8
Mit Janne Persson im Schlepptau ging Julia Almliden ins Wohnzimmer, aus dem die Stimme gekommen war, aber in dem Raum mit dem hellen Parkettboden war niemand. Ein Holzrahmensofa aus dem neunzehnten Jahrhundert stand an der einen Wand, darüber hingen drei Lithografien in einer Reihe. Julia hatte sich nie besonders für Kunst interessiert, aber da sie vor zwei Monaten einen Bericht über eine Ausstellung von Madeleine Pyk im Kunstmuseum geschrieben hatte, erkannte sie die fantasievollen bunten Bilder sofort wieder.
Julia Almliden erinnerte sich, dass sie die Künstlerin beneidet und sich gefragt hatte, wie viel Lebensfreude man besitzen musste, um mit so viel Witz und Leichtigkeit malen zu können. Sie wandte den Blick von den Bildern ab, um nicht an all das erinnert zu werden, was sie nicht hatte. In der Mitte des Zimmers standen ein Esstisch und acht Stühle aus Eiche. Eine andere Wand bestand aus verschiebbaren Glasflächen, die zu einer Terrasse führten.
»Jeanette Hyldgaard?«, rief Julia.
»Hier hinten!«
Julia und Janne bogen um eine Ecke und fanden sich im zweiten Teil des L-förmigen Wohnzimmers wieder, der ebenso groß war wie der andere.
Sie gingen an einem offenen Kamin vorbei und kamen zu einem weißen Sessel mit passendem Hocker und einem beigefarbenen Ecksofa, auf dem eine blasse, magere Frau Anfang vierzig saß. Ihr beinahe schwarzes Haar war zu einem lockeren Knoten geschlungen, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten, die ihre hohen Wangenknochen umspielten. Die Frau trug einen viel zu großen grauen Strickpullover und schwarze Jeans. Ihre Augen waren gerötet, die Lider vom Weinen geschwollen. Julia lächelte die Frau an, während sie die Hand auf den weißen Sessel legte und über das Lammfell strich, mit dem er bezogen war. Sie wollte sich gerade vorstellen, als die Frau auf dem Sofa ihr zuvorkam.
»Das ist der Lieblingsplatz meines Mannes, der Sessel, den Sie da streicheln.«
Julia zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Die Frau wirkte plötzlich verlegen.
»Entschuldigung, so habe ich das nicht gemeint. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Viktor sitzt immer in dem Sessel, er schläft sogar darin. Das war auch mein erster Gedanke, als ich heute Morgen aufgewacht bin. Ich bin ins Wohnzimmer gegangen, um ihm zu sagen, dass er ins Bett kommen soll. Aber er war nicht da.«
Die Frau zog die Knie an die Brust und blickte Julia einen Moment an, ehe sie die Augen wieder niederschlug.
»Ich bin Julia Almliden«, sagte Julia und streckte die Hand aus.
Es dauerte ein paar Sekunden, ehe die Frau sich bequemte, ihr die Hand zu geben. Wegen ihrer zierlichen Erscheinung hatte Julia mit einem sanften Händedruck gerechnet, aber die Finger der Frau packten erstaunlich fest zu.
»Jeanette Hyldgaard.«
Julia nickte und trat einen Schritt zurück.
»Ich bin Journalistin bei der Västgöta-Nytt, und das hier ist mein Kollege Janne Persson. Er ist Fotograf und wird auch Blaulicht genannt.«
»Sind welche vor dem Haus?«
»Wie bitte?«, fragte Janne, der gerade einen Schritt vorgetreten war, um ihr seinerseits die Hand zu schütteln, aber nun mitten in der Bewegung innehielt.
»Blaulichter«, erklärte Jeanette Hyldgaard. »Sie machen mir Angst. Wenn ich mir vorstelle, dass Polizeiautos oder Rettungswagen mit blinkendem Blaulicht vor meinem Haus stehen, kriege ich Panik.«
»Draußen steht ein Polizeiauto, aber das Blaulicht ist nicht an«, sagte Janne Persson.
Die Frau nickte. Keiner sagte etwas. Julia wurde unruhig. Sie hasste bedrückende Stille.
»Wir würden gern mit Ihnen über das Verschwinden Ihres Mannes sprechen, wenn es Ihnen recht ist.«
Jeanette Hyldgaard blickte zuerst zu Julia Almliden. Dann zu Janne Persson. Und wieder zu Julia. Mochten ihre Augen auch rot und geschwollen sein, ihr Blick war wach und intelligent.
