

Studer Heiri lebt als Lehrer in Trachselwald im Emmental. Er liebt Rösti mit rääsem Emmentaler Käse. Wenn er nicht gerade unterrichtet, steht der erfolgreiche Kranzschwinger im Sold der Eidgenossenschaft. Als Hauptmann gehört er dem Sonderkommando Ilfis an, das in der Grauzone zwischen Bundespolizei und Nachrichtendienst operiert.
Sein erster Fall führt Heiri nach Vietnam. Einer seiner Schwingerkollegen, Deppert Sepp, wird beschuldigt, ein Mädchen missbraucht zu haben. Seine Rückführung stellt Studer vor unerwartet grosse Probleme. Immer wieder entwischt ihm Sepp, ehe er auf offener Strasse erschossen wird.
Die Suche nach den Tätern führt Heiri auf die Spur einer Bande von Schleppern, die im Grenzgebiet zwischen Laos, China und Vietnam agiert und Kinder an Sextouristen vermittelt. Unterstützt wird Heiri von Sam, der für die Kinderschutzorganisation Small Hands arbeitet und mit Sepp befreundet war.
Studer Heiri in Vietnam
Copyright 2012 Kurt Tschan
Lektorat: Rosmarie Ujak
Umschlag: Kurt Tschan (Foto und Gestaltung)
ISBN 978-3-033-03795-3
www.kurttschan.ch
1.
„Gib five“, sagt Leo und schlägt seine Hand in seine. Heiri lacht und macht ein ernstes Gesicht. „Zuerst sagst du mir, wie viel 5 + 5 + 5 sind!
„Das ist unfair“, sagt Leo. „Wir müssen doch nur die Zahlen bis 10 kennen.“
„Seit wann hörst du auf mich?“
„Wenn du unbedingt willst. Aber sag es nicht weiter: 15.“ Leo klatscht seine kleine Hand zum wiederholten Mal in Heiris Pranke. Zwischen dem 20. und 30. Schlag blickt er besorgt auf und fragt Heiri: „Tut es dir schon fest weh?“
„Ja natürlich, aua!“ Die Hand schmerzt fürchterlich. Gleich fällt sie ab.“ Heiri lässt den Arm fallen, und Leo schreit auf. „Nur das nicht. War doch nicht so gemeint.“
Leo blickt besorgt, aber auch neugierig. „Meine Hand brennt wie Feuer. Gleich brennt das ganze Schulhaus“, sagt Heiri und zieht ein schmerzverzerrtes Gesicht.
„Aber nur weil du es bist“, sagt Leo und setzt sich an seinen Platz. Reihe 3, zweite Bank von links.
Wenig später hilft Heiri Sara die Windjacke auszuziehen und Fabian beim Öffnen des Schulranzens. Der Verschluss klemmt. Wieder einmal. „Du wirst ein Banker“, sagt Heiri. „Bei dir landet alles sicher im Tresor.“
„Was ist ein Banker?“, will Fabian wissen. „Sicher etwas Gemeines. Du bist ja auch immer so gemein.“
„Jetzt hör aber auf“, sagt Heiri und nimmt Fabian in den Arm. Plötzlich kreischen 24 Erstklässler. „Ich auch“ und Heiri macht so lange ein ernstes Gesicht, bis Ruhe im Klassenzimmer herrscht. Dann stehen alle auf und setzen sich vor dem Lehrerpult auf den Boden.
Heiri holt seine Gitarre aus dem Schrank und spielt „S Ramseiers wei go grase“ in rockiger Version. „So en Seich“, sagt Leo nach der ersten Strophe. „Lass mich mal!“, krächzt er und rappt, während Leo die Tonalität ändert und alle, die wollen, einen eigenen Text zu „S Ramseiers wei go grase“, singen lässt. Fabian holt tief Luft und intoniert: „Kai Gras, kai Gras, ig wett, ig wer e Chueh uh immer schön high.“
2.
Heiri steht im Sägemehl und klopft die Späne von Waltis Rücken. Walti atmet schwer. Die Späne kleben an seinem vom Schweiss nassen Hemd wie Panade am Schnitzel. Walti will seine Bodentechnik verbessern und legt sich erneut ins Sägemehl. Mal rollt er auf die Seite, dann wieder auf den Bauch. Heiri mag diese Stellungsspiele nicht. Das ist wie beim Sex. Je mehr Technik dabei ist, umso weniger Lust empfindet man, denkt er und bemüht sich um etwas Spontaneität. Heiri zieht Waltis Schwingerhose enger, so eng, dass er jault wie ein Hund. „Spinnst du, meine Eier!“
Taktik ist was für Fussballer, aber nicht für Schwinger, denkt Heiri und muss aufpassen, dass ihm Walti nicht wegrutscht. Manchmal ist Walti eine Schlange. Eine, die 115 Kilogramm wiegt – vor dem Frühstück.
Heiri liebt den Kampf Mann gegen Mann. Obwohl ein Schwinger stark sein muss, entscheidet letztlich die Technik über die Kraft. Wer kein Gefühl fürs Schwingen hat, holt nie einen Kranz. Ein guter Schwinger ahnt den nächsten Zug seines Gegners voraus. Wenn er zum Schwung ansetzt, muss der Körper bereits in Stellung sein, um ihn zu parieren. Sonst ist es wie beim Segeln. Das Boot neigt sich, das Segel taucht ins Wasser und der Rumpf taucht zu tief ein.
Wer aber dem anderen einen Schritt voraus ist, erwischt ihn irgendwann auf dem falschen Fuss. Dann geht alles plötzlich blitzschnell. Die scheinbar erstarrten Körper geraten plötzlich in Bewegung und einer fällt ins Sägemehl. Der andere fliegt mit seinem ganzen Gewicht auf ihn. Wer unten liegt, versucht mit aller Kraft zu verhindern, dass seine beiden Schulterblätter das Sägemehl berühren. Es beginnt ein gnadenloser Bodenkampf. Gewicht stösst auf Kraft, bis der Schmerz zu gross wird und einer nachgibt.
Weil Walti kein Schachspieler ist, der es gewohnt ist den nächsten Zug seines Gegners vorauszusehen, muss er an seiner Bodentechnik feilen. Was bleibt ihm anderes übrig? Wer unten ist, muss versuchen nach oben zu kommen. So wie im wahren Leben!
Walti ringt nach Luft, er kämpft. Aber seine Kraft ist zu einem unkontrollierten Zucken geworden. Heiri hat keine Mühe, ihn mit beiden Schulterblättern ins Sägemehl zu stossen. Dann bleibt er auf ihm liegen, atmet durch und sagt: „Jetzt schiisst mi das aber a, ig will richtig kämpfe!“
„Würde ja gerne, aber du hast mich so eben plattgewalzt“, scherzt Walti, steht auf, wischt entgegen der Praxis nur sein eigenes Sägemehl von den Kleidern und marschiert in die kleine Bar. Als Erstes gönnt er sich ein eiweisshaltiges isotonisches Getränk.
