cover

Buch

Viktor Hyldgaards Leben in der schwedischen Kleinstadt Skövde scheint perfekt: Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und führt eine glückliche Ehe. Als er eines Tages spurlos verschwindet, glaubt die Polizei zunächst nicht an ein Verbrechen – bis Taucher in einem nahegelegenen kleinen See eine zerstückelte Leiche finden. Im Hals des abgetrennten Kopfes steckt das Foto einer unbekannten Frau. Auf der Suche nach ihrer Identität stößt die junge Polizeibeamtin Anna Eiler auf makabre Untiefen in Viktors Vergangenheit – und plötzlich sieht es so aus, als gäbe es auch eine Verbindung zu ihrer Freundin Julia, deren Vater vor Monaten spurlos verschwand …

Autorin

Carina Bergfeldt, 1980 geboren und in Götene, Skaraborg, aufgewachsen, ist Journalistin beim schwedischen Aftonbladet. Für ihre Reportage über das Massaker von Utöya erhielt sie 2012 den Swedish Grand Journalism Prize. Nach »Die Vatermörderin« ist »Das Seegrab« ihr zweiter Roman.

Außerdem von Carina Bergfeldt bei Goldmann lieferbar:

Die Vatermörderin. epub_neu.eps Auch als E-Book erhältlich.

CARINA BERGFELDT

Das Seegrab

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen

von Dagmar Lendt

GOLDMANN_Seite_3.eps

Die schwedische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Fotografiet« bei Bookmark Förlag, Stockholm.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Zitate von Tomas Tranströmer mit freundlicher Genehmigung aus: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte. Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel. © 1997 Carl Hanser Verlag München.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2016

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Carina Bergfeldt

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Arcangel Images / Anja Weber Decker; FinePic®, München

Redaktion: Annika Krummacher

AG · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-18953-2
V001

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:

Piktogramme.tif

Jede dritte Frau auf der Welt wird im Laufe

ihres Lebens vergewaltigt oder misshandelt.

Weltgesundheitsorganisation

Prolog

Sie ging so gut wie nie auf Schulfeste. Wenn sie da war, bemerkte sie sowieso niemand. Sie war es gewohnt, unsichtbar zu sein. Zu hässlich, um beachtet zu werden. Zu seltsam.

Doch heute Abend machte es ihr nichts aus. Sie würde ohnehin in ihrer Ecke stehen und nur Augen für eine bestimmte Person haben. Zugleich sehnte sie sich zum ersten Mal danach, von einem anderen Menschen wahrgenommen zu werden, obwohl sie wusste, dass es ein frommer Wunsch bleiben würde.

Sie war ein bisschen besorgt, dass man es ihr ansehen könnte. Die anderen würden über sie lachen, wenn sie es wüssten. Über ihre Naivität. Als wenn sie es wert wäre, begehrt zu werden. Sie fürchtete, dass die starken Gefühle, die sie empfand, ihr ins Gesicht geschrieben standen, anstatt in ihrem Herzen verborgen zu bleiben.

Sie merkte es nicht einmal, dass er sich an sie heranschlich.

»Ich weiß, nach wem du Ausschau hältst«, flüsterte er gegen die Musik an.

Dann wisperte er den Namen, den sie selbst so oft geflüstert hatte.

Sie erstarrte. Wie konnte er davon wissen?

»Alles in Ordnung«, fügte er hinzu. »Ich soll dich holen.«

»Ich wusste gar nicht, dass ihr euch kennt«, erwiderte sie verlegen.

Er lächelte breit. »Doch. Und ich habe geschworen, niemandem etwas zu verraten. Komm.«

Sie schluckte. War sie bereit? So lange hatte sie davon geträumt. Sich danach gesehnt. Ob sie sich küssen würden? Bei dem Gedanken wurde ihr schwindlig. Sie merkte, wie sie weiche Knie bekam. Als sie mit ihm mitging, war sie überzeugt, dass ihr Leben danach nicht mehr so sein würde wie zuvor. Was an dem Ort passierte, zu dem er sie brachte, würde alles verändern.

Sie hatte überhaupt keine Angst.

Gespannt war sie. Aufgeregt. Ein bisschen erschrocken vielleicht, aber Angst hatte sie nicht. Sie folgte ihm nach draußen und über die Straße. Als er auf die Grünfläche zuging, blieb sie zögernd zurück, aber er drehte sich um und lächelte.

»Hinter dem Gebüsch.«

Buchsbaumzweige streiften raschelnd ihre Hosenbeine, doch sie blickte nur nach vorn, sehnte sich so intensiv, wie sie es nie zuvor gewagt hatte. Er zeigte auf einen Schuppen, in dem Licht brannte, und ihr Herz schlug schneller. Endlich.

»Da drin.«

Er öffnete die Tür.

»Ladies first.«

Sie kicherte und trat ein.

Der Schlag traf ihren Kopf so unvorbereitet, dass sie es gar nicht mehr registrierte.

Der Rest der Nacht besteht aus Bruchstücken.

Sie versucht zu begreifen, was passiert ist. Wo sie ist. Als sie die Augen aufschlägt, ist alles verschwommen. Sie erkennt jemanden, ihn. Er ist zwischen ihren Beinen, sein Gesicht befindet sich direkt über ihrem.

»Wenn du schreist, dreh ich dir den Hals um, ich brech dir das Genick wie einem jungen Kätzchen.«

Sie will kein einziges Geräusch von sich geben. Aber was er mit ihr macht, zwingt sie zum Schreien. Sie kann nichts dagegen tun.

Sie träumt, dass etwas sie zerreißt.

Ein Wolf? Eine Katze? Ein Luchs?

Ein Ungeheuer.

Sie öffnet die Augen, obwohl eine innere Stimme ihr rät, es besser bleiben zu lassen, und der Blitz explodiert in ihrem Gesicht. Es flimmert vor ihren Augen. Durch den Nebel sieht sie, wie er die Polaroidkamera senkt und das kleine Foto, das herauskommt, an sich nimmt. Ihr wird schlecht. Sie muss weg, bevor er ihr zeigt, was auf dem Foto ist. Muss weg, bevor er sie noch mal anfasst.

Es ist immer derselbe Gedanke, der ihr durch den Kopf geht, wieder und wieder.

Wenn er mich noch einmal anfasst, sterbe ich.

Er fasst sie noch mal an.

