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Buch

Der Assassine Clach ist die letzte Waffe im Kampf gegen die Titanen. Diese finsteren Götter verfolgen kein geringeres Ziel als die Vernichtung der Welt. Clachs besondere Fähigkeit, nicht nur den Körper zu töten, sondern auch die Seele zu vernichten, ist das Einzige, was sie fürchten. Doch er hat kaum Hoffnung auf Erfolg, denn die Pläne der Titanen sind bereits zu weit fortgeschritten, als dass er sie alleine aufhalten könnte. Clach muss sich mit seinen alten Widersachern verbünden – doch denen scheint die Rache an ihm wichtiger als die Rettung der Welt.

Autor

Bernhard Trecksel, geb. 1980 in Papenburg an der Ems, bezeichnet sich selbst als leidenschaft­lichen Eskapisten und absoluten Geek. Die Kunst des Erzählens lernte und verbesserte er während unzähliger Stunden, die er mit Fantasy-Rollenspielen verbrachte. Seine Inspiration als Autor findet er in den alltäglichsten Dingen wie dem Lesen der Morgenzeitung, doch seine schriftstellerischen Idole sind die alten Meister wie H. P. Lovecraft, Robert E. Ho­­ward und J. R. R. Tolkien. In seiner Freizeit spielt er Videospiele, Brettspiele und (auch als Erwachsener immer noch) Rollenspiele oder liest Fantasy- und Horrorromane. Seit seinem Universitätsabschluss in Archäologie und Skandinavistik lebt er in Münster und arbeitet als Übersetzer, Rezensent und – seit seinem Debüt Nebelmacher – als Autor.

Bernhard Trecksel

Nebelgänger

Roman

Originalausgabe





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1. Auflage

Oktober 2016 bei Blanvalet, einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by Blanvalet Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung und -illustration: © Isabelle Hirtz, Inkcraft,

unter Verwendung einer Fotografie von Nico Fung

Karten: Jürgen Speh

Redaktion: Peter Thannisch

Lektorat: Holger Kappel

Herstellung: kw

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-17157-5
V001


www.blanvalet.de

Der Generalmajor (schaudernd):

Hört das Beben

der Häuser Grundfesten,

sie geben ächzend nach!

Vorbei ist alles Wimmeln,

alles Streben!

Da entsteiget er der Grub’,

endlos unsere Furcht,

endlos unser Ungemach!

Größer noch als er sind sie.

Er wachset höher, schreitet gar!

Dort geht er.

Alle (klagend):

Der Gottries’! Der Titan! Der Titan!

Der Rittmeister:

Was sollen wir, Archont, nun tun?

Meister unser, einzig Herr?

Der Archont (hauchend):

Was bleibet uns?

Die Waffen zu erheben?

Wo Götter schreiten,

vom Tod gehetzt, der

ohne Rast?

Krauchen, betteln, sterben

wollen wir(?)

Keine Schulter trägt diese

unsere letzte Last.

(Vorhang, Akt 2)

Aus: Des Archonten Niedergang – Theaterstück aus der Feder des Dramaturgen Thaen Sirrus, hingerichtet wegen volksverhetzender Reden, 520 adis Pentae

1. Der Archont

Ein weiser Mann hatte angeblich behauptet, dass ein einziger Moment ein Universum beinhalten könne. Vielleicht war es aber auch ein Narr gewesen, je nachdem, wen man fragte. Tam Adair jedenfalls hätte über solche Worte in seinem anderen, seinem früheren Leben gelacht. Vor Stunden, die ihm vorkamen wie ein Damals. Leider lag dieses andere Dasein nun hinter Tam – und Tam wiederum auf dem Tisch von Brogan Cairbre, dem eifrigsten unter den vielen Foltermeistern des Archonten. Und seine Momente waren zu einer Vielzahl von eigenen abgeschlossenen Universen geworden, die aus nichts bestanden als Qualen.