Es ist halb zehn Uhr abends. Im Keller wird noch immer eifrig gekämpft. Heiri zapft sich ein Bier und trinkt den Krug in einem Zug leer. „Ich muss am Boden einfach besser werden“, sagt Walti, faltet die Hände zu einem horizontalen V und bewegt die Schulter rhythmisch hin und her. So bereiten sich Skifahrer auf den nächsten Lauf vor. Vielleicht wurde deshalb Walti nie ein grosser Schwinger. Er dachte einfach in der falschen Sportart.
3.
„He Vreni, bisch no wach? Hallo?!“ Heiris Atem sprayt eine kleine Wolke auf die Zweifachverglasung im zweiten Stock eines tief schlafenden Emmentaler Bauernhauses. Trachselwald atmet nicht mehr. Es ist klinisch tot. Die Welle, die aus Vrenis Bettdecke schwappt, ist eine Fata Morgana. Trachselwald bewegt sich um diese Zeit nicht mehr. Trotzdem hofft Heiri, dass Vreni noch wach ist. Vrenis Füsse, Schuhgrösse 39, stechen wie Bajonette in die Luft und gleiten schwungvoll zu Boden. Heiri hält sich an den braunen Fensterläden fest. Manchmal kommt es ihm so vor, als ob die Holzleiter wie eines von Vrenis Pferden bockt. Als sie das Fenster öffnet, kriegt Heiri einen heftigen Schlag ins Gesicht. „Hoppla, heute meinst du es nicht gut mit mir“, winselt Heiri wie ein geschlagener Hund. Und wieder ist es eben dieser Hundeblick, entnommen einer Mischung aus einem Berner Sennenhund und einem Gotthard-Bernhardiner, den Vreni erweichen lässt. „Steh nicht so ungeschickt herum. Komm doch rein“, sagt sie, dreht sich vom Fenster weg und lässt die Flügel los. Wie kleine Geschosse schiessen diese nach vorne und schlagen an Heiris Nase auf. Heiri hört einen dumpfen Schlag, hält sich instinktiv beide Hände vors Gesicht und verliert das Gleichgewicht. Die Leiter kippt nach hinten. Im hohen Bogen stürzt Heiri in die dunkle Nacht von Trachselwald. Als er aufschlägt, spürt er den Schmerz rascher als er eintrifft. Heiri hat Erfahrung mit Stürzen von Leitern. Besorgt blickt Vreni in die Tiefe, schüttelt den Kopf, lacht. „Chumm ändli ihne. Es hett no Röschti mit Spiegeleier?“, hört er sie rufen. Dann schliesst sie das Fenster beinahe geräuschlos.
Heiri lässt seine Pranken vorsichtig über den ganzen Körper gleiten. Er tastet die Haut nach schmerzenden Stellen ab. Dann klettert er aus dem Heuwagen und klopft den Staub von den Kleidern. Als Vreni die schwere Eichentür aufstösst, riecht er die frische Rösti. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppt sich Heiri ins Haus. In der geräumigen Küche fällt ihm Vreni wortlos um den Hals und küsst ihn. Bevor sie etwas sagen kann, klagt er über Kopfschmerzen und eine Druckstelle am Hintern. Vreni wirkt besorgt und verspricht ihm, sich darum nach dem Essen zu kümmern.
4
Die Schaukäserei unterhalb des Schlosses erinnert Heiri an Hollywood – mit dem feinen Unterschied allerdings, dass in einer Schaukäserei tatsächlich gearbeitet und nicht nur gespielt wird. In der Schaukäserei von Trachselwald stehen die Besucher auf einer gewaltigen Empore und schauen den Käsern zu, wie aus frischer Milch guter Emmentaler wird. Walti trägt weisse Gummistiefel und eine weisse Schürze. Heiri steht in einer Besuchergruppe, die aus Hamburg angereist ist und sich bereits über allfällige Verbesserungsmöglichkeiten bei der Produktion unterhält. Die Leute werfen in einen entsprechenden Briefkasten vollgeschriebene A4-Blätter mit guten Tipps.
Heiris Blick wird nicht herablassend und Walti guckt auch nicht wirklich zu ihm hoch, als ihre Blicke sich treffen. Wenig später verlässt Walti den Produktionsraum der Emmentaler Schaukäserei. „Was machst du denn hier?,“ will Walti wissen, als Heiri scheu wie ein Reh um die Ecke huscht.
„Kannst du mir ein ordentliches Stück abschneiden? Ich brauch es für die Schule“, fragt Heiri. Er wirkt so scheu, als ob er jeden Moment rot anlaufen könnte. Heiri ist ausser Atem und wischt einige dicken Schweissperlen von der Stirn.
„Bin ich denn der Samichlaus?“ Walti wirkt verärgert. Ganz offensichtlich tut ihm die Schulter vom gestrigen Training noch weh. „Kauf dir doch ein feines Stück.“ Walti zeigt mit seiner rechten Hand auf die Galerie, wo sich der Verkaufsladen der Schaukäserei befindet. „Ich empfehle dir das Sonderangebot. Beste Qualität, aber in der Farbe etwas zu hell. Kann dem besten Käser passieren“, sagt Walti und dreht sich um.
„Mach keinen Scheiss! Hol mir ein Stück. Du darfst dafür beim Nidwaldner Schwinget als Fahnenträger einmarschieren.“ Heiri hat die Arme zu einem offenen Korb ausgebreitet. Seinen Bauch hat er nach vorne gestreckt, um etwas kleiner zu wirken.
„Das ist jetzt kein Scheiss. Die Fahne trägt doch immer der Mäni.“
„Mäni kann nicht. Er feiert silberne Hochzeit.“
„Das ist erst recht ein Grund, zum Schwinget zu gehen.“ Walti entfernt sich. Sein Gang wirkt aber nicht besonders entschlossen. Seine Schritte verlangsamen sich, er kratzt sich an der Schläfe, bleibt stehen und geht auf Heiri zu. „Steh doch nicht so blöd rum. Das machst du doch immer, wenn du etwas von mir willst und dann wirfst du mich im Training wieder so blöd um, dass ich ungeschickt auf die Schulter falle.“ Walti zieht ein schmerzverzerrtes Gesicht und versucht die rechte Schulter zu lockern. Das gelingt ihm nicht wirklich.
„Mänis Frau hat es nicht so mit den harten Sachen“, versucht Heiri das Gespräch wieder in Gang zu bringen.
