der hat etwas Heimeliges, Geheimnisvolles, etwas, das mich berührt«, sagt sie zu Werner. Der grinst nur, ein seltsames Grinsen, bei dem die Mundwinkel sich nach unten verziehen und einen kurzen Augenblick dort verweilen. Katja gefällt das nicht, doch Werner kann es nicht lassen.
Jedenfalls ist sie dann an jedem der vier Wochenenden, meist schon am Freitagnachmittag, in der Stadt. Läuft von Bürgstadt nach Miltenberg bis zur Pfarrkirche am Schnatterloch, dort, wo sich der große Tannenbaum und ein Teil der Verkaufsstände befinden, obwohl ihr das Laufen wegen ihrer Körperfülle nicht gerade leicht fällt. Katja bleibt dann erst mal eine ganze Weile am Marktplatz stehen, friert, trinkt Glückwein, um sich aufzuwärmen, isst Bratwürste und schaut den Kindern beim Fahren im Kinderkarussell zu. Anschließend schlendert sie weiter zum alten Rathaus in der Fußgängerzone. Kauft jedes Mal drinnen bei den netten Leuten eine Kleinigkeit, Christbaumschmuck oder irgendwas, das ihr gefällt und nicht so teuer ist. Weiter vorne, am Engelplatz, bleibt sie wieder stehen. Bestaunt die Lichtergirlanden am Rathaus, trinkt wieder einen Glühwein, manchmal auch zwei.
Dann geht sie wieder die zwei Kilometer nach Hause, in sich dieses schöne Gefühl, diese Adventsseligkeit, eine besondere Stimmung, die der Werner nicht nachvollziehen kann. Vielleicht kommt das daher, dass er als selbstständiger Maler und Tüncher eher rational denken muss, sich keine Sentimentalitäten leisten kann. Sagt er jedenfalls. Doch so ein klein wenig Vorfreude auf das Fest würde ihm auch nicht schaden, meint Katja, wenn er mal wieder schlecht gelaunt ist.
In das Haus nebenan ist im November eine alleinstehende Frau eingezogen. Mit den Neumanns, der Susanne und dem Heinz, die vorher da gewohnt hatten, hatte sich die Katja gut verstanden. Leider ist dann die Susanne im letzten Jahr gestorben, und der Heinz kam ins Altenheim. Kurz danach wollte er auch nicht mehr leben und folgte seiner Frau.
Anschließend wohnte ein paar Monate niemand im Haus. Ja, und nun ist diese Frau dort eingezogen.
»Zum Glück«, sagt Werner. »Den Winter über ist es nicht so gut, wenn nicht geheizt wird«, und die Katja nickt und freut sich, denn das Haus von den Neumanns hat es verdient, dass wieder Leben in ihm herrscht.
Katja steht hinter dem Vorhang im Wohnzimmer und schaut zu, wie ein Gegenstand nach dem anderen aus dem Umzugsauto geladen wird. Schöne Sachen. So wie Katja sie gerne hätte, aber dazu fehlt das Geld.
Am Abend, als der Wagen nicht mehr da ist, klingelt es an der Haustür. Die Katja will aufmachen, doch der Werner ist schneller.
Die neue Nachbarin sieht jung aus, richtig hübsch mit ihren nussbraunen Locken, die fast auf den Schultern aufliegen, und dem schmalen Gesicht, geradeso wie das einer Puppe, mit der die Katja früher gespielt hatte.
Und dünn ist sie. Bestimmt kocht sie nicht, denkt Katja. Sie selbst kocht jeden Tag, damit der Werner was auf die Rippen kriegt. Doch der kann essen, was er will, die ganzen Speisen verschwinden in ihm, ohne irgendwelche Spuren auf Hüften oder Bauch zu hinterlassen.
Bei der Katja ist das anders. Sie braucht Leckereien nur anzuschauen und schon nimmt sie zu. Das ärgert sie oft. Doch dann fragt sie den Werner, und er sagt, dass er sie gerade so mag, wie sie ist. Dann geht es ihr wieder besser.
»Auf gute Nachbarschaft«, sagt die Frau, und dass sie Janina heißt, mit »Sch« am Anfang gesprochen, also Schanina. Sie wolle das »J« nicht, klinge irgendwie blasiert, und das sei sie nicht. Der Werner probiert gleich aus, ob er das richtig aussprechen kann. Die Frau lobt ihn und seine Mundwinkel wandern auf beiden Seiten nach oben, fast bis zu den Ohren.
»Da gibt es viel zu tun«, meint die Janina und deutet mit dem Kopf nach nebenan. »Die Leute vorher haben ja nichts gemacht. Vielleicht hätte ich das auch nicht mehr, wenn ich so alt gewesen wäre«, fährt die Janina fort, und der Werner nickt zustimmend. Dann bietet er seine Hilfe an. Tapezieren, streichen, aber auch für alle anderen Arbeiten wäre er geeignet.
Und jetzt nickt die Katja, denn das weiß sie ja. Weiß, dass ihr Mann das gut kann.
Als Janina dann gegangen ist, sagt Katja: »Die Neue ist eine Hübsche.«
Da antwortet Werner nur: »Na ja, sie kann es aushalten«, und Katja findet das komisch, denn sonst stimmt er ihr immer zu.
Inzwischen ist der 1. Dezember.
Katja schmückt. Das Haus. Den Garten.