In seiner Zeit hier unten hatte Tam einen Bruchteil von ihnen kennengelernt: jene unterschied­lichen Haken, Ahlen, Klingen, die auf einem steinernen Kubus direkt neben dem Holz ruhten, auf dem er mit Schellen fixiert worden war. O ja, er kannte nun ihre Namen wie auch ihren Zweck, dafür hatte Cairbre Sorge getragen. Seit dem Beginn der kurzen Ewigkeit seines Aufenthaltes hier unten wusste Tam mehr über sie alle, als ihm lieb war.

Cairbre hatte ihm gezeigt, welche Verwendungsmöglichkeiten für Feuer es für einen Mann mit kreativen Visionen gab. Für einen Mann, der Tams Ansichten von Moral und Gnade nicht nur nicht teilte, sondern sie regelrecht zu verabscheuen schien.

Hier also lag Tam, um einige Erfahrungen reicher, auf die er gern verzichtet hätte – und dafür umso ärmer an Dentalmasse und Fingernägeln. Kein Quadratzoll seines Körpers, der nicht hämmerte, pochte, biss oder nagte. Keine Faser geschundenes Fleisch, die nicht aufbegehrte, herumkrakeelte oder wimmerte. Es hätte schnell vorbei sein können, schließlich war die Frage immer dieselbe gewesen. Das erste Problem war: Tam kannte die Antwort nicht, weil er aufrichtig unschuldig war.

Das zweite Problem war weitaus gravierender: Brogan Cairbre war es gleich, ob sein Opfer Schuld traf. Er wurde nur für die Antwort bezahlt. Bekam er sie nicht, machte er weiter. (Wie er auch manchmal weitermachte, selbst wenn er die Antwort erhielt, das wusste Tam.) Und Tam stand vor dem Dilemma, eine Antwort geben zu müssen, die ihm unbekannt war.

In der Dunkelheit waren das Tröpfeln des Wassers, das an kupfergrünen Moosen herabrann, und das Knacken der Kohlen in den Becken, in denen Cairbre seine Spielzeuge auf Rotglut erhitzte, seine einzige Gesellschaft. Tam hatte längst jede Vorstellung verloren, wie oft sein erbarmungsloser Gesellschafter seit dem Beginn von Tams Martyrium den Folterkeller verlassen hatte. Nur um entweder kurzfristig oder nach langer Wartezeit zurückzukehren – und Tam konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Rhythmik aus An- und Abwesenheit ebenfalls nur Teil der Marter war.

Denn während er hier so dalag und sein mit Qualen ausgekleideter Mund bittere, pochende Lamenti ausstieß, horchte sein Herz bang und still auf einen bestimmten Augenblick. Auf den Moment, wenn der Schlüssel in seinem Schloss kreischte. Wenn die massive Tür aus aufgequollenen Bohlen gegen die bauchige Steinmauer knallte und sich der blakende Schatten von Cairbres Wanst mit Schürze und Werkzeuggürtel im Kohlenfeuer in Tams Gesichtsfeld schob.

Als hätte er durch diese Gedanken etwas ausgelöst – durch jene grausamste und direkteste Form der Telepathie, die stets das eintreffen lässt, was der Mensch anfleht, es möge ihm fernbleiben –, war plötzlich das Klacken des Schlosses zu vernehmen. Die Tür flog auf, krachte gegen die Wand. Tams Herz tat einen Satz. Er versuchte, den Kopf zu drehen, doch dieser war ebenso mit Eisenbändern an die Gestade seiner neuen Heimstatt fixiert wie der Rest seines geschundenen Körpers. Er konnte nur hilflos mit den Augen rollen.

Ein Schatten legte sich über ihn, gefolgt von einem zweiten. Sie überlagerten sich, wurden auf diese Weise nahezu massiv, sodass es Tam schwerfiel, noch etwas zu erkennen. Dann riss die Dunkelheit unvermittelt auf – das Licht einer Fackel legte sich ohne Vorwarnung auf Tams Gesicht. Er wimmerte, als die ungewohnte Helligkeit ihn blendete.

