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Buch

Grace Hammond liebt Ordnung über alles. Als sie ihren Job, ihren Freund und auch noch ihre Wohnung verliert, kehrt sie kurzerhand nach Dorset zurück, in die charmante Kleinstadt an der Küste Connecticuts, in der sie aufwuchs. Hier gibt es den besten Apfelkuchen der Welt, einen weiten Himmel voller Sternschnuppen – und die Ruhe, in der Grace herauszufinden hofft, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Doch schon bald holt sie etwas ein, was sie für immer vergessen wollte. Denn in Dorset erlitt Grace einen Verlust, den sie nie verwunden hat. Und hier verliebte sie sich einst in Peter Brooks. Als Grace nun erfährt, dass er ebenfalls zurück in der Stadt ist, treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander …

Autorin

Mary Simses studierte Journalismus und Jura. Sie arbeitete zunächst als Anwältin und gab sich nur nach Feierabend ihrer Leidenschaft für das Schreiben hin. Ihr Debütroman Der Sommer der Blaubeeren war in Deutschland ein Nummer-1-Bestseller und begeisterte über eine halbe Million Leserinnen. Gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Mann, mit dem sie eine Anwaltskanzlei betreibt, lebt Mary Simses im Süden Floridas.

Von Mary Simses bereits erschienen

Der Sommer der Blaubeeren

Mary Simses

Der Sommer
der Sternschnuppen

Roman

Deutsch von Ivana Marinovic

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »The Rules of Love and Grammar« bei Little, Brown and Company, New York.


Copyright der Originalausgabe © 2016 by Mary Simses

This edition published by arrangement with Little, Brown and Company, New York, New York, USA. All rights reserved.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2016 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign

Umschlagmotive: Shutterstock.com

NG · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16925-1
V003


www.blanvalet.de

Für Rebecca Tucker Holliman,
meine Kindheitsfreundin und liebste Detektivin
(oder waren wir doch Spioninnen?)

und

John Frederick Sutton,
meinen Englischlehrer aus der Neunten,
der mich in meiner Liebe zum Wort bestärkte.

Vergiss nicht, die Erde ist ungefähr fünftausend Millionen Jahre alt, mindestens. Wer kann es sich da schon leisten, in der Vergangenheit zu leben.

HAROLD PINTER

1

Ein Nomen ist eine Person, ein Ort oder ein Ding.

Ein Unglück kommt meistens zu dritt.

Ich werde von lautem Gehämmer auf dem Dach wach, und für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Ich blicke auf die weiße Bettdecke, die zarten Rosenknospen auf der Tapete, den Krug aus meergrünem mattiertem Glas auf der Kommode, und da fällt mir wieder ein, dass ich nicht in meiner Wohnung in Manhattan bin. Ich bin in meinem alten Jugendzimmer in Dorset, Connecticut, in einem Bett mit einer für meinen Geschmack viel zu harten Matratze.

Es ist Donnerstag, und wenn es ein normaler Donnerstag wäre, wäre ich gerade dabei aufzustehen und mich für die Arbeit fertig zu machen. Aber mein Arbeitsplatz der vergangenen vier Jahre wurde letzten Freitag im Zuge einer betrieblichen Umstrukturierung abgeschafft. Wenn es ein normaler Donnerstag wäre, würde ich mich darauf freuen, das Wochenende mit Scott zu verbringen, vielleicht in den Hamptons. Aber Scott ist auch weg. Er hat sich von mir entliebt und in eine Anwaltsgehilfin aus seinem Büro verliebt – eine weitere Umstrukturierung. Ich sollte eigentlich in meiner Wohnung sitzen und meine Wunden lecken, aber nicht einmal das kann ich. Gestern kam aufgrund eines Wasserschadens ein gutes Stück von der Decke runter, und ich musste die Wohnung räumen, wahrscheinlich für drei ganze Wochen. Also bin ich jetzt hier – arbeitslos, wohnungslos und Single. Alles, was ich vom Leben noch will, ist, den Rest meiner Tage verschlafen. Doch irgendwer prügelt auf das Dach ein.

