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Inhalt

KARL

 

 

 

AUF KARL IST VERLASS. Und umgekehrt war es nicht anders. Er vertraute ihnen blind. Wenn der Mann ihn rücklings in die Höhe warf, um ihn aufzufangen und zu umarmen, schnaubte Karl vor Vergnügen und hielt still und versuchte erst gar nicht, noch in der Luft wieder auf die Beine zu kommen. Und wenn Vater die Tür öffnete, um aus dem Zimmer zu gehen, und Karl zurückbleiben sollte, blieb er zurück und setzte sich vor die Tür und legte sich hin oder lief davor auf und ab und wartete, bis die Tür wieder aufgehen würde, und wenn das geschah und Vater ins Zimmer zurückkam, hieß Karl ihn willkommen, als hätten sie einander eine Ewigkeit nicht gesehen.

An dem Spiel hatte der Mann seine Freude, und oft verließ er das Zimmer nur, um Karls Wiedersehensfreude zu sehen.

Aber ausgesperrt sollte Karl sich nicht fühlen. Daher wurde in jede der Türen im Haus eine Öffnung geschnitten, eine Karltür, wie sie sagten. So hatte Karl eine Tür in der Tür und konnte überallhin, wenn ihm danach war. Es gab keine Stunde am Tag, die nicht gemeinsam verbracht war. Er kaufte mit ihnen ein und ging mit den beiden spazieren, er führte sie aus und sorgte dafür, dass sie rechtzeitig zurück waren, um ihre Lieblingssendung nicht zu versäumen. Beim Telefonieren hörte er mit, und war das nicht möglich, erzählten sie ihm von dem Gespräch. Wenn die Frau die Zeitung oder ein Buch aufschlug, stieß Karl sie mit der Schnauze und bedeutete ihr, ihm daraus vorzulesen. Dann legte er den Kopf auf ihren Schoß oder auf die Füße des Mannes, und sie las ihnen vor, und es wurde Abend und Nacht, und er begleitete die beiden ans Bett und bewachte eine Zeit lang ihren Schlaf. Nach einer Runde durchs Haus, bei der er sich versicherte, dass alles ruhig war und still, begab er sich in seinen Korb, um sich am Morgen darauf auf den Weg in ihr Zimmer zu machen und am Fußende ihres Bettes darauf zu warten, dass sie aufwachten.

Nach dem Frühstück legte er sich in der Küche auf den Boden und drehte sich auf den Rücken und streckte die Pfoten von sich und erwartete, dass die Frau sich über ihn beugte, um ihn zu berühren. Jeden Tag hatte das zu geschehen. Dann lag er mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und ergab sich den fürsorglichen Händen der Frau, indem er sich ihnen entgegenreckte und sich winselnd unter ihren Berührungen dehnte und wand. Ihre Finger glitten ihm durch das Fell, und es war ihm eine Lust, die Pfoten, an denen ihre Hände drehten und schoben und zogen, von sich zu strecken und schlaff von sich hängen zu lassen.

Er schmatzte und schnalzte mit der Zunge und brummte und pfiff eine Melodie vor sich hin, in deren Rhythmus sie ihn massierte und den nur sie zu treffen verstand. Anders war es nicht zu erklären, dass es bei Begegnungen dieser Art immer wieder zu Missverständnissen kam, wie sie sagten, wenn jemand anderer als die Frau diese Nähe mit ihm zu teilen versuchte. Ohne ersichtlichen Grund schnappte er dann zu und verbiss sich in die Hand, unter deren Berührungen er sich gerade eben noch gewunden hatte, und erwartete doch schon im nächsten Moment, weitergekrault und -gestreichelt zu werden, als wäre, was eben geschehen war, gar nicht geschehen.

Mit der Frau gab es diese Missverständnisse nicht oder kaum, und wenn sie ihn lange genug berührt hatte und alles zu seiner Zufriedenheit war, sah er ihr plötzlich wie verwundert entgegen, um in eine Starre zu verfallen, aus der ihn ihre Hände wieder erweckten. Es dauerte eine Zeit, ehe er ins gemeinsame Leben zurückkam. Und wenn das geschah, dankte er es ihr, indem er sie ansah und die Hand leckte, die ihm wohlgetan hatte, und die Zunge ins Handinnere legte und darin beließ.

Karl liebte und wurde geliebt. Und selbst wenn ihn jemand nicht mochte, gleichgültig war er doch keinem. Nur für den Briefträger existierte er nicht, zumindest hatte es den Anschein. Und der Briefträger war es, der es Karl besonders angetan hatte. Wenn er sich dem Haus näherte, und oft schon, wenn er einige Häuser entfernt in die Gasse einbog und von der Wohnung aus noch nicht zu sehen war, schlug Karl an und legte sich hinter der Haustür auf die Lauer und wartete darauf, dass der Mann vor der Tür stehen würde. Und es war ihm anzusehen, wie schwer es ihm fiel, das aufgeregte Winseln zu unterdrücken, das jeder dieser Begegnungen vorherging.

