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Du musst sie einfach nur schlucken!«
Pim zuckte zusammen und erwiderte den Blick des Mannes, der sich über den Tisch lehnte. Sein Gesicht war nur zehn Zentimeter von ihrem entfernt. Er trug ein schmutzig graues Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln.
Sie betrachtete die Kapsel in seiner Hand. Sie war größer als eine Kirschtomate und länglicher, als sie gedacht hatte. Der Inhalt war in mehrere Lagen Gummi eingewickelt.
Noi saß daneben und sah Pim bittend an. Sie nickte kaum merkbar, als wollte sie sie ermutigen: Du schaffst es!
Sie befanden sich in einem Zimmer über einer Apotheke. Die Treppe, die dorthin führte, glich am ehesten einer Leiter. Obwohl in einer Ecke ein Standventilator summte, war es hier drinnen warm und stickig.
Es war kein Problem gewesen, die Tablette zu schlucken, die die Magensäure neutralisieren sollte. Sie war sofort die Speiseröhre hinuntergeglitten. Aber die Kapsel sah so groß aus, und sie drückte mit Zeigefinger und Daumen auf der Hülle herum.
Der Mann packte ihren Arm. Die Kapsel berührte ihre Lippen, und sie bekam einen trockenen Mund.
»Mach den Mund auf!«, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Pim sperrte den Mund auf und legte die Kapsel auf die Zunge.
»So, und jetzt Mund zu und schlucken.«
Sie sah an die Zimmerdecke und spürte die Kapsel ganz hinten auf der Zunge, versuchte zu schlucken, aber es ging nicht, die Kapsel wollte nicht hinuntergleiten. Sie hustete sie wieder hoch und bekam sie mit den Fingern zu fassen.
Der Mann schlug die Faust auf den Tisch.
»Wo hast du denn dieses Stück Dreck aufgelesen?«, sagte er zu Noi, die ganz blass wurde. »Ich kann mir so was nicht leisten, kapiert? Zeit ist Geld.«
Noi nickte und sah Pim an, die standhaft wegschaute.
»Komm schon«, flüsterte Noi. »Du schaffst es.«
Ängstlich schüttelte Pim den Kopf.
»Du musst aber!«, sagte Noi.
Pims Unterlippe zitterte, und ihr liefen die Tränen über die Wangen. Sie wusste, dass sie Glück hatte und sich über diese Chance freuen sollte. Sonst hatte sie immer nur Pech, und als Noi ihr von dieser Möglichkeit erzählt hatte, Geld zu verdienen, und noch dazu so einfach und so schnell, hatte ihr Herz gleich schneller geschlagen.
»Okay, jetzt reicht es! Hau ab!« Der Mann packte Pim am Arm und zog sie vom Stuhl hoch. »Ich habe genug andere, die Geld verdienen wollen.«
»Nein! Warte! Ich will!«, schrie Pim und wehrte sich. »Bitte, ich will. Lass es mich noch einmal probieren. Ich kann das.«
Der Mann zog sie näher zu sich. Er betrachtete sie, ihre schmalen, rot geweinten Augen, ihre glühenden Wangen und die zusammengepressten Lippen.
»Dann zeig es mir!«, sagte er, packte ihren Unterkiefer, zwang sie, den Mund zu öffnen, und spritzte ihr dreimal Gleitmittel in den Mund. Dann hielt er die Kapsel hoch.
»Hier«, sagte er.
Pim nahm die Kapsel und steckte sie sich in den Mund. Sie versuchte zu schlucken, half mit dem Finger nach, damit sie weiter hinten im Hals landete, doch sie musste würgen.
Ihre Panik wuchs.
Runter mit der Kapsel und Mund zu. Doch wieder überkam sie der Würgereiz.
Ihre Hände waren schweißnass. Sie kniff die Augen zusammen, öffnete den Mund, schob die Kapsel so tief in den Hals, wie sie nur konnte.
Und schluckte.
Schluckte, schluckte, schluckte.
Langsam glitt die Kapsel hinunter in Richtung Magen.
Der Mann klatschte in die Hände und lächelte.
»Genau so«, sagte er. »Nur noch neunundvierzig Stück.«
Der erste Schlag richtete sich gegen ihren Kopf, der zweite gegen den Hals.
Jana Berzelius parierte Danilos Fäuste mit den Unterarmen.
