Cover

Buch

Eine hochschwangere Sechzehnjährige wird auf dem Schulweg von einem Mann überwältigt und in einen Lieferwagen gezerrt. Offensichtlich ist sie nicht das erste Opfer: Der Schmutz, die Fesseln, die Augenbinde, der festverschraubte Stuhl, die grobe Routine des Entführers – alles weist darauf hin, dass sich im Laderaum des unscheinbaren roten Transporters schon mehrfach ähnliche Szenen abgespielt haben. Und doch ist diesmal alles anders, denn die Entführer haben, ohne es zu ahnen, bereits durch die Wahl dieses Opfers ihr eigenes Schicksal besiegelt. Denn die junge Frau in ihrer Gewalt ist alles andere als ein hilfloser Teenager; sie verfügt über einen messerscharfen Verstand und die Fähigkeit, ihre Emotionen fast vollständig zu kontrollieren. Kühl kalkulierend verfolgt sie jeden Schritt ihrer Kidnapper, registriert jeden noch so kleinen Fehler und analysiert die Chancen, die sich daraus für sie ergeben. Schnell erkennt sie, dass es den Entführern nur um ihr Baby geht, und dass sie selbst nach der Geburt wertlos für sie ist. Und ebenso schnell fasst sie einen Plan: Weder sie noch ihr Kind werden diesen Männern zum Opfer fallen – und sie wird auf eine Weise Rache nehmen, die sicherstellt, dass sich die Wagentüren des roten Transporters nie wieder hinter einem Mädchen schließen …

Autorin

Shannon Kirk ist Anwältin, sie lebt und arbeitet in Massachusetts. Kirk ist verheiratet und hat einen Sohn. Ihr Romandebüt, der Psychothriller »Ihr tötet mich nicht«, wurde von Presse und Lesern euphorisch aufgenommen, die Übersetzungsrechte wurden auf Anhieb in zahlreiche Länder verkauft.

»Shannon Kirk ist eine aufregende neue Thrillerautorin; sie fesselt ihre Leser mit einer Heldin, die an Lisbeth Salander erinnert: auch sie ein Opfer, das gar nicht daran denkt, die Opferrolle zu spielen.«

The Boston Globe

SHANNON KIRK

Ihr

tötet mich nicht

Psychothriller

Übersetzt

von Verena Kilchling

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel:

»Method 15/33« bei Oceanview Publishing, Longboat Key, Florida

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Copyright © der Originalausgabe 2015 by Shannon Kirk

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

All rights reserved.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,

Umschlagillustration:

Copyright © Trevillion Images/Carmen Spitznagel

Redaktion: Alexander Groß

An · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-18352-3
V002

www.goldmann-verlag.de


Für Michael und Max,

meine Lieben

»Die Entwicklung des Gehirns kann als graduelle Entfaltung eines mächtigen, sich selbst organisierenden Geflechts von Prozessen charakterisiert werden, mit einer komplexen Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt.«

Karns et al, 11. Juli 2012, Journal of Neuroscience,

Altered Cross-Modal Processing [Titel gekürzt]

KAPITEL EINS

Tage 4–5 in Gefangenschaft

An Tag 4 lag ich da und plante seinen Tod. In Gedanken erstellte ich eine Liste mit verfügbaren Gegenständen und Umständen, die mir eventuell in die Hände spielten, und dieses strategische Auflisten von Pluspunkten verschaffte mir ein wenig Erleichterung … eine lose Diele, eine rote gestrickte Decke, ein hohes Fenster, freiliegende Deckenbalken, ein Schlüsselloch, mein Zustand …

Meine damaligen Gedanken sind mir heute noch so präsent, als erlebte ich sie erneut, als gingen sie mir gerade zum ersten Mal durch den Kopf. Da ist er wieder, vor der Tür, denke ich, obwohl seither siebzehn Jahre vergangen sind. Vielleicht werden jene Tage für immer meine Gegenwart bleiben, weil mir jede Stunde und jede Sekunde minutiöser Planung das Überleben gesichert hatten. Während jener unauslöschlichen, quälenden Zeit war ich vollkommen auf mich allein gestellt, und aus heutiger Sicht muss ich ohne falschen Stolz zugeben, dass das Endergebnis – mein unbestreitbarer Sieg – ein wahres Meisterwerk war.

An Tag 4 hatte ich bereits einen ganzen Katalog an Pluspunkten sowie den groben Entwurf eines Racheplans fertiggestellt, und das alles ohne Kugelschreiber oder Bleistift, lediglich mithilfe meines mentalen Skizzenblocks, auf dem ich Puzzleteile zu möglichen Lösungen zusammensetzte. Ich war fest entschlossen, sie in die richtige Konstellation zu bringen … eine lose Diele, eine rote gestrickte Decke, ein hohes Fenster, freiliegende Deckenbalken, ein Schlüsselloch, mein Zustand … Wie passt das alles zusammen?

Diese Frage stellte ich mir immer wieder aufs Neue, während ich gleichzeitig nach weiteren Pluspunkten Ausschau hielt. Ach ja, natürlich, der Eimer. Und ja, ja, ja: Die Untermatratze ist neu, er hat noch nicht einmal die Plastikfolie entfernt. Also gut, von vorne, geh noch mal in Ruhe alles durch und finde die Lösung. Freiliegende Deckenbalken, ein Eimer, die Untermatratze, die Plastikfolie, ein hohes Fenster, eine lose Diele, eine rote gestrickte Decke …

Ich ordnete jedem Gegenstand eine Zahl zu, um meiner gedanklichen Tüftelei einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen. Eine lose Diele (Pluspunkt #4), eine rote gestrickte Decke (Pluspunkt #5), Plastikfolie … Am frühen Morgen von Tag 4 schien die Sammlung bereits so vollständig zu sein, wie sie es unter den gegebenen Umständen sein konnte, aber mir war klar, dass das nicht reichen würde.

Das Knarren der Kiefernholzdielen vor meiner Gefängniszelle, einem einfachen Zimmer mit Bett, riss mich gegen Mittag aus meiner Grübelei. Er ist dort draußen vor der Tür. Mittagessen. Der Riegel bewegte sich von links nach rechts, der Schlüssel drehte sich im Schloss, und dann stürzte er auch schon herein, ohne den Anstand zu besitzen, für einen Moment auf der Türschwelle zu verharren.

Wie bei allen bisherigen Mahlzeiten stellte er ein Tablett mit inzwischen vertrautem Essen, einem weißen Becher Milch und einer Tasse Wasser in Kindergröße auf meinem Bett ab. Kein Besteck. Die Ei-Speck-Quiche kollidierte mit dem selbstgebackenen Brot auf einem altrosa gemusterten Porzellanteller, auf dem eine Frau mit einem Topf und ein Federhut tragender Mann mit Hund abgebildet waren. Ich hasste diesen Teller mit derart widernatürlicher Intensität, dass ich noch heute bei der Erinnerung daran schaudere. Auf der Rückseite stand »Wedgwood« und »Salvator«. Das wird meine fünfte Mahlzeit, seit ich meine Rettung plane. Ich hasse diesen Teller. Ihn werde ich ebenfalls vernichten. Der Teller, der Becher und die Tasse sahen genauso aus wie jene, die ich an Tag 3 meiner Gefangenschaft zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen bekommen hatte. Die ersten beiden Tage hatte ich in einem Transporter verbracht.

