

Grundannahmen, die unser ganzes Leben durchdringen:
Wie unsere Weltsicht die Werte bestimmt,
welche unser Verhalten beeinflussen und unsere Kultur formen
© 1989, 1996, 2006 by Christian Overman
Dieses Buch, das vorher “Different Windows” (“Verschiedene Sichtweisen”) hieß,
wurde zuerst 1989 vom Tyndale Publishing House herausgegeben.
6. Auflage, 4. Ausgabe mit 30.000 gedruckten Büchern
Gegenwärtige internationale Standard-Buchnummer: 0-9743425-7-2
Alle Rechte vorbehalten
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Das Zitat auf S. 68 wurde mit der Erlaubnis von
Simon & Schuster Adult Publication Group from
The Rise and Fall of The Third Reich by William L. Shirer,
Copyright © 1959, 1960 by William L. Shirer,
copyright © renewed 1987,1988 by William L. Shirer
exzerpiert.
Ursprünglich herausgegeben im:
Ablaze Publishing House
2800 122nd Place XE Bellevue, Washington 98005
01 02 03 04 0506 —6 5 4 3 2 I
ISBN: 9781483504100
Dr. Albert E. Greene, Jr. gewidmet
Mentor und Vorbild,
mit aufrichtiger Dankbarkeit
in tief empfundener Verbundenheit
Inhaltsverzeichnis
Positive Stimmen
Vorwort
1. Über Athen und Jerusalem
2. Wer stellt den Schnee her – Gott oder Mutter Natur?
3. Moralische Werte und Vernunft
4. Griechische Grundannahmen und ungewollte Kinder
5. Warum die Hebräer armselige Philosophen waren
6. Welche Begrenzungen hat das Königreich Gottes?
7. Hebräische Bildung und Erziehung
8. Der vorherrschende Wind der Postmoderne
Epilog: Wie geht es jetzt weiter?
Anhang
Empfohlene Lektüre
Danksagung
Positive Stimmen
… sowohl für das Buch “Grundannahmen, die unser ganzes Leben durchdringen“ (“Assumptions That Affect Our Lives”), als auch für den “Think Again!” Workshop:
”Ich bete, dass unser Herr ihnen jede nur denkbare Tür öffnen wird, um mit ihrer Botschaft die Massen zu erreichen. Während die kulturelle Seuche des postmodernen Denkens weiterhin unsere Bildungseinrichtungen, Familien und Kirchen/Gemeinden infiziert, wird das, was sie mit diesem Buch tun, heute immer nötiger.“
Chuck Colson, Prison Fellowship Ministry (= Gefängnisbesuchsdienst)
”’Think Again!’ ist so überaus wichtig, dass wir es in unserer Bibelschule zum wichtigsten Basispflichtkurs gemacht haben, ohne den man keine anderen Fächer belegen kann. Wir empfehlen ihnen diesen Kurs auf wärmste für ihre Kirche/Gemeinde!“
Dr. Ralph W. Neighbour, Jr.
”Die weltliche Sichtweise, in der wir alle aufgewachsen sind, ist derart mächtig, dass wir jede nur erdenkliche Hilfe benötigen, um den Wechsel zu einer christlichen Weltsicht vollziehen zu können. ‘Think Again!’ hilft dabei sehr und ich empfehle es von Herzen.“
Dr. Albert E. Greene, Jr.
