Kerstin Hensel
Schleuderfigur
Gedichte
Luchterhand
Vorhang
VORHANG FÜR ROLF
Jetzt bin ich die Maus die dir am Ende
Einen Knopf nachträgt
Ja wir gehen
Noch einmal in die Oper
Feingemacht
Zupf mir die Schleifen zurecht und den
Sonnenblumenkranz
Wie er leuchtet Der Kammerton
Ist gestrichen
Gesichtsfeld
Dämmerungen trotten in grauen Latschen
Nur Wörter noch und kleine Lichter
Lustloses Geflacker vor naheliegendem Horizont
Wir haben den Tod im Auge ein Katarakt
Wir müssen dem Tunnel entkommen und zusehen
Daß wir uns zusehen
Im Offenen
Wenn du vom Rand in mein Feld trittst wird es hell
Ich fasse dem Tod ins Auge wie er
Blinzelt
AM GRAB DAS ROTKEHLCHEN
Macht einen Knicks
Hüpft übern Hügel hin her
Und es weint auf die Schleife In Liebe
Dornen zeigen sich jetzt
Trägt der Herbst
Seine Zeichen dick auf
Das Vögelchen schwirrt
Übern Schneebeerenbusch auf mich zu
Nicht mehr
1
Unsere Wege führen nicht mehr in den Sonntag
Der Weinbrunnen macht sein saures Geschäft nicht mehr mit uns
Nicht mehr streiten und singen wir
Nicht mehr sag ich: Es ist noch lange
Nicht an der Zeit und du fragst nicht mehr
Wem vermache ich meinen Tod? Unsere Wege
Die Bordsteine ziehen die Füße mir weg Nicht mehr
Halt ich dich fest
2
Auch die Tiere im Zoo betrachte ich
Durch deine Augen jetzt
Da sie nicht mehr deine Augen sind
Siehst du
Unsere Freunde aus der Familie
Muffelwild: sie gehen
Sich nicht mehr zart dampfend ans Fell
Der Schmutzgeier verschmäht das
Köstliche Aas Die Eule schenkt mir
Ihren Schleier Der Elefant
Sein Gedächtnis.
SCHNICK SCHNACK SCHNUCK
Der Toten Spuk
Unter Marmor und Basalt
Stein schleift Gestalt
Papier schlägt Stein
Meine ein-
Gegrabenen Briefe
Höhe schlägt Tiefe
Lesen Verwesen
Das Spiel vermasseln
Die analphabetischen Asseln.
Bücherburg
Nachruf auf D. S.
1
Jahre zu spät sah ich mich
Gehen vom Bahnhof die Straße entlang das hohe
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Die neuen netten Nachbarn FuckFactory Casino
Dildoking Der Aufstieg
Zur Bücherburg nun über Trümmer und Dreck Ich
Wagte es durch die Scheibe blickend ins Innre: Fröhlich
Wie im Leben kamst du
Die Treppe herab und es war
Als ob in die Zeit wir greifen Eilig
Wollten wir alles noch einmal besprechen Da
Brüllt der Concierge der Kotzmeile Köpenick
Mit entzündeter Fresse: Was
Suchen Sie hier?
2
Die Burg ist verlassen das Huhn im Topf
Der Kaffee Zigaretten
Ein Eckensteher: Der Tod
Ich rede und fasse es nicht
Ich fasse es nicht und ich rede Warum
Fehlen mir nicht einmal die Worte
3
Vielleicht doch daß wir uns wiedersehen
Ungläubig glaubend
Den Himmel wo
Das Versäumte leichtflüglig vergessen wird nicht aber
Daß wir uns fragen: Wie kann es das
Gewesen sein?
Nach dem großen Rennen
Stehen nach dem großen Rennen die Pferde
Allein im Stall ereilt sie mitunter
Die galoppierende Schwermut
Dagegen sagt der Veterinär
Ist kein Kraut gewachsen aber
Gibt man den Pferden ein Zicklein bei
Ein meckerndes springendes kobolzschlagendes Zicklein da
Ziehen sie wieder
Die Lefzen hoch
Bis zu den Ohren
Laßt uns
Froh sein laßt uns und munter
Gehen die Freuden am Stock
Sehn wir Land auf und Land unter
Wund gedacht von dem Wunder
Daß wir ein wenig noch da
Sind wir nicht
Lustig trala
ICH WARTE AUF DAS WAS NICHT KOMMT
Wie’s gekommen ist darauf hab ich nicht gewartet
Es liegt mein Weg mir im Weg
Das Glück tritt die Bremse wenn’s startet.
Vervolkt
Es wächst ein rotes Gräselein
Auf einem hohen Gemauer
Ich wünscht daß es will meine sein
Noch schwer tragt mich die Trauer
Ich steig hinauf ich stell ihm nach
Dem Gräselein auf dem Gemauer
Und rutsch von einem Gletscherdach
In heißiges Geschauer
Es welkt das rote Gräselein
Auf seinem morschen Gemauer
Jetzt will es endlich meine sein
Wohin noch tragt mich die Trauer
Nachgelassenes
Was keine Liebe war wollte nicht sterben
Mein Traum will mich enterben
Der Vertrag nach dem Leben
Werd ihn aufheben
DIE TIEFE DÄMMERUNG
Soll mich besuchen sanftfüßig
Ohne das Hacken des Gehorsams
Ohne mein Verlangen
Nach Leuchtstoff zu wecken
Ohne die Fackeln des Geselligen
Soll mich die tiefe Dämmerung
Aufsuchen mit einem
Atemstockkuß
Noch vor der Tür:
Die Zeit
tchin tim rim
heilt nix ga ga nix
ab schnitt mit
beil eid lieb
tot (kannstedrehenwiedewillst)
nix lieb gra!
barg
.
.
.
grab
lieb über
schuß
hähä
ngt
tchin
am nebel
stammlst
drin
he eh
rum
Vorhang für mich
Mein Wundenlecker quittiert seinen Dienst
Neben mir wälzen sich Träume
In vermotteten Pelzen
Der Rotweinkuckuck hat
Karriere gemacht Noch immer
Kann ich nicht aus dem Haus
Nicht um mich schauen Wie in großen Zeiten
Des Mangels bietet der Händler