»Mehr Wasser?«, fragte er mit seiner schroffen, tiefen, gleichförmigen Stimme.

»Ja, bitte.«

Mit diesem Verhaltensmuster hatte er an Tag 3 begonnen, und ich glaube, damit schob er mein Pläneschmieden erst so richtig an. Die Frage wurde Teil unserer täglichen Routine. Er brachte mir meine Mahlzeit und erkundigte sich, ob ich mehr Wasser wolle, und ich beschloss, von nun an jedes Mal mit Ja zu antworten, auch wenn dieser Ablauf vollkommen unlogisch war. Warum bringt er mir nicht gleich eine größere Tasse Wasser? Was soll diese Ineffizienz? Er geht wieder, schließt die Tür ab, in den Wänden des Flurs gluckern die Wasserleitungen, dann ergießt sich mit einem Spritzen ein Schwall Wasser in ein Waschbecken, irgendwo außerhalb des Bereichs, der durchs Schlüsselloch sichtbar ist. Anschließend kommt er mit einem Plastikbecher voll lauwarmem Wasser zurück. Warum? Eines kann ich heute mit Sicherheit sagen: Das Prinzip hinter den vielen unerklärlichen Handlungen meines Gefängniswärters wird auf ewig ein Rätsel bleiben, genau wie unzählige andere ungelöste Phänomene auf dieser Welt.

»Danke«, sagte ich nach seiner Rückkehr.

Bereits in Stunde 2 von Tag 1 hatte ich den Entschluss gefasst, eine geheuchelte Schulmädchen-Höflichkeit an den Tag zu legen und meinem Kidnapper – einem Mann von etwa Mitte vierzig – Dankbarkeit vorzuspielen. Mitte vierzig müsste hinkommen, er sieht ungefähr so alt aus wie mein Vater. Ich hatte schnell verstanden, wie leicht dieser Kerl zu überlisten war. Obwohl ich erst süße sechzehn Jahre alt war, war ich schlau genug, dieses widerwärtige Monstrum zu besiegen, da war ich mir sicher.

Das Mittagessen an Tag 4 schmeckte genauso wie an Tag 3. Trotzdem: Vielleicht hatten mir die Nährstoffe gefehlt, denn direkt nach dem Essen ging mir auf, dass ich noch über viele weitere Pluspunkte verfügte: Zeit, Geduld, unvergänglichen Hass. Während ich die Milch aus dem schweren Restaurant-Becher trank, fiel mir auf, dass der Eimer, der in meinem Zimmer stand, einen Metallhenkel mit spitz zulaufenden Enden besaß. Ich muss ihn nur abmontieren, dann ist er ein eigener Pluspunkt zusätzlich zum Eimer. Außerdem hatte mich mein Kidnapper in einem oberen Stockwerk des Gebäudes untergebracht und nicht in einem Kellerverließ unter der Erde, wie ich an Tag 1 und 2 befürchtet hatte. Die Baumkrone vor meinem Fenster und die drei Treppen, die er mit mir erklommen hatte, um mich in meine Gefängniszelle zu bringen, verrieten mir, dass ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach im dritten Stock befand. Und Höhe betrachtete ich ebenfalls als Pluspunkt.

Seltsam, nicht wahr? Mir war immer noch nicht langweilig an Tag 4. Man sollte meinen, es würde den Verstand in den Wahnsinn treiben, allein in einem verschlossenen Raum herumzusitzen, doch ein solches Schicksal blieb mir erspart. Meine ersten beiden Tage in Gefangenschaft verbrachte ich auf der Straße, und aus irgendeinem gigantischen Versehen oder einer massiven Fehleinschätzung heraus benutzte mein Kidnapper für seine Tat einen einfachen Transporter mit getönten Seitenscheiben. So konnte zwar niemand hinein-, aber ich hinausspähen, was es mir ermöglichte, unsere Route nachzuverfolgen und sie ins Logbuch meines Gedächtnisses einzutragen, mitsamt allen nützlichen oder unnützen Details. Die Aufgabe, wie sich die gewonnenen Daten bestmöglich auf die unauslöschliche Festplatte meines Langzeitgedächtnisses übertragen ließen, beschäftigte mich tagelang.

Wenn man mich heute, siebzehn Jahre später, fragen würde, welche Blumen entlang der Ausfahrt 33 wuchsen, könnte ich antworten: Gänseblümchen, durchmischt mit einer kräftigen Portion Wiesen-Habichtskraut. Ich könnte den Himmel beschreiben, sein dunstiges Blaugrau, das nach und nach in ein schmutziges Schlammbraun überging, und die plötzlichen Wetterveränderungen, zum Beispiel das Gewitter, das genau zwei Minuten und vierundzwanzig Sekunden, nachdem wir an den Blumen vorbeigekommen waren, ausbrach, woraufhin aus der schwarzen Wolkenmasse über uns ein Frühlingshagel auf die Straße herunterprasselte. Ich könnte die erbsengroßen Eiskörner schildern, die meinen Kidnapper zwangen, unter einer Brücke zu halten, dreimal laut »Scheiße« zu sagen, eine Zigarette zu rauchen, die Kippe nach draußen zu schnipsen und die Fahrt dann fortzusetzen, drei Minuten und sechs Sekunden nachdem das erste Hagelkorn auf die Kühlerhaube des unseligen Transporters gefallen war. Ich schnitt die achtundvierzig Stunden Fahrt damals zu einem detaillierten Film zusammen, den ich Tag für Tag abspielte, um jede Minute, jede Sekunde, jedes Einzelbild akribisch zu analysieren und auf Anhaltspunkte und Pluspunkte zu prüfen.

Die Seitenfenster des Transporters und meine sitzende Position, aus der heraus ich mühelos nach draußen blicken konnte, ließen nur eine Schlussfolgerung zu: Der Vollstrecker meiner Entführung musste ein einfältiger Affe auf Autopilot sein, eine menschliche Drohne. Zumal ich bequem auf einem Sessel thronte, der mit Schraubbolzen am Boden des Transporters befestigt war. Es verwundert nicht, dass er zwar häufig über meine rutschende Augenbinde murrte, aber zu faul oder zu zerstreut war, den Stofflappen richtig zuzubinden, weshalb ich unsere Fahrtrichtung mithilfe der vorbeirauschenden Anhaltspunkte ermitteln konnte: Westen.

