Cover

Das Buch

Eins nach Mitternacht: In Langoliers begeben wir uns auf einem Nachtflug von L. A. nach Boston in einen höchst aufgewühlten Himmel. Elf Passagiere überleben die Turbulenzen, finden sich bei der Landung aber in einer unheimlichen, leeren Welt wieder. Leer?

Zwei nach Mitternacht: In Das heimliche Fenster, der heimliche Garten wird der Autor Mort Rainey von einem Fremden besucht, der dem Schriftsteller böse Plagiatsvorwürfe macht. Mort will seine Unschuld beweisen, aber auf einmal geschehen seltsame Dinge, die das verhindern.

Drei nach Mitternacht: Der Bibliothekspolizist handelt vom Geschäftsmann Sam Peebles, der sich eigentlich nur ein Buch aus der Bücherei geliehen hat. Der Umstand, dass er es jetzt partout nicht mehr findet, löst Ereignisse aus, die nicht von dieser Welt sind.

Vier nach Mitternacht: In Zeitraffer wird eine Polaroidkamera zu einem ungeahnten Abenteuer: Die Bilder scheinen einer anderen Realität zu entstammen. Der durchtriebene Pop Merrill aus Castle Rock wittert das große Geschäft mit der Kamera, unterschätzt die gefährliche Investition aber.

Mit Vorbemerkungen von Stephen King zu den Geschichten.

Der Autor

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen. Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

Ein vollständiges Werkverzeichnis der lieferbaren Titel findet sich auf www.heyne.de.

VIER NACH
MITTERNACHT

Vier Kurzromane

Aus dem Amerikanischen
von Joachim Körber

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Die Originalausgabe

FOUR PAST MIDNIGHT

erschien bei Viking, New York

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Text wurde für diese Ausgabe anhand der
Originalausgabe letzter Hand neu durchgesehen.
Die Geschichten lagen bislang in den
Einzelbänden
Langoliers und Nachts vor.

Copyright © 1990 by Stephen King

Copyright © 1990 der deutschen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © dieser Ausgabe 2016 by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-19089-7
V002

www.heyne.de

In der Wüste

Sah ich ein Geschöpf, nackt, bestialisch,

Welches, am Boden kauernd,

Sein Herz in Händen hielt

Und davon aß.

Ich sagte: »Ist es gut, Freund?«

»Es ist bitter-bitter«, antwortete er;

»Aber ich mag es

Weil es bitter ist,

Und weil es mein Herz ist.«

STEPHEN CRANE

I’m gonna kiss you, girl, and hold ya,

I’m gonna do all the things I told ya

In the midnight hour.

WILSON PICKETT

INHALT

Kurz vor Mitternacht

Eine Vorbemerkung

Langoliers

Das heimliche Fenster, der heimliche Garten

Der Bibliothekspolizist

Zeitraffer

KURZ VOR MITTERNACHT

Eine Vorbemerkung

Nun, sieh einer an – wir sind alle da. Wir haben es wieder einmal geschafft. Ich hoffe, Sie freuen sich nur halb so sehr darüber, wieder hier zu sein, wie ich. Allein das zu sagen erinnert mich an eine Geschichte, und da ich Geschichten erzähle, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen (und nicht den Verstand zu verlieren), möchte ich sie weitergeben.

Anfang dieses Jahres – ich schreibe dies Ende Juli 1989 – saß ich vor der Glotze und sah das Spiel der Boston Red Sox gegen die Milwaukee Brewers. Robin Yount von den Brewers trat aufs Schlagmal, und die Berichterstatter aus Boston fingen an, über die Tatsache zu staunen, dass Yount erst Anfang dreißig war. »Manchmal scheint es, als hätte Yount schon Abner Doubleday geholfen, die allerersten Foul-Linien zu ziehen«, sagte Ned Martin, während Yount in die Box trat und sich Roger Clemens stellte.

»Jawoll«, stimmte Joe Castiglione zu. »Ich glaube, er kam gleich nach der Schule zu den Brewers – er spielt seit 1974 für sie.«

Ich richtete mich so schnell auf, dass ich fast eine Dose Pepsi-Cola verschüttete. Moment mal, dachte ich. Einen verdammten Moment mal! 1974 habe ich mein erstes Buch veröffentlicht! So lange ist das noch nicht her! Was soll der Mist von wegen Abner Doubleday helfen, die ersten Foul-Linien zu ziehen?

Dann fiel mir auf, dass die Wahrnehmung, wie die Zeit verrinnt – ein Thema, das in den nachfolgenden Geschichten immer wieder auftaucht –, eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Es stimmt, die Veröffentlichung von Carrie im Frühjahr 1974 (das Buch wurde tatsächlich zwei Tage vor Beginn der Baseball-Spielzeit veröffentlicht, als ein Teenager namens Robin Yount sein erstes Spiel für die Milwaukee Brewers ausfocht) scheint mir selbst noch nicht lange her zu sein – kaum mehr als ein rascher Blick zurück über die Schulter –, aber es gibt andere Möglichkeiten, die Jahre zu zählen, und manche sprechen dafür, dass fünfzehn Jahre wahrhaftig eine lange Zeit sein können.