Ich gehe über die Hintertreppe nach unten in die Küche, wo die kupfernen Töpfe und Pfannen über der Kochinsel hängen und das blau-weiße Staffordshire-Porzellan meiner Mutter in der Eckvitrine glänzt. Durch die Fensterfront sehe ich den weitläufigen Rasen, der sanft zu den Felsen und den buschigen Riedgräsern hin abfällt. Das Wasser des Long Island Sound blitzt und funkelt in der Sonne, und eine salzige Brise kommt durchs Fliegengitter. Ein einsamer Kajakfahrer gleitet vorbei und zieht rhythmisch sein Paddel durch die Wellen.

»Ist jemand da?«

Das Haus ist leer.

Ich werfe einen Blick auf die hölzerne Arbeitsplatte, wo sich das übliche Durcheinander aus Zeitungen, Magazinen und ungeöffneter Post stapelt. Am Toaster lehnt eine Notiz von Mom, in ihrer ausladenden, nach links geneigten Architektinnenhandschrift: Grace, bin schon los, will noch die Blumen und die Torte bestellen. Wir sehen uns nach der Arbeit. Die Blumen und die Torte sind für die Feier zum 65. Geburtstag meines Vaters, die hier in zwei Wochen stattfindet, und so wie es aussieht, wird es ein Großereignis.

Das Hämmern geht unterdessen weiter und treibt mich über die knarrenden alten Kieferndielen zum Vordereingang. Ein kleiner Stapel Bücher thront unten auf dem Treppengeländer, wo der Handlauf aus Mahagoni in einem geschnitzten Wirbel endet. Wallace Stevens, W. H. Auden, E. E. Cummings, Emily Dickinson. Dad gibt diesen Sommer offenbar wieder seinen Meisterkurs in Moderner Lyrik.

Jedes Jahr schwört er, dass es sein letztes an der Universität sein wird, aber dann lässt er sich doch wieder breitschlagen. Ich glaube nicht, dass die Uni ihn je wird gehen lassen. Schon vor fünf Jahren gab es ein Riesentheater, als er seine Stelle als Leiter des Instituts für Englische Philologie aufgeben und wieder ganz normal als Professor arbeiten wollte. Angesichts der schockierten Reaktionen hätte man meinen können, er hätte verkündet, einen Stripclub eröffnen zu wollen.

Der Junimorgen draußen ist warm, und als ich über den Rasen laufe, sind meine Fußsohlen feucht vom Tau. Die Luft riecht nach Seetang, Austern und Miesmuscheln, der typische Geruch der Küste Neuenglands.

Zwei Männer mit Werkzeuggürteln um die Hüften stehen auf dem Dach. »Entschuldigung!«, rufe ich hoch. Sie spähen zu mir runter, und mir fällt ein, dass ich noch nicht einmal mein Haar gebürstet habe. Ich winke verhalten.

»Hey«, grüßt der kleinere der beiden, winkt zurück und reibt sich über den Bart.

Ich zurre den Gürtel meines Morgenrocks fester. »Was machen Sie da? Das Dach neu decken?«

Er legt seinen Stapel Schindeln ab. »Ganz genau. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass es das alte Ding noch nicht runtergeweht hat.«

Ich blicke auf meine Uhr. »Ist Ihnen klar, dass es erst acht Uhr dreißig ist? Ist das nicht etwas früh?«

Die Männer blicken einander an. »Ähm, nun ja, wir fangen immer um acht an«, sagt der Größere der beiden und stopft sich sein grünes T-Shirt hinten in die Hose.

Womöglich würde ich mich in einer perfekten Welt, in der ich immer noch einen Job und einen Freund und, nicht zu vergessen, ein Dach über dem Kopf hätte, nicht so anstellen. Aber hier und heute will ich einfach nur schlafen.