”Nachdem ich den ‘Think Again!’ Workshop zur Hand genommen und ‘Assumptions That Affect Our Lives’ gelesen habe, hat sich in meinem Verstand ein Fenster des Verständnisses geöffnet. Ich fühle mich, als wenn ich ‚erleuchtet’ worden bin. Sowohl der Workshop, als auch das Buch ehren Gott, basieren auf der Bibel, sind leicht verständlich und anwendbar auf mein Leben.“
Teilnehmer des Think Again! Workshops
”Mehr denn je fühle ich mich gedrängt, anderen mitzuteilen, was ich über Grundannahmen und wie sie unser Leben beeinflussen gelernt habe. Vom Sitzungszimmer des Aufsichtsrats bis zum Wohnzimmer habe ich eine neue, frische Sichtweise darüber bekommen, wie alle Bereiche des Lebens integriert und ausgefüllt werden sollen.“
Teilnehmer des Think Again! Workshops
”Noch nie habe ich eine produktivere Zeit verbracht. Ich möchte meinen Schülern helfen, eine tiefere, lebenslange Beziehung zu Gott aufzubauen. Sie haben mir Werkzeuge dafür an die Hand gegeben.“
Teilnehmer des Think Again! Workshops
Vorwort
Wenn eine Firma bereits Verfallserscheinungen zeigt, so wird manchmal ein Berater von außen hinzugezogen. Warum? Weil die Arbeiter und Angestellten eines bestimmten Industriezweiges sich bereits so weitgehend an die Abläufe gewöhnt haben, dass sie betriebsblind geworden sind und nicht mehr sehen können, wie die Dinge laufen sollten. Ein guter Berater sieht sich alle Dinge aus einem anderen Blickwinkel an und hilft damit den Firmenangehörigen, Zusammenhänge aus einer neuen Perspektive zu sehen. Wenn man mit einer neuen Sichtweise an eingefahrene Probleme herangeht, dann werden kreative Energien freigesetzt und positive Ergebnisse sind nur noch eine Frage der Zeit.
Es hilft ungemein, eine andere Perspektive von uns selbst, unserer Gesellschaft und den Abläufen um uns her zu gewinnen. Dazu muss man lediglich innerlich zurücktreten und die eigenen Angelegenheiten aus einem neuen, veränderten Blickwinkel sehen. Das ist auch ein wichtiger Schritt zur Erhaltung der eigenen Gesundheit. Dieses Buch hat genau dieses Ansinnen: Es soll helfen, innerlich zurückzutreten und sich die eigenen fundamentalen Grundannahmen und -einstellungen anzusehen, die unsere Werte bestimmen, unser Verhalten beeinflussen und unsere Kultur prägen. Dies sind letztlich Grundannahmen und Einstellungen, die auf die alten Griechen zurückzuführen sind.
Es gibt vielfältige und ernüchternde Parallelen zwischen unserer und der antiken griechischen Kultur in ihren letzten Zügen des Verfalls. Ohne eine tief greifende Reformation unserer Gedanken und Handlungen wird unsere Gesellschaft in ihrem moralischen Verfall fortfahren – genau wie das dekadente Griechenland vor etwa 2.400 Jahren.
Dieses Buch wurde in der Hoffnung geschrieben, dass wir das Ruder unseres Weges in den Niedergang noch herumreißen können. Alle Schlüssel für diesen Wandel finden wir in einem uralten hebräischen Buch. Indem wir unsere gegenwärtige Situation durch die Brille der Alten sehen, können wir die Strömungen unserer Zeit nicht nur besser als das erkennen, was sie auch wirklich sind, sondern darüber hinaus auch verstehen, was wir tun müssen, um den Wandel herbeizuführen. Eine radikale Neubesinnung ist unumgänglich.
Bedeutsame gesellschaftliche Veränderungen können nur dann stattfinden, wenn die dem gesellschaftlichen Verhalten zugrunde liegenden Werte verändert werden. Um diese Wertvorstellungen verändern zu können, müssen wir noch tiefer graben, nämlich bis auf den Grund dessen, was dahinter steht: unsere Weltsicht.
”Grundannahmen, die unser ganzes Leben durchdringen“ basiert auf der Annahme, dass unsere Weltsicht unsere Werte bestimmt, die wiederum das Verhalten beeinflusst und unsere Kultur formt, wie in folgender Grafik illustriert wird:

Eine Weltsicht ist wie der erste Gang, der allen anderen vorgeschaltet ist, die unsere Gesellschaft formen und gestalten. Im Grunde genommen ist eine Weltsicht das ”Gesamtbild“, welches eine Person von der Realität besitzt. Es wird von unterbewussten Annahmen und Entscheidungen in fünf großen Bereichen geformt: Gott, Schöpfung, Menschheit, Moralvorstellung und Absicht.