„Ist sie vielleicht was Besseres?“, will Walti wissen, „dass sie etwas gegen das Schwingen hat.“ Walti stellt die Brust wie einen Schutzschild, der unerschrocken in der Hand liegt. „Seitdem er Regierungsrat ist, ist er nicht mehr der selbe. Das kommt bei den Leuten nicht gut an. Mäni sollte aufpassen.“ Walti hält seinen Schutzschild an Heiris Brust. Und Heiri macht sich klein. Er geht in die Knie, was Walti aber nicht mehr bemerkt. Wild entschlossen fixiert er seine Augen.
„Jetzt übertreibst du aber. Der Mäni doch nicht.“ Heiri packt Walti an der schmerzenden Schulter und drückt zu. „Aber seine Frau war doch schon immer etwas Besseres. Die wird sich wegen der Wahl nicht mehr ändern.“ Walti schreit auf, macht einen Schritt rückwärts und löst sich aus der Umklammerung. „Die Bösen kennen zwar keinen Schmerz. Aber das hat eben verdammt weh getan.“ Walti tastet vorsichtig mit der linken Hand über die lädierte Schulter. Er lässt sich nur langsam davon überzeugen, dass nichts gebrochen ist.
„Eine Welsche eben“, sagt Heiri und lacht Walti zu.
„Okay, ich hol dir ein besonders grosses Stück. Aber zuerst versprichst du mir, dass ich die Fahne auch tatsächlich tragen darf.“
„Du hast mein Ehrenwort.“ Heiri hebt die rechte Hand zum Schwur, während Walti seinen rechten Arm an den Körper drückt und ihn mit der linken Hand stützt. Die Tür öffnet sich automatisch. Walti geht relativ unaufgeregt durch sie hindurch, um dann für eine Weile zu verschwinden. Er kommt mit einem Viertellaib zurück und gibt ihn Heiri, der sich artig bedankt. „Nicht jeder Emmentaler wird rääs, Ausschuss gibt es immer. Den Kindern sollte der Käse trotzdem schmecken“, ruft ihm Walti nach, als er Anstalten macht, in die Schaukäserei zurückzukehren. Der rechte Arm hängt noch etwas schlapp herab. Ein Grund zur Sorge besteht aber nicht. Walti vergisst wie jeder Schwinger seine Schmerzen schnell.
Heiri schnappt sich den Käse, schultert ihn und legt ihn in den Kofferraum seines alten Subaru. Im Emmental fahren die meisten Subaru. Im Winter sind nicht alle Strassen geräumt. Eis und Schnee machen das Fahren schwierig. Ein 4x4 ist deshalb im Emmental Pflicht.
„Was macht ihr mit dem Käse?“, will Walti beiläufig wissen, der stehen geblieben ist und die Verladeaktion misstrauisch beobachtet.
„Was macht man wohl mit Käse?“
„Essen“, sagt Walti und zieht Kreise auf seinen Bauch. „Die Kinder können nicht genug Emmentaler essen. Das macht sie stark und gesund. Das gibt gute Schwinger“, sagt Walti und lacht.
„Ich brauch den Käse für eine Gruppenarbeit.“ Heiri plustert die Wangen auf, um Walti einzuschüchtern.
„Ach so.“
„Wir schneiden ihn zuerst in feine Scheiben und modellieren damit Figuren.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“
„Doch.“
„Dafür gebe ich meinen Käse aber nicht her.“ Walti ist zurückgeeilt, öffnet den Kofferraum und greift nach dem Käse.
„Mach jetzt keinen Scheiss. Auf so einen Viertellaib kommt es doch nicht an“, versucht ihn Heiri zu beruhigen
„Okay, weil du es bist. Aber sag niemandem, der Walti habe dir einen halben Laib besten Emmentalers gegeben, damit Erstklässler daraus Figuren formen!“
Heiri befördert den Käse zurück in den Kofferraum. “Dinge sind mehr, als wir meinen“, sagt er.
„Jetzt wirst du noch philosophisch. Käse ist Käse“, erwidert Walti und verabschiedet sich, indem er den linken Arm weht und die Hand wie einen Hundeschwanz wedeln lässt.
„Das Schwingen ist nicht nur Kampf. Es ist doch auch Kunst“, sagt Heiri und bewegt sich wie eine Primaballerina, die sich um die eigene Achse dreht.
Walti guckt auf die Uhr, marschiert los und verwirft die Hände. „So ein Käse“, murmelt er und verschwindet in der Schaukäserei.
Heiri lacht, als er den Kofferraum schliesst, einsteigt und Gas gibt. Er muss sich beeilen. Die Schule beginnt in 20 Minuten. Das reicht, um Vreni den Viertellaib zu bringen. Sie bereitet heute für eine geschlossene Gesellschaft ein Zvieri zu. Die Würste hat Heiri schon Beätu abgeluchst, dem einzigen Metzger in Trachselwald. Wenn jemand behauptet, er brauche etwas für die Schule, leert das ganze Emmental seine Taschen. Heiri plagt kein schlechtes Gewissen. Schliesslich hat er bei Vreni etwas gutzumachen.
5.
„Die Vreni hat es nicht gut mit dir gemeint“, sagt Leo und streichelt mit seinen kleinen Fingern Heiris Gesicht. Dieser hält seine rechte Hand vor das geschundene linke Auge und schweigt. „Hat sie dich geschlagen? Nein, die Vreni schlägt dich nicht. Die kann aber das Fenster ganz fest zuschlagen, so fest, dass es alle in Trachselwald hören.“
Leo wirkt besorgt und auch etwas aufgeregt. Schliesslich ist Heiri selten verletzt. „Bist du auf den Heuwagen gefallen?“
Heiri verwirft den Kopf und zeigt das linke Auge. Ein dünnes Pflaster ziert die Augenbraue. Leo schaut Heiri besorgt an und umarmt ihn fest. „Schau nur, dass dir nichts passiert. Was soll sonst aus uns werden? Wir sind doch nur Erstklässler.“
Leo springt ins Klassenzimmer und wirft sich auf Karin. „Jetzt hab ich dich. Das ist ein Brienzer und das da der Kurze“, keucht er, als er Karin unter sich begräbt. Diese kriegt kaum mehr Luft und steht dann einfach auf, so, als ob sie einen Teddybären in der Hand hielte. Mädchen in der ersten Klasse sind viel grösser als Jungs. Und erst noch viel stärker. „Beruhigt euch mal wieder“, ruft ihnen Heiri zu. Sein Blick wird ernst. Er runzelt die Stirn, und er stemmt seine Pranken in die Hüfte. Dann entspannt er sich, holt Luft und sagt: „Aber das hast du gut gemacht, Karin, als du seinen Brienzer pariert hast. Wir üben das wieder im Keller, einverstanden?“, flachst Heiri und Karin nickt. Sie ist stolz, rollt ihre beiden Zöpfe und kitzelt mit einem Leo an der Nase. Dieser muss niesen. Und dann weint er, weil er glaubt, Karin habe sich über ihn lustig gemacht. „So, Leo, jetzt weisst du, was passieren kann, wenn man ein wehrloses Mädchen hinterrücks angreift. Geschieht dir recht“, sagt Heiri und nimmt Leo in den Arm. Er schaut, dass seine Tränen niemand sieht. Sie trocknen von alleine auf seiner gewaltigen Brust, als er ihm einen Witz erzählt, den er nie einem Mädchen erzählen würde, wie Heiri Leo ins Ohr flüstert. „Und nicht vergessen, morgen nach der Schule im Keller. Du musst üben, viel üben, damit du bald stärker wirst als die Karin.“
6.