»Das ist er also?«, fragte eine seidige, volltönende Stimme, die Tam nur allzu gut kannte. Es war ein befehlsgewohntes Organ, das mit einem Ja oder Nein über das Schicksal Tausender befinden konnte – und dies auch regelmäßig tat. Das, was noch an Hoffnung und Zuversicht in Tams Herzen verblieben war, löste sich in nichts auf. Jede Chance auf Gnade oder Verständnis war dahin, wenn dieser Mann sich dazu herabließ, persönlich in die Verliese herabzusteigen.

»Ja, Eure Majestät.«

Tam hörte, dass auch Cairbres Stimme vor Furcht, einen Fehler zu machen, erzitterte. Und er hatte auch jeden Grund dazu.

»Lasst ihn Uns ansehen«, sagte die Stimme. Das Licht der Fackel wurde augenblicklich heller. Miniaturexplosionen aus Rot und Gold erblühten hinter Tams Lidern. Eine behandschuhte Linke fasste sein Kinn. Sein Kopf wurde in dem wenigen Spiel, das die Fixierung zuließ, von rechts nach links und wieder zurück bewegt. Neuer­licher Schmerz entflammte in seiner Stirn, als die gereizte Haut gegen derbes Eisen scheuerte. Der Neuankömmling betrachtete ihn. Mit der gleichen Sorgfalt, mit der ein Bauer vor den Toren Fomors den Gaul eines Mannes prüfte, den er für einen Rosstäuscher hielt.

»Blicke er Uns an!«, befahl die Stimme, und Tam verstand ohne hinzusehen, dass nur er gemeint sein konnte. Langsam öffnete er die Augen und wimmerte. Mit einem unwirschen Kommentar brachte die Stimme Cairbre dazu, sich mit der Fackel zurückzuziehen. Tam blinzelte das Stechen und die tanzenden Funken auf ein erträg­liches Maß herunter. Durch einen Schleier Tränenflüssigkeit (wenig, viel zu wenig) stierte er zu dem schattenhaften Umriss empor – und was der Klang der Stimme Tam verraten hatte, wurde absolute Gewissheit. Der falkengesichtige Mann in den kostbaren Gewändern, der auf ihn herabsah, war niemand anderes als der Archont von Fomor, der mächtigste Potentat in einer Welt, die fünf solcher Scheusale beherbergte.

»Hat er eine Vorstellung, was sein Versagen angerichtet hat?« Die Stimme des Archonten war wie Eis. »Ist er sich der Tragweite dessen bewusst, was seine Unachtsamkeit zu verantworten hat?«

Tam hatte mehr als nur eine Vorstellung, worauf der Archont hinauswollte. Doch bevor der rationale Teil seiner Persönlichkeit Tam bremsen konnte, hatte sich sein Mund zu einer Antwort entschlossen. Ein oblatenbrüchiges »In etwa …« entrang sich seiner Kehle.

Augenblicklich zuckte Tam zusammen – wegen der Schmerzen in seinem vertrockneten Sprechapparat und weil er erschrak, dass er den mächtigsten Mann der gesamten Dämmerwelt mit einem flapsigen Kommentar bedacht hatte. Doch statt der erwarteten Folterqualen war das einzige Resultat lediglich ein Schnauben, das ob dieser Dreistigkeit geradezu erfrischt, ja amüsiert klang.

»Erleuchte er Uns«, sagte der Archont und verschränkte die Arme. Augen wie erfrorene Sterne, die das auf ihnen tanzende Fackellicht in Zorn zu ertränken schienen, nagelten Tam so sicher fest, dass es keiner bindenden Eisen mehr bedurfte.

»Mein …« Tam leckte sich die schrundigen Lippen mit einer Zunge, die sich wie eine sterbende Nacktschnecke in seinem ausgedörrten Mund wälzte. »Mein Versagen als Wächter hat Euch und Eurem Ansehen Schaden zugefügt, Majestät.« Tam war erstaunt, wie einfach es plötzlich war, mit einem so mächtigen Herrn zu reden, als wäre er nicht mehr als der Sergeant der Abendschicht.

Alle Leute scheißen am Ende in einen Topf – und jeder aus einem Arsch, der ist wie der andere.