Genauer gesagt baut sich die gesamte Weltsicht auf Antworten auf folgende Fragen auf:
Dieses Buch analysiert, wie verschiedene Antworten auf diese fünf Kernfragen der Weltsicht verschiedene Werte und in deren Folge unterschiedliche Verhaltensweisen hervorbringen. Es überprüft insbesondere, wie innere Entscheidungen in Bezug auf die fünf Weltsicht-Fragen die kulturellen Strömungen und ihre Gegenströmungen erzeugen, die sich heute in den Vereinigten Staaten nicht miteinander vertragen. Auch wenn es zur direkten Erfahrung des Autors gehört, wie der Krieg um die richtige Weltsicht sich in Amerika entwickelt, so finden doch in mancherlei Hinsicht ganz ähnliche Konflikte in anderen Teilen der Welt statt. Es ist unsere Hoffnung, dass alle Christen, welche dieses Buch lesen, die Wurzeln dieses Weltsichtkrieges besser verstehen mögen und dadurch Weisheit, Mitgefühl und genügend Überzeugungskraft besitzen, wenn sie Rede und Antwort stehen müssen.
Auch wenn dieses Buch als selbständiges Werk gelesen werden kann, so kann es doch besser verarbeitet werden, wenn man es als Begleittext zum interaktiven Multimedia-Workshop mit dem Titel “Think Again!” (“Fang wieder an zu denken!”) liest. Dieser Workshop ist tausenden von Teilnehmern auf der ganzen Welt vorgestellt worden und hat enthusiastische Reaktionen von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten hervorgerufen. (Um weitergehende Informationen zu erhalten, besuchen sie bitte die Internetseite “Worldview Matters” (= Weltsicht Angelegenheiten“) unter www.biblicalworldview.com.)
Das alles überspannende Ziel dieses Buches – genau wie beim Workshop “Think Again!” – ist es, den Leuten die Zeiten einsichtiger zu machen, in denen wir leben. Dann wissen wir, was zu tun ist – genau wie die Söhne Issaschars im alten Israel, von denen es im 1. Chronik 12,32 heißt: Die Söhne ”Issaschars, die Einsicht hatten in die Zeiten, um zu wissen, was Israel tun sollte“.
Dieses Buch und der “Think Again!” Workshop lassen uns
Weil der Ausdruck ”Hebräisches Modell“ in diesem Werk auftaucht, ist ein Wort der Klärung nötig. Erster und wichtigster Punkt ist, dass das Hebräische Modell sich auf die Denkweise und das Verhalten bezieht, wie es uns im Alten und Neuen Testament der Bibel gezeigt wird. Es ist jenes alte hebräische Buch, das uns in die Lage versetzt, die biblische Weltsicht zu verstehen, d.h. die biblische Sicht über Gott, die Schöpfung, die Menschheit, Moral und Sinn und Zweck des Lebens.
Zweitens bezieht sich der Ausdruck ”Hebräisches Modell“ auch auf die historische Nation Israel selbst. Dieser Aspekt, also die Art und Weise, wie die Israeliten tatsächlich gelebt haben, stimmte nicht immer mit dem Vorbild von Gottes Wort überein. Manchmal zeigt uns das Vorbild der antiken Hebräer auch nur, was wir tun sollten, während es zu anderen Gelegenheiten vormacht, wie man es nicht machen sollte. Ob nun positiv oder negativ, so stellen ihre Erfahrungen in jedem Fall ein Vorbild für uns dar, von dem wir lernen können.
Als Volk, das von Gott auserwählt wurde, in einer heidnischen Welt eine Gott wohlgefällige Kultur aufzubauen, trugen die Hebräer eine große Verantwortung. Sie waren erwählt, eine charakteristische Gesellschaft zu sein, in der die Wege Gottes jeden Bereich ihres Lebens erfüllten: in ihren Familien, ihren Berufen, ihrer Wirtschaft und ihrer Regierung. Sie sollten anderen Nationen ein Vorbild der Segensströme sein, die eine auf Gott ausgerichtete Kultur geschenkt bekommt. Außerdem sollten sie allen zeigen, was passiert, wenn man Gott vergisst.