In der ersten Nacht schlief er vier Stunden und achtzehn Minuten. Ich schlief zwei Stunden und sechs Minuten. Nach zwei Tagen und einer Nacht nahmen wir die Ausfahrt 74. An die demütigenden Toilettenpausen auf verwaisten Rastplätzen möchte ich lieber nicht zurückdenken.

Als wir langsam in die Ausfahrt einbogen, beschloss ich, von nun an sorgsam in Sechzigerschritten die Minuten zu zählen, wobei ich den Platzhalter »Mississippi« benutzte, damit jede Zählzeit exakt einer Sekunde entsprach. Ein Mississippi, zwei Mississippi, drei Mississippi … 10,2 mal sechzig Mississippis später kam der Transporter mit stotterndem Motor schlingernd zum Stehen. Unser Ziel ist also 10 Minuten und 12 Sekunden vom Highway entfernt. Über den oberen Rand meiner schlaffen Augenbinde hinwegspähend erkannte ich eine Wiese, die in graues Dämmerlicht getaucht war, durchzogen von einer weißen Vollmondschneise. Die hängenden Zweige eines Baums schmiegten sich um den Transporter. Eine Weide. Wie bei Nana. Aber das hier ist nicht Nanas Haus.

Er geht seitlich am Transporter entlang. Er kommt mich holen. Offenbar muss ich raus aus dem Transporter. Ich will nicht raus.

Als mit einem lauten, metallischen Schrammen die Schiebetür aufglitt, zuckte ich zusammen. Wir sind da. Offenbar sind wir angekommen. Wir sind angekommen. Mein Herz schlug im rasenden Takt eines flatternden Kolibris. Wir sind da. Entlang meines Haaransatzes sammelte sich Schweiß. Wir sind da. Meine Arme spannten sich an, und meine Schultern versteiften sich zu einer geraden Linie, die mit meiner Wirbelsäule ein T bildete. Wir sind da. Mein Herz pochte jetzt so heftig, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn es ein Erdbeben oder einen Tsunami ausgelöst hätte.

Eine ländliche Brise umstrich mich, als habe sie sich an meinem Kidnapper vorbeigedrängt, um mich zu trösten. Eine flüchtige Sekunde lang wurde ich von ihrer kühlen Liebkosung umhüllt, doch seine bedrohliche Anwesenheit vertrieb den Zauber sofort wieder. Durch die Augenbinde, die meinen Blick halb versperrte, war mein Geiselnehmer teilweise vor mir verborgen, und dennoch spürte ich, wie er zögernd dastand und mich anstarrte. Was siehst du in mir? Bin ich nur ein junges Mädchen, das im Laderaum deines Scheißtransporters mit Klebeband an einen Sessel gefesselt ist? Ist das Normalität für dich, du elender Dreckskerl?

»Du schreist und weinst und bettelst nicht wie die anderen«, sagte er und klang, als hätte ihn gerade nach tagelanger Grübelei eine Erleuchtung ereilt.

Ich drehte meinen Kopf ruckartig in seine Richtung, wie eine Besessene, eine Bewegung, mit der ich ihn verunsichern wollte. Ob es mir gelang, weiß ich nicht, aber ich glaube, er wich ein kleines Stück zurück.

»Würdest du dich besser fühlen, wenn ich es täte?«, fragte ich.

»Halt die Fresse, du verrückte kleine Schlampe. Es geht mir am Arsch vorbei, was ihr blöden Flittchen macht«, erwiderte er laut und schnell, als wollte er sich seine eigene Machtposition in Erinnerung rufen. Aus seiner erhobenen Stimme schloss ich, dass wir allein waren, wo auch immer wir uns befanden. Kein gutes Zeichen. Er kann hier offenbar in aller Ruhe herumbrüllen. Wir sind unter uns. Nur er und ich.

Am Ruckeln des Transporters erkannte ich, dass er sich am Türrahmen festhielt und ins Innere des Wagens stieg. Dabei ächzte er vor Anstrengung, und ich registrierte seinen schwerfälligen Raucheratem. Du wertloses, fettes Schwein. Schatten und verschwommene Umrisse kamen auf mich zu, ein silberglänzender scharfer Gegenstand in seiner Hand blitzte im Licht der Deckenbeleuchtung auf. Jetzt roch ich ihn auch, seinen Schweißgeruch, den Gestank eines seit drei Tagen ungewaschenen Körpers. Sein Atem schwappte wie eine übelriechende Suppe durch die Luft. Ich zuckte zurück, drehte den Kopf zum getönten Fenster und verschloss meine Nasenlöcher, indem ich die Luft anhielt.

Er schnitt das Klebeband durch, das meine Arme mit dem verschraubten Sessel verbunden hatte, und stülpte mir eine Papiertüte über den Kopf. Ah, du Stinktier, ist dir also aufgegangen, dass die Augenbinde nicht funktioniert.

Nachdem ich mich gerade halbwegs mit meinem fahrenden Sessel und dem Unheil arrangiert hatte, das über mich hereingebrochen war, hatte ich nun keine Ahnung, was mich erwartete. Dennoch protestierte ich nicht dagegen, dass er mich aus dem Transporter schob. Ich vermutete, dass er mich zu einem Farmgebäude brachte, denn in der Luft lag der Geruch von grasenden Kühen. Aus den hohen Halmen, die gegen meine Beine klatschten, schlussfolgerte ich, dass wir zunächst eine Heuwiese oder ein Weizenfeld durchquerten.

Die Nachtluft von Tag 2 kühlte mir die Arme und die Brust, selbst durch meinen gefütterten schwarzen Regenmantel hindurch. Trotz der Papiertüte und des herunterhängenden Tuchs drang ein wenig Mondlicht zu mir herein. Mit der Waffe meines Kidnappers am Rücken stolperte ich wie eine Mondsüchtige voran, und so wateten wir sechzig Zählzeiten lang durch die kniehohen Halme amerikanischen Getreides. Ich machte hohe Schritte, um mein stummes Zählen zu unterstreichen, während er nach Gangsterart hinterherschlurfte, eine aus zwei Personen bestehende Parade: eins, raschel, zwei, raschel, drei, raschel, vier.

Ich verglich meinen sorgenvollen Marsch mit dem von Seefahrern, die über die Planke gehen mussten, und dachte über meinen ersten Pluspunkt nach: fester Boden unter den Füßen. Dann veränderte sich das Gelände plötzlich, und das schwache Mondlicht verschwand. Der Boden federte ein wenig unter meinen unnötig hohen, schweren Schritten, und aus dem trockenen Staub, der um meine nackten Fußknöchel stob, schloss ich, dass wir uns auf einem Pfad aus loser Erde befanden. Äste zerkratzten mir auf beiden Seiten die Arme.

Kein Licht + kein Gras + Pfad aus Erde + Bäume = Wald. Oje, das ist gar nicht gut.