Von oben sieht das Gebäude aus wie das von Lasern exakt zugeschnittene Blech eines Türschlosses. Im Innern wirkt es wie ein Zellentrakt. Bei Mäni im Büro hängt eine Schwingerhose an einem Ledergurt. Gleich daneben ist eine Schweizer Fahne wie ein Regenschirm in einen Ständer gestellt worden. Auf der anderen Seite ist eine dieser modernen Plastikkühe postiert. Sie trägt eine echte Glocke und ist bunter als die Natur Kühe malt. Ein Erinnerungsstück. Vor fünf Jahren wurde Sämi Ehrenmitglied des Emmentaler Schwingklubs. Als kleines Dankeschön gab es zur Freimitgliedschaft eine Kuhglocke. Eines der vielen Bilder, die an Hängeschienen befestigt sind, zeigt ihn, wie er dem Blaser Rüedu den Rücken abklopft.
Blaser leitet heute die Volkswirtschaftsdirektion, Mäni ist Erziehungsdirektor. Eigentlich hätte sich Mäni das gleiche Departement gewünscht. Aber Blaser Rüedu wurde vor ihm gewählt. Und weil im Regierungsrat das Anciennitätsprinzip gilt, musste er sich beugen und nehmen was übrig blieb. Im Sägemehl wäre ihm dies gegen Blaser Rüedu nie passiert.
Mäni interessiert sich nicht besonders für Jugendliche und Kinder. Selber hat er keine Kinder. Höchstens im Schwingkeller hat er mit ihnen zu tun. Aber auch dort interessieren sie ihn nicht sonderlich. Mäni interessiert sich erst für einen Nachwuchsschwinger, wenn er seinen ersten Kranz nach Hause gebracht hat.
Gegen Rüedu hat Mäni im Ring nie den Kürzeren gezogen. Aber in der Politik ist halt alles etwas anders – vor allem seitdem das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, was dem Schwingsport in keinerlei Hinsicht Vorteile gebracht hat und nach Mänis Auffassung deshalb verzichtbar gewesen wäre. Vorher ist es ja auch gegangen, pflegt er im kleinen Kreis zu sagen, nachdem das Sägemehl vom Rücken gefegt und der letzte Schweisstropen in der Dusche unter dem Strahl der Brause entfernt worden ist.
Mäni gehört der SVP an, Rüedu der neugegründeten BDP, die sich von der SVP losgesagt hat. Die Spaltung war ein politisches Erdbeben in Zürich, im Kanton Bern, wo solche politischen Spielereien eher mit einem süffisanten Lächeln zur Kenntnis genommen werden, eher eine Episode mit Unterhaltungswert. „Wir sprechen ja alle noch Berndeutsch“, kontert Mäni allfällige Einwände „und eigentlich sind wir durch die Spaltung nur noch stärker geworden.“
„Es geit gäng no“, pflegt Mäni zu sagen. Manchmal hätte er sich aber schon gewünscht, einen dieser Zürcher Besserwisser im Ring zu haben und ihn mit einigen Zügen auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuholen. So aber begegnet man als bodenständiger Berner den noblen Zürchern höchstens, wenn sie an einer Schwinget vorfahren, begleitet von einem Chauffeur in Dienstuniform. „Lächerlich alles“, sagt Mäni. „Ein echter SVPler kann schwingen und sich selber verteidigen. Da braucht es doch keinen Gorilla im Massanzug, der Parfum aufträgt und selbst dessen Schweiss noch piekfein riecht.“ So weit soll es im Kanton Bern nie kommen!
Rüedu hat schliesslich den Posten mit Unterstützung der Linken erhalten, weil sich die Linke auf diesem Weg ihre bevorzugten Departemente sichern konnte: Finanzen, Gesundheit und Fürsorge, Bau, Verkehr und Energie. Hätte es die Spaltung nicht gegeben, hätte Mäni den Rüedu auch in diesem Fall wieder dorthin befördert, wo er ihn in der Vergangenheit am liebsten hatte: auf dem Rücken, fest eingepackt im Sägemehl. Schliesslich kam es im neu gewählten Regierungsrat zu einer geheimen Abstimmung über die Zuteilung der Departemente. Wann hatte es das schon gegeben, dass sich die Mitglieder der Regierung nicht mehr in die Augen schauen konnten, wenn es etwas zu entscheiden galt!
Mäni will nicht mehr daran denken und fasst Heiri gleich zur Begrüssung fest an. „Wie hesch es?“, fragte er ihn. „Bist du bereit für das Nidwaldner? Ohne Kranz musst du mir gar nicht nach Hause kommen.“ Mäni klopft Heiri auf die Schultern, wischt ihm symbolisch das Sägemehl vom Rücken und legt seine Rechte über seine Schulter.
Heiri macht das Spiel mit, löst sich dann aber doch zaghaft aus der Umarmung und steht Mäni plötzlich frontal gegenüber. Er packt ihn am Gurt und zieht ihn an sich. Kopf an Kopf stehen sie sich gegenüber. Mäni geht in Position, senkt den Oberkörper und spannt seine Muskeln. Kampfbereit stehen sie sich gegenüber: die Oberkörper heruntergeklappt wie Scharniere, die erst durch eine gewisse Hebelbewegung die ganze Kraft entfalten würden. „Nun mach mal keinen Seich. Wir sind hier in meinem Büro“, keucht Mäni. „Setz dich lieber. Frau Schneuwly zwei Kaffi, den speziellen.“
„Spinnst du eigentlich, es ist noch nicht Mittag.“ Heiri zupft seine beige Baumwollhose zurecht und streicht über sein weisses Hemd.
„Unter Schwingerfreunden wid kein Kaffi crème getrunken. Nicht solange ich Mitglied dieser Regierung bin. Mäni läuft rot an, sein buschiges Haar kriegt einen hellen Glanz, der von der Sonne stammt, die kräftig ins regierungsrätliche Büro scheint. „Danke, Freu Schneuwly, das wars.“
Ein heisser Strom schiesst durch Mund und Hals, als Heiri einen kräftigen Schluck nimmt und das Glas sorgfältig auf dem grossen Eichentisch abstellt.
Wie immer ist der Tisch aufgeräumt, von einigen wenigen Akten mal abgesehen, der „Schwingerzeitung“ und dem „Emmentaler Boten“.