»Tut mir leid, falls wir Sie geweckt haben«, sagt der mit dem grünen Shirt. Er starrt die Hosenbeine meines Pyjamas an und grinst. »Was haben Sie da eigentlich auf der Hose? Hunde?«

Ich blicke an mir herab. »Nein, das sind Rentiere. Und Weihnachtsmänner.« Ich schiebe die Hände in die Taschen meines Morgenrocks. »Ich pflege den Geist von Weihnachten eben gerne das ganze Jahr über.« Ich werde jetzt nicht erklären, wie ich praktisch nur mit dem, was ich am Leib hatte, aus meiner Wohnung gerannt und hergefahren bin, und wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich diesen Pyjama überhaupt hier hatte.

»Ach so«, sagt er. »Gute Idee.«

»Und? Wird das hier länger dauern?«, will ich wissen.

Der bärtige Mann wirft einen prüfenden Blick auf das Dach. »Zwei Wochen, vielleicht länger, kommt aufs Wetter an.«

Ich werde mir Ohrstöpsel kaufen müssen. »Dann lasse ich Sie mal lieber weiterarbeiten.«

Zurück in der Küche, gehe ich wütend die Post durch, miste den Müll aus und sortiere den Rest in ordentlichen Stapeln – Einladungen, Rechnungen, Zeitschriften. Ordnung hat etwas so Tröstliches an sich. Die Arbeitsplatte sieht schon viel aufgeräumter aus. Ich sammle die Papierschnipsel auf – Abholscheine für die Reinigung, Klebezettel mit Telefonnummern drauf und einen Briefumschlag, auf dem mein Vater einen Satz notiert hat, wahrscheinlich den Vers eines Gedichts. Sie lässt sie hinter sich zurück.

Ich wende mich einem kleinen Stapel Fotos zu. Das Bild ganz oben zeigt eine Hütte, deren Holz zu einem matten Kastanienbraun verwittert ist. Auf einem anderen ist das Innere zu sehen, eine Leiter führt zum Heuboden hinauf. Neben den Fotos liegt eine handgefertigte Zeichnung der Hütte – eine kleine illustrative Veranschaulichung von Mom. Jemand muss sie beauftragt haben, den Raum zu einem Künstleratelier umzugestalten. Sie hat einige Fenster hinzugefügt, und der Großteil des Obergeschosses ist verschwunden, wodurch das Licht ungehindert einfallen und die schrullige Gestalt beleuchten kann, die sie neben eine Staffelei gezeichnet hat. Dieses kleine Detail, das so typisch ist für Mom, entlockt mir ein Lächeln.

Der verbliebene Teil des Heubodens scheint gerade die richtige Größe zu haben, um einen Schlafboden oder eine Leseecke zu beherbergen. Meine Mutter hat auch dort oben ein Fenster eingefügt und die Leiter durch eine Treppe ersetzt. Unweigerlich frage ich mich, ob diese kleine Galerie nicht ein Schrein für meine Schwester Renny ist, die es immer geliebt hat, sich irgendwo mit einem Buch zu verkriechen.

Es klingelt an der Tür, und ich lege die Zeichnung beiseite. Als ich durch den Flur eile, kann ich durch das Fenster den roten Jeep von Cluny sehen, meiner besten Freundin seit unserem ersten Schultag. Sie lebt immer noch in Dorset, mit ihrem Ehemann, ihren zwei kleinen Töchtern und sechs adoptierten Haustieren – drei Hunde, zwei Katzen und ein Kanarienvogel.

»Grace!«, begrüßt sie mich mit einem breiten Lächeln.

Ich ziehe sie in die Eingangshalle und drücke sie an mich. »Es ist so schön, dich zu sehen. Ich hab dich erst später erwartet.«

»Ich weiß, aber mein Termin in der Druckerei wurde auf heute Nachmittag verschoben. Wir gehen die Probedrucke für die neuen Karten durch.«

Cluny gestaltet und vertreibt Glückwunschkarten mit Tusche- oder Aquarellzeichnungen von Hunden und Katzen und allerlei anderen Tieren, die so Dinge tun wie Kerzen auf Geburtstagstorten ausblasen, Segelboote steuern, Cocktails auf Partys schlürfen oder am Meer entspannen. Ich bin extrem stolz auf ihren Erfolg und dass die Karten mittlerweile in Geschenkboutiquen im ganzen Land verkauft werden.