1974 war Gerald Ford Präsident, und der Schah hatte im Iran noch das Sagen. John Lennon lebte noch, ebenso Elvis Presley. Donny Osmond sang mit hoher Säuselstimme mit seinen Brüdern und Schwestern. Videorekorder waren bereits erfunden, aber nur in einigen wenigen Geschäften erhältlich. Fachleute sagten voraus, dass Sonys Beta-Maschinen binnen kürzester Zeit das als VHS bekannte Konkurrenzsystem in Grund und Boden stampfen würden. Es war noch unvorstellbar, dass die Leute einmal populäre Filme ausleihen könnten, wie sie früher populäre Romane in öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen hatten. Die Benzinpreise waren in unvorstellbare Höhen geklettert: elf Cent pro Liter Normalbenzin, dreizehn für bleifreien Sprit.

Die ersten weißen Haare auf meinem Kopf und in meinem Bart waren noch nicht da. Meine Tochter, die mittlerweile das College besucht, war vier. Mein ältester Sohn, der inzwischen größer ist als ich, Blues-Harp spielt und wallende, schulterlange Sammy-Hagar-Locken trägt, war gerade von Windeln zu normalen Höschen übergewechselt. Und mein jüngster Sohn, der heute als Werfer und erster Schläger für eine Jugendliga-Mannschaft spielt, sollte erst drei Jahre später geboren werden. Die Zeit hat so eine seltsame Plastikeigenschaft, und alles, was geht, kommt wieder. Wenn man in den Bus steigt, denkt man, dass er einen nicht weit bringt – vielleicht quer durch die Stadt, nicht weiter –, und auf einmal ist man schon auf dem nächsten Kontinent. Finden Sie diesen Vergleich ein wenig naiv? Ich auch, aber der Knaller ist: Das spielt gar keine Rolle. Das grundlegende Rätsel der Zeit ist so perfekt, dass selbst triviale Beobachtungen wie die, die ich gerade angestellt habe, eine seltsam schallende Resonanz bekommen.

Eines hat sich im Lauf dieser Jahre nicht geändert – was meines Erachtens der Hauptgrund dafür ist, dass es mir (und Robin Yount wahrscheinlich auch) manchmal so vorkommt, als wäre überhaupt keine Zeit verstrichen. Ich mache immer noch dasselbe: Geschichten schreiben. Und das ist für mich immer noch mehr als nur das, was ich kann; es ist das, was ich liebe. Oh, verstehen Sie mich nicht falsch – ich liebe meine Frau, und ich liebe meine Kinder, aber es ist immer noch ein Vergnügen, diese speziellen Nebenstraßen zu suchen, sie zu befahren und festzustellen, wer dort lebt, was sie machen, mit wem sie es machen und vielleicht sogar, warum sie es machen. Ich finde immer noch Gefallen daran, wie seltsam das alles ist – und an den überwältigenden Augenblicken, wenn das Bild klar wird und Ereignisse sich zu einem Muster zusammenfügen. Und Geschichten haben immer einen langen Schwanz. Das Tier ist schnell, und manchmal bekomme ich es nicht zu fassen, aber wenn ich es zu fassen bekomme, klammere ich mich daran fest … und das Gefühl ist großartig.

Wenn dieses Buch 1990 veröffentlicht wird, bin ich sechzehn Jahre im Geschäft des schönen Scheins. Auf halbem Weg durch diese Jahre, als ich durch einen Prozess, den ich immer noch nicht völlig verstehe, zum literarischen Schreckgespenst Amerikas geworden war, veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel Frühling, Sommer, Herbst und Tod. Es handelte sich um eine Sammlung von vier bis dahin unveröffentlichten Kurzromanen, von denen drei keine Horrorstorys waren. Der Verleger hat das Buch frohen Herzens akzeptiert, aber ich glaube, auch mit einigen geistigen Vorbehalten. Ich hatte auf jeden Fall welche. Wie sich herausstellte, hatten wir beide keinen Grund zur Sorge. Manchmal veröffentlicht ein Schriftsteller ein Buch, das einfach von Natur aus Glück hat, und ich glaube, mit Frühling, Sommer, Herbst und Tod war es bei mir so.

Eine Geschichte (»Die Leiche«) wurde verfilmt (Stand By Me), und zwar recht erfolgreich … die erste wirklich erfolgreiche Verfilmung eines meiner Werke seit Carrie (ein Film, der in die Kinos kam, als Abner Doubleday und Sie-wissen-schon-wer die ersten Foul-Linien gezogen haben). Rob Reiner, der bei Stand By Me Regie geführt hat, ist einer der mutigsten, klügsten Filmemacher, die ich je kennengelernt habe, und ich bin stolz auf meine Zusammenarbeit mit ihm. Er hat vor, Sie (Misery) zu verfilmen, nach einem wirklich ausgezeichneten Drehbuch von William Goldman; ich bin schon sehr gespannt auf das Ergebnis. Und ich durfte amüsiert feststellen, dass die Firma, die Mr. Reiner nach dem Erfolg von Stand By Me gegründet hat, Castle Rock Productions heißt, ein Name, der meinen treuen Lesern nicht unbekannt sein dürfte.