Mäni hat die Seite mit den Todesanzeigen aufgeschlagen. Er schreibt die Kondolenzschreiben von Hand. In den letzten 20 Jahren ist kein Emmentaler gestorben, ohne dass die Trauerfamilie von Mäni nicht ein Beileidsschreiben und einen Zwanziger für eine Blumenspende erhalten hätte.
Im Emmental kennt man sich noch persönlich und teilt alles miteinander: von der Wiege bis zum Sarg.
„Es gibt da noch etwas, was ich mit dir besprechen muss“, sagt Mäni, während er eine Mappe aufschlägt, in der sich lose Blätter und Briefe befinden. „Frau Baltisberg hat mir geschrieben. Sie macht sich Sorgen um ihre Tochter. Karin habe ihrer Puppe Arme und Beine ausgerissen, weil sie keine Puppen mehr möge, seitdem sie bei dir in der Klasse sei. Dabei habe sie doch immer so gerne mit Puppen gespielt.“
Mäni hebt den Kopf, schaut Heiri ausdruckslos an. „Frau Baltisberg befürchtet nun, dass du einen schlechten Einfluss auf das Kind ausübst. Wenn du einverstanden bist, schicke ich beide zum Schulpsychologischen Dienst. Das sieht dann so aus, als ob wir die Angelegenheit ernst nähmen, und Dänu wird dann die Sache im Sand verlaufen lassen. Der Leiter, Wyniger Dänu ist zwar jetzt bei der BDP, aber schwingen tut er noch immer“, sagt Mäni und legt das Dossier an den Rand des Schreibtisches. Der nächste Windzug würde es direkt in den bereit stehenden Papierkorb befördern. Dann öffnet er einen weiteren Brief. „Und da ist noch die Mutter von Leo. Sie findet es gar nicht lustig, dass ihr Sohn plötzlich einen Hosenlupf mit ihr machen will. Blöde Kuh.“
Mäni schaut Heiri in einer Art an, als benötige er Zuspruch. Heiri gibt sie ihm mit einem mit Unverständnis zementierten Blick. „Zur Schule gehe man um zu lernen, und kämpfen könnten die Jungs auch in der Freizeit“, schreibt die Frau. „Die hat doch keine Ahnung vom wirklichen Leben. Das ist so eine Zicke, die den ganzen Tag in ihrer Dreizimmerwohnung hockt und abends ihren Mann kochen lässt, wenn er von der Arbeit kommt, weil sie völlig erschöpft ist. Ausschaffen müsste man solches Pack.“
Mäni hat sich in Rage geredet, legt den Brief zurück, ringt nach Luft und beruhigt sich erst wieder, als er an seinem Kaffi spezial nippt und einen Laut des Wohlgefühls ausstösst, als er das Glas sorgfältig auf den Tisch zurückstellt.
„Ich weiss nicht, was diese Scheissmütter haben! Sollen sie doch zufrieden sein, dass sie einen Lehrer wie dich haben, der den Kindern noch etwas Anständiges beibringt. Schwingen ist eine Lebensschule. Wer geschwungen hat, steht besser im Leben“, sagt Mäni und nimmt gleich noch einen Schluck; einen allerdings wesentlich grösseren. „Man kann gar nicht früh genug mit dem Schwingen beginnen. Ich werde das Schwingen definitiv im obligatorischen Turnunterricht verankern – auch wenn ich damit einen Pakt mit dem Teufel schliessen muss!“
„Du redest jetzt von den Linken?“, fragt Heiri.
„Natürlich: den Grünen und Sozis.“ Mäni rückt näher zu seinem Schreibtisch, nachdem er für einen Moment Anstalten gemacht hat, seine Beine auf den Tisch zu legen.
„Auch das Brauchtum werde ich ausbauen und im Sachunterricht stärker gewichten. Ich schwöre dir Heiri, das Vaterländische ist noch lange nicht passé. Es ist aktueller denn je.“ Mäni kratzt sich in seinen Haaren, die im Lauf der Jahre lichter geworden sind, aber noch immer über genügend Fülle verfügen, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, sie könnten ihm ausfallen. „Der Lehrerverband wehrt sich zwar, aber das macht er doch bei allem. Ich werde mit Wyniger Dänu ein Konzept um das Schwingen schnüren und es salonfähig machen. Dann sind wir alles Böse.“ Mäni lacht und massiert mit seinen Fingerkuppen die Eichenplatte seines Schreibtisches. Man hört deswegen ein dumpfes und unaufgeregtes Trommeln. Der Tisch musste schon mehr als einen Sturm ausgehalten haben und sich im Verlauf der Jahre an gewisse Schläge gewöhnt haben.
„Ich verpflichte die Lehrer, bei uns in Trachselwald Schwingkurse zu nehmen. Wollen mal sehen, wie sie dann aus der Wäsche gucken.“ Mäni lacht, kriegt glänzende Wangen und dünne Äderchen ziehen ein feines, rotes Netz auf seine frisch rasierte Haut. „Unser Klub streicht so eine Menge Geld ein, du wirst Instruktor und ich werde mir das Vergnügen erlauben, ab und zu mal eigenhändig einen dieser Lehrer ins Sägemehl zu schicken.“ Mäni ist ausser sich, freut sich wie ein Kind und sieht tatsächlich um Jahre jünger aus.
„Damit die Kirche im Dorf bleibt, biete ich das Schwingen als Wahlmöglichkeit an. Dann erhöhe ich sukzessive den Druck: Schritt für Schritt, so wie ich das beim Musikunterricht machen werde, wo Volkslieder wieder ins Repertoire kommen. Lektionen für Handorgel und Alphorn sollen gratis angeboten werden.“
Mäni redet sich in Rage. „Ich schwöre es dir, dieser Kanton wird ein anderer sein, wenn ich meine Pflicht erfüllt habe.“ Es war offensichtlich, dass Mäni mit einem Bundesratssitz liebäugelte, sobald ein Deutschschweizer wieder an der Reihe sein wird und diese Zürcher Seiltänzer endlich auf ihre grosskotzigen Schnauzen gefallen sind. Heiri lacht begeistert, klopft sich auf die Schenkel, trinkt einen Schluck Kaffee mit Schnaps und fühlt sich bei Mäni wieder eimal wohl. „Und weisst du was, wir legen das Regelwerk für die Schülerschaft so aus, dass alle im Schwingen genügend sein werden. Wo man gute Noten hat, bleibt man bekanntlich gerne.“ Mäni macht Anstalten aufzustehen, entschliesst sich dann aber zum Sitzenbleiben.
„Recht hast du, Mäni, wie immer“, flötet ihm Heiri ins Ohr. Dann schaut er auf seine Tissot, eine aus Titan, weil Heiri weder schwere Ringe an den Fingern mag noch schwere Uhren am Handgelenk. Er registriert, dass er schon über eine Stunde bei Mäni im Büro sitzt, was ihn überrascht, da Heiri nie gerne eine Stunde lang am gleichen Ort sitzt.