»Und da ich heute Morgen Zeit hatte, habe ich gedacht, ich komme vorbei und schaue, ob du schon wach bist«, sagt sie.

Ich lehne mich gegen die Chippendale-Kommode. »Oh, und wie ich wach bin. Die Dachdecker haben mich geweckt. Die haben Nagelpistolen, die sind so laut wie Kalaschnikows. Und sie werden noch mindestens zwei Wochen bleiben.«

»Mach dir keine Sorgen«, sagt sie. »Wir haben sowieso einiges vor. Du wirst jeden Tag außer Haus sein.«

»Ich will aber nicht außer Haus sein. Ich will niemanden sehen. Ich will daheimbleiben und schlafen.«

»Wie bitte? Jetzt, wo du endlich mal länger als einen Tag da bist! Wie viele Jahre ist es her, dass du so richtig zu Besuch warst? Ich kann mich nicht einmal daran erinnern.« Sie streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und ihre Stimme wird sanfter. »Du bist jetzt hier, das ist gut, aber du kannst dich nicht die ganze Zeit einigeln.«

»Ich hab jedes Recht mich einzuigeln. Erst verliere ich meinen Job, dann lässt Scott mich sitzen, und dann kracht mir noch die halbe Zimmerdecke runter.« Ich merke, dass ich gleich losheule. »Ich will einfach nur Winterschlaf halten.« Ich drehe mich um und gehe zurück in die Küche.

»Grace, du wirst eine andere Stelle als Korrekturleserin bekommen. Und du wirst …«

»Ich habe nicht Korrektur gelesen«, sage ich und bleibe stehen. »Ich habe computergenerierte Übersetzungen überarbeitet und die Fehler berichtigt. Das ist viel komplizierter als Korrektur lesen.«

Sie legt ihre Hand auf meinen Arm und sieht mich entschuldigend an. »Tut mir leid. Du weißt doch, ich kann mir das nie merken.«

»Ist schon in Ordnung. Das geht allen so.«

»Jedenfalls wirst du einen neuen Job finden.«

Ich wünschte, ich könnte so optimistisch sein. Ich weiß nicht einmal, wo ich ansetzen soll. »Es fällt mir momentan schwer, überhaupt über einen Job nachzudenken. Ich bin so wütend auf Scott. Wie konnte er mir das antun? Wir waren kurz davor, unseren ersten Jahrestag zu feiern. Wir haben Pläne geschmiedet, wollten diesen Herbst nach Italien fliegen. Italien! Und dann erzählt er mir von dieser Elena, der Anwaltsgehilfin aus seinem Büro.«

Cluny bedenkt mich mit einem mütterlichen Blick und folgt mir in die Küche. »Grace, das bedeutet nur, dass er nicht der Richtige für dich war.«

»Sieht ganz so aus.« Ich wende mich ab und wische mir über die Augen. »Oh Mann, ich will einfach nur wieder ins Bett.«

Sie setzt sich an den Tisch. »Du kannst nicht zurück ins Bett. Du kannst nicht die ganze Zeit sinnlos hier rumhängen, in deinem …« Sie hebt die Augenbrauen und wedelt abfällig in Richtung meiner Beine. »… deinem Weihnachtspyjama.«

»Ich kann mir einen anderen Pyjama besorgen.«

Sie sieht mich entnervt an. »Darum geht es doch nicht.«

Ich greife nach der Kaffeekanne, in der noch ein, zwei Tassen sein müssten. »Willst du was davon ab?«

»Ein Schlückchen«, erwidert sie.

Ich fülle eine halbe Tasse für sie und eine halbe für mich, öffne den Gefrierschrank und inspiziere die Pappbecher mit Eiscreme, die sich wie Silos aneinanderreihen: Chocolate Chip, Mint Chocolate Chip, Cookie Crunch, Banana Swirl, Strawberry Cheesecake.