Die Pulsader an meinem Hals und mein Herzschlag schienen in unterschiedlichen Rhythmen zu pulsieren, als mir der Nachrichtenbeitrag zu einem anderen jungen Mädchen einfiel, das man irgendwo in einem weit entfernten Bundesstaat im Wald gefunden hatte. Wie weit weg mir ihre tragische Geschichte damals vorgekommen war, meiner Wirklichkeit vollkommen entrückt. Ihre Hände waren abgetrennt gewesen, ihre Unschuld befleckt, ihre Leiche nur notdürftig verscharrt. Am schlimmsten waren die Anzeichen dafür, dass sich Kojoten und Pumas an ihr gütlich getan hatten, umflattert von Fledermäusen mit teuflischen Augen und Nachteulen mit schwermütigem Blick. Hör auf … zähl weiter … vergiss nicht zu zählen … verzähl dich nicht … konzentrier dich …

Doch meine schrecklichen Gedanken sorgten dafür, dass ich nicht mehr wusste, wo ich stehen geblieben war. Ich habe mich verzählt! Ich verdrängte mein Entsetzen, sog einen Schwall Luft ein, beruhigte den Kolibri in meiner Brust, genau wie es mir mein Vater bei unseren gemeinsamen Unterrichtsstunden in Jiu Jitsu und Tai Chi beigebracht hatte und wie es auch in den medizinischen Lehrbüchern stand, die ich in meinem Labor in unserem Keller aufbewahrte.

Aufgrund meines kurzen Panikanfalls beim Betreten des Waldes addierte ich drei Sekunden hinzu, und nach einer Sechziger-Zähleinheit im Wald betraten wir schlitternd kurzes Gras und wurden erneut vom unbekümmerten Licht des Mondes beschienen. Das muss eine Lichtung sein. Nein, keine Lichtung. Oder doch? Ich spüre Asphalt. Warum haben wir nicht gleich hier geparkt? Fester Boden, fester Boden, fester Boden.

Wir betraten wieder eine Rasenfläche und blieben dann stehen. Schlüssel klapperten, eine Tür wurde geöffnet. Bevor ich die Zahlen vergaß, errechnete ich die Gesamtzeit, die wir vom Transporter zur Tür gebraucht hatten, und speicherte sie ab: zwei Minuten, sechs Sekunden zu Fuß.

Wegen der Papiertüte konnte ich das Äußere des Gebäudes nicht sehen, stellte mir jedoch ein weißes Farmhaus vor. Mein Kidnapper schob mich ins Innere und sofort eine Treppe hinauf. Erster Treppenabsatz, zweiter Treppenabsatz … Nachdem wir insgesamt drei Treppen erklommen hatten, machten wir eine Fünfundvierzig-Grad-Drehung nach links, gingen drei Schritte und blieben erneut stehen. Schlüssel klapperten. Ein Riegel wurde aufgeschoben, ein Schloss klickte, eine Tür knarrte. Er zog mir die Papiertüte und die Augenbinde ab und stieß mich in mein Gefängnis, ein Fünfundzwanzig-Quadratmeter-Zimmer ohne Ausweg.

Der Raum wurde vom Mond erhellt, der durch ein hohes, rechteckiges Fenster rechts der Tür hereinschien. Ganz hinten an der Wand ruhte eine französische Matratze auf einer Untermatratze, die wiederum direkt auf dem Boden lag. Eigenartigerweise war sie umgeben von einem hölzernen Bettgestell mit Seitenteilen, Latten und Querverstrebungen. Es sah aus, als wäre jemandem die Energie ausgegangen, das Gestell zusammenzubauen, oder als hätte er den Lattenrost vergessen, auf dem Matratze und Untermatratze aufliegen sollten. So wirkte das Bett wie eine Leinwand, die noch nicht befestigt worden war und stattdessen schief in ihrem Bilderrahmen hing. Eine weiße Baumwolltagesdecke, ein Kissen und eine rote gestrickte Decke bildeten das Bettzeug der improvisierten Schlafstätte. Darüber verliefen drei freiliegende Deckenbalken parallel zur Tür: einer direkt über der Türschwelle, der zweite in der Mitte des rechteckigen Zimmers und der dritte über dem Bett. Die Decke war so hoch, dass man sich problemlos an den Balken hätte aufhängen können – wenn man es gewollt hätte. Sonst war da nichts. Der Raum war gespenstisch sauber, gespenstisch karg, und nur ein leises Zischen war zu hören. Selbst ein Mönch hätte sich inmitten dieser Leere nackt und bloß gefühlt.

Ich ging direkt zu der Matratze auf dem Boden, während mein Geiselnehmer mich auf einen Eimer hinwies, in den ich »pinkeln oder scheißen« solle, wenn ich nachts auf die Toilette müsse. Nachdem er gegangen war, pulsierte der Mond, als ließe auch er erleichtert die Luft aus seiner galaktischen Lunge entweichen. Der Raum wirkte dadurch heller, und ich ließ mich erschöpft nach hinten fallen und hielt mir selbst eine Standpauke wegen der Achterbahnfahrt meiner Gefühle. Nach Verlassen des Transporters hast du zuerst Beunruhigung verspürt, dann Hass, dann Erleichterung, dann Angst, dann gar nichts. Werde ausgeglichener, sonst hast du keine Chance gegen ihn. Wie bei meinen wissenschaftlichen Experimenten brauchte ich auch hier eine Konstante, und die einzige Konstante, die mir zur Verfügung stand, war eine gleichbleibende Distanziertheit, um die ich mich von nun an bemühen wollte. Falls zu ihrer Aufrechterhaltung eine großzügige Prise Verachtung und Hass nötig war, würde ich mich nicht dagegen wehren. Weitere leicht zu bekommende Zutaten waren meine Sinneswahrnehmungen, denn alles, was ich während meiner Gefangenschaft hörte und sah, konnte mir nützlich werden.

Wenn es eine Eigenschaft gibt, die sich während meiner Gefangenschaft verstärkte – ob sie nun das Geschenk einer göttlichen Fügung oder die Anpassung an die stählerne Welt meiner Mutter war, durch Unterweisung meines Vaters in der Kunst der Selbstverteidigung erlernt oder ein natürlicher Instinkt meines Zustands –, dann war es eine misstrauische, kalkulierende, auf Rache sinnende Grundhaltung, die eines großen Kriegsgenerals würdig gewesen wäre.