In allen Zimmern ist kaum ein freier Fleck. Überall verteilt sie Weihnachtsdekoration. Engel aus Holz, Keramik und Wachs stehen auf der Kommode. Weihnachtsmänner mit roten Mänteln blicken vom Schrank. Der Adventskranz mit goldenen Kerzen ist so mächtig, dass auf dem Tisch kaum noch Platz zum Essen ist. In den Ecken befinden sich große Holzfiguren, und grüne Girlanden aus Kunststoff hängen über dem Fernseher, an den Fensterrahmen, den Türen.
Zufrieden betrachtet Katja ihr Werk, bevor sie nach draußen in den Vorgarten geht.
Der Tag ist grau, so ein blasses Grau, das den ganzen Himmel überspannt. Ein Grau, das schmutzig aussieht und das sie sonst am liebsten wegwischen würde.
Heute stört es Katja nicht. Nicht am 1. Dezember, zu Beginn der Adventszeit.
Sie fasst nach dem Rentier aus Peddigrohr, das das übrige Jahr mit den zwei Rehen im Keller verbringen muss. Nun stellt Katja es zwischen die kahlen Rosensträucher.
Sie holt eine Leiter und klettert schwer atmend bis zu den oberen Ästen der einzigen Tanne. Es ist nicht einfach, die Lichterkette zu befestigen, aber irgendwann ist es geschafft. Am Abend, wenn es dunkel wird, erhält Katja die Belohnung. Dann leuchten unzählige kleine Lichter wie Sterne am Nachthimmel.
Katja hofft, die Neue wird auch etwas tun. Wird dem Haus etwas Glanz zukommen lassen. Doch da tut sich nichts, nicht mal die Haustür ist geschmückt, keine Vase mit grünen Zweigen steht vor dem Eingang.
Der Werner ist schon wieder im Nachbarhaus. Auch die Tage zuvor war er dort. Hat sogar einen Auftrag vergessen, den er hätte ausführen sollen. Eine ganze Wohnung streichen. Wäre nicht schlecht gewesen. Das Geld hätte die Katja gut für Weihnachtsgeschenke brauchen können, da Werner immer etwas zum Fest will. Eigentlich hat er meist große Wünsche, im Gegensatz zu ihr, denn sie weiß ja, dass es um den Verdienst nicht so gut bestellt ist.
»Gibt die dir auch was für deine Arbeit?«, fragt Katja den Werner, und er druckst herum, sagt erst nicht Ja oder Nein, nur dann, als sie wieder nachhakt, meint er: »Die hat ja selbst nicht viel. Und außerdem sollten Nachbarn sich gegenseitig helfen.«
Dabei starrt er den Engel mit den Rauschgoldhaaren auf der Kommode an, als ob der ihm beispringen könnte.
Weil der 4. Dezember ist, geht Katja dann mit der Schere in den Garten, schneidet vom Kirschbaum fünf Zweige ab und klingelt bei Janina. Es dauert ein wenig, bis sie öffnet und ganz erstaunt die Katja betrachtet, grad so, als habe sie jemand anderen erwartet.
»Barbarazweige! Wenn die ins warme Wasser gestellt werden, blühen sie zu Weihnachten«, sagt Katja und schaut in den Flur, ob sie vielleicht schon etwas von der Arbeit sieht, die Werner erledigt. Doch da ist nichts zu erkennen.
Anfangs kam er wenigstens immer pünktlich zum Abendessen. Es gibt zwar meist nichts Besonderes, nur Brot, Wurst, Käse und manchmal ein hart gekochtes Ei. Doch nun wird es immer später. Das Streichen sei zwar fertig, erklärt er und blickt dabei wieder nicht zur Katja, sondern dieses Mal in die Ecke neben dem Fenster, dort, wo der große Nikolaus aus Holz von Onkel Albert steht, aber es sei noch so viel zu tun. Das würde man gar nicht glauben, wenn man das Haus nur so von außen betrachte.
Die Katja sorgt sich, denn der Werner ist ja auch nicht kräftig, und wenn er so viel da drüben arbeiten muss, schadet das eventuell seiner Gesundheit. Wäre das der Fall, schadete es auch ihr, denn wovon soll sie denn leben, wenn ihrem Ehemann was passiert, er vielleicht umkippt und nichts mehr arbeiten kann? Außerdem ist es jetzt schon ziemlich kalt, und wenn es eventuell mit dem Heizen in dem alten Haus nicht so klappt, dann friert der Werner auch. Krank an Weihnachten, das ist so ziemlich das Schlimmste, was Katja sich vorstellen kann.
Schon der 7. Dezember.
Heute hat sie endlich Plätzchen gebacken.
Schneeflöckchen, Vanillekipferl, Butter- und Zimtsterne, Schokotaler, Mandelherzen, Marzipankipferl.
Jede Sorte schmeckt köstlich, alle hat Katja probiert.
Aber dann sorgt sie sich wieder. Heute ist es besonders spät. Wie kann man nur so viel und so lange arbeiten.
Sie nimmt einen großen Teller, legt von jeder Sorte zehn Plätzchen drauf und geht aus ihrem Haus durch den Vorgarten hinüber zum Nachbarhaus. Heute Mittag hat es kurz geschneit, die Tanne ist mit einem leichten weißen Bezug übergossen, der Katja an Schaumgebäck denken lässt. Sie freut sich über den schönen Sternenhimmel, der sich wie ein besticktes Tuch über ihr von einem Ende der Landschaft bis zum anderen zieht. Als Kind kannte sie alle Sternbilder, den Großen und den Kleinen Wagen, den Polarstern. Irgendwann hat sie das alles nicht mehr interessiert, bis heute. Heute schaut sie ganz genau hin, denn sie ist glücklich und sentimental und noch mehr, sie kann gar nicht beschreiben, was noch alles. Schließlich ist ja wieder Adventszeit.