»Na, hast du auch genügend Eis vorrätig?« Cluny beginnt damit, die Packungen zu zählen.

»Entschuldige mal, aber wusstest du, dass Desserts rückwärts buchstabiert stressed ergibt? Eis ist für gestresste Leute wie mich.«

»Im Ernst?« Sie schreibt die Buchstaben in die Luft. Dann lächelt sie. »Du hast recht.«

Ich greife nach dem Cookie-Crunch-Becher und setze mich ihr gegenüber an den Tisch. »Naturbelassen«, lese ich auf dem Etikett und gönne mir den ersten Löffel. »Das würde dir schmecken.« Als ich jedoch die Packung umdrehe, bemerke ich, dass das Komma zwischen Madison und Wisconsin in der Firmenanschrift vergessen wurde. Manchmal kann ich mich selbst nicht ausstehen.

»Ich hab hier etwas, das dich aufmuntern wird«, sagt Cluny, während ich mir einen weiteren Löffel Eis in den Mund schiebe. »Hörst du mir zu?« Ihre grünen Augen funkeln.

»Ja, ich höre dir zu.«

»Du wirst nicht glauben, wer auf dem Titelblatt der Review ist.« Sie zieht eine zusammengefaltete Zeitung aus ihrer Handtasche. »Rate«, fordert sie mich auf.

»Ich denke nach«, sage ich und schaufele mir Eis auf den Löffel. »Teddy McRandell?«

Cluny lacht. »Nächster Versuch.«

Ich lege den Löffel auf dem Tisch ab und setze mich aufrecht hin. »Sag’s mir einfach. Ich hasse es, wenn du das tust.«

»Wenn ich was tue?«, erwidert sie und hält die Zeitung hinter ihren Rücken.

»Wenn du mich zwingst rumzuraten. Schon als wir Kinder waren, hast du das gemacht, als wir Detektivinnen werden wollten. Immer wenn du einen Hinweis gefunden hattest, hast du mich gezwungen zu erraten, was es war.«

»Spioninnen.«

»Was?«

»Wir wollten Spioninnen werden, nicht Detektivinnen.«

»Nein, ich wollte Detektivin werden, du Spionin. Und jetzt zeig mir endlich, was du mir zeigen willst.«

Sie zieht die Zeitung hervor und schlägt sie auf. »Lies.« Sie deutet auf die Bildunterschrift unter einem Foto.

Regiestar zurück in der alten Heimat

Peter Brooks, 33, Regisseur dreier erfolgreicher Liebeskomödien, darunter Paris Love Letter, ist nach 17 Jahren nach Dorset zurückgekehrt, um hier Szenen für seinen neuesten Film zu drehen. Brooks bleibt voraussichtlich zwei Wochen in seiner Heimatstadt.

Ich starre den Mann auf dem Foto an, das gewellte braune Haar, die blauen Augen, das Lächeln, das mir förmlich vom Titelblatt entgegenspringt, und mein Herz setzt für einen Moment aus. Okay, es ist Peter. Ich schaue mir das Bild genauer an, und prompt stecke ich wieder in meinem smaragdgrünen Highschool-Ballkleid. Ich befinde mich im Dorset Jachtklub, 17 Jahre zuvor, es ist Mai, und wir sind in der zehnten Klasse. Während die Band ein Cover von Shania Twains und Bryan Whites Duett From This Moment On singt, tanzen Peter und ich eng umschlungen miteinander. Seine Arme liegen auf meinem Rücken, und ich spüre seinen warmen Atem an meinem Hals. Ich schließe die Augen und lehne mich an seine Brust, alles wirkt so unwirklich. Das ist nicht derselbe Peter, mit dem ich seit drei Jahren befreundet bin. Dies hier ist ein neuer Peter, der mich seit heute mit anderen Augen sieht. Und hier sind wir nun und tanzen. Und es ist magisch.

Ich blicke von der Zeitung auf.