In gewisser Weise wird das, was in diesem Schuppen passiert, später mehr wehtun als in jener Nacht. Der Schmerz, der sich danach einstellt, ist nicht wie der erste schlimme Schreck. Nein, er wird sich mit der Zeit zu einem ungebetenen Dauergast entwickeln. Ihr ganzes restliches Leben lang wird sie jederzeit spüren können, wie der Projektor in ihrem Kopf sich aufheizt, ohne dass sie in der Lage wäre, den Prozess aufzuhalten. Wie in den Kinos früherer Zeiten, dieses Surren und Rattern, wenn die Spulen sich in Bewegung setzten, das Flackern, unmittelbar bevor der Film begann. Anfangs wird sie noch die Augen weit aufsperren, in dem Glauben, das könnte den Film anhalten. Sie wird versuchen, gegen die Erinnerungen anzukämpfen, wird denken, wenn sie die Augen öffnet und Licht hereinlässt, werden die Erinnerungen in die Dunkelheit verbannt, wo sie hingehören.

Aber ihre Anstrengungen werden nichts nützen.

Die Erinnerungen werden nicht mit der Zeit verschwinden.

Der kalte Fußboden. Seine Augen. Die Kratzwunden. Wie es war, die eigene Unterhose achtlos hingeworfen in einer Ecke zu sehen und im selben Moment zu begreifen, dass weder ihr Slip noch sie selbst jemals wieder sauber sein werden. Aber was ihr am allerdeutlichsten von diesem Abend im Gedächtnis bleiben wird, ist das Foto.

1

Dienstag, der 24. Mai

Der Taucher arbeitete langsam. Routiniert suchten seine tastenden Hände nach einem Ziel. Er wusste, dass die Menschen über ihm die regelmäßigen Bläschen anstarrten, die seine Atemzüge verursachten. Dass sie warteten.

Er dachte daran, wie sie verteilt waren, in der Welt dort oben, die im Moment nicht seine war. Auf der einen Seite der Absperrung die neugierigen Zuschauer mit ihrer morbiden Todessehnsucht. Auf der anderen Seite die Polizei mit ihrer Ungeduld und dem Wunsch, die Ermittlung voranzutreiben. Und etwas abseits die Frau mit diesem Entsetzen in den Augen, das er hoffentlich nie ganz verstehen würde. Er hatte diesen Ausdruck schon in Hunderten von Gesichtern gesehen.

Instinktiv bewegte er sich auf die Seerosen im westlichen Teil des Teichs zu. Die Pflanzen zogen immer wieder Gegenstände – und Leichen – in ihr wogendes Wurzelwerk hinein. Umwickelten sie wie Schlangen und ließen sie nicht mehr los.

Mit jeder Faser seines Körpers spürte er, dass er kurz vor dem Ziel war. Ein plötzliches Unbehagen befiel ihn. In seinen Berufsjahren hatte er neununddreißig Leichen aus dem Wasser gezogen. Eine Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass die Stelle, an der er jetzt suchte, seltsam war.

Er spürte die Hand des Engels auf seiner Schulter. Des Engels, der ihn immer warnte, wenn es so weit war. Der Taucher hielt inne. Schaute auf seine Uhr, um Zeit zu gewinnen, eine mentale Atempause. Er befand sich vier Meter entfernt von seinem Einstieg, in einer Tiefe von knapp einem Meter sechzig. So nah dem Leben dort oben. Kaum hatte er ausgeatmet, erreichten die Luftbläschen schon die Wasseroberfläche. So nah und doch so weit entfernt.

Es war so weit. Er wusste es. Er spürte, wie die Hand des Engels seine Schulter fester packte. Wenn es etwas gab, was er in all den Stunden unter Wasser gelernt hatte, dann auf den Engel zu hören, denn der kannte ihn besser als er sich selbst. Er machte sich innerlich bereit, wandte den Blick von seiner Taucheruhr ab und bewegte sich dreißig Zentimeter vorwärts. Dann fiel sein Blick auf das, was plötzlich vor ihm lag.

Großer Gott, dachte er.

Großer Gott.

2

Fünf Tage zuvor – Donnerstag, der 19. Mai

Lokalreporterin Julia Almliden klatschte ihrem kleinen Bruder Beifall, obwohl er mit seinem Schuss das Ziel knapp verfehlt hatte. Das Fußballtrikot, auf dem in Goldbuchstaben der Name von Cristiano Ronaldo prangte, war viel zu groß, und der Junge stolperte mehr, als dass er lief, weil das Hemd ihm bis über die Knie reichte. Es war das Heimspieltrikot der kommenden Saison, sie hatten es bei Stadium gerade erst hereinbekommen. Julia war gleich morgens am Sportgeschäft gewesen und hatte die kleinste Größe gekauft, die es gab, Erwachsenengröße S. Ganze 929 Kronen hatte sie dafür hinblättern müssen. Aber er liebte es, und sie liebte ihn. Also glich es sich wieder aus.

»Super, Jalle!«

Der Pfiff einer Trillerpfeife durchschnitt die Luft. Sekunden später wurde Julia von einem erhitzten Kinderkörper umarmt.

»Danke, dass du gekommen bist«, sagte er mit dem Gesicht an ihrem Bauch. Sie strich ihm übers Haar und spürte, wie das Gel an ihren Fingern klebte. Er war völlig durchgeschwitzt, wie immer nach dem Training. Sie unterdrückte den Impuls, ihre Hand an dem teuren Trikot abzuwischen.

»Ich versuche immer zu kommen, wenn ich nicht arbeiten muss, das weißt du doch. Übrigens warst du echt gut. Toller Schuss aufs Tor kurz vor dem Abpfiff. Der wär beinahe drin gewesen.«

Sie merkte, wie er an ihrem Bauch lächelte. Er sog ihr Lob auf wie ein Schwamm. Der achtjährige Jarl Almliden gab alles, das hatte er schon immer getan. Seine ganze Energie, wenn er spielte, sein ganzes Herz, wenn er jemanden mochte. Er war so verletzlich, so sensibel, der kleine Junge in ihren Armen. Sie wusste nur zu gut, wie Kinder aussahen, die nicht genügend Anerkennung bekamen. Sie sah ein solches Kind jeden Tag im Spiegel, und sie hatte sich geschworen, dafür zu sorgen, dass ihr kleiner Bruder später einmal nicht so einen bitteren Zug um den Mund bekam wie sie. Das Schönste an ihm war sein offenes Herz. Sie beneidete ihn darum, dass er sich traute, so offen zu sein, trotz allem. Ihr Herz hingegen war zu. Verschlossen und verriegelt. Sie hatte zu viel erlebt, um es auch nur einen Spaltbreit zu öffnen.