Meist trat Vater dann vor das Haus und nahm die Post in Empfang. Karl blieb zurück und hörte die beiden reden und schnupperte den Türspalt entlang, um Witterung von dem Mann aufzunehmen, von dem das Gerücht ging, dass er es gewesen sein sollte, der ihn eines Morgens im Garten der beiden alten Leute ausgesetzt hatte.

Nach Karl fragte er nie, und doch war jede Frage, die er stellte, eine Frage nach Karl, zumindest dachten sie das, denn immerhin, auch der Briefträger hieß Karl, und bei jeder Begegnung verwickelte er Vater in ein Gespräch, das auch den Sinn haben mochte, währenddessen in Karls Nähe zu sein, der der Versuchung widerstand, ins Freie zu kommen und sich um ihn zu bemühen, wie er das bei jedem anderen tat.

Wenn der Mann sich verabschiedet hatte und schon auf dem Weg zum Nachbarhaus war, blieb er vor ihrem Gatter noch einmal stehen und sah in den Garten zurück und zur Karltür, deren Klappe sich im Wind bewegte und hinter der Karl noch immer seinem Geruch nachzuspüren versuchte.

Der Briefträger hatte es Karl angetan, und die Kinder hatten es ihm angetan, die jeden Morgen auf ihrem Schulweg am Haus vorbeikamen. Eine ganze Weile, ehe ihr Schreien zu hören war, lag er auf dem Gehsteig in der Sonne oder im Schatten der Bäume und konnte es kaum erwarten, von den Kindern mit Kämmen und Bürsten bearbeitet zu werden, die sie aus ihren Schultaschen holten und an Stielen festmachten, die sie hinter den Zäunen der umliegenden Gärten versteckt hatten. Schreiend fielen sie über ihn her, und Karl lag auf dem Rücken und genoss es, in ihnen unterzugehen und von ihnen geschrubbt und gebürstet zu werden. Die Kinder liebten es, ihn auf diese Weise zu traktieren, und Karl lachte und jaulte mit ihnen vor Lust und Vergnügen.

Vom Fenster aus beobachteten seine Eltern das Treiben und waren gelöst und doch auch in Sorge, Karls Laune könnte umschlagen und zu einem Missverständnis führen, was aber nicht geschah.

Die Kinder machten sich wieder davon, und Karl blieb zurück und sah ihnen noch nach, als sie längst verschwunden und ihre Stimmen nicht mehr zu hören waren. Dann schüttelte er sich und begab sich ins Haus, oder er legte sich im Garten auf der Bank zwischen den Mann und die Frau, und sie legten ihm eine Hand auf den Kopf oder auf den Nacken. So saßen sie lange ohne ein Wort, oder sie fragten ihn aus, wen von den Kindern er an sich herangelassen habe und wen nicht, und wer wohl beim nächsten Mal drankommen würde, und Karl schüttelte den Kopf oder nickte, als wollte er es ihnen erzählen.

Das war das Glück, das sie mit ihm teilten. Und das mussten sie auch, denn allein sein konnte Karl nicht. Ließen sie ihn allein, geschah etwas im Haus und mit ihm. Dafür sorgte er jedes Mal.

Eine Zeit hielt er sich dabei an die Bücher, die sie oft in der Hand gehabt hatten, wohl wegen des Geruchs, der ihnen anhaftete und der ihn mit den beiden verband, ohne die er in dieser Zeit auskommen musste. Es waren ihre Lieblingsbücher, durch die er sich fraß und die er in kleinste Fetzen zerkaut in der Wohnung verteilte. Zunächst holte er sie aus den unteren Reihen der Bücherwand, doch fraß er sich über Sofas und Stühle nach oben hin durch.

Auch auf ihre Kakteen hatte er es abgesehen, über die er in ihrer Abwesenheit herfiel und unter denen liegend sie ihn beim Heimkommen immer wieder vorfanden, mit unzähligen Stacheln im Körper, die er sich eingezogen hatte, wenn er eine der manns­hohen Kakteen zu fällen versucht hatte.

Seit die beiden zusammen waren, hatten sie mit diesen Kakteen gelebt. Es dauerte Jahre, aber irgendwann waren alle Kakteen in der Wohnung und in dem kleinen Glashaus im Garten gefällt und zerbissen, bis auf einige angenagte und wesenlose Strünke, von denen nicht zu sagen war, ob er sich eines Tages nicht auch darüber noch hermachen würde, wenn sie ihn nur wieder einmal lange genug allein ließen.

So vermieden sie es, das Haus ohne ihn zu verlassen. Einer blieb immer bei Karl zurück, oder sie nahmen ihn mit, überallhin. Und ließ es sich nicht vermeiden und sie mussten ohne ihn aus dem Haus, zog sie der Gedanke, was ihm währenddessen geschehen sein könnte, in die Wohnung zurück, wo er sie mit einer Freude empfing, als hätte er sie und sich selbst verloren geglaubt, und war nun wiedergefunden und von allem befreit, das ihn so rücksichtslos gegen sich und seine Umgebung hatte vorgehen lassen. Dieser Freude entsprechend empfing er sie jedes Mal. Dafür schämten sie sich und feierten das Wiedersehen, indem sie einander ihrer Liebe versicherten und sich, jeder auf seine Art, umeinander bemühten.