„Aber darum wirst du mich heute Morgen wohl kaum zu dir gebeten haben?“, wirft Heiri ein. Immerhin hatte er kurzfristig für einen halben Tag eine Aushilfe organisieren müssen. Am Nachmittag würden die Kinder frei haben. Seitdem es Blockzeiten gab, musste der Unterricht zwingend stattfinden. Heiri denkt an früher zurück, als es jeweils ein Festtag war, wenn ein Lehrer verhindert war. Arme Kinder, denkt er und wirft Mäni einen fragenden Blick zu.
Mäni wühlt in einem Dossier, das in einer blassgrünen Mappe steckt. Das Einzige, was Heiri daran auffällt, ist das Siegel der Bundespolizei. Mäni wühlt im Durcheinander von Dokumenten und Fotos. „So, da ist es!“
Mit einem Blick, der dem Neutralitätsgedanken der Schweiz ziemlich nahe kommt, zeigt er Heiri ein Foto. Es zeigte Deppert Sepp. Sepp, den Schwinger aus Willisau, dem luzernischen. Er trägt einen zu engen orangen Overall und Handschellen, die nicht wirklich bequem wirken.
Verständlich, dass Sepp finsterer als die Nacht in die Kamera blickt und das Bild leicht verwackelt ist. Sepp kann ganz schön furchteinflössend wirken.
„Willst du noch einen Kaffi?“ Mäni blickt so akkurat wie das Schweizer Kreuz in der Fahne. Kein Ansatz von Einseitigkeit, von Parteinahme, von Verärgerung oder gar Schadenfreude. Heiri geht so einiges durch den Kopf. Immerhin sind die Luzerner den Emmentalern schon oft im Weg gestanden, wenn es galt, wichtige Kränze zu erringen. Aber immerhin: Die Willisauer sind Nachbarn. Und Nachbarn halten zusammen. Wenigstens im Emmental.
„Frau Schneuwly, wenn Sie so nett wären: Sie wissen ja!“ Heiri bewundert Frau Schneuwly. Sie ist meistens unsichtbar, aber immer im richtigen Moment da.
„Aber sicher, Herr Regierungsrat.“ Frau Schneuwly zupft kurz an ihrem knielangen beigen Rock und geht dann im rechten Winkel nach dem Türrahmen ab in ihr Büro.
„Die Sache ist heikel. Und ich hätte mich ihr nicht angenommen, wenn mich nicht unser alter Schwingerkollege Sigrist Säschu darum gebeten hätte. Er ist Luzerner, Schwinger Obmann wie du weisst und, na ja, der Sepp hat ja auch schon den einen oder anderen Kranz geholt. Ich meine, unter dem Strich gehören wir alle zur gleichen Familie. Und Familien halten zusammen: in guten wie in schlechten Zeiten.“
Mäni bleibt in seinem Ausdruck neutral. Helvetia hätte ihre wahre Freude an ihm. Heiri schaut auf die Schweizer Fahne, er kriegt Gänsehaut, atmet durch und spürt in sich eine Anspannung, die nahe an ein Gefühl kommt, das er sonst nur vor Ernstkämpfen empfindet: Nervosität. Mäni spürt, dass Heiri Adrenalin tankt. Nichts anderes hat er bezweckt.
Das weisse Kreuz in der Schweizer Fahne hängt noch immer makellos im Raum, denkt Heiri und spürt den ganzen Respekt, den er vor Mäni empfindet. Es war kein Zufall vor zwei Jahren, als ihn das Stimmvolk mit Glanzresultat in den Regierungsrat wählte. So wie eben strahlte er etwas Staatsmännisches, ja vielleicht auch Majestätisches aus. Für einen Moment war er nicht der Freund und Schwingerkollege gewesen, sondern ein Vorgesetzter, für den man durchs Feuer ging, wenn es darauf ankam. Ganz offensichtlich kam es darauf an.
Mäni geniesst die Ruhe. Er will Heiri Zeit lassen, den Moment auskosten. Es kommt schliesslich nicht alle Tage vor, dass ihn ein Kranzschwinger bewundert. Meistens ist es umgekehrt.
„Sepp ist vor zwei Tagen in Vietnam verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, eine Frau sexuell belästigt zu haben. Du weisst ja, diese Asiatinnen sehen alle gleich aus. Das Mädchen ist noch minderjährig.“ Mäni liest vom Blatt und dann doch wieder nicht. Er hat alles unter Kontrolle, vermeidet aber Blickkontakt. Die Nachricht soll sich erst setzen. Schwinger haben es nicht gern, wenn sie in die Enge getrieben werden. Mäni will Heiri nicht unter Druck setzen. Er will nur Spannung aufbauen. Heiri soll selber entscheiden können. Vor dem Fenster segeln einige Blätter herab. Wahrscheinlich würde es in diesem Jahr früh Herbst. Der September hatte bereits begonnen und nachts wurde es in Bern schon empfindlich kühl.
Heiri hört aufmerksam zu. Er entspannt sich während dem Zuhören nicht wirklich. Vietnam ist schliesslich weit weg.
„Dummerweise lag er im selben Bett wie das Mädchen, als die Polizei auftauchte.“ Mäni blättert und blättert. Wahrscheinlich ist ihm die Geschichte peinlich. Immerhin stand plötzlich ein Schwinger in Verruf. Die Schwinger galten gemeinhin zwar als die Bösen. Negative Schlagzeilen schrieben sie aber höchstens im Ring.
Es sind zwar nur wenige Seiten. Aber Mäni blättert so, dass es nach vielen aussieht. Der Rapport der Bundespolizei liegt auf dem Tisch und Heiri schnappt ihn sich. Heiri braucht nicht zu lesen, um etwas zu begreifen. Er hat ein fotografisches Gedächtnis, wenn ihn etwas wirklich interessiert.
„Ja, nimm es“, sagt Mäni, als Heiri schon längst in den Rapport vertieft ist. „Lies dich ein. Du musst alles wissen. Schliesslich sollst du ihn dort rausholen.“
Mäni lehnt sich in seinen Vitra-Sessel zurück, starrt zur Decke, ohne dass er etwas Spezielles sieht, greift zum Glas und trinkt seinen Kaffee. Ein dünner Dampfschleier entweicht seinem offenen Mund. Mäni atmet tief aus und kratzt sich am Bauch.
„Wie hat denn die Polizei erfahren, dass er mit einem Mädchen im Zimmer war?“, fragt Heiri. „Wir vermuten, dass ihn jemand im Hotel verpetzt hat. Wahrscheinlich hat er kein Schmiergeld bezahlt.“ Mäni blickt abwechslungsweise auf den Rapport und dann wieder zu Heiri. Was für ein wunderbarer Schwinger, denkt Mäni. Ein Prachtkerl, wie ich mal einer war.