Er war außer sich und versuchte, von allen Seiten Treffer zu landen. Aber sie hielt dagegen, hob die rechte Faust, duckte sich, hob die linke, dann probierte sie einen Tritt. Zwar traf sie nicht, doch sie wiederholte die Bewegungen, diesmal schneller. Der Tritt traf Danilos Knie. Er krümmte sich vor Schmerzen, ging aber nicht zu Boden. Sie musste ihn aus dem Gleichgewicht bringen und trat noch einmal zu. Diesmal zielte sie auf seinen Kopf. Doch er bekam ihren Fuß zu fassen und drehte ihn nach links, und sie landete hart mit dem Rücken auf der kalten Erde. Mit den Händen schützte sie den Kopf, rollte zur Seite und rappelte sich auf.
Nun stand Danilo ganz ruhig vor ihr und schien abzuwarten. Er atmete schwer.
Dann nahm er Anlauf und warf sich vorwärts. Im selben Moment beugte sie den Kopf und hielt sich die Fäuste vors Gesicht, verwendete alle Kraft darauf, den Fuß zu heben.
Der Tritt traf perfekt.
Danilo brach zusammen, doch als sie das Knie auf seinen Brustkorb setzen wollte, warf er sich brüllend herum und packte sie. Er setzte sich rittlings auf sie und schlug mit voller Kraft gegen ihre Rippen. Dann ergriff er ihre Haare und zog ihren Kopf nach vorn. Sie versuchte, der Bewegung zu folgen, um die Schmerzen in der Kopfhaut zu verringern, aber Danilos Gewicht auf ihrer Brust hinderte sie daran.
»Warum verfolgst du mich?«, zischte er ihr ins Gesicht.
Sie antwortete nicht, sondern dachte fieberhaft nach. Auf gar keinen Fall durfte sie zulassen, dass er sie besiegte. Ihr war durchaus bewusst, wozu er fähig war, aber ihre Arme waren unter seinen Beinen eingeklemmt. Sie streckte die Finger auf dem Boden aus, in der Hoffnung, irgendetwas zu fassen zu bekommen, womit sie sich verteidigen könnte, aber sie spürte nichts als Eis und Schnee.
Ein unangenehmes Gefühl überkam sie. Sie hatte nicht damit gerechnet, die Schwächere zu sein. Sie hätte ihn überraschen müssen. Immerhin hatte sie am Anfang die Oberhand gehabt.
Sie ballte die Hände zu Fäusten, spannte ihre Muskeln an und sammelte Kraft. Dann rammte sie ihm das Knie in den Rücken. Danilo krümmte sich und ließ ihre Haare los. Sie stieß ihm wieder das Knie in den Rücken, immer und immer wieder. Dann wollte sie das Bein um seinen Hals schlingen, aber vergeblich. Er blieb sitzen.
Wieder griff er nach ihren Haaren.
»Das hättest du nicht tun sollen«, fauchte er, packte ihren Hinterkopf und schlug ihn auf den Boden.
Sie verspürte einen rasenden Schmerz, und ihr wurde schwarz vor Augen.
Als er abermals ihren Kopf auf die Erde schlug, merkte sie, dass ihr die Kraft ausging.
»Halt dich von mir fern, Jana«, sagte er.
Sie hörte seine Stimme wie durch Nebel, weit entfernt.
Und spürte keinen Schmerz mehr.
Eine warme Welle spülte über sie hinweg, und sie begriff, dass sie kurz davor stand, das Bewusstsein zu verlieren.
Er hob die geballte Faust und hielt sie ihr vors Gesicht, ohne zuzuschlagen. Hielt ihr einfach nur die Faust hin, als würde er zögern. Er begegnete ihrem Blick, atmete rasch und sagte irgendetwas, doch seine Worte hallten wie in einem Tunnel.
Dann hörte sie ein entferntes Rufen.
»Hallo!«
Eine andere, fremde Stimme, die sie nicht zuordnen konnte.
Sie wollte sich bewegen, aber der Druck auf der Brust machte es unmöglich. Sie bemühte sich, bei Bewusstsein zu bleiben, und blickte Danilo direkt in die dunklen Augen. Er hatte ihr Gesicht umfasst und zischte:
»Ich warne dich. Wenn du mir noch einmal folgst, werde ich beenden, was ich hier begonnen habe.«
Er hielt ihr Gesicht einen Zentimeter von seinem entfernt.