Widerstrebend ließ sie ihn los und legte ihm die Hand auf den Rücken. Zusammen gingen sie zum Auto. Sie merkte, wie ihr Körper sich anspannte, wie er sich auf die Frage vorbereitete, die immer kam, wenn sie fast zu Hause waren. Sie hörte, wie er Luft holte, und schloss die Augen, um sich zu sammeln.

»Julia … glaubst du, er kommt heute Abend nach Hause?«

Sie schluckte. Spürte seinen Blick und wich ihm aus.

»Ich weiß es nicht, Jalle. Wir werden sehen.«

Diese Worte waren am schwersten, jedes Mal. Nachdem das geschafft war, drehte sie den Kopf und erwiderte seinen Blick.

Seine Augen waren genauso eisgrau wie die des Mannes, dem die Frage galt. Der Mann, dessen Augen sie immer noch in ihren Träumen verfolgten und sie nachts aus dem Schlaf rissen.

»Er wäre stolz gewesen, wenn er dich heute auf dem Spielfeld gesehen hätte.«

Und da kam es. Dieses strahlende Lächeln. Es tat ihr jedes Mal weh, wenn sie sah, wie sehr er sich gerade über diese Worte freute. Es war wie ein Tanz, zu dem sie nie aufgefordert wurde, den sie aber dennoch immer wieder tanzen musste. Eine Drehung nach der anderen. Sie konnte ihm deswegen nicht böse sein. Sie hatte sich selbst dreißig Jahre lang danach gesehnt, ihren Vater stolz zu machen. Aber es tat trotzdem verdammt weh, dieses Lächeln. Sie sah auf ihre Uhr. Es war schon spät, Zeit, sich zu verabschieden.

3

Polizeiassistentin Anna Eiler lag allein in ihrem Bett und spürte, wie die Wut in ihr wuchs. Es war zum Heulen.

Die Erinnerung an seine Hände verfolgte sie. Wie viele Nächte hatte sie so verbracht? Allein in einem Bett. Dieser Klumpen im Magen, der größer und größer wurde, bis er sich anfühlte wie ein schwarzes Loch. Immer dasselbe, Nacht für Nacht. Die Angst. Die Gedanken.

Seine Hände. Immer seine Hände. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Nacht ohne diesen Klumpen im Magen einzuschlafen. Eine Nacht, in der sie acht Stunden durchschlafen konnte, um anschließend ausgeruht in einer Welt zu erwachen, in der alles anders, alles gut war. Sie war Polizistin. Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Welt sicher war. Und sie selbst konnte nicht einmal Frieden in ihrem eigenen Bett finden.

Sie trat ans Fenster und blickte hinaus auf die leere Straße. Wie viele Nächte mochte sie dort verbracht haben, in der Hoffnung, plötzlich Licht zu sehen? Manchmal hatte sie so lange darauf gewartet, dass es tatsächlich hell geworden war. Sie war es so müde, ständig müde zu sein.

Sie drehte sich um und schaute zum Wecker. Da fasste sie einen Entschluss. Sie würde keine einzige Nacht mehr mit den Dämonen in ihrem Schlafzimmer verbringen. Anna Eiler zog sich rasch an und ging zur Tür hinaus.

4

Erst im Nachhinein wurde es mir richtig bewusst.

Ich hatte einen Menschen getötet.

Für immer und ewig war ich nun ein Mörder. Das würde sich nie ändern. Das ließ sich nicht auslöschen. Tony Olsson. Leif Axmyr. Mattias Flink. Und ich.

Die Zeit drängte, aber ich konnte mich nicht rühren. Der Körper übernahm die Kontrolle und erinnerte sich an eine andere Zeit, als ich ein anderer Mensch gewesen war. Es schien furchtbar lange her zu sein.

Man sagt, es gibt zwei Wege der Rache. Der eine führt zum Scheitern, während der andere dich frei macht. Du weißt nicht, welchen der beiden Wege du erwischst. Und du merkst es erst nach einer Weile. Wenn es bereits zu spät ist.

Ich hatte auf die Befreiung gehofft, aber wie ich da neben dem Toten saß, empfand ich keinen Frieden. Nur Schmerz. Der Schmerz strahlte vom Herzen aus und ging durch den ganzen Körper. Es tat so verdammt weh.

Ich war immer wieder verblüfft, dass die Trauer einen so körperlichen Schmerz auslöst. Manchmal tat es so weh, dass ich nicht atmen konnte. Der Hals schnürte sich zu und hinderte die Luft daran, in die Lunge zu gelangen. Hass und Wut und Ohnmacht kämpften gegeneinander und benutzten meinen Körper als Schlachtfeld. Ich ließ sie ihren Kampf ausfechten und fragte mich gespannt, wer von ihnen heute den Sieg davontragen würde. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, dass mir nichts anderes übrig blieb, als es auszuhalten.

Ich warf einen letzten Blick auf die Leiche. Nahm Abschied.

Keine Kirchenglocken läuteten. Keine Engelsposaunen ertönten. Kein Chor sang Händels Halleluja.

Nichts war leichter geworden.

Ich spürte nur eine noch größere Leere.

5

Freitag, der 20. Mai

»Notrufzentrale, was ist passiert?«

»Es geht um meinen Mann, Viktor. Er … er ist weg.«

»Ihr Mann ist verschwunden?«

»Ja. Er ist gestern nicht nach Hause gekommen. Ich bin ins Bett gegangen, und als ich vorhin aufwachte, war er nicht da. Er ist gar nicht nach Hause gekommen.«

»Und er geht nicht ans Telefon?«

»Er … er geht nicht ran. Irgendwas stimmt nicht. Das spüre ich. Er ist noch nie einfach so weggeblieben. Er kommt immer nach Hause. Bitte, Sie müssen mir helfen, ihn zu finden.«

»Wie heißen Sie?«

»Jeanette Hyldgaard.«

»Ich sehe auf unserem Bildschirm die Adresse Korallvägen 14 in Skövde, ist das richtig?«

»Wie? Ja, das stimmt. Er hat so etwas noch nie gemacht.«

»Frau Hyldgaard, ein Streifenwagen ist unterwegs. Die Kollegen sind in fünfzehn Minuten bei Ihnen.«

»Werden Sie ihn finden?«

»Wir tun unser Bestes. Die Streife ist gleich da.«

6

Das Tageslicht fiel durch die Jalousien der Wohnung am Staketgränd in Skövde. Schon wieder Morgen? Dabei hatte sie doch gerade erst die Augen zugemacht. Julia Almliden zog sich die Decke übers Gesicht, in dem vergeblichen Versuch, die Sonnenstrahlen und die Bilder in ihrem Kopf verschwinden zu lassen. Es funktionierte nicht. Er war überall.