Genau wie in der Kirche/Gemeinde heute, so sehen wir auch im Volk Israel verschiedene Handlungsweisen von Männern und Frauen, welche die klare Botschaft Gottes über ein Volk zur Ehre Gottes verschleierten. So entwickelten einige Hebräer ihre eigenen Traditionen, die sie in eine tote Religiosität hineinmanövrierte. Sie betonten den Buchstaben des Gesetzes, aber den Geist und die Kraft des Gesetzes vernachlässigten sie. Solche Aspekte hebräischer Traditionen sollten abgeschafft werden. Deshalb hat Paulus Titus ermahnt, ”nicht auf jüdische Legenden [zu] achten und auf Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden“ (Titus 1,14). In diesem Sinne repräsentiert der Ausdruck ”Hebräisches Modell“, wie er in diesem Werk benutzt wird, an und für sich nicht unbedingt ”jüdisches Denken“, auch keine jüdischen Sitten der Vergangenheit oder Gegenwart.
Trotzdem müssen Christen sich bewusst sein, dass die biblischen Fundamente Israels auch ihre eigenen Grundlagen darstellen. Es ist sehr wichtig, sie zu entstauben und sie wieder neu aus der Perspektive der historischen Hebräer zu sehen, so dass wir unsere Kultur effektiv umformen können. Solch eine Transformation unserer westlich-griechischen Denkgrundlagen ist notwendig, um auf neuen Grundlagen aufbauen zu können. Auf uns alle kommt eine große Menge an Umformungsarbeit zu.
Dr. Christian Overman
Direktor der Organisation “Worldview Matters”
E-Mail: overman@biblicalworldview.com
Internet: www.biblicalworldview.com
1. Über Athen und Jerusalem
Ein amerikanischer Bomber mit sieben Mann Besatzung hob während des II. Weltkriegs von einer Luftwaffenbasis in Nord-Afrika ab, um seine Bombenlast über Neapel (Italien) abzuladen. Nachdem er seine Mission erfüllt hatte, nahmen Flugzeug und Besatzung Kurs auf ihre Heimatbasis, erreichten diese aber nie. Viele Jahre lang gab das Schicksal der “Lady Be Good” (= ”Sei eine fähige Dame“) Rätsel auf. Man dachte daran, dass jenem Flugzeug vielleicht der Sprit ausgegangen sein könnte, so dass es im Mittelmeer abgestürzt sei. In Wirklichkeit hatte es aber mehr als genug im Tank gehabt, nämlich so viel, dass es noch in der Lage war, 442 Meilen (ca. 711 Kilometer) vom Kurs abzukommen und in der Sahara abzustürzen, wo es dann 17 Jahre später gefunden wurde.
Was war geschehen? In jener Nacht war ein ungewöhnlich starker Rückenwind dafür verantwortlich, dass der Bomber und seine Mannschaft die Küste Nordafrikas Stunden vor der erwarteten Ankunft erreichten. Als ihre Instrumente anzeigten, dass sie bereits am Ziel seien, konnten sie es einfach nicht glauben. Sie nahmen an, dass es einfach unmöglich sei, eine solch große Distanz in solch einer kurzen Zeit zurückzulegen. Sie kamen also zu dem Schluss, dass der Feind ihre Instrumente gestört hatte oder sie einfach eine Fehlfunktion aufwiesen. Der diensthabende Offizier traf eine Entscheidung, die der gesamten Besatzung das Leben kostete.
Unsere Lebensumstände mögen nicht so dramatisch erscheinen wie die der Bombermannschaft, aber vom Prinzip her unterscheiden sie sich nicht: wichtigen Entscheidungen liegen noch wichtigere Annahmen zugrunde.