Cluny lächelt. »Dein alter Highschool-Schwarm und angesagter Hollywood-Regisseur ist wieder in der Stadt. Also, was denkst du?«

»Ich denke, dass wir eine unglaubliche Nacht hatten – einen Tanz, einen Kuss –, aber es war eine sehr kurze Romanze.«

»Vielleicht, aber davor wart ihr sehr lange befreundet. Und es heißt doch, Romanzen, die aus einer Freundschaft erwachsen, sind die besten.«

Ich mustere das Foto, Peters warme, freundliche Augen, die mir entgegenblicken. »Hm. Heißt es so?«

»Weißt du, der Teil mit der Romanze hätte länger angedauert, wenn das Unglück nicht passiert wäre.« Bei den letzten Worten muss sie schlucken und wird leise, und ich weiß, woran sie denkt. »Du hast alle seine Filme gesehen, oder?«

»Ja, alle drei.«

»Ich auch«, sagt Cluny. »Paris Love Letter hat mir am besten gefallen.« Sie greift nach den Kaffeetassen. »Ich mach uns den mal warm.« Sie geht zur Mikrowelle und sieht den Tassen dabei zu, wie sie sich auf der Glasplatte drehen. »Er war schon immer ein Filmfreak. So wie du. Erinnerst du dich noch, wie er uns immer ins Kino geschmuggelt hat? Er hat eine Eintrittskarte gekauft, ist reingegangen und hat uns dann durch den Seiteneingang reingelassen.« Sie reicht mir meinen Kaffee. »Gott, war der süß.«

Bei dieser Erinnerung muss ich lachen. »Ich kann nicht glauben, dass man uns nie erwischt hat.« Ich weiß, dass das albern ist, aber als das Kino in Dorset vor ein paar Jahren schließen musste, kam ich nicht umhin, mich zu fragen, ob es wegen Kindern wie uns pleitegegangen war, die sich jahrelang umsonst reingeschlichen hatten.

Cluny lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkt grinsend die Arme. »Das ist ja wohl mehr als ein Zufall.«

»Was ist mehr als ein Zufall?«

Sie deutet auf die Zeitung. »Peter wieder hier. Du wieder hier. Zur selben Zeit.«

»Dann sind wir eben zur selben Zeit in Dorset. Komm mir jetzt nicht mit irgendwelchem Karma-Hokuspokus. So ungewöhnlich ist das nun auch wieder nicht.«

»Machst du Witze? Die Chancen stehen eins zu einer Million. Das hier ist aus einem guten Grund passiert. Du warst verrückt nach ihm, und er war verrückt nach dir. Du musst dich mit ihm treffen. Das ist allemal besser, als hier alleine herumzusitzen und kübelweise Eis in dich reinzustopfen.« Sie beäugt die Eispackung, als würde sie sie am liebsten beschlagnahmen.

Ich ziehe die Packung vorsichtshalber näher an mich heran. »Das ist doch lächerlich. Ich wüsste nicht einmal, was ich zu ihm sagen sollte. Der Zug ist abgefahren. Das Ganze ist eine Ewigkeit her.« Ich schnappe mir den Löffel.

»Ach, komm schon«, sagt sie. »Wenn es um die Liebe geht, spielt die Zeit keine Rolle.« Sie legt sich die Hand aufs Herz.

»Wo hast du das denn her? Aus einem deiner Louise-Hay-Esoterik-Ratgeber?«

»Nein, das hast du immer gesagt, damals in der Highschool. Weißt du noch?«

Ich deute mit dem Löffel in ihre Richtung. »Tja, du solltest nicht auf alles hören, was ich sage. Außerdem glaube ich nicht, dass es eine gute Idee wäre, Peter wiederzusehen. Du weißt doch, wie wir damals auseinandergegangen sind.« Cluny will schon widersprechen, aber ich schneide ihr das Wort ab. »Hör zu, meine Wohnung wird erst in drei Wochen wieder bewohnbar sein. Während ich also hier festsitze, habe ich vor zu schlafen, ungesundes Zeug in mich reinzufuttern, Schmonzetten zu lesen, den Geburtstag von meinem Dad zu feiern und für eine kleine Weile zu vergessen, dass mein Leben eine Komplettkatastrophe ist.«

»Grace, komm schon, wir reden hier von Peter. Früher haben wir sogar Renny bestochen, damit sie uns in der Stadt herumfährt, um ihn aufzuspüren. So verrückt warst du nach ihm, erinnerst du dich noch?«

Ich erinnere mich. Natürlich erinnere ich mich.