Julia seufzte und gab auf. Sie griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, den sie ins Schlafzimmer gestellt hatte, um etwas Gesellschaft zu haben, wenn das Bett ihr zu leer vorkam. Im Frühstücksfernsehen wurde Gustav Fridolin zum morgigen Parteitag interviewt, auf dem er aller Voraussicht nach zum neuen Sprecher der Umweltpartei gewählt werden würde. Sie sah, wie seine Lippen sich bewegten. Der Ton war an, aber sie konnte nicht hören, was er sagte. Das passierte ihr seit einem Jahr immer öfter: Sie sah, wie Menschen ihre Lippen bewegten, aber sie verstand nicht, was sie sagten. Bestimmt sprach er über irgendwas Wichtiges, aber sie hatte keine Ahnung, was es war. Sie sollte sich mehr für Politik interessieren, dachte Julia. Sie sollte sich überhaupt mehr für andere Menschen, ihre Schicksale und ihre Träume interessieren. Schließlich wurde sie dafür bezahlt, Leuten zuzuhören, ihre Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Wie konnte sie ihren Beruf ausüben, wenn sie selbst keine Gefühle hatte?

Vielleicht gerade deswegen, dachte Julia und stand auf. Worte waren lebendig, hatten ihre eigene Agenda. Wenn sie ihr eigenes Leben und ihr Herz heraushielt, konnte sie sich darauf konzentrieren, die Welt der Worte so blühend und lebendig wie möglich zu gestalten. Sie hatte der Sprache das Kommando überlassen, hatte den Worten erlaubt, durch ihre Artikel zu tanzen, wie sie wollten. Genau genommen hatte sie im vergangenen Jahr wohl nicht einen einzigen Menschen korrekt zitiert, aber man war ihr nicht auf die Schliche gekommen, denn in ihren Texten wirkten die Leute besser, als sie tatsächlich waren. Klüger, pfiffiger, einfühlsamer. Sie hatte nie bessere Artikel geschrieben als jetzt. Was für eine Ironie.

Julia schaltete den Fernseher aus. Sie würde sich auch heute nicht in einen politisch interessierten Menschen verwandeln.

7

Die Minuten verstrichen, wie sie es immer taten. Jede Minute war ein weiterer Schritt weg von ihm. So kam es ihr vor. Inzwischen zählte Anna Eiler die Minuten auf eine Art, die zutiefst ungesund war, wie sie wusste, aber sie konnte nicht anders. An diesem Morgen waren achtunddreißig Minuten vergangen, seit sie in ihrem Bett gelegen und den Wecker auf ihrem Nachttisch angestarrt hatte. Der Körper hatte sich langsam vom morgendlichen Gefühlsmarathon erholt, aber nicht von der körperlichen Aktivität der vergangenen Nacht.

Anna Eiler warf einen Blick auf das Haus, vor dem sie parkte. Für zwei Personen war es ziemlich groß, dachte sie. Instinktiv sehnte sie sich danach, im Wagen sitzen zu bleiben und die Welt aussperren zu können, aber als sie den verstohlenen Blick des uniformierten Kollegen bemerkte, öffnete sie seufzend die Tür und stieg aus.

»Ist Karlkvist schon hier?«, fragte sie und erhielt ein Kopfschütteln als Antwort.

Sie nickte mit der Autorität zurück, die ihrer Position als stellvertretender Polizeichefin angemessen war, und ging ohne weitere Fragen zur Haustür, die einen Spalt offen stand. Sie trat in die Diele, zog ihre Schuhe aus und stellte sie neben zwei grüne Stiefelpaare, von denen das eine von der Größe her einem Mann zu gehören schien und das andere einer Frau. Dann folgte sie dem Geräusch von zwei leisen Stimmen, das aus dem Wohnzimmer kam.

In der Ecke des L-förmigen Raums stand eine Frau mit verweintem Gesicht. Anna gab ihr die Hand, stellte sich vor und versprach, gleich wiederzukommen. Dann ging sie mit ihrem uniformierten Kollegen zurück in die Diele. Nach einem Wortwechsel von wenigen Minuten kehrte er zu dem anderen Streifenpolizisten zurück, der draußen auf ihn gewartet hatte.

Anna blickte ihm nach. Er hat sich die Schuhe nicht ausgezogen, dachte sie ärgerlich. In Schweden gehörte es sich, die Schuhe auszuziehen, wenn man eine Wohnung betrat, vor allem, wenn man schwarze Polizeistiefel trug, die alles Mögliche unter den Sohlen haben konnten. Im Film stiefelten die Polizisten immer einfach so herein. Im wirklichen Leben war es bei den meisten Leuten ordentlich und sauber, und viele, sie selbst eingeschlossen, hassten Abdrücke von Schuhsohlen auf dem Parkett.

Anna schloss die Augen und schluckte. Zeit, sich zu konzentrieren. Sie wusste, wo es endete, wenn sie ihren Gedanken freien Lauf ließ. Sie fragte sich, ob sie für den Rest ihres Lebens an diesen Mann denken würde.

»Wann geht es los? Kann ich mitgehen und suchen helfen, oder soll ich lieber hierbleiben, falls er nach Hause kommt?«

»Der Einsatz von Suchmannschaften ist in einem Fall wie diesem nicht das Mittel der Wahl«, sagte Anna Eiler und merkte, dass sie instinktiv einen belehrenden Tonfall angeschlagen hatte. Sie räusperte sich und gab sich Mühe, nicht besserwisserisch zu klingen.