Die Kritiker mochten Frühling, Sommer, Herbst und Tod im Großen und Ganzen auch. Fast jeder hat eine Novelle in Grund und Boden gedonnert, aber da sich jeder eine andere Geschichte zum Bombardieren ausgesucht hat, dachte ich mir, dass ich mich dreist über alle hinwegsetzen könnte, und das habe ich auch getan. Aber ein solches Verhalten ist nicht immer möglich. Als sämtliche Besprechungen von Christine einhellig zum Ergebnis kamen, dass es wirklich ein grässlicher Roman sei, habe ich mir widerwillig überlegt, dass er vielleicht wirklich nicht so gut geworden ist, wie ich gedacht hatte (was mich freilich nicht daran gehindert hat, die Tantiemenschecks einzulösen). Ich kenne Schriftsteller, die behaupten, dass sie ihre Rezensionen nicht lesen, oder falls doch, dass die Verrisse sie nicht verletzen, und von allen glaube ich zweien das sogar. Ich gehöre zur anderen Kategorie – ich denke besessen über die Möglichkeit schlechter Besprechungen nach und brüte darüber, wenn ich sie lese. Aber sie machen mich nicht lange fertig, ich bringe einfach ein paar Kinder und alte Omas um, und dann stehe ich wieder da wie eine Eins.

Am wichtigsten aber ist, den Lesern hat Frühling, Sommer, Herbst und Tod gefallen. Ich kann mich an keinen einzigen Brief aus der Zeit erinnern, in dem ich gescholten worden wäre, weil ich etwas anderes als Horror geschrieben habe. Die meisten Leser wollten mir sogar sagen, dass eine der Geschichten in irgendeiner Weise ihre Gefühle angesprochen, sie zum Nachdenken gebracht oder Empfindungen in ihnen ausgelöst hat, und solche Briefe sind der wahre Lohn an den Tagen (und das sind eine ganze Menge), wenn das Schreiben schwerfällt und die Inspiration dünn bis nicht vorhanden ist. Gott segne und erhalte mir meine Stammleser; der Mund kann sprechen, aber es gibt keine Geschichte, wenn nicht auch ein interessiertes Ohr zum Zuhören vorhanden ist.

Das war 1982. Das Jahr, in dem die Milwaukee Brewers ihren einzigen Siegerwimpel der American League gewannen – angeführt von (ja, Sie haben es erraten) Robin Yount. Yount schaffte neunundzwanzig Homeruns und wurde zum besten Spieler der American League gewählt.

Es war ein gutes Jahr für uns zwei alte Halunken.

Frühling, Sommer, Herbst und Tod war kein geplantes Buch; es kam einfach zustande. Die vier darin enthaltenen Geschichten entstanden in unregelmäßigen Abständen über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg; es waren Geschichten, die zu lang waren, sie als Kurzgeschichten zu veröffentlichen, aber ein klein wenig zu kurz für eigene Bücher. Wie bei einem Fehlschlag oder einem Kampf um den Zyklus (einen Einer, Zweier, Dreier und Homerun in einem einzigen Spiel) war es kein geplanter Spielzug, sondern mehr eine statistische Absonderlichkeit. Der Erfolg und die Aufnahme des Buches haben mir viel Spaß gemacht, aber ich empfand eine gewisse Traurigkeit, als das Buch schließlich bei Viking Press eingereicht wurde. Ich wusste, es war gut; ich wusste auch, dass ich so ein Buch wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben machen würde.

Wenn Sie erwarten, dass ich jetzt sage: nun, ich habe mich geirrt, dann muss ich Sie enttäuschen. Das Buch, das Sie jetzt in Händen halten, unterscheidet sich grundlegend von dem früheren Buch. Frühling, Sommer, Herbst und Tod bestand aus drei »Mainstream«-Novellen und einer Geschichte des Übernatürlichen; die beiden Geschichten in diesem Buch sind Horrorgeschichten. Sie sind etwas länger als die Geschichten in Frühling, Sommer, Herbst und Tod, und sie wurden in den zwei Jahren geschrieben, als ich eigentlich eine Schreibpause machen wollte. Vielleicht sind sie deshalb anders, weil sie von einem Verstand ersonnen wurden, der sich zumindest vorübergehend dunkleren Themen zuwandte.

Zum Beispiel der Zeit und dem verderblichen Effekt, den sie auf das menschliche Herz haben kann. Und der Vergangenheit und den Schatten, die sie auf die Gegenwart wirft – Schatten, in denen manchmal unangenehme Dinge wachsen und sich noch unangenehmere Dinge verstecken … und dick und fett werden.

Aber nicht alle meine Sorgen haben sich verändert, und die meisten meiner Überzeugungen sind nur fester geworden. Ich glaube immer noch an die Unverwüstlichkeit des menschlichen Herzens und den essenziellen Wert der Liebe; ich glaube immer noch, dass Beziehungen zwischen Menschen geknüpft werden können und die Seelen, die in uns wohnen, einander manchmal berühren. Ich glaube immer noch, dass die Kosten dieser Beziehungen schrecklich, unvorstellbar groß sind … und ich glaube auch noch, dass die Belohnung, die wir dafür bekommen, diesen Preis bei Weitem übersteigt. Ich glaube, denke ich, immer noch daran, dass das Gute siegt und man einen Platz finden muss, um sein letztes Gefecht zu führen … und dass man diesen Platz mit seinem Leben verteidigen muss. Das sind altmodische Sorgen und Überzeugungen, aber ich wäre ein Lügner, wenn ich nicht zugeben würde, dass sie mich immer noch beschäftigen. Und ich sie.