Im Vorgarten von Janina ist alles kahl und klein. Da gibt es nicht viel zu tun, das kann sie im Frühjahr alleine bewältigen, dazu braucht sie bestimmt keine fremden Ehemänner, und der Werner ist ja außerdem kein Gärtner.
Zum Glück sind keine Stufen zu laufen, Katja mag das nicht. Da muss sie zu sehr schnaufen. Nun kann sie ihren Atem sehen, so kalt ist die Nacht.
Im Haus ist es bis auf ein Zimmer dunkel – das Wohnzimmer. Katja kennt alles von früher, von den Neumanns her, denn manchmal waren der Werner und sie dort eingeladen.
Katja drückt ihren kalten Daumen auf die Klingel. Sie hört das Läuten im Flur, sonst nichts.
Keinen Werner, keine Janina.
Aber die müssen da sein, Katja weiß es.
Es brennt doch Licht.
Katja läuft um das Haus herum bis zu dem Fenster, das erleuchtet ist. Sie drückt ihr Gesicht gegen die eisige, nackte Scheibe, die Nase schmerzt.
Und da sieht sie die beiden auf dem Sofa. Der Werner liegt unten, die Janina sitzt auf ihm. So ein wenig kann Katja das Gesicht ihres Ehemanns erkennen, den geöffneten Mund, die geschlossenen Augen. Und die spitzen Schreie von Janina kann sie jetzt hören, wenn auch nur leise.
Die zwei haben mich nicht bemerkt oder wollten mich nicht bemerken, denkt Katja. Von Werner kennt sie das ja, der lässt sich nicht stören, ganz gleich bei was. Beim Liebesakt schon gar nicht, das war zu Beginn ihrer Ehe damals schon so, da konnte das Telefon läuten, wie es wollte. Aber dass die Janina auch so war?
Da geht die Katja zurück. Geht in den Schuppen hinter ihrem Haus.
Sie ist zwar ein wenig naiv und sentimental, aber das ist jetzt vorbei. So wie ihre Adventsseligkeit, von der sie auf einmal nichts mehr spürt. Nichts ist mehr da von dem, was sie noch zuvor gefühlt hat. Kein bisschen.
Da ist nur ein Schmerz, der alles andere tilgt, nichts sonst mehr zulässt.
Sie denkt auch gar nicht lange nach. Es geht eigentlich alles wie nach einem Plan, der plötzlich in ihrem Kopf entsteht. Stück für Stück. Immer ein wenig mehr. Wie ein Puzzle, das sich zusammenfügt.
Sie braucht nicht groß zu suchen. Sie nimmt den Kanister mit Benzin, den der Werner für den Rasenmäher dort stehen hat, randvoll gefüllt, denn Werner war noch vor Beginn des Winters bei der Tankstelle. Und die alten Zeitungen, die im Eck für den Papiermüll liegen, klemmt sie sich unter die Arme.
Das Gehen fällt ihr schwer, als sie wieder durch den Vorgarten zum Nachbarhaus schlurft. Auch das Atmen, wegen der Anstrengung und der Aufregung.
Als sie am Wohnzimmer vorbeischleicht, hört sie noch immer die Janina, aber das stört die Katja jetzt nicht mehr. Sie findet die Tür zum Keller unverschlossen vor, genauso wie früher bei den Neumanns, der Susanne und dem Heinz. Geht durch, langsam, Schritt für Schritt nach oben, in die Küche.
Ein Glück, dass die Janina nichts abgesperrt hat, denkt die Katja. Aber der Mensch muss auch mal Glück haben.
Dann tränkt sie das Papier mit Benzin.
Es stinkt, doch das stört die Katja nicht.
Zündet es an. Beobachtet, wie das Feuer daran entlangzüngelt.
Sie freut sich, fast so wie an dem schönen Sternenhimmel. Als die Vorhänge brennen, läuft sie den Weg zurück, den sie gekommen ist.
Wenig später leuchtet es rot-gelb von drüben.
Die Feuerwehr von Bürgstadt hört Katja nicht. Sie liegt in ihrem Bett, den Kopf in dicken Kissen vergraben.
Sie schreckt erst hoch, als es laut und heftig an der Eingangstür klopft. Als ob jemand mit den Fäusten dagegenhämmerte. Ein wenig dauert es, bis Katja aufsteht und durch den Flur schlurft. Draußen stehen der Werner und die Janina. Fast hätte Katja sie nicht erkannt, so schauen die beiden aus, in graue Decken gehüllt, die Haare angekokelt.
»Mein Gott«, sagt Katja und weiß nicht, ob sie vor Mitleid gleich umkippt, obwohl sie die beiden ja eigentlich für das, was sie ihr angetan hatten, bestrafen wollte.
»Mein Gott«, flüstert Werner und nimmt sie in den Arm.
Katja führt Janina ins Gästezimmer.
Da bleibt sie. Auch die nächsten Tage.
»In das kaputte Haus kann sie schließlich nicht zurück«, sagt der Werner.
Und die Kaja stimmt zu. Sie kann einfach nicht anders, das ist ihre Gutmütigkeit.
Die Polizei verhört die junge Nachbarin ein paarmal, auch den Werner, weil der doch zu der fraglichen Zeit drüben bei ihr war. Ob beide denn niemanden bemerkt, ob sie vielleicht sogar selbst den Brand gelegt hätten. Die Janina rastet fast aus bei den Fragen.
Irgendwie ist es in der kommenden Zeit wie früher.