»Die Polizei nimmt sein Verschwinden offenbar nicht ernst«, sagte Jeanette Hyldgaard schließlich.
Jeder Angehörige war anders. Manche brauchten Mitgefühl, andere wollten einfach nur in Ruhe gelassen werden. Frau Hyldgaard wollte offenbar Ehrlichkeit, dachte Julia. Keine blumigen Umschreibungen.
»Sie haben vollkommen recht.«
Julia sah die Überraschung im Gesicht der Frau und wusste, dass sie für die nächsten Sekunden deren ungeteilte Aufmerksamkeit besaß.
»Die Polizei geht von ihrer üblichen Beurteilungsschablone aus«, fuhr sie fort. »Und auf der gilt das Verschwinden Ihres Mannes nicht als Notfall.«
Die eben noch in sich zusammengesunkene Frau richtete sich plötzlich auf.
»Wie meinen Sie das?«
»Es geht nach Dringlichkeit. Wenn eine Person vermisst wird, hakt die Polizei verschiedene Punkte ab, die zusammengenommen die Entscheidungsgrundlage dafür bilden, wie weiter vorgegangen werden soll. Ist die betreffende Person früher schon mal verschwunden? Ist sie als hilflos einzustufen, das heißt, handelt es sich um ein Kind, eine demente Person oder um jemanden, der krank ist? Wie gefährlich ist die Gegend, in der die Person verschwunden ist? Die Polizisten ziehen Alter, körperliche und geistige Verfassung der vermissten Person in Betracht. Ein dreiundvierzigjähriger, kerngesunder Mann, der an einem milden Frühlingsabend verschwindet, steht ganz unten auf der Liste. Die Polizei darf vierundzwanzig Stunden abwarten, ehe sie mit der Suche beginnt, und in Ihrem Fall wird sie höchstwahrscheinlich genau das tun. Abwarten. Die Polizisten glauben ganz einfach nicht, dass Ihrem Mann etwas Ernstes zugestoßen ist.«
Sie schwieg, um Jeanette Hyldgaard Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, aber diese saß nur schweigend da und wartete auf die Fortsetzung. Julia biss sich auf die Unterlippe. Das war der Moment, in dem es schiefgehen konnte.
»Ich kenne Anna Eiler gut. Ich weiß, wie sie denkt. Ihr Mann war gestern einen trinken, richtig? Auf Feierabendtour mit seinen Kollegen?«
Sie blätterte in ihrem Block nach den Namen, die sie im Unternehmensregister gefunden hatte.
»Kristoffer Rahm und Lenny Rosengren?«
»Ja«, erwiderte Jeanette Hyldgaard und nickte. »Genau genommen war er mit seinem Kollegen unterwegs. Singular. Verabredet waren sie zu dritt, aber Lenny war offenbar krank und ist zu Hause geblieben. Ich habe bei beiden heute Morgen angerufen.«
»Anna Eiler denkt, dass er einen über den Durst getrunken hat und heute Morgen in einem fremden Bett aufgewacht ist. Dass er bei einer anderen Frau war und sich gerade fragt, wie er aus der ganzen Sache heil wieder herauskommt.«
Jeanette Hyldgaard schüttelte heftig den Kopf. Sie sah Julia an und gleichzeitig durch sie hindurch.
»Er würde nie …«
Julia unterbrach die Frau. Sie musste sie zurückholen, damit ihre Gedanken nicht abschweiften.
»Tut mir leid, wenn ich brüsk erscheine, Frau Hyldgaard. Aber Sie sagen, Sie haben das Gefühl, dass die Polizei das Verschwinden Ihres Mannes nicht ernst nimmt, und ich sage Ihnen, dass Ihr Gefühl stimmt. Die Polizei nimmt die Sache nicht ernst. Aber ich schon.«
Julia überlegte, ob sie den letzten Satz wiederholen sollte, um die Botschaft zu verstärken, entschied dann aber, dass es nur die Eindringlichkeit dessen, was sie gerade gesagt hatte, zunichtemachen würde. Sie betrachtete ihr Gegenüber und stand regungslos da, bis Frau Hyldgaard schließlich eine schnelle, einladende Geste machte.
»Möchten Sie sich nicht setzen?«
Julia nahm im Sessel Platz und Janne auf dem Sofa, so weit wie nur möglich von Jeanette Hyldgaard entfernt.
»Der ist wirklich bequem«, sagte Julia und lächelte. »Ich kann verstehen, dass Ihr Mann ihn liebt.« Sie achtete darauf, im Präsens von ihm zu sprechen, genau wie seine Frau.