Ich schätze auch immer noch eine gute Geschichte. Ich höre gern eine, und ich erzähle gern eine. Sie wissen vielleicht, oder auch nicht (und vielleicht ist es Ihnen auch egal), dass ich eine Riesenmenge Geld bekommen habe, damit ich dieses Buch (und die beiden nachfolgenden) veröffentliche; aber wenn Sie es wissen und es Sie interessiert, dann sollten Sie auch wissen, dass ich keinen Cent bekommen habe, um die Geschichten in diesem Buch zu schreiben. Wie alles andere, das von allein passiert, steht auch der Vorgang des Schreibens außerhalb jeglicher Währung. Geld ist wirklich toll, wenn man es hat, aber wenn es um etwas Schöpferisches geht, sollte man besser nicht zu sehr daran denken. Es verdirbt den ganzen Prozess.

Auch die Art, wie ich meine Geschichten erzähle, hat sich ein wenig verändert, glaube ich (ich hoffe, ich bin besser geworden, aber das ist selbstverständlich etwas, was jeder Leser für sich selbst entscheiden sollte und wird), doch das war eigentlich zu erwarten. Als die Brewers 1982 den Siegerwimpel gewannen, hat Robin Yount Shortstop gespielt. Jetzt ist er im Mittelfeld. Das bedeutet wohl, er ist ein wenig langsamer geworden … aber er fängt fast immer noch alles, was in seine Richtung geworfen wird.

Das genügt mir. Es genügt mir ganz und gar.

Weil viele Leser neugierig zu sein scheinen, woher die Geschichten kommen, oder sich fragen, ob sie in ein größeres Schema passen, an dem der Schriftsteller arbeiten mag, habe ich jeder eine kurze Anmerkung vorangestellt, wie sie entstanden ist. Diese Anmerkungen amüsieren Sie vielleicht, aber Sie müssen sie nicht lesen, wenn Sie nicht wollen, dies ist, Gott sei Dank, keine Schularbeit, und es werden im Anschluss keine Fragen gestellt.

Abschließend möchte ich sagen, wie schön es ist, wieder hier zu sein, zu leben, sich wohlzufühlen und wieder einmal mit Ihnen zu sprechen … und wie schön es ist, zu wissen, dass Sie immer noch da sind, leben, sich wohlfühlen und darauf warten, an einen anderen Ort gebracht zu werden – möglicherweise einen Ort, wo die Wände Augen und die Bäume Ohren haben und etwas wirklich Unangenehmes versucht, vom Dachboden dorthin herunterzukommen, wo die Menschen sind. Dieses Ding interessiert mich immer noch … aber neuerdings glaube ich, die Menschen, die darauf warten, oder auch nicht, interessieren mich mehr.

Bevor ich gehe, sollte ich Ihnen noch verraten, wie das Baseballspiel ausgegangen ist. Die Brewers haben die Red Sox geschlagen. Clemens hat es Robin Yount am Schläger zunächst einmal gegeben … aber dann hat Yount (der Ned Martin zufolge schon Abner Doubleday geholfen hat, die ersten Foul-Linien zu ziehen) dem Grünen Monster im linken Feld einen Hochwurf abgetrotzt und zwei Homeruns geschafft.

Ich glaube, Robin ist mit dem Spielen noch lange nicht am Ende.

Ich auch nicht.

Bangor, Maine

Juli 1989

LANGOLIERS

Für Joe,
dem beim Fliegen auch immer die Düse geht.

EINS NACH MITTERNACHT

Vorbemerkung zu »Langoliers«

Mir fallen Geschichten an den verschiedensten Orten und Zeiten ein – im Auto, unter der Dusche, beim Spazierengehen, sogar während ich auf Partys herumstehe. Ein paarmal sind mir Geschichten in Träumen eingefallen. Aber ich schreibe selten eine auf, gleich nachdem mir der Einfall gekommen ist, und ich habe kein »Ideen-Notizbuch«. Einfälle nicht aufzuschreiben ist Training für das Erinnerungsvermögen. Ich habe viele Einfälle, aber nur ein kleiner Prozentsatz taugt etwas, daher verwahre ich sie alle in einer Art geistigem Speicher. Dort vernichten sich die schlechten mit der Zeit selbst, wie das Tonband am Anfang jeder Folge von Kobra, übernehmen Sie. Mit den guten ist das nicht so. Jedes Mal wenn ich die Schublade aufziehe und nachsehe, was noch drinnen ist, sieht mich diese kleine Handvoll guter Einfälle an, jeder mit seinem ureigenen strahlenden Kern.

Bei »Langoliers« war dieses zentrale Bild das einer jungen Frau, die eine Hand auf einen Riss in der Hülle eines Linienflugzeugs drückt.

Es nützte nichts, dass ich mir einredete, ich wüsste zu wenig über Linienflugzeuge; genau das habe ich nämlich versucht, aber das Bild war jedes Mal da, wenn ich die Schublade aufmachte, um einen neuen Einfall hineinzuwerfen. Es kam so weit, dass ich sogar das Parfüm dieser Frau riechen konnte (es war L’Envoi), ihre grünen Augen sah und ihren ängstlichen, hastigen Atem hörte.

Eines Nachts, als ich im Bett lag und kurz vor dem Einschlafen war, wurde mir klar, dass diese Frau ein Geist war.