»Diese Methode ist viel zu langsam. Es geht viel Zeit damit verloren, jeden Stein einzeln umzudrehen. Unter den gegebenen Umständen werden wir als Erstes mit den Leuten sprechen, die ihn zuletzt gesehen haben.«

»Aber wir reden doch nicht von einem Kind oder einem Demenzkranken. Wir reden von meinem Mann! Warum gehen Sie nicht einfach raus und suchen ihn? Was, wenn er irgendwo verletzt herumliegt und Hilfe braucht?«

»Genau. Es geht nicht um einen Demenzkranken. Es geht um einen gesunden, erwachsenen Mann Mitte vierzig, der nach einem Abend in der Kneipe nicht nach Hause gekommen ist.«

Anna Eiler biss sich auf die Zunge. Sie wünschte, sie hätte ein Glas Wasser vor sich auf dem Tisch. Dann hätte sie einen Schluck trinken können, und es hätte sich eine ganz natürliche Gesprächspause ergeben. Sie entschuldigte sich, stand auf und ging in die Küche, um zwei Gläser zu holen. Während sie den Wasserhahn aufdrehte, atmete sie tief durch. Genauso gut hätte sie der Frau ins Gesicht sagen können, dass es naiv sei zu glauben, ihr Mann liege verletzt in einem Straßengraben.

Sie füllte die beiden Gläser und brachte sie ins Wohnzimmer. Die Frau saß reglos da und starrte auf den Fußboden. Anna holte noch einmal tief Luft, ehe sie weitersprach.

»Ich kann verstehen, dass Sie sich Sorgen um Viktor machen, und ich versichere Ihnen, dass wir sein Verschwinden sehr ernst nehmen. Ich muss Ihnen aber auch sagen, dass ich es im Moment nicht für das Beste halte, unsere gesamten Einsatzkräfte zu einer Suchmannschaft zusammenzustellen. Es gibt eine Menge Leute, die wir befragen sollten, um Informationen über den gestrigen Tag zu erhalten.«

Anna blätterte in ihrem Notizblock.

»Meine Kollegen arbeiten bereits daran, und ich werde persönlich dafür sorgen, dass wir mit allen reden, die gestern mit Ihrem Mann zu tun hatten. Sie haben meinem Kollegen vorhin erzählt, dass gestern Abend Ihre Freundin Eva-Lotta Rahm zum Essen bei Ihnen war und um Viertel vor elf gegangen ist. Ihr Mann war mit zwei Kollegen verabredet, von denen nur einer aufgetaucht ist. Außerdem haben Sie ausgesagt, dass Sie ein gutes Verhältnis hatten und Sie sich nicht vorstellen können, dass ihm jemand etwas antun würde.«

»Ein gutes Verhältnis haben

Anna blickte von ihrem Block auf.

»Wie bitte?«

»Wieso reden Sie in der Vergangenheitsform über ihn? Wir haben ein gutes Verhältnis.«

»Ja, natürlich. Entschuldigung. Fällt Ihnen noch etwas ein?«

Die Frau mit dem verweinten Gesicht schüttelte den Kopf. Anna Eiler holte eine Visitenkarte hervor und legte sie auf den Tisch.

»Hier ist meine Handynummer. Rufen Sie mich bitte sofort an, falls sich etwas Neues ergibt. Hoffen wir, dass Ihr Mann bald nach Hause kommt und sich einfach nur … unterwegs verlaufen hat.«

Anna hörte selbst, wie unsensibel das klang, und tätschelte der Frau die Schulter, um die Situation zu entspannen – eine Geste, die ebenso oberflächlich war wie ihr Mitgefühl. Sie erhob sich und ging in die Diele, zog ihre Schuhe an und öffnete die Haustür. Im selben Moment kam eine geballte Faust aus der Türöffnung auf sie zu. Instinktiv riss Anna den Arm hoch und packte die Faust, die einer verblüfften Julia Almliden gehörte.

»Oh, hallo! Wow, Anna, was für ein Reaktionsvermögen. Ich wollte gerade an die Tür klopfen.«

Anna ließ die Faust der Reporterin los und rief ins Haus:

»Frau Hyldgaard! Hier sind zwei Reporter von der Västgöta-Nytt. Ich werde sie wegschicken.«

»Nein. Lassen Sie sie rein.«

Julia Almliden lächelte triumphierend und drängte sich an Anna vorbei in die Diele, dicht gefolgt vom Fotografen Janne Persson, besser bekannt unter dem Spitznamen Blaulicht wegen seines Talents, gleichzeitig mit der Polizei – oder sogar noch vor ihr – am Tatort zu sein.

»Machst du bitte die Tür hinter dir zu, wenn du gehst, Anna? Wir wollen ja nicht, dass Skövde Nyheter plötzlich auf der Matte steht«, sagte Julia, während sie ihre Schuhe abstreifte und nachlässig im Eingangsbereich liegen ließ. Janne hingegen schnürte in aller Ruhe seine Stiefel auf und stellte sie ordentlich auf die graue Nadelfilzmatte, genau dorthin, wo noch vor wenigen Augenblicken Annas Schuhe gestanden hatten.

»Um sieben?«, fragte Julia und blickte die Polizistin an. Anna nickte fast unmerklich, ehe die Haustür ins Schloss fiel.

8

Mit Janne Persson im Schlepptau ging Julia Almliden ins Wohnzimmer, aus dem die Stimme gekommen war, aber in dem Raum mit dem hellen Parkettboden war niemand. Ein Holzrahmensofa aus dem neunzehnten Jahrhundert stand an der einen Wand, darüber hingen drei Lithografien in einer Reihe. Julia hatte sich nie besonders für Kunst interessiert, aber da sie vor zwei Monaten einen Bericht über eine Ausstellung von Madeleine Pyk im Kunstmuseum geschrieben hatte, erkannte sie die fantasievollen bunten Bilder sofort wieder.

Julia Almliden erinnerte sich, dass sie die Künstlerin beneidet und sich gefragt hatte, wie viel Lebensfreude man besitzen musste, um mit so viel Witz und Leichtigkeit malen zu können. Sie wandte den Blick von den Bildern ab, um nicht an all das erinnert zu werden, was sie nicht hatte. In der Mitte des Zimmers standen ein Esstisch und acht Stühle aus Eiche. Eine andere Wand bestand aus verschiebbaren Glasflächen, die zu einer Terrasse führten.

»Jeanette Hyldgaard?«, rief Julia.

»Hier hinten!«

Julia und Janne bogen um eine Ecke und fanden sich im zweiten Teil des L-förmigen Wohnzimmers wieder, der ebenso groß war wie der andere.