Der Werner geht wieder arbeiten. Katja besucht den Weihnachtsmarkt in Miltenberg und kommt mit solch einer frohen Stimmung zurück, sie ist nur noch glücklich. Auch, weil der Werner sich wieder um sie kümmert und auch ein wenig um Janina, aber wirklich nur ein wenig.
Dass es dann doch immer mehr wird, bekommt die Katja anfangs gar nicht mit. Erst zwei Wochen vor dem Heiligen Abend. Da bemerkt sie, dass ihr Mann nachts aus dem Ehebett hinüber ins Gästezimmer schleicht. Auf Zehenspitzen. Doch sie hört ihn trotzdem, denn die Tür knarrt ein wenig. Katja liegt so lange wach, bis er nach zwei Stunden wieder unter die Bettdecke kriecht. Und auch die kommenden Nächte ist der Werner bei der Janina.
Wenn die wenigstens ein schlechtes Gewissen deshalb gehabt hätte, vielleicht wäre dann Katja nicht auf diesen Gedanken gekommen. Doch das hat die ebenfalls nicht. Sitzt am Frühstückstisch, lässt sich von der Katja bedienen und tut so, als sei alles in bester Ordnung.
Da beschließt die Katja, die Junge endgültig zu beseitigen. Jetzt wirklich. Dann gehört der Werner wieder ihr.
In der Abstellkammer befindet sich noch was von den Tropfen, die Katja damals der Tante Jule in den Kaffee getan hat, als diese sterben wollte, aber nicht konnte. Ließen Tante Jules Herz einfach stillstehen.
»Wein? Heute, an einem gewöhnlichen Donnerstag? Gibt es was zu feiern?«, fragt Werner und schaut mit einem Lächeln die Katja an.
»Ja, darauf, dass wir uns alle drei so gut verstehen, und weil doch bald Weihnachten ist«, antwortet sie, und das Lächeln fällt ihr schwer.
Sie stellt vor jeden ein Glas mit Rotwein auf den Tisch. Das vollste, in das sie so viele Tropfen gefüllt hat, dass es einen Elefanten umhauen könnte, direkt vor Janina.
»Prost«, sagt sie und hebt ihres.
»Prost«, sagt der Werner und will nach seinem greifen. Doch die Janina ist schneller. So schnell kann Katja gar nicht schauen, wie Janina die Gläser tauscht.
»In deinem ist weniger«, meint sie zu Werner und trinkt.
Der Werner trinkt auch. Aus dem mit den Tropfen.
»Auf uns! Auf uns drei!«, sagt er mit Blick zu den beiden Frauen.
Katja will schreien, doch ihr Hals ist wie zugeschnürt. Erst als der Werner getrunken hat, als die rote Flüssigkeit ganz in ihm verschwunden ist, fängt Katja wieder an zu denken. Ein wenig wird es dauern, bis der Werner umfällt. War bei der Tante damals auch so. Also Zeit zum Handeln.
»Noch ein Glas?«, fragt sie die Janina. Die nickt.
Dann geht Katja in die Küche. Es ist von allem noch da – vom Wein und von den Tropfen.
Naiv ist die Katja, aber nicht dumm.
2 · Blanka Stipetic´ · Weißes Rauschen
Wie immer kommt Bruno als Letzter. Er klingelt Sturm, und als ich die Tür aufreiße, steht er da mit einer Nikolausmütze auf dem Kopf, umgeben von weißen, weichen Flocken, wie in einer Schneekugel.
Er tritt beiseite und ich erkenne, dass er nicht alleine gekommen ist. Eine schmale Gestalt schlüpft an ihm vorbei in mein Haus und schiebt die Kapuze ihres Mantels vom Kopf. Mein schlimmster Albtraum wird wahr.
***
Alles in mir bebt. Doch ich greife nach dem Vorlegebesteck und zerlege mit ruhiger Hand wie ein Profi die Karpfen. Max füllt die Gläser der Erwachsenen mit irgendeinem erlesenen Silvaner, den mein Schwiegervater wie jedes Jahr zu Weihnachten mitgebracht hat. Die Kinder zappeln herum, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Glas umkippt oder ein Teller auf dem Boden landet. Sie können es nicht erwarten, das Glöckchen des Christkinds zu hören.
»Ich hoffe, Sie mögen Fisch, Frau Berger?«, frage ich und spüre einen Anflug von Schadenfreude, als sie versichert, sie esse alles, obwohl ich genau weiß, dass sie Fisch hasst. Ich gebe auf jeden Teller zwei Petersilienkartoffeln, ein Stück Fisch und etwas von der zerlassenen Butter. Anerkennendes Nicken von allen Seiten, nur die Kinder sind unzufrieden. Es kostet mich Kraft, den Tischgesprächen zu folgen, meiner Schwiegermutter die erwartete Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, über Brunos Scherze zu lachen und nicht ständig zu ihr hinzustarren. Frau Berger. Sie sieht gut aus. Ihr Haar verrät den teuren Friseur, das Kleid ist gediegen, aus edlem Stoff. Allein ich weiß, wer und was sich dahinter verbirgt, nur das Warum ist mir ein Rätsel.
***
»Glaubst du die Geschichte?«, fragt Max, während wir zusammen die Spülmaschine einräumen. Bruno hat sie als seine Geschäftspartnerin vorgestellt, die in Würzburg gestrandet ist, weil der Frankfurter Flughafen wegen des vielen Schnees dichtmachen musste. »Was für Geschäfte macht Bruno denn?«, murmle ich, doch Max hört mir gar nicht zu. »Die haben doch was miteinander«, mutmaßt er.