Diese kühle Gleichmütigkeit war nichts Neues für mich. Schon die Vertrauenslehrerin meiner Grundschule hatte darauf bestanden, dass ich wegen meiner gleichgültigen Reaktionen und meiner offenkundigen Unfähigkeit, Angst zu empfinden, untersucht wurde. Meine Lehrerin störte sich daran, dass ich nicht wie alle anderen Kinder geheult, gezittert, gekreischt oder gebrüllt hatte, als in der ersten Klasse ein Amokschütze in unser Klassenzimmer gestürmt war und um sich geschossen hatte. Stattdessen zeigten die Aufnahmen der Überwachungskamera, dass ich die ruckartigen, hysterischen Bewegungen des Schützen genauestens beobachtet hatte, den Schweißfilm auf seiner Haut, sein pockennarbiges Gesicht, die geweiteten Pupillen, die hektischen Augenbewegungen, die Einstiche in seinen Armen, seine glücklicherweise ins Leere gehenden Schüsse. Daran erinnere ich mich bis heute. Es war so offensichtlich, was mit ihm los war: Er war high, sprunghaft, auf Acid oder Heroin oder beidem. Ja, diese Symptome kannte ich, ich hatte davon gelesen. Hinter dem Lehrerpult hing unterhalb des Feuermelders ein Megafon für Notfälle, und dorthin begab ich mich nun. Bevor ich den Feueralarm auslöste, rief ich »BOMBENANGRIFF« ins Megafon, mit so tiefer Stimme, wie es mir mit meinen sechs Jahren möglich war. Der Junkie warf sich auf den Boden und kauerte dort in einer Lache seines eigenen Urins, weil er sich vor Angst in die Hose gemacht hatte.

Das Überwachungsvideo, das eine Beurteilung meiner Psyche dringend erforderlich erscheinen ließ, zeigte meine Klassenkameraden, wie sie sich brüllend zusammendrängten, meine Klassenlehrerin, wie sie kniend um Gottes Hilfe flehte, und mich, auf einem Hocker stehend, wie ich das Megafon auf Hüfthöhe hielt und alles überragte, als würde ich das Durcheinander dirigieren. Mein bezopfter Kopf war leicht zur Seite geneigt, meine Hand mit dem Megafon ruhte auf meinem runden Bauch – der Babyspeck war noch nicht ganz verschwunden –, die andere Hand hatte ich zum Kinn erhoben, und das kaum merkliche Grinsen auf meinen Lippen passte zu dem Leuchten in meinen Augen, weil die Polizei gerade eingetroffen war und sich auf den Übeltäter stürzte.

Gleichwohl teilte der Kinderpsychiater meinen Eltern nach einer Reihe von Untersuchungen mit, dass ich durchaus in der Lage sei, Gefühle zu empfinden, jedoch außergewöhnlich gut darin sei, Ablenkungen und unproduktive Gedanken auszublenden. »Im Hirnscan kam heraus, dass ihr Frontallappen, der für logisches Denken und strategische Planung zuständig ist, überdurchschnittlich groß ist«, sagte er. »Sie hat keine dissoziale Störung, denn sie weiß, was Gefühle sind und kann sie empfinden, wenn sie sich dazu entschließt. Sie kann sich jedoch, anders als die meisten Menschen, auch bewusst dagegen entscheiden. Ihre Tochter hat mir verraten, dass sie einen inneren Schalter besitzt, den sie jederzeit umlegen kann, um Gefühle wie Freude, Angst oder Liebe zu spüren – oder eben nicht.« Er räusperte sich, bevor er fortfuhr: »Ich gebe zu, dass ich es noch nie mit einer solchen Patientin zu tun hatte, aber man braucht sich nur Einstein anzusehen, um zu verstehen, wie wenig wir über die Grenzen des menschlichen Gehirns wissen. Manche behaupten, wir hätten bisher erst einen kleinen Bruchteil unseres Potenzials ausgeschöpft, und ihre Tochter … nun ja, sie hat sich ein neues Gebiet erschlossen. Ob das nun Fluch oder Segen ist, kann ich nicht sagen.« Weder meine Eltern noch der Psychiater hatten bemerkt, dass ich durch den Türspalt seines Büros gelauscht hatte. Natürlich hatte ich jedes Wort auf der Festplatte meines Gedächtnisses abgespeichert.

Das mit dem inneren Schalter entspricht größtenteils der Wahrheit, auch wenn es vielleicht ein wenig vereinfacht dargestellt ist. Es ist mehr so etwas wie eine Wegkreuzung, vor der ich stehe, eine Wahlmöglichkeit. Aber weil geistige Prozesse nun einmal schwer zu erklären sind, habe ich das Bild mit dem Schalter gewählt. Wenigstens hatte ich das Glück, an einen so guten Arzt geraten zu sein. Er hörte mir zu, ohne zu urteilen, und glaubte mir ohne jede Skepsis. Und er besaß den tiefen Glauben, dass es noch unergründete medizinische Geheimnisse gibt. An dem Tag, an dem er die Behandlung für beendet erklärte, legte ich jedenfalls einen Schalter um und umarmte ihn dankbar.

Danach stand ich noch einige Wochen unter Beobachtung und wurde schriftlich evaluiert, bevor mich meine Eltern in die sogenannte Normalität zurückschubsten. Ich ging wieder ganz normal in die erste Klasse und durfte mir in unserem Keller ein Labor einrichten.

An Tag 3 – dem ersten Tag außerhalb des Transporters – begannen wir, eine tägliche Routine zu entwickeln. Drei Mahlzeiten pro Tag, von meinem Kerkermeister auf dem verhassten Porzellanteller serviert, dazu Milch in einem weißen Becher und eine kleine Tasse Wasser, die er anschließend noch einmal auffüllte. Nach jeder Mahlzeit holte er das Tablett mit dem leeren Teller, dem Becher und der Tasse wieder ab und ermahnte mich, nur zu klopfen, wenn ich auf die Toilette müsse. Wenn er nicht rechtzeitig darauf reagiere, solle ich »den Eimer benutzen«. Ich habe den Eimer während meiner ganzen Gefangenschaft nicht benutzt. Jedenfalls nicht, um mich darin zu erleichtern.

Hin und wieder wurde unser täglicher Ablauf von Besuchern unterbrochen, für die mir mein Geiselnehmer tatsächlich ordentlich die Augen verband. Daher konnte ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ihre vollständige Identität ermitteln, doch nach dem, was an Tag 17 vorfiel, machte ich mich daran, sämtliche Einzelheiten zu ihren Personen zu katalogisieren, um mich später nicht nur an meinem Kidnapper, sondern auch an den Besuchern meiner Gefängniszelle rächen zu können. Was ich mit den Frauen aus der Küche machen sollte, wusste ich nicht. Aber ich will nicht vorgreifen.

Mein erster Besucher kam an Tag 3. Mit Sicherheit ein Mediziner, er hatte kalte Finger. Ich verpasste ihm den Namen »Der Arzt«. Mein zweiter Besucher kam an Tag 4, in Begleitung von dem Arzt, der erklärte: »Ihr Zustand ist gut, in Anbetracht der Umstände.« Mit gedämpfter Stimme fragte der zweite Besucher: »Das ist sie also?« Ich nannte ihn »Mr Offensichtlich«.

Bevor die beiden an Tag 4 wieder gingen, riet Der Arzt meinem Kerkermeister, dafür zu sorgen, dass ich mich nicht aufregte, und mir möglichst viel Ruhe zu gönnen. Doch nichts geschah, was mir hätte Ruhe und Frieden verschaffen können, bis ich am Abend von Tag 4 um Pluspunkte #14, #15 und #16 bat.