Das hatte Tams Vater stets gesagt, wenn das Thema zur Sprache kam, ob ein Adeliger ein besserer Mensch sei als seine Untergebenen. Tam hatte seinen Vater immer für einen klugen Mann gehalten. Aber andererseits: Der Vater war friedlich in einem Bett entschlafen, während sich sein Sohn auf einer Folterbank wand und in den letzten Stunden einiger erstklassiger, liebevoll gepflegter Backenzähne verlustig gegangen war.

»Er hat wirklich keine Ahnung, nicht wahr?«, fragte der Archont, und auf seinem Falkengesicht lag so etwas wie ehr­liches Erstaunen. »Er weiß nicht, was er angerichtet hat?«

»Man hat Euch bestohlen, Majestät. Das, wovor man uns bei unserer Einstellung in den Dienst in Eurer Garde gewarnt hat, ist passiert. Und nun zahle ich den Preis.«

»Er? Er zahlt den Preis?« Die Seide in der Stimme des Archonten von Fomor härtete augenblicklich zu einem Panzerhandschuh aus. »Er denkt, es ginge hier um einen Gesichtsverlust, weil Unsere Wächter Unsere Kostbarkeiten nicht behüten können? Er ist ernsthaft der Meinung, der Verlust eines einzigen Kleinods könnte Uns so aus dem Gleichgewicht bringen?«

Der Archont stapfte knapp außerhalb von Tams Gesichtsfeld durch die Folterkammer. Der Gepeinigte warf einen Blick auf Cairbre und sah, dass sich der ungeschlachte Foltermeister alle Mühe gab, zu schrumpfen und sich unsichtbar zu machen. Auf eine Weise sah er ängst­licher aus als Tam, der mehr und mehr spürte, dass sich eine gewisse stoische Akzeptanz seines Schicksals in seine Gedankenwelt zu stehlen begann.

Plötzlich war das Gesicht des Archonten ganz dicht über dem von Tam, sodass der Wächter den sauren Geruch des Atems und das kostbare Rasierwasser seines Herrschers wittern konnte.

»Erkläre er es. Erkläre er Uns, was passiert ist. Wie es passieren konnte. Dieser Mann dort«, der Archont wies auf Cairbre, den kein Armbrustbolzen hätte härter treffen können als der Fingerzeig auf seine Person, »sagt Uns, dass er auch unter der Folter deine Mittäterschaft nicht gesteht. Dieser Mann sagt uns, dass er es gewohnt ist, Männer zu brechen, bis sie ihre eigene Brut dem Feuer überantworten würden, nur um seinen kundigen Fingern zu entgehen.«

Die Hand des Archonten ergriff Tams Stirn und bog schmerzhaft seinen Kopf zur Seite.

»Er sehe ihn an! Sehe er ihn sich an! Unser Foltermeister sagt Uns, dass er überzeugt ist, dass dieser hier nichts, aber auch gar nichts weiß. Dass er verdammt noch mal unschuldig sei!«

Tam blickte in Cairbres Gesicht, der bemüht war, eifrig zu nicken und nicht zur Zielscheibe für den Zorn des Potentaten zu werden.

»Wenn das also stimmt«, fuhr der Archont fort, »dann erweise er Uns – und sich selbst – einen Dienst und sage Uns, was er denkt. Sage er Uns, wer den Stab genommen hat! Und vor allem: wie! Erleuchte er Uns!«

Das wenige, was noch an Feuchtigkeit in Tams Mund war, verschwand mit einem einzigen Schlucken in seiner Kehle. Das war es also. Die ganze Zeit, die er hier auf diesem Tisch verbracht hatte, zermarterte er sich das Hirn, was genau die Diebe, die für sein Schicksal verantwortlich waren, erbeutet hatten. Nun hatte er seine Antwort.

Von all den wertvollen Dingen, die in den uneinnehmbaren Schatzkammern des Archonten dämmerten, wie sich Tam und seine Kollegen stets ausgemalt hatten, war es also ausgerechnet ein Stab gewesen, den man gestohlen hatte. Irgendein goldverziertes, schnörkeliges Ding aus Holz und edlen Metallen zweifelsohne.