Heiri legt den Rapport auf den Tisch zurück. Das Siegel der Bundespolizei zuoberst. „Vietnam ist Klassenfeind. Kommunismus pur. Eine Staatsmacht hinter dem Eisernen Vorhang. Ein Einsatz ohne Rückendeckung. Ein Sondereinsatz, wie er im Buch steht.“ Mäni ist aufgestanden, läuft um den Tisch, mustert Heiri von hinten. Nicht der Ansatz von Haarausfall. Wie früher bei mir, denkt Mäni.
„Du meinst, ich soll. Und die Schule?“ Mäni blickt sich um. Aber Mäni ist schon wieder hinter seinen Schreibtisch getreten.
„Ja, du sollst. Offiziell absolvierst du für einige Wochen einen WK.“
Heiri räuspert sich, sieht auf die Uhr, beinahe schon zwei Stunden sitzt er bei Mäni im Büro. Seit zwei Stunden versucht er sich klar zu machen, warum er immer so gerne hier sitzt. Jetzt weiss er es. Endlich rückt der erste Einsatz näher. Die lange Zeit der Vorbereitung ist vorbei. Endlich kann es losgehen. Aber verdammt nochmal, muss es gleich Vietnam sein!
Heiri fällt zu Vietnam nichts ein. Aber vielleicht ist das sogar besser. Okay, da war in den Sechziger- und Siebzigerjahren dieser Krieg, dieser riesige Bombenteppich, das viele Gift. Dieses Bild von einem fliehenden Mädchen, das in Europa im Gedächtnis mehrerer Generationen haften geblieben ist. Dieses ganze Elend und dann der Sieg des Klassenfeindes.
Vietnam als Werkzeug der Grossmächte USA und Sowjetunion, wieder einmal aufgefressen von einer fremden Macht. Als hätten die Chinesen während ihrer 1000-jährigen Herrschaft nicht schon lange genug das Land unterdrückt. Plötzlich sieht Heiri die Amerikaner vor sich, wie sie ihre Arsenale leerbomben und einen riesigen Flächenbrand zurücklassen. Ein Land, über das plötzlich Hammer und Sichel gestülpt wird. So, als ob eine neue Arbeiterklasse auf dem engen Reisfeld überhaupt noch Platz hätte.
„Aber zuerst schwingst du am Wochenende am Nidwaldner“, holt ihn Mäni aus seinen Gedanken zurück. Gerade noch rechtzeitig. Plötzlich hat Heiri Dinge überlegt, die ihn gar nichts angehen. Ganz offenbar ging es bei diesem Einsatz nicht um Vietnam, sondern um Sepp, der Hilfe brauchte. „Du bringst uns einen Kranz heim und machst dich dann auf die Socken.“
Mäni ist aufgestanden und neben ihn getreten. Er legt die rechte Hand auf seine Schulter und spricht jetzt wie ein Vater zu seinem Sohn: „Heiri, du bist der Beste. Du schaffst das! Die Bundespolizei wird dich instruieren.“
„Wenn du es sagst, Mäni, wird es schon gut gehen. Verdammtes Arschloch, eine Minderjährige zu vögeln – und dann muss ich den Typ noch rausholen. Ich darf bei diesem Auftrag nicht zu viel nachdenken!“ Mäni nickt und so etwas wie Sanftmut erreicht sein Gesicht.
Mäni denkt. Der ist wie ich. Genauso war ich früher. Was für e super Giel.“
7.
Auf 23 Kubikmetern Sägemehl versickern während eines Schwingfestes literweise Schweiss. Er schluckt den Schmerz nach einer Niederlage und perlt die überschäumende Freude nach dem Sieg. Heiri tritt zu seinem dritten Kampf am Nidwaldner-Schwinget an. Er ist gut gestartet und hat gegen Spiess Ädu nach einem Kurz-Lätz gewonnen und gegen Däppen Dölf ein Unentschieden herausgeholt, das mit neun Punkten von den Kampfrichtern sehr gut benotet worden ist. Wenn er seinen nächsten Kampf gegen Abgottspon Löre gewinnt, reicht es bereits für einen Kranz. Normalerweise liegt die Quote bei 15 Prozent. Bei 120 Schwingern dürfen acht die zu einem Kranz gebundenen Lorbeerblätter aufsetzen. In diesem Fall kann Heiri auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken: acht Starts, sechs Kränze. Zu schön um wahr zu sein! So erfolgreich ist er noch nie gewesen. Heiri steht auf dem Zenit seiner Karriere: n26 Jahre alt, hellblondes Haar, ein Lachen, das den Schalk nicht versteckt, und einen Körper, der topfit ist.
Heiri überlässt beim Schwingen nichts dem Zufall. Er studiert seine Gegner minutiös. Dabei hilft ihm eine umfangreiche Datenbank, die er im Verlaufe der Jahre angelegt hat. Er kennt die Wurffolgen seiner Gegner, die Art und Weise, wie sie einen Kampf eröffnen und kann sich ausrechnen, wie sie sich am Boden verhalten. Sein „Mac Book Pro“ fehlt an keinem Schwinget. Immer wieder holt er darin wichtige Informationen oder stimmt sich mit Videos ein.
Für Heiri ist Schwingen mehr als nur der Kampf der Bösen. Für ihn ist es zu einer Lebensform geworden, die weit über den Ring hinausreicht. Beweglichkeit, Ausdauer, Schnelligkeit, Kondition und Kraft werden mit modernen Methoden trainiert. Ein Schwinger ist ein Hochleistungssportler, der trotz seines hohen Gewichts als Athlet Bestnoten erhält. Das Schwingen hat klare Regeln und ist trotz der Härte und Verletzungshäufigkeit fair. Nach dem Kampf bildet die Truppe wieder eine verschworene Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft und der eine gute kameradschaftliche Stimmung wichtig ist.
Heiri weiss viel über das Schwingen. Je länger ein Kampf dauert, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gegner berechenbar wird. Instinktiv fokussiert sich der Kämpfer auf Bewährtes. Er verliert den Mut, etwas Neues, Überraschendes zu wagen. Er verhält sich gewissermassen wie der Schütze beim Elfmeter, der sich für die Ecke entscheidet, in die er bis jetzt am besten getroffen hat. Da reicht ein Zettel, eine Auswertung durch den Trainerstab des gegnerischen Teams, damit der Torhüter die richtige Ecke auswählt und sich die Chance, den Ball zu parieren, deutlich vergrössert.