Ich weiß noch, wie ich mich aufgesetzt, die Beine aus dem Bett geschwungen und eine Weile so dagesessen habe, ohne an viel zu denken … jedenfalls nicht an der Oberfläche. Darunter aber war der Bursche, der die Arbeit in Wirklichkeit für mich erledigt, emsig dabei, sich Arbeitsfläche frei zu schaffen und Vorkehrungen zu treffen, die Maschinen wieder in Gang zu setzen. Am nächsten Tag fing ich – oder er – damit an, die Geschichte zu schreiben. Es dauerte etwa einen Monat, und die Arbeit ist mir sehr leichtgefallen, denn die Geschichte entfaltete sich beim Schreiben einfach und natürlich. Manchmal kommen Geschichten und Babys fast ohne Geburtswehen auf die Welt, und bei dieser Geschichte war es so. Weil sie ein ähnlich apokalyptisches Flair besitzt wie einer meiner früheren Kurzromane mit dem Titel »Der Nebel«, habe ich jedes Kapitel auf dieselbe altmodische Rokoko-Weise überschrieben. Am Ende dieser Geschichte hatte ich ein fast ebenso gutes Gefühl wie am Anfang … was selten vorkommt.

Normalerweise recherchiere ich schlampig, aber dieses Mal habe ich mich wirklich bemüht, meine Hausaufgaben zu machen. Drei Piloten – Michael Russo, Frank Soares und Douglas Damon – haben mir geholfen, dass ich die Fakten auf die Reihe bekam. Zudem sollte ich dem Personal von Delta Airlines danken, die mir gestattet haben, in einem echten 767er Düsenflugzeug herumzustöbern. Als ich versprochen hatte, nichts kaputt zu machen, waren sie wirklich gute Sportsfreunde.

Habe ich alles richtig gemacht? Ich bezweifle es. Nicht einmal dem großen Daniel Defoe ist das gelungen; in Robinson Crusoe zieht sich unser Held nackt aus, schwimmt zu dem Schiff, von dem er gerade entkommen ist … und füllt sich die Taschen mit allem, was er zum Überleben auf seiner einsamen Insel braucht. Und dann gibt es da einen Roman (Titel und Autor sollen hier gnädigerweise verschwiegen werden) über das New Yorker U-Bahn-System, in dem der Verfasser offenbar die Kabuffs der Wartungstrupps mit öffentlichen Toiletten verwechselt hat.

Mein Standardvorbehalt lautet folgendermaßen: Für alles, was richtig ist, danken Sie den Herren Russo, Soares und Damon. Geben Sie mir die Schuld an allem, was falsch ist. Das soll auch keine leere Höflichkeitsfloskel sein. Faktische Irrtümer sind normalerweise die Folge davon, dass man nicht die richtigen Fragen gestellt hat. Ich habe mir ein oder zwei Freiheiten mit dem Flugzeug herausgenommen, das Sie gleich betreten werden; diese Freiheiten sind jedoch gering und schienen mir für den Ablauf der Geschichte notwendig zu sein.

Nun, damit will ich mich begnügen, kommen Sie an Bord.

Fliegen wir durch einen unfreundlichen Himmel.

KAPITEL EINS

Schlechte Nachrichten für Kapitän Engle.

Das kleine blinde Mädchen. Das Parfüm der Dame.

Die Dalton-Bande trifft in Tombstone ein.

Das seltsame Schicksal von Flug Nr. 29

1

Brian Engle rollte mit der American Pride L1011 am Flugsteig 22 zum Stillstand und schaltete um genau 22 Uhr 14 das Fasten-seatbelt-Zeichen aus. Er stieß zischend einen langen Seufzer zwischen den Zähnen hervor und machte den Schultergurt auf.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal am Ende eines Fluges so erleichtert – und so müde – gewesen war. Er hatte schlimme, pochende Kopfschmerzen und felsenfeste Pläne für den heutigen Abend. Kein Drink in der Pilotenbar, kein Abendessen, nicht einmal ein Bad, wenn er wieder in Westwood war. Er hatte vor, ins Bett zu fallen und vierzehn Stunden zu schlafen.

Flug Nr. 7 von American Pride – Flagship Service von Tokio nach Los Angeles – war zuerst durch starke Gegenwinde und dann durch die typischen Staus im LAX aufgehalten worden … zweifellos Amerikas schlimmster Flughafen, dachte Engle, wenn man einmal Logan in Boston nicht mitzählte. Als wäre das nicht genug gewesen, war nach drei Flugstunden ein Problem mit dem Kabinendruck aufgetreten. Anfangs unbedeutend, aber es war allmählich schlimmer geworden, bis es zuletzt Furcht einflößend wurde. Es war fast bis zu dem Punkt gediehen, an dem ein Durchbruch und eine explosionsartige Dekompression möglich gewesen wären … aber Gott sei Dank nicht schlimmer. Derartige Probleme stabilisierten sich manchmal plötzlich und auf geheimnisvolle Weise, und das war dieses Mal passiert. Die Passagiere, die gerade jetzt von Bord gingen, hatten keine Ahnung, wie nahe sie auf dem heutigen Flug von Tokio daran gewesen waren abzustürzen, aber Brian wusste es … und das hatte ihm einen Hammer von Kopfschmerzen bereitet.

»Dieses Miststück verschwindet von hier gleich zur Wartung«, sagte er zu seinem Copiloten. »Sie wissen, dass die Maschine kommt und wo das Problem liegt, richtig?«

Der Copilot nickte. »Es gefällt ihnen nicht, aber sie wissen es.«

»Mir scheißegal, was ihnen gefällt und was nicht, Danny. Heute Abend war es verdammt knapp.«

Danny Keene nickte. Das wusste er.