Sie gingen an einem offenen Kamin vorbei und kamen zu einem weißen Sessel mit passendem Hocker und einem beigefarbenen Ecksofa, auf dem eine blasse, magere Frau Anfang vierzig saß. Ihr beinahe schwarzes Haar war zu einem lockeren Knoten geschlungen, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten, die ihre hohen Wangenknochen umspielten. Die Frau trug einen viel zu großen grauen Strickpullover und schwarze Jeans. Ihre Augen waren gerötet, die Lider vom Weinen geschwollen. Julia lächelte die Frau an, während sie die Hand auf den weißen Sessel legte und über das Lammfell strich, mit dem er bezogen war. Sie wollte sich gerade vorstellen, als die Frau auf dem Sofa ihr zuvorkam.

»Das ist der Lieblingsplatz meines Mannes, der Sessel, den Sie da streicheln.«

Julia zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Die Frau wirkte plötzlich verlegen.

»Entschuldigung, so habe ich das nicht gemeint. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Viktor sitzt immer in dem Sessel, er schläft sogar darin. Das war auch mein erster Gedanke, als ich heute Morgen aufgewacht bin. Ich bin ins Wohnzimmer gegangen, um ihm zu sagen, dass er ins Bett kommen soll. Aber er war nicht da.«

Die Frau zog die Knie an die Brust und blickte Julia einen Moment an, ehe sie die Augen wieder niederschlug.

»Ich bin Julia Almliden«, sagte Julia und streckte die Hand aus.

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe die Frau sich bequemte, ihr die Hand zu geben. Wegen ihrer zierlichen Erscheinung hatte Julia mit einem sanften Händedruck gerechnet, aber die Finger der Frau packten erstaunlich fest zu.

»Jeanette Hyldgaard.«

Julia nickte und trat einen Schritt zurück.

»Ich bin Journalistin bei der Västgöta-Nytt, und das hier ist mein Kollege Janne Persson. Er ist Fotograf und wird auch Blaulicht genannt.«

»Sind welche vor dem Haus?«

»Wie bitte?«, fragte Janne, der gerade einen Schritt vorgetreten war, um ihr seinerseits die Hand zu schütteln, aber nun mitten in der Bewegung innehielt.

»Blaulichter«, erklärte Jeanette Hyldgaard. »Sie machen mir Angst. Wenn ich mir vorstelle, dass Polizeiautos oder Rettungswagen mit blinkendem Blaulicht vor meinem Haus stehen, kriege ich Panik.«

»Draußen steht ein Polizeiauto, aber das Blaulicht ist nicht an«, sagte Janne Persson.

Die Frau nickte. Keiner sagte etwas. Julia wurde unruhig. Sie hasste bedrückende Stille.

»Wir würden gern mit Ihnen über das Verschwinden Ihres Mannes sprechen, wenn es Ihnen recht ist.«

Jeanette Hyldgaard blickte zuerst zu Julia Almliden. Dann zu Janne Persson. Und wieder zu Julia. Mochten ihre Augen auch rot und geschwollen sein, ihr Blick war wach und intelligent.

»Die Polizei nimmt sein Verschwinden offenbar nicht ernst«, sagte Jeanette Hyldgaard schließlich.

Jeder Angehörige war anders. Manche brauchten Mitgefühl, andere wollten einfach nur in Ruhe gelassen werden. Frau Hyldgaard wollte offenbar Ehrlichkeit, dachte Julia. Keine blumigen Umschreibungen.

»Sie haben vollkommen recht.«

Julia sah die Überraschung im Gesicht der Frau und wusste, dass sie für die nächsten Sekunden deren ungeteilte Aufmerksamkeit besaß.

»Die Polizei geht von ihrer üblichen Beurteilungsschablone aus«, fuhr sie fort. »Und auf der gilt das Verschwinden Ihres Mannes nicht als Notfall.«

Die eben noch in sich zusammengesunkene Frau richtete sich plötzlich auf.

»Wie meinen Sie das?«

»Es geht nach Dringlichkeit. Wenn eine Person vermisst wird, hakt die Polizei verschiedene Punkte ab, die zusammengenommen die Entscheidungsgrundlage dafür bilden, wie weiter vorgegangen werden soll. Ist die betreffende Person früher schon mal verschwunden? Ist sie als hilflos einzustufen, das heißt, handelt es sich um ein Kind, eine demente Person oder um jemanden, der krank ist? Wie gefährlich ist die Gegend, in der die Person verschwunden ist? Die Polizisten ziehen Alter, körperliche und geistige Verfassung der vermissten Person in Betracht. Ein dreiundvierzigjähriger, kerngesunder Mann, der an einem milden Frühlingsabend verschwindet, steht ganz unten auf der Liste. Die Polizei darf vierundzwanzig Stunden abwarten, ehe sie mit der Suche beginnt, und in Ihrem Fall wird sie höchstwahrscheinlich genau das tun. Abwarten. Die Polizisten glauben ganz einfach nicht, dass Ihrem Mann etwas Ernstes zugestoßen ist.«

Sie schwieg, um Jeanette Hyldgaard Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, aber diese saß nur schweigend da und wartete auf die Fortsetzung. Julia biss sich auf die Unterlippe. Das war der Moment, in dem es schiefgehen konnte.

»Ich kenne Anna Eiler gut. Ich weiß, wie sie denkt. Ihr Mann war gestern einen trinken, richtig? Auf Feierabendtour mit seinen Kollegen?«

Sie blätterte in ihrem Block nach den Namen, die sie im Unternehmensregister gefunden hatte.

»Kristoffer Rahm und Lenny Rosengren?«

»Ja«, erwiderte Jeanette Hyldgaard und nickte. »Genau genommen war er mit seinem Kollegen unterwegs. Singular. Verabredet waren sie zu dritt, aber Lenny war offenbar krank und ist zu Hause geblieben. Ich habe bei beiden heute Morgen angerufen.«

»Anna Eiler denkt, dass er einen über den Durst getrunken hat und heute Morgen in einem fremden Bett aufgewacht ist. Dass er bei einer anderen Frau war und sich gerade fragt, wie er aus der ganzen Sache heil wieder herauskommt.«

Jeanette Hyldgaard schüttelte heftig den Kopf. Sie sah Julia an und gleichzeitig durch sie hindurch.

»Er würde nie …«

Julia unterbrach die Frau. Sie musste sie zurückholen, damit ihre Gedanken nicht abschweiften.

