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Titel der amerikanischen Originalausgabe
DEAD HEAT
Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch
Redaktion: Diana Mantel
Copyright © 2015 Hurog, Inc.
Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld,
unter Verwendung mehrerer Motive von Fotolia
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-18387-5
V003
www.heyne.de
Für die wunderbaren Menschen, die unsere Reise mit den Araberpferden zu einem solchen Vergnügen gemacht haben: Für Brenda, die schon von Anfang an dabei war; für die wunderbaren Reisebegleiter Ed und Adriana; für Alice, Bill und Joan von Rieckman’s Arabians, die die Reise bereits vor mir unternommen haben und darum nützliche Ratschläge für unterwegs zu bieten hatten; für Dolly, Doug und Peggy von Orrion Farms, die uns Starthilfe gegeben und uns beraten haben; für Deb, Kim und Portia von High Country Training, die aus meinen ohnehin guten Ponys anständige Bürger gemacht haben; für Robert und Dixie North, die Pferde genauso lieben wie ich; und für Nahero, meinen großen Araber-Wallach, der schon seit achtundzwanzig Jahren mein treuer Gefährte ist. Doch besonders für meinen geduldigen Ehemann, dessen Begabung darin liegt, Träume in Erfüllung gehen zu lassen.
Prolog
Dezember
Der Lord des Feenvolkes schritt unruhig in seiner Zelle aus grauem Stein auf und ab. Drei Schritte in die eine Richtung, dann drehte er sich um, vier Schritte in die andere Richtung, dann drehte er sich ein weiteres Mal um, schließlich drei Schritte zurück. Das konnte er den ganzen Tag durchhalten. Und genau das hatte er in den letzten zwei Wochen auch ohne Unterlass getan.
Er trug weiche Stiefel, die seine Schritte geräuschlos machten. Geräusche lenkten ihn über Gebühr von seinem Vorsatz ab – welcher da lautete, sich selbst so sehr zu langweilen, dass sein Kopf von jedem Gedanken befreit werden würde.
Seine Kleidung war praktisch wie seine Stiefel, war aber dennoch seiner Position als hochrangigem Lord angemessen – selbst wenn die Erinnerung an diesen Teil seines Lebens fast verblasst war. Trotzdem trug er seine langen roten Haare in einer komplizierten Frisur aus vielen Zöpfen, die über seinen Rücken bis auf den Boden fielen, wie es vor einem Jahrtausend der Mode bei Hofe entsprochen hatte. Zweifellos würde er, wenn es denn den Hohen Hof, ja überhaupt noch einen Hof gab, deswegen als absolut altmodisch betrachtet werden.
In der ersten Woche seines Aufenthaltes hier hatte er zudem höfische Kleidung getragen, doch nachdem es niemanden gab, den er darin beeindrucken konnte, hatte er diese gegen etwas Bequemeres eingetauscht. Er hätte sich wahrscheinlich sogar in Jeans kleiden können, so nahm er wenigstens an, doch er vergaß Tag für Tag mehr von seinem lange vergangenen Dasein als Lord, und die Kleidung erinnerte ihn daran, was er einst gewesen war – obwohl er sich an manchen Tagen, in manchen Jahren sogar, kaum noch daran erinnern konnte, warum es überhaupt so wichtig war, sich daran zu erinnern.
Es klopfte an seiner Tür. Der Fae-Lord zischte irritiert, weil er es gerade fast geschafft hatte, sich selbst so weit zu betäuben, dass er seine Gefangenschaft vergaß. Unsterblichkeit war ein Fluch, denn egal, wie mächtig man auch sein mochte, es gab immer jemanden, der mächtiger war. Jemanden, dem man gehorchen musste. Jemanden, der einem stahl, was man als sein Eigentum betrachtet hatte und der einen mit Brosamen dessen zurückließ, was man einst besessen hatte. Und dann nahmen sie einem selbst das noch weg. Nun saß er hier in seinem Gefängnis, während sein Magen vor Gier schmerzte und sein Körper die Magie vermisste wie Fleisch das Salz. Ohne Magie besaß sein Leben keinerlei Geschmack.
Wieder klopfte es. Und offensichtlich hatte er die Person vor der Tür wütend gemacht, denn sein gesamtes Gefängnis erzitterte unter einem Geräusch, das ihm in den Ohren und im Herzen wehtat. Wunderbar. Einer der Mächtigen suchte ihn also auf. Fast hätte er nicht reagiert – denn was konnten sie ihm noch antun, was sie ihm nicht bereits angetan hatten?
Dann hielt er in der Mitte des Raumes an, weil ihm bewusst wurde, dass es natürlich immer noch etwas gab, was sie ihm antun konnten. Und es war nicht gut, darüber zu lange nachzudenken. Also rief er unwirsch: »Herein.«
Die Frau, die den Raum betrat, war klein und adrett. Fast hätte sie das Biest in ihm angesprochen. Doch dann begann sie zu sprechen, und die Illusion um sie herum verschwand sofort.