»Noch ein einziges Mal, und du wirst es für immer bereuen. Kapiert?«
Sie hörte ihn, war aber nicht dazu in der Lage zu antworten. Plötzlich spürte sie, wie der Druck auf ihrer Brust nachließ. Die Stille um sie herum verriet, dass Danilo weg war.
Sie hustete heftig, legte sich auf die Seite und schloss die Augen.
Dann hörte sie wieder die fremde Stimme.
Anneli Lindgren stellte einen Teller mit zwei Knäckebroten auf den Tisch und setzte sich neben ihren Lebensgefährten Gunnar Öhrn. Beide arbeiteten bei der Kriminalpolizei, sie als Kriminaltechnikerin, er als Kriminalhauptkommissar.
Das Wasser dampfte in den Teetassen.
»Willst du lieber Earl Grey oder den grünen Tee haben?«, fragte sie.
»Welchen nimmst du?«
»Den grünen.«
»Dann nehme ich den auch.«
»Aber du magst ihn doch gar nicht.«
»Nein, aber du sagst doch immer, dass ich ihn trinken sollte.«
Sie lächelte ihn an und öffnete die Teepackung. Aus Adams Zimmer drang Musik. Sie hörte den Sohn mitsingen.
»Er scheint sich hier wohlzufühlen«, sagte sie.
»Du denn nicht?«
»Doch.«
Sie hörte Gunnars Besorgnis aus der Frage heraus und antwortete knapp und ohne zu zögern. Das war die einzige Art, weitere Fragen zu vermeiden. Er machte sich um alles Sorgen, dachte viel zu viel nach, analysierte und grübelte über Sachen nach, die er längst hätte loslassen sollen.
»Bist du dir sicher? Fühlst du dich jetzt wohl hier?«
»Ja.«
Anneli versenkte den Teebeutel in der Tasse und ließ ihn in dem heißen Wasser ertrinken. Sie hörte die Stimme, die Musik und den Text, den Adam auswendig gelernt hatte, und beobachtete das Wasser, das immer brauner wurde. Dabei überschlug sie, wie viele Male sie und Gunnar auseinander- und wieder zusammengezogen waren. Womöglich probierten sie es jetzt schon zum zehnten Mal. Vielleicht auch zum zwölften. Sicher war nur, dass sie seit zwanzig Jahren zusammenlebten, allerdings mit Unterbrechungen.
Diesmal fühlte es sich aber anders an, redete sie sich ein. Angenehmer, entspannter. Gunnar war ein guter Mann. Er war nett und strahlte Geborgenheit aus. Wenn er nur damit aufhören könnte, Dinge ständig wiederzukäuen.
Er legte die Hand auf ihre.
»Wir könnten uns ja eine neue Wohnung suchen. Oder ein Reihenhaus? Das haben wir noch nie probiert.«
Sie zog die Hand weg, sah ihn an und verzichtete auf eine Antwort, denn ihr Blick sprach Bände.
»Okay«, sagte er. »Ich verstehe. Es geht dir gut.«
»Genau. Also hör auf herumzunerven.«
Sie nippte an der Tasse. Das Stück, das Adam sich anhörte, würde noch ungefähr anderthalb Minuten dauern. Ein Gitarrensolo und danach der Refrain, dreimal.
»Was hältst du von dem Treffen mit der Reichskripo morgen?«, fragte er.
»Was weiß ich. Sollen die doch rausfinden, was sie wollen. Wir haben einen guten Job gemacht.«
»Ich verstehe gar nicht, warum Anders Wester überhaupt herkommen muss. Ich habe ihm nichts zu sagen.«
»Wirklich? Dabei ist der Typ doch so gut aussehend!«
Sie konnte es sich nicht verkneifen, ihn ein bisschen aufzuziehen. Seine unnötige Besorgnis und seine Eifersucht luden nachgerade dazu ein. Aber sie bereute es noch im selben Moment.
Wütend starrte Gunnar sie an.
»Das war doch nur ein Witz«, lenkte sie ein.
»Findest du das wirklich?«
»Dass er gut aussieht? Ja, früher habe ich das mal gefunden«, sagte sie leichthin und bemühte sich, ungerührt zu wirken.
»Aber jetzt nicht mehr?«, hakte er nach.