Etwas, das der Adel höchstwahrscheinlich nur einmal alle zwanzig Jahre benötigte, wenn ein anderer hochedler Hintern auf dem Thron des Archonten Platz nahm. Da wurde das Ding vom Katechisten des Lichtfürsten oder irgendeiner anderen offiziösen Mumie mit einer nuscheligen Segensformel auf jeder Schulter des zukünftigen Herrschers abgelegt, bevor es in seiner Kammer verschwand. Genau wie Tam verschwinden würde. Und das nur, weil ein nebelverfluchter Hurensohn den drecksteuren Stock auf unerklär­liche Weise aus dem absolut sicheren Gelass geraubt hatte, das Tam und seine Kameraden bewachen sollten!

Es gab für alles ein erstes Mal, und dies also war das erste Mal, dass die Obhut der Schatzkammern kompromittiert worden war. Dabei wusste Tam, so wie jeder, den man dorthin abgestellt hatte, dass dies unmöglich war. Vollkommen undenkbar.

Die Kammer war nicht nur uneinnehmbar, ja man kam ja nicht einmal bis dort. Immerhin erforderte ein Einbruch, dass jemand verrückt genug war, in die Zitadelle, in den Palast des Archonten einzudringen. Derjenige musste sich in den verschlungenen Korridoren der einstigen Hauptfeste des Tyrannen von Khael zurechtfinden. Ein Netz obsidianschwarzer Kammern durchstreifen, die selbst jenen, die in der Zitadelle lebten, unbekannt waren. Dutzende gut ausgebildete, bestbewaffnete Wächter umgehen.

Um schließlich in den Kavernen unter der Zitadelle, dort, wo die Schatzkammern lagen, jene zu finden, die gefüllt waren. Denn es gab Hunderte, und einige davon waren nicht mehr als gähnende schwarze Gruben. Schlünde, die in die nachtschwarze Tiefe unter der Stadt abfielen, wo Legenden zufolge noch immer der zerstörte Körper des Titanen und Namenspatrons der Penta ruhte. Uralte Menagerien, in denen noch immer Albträume aus grauer Vorzeit umgingen. Jagten.

Hatte jemand so viel Glück, die Kammer aufzuspüren, so musste er den jeweils vor ihr liegenden Korridor unbeschadet passieren – ein Ding der Unmöglichkeit, schließlich …

»Wir sehen, du kommst zu denselben Schlüssen wie Wir!«, bellte der Archont, der seine Façon schon lange auf dem Weg in den Kerker zurückgelassen hatte. Er war über Stände und Titel hinaus – sogar in dem Maß, dass er auch gleich den Majestätsplural missachtete. Wie Cairbre hatten sich die Höflichkeitsformen an diesem Ort in eine dunkle Ecke verzogen und hofften, der Aufmerksamkeit zu entgehen, so schien es.

Der Mann vor Tam war zwar noch immer der Archont, aber – und das fand Tam schlimmer – er war ein sehr, sehr wütender Mann am Rande seiner Fassung. Und Tam und sein ganzes Leben waren diesem vor unterdrücktem Zorn mit den Zähnen knirschenden Mann ausgeliefert. Er fasste sich ein Herz. Wenn er hier herauswollte – und das wollte er mehr als alles andere –, musste Tam ehrlich sein und um seine Freiheit kämpfen.

»Euer … Euer Majestät. Ich schwöre Euch, ich habe mit der Sache nichts zu tun! Ihr zeiht mich der Pflichtvergessenheit – das ist ungerecht. Ich bin nicht fehlgegangen in meiner Aufgabe.«

»Nicht fehlgegangen …«, raunte der Archont. »Du widersprichst also den Anschuldigungen? Du bekennst dich unschuldig?«

»Wie mir auferlegt, habe ich stündlich meinen Rundgang gemacht, Eure Majestät. Dabei habe ich größte Aufmerksamkeit walten lassen.«

»Hast du?« Die Augen des Archonten verengten sich zu Schlitzen. Seine mit Zobelpelz besetzten Handschuhe aus feinstem Leder spannten sich. Die Finger ballten sich zur Faust, das Leder glich in Tams Augen der zum Bersten gespannten Haut zerkochter Würste. Der Potentat stand kurz davor, sein gefesseltes Gegenüber besinnungslos zu dreschen.