Brian seufzte und massierte mit der Hand seinen Nacken. Sein Kopf schmerzte wie ein schlimmer Zahn. »Vielleicht werde ich zu alt für den Job.«

Genau das sagte selbstverständlich von Zeit zu Zeit jeder einmal über den Job, besonders am Ende einer schlimmen Schicht, und Brian wusste verdammt gut, dass er nicht zu alt für den Job war – mit dreiundvierzig kam er gerade in die besten Jahre für einen Piloten. Trotzdem hätte er es heute Abend fast selbst geglaubt. Herrgott, er war so müde.

Es klopfte an die Cockpittür; der Navigator drehte sich auf dem Sitz um und machte auf, ohne aufzustehen. Ein Mann im grünen American-Pride-Blazer stand draußen. Er sah aus wie einer vom Flugsteigpersonal, aber Brian wusste, dass er das nicht war. Es war John (oder auch James) Deegan, der stellvertretende Geschäftsführer von American Pride im LAX.

»Kapitän Engle?«

»Ja?« Innere Verteidigungsanlagen wurden aufgebaut, seine Kopfschmerzen loderten hoch empor. Sein erster Gedanke, den nicht die Logik gebar, sondern Anstrengung und Müdigkeit, war der, dass sie versuchen wollten, ihm die Verantwortung für das Druckproblem anzuhängen. Paranoid, klar, aber er war in paranoider geistiger Verfassung.

»Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie, Kapitän.«

»Geht es um das Leck?« Seine Stimme hatte er bei der Frage zu sehr erhoben, ein paar der aussteigenden Passagiere drehten sich also zu den beiden Männern um, die in der offenen Tür des Cockpits standen, aber dagegen ließ sich jetzt nichts mehr machen.

Deegan schüttelte den Kopf. »Nein, es geht um Ihre Frau, Kapitän.«

Einen Augenblick lang hatte Brian nicht die leiseste Ahnung, wovon der Mann sprach, und konnte nur dastehen, ihn mit offenem Mund angaffen und sich über die Maßen albern vorkommen. Dann fiel der Groschen. Er meinte selbstverständlich Anne.

»Sie ist meine Exfrau. Wir sind vor achtzehn Monaten geschieden worden. Was ist mit ihr?«

»Sie hat einen Unfall gehabt«, sagte Deegan. »Vielleicht sollten Sie besser mit ins Büro kommen.«

Brian sah ihn neugierig an. Nach den vergangenen drei langen, nervösen Stunden schien dies alles seltsam unwirklich zu sein. Er widerstand dem Drang, Deegan zu sagen, wenn dies eine Art Vorsicht-Kamera-Scheiße sein sollte, möge er sich getrost selbst verulken. Aber das war es selbstverständlich nicht. Die hohen Tiere von Fluggesellschaften standen nicht auf Scherze und Streiche, schon gar nicht auf Kosten von Piloten, die knapp einer Katastrophe in der Luft entronnen waren.

»Was ist mit Anne?«, hörte Brian sich wieder fragen, diesmal mit leiserer Stimme. Er bemerkte, dass sein Copilot ihn voll argwöhnischem Mitgefühl betrachtete. »Geht es ihr gut?«

Deegan betrachtete seine polierten Schuhspitzen, und Brian war damit klar, dass es wahrhaftig schlechte Nachrichten sein mussten. Anne ging es alles andere als gut. Wusste es, konnte es aber unmöglich glauben. Anne war erst vierunddreißig, gesund und von vorsichtiger Natur. Er hatte auch mehr als einmal gedacht, dass sie die einzig normale Autofahrerin in ganz Boston war … möglicherweise sogar im ganzen Staat Massachusetts.

Jetzt hörte er sich etwas anderes fragen – und es war wirklich genau so, als wäre ein Fremder in sein Gehirn getreten und benützte den Mund als Lautsprecher. »Ist sie tot?«

John oder James Deegan drehte sich um, als suchte er Unterstützung, aber nur eine einzige Stewardess stand an der Luke, wünschte den aussteigenden Passagieren einen angenehmen Abend in Los Angeles und sah ab und zu besorgt zum Cockpit, weil sie sich wahrscheinlich genau über das Sorgen machte, was auch Brian durch den Kopf gegangen war – dass der Besatzung irgendwie die Schuld an dem langsamen Druckabfall gegeben werden sollte, der das mittlere Drittel des Flugzeuges zu so einem Albtraum gemacht hatte. Deegan war auf sich allein gestellt. Er sah Brian wieder an und nickte. »Ja – leider ist sie das. Würden Sie bitte mit mir kommen, Kapitän Engle?«

2

Eine Viertelstunde nach Mitternacht machte es sich Brian Engle auf Sitz Nr. 5A von American-Pride-Flug Nr. 29 – Flagship Service von Los Angeles nach Boston – bequem. In fünfzehn Minuten würde dieser Flug, der Interkontinentalreisenden als Schnarchflug bekannt war, sich in die Luft erheben. Ihm fiel wieder ein, wie er vor Kurzem gedacht hatte, wenn LAX nicht der gefährlichste kommerzielle Flughafen in Amerika war, dann Logan. Durch eine Verkettung unangenehmer Umstände würde er nun die Gelegenheit haben, beide Orte innerhalb eines Zeitraums von acht Stunden selbst aufzusuchen: LAX als Pilot, Logan als Passagier.

Seine Kopfschmerzen, die jetzt viel schlimmer waren als bei der Landung von Flug Nr. 7, nahmen eine Skaleneinheit zu.