Als das Tageslicht schwächer zu werden begann, knarrten die Dielen. Durch Pluspunkt #8, das Schlüsselloch, stellte ich fest: Es gab Abendessen. Mein Geiselnehmer öffnete die Tür und reichte mir das Tablett mit dem gemusterten Teller, dem Milchbecher und der Wassertasse. Schon wieder Quiche und Brot.

»Hier.«

»Danke.«

»Mehr Wasser?«

»Ja, bitte.«

Die Tür wurde abgeschlossen, die Rohre knackten, das Wasser lief, er kehrte zurück: mehr Wasser. Warum, warum, warum tut er das?

Er wandte sich zum Gehen.

Den Kopf auf die Brust gelegt und mit so viel Unterwürfigkeit in der Stimme, wie ich es gerade noch ertrug, sagte ich: »Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht richtig schlafen, und vielleicht ist das ja nicht gut für das … Na ja, jedenfalls würde es bestimmt helfen, wenn ich fernsehen oder Radio hören dürfte, oder lesen oder sogar zeichnen … wenn ich einen Bleistift und ein bisschen Papier bekommen könnte?«

Ich machte mich darauf gefasst, dass er mit einer unwirschen Schimpftirade auf so viel Anmaßung reagierte, womöglich sogar mit körperlicher Gewalt.

Er starrte mich so lange an, bis ich wegsah, knurrte und ging dann, ohne meine Bitte zu kommentieren.

Ungefähr eine Dreiviertelstunde später hörte ich das mittlerweile vertraute Knarren der Dielen. Vermutlich war er zurückgekommen, um meinen Teller, meinen Becher und die Tasse einzusammeln, wie er es jeden Abend tat. Doch als er die Tür öffnete, sah ich, dass er vor seiner breiten Brust einen kleinen alten Fernseher und ein etwa dreißig Zentimeter langes Flohmarktradio trug und sich einen Schreibblock und ein Plastikmäppchen unter den linken Arm geklemmt hatte. Das Mäppchen war rosa und mit zwei Pferden bedruckt, ein Gegenstand, wie ihn eigentlich nur Schulkinder verwendeten. Ich fragte mich, ob ich mich in einem Schulgebäude befand. Falls ja, wird es wohl inzwischen nicht mehr als Schule genutzt.

»Verlang ja nicht noch mehr Zeug«, knurrte er, riss schwungvoll mein Tablett vom Bett und brachte dadurch den leeren Teller und die Tassen zum Klirren. Beim Hinausgehen knallte er die Tür zu. Lärm. Unangenehmer Lärm.

Ich zügelte meine Erwartungen und machte den Reißverschluss des rosa Mäppchens auf, in der Annahme, einen einsamen Bleistiftstumpf darin vorzufinden.

Unglaublich: nicht nur zwei nagelneue Bleistifte, sondern auch ein Lineal und ein Spitzer. Auf dem schwarzen Spitzer stand die Zahl 15. Ich nahm den wertvollen Gegenstand sofort in meine Bilanz auf und verpasste ihm die Bezeichnung »Pluspunkt #15«, vor allem der darin enthaltenen Klinge. Pluspunkt #15 bringt bereits sein eigenes Etikett mit. Ich musste lächeln bei dem skurrilen Gedanken, der Spitzer habe sich eigenmächtig meiner Armee angeschlossen, ein treuer Soldat, der sich zum Dienst meldete. Die Zahl 15, beschloss ich, sollte zumindest einen Teil des Namens für meinen Fluchtplan bilden.

Um meinem Kidnapper das Gefühl zu geben, ich wüsste seine Mühe zu schätzen, steckte ich Pluspunkt #14, das Fernsehgerät, in die Steckdose und tat so, als würde ich fernsehen. Natürlich war mir das Ego dieses Bastards vollkommen egal, doch mit solchen Tricks ließ sich der Feind mit all seinen Schwächen und Unsicherheiten einlullen und in Sicherheit wiegen, bis es an der Zeit war, die Falle zuschnappen zu lassen und mit flinker, tödlicher Hand zuzuschlagen. Na ja, vielleicht nicht ganz so flink, sondern lieber genüsslich hinauszögernd. Er soll leiden, zumindest ein klein wenig. Ich löste den Henkel vom Eimer und benutzte seine spitzen Enden als Schraubenzieher.

Nicht ein Geschöpf im Haus oder auf den umliegenden Wiesen war in jener Nacht wacher als ich. Selbst der Mond schrumpfte zu einem dämmrigen Splitter zusammen, während ich die ganze Nacht 4 durcharbeitete.

Mein Kerkermeister bemerkte die subtile Veränderung meiner Gefängniszelle nicht, als er an Tag 5 mein Frühstück brachte, erneut auf dem abstoßenden Porzellanteller. Beim Mittagessen verkniff ich mir ein Kichern, als er fragte, ob ich mehr Wasser haben wollte.

»Ja, bitte.«

Er hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand oder wie weit ich zu gehen bereit war, um ihm meine Vorstellung von Gerechtigkeit einzubrennen.

Es ist mir egal, was damals in den Nachrichten behauptet wurde. Ich bin nicht von zu Hause abgehauen. Natürlich nicht. Warum hätte ich abhauen sollen? Es stimmt schon, dass meine Eltern sauer auf mich waren. Sie waren sogar stinksauer, aber sie hätten mich unterstützt. Schließlich bin ich ihr einziges Kind.

»Du bist so eine gute Schülerin. Was soll denn jetzt aus deinem Abschluss werden?«, hatte mein Vater gefragt.

Als die beiden beim Arzt erfuhren, dass ich meinen Zustand sieben Monate lang vor ihnen verheimlicht hatte, fielen sie aus allen Wolken.

»Wie kann sie im siebten Monat schwanger sein?«, wollte Mutter von dem Gynäkologen wissen. Der Ungläubigkeit in ihrer Stimme nach zu urteilen, hätte man meinen können, mir wäre mein Zustand nicht anzusehen gewesen.

Dabei hatte ich nicht einfach nur »ein wenig zugenommen«, sondern unterhalb meiner anschwellenden Brüste einen kugelrunden Babybauch bekommen. Beschämt über ihren Selbstbetrug ließ Mutter den Kopf hängen und fing an zu schluchzen. Mein Vater legte ihr hilflos eine Hand auf den Rücken, unsicher, wie er sie, die sonst kaum je eine Träne vergoss, trösten sollte. Der Arzt betrachtete mich stirnrunzelnd, doch sein Blick war nicht unfreundlich. Er wechselte das Thema und kam auf die unmittelbare Zukunft zu sprechen. »Sie muss nächste Woche noch einmal für die entsprechenden Untersuchungen wiederkommen. Bitte lassen Sie sich am Empfang einen Termin geben.«

Wenn ich damals doch nur gewusst hätte, was ich heute weiß, dann wäre ich aufmerksamer gewesen und hätte die warnenden Hinweise beizeiten durchschaut. Stattdessen war ich zu sehr mit der Enttäuschung meiner Eltern beschäftigt, um die Verschlagenheit hinter dem stechenden Blick der Empfangsdame zu bemerken. Heute hingegen erinnere ich mich daran, weil ich diese und andere Informationen damals unbewusst abgespeichert habe. Als wir uns der weißhaarigen Dame mit dem straffen Knoten, den grünen Augen und den rosa gepuderten Wangen näherten, richtete sie das Wort an meine Mutter.