»Dann tut Bruno mir jetzt schon leid.« Die Worte sind raus, und ich kann sie nicht mehr zurücknehmen. Dieses Mal hat Max zugehört. »Wieso? Sie macht doch einen ganz netten Eindruck. Auch wenn sie so ihre Probleme mit dem vielen Besteck hat.« Mein Mann ist ein Snob. Ich zucke die Achseln. »Auf mich wirkt sie wie eine Klette.«
Um Mitternacht sind die Kinder endlich im Bett, und Max schläft nach fünf Minuten ein, der Frankenwein hat neben dem Geschmack auch andere gute Eigenschaften. Ich wälze mich hin und her und schlafe mit dem Gedanken ein, der mich quält, seit sie die Kapuze vom Kopf gezogen und sich mit falschem Namen vorgestellt hat. Was will sie?
***
»Was ist es dir wert, dass wir uns nicht kennen?« Ihre Stimme klingt sanft an meinem Ohr. Das Handy hat geklingelt, kaum dass Max zur Haustür raus ist, um seine frühmorgendliche Laufrunde zu absolvieren.
»Von mir aus können wir uns kennen, du hast dich schließlich unter Angabe eines falschen Namens an Bruno rangeschmissen und hier eingeschlichen«, sage ich und halte das lange Schweigen aus, das folgt.
»Du kannst so cool tun, wie du willst. Es beeindruckt mich nicht mehr.« Doch ihre Stimme zittert leicht, und ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Vielleicht ist die Situation noch zu retten. Doch dann spricht sie weiter, und mein Lächeln verschwindet. »Überleg dir, was es dir wert ist, und ich halte den Mund.« Sie legt auf.
Ich gehe ins Kinderzimmer. Jan und Hanna sind schon auf und spielen mit ihren neuen Sachen. Was ist es dir wert? Natürlich meint sie nicht was, sondern wie viel. Ich hingegen ziehe bei wie viel schnell die Grenze, das Was beflügelt meine Fantasie.
***
»Wie viel willst du?«
Sie lächelt ihr kleines Lächeln, um das ich sie einmal beneidet habe, zuckt die Achseln und fragt nun auch: »Wie viel ist es dir wert?«
Ich balle die Fäuste. »Ein paar Tausend, höchstens zehn«, flüstere ich.
Sie lacht.
Ich habe sie eingeladen, mit mir und den Kindern einen Schneemann zu bauen. Und während die Kinder eifrig Schneekugeln gerollt haben und jetzt nach Steinen für die Augen und die Knöpfe suchen, haben wir uns etwas abseits unter einen Baum gestellt. Ich will, dass sie meine Verzweiflung sieht. Doch etwas an ihr ist anders, als ich es in Erinnerung habe. Das Weiche ist verschwunden.
»Mehr habe ich nicht«, sage ich.
Das Lachen verschwindet aus ihrem Gesicht. »Verarsch mich nicht. Wahrscheinlich ist allein dein Ehering mehr wert.«
Ich versuche, an ihre Vernunft zu appellieren. »Wenn ich mehr vom Konto abhebe, merkt Max es. Oder wenn ich meinen Ehering versetze. Dann kannst du ihm gleich alles erzählen.«
Sie antwortet nicht, sieht mich nur herausfordernd an. »Überleg es dir noch mal, Schwesterherz«, sagt sie schließlich und lässt mich stehen.
***
Am Nachmittag fahren meine Schwiegereltern mit den Kindern runter in die Stadt in eine Nachmittagsvorstellung im Theater. Ich schiebe die Ente in den Ofen und hole das Gemüse aus dem Kühlschrank. Max ist nach oben gegangen und hat sich hingelegt. Bruno streckt den Kopf in die Küche. »Brauchst du Hilfe?« Die Hilfe, die ich brauche, kann er mir nicht geben, also lasse ich ihn Kartoffeln schälen. Wir reden über die Kinder und über das Wetter. »Was für Geschäfte machst du eigentlich mit Frau Berger?«, frage ich irgendwann und hoffe, dass mein Interesse nicht übertrieben wirkt.
»Ich plane die Gründung einer Unternehmensberatung, und Frau Berger berät mich in finanziellen Fragen.« Ich verdrehe innerlich die Augen. Es ist wahrscheinlich die zehnte Unternehmensberatung, die Bruno gründen will. »Was macht sie denn genau?«, hake ich nach. Ich kann mir rein gar nichts vorstellen, in dem meine Schwester Expertin wäre.
»Sie kennt einen Investor«, sagt er, und ich sehe klar. Mein Schwiegervater will ihm kein Geld mehr geben, also muss er es sich woanders beschaffen, und meine Schwester spielt den Business Angel.
Ich bin kein großer Fan von Bruno, aber ich hasse ihn auch nicht. Doch wie soll ich es formulieren? »Sei vorsichtig«, sage ich schließlich, »und überleg dir gut, von wem du Geld leihst.«
***
»Max?«, flüstere ich und höre ein Brummen. Doch als ich mich neben ihn lege, dreht er sich zu mir. Seine Arme legen sich um mich, und er zieht mich eng an seinen schlafwarmen Körper.
»Max?«, setze ich erneut an. Er rückt etwas von mir ab, bis er mir in die Augen schaut. Ich senke den Blick.