»Tut mir leid, wenn ich brüsk erscheine, Frau Hyldgaard. Aber Sie sagen, Sie haben das Gefühl, dass die Polizei das Verschwinden Ihres Mannes nicht ernst nimmt, und ich sage Ihnen, dass Ihr Gefühl stimmt. Die Polizei nimmt die Sache nicht ernst. Aber ich schon.«

Julia überlegte, ob sie den letzten Satz wiederholen sollte, um die Botschaft zu verstärken, entschied dann aber, dass es nur die Eindringlichkeit dessen, was sie gerade gesagt hatte, zunichtemachen würde. Sie betrachtete ihr Gegenüber und stand regungslos da, bis Frau Hyldgaard schließlich eine schnelle, einladende Geste machte.

»Möchten Sie sich nicht setzen?«

Julia nahm im Sessel Platz und Janne auf dem Sofa, so weit wie nur möglich von Jeanette Hyldgaard entfernt.

»Der ist wirklich bequem«, sagte Julia und lächelte. »Ich kann verstehen, dass Ihr Mann ihn liebt.« Sie achtete darauf, im Präsens von ihm zu sprechen, genau wie seine Frau.

Jeanette Hyldgaards Züge wurden weich. Der Schatten auf ihrem Gesicht verschwand, und zum Vorschein kam eine wunderschöne Frau.

»Er hat ihn zu unserem fünften Hochzeitstag von mir bekommen. Im Sommer davor waren wir auf Gotland, und im Hotel gab es eine mit Lammfell bezogene Bank, die Viktor sehr bequem fand. Als er später mal auf Dienstreise war, habe ich seinen Lieblingssessel ins Auto geladen, die Fähre nach Gotland genommen und ihn neu beziehen lassen. Viktor sagt, es ist das wunderbarste Geschenk, das er je bekommen hat.«

Julia straffte die Schultern.

»Wie sind seine Trinkgewohnheiten? Meinen Sie, dass er gestern Abend betrunken war?«

»Nein, das war er nicht, da bin ich mir ganz sicher. Viktor trinkt nie mehr als ein Bier oder zwei, schon gar nicht, wenn er nach Feierabend mit Kollegen unterwegs ist. Ich glaube, während unserer gesamten Ehe habe ich ihn nur ganz selten richtig betrunken erlebt. Ich kann die wenigen Male an einer Hand abzählen. Er will die Kontrolle behalten. Wir sind beide sehr maßvoll, was Alkohol betrifft. Wenn wir zum Essen eine Flasche Wein öffnen, bleibt meistens die Hälfte übrig.«

»Ich bin mir sicher, dass Anna sich bei seinen Kollegen und beim Barpersonal danach erkundigen wird, und wenn die Ihre Angaben bestätigen, wovon ich ausgehe, dann wird die Polizei ihn nicht als hilflose Person einstufen. Das heißt, sie werden vermutlich umso mehr an ihrer Theorie festhalten, dass Ihr Mann freiwillig abgetaucht ist.«

Julia beobachtete Jeanette Hyldgaards Gesicht und versuchte, darin zu lesen. Sie war sich bewusst, dass ihre Feinfühligkeit einer der größten Vorzüge in ihrem Beruf war, wenn sie es denn schaffte, sie einzuschalten. Sie hatte ihr Leben lang trainiert, auch flüchtige Blicke zu deuten. Sie vertraute darauf, dass sie und Jeanette Hyldgaard auf dem richtigen Weg waren. Deshalb wartete sie schweigend, bis die Frau auf der anderen Seite des Couchtisches zu reden begann. Es dauerte knapp fünfundvierzig Sekunden.

»Das klingt ja wie eine Art Wissenschaft. Ein Benotungssystem! Sie vergeben Punkte für bestimmte Voraussetzungen, und mein Mann, der nüchtern bleibt und sich nicht prügelt, erhält wenige Punkte und damit weniger Hilfe von der Polizei als ein alkoholisierter Randalierer, der sich jedes Wochenende ins Koma säuft?«

Julia nickte. »Genauso ist es. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Art Wissenschaft, wie Sie es nannten. Das ist Wissenschaft. Seit mittlerweile ziemlich vielen Jahren arbeitet die Polizei von Skövde mit etwas, das MSO heißt, Managing Search Operations. Die Methode kommt aus den USA und basiert auf statistischen Daten, die über viele Jahre bei Vermisstenfällen gesammelt wurden. Man schreibt alles auf. Das Wetter, die Kleidung und den Alkoholkonsum. Mildernde und erschwerende Umstände. Und je mehr Vermisstenfälle statistisch erfasst werden, desto deutlicher lassen sich bestimmte Muster erkennen. Dank dieses statistischen Datenmaterials weiß man ziemlich genau, wie weit ein fünfjähriges Kind sich vom Ort seines Verschwindens entfernen kann, ehe es müde wird und sich ausruhen muss. Man weiß, bei welchen Worten ein Kind hinter dem Busch sitzen bleibt, wo es sich vielleicht versteckt hat. Man weiß aber auch, mit welchen Geräuschen man ein Kind am besten hervorlocken kann. Wussten Sie zum Beispiel, dass das Bimmeln eines Eisautos einer der besten Tricks ist? In dem Alter ist dieses Geräusch mit purer Glückseligkeit verknüpft. Da kommt das Kind angelaufen, denn das Eisauto bedeutet keine Gefahr. Wenn aber ein Polizist den Namen des Kindes ruft, kann das den gegenteiligen Effekt haben. Bei einer lauten Stimme bekommt das Kind Angst, dass es ausgeschimpft werden könnte, und wagt dann meistens nicht, sich zu rühren.«

Julia bemerkte ein Glas Wasser auf dem Tisch, von dem sie annahm, dass Anna daraus getrunken hatte. Sie beugte sich vor und nahm einen Schluck, ehe sie fortfuhr.