Häufig sieht Heiri schon an der Haltung des Gegners, was er plant. Löre hat sich offensichtlich für einen Übersprung entschieden. Mit einer Finte versucht er Heiri aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dafür will er sein rechtes Bein möglichst tief hinter sein rechtes bringen und ihn mit der geballten Kraft seines Oberkörpers auf den Rücken befördern. Heiri pariert blitzschnell. Sekundenbruchteile bevor Löre die volle Kraft in seinen Körper legen kann, dreht er sich um 180 Grad, indem er schwungvoll über das rechte Bein von Löre steigt und ihn anschliessend wie einen Sandsack kopfvoran ins Sägemehl legt.
Löre schlägt derart heftig auf, dass er benommen liegen bleibt. Ungeachtet dessen packt sich Heiri seinen Gegner und gibt erst Ruhe, als seine beiden Schulterblätter flach auf dem Sägemehl aufliegen. „Huueresiech, das bechunsch de noh zrugg“, wimmert der Geschlagene, als er wieder aufsteht. „Hättisch wohl gärn, du Lumpehung, mi mit emene eifache Übersprung welle z schlah.“ Heiri klopft seinem Gegner das Sägemehl vom Rücken und steckt seinen Kopf in den Brunnen. Er spürt einen kalten, befreienden Schauer, der ihm überschüssiges Blut aus dem Kopf schafft. Im letzten Kampf, das hat er bereits ausgerechnet, muss er nichts mehr riskieren und mit einem Unentschieden die erforderliche Punktezahl erreichen. Mäni kann zufrieden sein. Er würde ihm einen weiteren Kranz nach Trachselwald bringen
8.
Das Briefing dauert länger als die halbe Stunde, die eigentlich dafür vorgesehen ist. Louis, sein Kontaktmann bei der Bundespolizei, ist um die vierzig, er hat grau meliertes, dünnes Haar, trägt einen beigen Anzug, der seine besten Tage hinter sich hat und kratzt sich häufig und gerne. Ganz offensichtlich hat er die Sorge, Heiri könnte den Auftrag zu leicht nehmen oder ihn missverstehen. Ein Brief, findet Heiri, ist das Langweiligste an einem Agentenjob.
Louis kratzt sich und wiederholt, was er bereits wiederholt hat. Heiri findet, dass er längst alles verstanden hat, Louis dagegen mit dem Auftrag selbst Mühe bekundet. Es würde noch Stunden dauern, bis er endlich akzeptieren würde, dass Heiri bereit ist.
Louis kratzt sich und es kümmert ihn nicht, wo. Wenn sich Louis kratzt, gibt es keine Grenze.
Das Intime wird ein Stück Öffentlichkeit, das Öffentliche etwas Intimes.
Vielleicht hat Louis Flöhe. Oder das Kratzen ist ein Zeichen für Unruhe, Unsicherheit. Ist der Auftrag vielleicht gefährlicher als gedacht?
Als Mitglied des mittleren Kaders bei der Bundespolizei ist Louis bis jetzt wohl eher mit Wanzen in Berührung gekommen. Mit Wanzen einer Art, die gewiss keinen Juckreiz auslösen. So viel steht fest. Heiri schmunzelt über den bildhaften Vergleich. Er fühlt sich gut und bereit.
Es soll ja Menschen geben, die sich kratzen, wenn sie unter Spannung stehen. Bei Louis kann es aber ebenso gut bedeuten, dass er an sich rüttelt, weil er keine Routine aufkommen lassen will. Wer jemanden zum Feind schickt, hat keinen normalen Job. Jeder Auftrag ist auf seine Art speziell. Routine ist der erste Fehler, der einen Einsatz zum Scheitern bringt.
Louis hält sich durch Kratzen wach, denkt Heiri. Er will authentisch wirken und nicht routiniert. Er will mir nicht offenlegen, dass er schon wesentlich wichtigere und gefährlichere Einsätze vorbereitet hat. Er will meine Aufmerksamkeit schärfen. Und vielleicht hat Louis recht. Ein Briefing dauert ein Vielfaches von einer halben Stunde. Und eigentlich weiss er nicht einmal, wann sein Flugzeug startet. Warum also an Eile denken. Gut Ding will Weile haben.
Louis wiederholt sich. Das nervt Heiri. Von einem bestimmten Niveau an sind Wiederholungen Eingeständnisse von Versagen. Wer nicht auf Anhieb versteht, ist fehl am Platz. Heiri hat verstanden. Er ist bereit. Er will nicht mehr warten.
Louis kratzt sich jetzt unterhalb der linken Achselhöhle und schliesst dann seinen grauen Sakko mit dem zweitobersten von vier Knöpfen. Er hält Distanz, suggeriert aber gleichzeitig, immer für ihn da zu sein. Es ist dieses Abschiednehmen, das einem Ankommen gleicht. Eigentlich gehst du weg. Und mit dem Weggehen kommst du der Sache immer näher.
Louis spielt nicht. Er ist jetzt sich selber. Er hat einen Juckreiz und Heiri ist bereits so weit, dass er Mitleid mit ihm hat. Und manchmal ertappt er sich dabei, dass Louis ihn langweilt. Nur kratzen tut sich Heiri nicht. Heiri bildet sich einen Juckreiz nicht ein. Ihn kratzt wirklich nur etwas, wenn er auch wirklich Juckreiz verspürt.
Heiri hat lange auf seinen ersten Einsatz gewartet. Er hat sich oft gefragt, wie der Moment sein würde, wenn er tatsächlich eintreffen würde. Dieser Moment hat deshalb etwas Vertrautes. Am besten wäre es, wenn es einfach losgehen würde. Schwinger fühlen sich am wohlsten im Sägemehl.
Louis wiederholt sich und Heiri denkt daran, ihn darauf aufmerksam zu machen. Dann schweigt er doch, weil er keinen Fehler machen will. Vielleicht sind Briefings so. Eine endlose Wiederholung belangloser Dinge: Was habe ich zu tun? Wie heisse ich? Was habe ich wann zu sagen? Wie beeinflusse ich meine Gefühle? Wie täusche ich mich selbst, um glaubhaft zu bleiben? Wie clever bin ich, um mich selbst zu durchschauen, um auf den Punkt zuschlagen zu können: meinen Auftrag zu erledigen, zurückzufahren ins Emmental, in die Schule, zu Vreni, nach Trachselwald?
Heiri besitzt ein fotografisches Gedächtnis. Sein Gedächtnis ist so verständnisvoll, dass er nichts, was ihn nicht interessiert, registrieren würde. Sein Gedächtnis speichert zwar alles. Es verfügt aber über eine Dunkelkammer, die sich nie ins Bewusstsein drängt.
Heiri ist angespannt, aber nicht nervös. Er ist für solche Einsätze ausgebildet worden. Und als Schwinger fürchtet er ohnehin niemanden. Die Bösen haben den Vorteil, dass sich alle vor ihnen fürchten. Vor jemandem, der Angst vor einem hat, muss man sich nicht wirklich fürchten.