»Ja, Eure Majestät. Die Sigillen des Arkanums waren intakt. Kein Mensch, kein Tier, nichts Lebendes, noch etwas anderes hat den Korridor passiert. Weder der Alarm noch die Schutzmaßnahmen wurden aktiviert.« Tam setzte alles auf eine Karte. »Wissen Eure Majestät, wie die Sigillen funktionieren? Was demjenigen blüht, der sie unterbricht?«

Der Archont hielt in der Bewegung inne. Öffnete und schloss die Faust. Er starrte Tam einige lange Sekunden fragend an, suchte nach Spott, Häme oder Herablassung in seinen Augen. Er fand dort aber nichts, Tam hatte die Frage bewusst kalkuliert.

»Sprich«, befahl der Archont.

»Nun, Eure Majestät: Die Sigillen erkennen, wenn jemand den Korridor passiert, der nicht Ihr seid oder dies mit Eurem ausdrück­lichen Segen tut. So hat man es mir erklärt. Es ist Arkanistik. Irgendwie spürt das Liniengitter, das unsichtbar unter dem Marmor des ganzen Korridors liegt, wer durch den Gang geht. Unerheblich, wer – oder was – er sein mag. Wenn es nicht Ihr selbst seid oder jemand, der in Eurem Auftrag handelt, so entfesselt das System verheerende Energien, verbrennt den Eindringling und röstet dabei sein Fleisch mit der Macht eines Gewitters.«

Langsam, bedrohlich kam der Archont näher. Er sah mehr denn je wie ein Falke aus, der seine Beute im Unterholz erspäht hatte und die Klauen vorstreckte, um zuzuschlagen.

»Und deine Worte bedeuten … was? Dass das System versagt hat?« Sein Tonfall wurde noch eine Nuance lauernder. »Oder gar, dass Wir es selbst waren? Dass Wir jemanden entsandt haben, nur um euch alle mundtot zu machen? Ebenso amüsant wie sinnfrei, denkt er nicht?«

Tam schluckte – aber da war nichts mehr außer seiner pelzigen und viel zu schweren Zunge in seinem Mund. Ein Hustenanfall schüttelte ihn. Der Archont gab Cairbre einen Wink. Dieser schüttete Tam einen Krug Wasser ins Gesicht. Die Kälte raubte ihm einen Pulsschlag lang schier den Atem. Er schluckte gierig, beruhigte seine geschundene Kehle. Das Nass schmeckte köstlich. Ambrosia.

»Was also willst du mit deiner Aussage implizieren, Wächter? Erheitere Uns. Füge der Kakofonie eines katastrophalen Tages die letzte Dissonanz hinzu.«

Tam schüttelte den Kopf. »Ich will nichts unterstellen, Majestät. Im Gegenteil. Habt Ihr bereits mit Euren Arkanisten gesprochen?«

»Hält er Uns für töricht? Natürlich hatten Wir sie als Erstes in Verdacht. Tatsächlich teilen sich einige von ihnen hier unten mit ihm eine Heimstatt. Beantworten andere Fragen. Sie sind ebenso überzeugt von ihrer Arkanistik. Niemand außer Uns oder jemand, der in Unserem Auftrag gehandelt hat, kann es gewesen sein – sagen sie. Die zumindest, die ihre vorlaute Zunge noch im Munde tragen.«

»Aber genau das meine ich ja, Majestät. Darauf will ich hinaus. Es gibt eben doch eine dritte Option. Eine, die niemand zu äußern wagt, weil sie entweder zu fantastisch oder zu erschreckend ist.«

Tam machte eine bedeutungsschwere Pause. An seinen nächsten Worten hing sein Leben.