»Jetzt hör schon auf.«
»Nur damit ich Bescheid weiß.«
»Hör auf, trink lieber deinen Tee.«
»Sicher?«
»Hör auf zu nerven!«
Jetzt hörte sie das Gitarrensolo, dann Adam, der den Refrain sang.
Gunnar erhob sich und kippte den Inhalt der Teetasse in die Spüle.
»Was machst du?«, fragte Anneli.
»Ich mag keinen Grüntee«, sagte er und ging ins Badezimmer.
Sie seufzte – wegen Gunnar und wegen der Musik, die sie kaum noch aushielt, aber sie hatte keine Lust, den Abend mit einem weiteren Zusammenstoß enden zu lassen, nicht jetzt, da sie gerade erst beschlossen hatten, wieder einmal zusammenzuleben.
Sie war ohnehin schon erschöpft.
Sehr erschöpft.
»Hallo, alles okay bei Ihnen?«
Robin Stenberg hockte sich neben die Frau, die in Embryonalstellung auf dem Boden lag. Die Kette an seiner löchrigen Jeans rasselte. Er sah, dass sie eine stark blutende Kopfverletzung hatte. Gerade wollte er sie berühren, da schlug sie die Augen auf.
»Ich habe alles gesehen«, sagte er. »Ich habe ihn gesehen. Er ist in diese Richtung abgehauen.« Er zeigte mit zitternder Hand zum Fluss.
Die Frau unternahm einen Versuch, den Kopf zu schütteln.
»Hinnn…gefff…lll…nnn«, brachte sie nuschelnd hervor.
»Nein«, sagte er. »Sie sind nicht hingefallen. Sie sind überfallen worden. Wir müssen die Polizei rufen …«
Er stand auf und wühlte in seiner Tasche nach dem Handy.
»Neee …«, murmelte sie.
»Shit, Sie bluten ja total«, sagte er. »Wir müssen einen Krankenwagen rufen oder so.«
Unruhig ging er hin und her.
»Shit, shit, shit«, wiederholte er immer wieder.
Die Frau bewegte sich, hustete.
»Nicht anrufen«, flüsterte sie.
Nun hatte er das Handy gefunden und tippte den Code ein.
Die Frau hustete erneut.
»Bitte nicht anrufen«, sagte sie wieder. Diesmal deutlicher.
Doch er hörte nicht zu, sondern begann die 112 auf seinem Telefon zu wählen. Im selben Moment wurde es ihm aus der Hand geschlagen.
»Was verdammt noch mal …«
Es dauerte ein paar Sekunden, bis er begriffen hatte, was passiert war.
Sie hatte sich aufgerappelt und stand jetzt vor ihm. Sein Telefon hielt sie in der Hand. Das Blut lief ihr von der Stirn, über das linke Auge und auf die Wange.
»Ich hab gesagt, du sollst nicht anrufen.«
Einen Moment lang glaubte er, es sei ein schlechter Scherz. Aber als er den bedrohlichen Blick der Frau sah, wurde ihm klar, dass sie es ernst meinte. Sie musterte ihn eingehend, und obwohl er vollständig bekleidet war, fühlte er sich nackt.
Sie betrachtete ihn von oben bis unten – seine schwarze Mütze und die schwarz geschminkten Augen, die Schläfe, in die acht kleine Sterne tätowiert waren, und die gepiercte Unterlippe, die gefütterte Jeansjacke und die abgenutzten Springerstiefel.
»Wie heißt du?«, fragte sie.
»R…Robin Stenberg«, stammelte er.
»Gut, Robin«, sagte sie. »Nur damit du es weißt. Ich bin hingefallen und habe mir wehgetan. Sonst nichts.«
Er nickte erschrocken. »Okay.«
»Gut, dann sind wir uns ja einig. Nimm das und hau ab.«
Die Frau warf ihm sein Handy zu. Ungeschickt fing er es auf, ging ein paar Schritte rückwärts und begann dann zu laufen.
Erst als er seine Wohnungstür in der Spelmansgatan hinter sich absperrte, holte ihn die Angst ein.
Im internationalen Terminal des Flughafens Suvarnabhumi in Bangkok wimmelte es nur so von Menschen. Lange Schlangen hatten sich vor den Schaltern gebildet, und ab und zu wurden Passagiere durch die Lautsprecher gebeten, mit der Information Kontakt aufzunehmen. Jedes Mal wenn ein Koffer auf dem Gepäckband umfiel, erklang ein dumpfes Geräusch.