Jeanette Hyldgaards Züge wurden weich. Der Schatten auf ihrem Gesicht verschwand, und zum Vorschein kam eine wunderschöne Frau.
»Er hat ihn zu unserem fünften Hochzeitstag von mir bekommen. Im Sommer davor waren wir auf Gotland, und im Hotel gab es eine mit Lammfell bezogene Bank, die Viktor sehr bequem fand. Als er später mal auf Dienstreise war, habe ich seinen Lieblingssessel ins Auto geladen, die Fähre nach Gotland genommen und ihn neu beziehen lassen. Viktor sagt, es ist das wunderbarste Geschenk, das er je bekommen hat.«
Julia straffte die Schultern.
»Wie sind seine Trinkgewohnheiten? Meinen Sie, dass er gestern Abend betrunken war?«
»Nein, das war er nicht, da bin ich mir ganz sicher. Viktor trinkt nie mehr als ein Bier oder zwei, schon gar nicht, wenn er nach Feierabend mit Kollegen unterwegs ist. Ich glaube, während unserer gesamten Ehe habe ich ihn nur ganz selten richtig betrunken erlebt. Ich kann die wenigen Male an einer Hand abzählen. Er will die Kontrolle behalten. Wir sind beide sehr maßvoll, was Alkohol betrifft. Wenn wir zum Essen eine Flasche Wein öffnen, bleibt meistens die Hälfte übrig.«
»Ich bin mir sicher, dass Anna sich bei seinen Kollegen und beim Barpersonal danach erkundigen wird, und wenn die Ihre Angaben bestätigen, wovon ich ausgehe, dann wird die Polizei ihn nicht als hilflose Person einstufen. Das heißt, sie werden vermutlich umso mehr an ihrer Theorie festhalten, dass Ihr Mann freiwillig abgetaucht ist.«
Julia beobachtete Jeanette Hyldgaards Gesicht und versuchte, darin zu lesen. Sie war sich bewusst, dass ihre Feinfühligkeit einer der größten Vorzüge in ihrem Beruf war, wenn sie es denn schaffte, sie einzuschalten. Sie hatte ihr Leben lang trainiert, auch flüchtige Blicke zu deuten. Sie vertraute darauf, dass sie und Jeanette Hyldgaard auf dem richtigen Weg waren. Deshalb wartete sie schweigend, bis die Frau auf der anderen Seite des Couchtisches zu reden begann. Es dauerte knapp fünfundvierzig Sekunden.
»Das klingt ja wie eine Art Wissenschaft. Ein Benotungssystem! Sie vergeben Punkte für bestimmte Voraussetzungen, und mein Mann, der nüchtern bleibt und sich nicht prügelt, erhält wenige Punkte und damit weniger Hilfe von der Polizei als ein alkoholisierter Randalierer, der sich jedes Wochenende ins Koma säuft?«
Julia nickte. »Genauso ist es. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Art Wissenschaft, wie Sie es nannten. Das ist Wissenschaft. Seit mittlerweile ziemlich vielen Jahren arbeitet die Polizei von Skövde mit etwas, das MSO heißt, Managing Search Operations. Die Methode kommt aus den USA und basiert auf statistischen Daten, die über viele Jahre bei Vermisstenfällen gesammelt wurden. Man schreibt alles auf. Das Wetter, die Kleidung und den Alkoholkonsum. Mildernde und erschwerende Umstände. Und je mehr Vermisstenfälle statistisch erfasst werden, desto deutlicher lassen sich bestimmte Muster erkennen. Dank dieses statistischen Datenmaterials weiß man ziemlich genau, wie weit ein fünfjähriges Kind sich vom Ort seines Verschwindens entfernen kann, ehe es müde wird und sich ausruhen muss. Man weiß, bei welchen Worten ein Kind hinter dem Busch sitzen bleibt, wo es sich vielleicht versteckt hat. Man weiß aber auch, mit welchen Geräuschen man ein Kind am besten hervorlocken kann. Wussten Sie zum Beispiel, dass das Bimmeln eines Eisautos einer der besten Tricks ist? In dem Alter ist dieses Geräusch mit purer Glückseligkeit verknüpft. Da kommt das Kind angelaufen, denn das Eisauto bedeutet keine Gefahr. Wenn aber ein Polizist den Namen des Kindes ruft, kann das den gegenteiligen Effekt haben. Bei einer lauten Stimme bekommt das Kind Angst, dass es ausgeschimpft werden könnte, und wagt dann meistens nicht, sich zu rühren.«
Julia bemerkte ein Glas Wasser auf dem Tisch, von dem sie annahm, dass Anna daraus getrunken hatte. Sie beugte sich vor und nahm einen Schluck, ehe sie fortfuhr.