Dieses Buch handelt von unseren Grundannahmen und wie sie unser Leben beeinflussen. Unsere Einstellungen formen unser ganzes Denken, bilden unsere Werte und leiten unsere Entscheidungen, welche hinter unseren Aktionen und Haltungen stehen. Sie beeinflussen Entscheidungen über unsere Beziehungen zu anderen und mit wem wir unsere Zeit verbringen. Sie führen genau so zu einem bestimmten Wahlverhalten, wie etwa über die Kleidung, die wir angelegen, welcher Moral wir folgen, wen wir heiraten, wann wir in Rente gehen usw. Alle unsere Entscheidungen beruhen auf den in uns zugrunde liegenden Annahmen.
Überraschenderweise erhalten die Annahmen in unserem Entscheidungsfindungsprozess normalerweise den kleinsten Teil unserer Aufmerksamkeit. Oftmals denken wir nicht viel darüber nach. Wir nehmen gerade diesen Teil einfach als gegeben hin und akzeptieren ihn als ”vorausgesetzt“, weil es ja offensichtlich gar nicht anders sein kann. Das gleicht dem Erlebnis der Bombermannschaft, die glaubte, dass ein Flugzeug in so kurzer Zeit niemals so weit kommen könnte und daraufhin tödliche Schlussfolgerungen traf.
Nur wenige von uns nehmen sich die Zeit, Grundannahmen zu hinterfragen. Und doch haben sie einen enormen Einfluss auf die Art wie wir leben und handeln. Hinzu kommt noch, dass wir so lange mit unseren Lebensgewohnheiten weiter machen, bis wir wirklich davon überzeugt sind, dass unsere Annahmen geändert werden müssten. Wenn unsere Grundannahmen aber einmal geändert wurden, so ändert sich die Lebensführung wie von selbst.
Wir unterschätzen oftmals den Einfluss unausgesprochener Annahmen hinter den ausgesprochenen Worten und sichtbaren Handlungen derer um uns her. Wie ein im Ozean schwimmender Eisberg, von dem nur 10 Prozent über der Wasseroberfläche zu sehen ist, während sich 90 Prozent unter dem Wasser befinden, so verlieren wir manchmal aus dem Auge, dass die Worte, welche wir hören und lesen, und die Handlungen von anderen, die wir sehen, zunächst von unsichtbaren Gedanken, die tief in der nicht sichtbaren Welt unseres Herzens liegen, geformt werden.
Dabei kann man sehr leicht nachvollziehen, wie die Grundannahmen eines Individuums seine bzw. ihre Entscheidungen beeinflussen. Meinungen beeinflussen jedoch nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gesellschaften.
Vor einigen Jahren reiste ein amerikanisches Ehepaar durch abgelegene Teile Südafrikas, als sie sich einem ungewöhnlichen Anblick gegenüber sahen: Vor ihnen tauchte eine Kleinstadt mit höchst ungewöhnlicher Architektur auf. Jede Hütte glich wie ein Haar dem anderen. Sie waren nicht nur alle rund, mit spitzem Dach, sondern jede von ihnen war bis ins kleinste Detail identisch mit der anderen, ohne die geringste Abweichung.
Die Reisenden kamen zu einer Familie, die gerade eine neue Hütte baute. Auch hier waren die Abmessungen des Hauses wieder exakt dieselben wie die ihrer Nachbarhäuser. Warum nur? Es gab einen Grund dafür. Dieser spezielle Stamm hatte die Grundeinstellung, dass es moralisch falsch sei, wenn ein Mann mehr hätte als ein anderer. Daher musste jedes Haus in Größe und Gestalt genau dem des Nachbarn gleichen, ohne darüber nachzudenken, wie viele Leute in dem Haus wohnen sollten. Diese gesellschaftliche Grundeinstellung wurde so strikt durchgehalten, dass jeder, der es wagen sollte, eine größere Hütte zu bauen, vom Stamm ausgeschlossen oder sogar ermordet werden konnte. Ihre Einstellung beeinflusste also viel mehr als nur ihre Bauweise. Sie durchdrang ihre gesamte Lebensführung und erklärt auch, warum nicht einmal ihre Kleider öffentlich zum Trocknen ausgehängt werden konnten.