»Was hat der Arzt gesagt, wann sie wiederkommen soll?«, fragte sie.

»Nächste Woche«, antwortete meine Mutter.

Mein Vater ragte hinter ihr auf, schob seinen Kopf über ihre Schulter und umschloss ihre Beine mit seinen. Die beiden sahen aus wie ein zweiköpfiger Drache.

Mutter fummelte mit der einen Hand an ihrer Handtasche herum und öffnete und schloss ihre andere Hand um einen nicht existenten Anti-Stress-Ball auf Höhe ihres Oberschenkels.

Die Empfangsdame warf einen prüfenden Blick in den Terminkalender der Praxis. »Wie wäre es nächsten Dienstag um zwei? Ach, warten Sie, da ist sie noch in der Schule, oder? Prospect High?«

Mutter hasst unnötige Dialoge. Normalerweise hätte sie die irrelevante Frage nach meiner Highschool ignoriert oder sogar mit einem abfälligen Lächeln quittiert. Vielleicht hätte sie mit einer beißenden Gegenfrage gekontert: »Ist das wirklich wichtig, auf welche Schule sie geht?« Sie ist ein ungeduldiger Mensch und bringt keinerlei Verständnis für Dummheit oder Personen auf, die ihre Zeit vergeuden. Übellaunig, hocheffizient, eigen, methodisch und herablassend – diese Eigenschaften sind ihr Handwerkszeug, denn sie ist Prozessanwältin. Doch an jenem Tag war sie nur eine verzweifelte Mutter und beantwortete hastig die Frage, während sie ebenfalls durch ihren Terminkalender blätterte.

»Ja, genau, Prospect High. Wie wäre es um halb vier?«

»Gut, dann trage ich sie für halb vier ein, nächste Woche Dienstag.«

»Vielen Dank.« Mutter hörte längst nur noch mit halbem Ohr zu und schob mich und meinen Vater eilig aus der Praxis.

Die Empfangsdame beäugte unseren Abgang, und ich beäugte sie und dachte, dass sie uns vermutlich deshalb so anstarrte, weil sie Details über die »beklagenswerte« Teenagerschwangerschaft in dieser »stadtbekannten Familie« sammelte, um hinterher im Ort darüber tratschen zu können.

Sie kannte unsere Adresse natürlich aus den Praxisunterlagen und hatte außerdem gerade erfahren, dass ich nicht auf eine der örtlichen Privatschulen ging, sondern auf die staatliche Highschool, die nur einen Häuserblock von uns entfernt lag. Daraus schloss sie wiederum korrekterweise, dass ich zu Fuß zur Schule ging, entlang einer dicht bewaldeten Landstraße. Ich war das perfekte Ziel für diese Kundschafterin, ein eingepacktes Geschenk mit Schleife. Sobald wir aus der Praxis waren, muss sie die weiteren Ereignisse in Gang gesetzt haben. Vielleicht trügt mich meine Erinnerung, aber ich bilde mir ein, ich hätte sie mit ihren halb zusammengekniffenen, kühl kalkulierenden Augen und ihrer gerümpften Hakennase nach dem Telefon greifen und die Hand vor die rosa geschminkten Lippen legen sehen, während sie alles in die Wege leitete.

Mutter hätte meine fortgeschrittene Schwangerschaft mit Sicherheit deutlich früher bemerkt, wenn sie in den vorangegangenen drei Monaten nicht für einen Prozess im Süden New Yorks gewesen wäre. Als sie in dieser Zeit einmal ein Wochenende nach Hause kam, sorgte ich dafür, dass ich »mit einer Freundin zum Skifahren in Vermont« weilte. An einem anderen Wochenende besuchte mein Vater sie mit dem Zug, während ich unbeaufsichtigt, aber vermeintlich zuverlässig zu Hause blieb, um meine Hausaufgaben zu machen und in meinem Kellerlabor Experimente durchzuführen.

BH

Jedenfalls hängte ich mir meinen schweren Rucksack über die Schulter und ging gekrümmt zur Haustür hinaus, wo ich noch einmal stehen blieb. Mist, ich habe die Reißnägel und das Haarfärbemittel für den Kunstunterricht vergessen. Und meinen Proviant für die Mittagspause. Am besten nehme ich gleich die doppelte Portion mit, damit ich beim Yoga nicht umkippe. Ohne die Tür hinter mir zu schließen, ging ich noch einmal in die Küche zurück, schnappte mir die Reißnägel – eine Großpackung aus den Beständen der Kanzlei meiner Mutter – und das Haarfärbemittel und verstaute beides in meinem Rucksack, den ich auf dem Hackblock unserer Kücheninsel abgestellt hatte. Dann schmierte ich mir vier Brote mit Erdnussbutter und Marmelade, packte sie ebenfalls in den Rucksack und stopfte dann, weil ich keine Zeit zum Abfüllen hatte, eine ganze Dose Erdnüsse, ein Bündel Bananen und eine Zweiliterflasche Wasser dazu. Wer sich darüber wundert, soll selbst mal mit sechzehn schwanger sein, dann weiß er, was Heißhunger ist.

Mit dem zum Bersten gefüllten Rucksack auf dem Rücken und meiner vorstehenden Körpermitte sah ich aus wie ein schlecht gemaltes Strichmännchen mit Kugelbauch. Durch das Gewicht aus dem Gleichgewicht gebracht, machte ich mich schlingernd auf den Weg und ging unsere Kieseinfahrt entlang zur Straße. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund blieb ich am Briefkasten noch einmal stehen und blickte auf unser Haus zurück, ein braunes, von einem Kiefernwäldchen eingerahmtes Gebäude mit Mansarddach. Rote Haustür. Ich glaube, ich wollte nachsehen, ob die Autos meiner Eltern beide weg waren, und mich so vergewissern, dass sie an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt waren. Vielleicht tröstete mich der Gedanke, dass sie trotz des ganzen Aufruhrs ihren gewöhnlichen Alltag wieder aufgenommen hatten.

Am Ende der Einfahrt stand ich vor der Wahl, ob ich links oder rechts abbiegen wollte: Links ging es zum Hintereingang der Schule, rechts zum Vordereingang, beide lagen etwa gleich weit entfernt. Ich hatte einmal die Zeit gestoppt. Bog ich links ab, brauchte ich drei Minuten und dreißig Sekunden von Tür zu Tür, nahm ich den rechten Weg, waren es drei Minuten und achtundvierzig Sekunden. Die Entscheidung hing von meiner jeweiligen Tageslaune ab. An diesem Montag traf meine Laune die falsche Entscheidung.