»Übrigens«, fügt sie hinzu, »würde man das heutzutage unter Stalking verbuchen und uns verhaften.«

»Ja, die verderben einem auch jeden Spaß.«

Cluny beugt sich vor und sagt eindringlich: »Das wird dich auf andere Gedanken bringen, dich ablenken von Scott, deinem Job und deiner Wohnung. Außerdem fände ich es schön, Peter wiederzusehen und zu hören, was er die ganze Zeit getrieben hat. Es ist ja so aufregend, dass er wieder hier ist.« Ich kann ihren Blick auf mir spüren. »Und jetzt sag mir nicht, du hättest nie über ihn nachgedacht.«

Natürlich hat sie recht. Lange bevor sein Name in Zeitschriften oder Blogs aufzutauchen begann, habe ich an ihn gedacht. Wenn im Fernsehen Der Pferdeflüsterer lief, dachte ich an den Abend zurück, als wir ins Kino von Dorset gegangen waren und den Film von unserem Lieblingsplatz auf der Galerie aus angeschaut hatten. Oder ich saß in einem Diner und hörte, wie jemand einen Kaffee-Milchshake bestellte, und prompt erinnerte ich mich an den Nachmittag im Sugar Bowl, als wir so viele Kaffee-Milchshakes getrunken hatten, dass wir beide nicht schlafen konnten und völlig aufgekratzt die ganze Nacht miteinander telefonierten. Oder im Radio lief Clair de Lune, und ich musste an den Tag denken, als ich Peter in der leeren Schulaula hatte Klavier spielen hören.

Cluny sieht mich wissend an. »Ja. Das habe ich mir gedacht.«

Ich schüttle den Kopf. »So einfach ist das nicht. Natürlich hab ich an ihn gedacht. Aber ich bin seit Ewigkeiten über ihn hinweg. Das musste ich auch. Du weißt das.«

»Wir sollten ihn treffen«, sagt sie. »Wir werden herausfinden, wo er wohnt. Das wird so wie damals, als wir Kinder waren.«

»Willst du deine Detektivtasche hervorkramen?«

Sie seufzt. »Ich wünschte, ich hätte sie noch. Weißt du noch, was für tolle Sachen wir da reingetan haben? Pinzetten? Taschentücher?«

»Und diese riesengroße Lupe aus dem Schreibwarenladen?«

»Von dem Verkäufer, der so schlimm Schuppen hatte.«

»Weißt du noch, wie wir diese kleinen schwarzen Notizbücher gekauft haben?«, frage ich. »Um verdächtige Hinweise zu notieren?«

»Gott, damals war so ziemlich alles verdächtig. So wie in der fünften Klasse, als du dachtest, der Mann und die Frau, die am anderen Ende eurer Straße lebten, wären Bankräuber, die sich vor der Polizei versteckten.«

»Na ja, die sahen aber auch verdächtig aus«, sage ich und verspüre immer noch den Drang, mich zu rechtfertigen. »Komm schon, diese Frau mit ihren komischen Hüten und den Sonnenbrillen. Sie hat ständig eine Sonnenbrille getragen.«

»Sie hatte ein Augenleiden.«

»Trotzdem.« Ich winke ab. »Und was ist mit ihrem Mann? Er war immer so zugeknöpft.«

»Grace, die beiden waren Lehrer im Ruhestand und um die achtzig.«

»Ach so, das heißt, Lehrer im Ruhestand um die achtzig können keine Kriminellen sein?«