Und doch, ein Rest an Verunsicherung blieb zurück. Immer häufiger konnte es nun auch zwischen ihnen zu Missverständnissen kommen und Karls Zuneigung von einem Moment auf den anderen in ihr Gegenteil umschlagen. So offen und inte­ressiert die Blicke, mit denen er sie betrachtete und in sich aufnahm, auch weiterhin waren, so unratsam war es, sich ihm zu nähern, wenn er das nicht wollte oder wenn er es ihnen zwar abverlangte und gleichzeitig doch auch verwehrte.

Ein glücklicher Tag begann mit einer Umarmung in der Küche. Vom ersten Tag an war es ihm ein Bedürfnis gewesen, auf diese Art umsorgt und beachtet zu werden. Wenn es einmal nicht dazu gekommen war, hatte ihn das nicht weiter vergrämt. Vielleicht hatte er es auch nur besser verstanden, seinen Unmut darüber zu unterdrücken oder nicht zu zeigen, oder die beiden hatten seinen Ärger nicht zu deuten gewusst. Doch mit der Zeit war es unmöglich, Karls Veränderung zu übersehen, zu offensichtlich war der Unmut, mit dem er sie nun konfrontierte und der sich darin äußern konnte, dass er plötzlich und unvermutet zuschnappte und biss, nicht fest, wie im Spiel, und wohl doch als Ermahnung gedacht.

In jedem Fall war es schlecht und tat allen Beteiligten nicht gut, wenn die allmorgendliche Liebkosung nicht zu Karls Zufriedenheit verlief. Wenn die Frau den Rhythmus, in dem er gestreichelt sein wollte, nicht traf oder ihm ihre Berührung aus einem anderen Grund nicht behagte, konnte er für Stunden und manchmal auf Tage hinaus nicht ansprechbar und durch keine wie immer geartete Zuwendung zu beruhigen sein. Dann zog und schob sich der Tag von einer Befürchtung zur nächsten, und die beiden achteten auf jeden Schritt, und das mussten sie auch, denn ein Biss war vom nächsten oft keinen Schritt weit entfernt.

Unter jedem der Tische, unter den Stühlen, überall hielt er sich auf und überall schnappte er zu. Und er saß oder lag in seinem Korb unter dem Telefon. Von dort aus hatte er alles im Blick. Die beiden alten Leute saßen in der Küche oder in einem der Zimmer und taten alles, um ihn gütig zu stimmen, und je mehr sie es versuchten, desto falscher konnte es sein.

Rief jemand an, und es wurde nicht abgehoben, ahnten Freunde und Nachbarn, dass es Karl nicht gut ging und die beiden Hilfe brauchten. Dann erledigten sie deren Wege und kauften für sie ein und stellten ihnen das Eingekaufte vor die Haustür oder auf den Fenstersims, von wo sie es holen konnten, wenn Karl es erlaubte.

Waren die Vorhänge auch mitten am Tag zugezogen, konnte das nur bedeuten, dass es Karl noch immer nicht gut ging. Dann vertrug er kein Licht, und es blieb dunkel im Haus. Hatte sich die Lage über längere Zeit nicht gebessert, konnte nur noch der Briefträger helfen. In seiner Gegenwart beruhigte sich Karl. Wenn der auch tat, als nähme er davon keine Notiz, stand er ihnen doch bei, indem er ihnen zuhörte, wie sonst nur Karl ihnen zuhörte, und damit Mut machen konnte, ohne auch nur ein Wort über ihn zu verlieren.

Das half. Doch der Gedanke, auch der Briefträger könnte in Ungnade fallen und seine Wirkung auf Karl verlieren, war kein guter Gedanke, und so wollten sie seine Hilfe nicht voreilig in Anspruch nehmen.

Immer wieder sah es danach aus, als legte es Karl darauf an, die beiden alten Leute zu isolieren und auszuhungern. An ihm vorbei kamen sie nicht aus dem Haus, und von draußen kam niemand unverletzt zu ihnen hinein. Über Tage und Wochen ging das oft so. Mehr als einmal verlegten sie daher seinen Schlafkorb in eine weniger einsehbare Ecke des Ganges oder in eines der Zimmer, doch Karl bestand darauf, die Nacht und den Tag an den Orten im Haus zu verbringen, von denen aus er alles im Blick haben konnte.

Hatte man ihn gegen sich aufgebracht, war davon auszugehen, dass man es sich für länger mit ihm verdorben hatte, und jeder Versuch, ihn zu besänftigen, wurde so leicht nicht verziehen. Abbitte musste geleistet werden, von ihr und von ihm und von jedem, der es sich nicht auch noch mit den beiden vertun wollte, dadurch, dass man sich weigerte, sich mit ihm auszusöhnen.

Dabei hatte man vor ihn hinzuknien und ihn auf die Art zu berühren, wie er das mochte, und je heftiger man es sich mit ihm verdorben hatte, desto enger hatte die Nähe zu sein, die er seinem Schuldner abverlangte.