Sie war der spirituelle Archetyp der bösen Königin der Märchen, teilweise auch deswegen, weil sie an einigen der Ereignisse Anteil gehabt hatte, auf denen diese Geschichten beruhten. Und sie liebte es, den kurzlebigen Menschen Unglück und Schmerz zu bereiten. All diese Jahrhunderte der Macht hallten nun in ihrer Stimme mit, selbst wenn es ihr gefiel, sich in einer scheinbar hilflosen Gestalt zu präsentieren.
»Das Land unter dem Feenhügel könnte für dich zu allem Möglichen werden«, sagte sie mit geschürzten Lippen, während sie sich in seiner momentanen Heimstatt umsah, »und du hast dich für ein Gefängnis entschieden.«
Argwöhnisch richtete er sich höher auf. »Ja, Lady.«
Sie schüttelte den Kopf. »Und sie wollen ausgerechnet dich?«
Dabei erklärte sie nicht, wer »sie« waren oder wofür sie ihn wollten. Und er fragte nicht nach, weil ihm doch noch ein Rest Selbsterhaltungstrieb geblieben war.
Sie umrundete den kleinen Raum. »Sie sagen, du hättest Fantasie.«
Im Gehen verschränkte sie die Arme. Zuerst drehte sie ihren Oberkörper, um die Deckensteine zu betrachten, dann wendete sie sich so, dass sie die unauffällige Wölbung der Wand erkennen konnte, die sein Versteck verbarg. Als Nächstes lockerte sie den Granitblock, den einzigen ohne Mörtel. »Sie sagen, du kannst dich vor Menschen, vor dem Feenvolk und vor anderen Kreaturen, die dich vielleicht jagen könnten, verbergen, weil dein Schutzzauber so herausragend ist.«
Er wollte sie aufhalten, sie davon abhalten, seinen Schatz zu finden. Er wollte sie zerstören. Doch sie hatten ihm seine Macht genommen, und ihm war nichts geblieben. Und selbst dieser Gedanke entsprach nur seiner Eitelkeit; ihm war bewusst, dass er selbst mit seiner ganzen Macht nichts gegen einen der Grauen Lords hätte ausrichten können.
Er beobachtete, wie sie den Stein herauszog und die kleine Kammer fand, die sich dahinter verbarg. Sie griff nach der Puppe, die er dort versteckt hielt, glättete deren gelben Rock und ließ ihre Finger über die verblassten Tränenspuren auf dem Stoff gleiten.
Ein Kind weint aus ganzem Herzen, ohne etwas zurückzuhalten. Ein Kind lebt in der Gegenwart, und das verleiht seinem Schmerz den Eindruck von Unendlichkeit. Selbst ohne seine Magie konnte er die Macht dieser Tränenspuren sogar von dort spüren, wo er gerade stand.
Sie legte die Puppe zurück und fügte den Granitblock nachdenklich wieder zurück in die Wand. Dann sah sie ihn an. »Sie haben mir erzählt, du wärst ein geschickter Magier gewesen, hinterlistig und mächtig. Einst wärst du eine Zierde des Hofes gewesen – und später ein Fluch; die erste dunkle Wurzel der Zerstörung. Fähig, dich sogar vor den besten Jägern zu verstecken.«
»Ich weiß nicht, wer sie sind oder was sie über mich sagen«, antwortete er ehrlich, wobei er sich bemühen musste, seine Ungeduld zu verbergen.
Sie lächelte. »Aber du widersprichst der Einschätzung nicht.« Langsam kam sie auf ihn zu und berührte mit der linken Hand sein Gesicht.
Sein Schutzzauber fiel, und damit die Illusion, die aus dem Lord das machte, was er einst gewesen war. Und genau wie seine Magie sich über die Jahre hinweg verändert hatte und schlecht geworden war, hatte auch seine Gestalt sich verändert und war hässlich geworden. Er wartete darauf, dass sie zurückwich; seine Gestalt war wirklich kein schöner Anblick. Doch sie lächelte. »Ich habe ein Geschenk für dich. Ein Geschenk und eine Aufgabe.«
»Welche Aufgabe soll das sein?«, fragte er wachsam.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte sie, als sie ihre rechte Hand an seinen Hals legte. »Du wirst sie genießen, das verspreche ich dir.«
Und plötzlich kam seine Magie zurück, ergoss sich in seinen Körper wie die Hitze der Toten. Er schrie, fiel zu Boden und wand sich, während wunderbarer Schmerz ihn erfüllte.
Sie beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr: »Aber es gibt Regeln.«