Wie sieht es mit unserer eigenen Gesellschaft aus? Gibt es auch bei uns einige tief sitzende, für selbstverständlich erachtete Grundannahmen, welche direkten Einfluss auf unsere Denkart, Lebensart, unseren Beruf und unser Spiel nehmen? Die Antwort lautet: Ja.
Kulturelle Grundannahmen sind wie das Fundament eines Hauses, welches ein sehr wichtiger Hausteil ist, der aber nicht oft besucht wird. Wann sind sie das letzte Mal unter ihr Haus gekrochen, um deren Fundamente in Augenschein zu nehmen? Vielleicht haben sie noch nie diesen Teil ihres Hauses gesehen. Sie nehmen einfach an, dass er da ist und seine Funktion erfüllt, nämlich das Haus zu tragen.
In diesem Buch wollen wir unser Flutlicht einmal abstellen und sozusagen unter die Zwischenkellerdecke unserer Kultur kriechen, um genau hinsehen zu können (bzw. überhaupt einmal hinzusehen), auf welchen Glaubensfundamenten unsere Gesellschaft steht. Wir tun das, um entdecken zu können, warum wir gerade so handeln, und warum andere Leute anders agieren. Wir werden herausfinden, dass Menschen unterschiedlich handeln, weil ihre Gedanken von unterschiedlichen Grundannahmen genährt werden, so dass sie die Welt durch verschiedene Brillen sehen. Wenn wir nur genau genug hinsehen, dann werden wir herausfinden, das es einen Grund für die Handlungen und Standpunkte der Menschen gibt, über die wir in der Zeitung lesen, mit denen wir am Telefon reden und – das ist jetzt der allerwichtigste Punkt – des Menschen, der uns aus dem Spiegel entgegensieht. Wenn wir wirklich das Zeitalter untersuchen und durchschauen wollen, in dem wir leben, dann müssen wir bis zum Grund der menschlichen Verhaltensweisen graben.
Wo kommen die kulturellen Grundannahmen eigentlich her?
Braut und Bräutigam stehen vor dem Altar, während der Pastor sie fragt: ”Welches Zeichen eurer Liebe wollt ihr einander geben?“ ”Diesen Ring“, lautet die Antwort. Noch rechtzeitig tritt jetzt der Ringträger nach vorn, um die goldene Beringung zu präsentieren. Der Bräutigam streckt die Hand aus, nimmt den Ring mit der einen und hält die linke Hand seiner Braut mit der anderen Hand. Sehr sanft streift er den ewigen Kreis über ihren zarten vierten Finger. Es fällt uns nicht schwer zu verstehen, warum Leute einen Ehering tragen. Außer dass er an die gegebenen Versprechen erinnert und ein Symbol der gegenseitigen Liebe ist, sagt der Ehering auch anderen, dass ein Mann oder eine Frau bereits vergeben ist. Warum aber wird der Ring an der linken Hand getragen? Und warum gerade am dritten Finger? Wenn sie nach dem Grund dafür forschen, dann werden sie herausfinden, dass diese Tradition auf die Römer zurückgeht. Sie glaubten, dass eine kleine Arterie, die so genannte ”vena amoris“ oder ”Liebesvene“ vom dritten Finger bis zum Herz führte. Man war der Überzeugung, dass das Tragen eines Ringes an diesem Finger das Ehepaar schicksalhaft zusammenband. Die linke Hand wurde dafür ausgewählt, weil sie näher am Herzen war.
Kulturelle Traditionen kommen nicht aus dem Nichts. Selbst wenn die Praktizierenden deren Ursprung vergessen haben, so könne sie doch sicher sein, dass ihre Gewohnheiten einen Grund und einen Anfang in der Geschichte hatten. Wenn sich auch kulturelle Traditionen mit der Zeit ändern, so haben sie doch Wurzeln. Wir, die wir in der so genannten westlichen Welt leben, haben unsere Wurzeln an zwei historischen Stellen: dem antiken Griechenland und bei den historischen Hebräern. Natürlich heißt das nicht, dass wir nicht auch noch weiter in der Geschichte zurückgehen könnten. In diesem Buch werden wir uns aber schwerpunktmäßig auf die Hebräer und die Griechen konzentrieren, weil sie unsere westliche Denkart bis heute derart entscheidend geprägt haben.