Ein Feuer, dachte er. Ein verdammtes Feuer. Um Himmels willen, was ist mit den Rauchdetektoren passiert? Es war ein brandneues Gebäude!

Ihm fiel auf, dass er in den letzten vier oder fünf Monaten kaum an Anne gedacht hatte. Im ersten Jahr nach der Scheidung hatte er irgendwie ausschließlich an sie gedacht – was sie machte, was sie anzog und, natürlich, mit wem sie ausging. Als der Heilungsprozess schließlich einsetzte, ging es sehr schnell … als wäre ihm ein Antibiotikum gespritzt worden, das den Seelenzustand verbesserte. Er hatte genügend über Scheidungen gelesen, dass er wusste, was das Heilmittel gewöhnlich war: kein Antibiotikum, sondern eine andere Frau. Mit anderen Worten: der Rückschlageffekt.

Für Brian hatte es keine anderen Frauen gegeben – jedenfalls noch nicht. Ein paar Verabredungen und eine zurückhaltende sexuelle Begegnung (er war zur Überzeugung gekommen, dass im Zeitalter von Aids alle sexuellen Begegnungen außerhalb der Ehe zurückhaltend waren), aber keine andere Frau. Er war einfach … geheilt.

Brian verfolgte, wie die anderen Passagiere an Bord kamen. Eine junge Frau mit blondem Haar führte ein kleines Mädchen mit dunkler Brille; sie hatte die Hand am Ellbogen des Mädchens. Die Frau murmelte mit ihrer Begleitung, das Mädchen sah sofort in die Richtung, aus der ihre Stimme ertönte, und Brian wurde klar, dass es blind war – es lag an der Bewegung des Kopfes. Komisch, dachte er, wie so kleine Gesten so viel verraten können.

Anne, dachte er. Solltest du nicht an Anne denken?

Aber sein übermüdeter Verstand versuchte das Thema Anne zu vermeiden – Anne, die seine Frau gewesen war, Anne, die einzige Frau, die er je im Zorn geschlagen hatte, Anne, die jetzt tot war.

Er schätzte, dass er eine Vortragsreise antreten könnte – er würde vor Gruppen geschiedener Männer sprechen. Verdammt, auch vor geschiedenen Frauen, was das anbetraf. Sein Thema wäre Scheidung und die Kunst des Vergessens.

Kurz nach dem vierten Hochzeitstag ist der beste Zeitpunkt für eine Scheidung, würde er ihnen sagen. Nehmen Sie nur meinen Fall. Ich habe das darauffolgende Jahr im Fegefeuer verbracht und mich gefragt, was meine Schuld war und was ihre, ob es falsch oder richtig war, ihr immer wieder mit dem Thema Kinder zuzusetzen – das war die große Sache zwischen uns, nichts Dramatisches wie Drogen oder Ehebruch, nur das alte Thema: Kinder oder Karriere –, und dann war es, als wäre ein Expresslift in meinem Kopf gewesen, und Anne war nicht darin, und er raste abwärts.

Ja. Abwärts war er gefahren. Und in den letzten sechs Monaten hatte er überhaupt nicht an Anne gedacht … nicht einmal wenn der monatliche Unterhaltsscheck fällig war. Es war eine sehr vernünftige, sehr zivilisierte Summe, besonders wenn man bedachte, dass Anne achtzigtausend brutto im Jahr gemacht hatte. Sein Anwalt überwies das Geld, und es war lediglich ein weiterer Punkt auf der monatlichen Abrechnung, die Brian bekam, ein kleiner Zweitausend-Dollar-Posten zwischen der Stromrechnung und der Hypothekenrate für die Eigentumswohnung.

Er beobachtete einen schlaksigen Teenagerjungen mit Geigenkasten unter dem Arm und Yarmulke auf dem Kopf, der den Mittelgang entlangschritt. Der Junge sah nervös und aufgeregt zugleich aus, eine ängstliche, aufregende Zukunft spiegelte sich in seinen Augen. Brian beneidete ihn.

Im letzten Jahr ihrer Ehe hatte eine große Verbitterung zwischen ihnen beiden geherrscht, und schließlich, etwa vier Monate vor der Trennung, war es passiert: Seine Hand hatte zugeschlagen, bevor sein Gehirn nein sagen konnte. Er erinnerte sich nicht gern daran, aber er hatte es getan. Sie hatte während einer Party zu viel getrunken und ihm echt übel zugesetzt, als sie wieder zu Hause waren.

Lass mich in Ruhe damit, Brian. Lass mich einfach in Ruhe. Nichts mehr über Kinder. Wenn du einen Sperma-Test brauchst, geh zum Arzt. Meine Aufgabe ist Werbung, nicht Kindermachen. Ich habe deine Macho-Scheiße derartig sa…

Und da hatte er sie fest auf den Mund geschlagen. Der Schlag hatte das letzte Wort mit brutaler Heftigkeit abgeschnitten. Sie standen da und sahen einander in der Wohnung an, in der sie später sterben sollte, und waren beide erschrockener und ängstlicher gewesen, als sie je zugeben würden (außer vielleicht jetzt auf Sitz 5A, während er zusah, wie die anderen Passagiere von Flug Nr. 29 an Bord kamen; jetzt gab er es zu, jetzt gestand er es sich endlich selbst ein). Sie hatte ihren Mund berührt, der zu bluten angefangen hatte. Sie hatte ihm die Finger entgegengestreckt.