»Fahre fort.«

»Wenn Eure Majestät den Auftrag nicht gegeben haben und es auch selbst nicht waren, wie Eure Majestät sagen … Wenn es kein Mensch und kein Tier gewesen sein kann, weil die Sigillen intakt und der Korridor vor der Kammer nicht voller Leichen ist … Wenn jede Art des Einbruchs durch Lebende ebenso ausgeschlossen ist wie ein Einbruch durch Arkanisten oder ihre Zaubergeschöpfe und Apparaturen … Wenn weder ein Lebender noch ein … Untoter eingedrungen ist, bleibt nur eine Erklärung!« Tam hatte sich so in Rage geredet, dass er ein verschämtes »Euer Majestät« ergänzen musste.

»Wir sind gespannt«, schnurrte der Archont und sah auf verstörende Weise hungrig aus.

»Es war etwas, auf das keine dieser Kategorien zutrifft«, sagte Tam. »Das erklärt auch, warum es ungesehen in den Palast eindringen konnte.«

Das Gesicht des Archonten legte sich in Falten, als er Tams These erwog. »Willst du Uns etwa sagen, dass etwas anderes – eine Kreatur, ein Monster, was auch immer – in unsere Zitadelle eindringt und den Stab von Nathair gestohlen hat? Etwas, das nicht lebt, aber auch nicht nekromantischer Natur ist? Und was sollte dies deiner Meinung nach sein?«

Eine Faust wummerte gegen die Kerkertür und unterbrach die Assoziationskette des Potentaten. Cairbre warf dem Meister von Fomor einen fragenden Blick zu.

»Nun mache er schon auf!«, knurrte der Archont. Er warf einen letzten Blick auf Tam und drehte sich in Richtung der Tür. Einer der Myrmidonen, der Elitewächter des Archonten, die sich draußen zu seinem Schutz aufgebaut hatten, steckte seinen mit einem ostentativen Drachenflügelschaller gewappneten Kopf zur Tür herein. Die untere Hälfte des vernarbten Gesichts musterte Tam für einen Herzschlag mit einem Blick aus dem Zwielicht zwischen Schadenfreude und echter Empathie. Dann trat der Leibwächter ein, fiel vor dem Archonten auf ein Knie.

»Majestät! Verzeiht, auf der Mauer der Zitadelle hat man Kunde für Euch, die keinen Aufschub duldet.«

»Worum geht es?«, fragte der Archont, und Tam konnte sehen, wie der Myrmidone erbleichte. Was immer die Nachrichten sein mochten, sie waren nicht gut. Tam konnte das nur recht sein. Ihm war alles recht, was den Archonten davon ablenkte, den guten alten Tam martern zu lassen. Er hoffte nur, dass der Herrscher über diese Neuigkeiten Tams Theorie nicht vergaß.

»Eure Tochter, Majestät. Sie scheint vor den Mauern zu sein, soweit ich den Boten verstanden habe.«

»Das ist alles?«

»Sie … sie ist scheinbar nicht … allein, Majestät.« Der Mann trat auf eine Distanz an den Archonten heran, die für jeden anderen Menschen in Fomor den sicheren Tod bedeutet hätte. Er lehnte sich vor und flüsterte dem Potentaten etwas ins Ohr. Tam verstand nicht alles, nur dass Morven, die einzige Tochter des Archonten, wohl in Begleitung eines Mannes vor der Zitadelle aufgetaucht war.

Was auch immer es gewesen war, die Miene des Archonten verfinsterte sich schlagartig noch weiter, wenn so etwas möglich war. Mit einem Akt reiner Willenskraft, der dem Herrscher anzusehen war, wandte sich der Meister von Fomor zu Tam, der sein Geschick mit einer eigentüm­lichen Mischung aus nackter Furcht und unerträg­licher Neugier erwartete.

»Er hat Glück, dass seine Theorie Uns überzeugt. Wir werden sie prüfen und über sein Schicksal befinden. Vorerst hat er es überstanden.«

Der Archont gab Cairbre einen Wink, der sich – sichtlich enttäuscht – daranmachte, Tam von seinen Fesseln zu befreien. Langsam setzte der Wächter sich auf, rieb seine geschundenen Hand- und Fußgelenke und betastete sich zögerlich.

Der Archont wandte sich zum Gehen.