»Diese Methode zeigt auch, dass ein sehr alter, dementer Mensch nicht in der Lage ist, sich in einem Waldstück zu orientieren, sondern meistens in westliche Richtung geht. Aus der Datenbank geht hervor, dass eine zehn Zentimeter tiefe Wasserpfütze tödlich sein kann, wenn ein schwer Betrunkener hinfällt und mit dem Gesicht darin liegen bleibt. Kurz gesagt, auf Grundlage all dieser Erhebungen kann man sich ein recht gutes Bild davon machen, ob sich eine vermisste Person in akuter Lebensgefahr befindet oder nicht. Und wenn Ihr Mann an einem milden Frühlingsabend relativ nüchtern war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ertrunken in einem Straßengraben liegt, sehr gering, um nicht zu sagen gleich null. Daher glaubt die Polizei, dass er in einem fremden Bett aufgewacht ist, neben einer Person, an deren Seite er besser nicht aufwachen sollte, und dass er nun eine Heidenangst hat und versucht, sich eine glaubwürdige Ausrede zu überlegen. Vielleicht ruft er seine Kollegen an, um sich ein Alibi geben zu lassen, oder er kommt in ein, zwei Stunden nach Hause und schiebt alles auf eine Krise in der Firma.«
Sie warf einen Blick zur Uhr an der Wand.
»Es ist immer noch früh«, sagte sie.
Jeanette Hyldgaard beugte sich vor und massierte ihre Schläfen. Julia und Janne sahen sich stumm an. In einem Fall mit schlechterer Prognose hätte Janne längst die Kamera gezückt, um ein gutes Foto zu schießen, wenn die besorgte Ehefrau gerade besonders verzweifelt aussah, aber so saßen sie nur schweigend da und warteten. Sie wussten beide, dass sie höchstwahrscheinlich bald bessere Bilder bekommen würden. Janne verließ sich ganz auf Julia. Und sie spürte, dass er mit seiner Entscheidung richtiglag. Sie konnte nie ganz genau sagen, wann es passierte, aber wenn das Vertrauen erst da war, dann spürte sie es. Und sie hatte Jeanette Hyldgaards Vertrauen.
»Wenn es Wissenschaft ist … und wenn es Statistiken gibt … Wie geht es dann weiter? Wird man ihn schnell finden?«
Julia nickte. »In Schweden verschwindet fast stündlich ein Mensch, jeden Tag, das ganze Jahr über. Zwanzig Personen am Tag, etwas mehr als siebentausendeinhundert im Jahr. Die allermeisten tauchen wieder auf. Manche sind verreist und haben vergessen, Bescheid zu sagen, manche haben die Nacht irgendwo verbracht, wo sie es nicht sollten, manche wollen aus verschiedenen Gründen einfach ihre Ruhe haben, oder sie haben sich verlaufen. Leider gibt es einige wenige Menschen, denen tatsächlich etwas zugestoßen ist, die verletzt wurden oder sich etwas angetan haben oder im schlimmsten Fall ums Leben gekommen sind. Aber die Antwort auf Ihre Frage lautet: Ja, die meisten werden gefunden. Und zwar lebendig. Es sind nur fünfundzwanzig bis dreißig Vermisste, die nie wieder auftauchen, deren Verschwinden für immer ungeklärt bleibt. Deren Angehörige nie Gewissheit erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Mann einer dieser Fälle sein könnte, ist verschwindend gering. Nur 0,4 Prozent.«
Frau Hyldgaard blickte die Reporterin verwundert an.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Woher wissen Sie das alles?«
Julia schwieg einen Moment, ehe sie den Mund öffnete.
»Ich weiß es, weil mein Vater in die letzte Kategorie fällt. Die mit den fünfundzwanzig bis dreißig Verschollenen. Er ist vor einem Jahr, zwei Monaten und einem Tag verschwunden, und kein Mensch weiß, was mit ihm passiert ist.«
Sie gab sich für ein paar Sekunden der Erinnerung hin, während Stille das Zimmer erfüllte. Dann holten Jeanette Hyldgaards tiefe Atemzüge sie aus der Vergangenheit zurück.
»Glauben Sie mir«, fuhr Julia fort. »Ich weiß genau, was Sie durchmachen, und ich verspreche Ihnen, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht, um Ihnen zu helfen. Wir werden Ihren Mann finden.«