»Stimmt etwas nicht?«, fragt er. »Hat meine Mutter dich wieder geärgert?«
Stumm schüttle ich den Kopf, drehe mich von ihm weg. Soll ich es ihm einfach sagen? Fast hätte ich losgeprustet. Was für eine dämliche Idee. Ich denke an die vielen Seminare, auf die er mich geschickt hat. Stilsicher kleiden für jeden Anlass. Richtig essen. Die hohe Schule des Small Talks. Noch vor unserer Verlobung hat er mir ein Konto eingerichtet, das immer sehr großzügig gefüllt ist und für nichts als Kleider, Schuhe, Friseur, Kosmetikerin und Ähnliches reichen muss. Nur damit er sich nicht mit mir zu schämen braucht. Aber Max liebt mich, sonst hätte er mich nicht geheiratet. Ich hatte ja nichts, nur mich selbst.
***
Der Lebenslauf, mit dem ich mich für eine Ehe mit Maximilian Behringsdorf beworben habe, war etwas geschönt. Ich habe nie unterschlagen, dass ich aus einfachen Verhältnissen stamme; verschwiegen habe ich, dass »einfach« ein Euphemismus ist. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, und meine Mutter war schlicht eine Schlampe. Ich habe nicht verschwiegen, dass ich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht habe und vorher eine Zeit lang die Welt bereist habe. Verschwiegen habe ich nur, dass ich auf diesen Reisen immer diverse Drogen in größeren Mengen im Rucksack hatte. Auch was meine Beziehungen vor Max angeht, habe ich mir keinen Heiligenschein verpasst, aber ich bin nicht so weit gegangen, ihm zu beichten, dass ich mich in Stripclubs ausgezogen und auch das eine oder andere Mal gegen entsprechende Bezahlung Männer nach Hause begleitet habe. Und von den Filmen, die danach kamen, ganz zu schweigen.
***
»Fick dich« waren die letzten Worte, die meine Schwester mir nachgebrüllt hat. Vor inzwischen zehn Jahren. Weil ich alle Brücken abbrechen wollte. Weil ich Max kennengelernt hatte, was sie nicht wusste. Weil ich nur ohne sie meine Vergangenheit beschönigen und für Max ein Bild aufrechterhalten konnte, das für ihn akzeptabel war. Zuerst hatte ich versucht, sie einfach fernzuhalten, den Kontakt auf das Minimum zu beschränken. Doch sie ließ nicht locker. Wollte weiter Teil meines Lebens sein, weil wir doch Schwestern waren. Sie rief ständig an, flehte, drohte. Einfach krank. Ich tat es nicht gern, aber ich griff zu dem einzigen Mittel, das mir zur Verfügung stand, und schickte ihr einen meiner alten Freunde, um sie zu überzeugen. Danach war Ruhe. Und jetzt sitzt sie hier in meinem Haus und will alles zerstören, was ich mir aufgebaut habe.
***
»Es bleibt dabei«, sage ich, »zehntausend, mehr geht einfach nicht.« Nach dem Essen habe ich einen Spaziergang vorgeschlagen, und nun stehen wir auf der dunklen Straße. Hinter den Fenstern der anderen Häuser ist gedämpftes Licht, die Kerzen an den Weihnachtsbäumen brennen, und ich könnte wetten, dass in jedem Haus entlang des Steinbachtals Stille Nacht, heilige Nacht erklingt.
»Also?« Ich schaue sie herausfordernd an, bin mir sicher, dass sie einknicken wird.
»Verkauf deine Firmenanteile«, sagt sie. Ein Stein sackt in meinen Bauch. Es ist ein Bluff. »Ich besitze keine Anteile am Unternehmen, die gehören Max. Ohne seine Zustimmung kann ich gar nichts verkaufen.«
Sie verzieht keine Miene. Und dann rattert sie alles herunter, was mir gehört, jede Aktie, die ich vom Unternehmen und den Tochterfirmen besitze.
Max’ Vater hatte seinen Segen zu unserer Ehe von einem Ehevertrag abhängig gemacht. Dieser Vertrag ist ein kleines juristisches Kunstwerk. Wenn ich meinen Mann verlasse, bin ich gut abgesichert. Sollte er mich verlassen, bin ich eine wohlhabende Frau, allerdings mit einer kleinen Einschränkung; dabei geht es um Täuschung vor der Eheschließung. Doch dieser Vertrag hängt nicht im Wohnzimmer über dem Kamin.
»Woher weißt du das?«, frage ich wütend.
Aber sie geht nicht auf meine Frage ein. »Verkauf das Zeug und gib mir zwei Drittel. Den Rest kannst du behalten.«
Mit geballten Fäusten stehe ich auf der Straße und blicke ihr nach, als sie aufs Haus zugeht und klingelt. Bruno macht auf und schaut suchend über ihre Schulter. In diesem Moment entspannen sich meine Hände, und ich weiß, dass alles noch viel schlimmer ist, als ich dachte.
***
Bruno gründet eine Firma. Bruno braucht Geld. Frau Berger berät mich in finanziellen Fragen. Sie kennt einen Investor. Es ist fast zum Totlachen. Und nun stehe ich vor der großen Frage: Was ist es dir wert?
Ich versuche, das Ganze als logisches Rätsel zu betrachten, und suche nach dem Geistesblitz, der einen Lösung, die so naheliegend ist, dass ich sie nicht gleich erkenne. Aber alles, was mir einfällt, ist, dass ich die beiden erwürge. Meine Schwester und meinen Schwager. Danach kämen allerdings andere, weitaus größere Rätsel auf mich zu. Und mein Feind wären dann nicht zwei geldgierige Menschen, sondern der ganze Polizeiapparat. Was ist es dir wert?