Du hast mich geschlagen, sagte sie. Es war kein Zorn in ihrer Stimme, sondern Erstaunen. Er hatte den Verdacht, es war überhaupt das erste Mal, dass jemand im Zorn Hand an einen Teil von Anne Quinlan Engles Körper gelegt hatte.

Ja, hatte er gesagt. Wahrhaftig. Und ich mache es wieder, wenn du nicht die Klappe hältst. Mich wirst du nicht mehr mit deinen Worten geißeln, Süße. Du solltest dir besser ein Vorhängeschloss an den Mund machen. Ich sage dir das, weil ich es gut mit dir meine. Die Zeiten sind vorbei. Wenn du etwas brauchst, das du treten kannst, kauf dir einen Hund.

Damit war die Ehe vorbei gewesen. Sie hatte sich noch ein paar Monate dahingeschleppt, aber eigentlich war sie in dem Moment zu Ende gewesen, als Brians Handfläche schmerzhaften Kontakt zu Annes Mundwinkeln hergestellt hatte. Er war provoziert worden – weiß Gott, er war provoziert worden –, aber er hätte trotzdem viel gegeben, hätte er diesen schäbigen Ausrutscher ungeschehen machen können.

Während die letzten Passagiere an Bord tröpfelten, musste er auch fast besessen an Annes Parfüm denken. Er konnte sich genau an den Duft erinnern, aber nicht an den Namen. Wie hatte es geheißen? Lissome? Lithesome? Lithium, um Gottes willen? Der Name tanzte dicht außerhalb seiner Reichweite. Es war zum Verrücktwerden.

Sie fehlt mir, dachte er dumpf. Jetzt, wo sie für immer fort ist, fehlt sie mir. Ist das nicht erstaunlich?

Lawnboy? Etwas so Albernes?

Ach, hör auf, sagte er seinem übermüdeten Gehirn. Mach einen Korken drauf.

Okay, stimmte sein Gehirn zu. Kein Problem: Ich kann aufhören. Ich kann jederzeit aufhören, wann ich will. War es vielleicht Lifebuoy? Nein – das ist Seife. Tut mir leid. Lovebite? Lovelorn?

Brian schnappte den Sicherheitsgurt zu, lehnte sich zurück, schloss die Augen und roch das Parfüm, an dessen Namen er sich nicht genau erinnern konnte.

Da sprach ihn die Stewardess an. Logisch. Brian Engle hatte die Theorie, dass sie ausgebildet wurden – und zwar in einem streng geheimen Kurs nach der Grundausbildung, der möglicherweise den Titel Wie man den Passagier quält trug –, so lange zu warten, bis der Passagier die Augen zumachte, um ihm dann eine nicht zwingend erforderliche Dienstleistung anzubieten. Und selbstverständlich mussten sie warten, bis sie mit hinreichender Sicherheit davon ausgehen konnten, dass der Passagier fest schlief, bevor sie ihn weckten und fragten, ob er gern eine Decke oder ein Kissen haben wolle.

»Verzeihung …«, begann sie, dann verstummte sie. Ihr Blick, sah Brian, wanderte von den Schulterklappen seines schwarzen Jacketts zur Mütze mit ihrem sinnlosen Rührei-Emblem auf dem freien Sitz neben ihm.

Sie dachte nach und fing noch einmal an.

»Verzeihung, Kapitän, möchten Sie Kaffee oder Orangensaft?« Brian stellte leicht amüsiert fest, dass er sie ein wenig in Verlegenheit gebracht hatte. Sie deutete zum Tisch vorn in der Kabine, dicht unter dem rechteckigen Fernsehbildschirm. Auf dem Tisch standen zwei Eiskübel. Aus jedem ragte der schlanke grüne Hals einer Weinflasche. »Selbstverständlich habe ich auch Champagner.«

Engle dachte daran

(Love Boy ist nahe, aber kein Treffer)

den Champagner zu nehmen, aber nur kurz. »Nichts, danke«, sagte er. »Und kein Flugservice. Ich glaube, ich schlafe bis Boston. Wie sieht das Wetter aus?«

»Wolken in zwanzigtausend Fuß Höhe von den Great Plains bis Boston, aber kein Problem. Wir fliegen auf sechsunddreißigtausend. Oh, und wir haben Meldungen über die Aurora Borealis über der Mojavewüste. Sie möchten vielleicht wach bleiben und sie sich ansehen.«

Brian zog die Brauen hoch. »Sie scherzen. Die Aurora Borealis über Kalifornien? Um diese Jahreszeit?«

»Das hat man uns gesagt.«

»Jemand hat zu viel billige Drogen genommen«, sagte Brian, und sie lachten. »Ich glaube, ich döse einfach nur, danke.«

tatsächlich

Er beobachtete Melanie Trevor geduldig, während sie auf die Notausgänge deutete, vorführte, wie man die kleine Goldschüssel benützte, wenn es zu einem plötzlichen Druckabfall kam (eine Prozedur, die Brian vor nicht allzu langer Zeit selbst in Gedanken und mit einer gewissen Dringlichkeit durchgespielt hatte), und wie man die Schwimmweste unter dem Sitz aufblies. Als das Flugzeug in der Luft war, kam sie wieder zu seinem Sitz und fragte, ob sie ihm etwas zu trinken bringen konnte. Brian schüttelte den Kopf, dankte ihr und drückte den Knopf, der den Sitz senkte. Er machte die Augen zu und schlief sofort ein.

Er sah Melanie Trevor nie wieder.