Sie beäugt mich skeptisch. »Außerdem saß der Mann im Rollstuhl.«

»Ja, schon, aber er war ziemlich schnell in dem Ding.«

»Ich sage dir, woran ich mich noch erinnere.« Ein verschlagenes Grinsen huscht über ihr Gesicht. »Wie du an ihrer Tür geklingelt und behauptet hast, du würdest Spenden fürs Rote Kreuz sammeln.«

Das hatte ich ganz vergessen. »Oh Gott, stimmt. Damit ich einen Blick ins Haus werfen konnte, ob da irgendwo gestohlenes Geld herumlag. Ich dachte, sie hätten vielleicht einen Safe.«

»Und sie haben dir geglaubt. Sie haben dir sogar zehn Dollar gegeben.« Selbst jetzt ist ihre Stimme voller Ehrfurcht.

Ich hebe die Hand wie zum Gelübde. »Die ich, wie ich hinzufügen darf, umgehend dem echten Roten Kreuz überantwortet habe.«

»Ja … Nachdem du den Geldschein auf der Suche nach Fingerabdrücken mit irgendwas eingepinselt hast.«

»Nun«, entgegne ich, »ein Detektiv muss tun, was ein Detektiv tun muss.«

Draußen klimpern die Windspiele, und eine Böe lässt die blühenden Zweige der Hortensie gegen das Fliegengitter schlagen. Ich verspüre einen Anflug von Wehmut und bin ein bisschen traurig, diese Zeit in meinem Leben verloren zu haben, als der kleinste Funken Fantasie einen ganzen Sommertag erhellen konnte.

»Ich glaube, wir waren tolle Detektivinnen«, sagt Cluny. Einen Moment ist sie still, dann fügt sie hinzu: »Wir könnten unsere Fähigkeiten wiederaufleben lassen, um Peter ausfindig zu machen.«

»Cluny, er ist verheiratet, das habe ich schon vor Jahren gelesen. Und wahrscheinlich hat er zwei entzückende Kinder.« Alle haben Kinder. Warum nicht auch Peter?

»Er war verheiratet«, entgegnet sie. »Aber nicht mehr. Er ist geschieden.«

»Er ist geschieden?«

Clunys Augen leuchten auf, als sie den Funken Interesse bemerkt. »Jaaaaa«, flüstert sie verschwörerisch.

»Vergiss es«, sage ich und fange mich wieder. »Ich werde nichts dergleichen tun. Ich will einfach nur in Ruhe daheimbleiben.«

Sie seufzt. »Ich weiß. In deinem Weihnachtsmannpyjama.«

»Ja.«

»Und Eis essen.«

»Warum denn nicht?«

»Ganz wie du meinst, Grace. Aber nur damit du es weißt, Cookie Crunch ist eine Art Einstiegsdroge. Sie führt zu Coffee Toffee und Chocolate Chunk Chip und all den anderen Abarten, die noch viel gefährlicher sind. Du begibst dich auf sehr dünnes Eis.«

»Schon gut, aber sag mir noch eins.« Ich hebe die Zeitung hoch und zeige auf das Foto. »Woher weißt du mit Sicherheit, dass er geschieden ist?«

Sie zwinkert. »Google, Baby. Woher denn sonst?« Sie wackelt mit den Fingern, als würde sie tippen. »Und ja, ich habe diese Informationen auf mehreren Websites gegengeprüft. Allesamt sehr verlässlich.« Sie hebt eine Augenbraue. »Wo wir schon dabei sind, hast du eigentlich eine Ahnung, wie viele Resultate aufploppen, wenn man Peter Brooks Regisseur googelt?«

Ich nehme einen Schluck Kaffee. »Fünfhundertzwölftausend, so um den Dreh.«

Cluny neigt den Kopf und sieht mich lange und eindringlich an. »Ach, das weißt du also?«

Verdammt, sie hätte echt Spionin werden sollen.

Sie verengt die Augen zu Schlitzen. »Ich hol dich morgen früh um zehn ab. Staub schon mal deine Detektivtasche ab.«