Laute Stimmen von großen Reisegesellschaften waren zu hören, weinende Kleinkinder und Paare, die über Reiseunterlagen diskutierten.
»Den Pass, bitte.« Die Frau hinter dem Check-in-Schalter streckte die Hand aus.
Pim hielt ihren Pass mit beiden Händen fest, um das Zittern zu überspielen. Man hatte ihr gesagt, sie solle sich nicht verkrampfen, sondern möglichst entspannt und fröhlich wirken. Doch je mehr die Schlange sich vor ihr verkürzte, umso nervöser wurde sie. Sie hatte so viel am Ticket herumgespielt, dass rechts oben eine kleine Ecke fehlte.
Ihr Magen schmerzte. Die Übelkeit kam wellenartig, und sie wünschte, sie könnte sich einen Finger in den Hals stecken. Sie hätte auch gern ausgespuckt, denn bei jedem Würgeanfall sammelte sich Speichel im Mund, aber sie wusste, dass sie es nicht durfte. Deshalb schluckte sie, immer und immer wieder.
In einer anderen Schlange zwei Schalter weiter weg stand Noi und spielte hektisch an einem Riemen ihres Rucksacks herum. Sie warfen einander keine Blicke zu, sondern ignorierten sich.
Denn in diesem Moment kannten sie einander nicht.
So lautete die Regel.
Die Frau hinter dem Schalter tippte auf ihrer Computertastatur herum. Ihre Haare waren dunkel und zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden. Auf der linken Tasche des schwarzen Blazers prangte das Logo der Fluggesellschaft. Darunter trug sie eine weiße Bluse mit rundem Kragen.
Pim legte einen Arm auf den Tresen und beugte sich leicht vor, um die Schmerzen in ihrem aufgequollenen Bauch zu lindern.
»Sie können die Tasche aufs Band stellen«, sagte die Frau und beobachtete, wie Pim ihre Tasche aufs Band hievte. Erneut schlug die Übelkeit zu wie ein Stromschlag, und sie verzog den Mund.
»Ist es das erste Mal?« Die Frau sah sie mit fragendem Blick an. »Also das erste Mal, dass Sie nach Kopenhagen fliegen?«
Pim nickte.
»Das ist aber kein Grund, nervös zu sein. Fliegen ist gar nicht gefährlich.«
Pim antwortete nicht. Denn sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Stattdessen starrte sie auf ihre Schuhe.
»Bitte sehr.«
Pim nahm ihre Boardingkarte in Empfang und wandte sich hastig um.
Sie wollte weg von der Frau mit ihrem fragenden Blick. Im Moment konnte sie sich mit niemandem unterhalten, sie wollte es auch gar nicht.
»Hallo, warten Sie!«, rief ihr die Frau vom Schalter hinterher.
Pim drehte sich um.
»Der Pass«, sagte die Frau. »Sie haben Ihren Pass vergessen.«
Pim ging zurück und murmelte ein Dankeschön. Krampfhaft presste sie ihren Pass mit beiden Händen an die Brust und ging zur Sicherheitskontrolle.
Jana Berzelius sank allmählich zurück auf den Boden und blieb auf den Knien sitzen. Der Schmerz strahlte auf den gesamten Körper aus. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen. Vorsichtig legte sie die Hand auf den Hinterkopf und tastete ihn ab. Die Finger waren voller Blut. Sie wischte sie an der Jacke ab und sah sich um. Die rote Mütze lag links von ihr, direkt neben der Aktentasche. Langsam reckte sie sich, griff nach der Mütze und spürte das harte Eis an ihren Beinen. Sie konnte nicht auf dem kalten Boden sitzen bleiben.
Erst jetzt bemerkte sie den bitteren Metallgeschmack im Mund. Sie spuckte aus und sah, wie der Speichel das Eis auf dem Boden rot färbte.
Ebenso rot wie ihre Mütze.
Sie zählte bis drei und bemühte sich, wieder auf die Beine zu kommen. Ihr Kopf dröhnte vor Schmerzen, und ihr war schwindelig. Sie stützte sich mit der Hand an der Wand des Torbogens ab.
Noch hatte sie nicht genug Kraft, um weiterzugehen, und blieb stehen.
Das Blut lief ihr die Wange hinab.