***
Ich verbringe den Abend in ruheloser Wanderschaft durchs Haus. Bruno und meine Schwester sind in die Stadt gefahren, ein bisschen Würzburger Nachtleben schnuppern, wie Bruno witzelte. Ich suche die Nähe meiner Kinder, blicke auf den Garten, beobachte meinen Mann und meine Schwiegereltern. Versuche mir vorzustellen, ob es nicht vielleicht doch möglich wäre, dass sie akzeptieren, wer ich war, wer ich bin. Dabei weiß ich genau, dass es undenkbar ist. Max liebt mich, aber nicht genug, um das zu schlucken. Ich bin ihm nicht böse deswegen, warum auch? Er ist ein Kopfmensch durch und durch. Leidenschaft ist ihm fremd. Wenn er es erführe, würde er die Ehe mit mir zivilisiert beenden. Genau dafür, würde er sagen, sind Verträge doch da. Wenn man rechtzeitig vorsorgt, muss man sich später nicht die Köpfe einschlagen.
Ich könnte natürlich tun, was sie von mir verlangen. Meine Aktien verkaufen und ihnen das Geld geben. Damit könnte ich leben. Aber es wird nicht dabei bleiben. Bruno wird das Unternehmen gegen die Wand fahren, so wie immer bisher. Und dann wird er mehr wollen und noch mehr und immer mehr. Und wenn ich nichts mehr habe, wird er es Max erzählen, weil Bruno ist, wie er ist. Jähzornig und unvernünftig.
***
Max hat sich früh schlafen gelegt. Seine Eltern kurz nach ihm. Ich sitze im dunklen Wohnzimmer und höre, wie Bruno und meine Schwester nach Hause kommen. Ich lausche und warte, bis sie sich oben getrennt haben und in ihren Schlafzimmern verschwunden sind. Dann wähle ich Brunos Nummer und bitte ihn nach unten. Ich kann nicht anders. Er soll wissen, dass ich ihn durchschaut habe.
»Ich werde nicht zahlen«, sage ich und muss fast lachen über die gespielte Verwirrung auf seinem Gesicht. Ich seufze. »Erspar uns beiden das schlechte Theater. Das Geld ist für dich, aber du bekommst es nicht.«
Er zuckt mit den Schultern. »Na gut. Aber du wirst zahlen«, sagt er mit einer Gewissheit, die mich so zornig macht, dass ich ihm am liebsten den Schürhaken über den Schädel ziehen möchte. Er sieht die Wut in meinen Augen und wie ich stumm den Kopf schüttle.
»Wir kennen den Rest der Familie beide gut genug. Glaubst du wirklich, Max wird das hinnehmen? Oder mein Vater?«
Ich stehe auf. »Es ist mir egal. Erzähl ihm, was du willst. Ich werde alles abstreiten.«
Er lacht höhnisch. »Die Filme wirst du kaum abstreiten können. Aber ich fange mit etwas Kleinerem an. Ich erzähle ihm zuerst von deinen Kurierfahrten mit Heroin im Gepäck, und dann mache ich ihn mit jemandem bekannt, der dich ohne Klamotten kennt. Mal schauen, wie lange du durchhältst. Zahl lieber gleich, dann bleibt dein Leben schön friedlich; und du hast doch alles, was du brauchst, und noch viel mehr.«
Er hat so verdammt recht. Aber ich kann nicht. »Tu, was du nicht lassen kannst«, sage ich und gehe zur Tür.
»Sei nicht dumm«, ruft er mir nach. »Wenn Max die ganze Geschichte hört, ist es vorbei.«
Und plötzlich ist er da, der Geistesblitz, die naheliegendste Lösung. Noch einmal drehe ich mich um und lächle süß. »Leck mich«, sage ich.
***
Kurz nach Max stehe ich auf und gehe in die Küche. Meine Schwiegermutter ist bereits wach und steht mit einer Tasse Kaffee am Fenster. Ich fühle mich ausgeschlafen und mehr als gut. Bereits als ich gestern die Treppe zum Schlafzimmer hinaufging, spürte ich förmlich, wie eine Last von mir fiel. Und immer noch fühle ich mich wie befreit. Es gibt eine Lösung. Ein leiser Zweifel war zwar da. Aber der Moment war kurz. Wenn ich in meiner Jugend auf der Straße etwas gelernt habe, dann, dass ich mir selbst der Nächste bin. Ich nehme mir Kaffee und stelle mich zu meiner Schwiegermutter. Draußen steht Bruno an seinem Wagen und spricht mit Max, der wie jeden Morgen um diese Zeit seine Joggingklamotten trägt und seine tägliche, immer gleiche Runde drehen will. Doch dann schaut er Bruno an und geht auf ihn zu. Sie setzen sich beide in Brunos Wagen und fahren los.
»Wo wollen die beiden denn hin?«, fragt meine Schwiegermutter. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Max anschließend seine Runde laufen wird und dass dies meine Chance ist, die ich auf jeden Fall ergreifen werde. Ich muss Bruno anrufen, bevor es zu spät ist.
»Ich leg mich noch mal hin«, sage ich und renne nach oben.
»Ich bin es«, sage ich, als Bruno sich meldet. »Ist Max bei dir?« Eigentlich will ich wissen, ob Max mithören kann. »Na klar«, ruft er gut gelaunt, »aber du störst nicht.«
»Du darfst Max nichts sagen, bitte.«
»Und dann?«
Ich schlage ihm ein Treffen vor, in einer halben Stunde, weit weg vom Haus, wo uns niemand sehen und hören kann. »Ich brauche frische Luft«, begründe ich meinen Wunsch.
»Na also, warum nicht gleich so?« Dann legt er auf.