»Diese Methode zeigt auch, dass ein sehr alter, dementer Mensch nicht in der Lage ist, sich in einem Waldstück zu orientieren, sondern meistens in westliche Richtung geht. Aus der Datenbank geht hervor, dass eine zehn Zentimeter tiefe Wasserpfütze tödlich sein kann, wenn ein schwer Betrunkener hinfällt und mit dem Gesicht darin liegen bleibt. Kurz gesagt, auf Grundlage all dieser Erhebungen kann man sich ein recht gutes Bild davon machen, ob sich eine vermisste Person in akuter Lebensgefahr befindet oder nicht. Und wenn Ihr Mann an einem milden Frühlingsabend relativ nüchtern war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ertrunken in einem Straßengraben liegt, sehr gering, um nicht zu sagen gleich null. Daher glaubt die Polizei, dass er in einem fremden Bett aufgewacht ist, neben einer Person, an deren Seite er besser nicht aufwachen sollte, und dass er nun eine Heidenangst hat und versucht, sich eine glaubwürdige Ausrede zu überlegen. Vielleicht ruft er seine Kollegen an, um sich ein Alibi geben zu lassen, oder er kommt in ein, zwei Stunden nach Hause und schiebt alles auf eine Krise in der Firma.«

Sie warf einen Blick zur Uhr an der Wand.

»Es ist immer noch früh«, sagte sie.

Jeanette Hyldgaard beugte sich vor und massierte ihre Schläfen. Julia und Janne sahen sich stumm an. In einem Fall mit schlechterer Prognose hätte Janne längst die Kamera gezückt, um ein gutes Foto zu schießen, wenn die besorgte Ehefrau gerade besonders verzweifelt aussah, aber so saßen sie nur schweigend da und warteten. Sie wussten beide, dass sie höchstwahrscheinlich bald bessere Bilder bekommen würden. Janne verließ sich ganz auf Julia. Und sie spürte, dass er mit seiner Entscheidung richtiglag. Sie konnte nie ganz genau sagen, wann es passierte, aber wenn das Vertrauen erst da war, dann spürte sie es. Und sie hatte Jeanette Hyldgaards Vertrauen.

»Wenn es Wissenschaft ist … und wenn es Statistiken gibt … Wie geht es dann weiter? Wird man ihn schnell finden?«

Julia nickte. »In Schweden verschwindet fast stündlich ein Mensch, jeden Tag, das ganze Jahr über. Zwanzig Personen am Tag, etwas mehr als siebentausendeinhundert im Jahr. Die allermeisten tauchen wieder auf. Manche sind verreist und haben vergessen, Bescheid zu sagen, manche haben die Nacht irgendwo verbracht, wo sie es nicht sollten, manche wollen aus verschiedenen Gründen einfach ihre Ruhe haben, oder sie haben sich verlaufen. Leider gibt es einige wenige Menschen, denen tatsächlich etwas zugestoßen ist, die verletzt wurden oder sich etwas angetan haben oder im schlimmsten Fall ums Leben gekommen sind. Aber die Antwort auf Ihre Frage lautet: Ja, die meisten werden gefunden. Und zwar lebendig. Es sind nur fünfundzwanzig bis dreißig Vermisste, die nie wieder auftauchen, deren Verschwinden für immer ungeklärt bleibt. Deren Angehörige nie Gewissheit erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Mann einer dieser Fälle sein könnte, ist verschwindend gering. Nur 0,4 Prozent.«

Frau Hyldgaard blickte die Reporterin verwundert an.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Woher wissen Sie das alles?«

Julia schwieg einen Moment, ehe sie den Mund öffnete.

»Ich weiß es, weil mein Vater in die letzte Kategorie fällt. Die mit den fünfundzwanzig bis dreißig Verschollenen. Er ist vor einem Jahr, zwei Monaten und einem Tag verschwunden, und kein Mensch weiß, was mit ihm passiert ist.«

Sie gab sich für ein paar Sekunden der Erinnerung hin, während Stille das Zimmer erfüllte. Dann holten Jeanette Hyldgaards tiefe Atemzüge sie aus der Vergangenheit zurück.

»Glauben Sie mir«, fuhr Julia fort. »Ich weiß genau, was Sie durchmachen, und ich verspreche Ihnen, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, um Ihnen zu helfen. Wir werden Ihren Mann finden.«

9

Wenn Julia Almliden es nicht besser wüsste, hätte sie geschworen, dass es Ing-Marie Andersson war, die in dem weißen Auto saß. Der Wagen parkte zwei Grundstücke neben dem Haus der Hyldgaards im Korallvägen. Während Janne losfuhr, schnallte Julia sich an und sah wieder in den Rückspiegel, um schnell noch einen Blick auf die rothaarige Frau zu werfen, aber das Auto war zu weit weg. Sie konnte es nicht sein, entschied Julia. Ing-Marie Andersson war doch noch in Stockholm. Julia hatte ihre Kollegin im vergangenen Jahr mehr vermisst, als sie gedacht hätte, und sie hatte sich über die Nachricht gefreut, dass Ing-Marie nach Skövde zurückkehren würde.

Die einundvierzigjährige Ing-Marie Andersson war Polizeireporterin bis in die Zehenspitzen. Sie liebte es, über schwere Verbrechen zu schreiben, von denen es ihrer Meinung nach viel zu wenige in Skövde gab. Ing-Marie hatte bei der Abendzeitung eine gute Figur gemacht und mehr als einmal den Aufmacher geliefert. Julia hatte ihr jedes Mal per MMS gratuliert und Fotos von den gelben Schlagzeilenplakaten mitgeschickt, die bei ICA Maxi aushingen. Sie war sich ziemlich sicher gewesen, dass ihre ehemalige Kollegin nie mehr zurückkommen würde. Zum einen wegen des Jobs, zum anderen wegen Evelina Thott, Ing-Maries Lebensgefährtin. Vor einem Jahr hatte die sonst so verschlossene Ing-Marie ihr erzählt, dass sie eine Freundin hatte, die als Forensikerin im Staatlichen Kriminaltechnischen Labor in Linköping arbeitete.

Anstatt in Skövde Versteck zu spielen, wo Ing-Marie Andersson ein Geheimnis aus ihrer Homosexualität machte, hatten die beiden im letzten Jahr relativ offen als Paar gelebt. Sie hatten zwar eine Fernbeziehung geführt, aber es war doch wesentlich kürzer, zwischen Linköping und Stockholm zu pendeln als zwischen Skövde und Linköping. Julia verstand zwar nicht ganz, warum Ing-Marie das alles aufgeben wollte, aber als die Kollegin sie vor einem Monat angerufen und ihr erzählt hatte, dass sich nach ihrem Vertretungsjob keine feste Stelle ergeben würde, hatte sie dennoch nicht besonders traurig geklungen. Wie auch immer, Julia freute sich jedenfalls, dass Ing-Marie zurückkam. Es war ein schlimmes Jahr gewesen.