»Majestät?« Tam machte einen schwankenden Schritt auf den Potentaten zu. Sofort schoben sich Cairbre und der schwer gepanzerte Myrmidone zwischen ihn und den Herrscher von Fomor. Der Elitewächter hielt wie durch Zauberhand ein Breitschwert in der Rechten, dessen Spitze auf Tams Herz zeigte. Tam wiegelte ab, hob die Hände und blickte den Archonten unverwandt an.

Der drehte sich an der Tür um und erwiderte seinen Blick. »Was will er noch?«

»Der Stab, Majestät. Der Stab von … Nathair? Warum wurde nur er gestohlen und nichts anderes? Was macht das Ding so wichtig? Und was wollen der oder die Täter damit?«

Der Archont schüttelte langsam den Kopf. Plötzlich sah er nicht mehr wie ein Raubvogel aus. Nur wie ein unendlich müder Mann, der dem Titanen und Namenspatron der Penta gleich das Gewicht, die Verantwortung der gesamten Stadt schultern musste, wie Fomor einst die Festung des Tyrannen von Khael getragen hatte. Tam wollte um kein Geld der Welt mit diesem Herrn den Platz tauschen, selbst in seiner momentanen miss­lichen Lage nicht. Vielleicht hatte Tams Vater sich ja geirrt? Vielleicht waren doch nicht alle Leute gleich beschaffen?

»Bete, Wächter. Bete er zum Lichtfürsten, zu den Heiligen der Penta und zu seinen Ahnen«, sagte der Archont. »Bete wegen Unser zur Herrin des Todes. Nur bete um eine einzige Sache: dass du es nie erfahren mögest. Denn wenn offenbar wird, was der Stab vermag, sind wir alle verdammt!«

Und mit diesen Worten verließ der Archont von Fomor die Folterkammer, ließ Tam und Cairbre zurück. Der Myrmidone folgte ihm. Der Foltermeister und sein befreites Opfer tauschten einen Blick – und beide Männer erkannten, dass sie nun gern an einem anderen Ort wären. Nur waren die Orte, an die ein Mann fliehen konnte, in der Dämmerwelt ein rares Gut. Und Tam hatte das untrüg­liche Gefühl, dass sie in Zukunft noch rarer werden würden.

Aus den Chroniken des Kataklysmus der Erzmagi, verfasst dreihundert Jahresläufe nach dem Titanensturm, Anonymus:

Gänzlich unsicher sind wir uns, wie Hunger und Fraß des Nebels beschaffen sind. Denn wo er den einen mit geißelnder Pein in die Knie zwingt und Vitriol oder Beize gleich das Fleisch von den Knochen und das Blut aus den Adern ätzt, sich daran labet, geißelt er andere mit Geschwüren und Auswüchsen, bis das Opfer das Übermaß der Wucherungen nicht mehr zu ertragen vermag. Dritte erstickt der Nebel, so als habe eine unsichtbare ­Kordel gewirkt.

Auch ist nicht geklärt, wo der Brodem Gnade walten lässt und wo sein Hunger kein Maß kennt. Denn jeder aufrechte Mann, der den Schutz von Kuppel und Stein hinter sich lässt, erleidet ein grässlich Schicksal.

Die Almharach, die Riesenvölker des Amboss, atmen den Dunst, ohne dass er ihnen schadet, wiewohl er nur Luft sei. Ist es, weil sie die Gunst der Titanen genossen, an ihrer Seite fochten gegen die zivilisierten Völker? Wir wissen es nicht.

Bei den Tieren der Erde und des Himmels ist es noch schwerer, eine Systematik zu erkennen: Wo Ziege, Hund, Pferd und Ochs verenden, gedeihen Wolf und Berglöw. Den stolzen Bären im Tann treibt der Nebel zu beträcht­licher Größe und irrzorniger Raserei. Die Tiere des Himmels, heißen sie nun Spatz, Specht oder Rabe, lässt er unberührt, Bienenvölker, Ameisen und anderes Gezücht vernichtet er an einer Stelle, wo sie anderswo gar prächtig in ihm gedeihen, wiewohl auch alle Pflanzen dieser Welt in ihm wachsen.

Wahrlich, es ist ein Mysterium.

Hora des Lichtfürsten, 301 adis Pentae