***
Ich bin zur Hintertür rausgeschlüpft und gerannt. Bis zur Schlucht. Und hier stehen wir nun und blicken hinunter. Der Bach ist vereist, gesäumt von spitzen Felsen, die den ahnungslosen Körper neben mir zerschmettern werden. In mir ist kein Zweifel mehr. Sorgfältig habe ich abgewogen. Ich will mein Heim behalten, meine Kinder, mein Leben. All das ist mir etwas wert. Ein Opfer wert. Ich stoße zu.
***
Als meine Schwiegermutter eine Stunde später leise die Tür öffnet und meinen Namen flüstert, stelle ich mich schlafend. Sie kommt herein und schüttelt mich leicht an der Schulter. »Wir wollen frühstücken«, sagt sie. Ich murmle etwas und schwinge die Beine aus dem Bett. »Wie spät ist es?«, frage ich.
»Bereits zehn.«
Ich reibe mir die Augen und gähne. »Ich komme gleich.«
Das Gesicht meines Schwiegervaters verrät unterdrückten Ärger. Wir sitzen um den festlich und fürstlich gedeckten Frühstückstisch, nur Bruno und Max fehlen.
Mein Schwiegervater schaut auf die Uhr über dem Kamin und seufzt. »Wir müssen in einer Stunde los, und ich wollte euch noch etwas verkünden. Und jetzt kommen die beiden einfach nicht.«
Ich greife nach einem Brötchen. »Was gibt es denn so Wichtiges?«
Mein Schwiegervater zuckt die Schultern. »Ich habe beschlossen, mich von den Geschäften zurückzuziehen und mit meiner Frau eine Weltreise zu machen.« Meine Schwiegermutter lächelt uns an und greift nach der Hand ihres Mannes.
»Ich war letzten Monat beim Notar und habe alle nötigen Schritte veranlasst, um alles an Max zu übergeben. Er wird von nun an die Geschäfte leiten. Ich habe ihm meine Aktienpakete überschrieben und nur einen symbolischen Teil behalten. Seit einem Monat ist Max Mehrheitseigner der Firma.«
Es folgt Schweigen, bis meine Schwester sich schließlich räuspert. »Na dann, herzlichen Glückwunsch an Max, und Ihnen eine gute Reise.« Doch sie sieht mich an, während sie spricht. Und ich kann ihren Blick lesen. Sie sieht ihren Anteil an der Beute in unermessliche Höhen schießen. Aber ich unterdrücke jedes kleinste Anzeichen eines Grinsens, das aus mir herausdrängt. Ich starre zurück und schüttle langsam, aber deutlich den Kopf. Unter dem Tisch schreibe ich schnell zwei SMS. Wo bleibst du? an Max und Bin aufgehalten worden, warte auf mich an Bruno.
Meine Schwiegereltern wollen irgendwann nicht mehr warten und fahren los. Meine Schwester hat sich irgendwohin verdrückt, die Kinder schauen einen Film, und ich habe das Wohnzimmer für mich. Noch eine SMS an Max, Melde dich, mache mir Sorgen.
Ich lege mich aufs Sofa und betrachte meine Umgebung. Das ist mein Haus, da hängen meine Bilder, stehen meine Möbel, draußen ist mein Garten. Das wird niemand mir nehmen. Mitten in meinen Gedanken wird die Tür aufgerissen. »Das wirst du bereuen!«, schreit Bruno. »Ich lass mich doch nicht von dir an der Nase rumführen. Jetzt wird Max erfahren, wen er wirklich geheiratet hat. Wo ist er?«
Ich richte mich auf. »Hör gut zu, ich werde das nur einmal sagen, aber du solltest dir alles gut merken. Ich liebe meinen Mann und bin in großer Sorge, weil er nicht vom Joggen nach Hause kommt. Ich hatte keine Affäre, er hatte keine Affäre. Du kannst fragen, wen du willst, wir lieben uns und führen eine harmonische Ehe. Max weiß alles über mich und meine Vergangenheit. Es gibt keine Geheimnisse zwischen uns, nur deinen Eltern haben wir es nicht auf die Nase gebunden. Er ist heute Morgen in deinen Wagen gestiegen. So gegen sechs. Deine Mutter und ich standen in der Küche und haben euch wegfahren sehen. Seitdem habe ich meinen Mann nicht mehr gesehen. Und jetzt nimmst du deine Frau Berger und verlässt mein Haus.«
Bruno ist blass geworden. »Was hast du mit ihm gemacht?« Seine Stimme bebt.
Ich reiße die Augen auf. »Wieso ich?« In seinem Gesicht spiegeln sich verschiedene Gefühle wider, und ich kann nicht anders, ich setze noch einen drauf. »Du hast mich selbst auf die Lösung gebracht. ›Wenn Max die ganze Geschichte hört, ist es vorbei‹, hast du gesagt. Da ich euch nicht vom Reden abhalten konnte, habe ich ihn am Zuhören gehindert.« Ich lehne mich zurück und zücke mein Handy. »Immer noch keine Nachricht von Max. Er wird doch hoffentlich nicht in die Schlucht gestürzt sein.«
***
Dann bin ich allein mit meinen Kindern in meinem Haus. Mir gehört jetzt ein ganzer Konzern. Ich bin sicher, dass mein Schwiegervater mich gut beraten wird, in wessen Hände ich die Geschäftsführung legen soll. Und sicher wird er sich auch um die ganze Angelegenheit mit der Polizei kümmern. Denn wenn Max’ Sturz in die Schlucht nicht als Unfall behandelt wird, dann ist sein anderer Sohn der Hauptverdächtige und seine Frau die Hauptzeugin. Und ich natürlich.
Ich blicke mich um und bin sicher: Das alles war das Opfer wert.