Ich bog rechts ab und marschierte unter meinem schwarzen Regenschirm in Fahrtrichtung die Straße entlang. Dicke Regentropfen prasselten auf den Schirm und den Boden um meine Füße, als hätte gerade ein Luftangriff eingesetzt oder als sei der Amokschütze zurückgekehrt. Jedes Mal, wenn ich ein trommelndes Geräusch wie dieses höre, fühle ich mich in die erste Klasse zurückversetzt, deshalb dachte ich natürlich auch jetzt an Alarmglocken und Polizisten, die sich im Kollektiv auf einen Amokschützen warfen. Ich war also abgelenkt und in grausige Erinnerungen versunken, weshalb mir nicht auffiel, dass der nasse, harte, grau-getönte Morgen ein Vorspiel war, ein unheilvoller Vorbote.

Wäre ich links abgebogen, hätte er mit dem Transporter nicht direkt neben mir halten und mich überrumpeln können. Er hätte zu viel Aufsehen erregt, zumal ich mich nur etwa fünf Sekunden lang auf einem nicht einsehbaren Straßenabschnitt befunden hätte. Aber sie hatten wohl damit gerechnet, dass ich den rechten Weg nahm. Es war alles genau geplant, sogar trainiert, glaube ich. Damals dachten sie wohl noch, ich wäre den Aufwand wert. Eine gesunde, blonde junge Frau mit einem gesunden Jungen im Bauch. Ein typisches amerikanisches Mädchen, hochbegabt, aus einer wohlhabenden Familie, mit der Aussicht auf eine aufsehenerregende wissenschaftliche Karriere. Ich hatte bereits Preise gewonnen für meine zukunftsweisenden Experimente, Beweise, Modellversuche und Protokolle. Seit ich sechs Jahre alt war, nahm ich jeden Sommer an Jungforscher-Camps und ganzjährig an Wettbewerben teil. Mithilfe meiner Eltern hatte ich mir im Keller ein Labor mit hochmoderner Ausstattung eingerichtet. Ein handelsübliches Mikroskop wäre mir niemals ins Haus gekommen. Mein Equipment stammte aus Katalogen, über die auch die großen Universitäten und internationalen Pharmakonzerne ihre Bestellungen tätigten. Ich analysierte, vermaß, zählte, kalkulierte auf allen Feldern. Ob es nun Physik, Chemie, Medizin oder Mikrobiologie war, ich liebte jede Beschäftigung, die Einordnung und Vergleiche erforderlich machte, Berechnungen und beweisbare Theorien. Ich war eingebettet in dieses Hobby, verwöhnt von beschäftigten Eltern mit zu viel Geld. Dass ich das Elite-College Massachusetts Institute of Technology besuchen würde, war eine ausgemachte Sache. Mein Baby und ich sind anscheinend sehr wertvoll, dachte ich nach der Entführung. Zu meiner großen Bestürzung erfuhr ich jedoch bald die nackte Wahrheit: Es ging weder um Intelligenz noch um Lösegeld.

Ich war auf meinem morgendlichen Schulweg etwa zwanzig Schritte weit gekommen, als neben mir ein weinroter Transporter auftauchte, genau in dem Moment, als es donnerte. Die Schiebetür glitt auf, und ein dickbäuchiger Mann zog mich von links ins Innere des Wagens. So einfach, so schnell. Er warf mich auf einen Sessel, der am geriffelten Metallboden des Transporters verschraubt war, und hielt mir seine Waffe so dicht vors Gesicht, dass der Stahl meine Zähne berührte. Es schmeckte, wie wenn man versehentlich beim Essen auf die Gabel beißt, ein penetranter, metallischer Geschmack. Ein Auto rauschte vorbei und spritzte Wasser auf den Gehweg, nichts ahnend von meiner Notlage. Instinktiv verschränkte ich die Arme vor meinem Bauch. Sein Blick folgte meiner Bewegung, und er richtete den Lauf seiner Waffe auf meinen Bauchnabel.

»Wenn du dich bewegst, jage ich eine verdammte Kugel in dein Baby.«

Zu völliger Reglosigkeit erstarrt, keuchte ich und bekam keine Luft mehr. Mir blieb sogar kurzzeitig das wild klopfende Herz stehen. Ich bin sonst nicht leicht zu erschüttern, und nur ein ernsthafter Schock kann mich aufrütteln und in Panik versetzen. Während meiner Gefangenschaft gelang es mir meist, diese Schwäche zu unterdrücken, doch im Transporter schwächten mich die Gefühle, die in mir aufwallten, und ich saß wie gelähmt da, als er meinen Oberkörper nach vorn stieß, mir den Rucksack von den Schultern riss und ihn auf den Boden neben meinen offenen Regenschirm warf. Er legte die Waffe auf einem olivgrünen Ofen ab, der an der gegenüberliegenden Wand des Transporters mit Spanngurten befestigt war, bevor er mir die Arme vom Bauch zerrte und meine Handgelenke mit Klebeband am Sessel befestigte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund, hinter den ich noch nicht gekommen bin, verband er mir mit einem schmuddeligen Lappen die Augen. Aber ich habe dein Gesicht doch schon gesehen. Deine schwarzen Glotzaugen, dein verquollenes Gesicht mit den ungepflegten Bartstoppeln und der schlechten Haut.

Es ging alles so schnell. Ich wurde entführt, weil ich den Fehler machte, rechts abzubiegen. Der Angriff erfolgte von links.

Er klappte den Schirm zu, warf ihn in den hinteren Teil des Transporters, nahm seine Waffe und ging gekrümmt nach vorn zum Fahrersitz. Das alles sah ich zwar nicht, spürte oder hörte es jedoch, durch kleinste Luftbewegungen an meiner Haut, durch Mikro-Dezibel, die an meine Ohren drangen. Es sind diese subatomaren Teilchen, die heute meine Erinnerung bevölkern und dort ihre Kreise ziehen.

»Wohin bringen Sie mich?«, rief ich nach vorne.

Er antwortete nicht.

»Wie viel Geld wollen Sie? Meine Eltern zahlen auf jeden Fall. Bitte lassen Sie mich gehen.«

»Wir wollen dein Geld nicht, du Schlampe. Du wirst für uns dein Baby zur Welt bringen, und danach werfe ich dich zum Rest von euch nutzlosen Mädchen in den Steinbruch. Und jetzt halt deine verdammte Klappe, sonst lege ich dich auf der Stelle um, das schwöre ich. Ich kann keine Scherereien gebrauchen, verstanden?«

Ich schwieg.

»Hast du mich verdammt noch mal verstanden?!«

»Ja.«

Das waren die Fakten. Ich stellte meinen Fuß auf den Rucksack, damit er nicht davonrutschte.