Bereits seit dem fünften Jahrhundert vor Christus infiltrieren griechische Vorstellungen Europa und die gesamte westliche Welt. Selbst die Römer bezogen die meisten ihrer kulturellen Werte von den bereits vor ihnen lebenden Griechen. Letztere waren es auch, die als Erste verschiedene Fundamentbestandteile westlicher Kultur legten. Sie gaben unsere grundsätzlichen Regeln sowohl für Philosophie, Wissenschaft, Politik und Bildung, als auch für Leistungssport und die schönen Künste vor.
Um es einmal kulturell auszudrücken: wir schwimmen in griechischer ”Suppe“. Wir werden umgeben und durchdrungen von Sichtweisen und Handlungen, die bis auf Ideen zurückreichen, die innerhalb eines Zeitabschnitts von ungefähr 300 Jahren gepflanzt und kultiviert wurden (von 600 bis 300 v. Chr.), und zwar von Philosophen wie Thales, Anaximander, Sokrates, Plato, Aristoteles und anderen, die ihre unmissverständlichen Spuren hinterlassen haben, wie wir in den folgenden Kapiteln deutlich herausarbeiten werden.
Was die historischen Hebräer anbetrifft, so ist ihr Einfluss auf den Westen genau so tief und weit reichend. Unsere Konzepte von Moral, Gesetz und Ethik wurzeln unmissverständlich in der Bibel, welche ein ausgesprochen hebräisches Buch ist. Gerechtigkeit, Tugend, Richtig und Falsch, Gut und Böse – solche Ausdrücke tragen für Abendländer ganz spezielle Bedeutungen; denn Definitionen gehen auf Mose am Berg Sinai zurück. Durch die ganze Heilige Schrift hindurch, einschließlich des Neuen Testaments, welches ebenfalls typisch hebräische Literatur ist, werden sie noch unterstrichen. Wenn wir sagen, dass die Bibel ”hebräisch“ ist, und zwar sowohl das Alte, als auch das Neue Testament, dann meinen wir, dass ihre menschlichen Autoren durch und durch jüdisch waren (mit der Ausnahme von Lukas). Die Bibel wurde von Söhnen Abrahams, Isaaks und Jakobs geschrieben, die in einer eigentümlichen Kultur aufwuchsen, lebten und starben. Sie besaßen einzigartige Gewohnheiten und Grundannahmen, welche sie auf dramatische, vielfältige Weise vor ihren Nachbarn auszeichnete. Hebräische Denkweisen unterschieden sich derart grundsätzlich von griechischen, dass die historischen Hebräer das Studium griechischer Philosophie in ihren Schulen nicht tolerierten.
Im Talmud, jener Sammlung alter rabbinischer Schriften, die dem orthodoxen Judaismus als autoritative Grundlage dient, wird uns von einem jungen Mann erzählt, der ”griechische Weisheit“ studieren wollte. Mit seinem Ansinnen ging er zu seinem Onkel, einem Rabbi. Der Onkel aber erinnerte ihn an Josua 1,8, wo es darum geht, dass man Tag und Nacht über das Gottes Wort nachdenken soll. ”Nun geh“, sagte der weise Rabbi, ”und finde eine Zeit, die weder Tag noch Nacht ist, und dann lerne griechische Weisheit.“ (Menachot 99b).
Diese Geschichte zeigt uns das Ausmaß und die Bedeutung des Konflikts zwischen griechischem und hebräischem Denken. Das brachte eine Unterschiedlichkeit der Kulturen hervor, die so weit reichend war, dass der frühe Historiker Tertullian fragen konnte: ”Was hat Athen mit Jerusalem zu tun?“ Die darin unausgesprochen enthaltene Antwort lautet natürlich: ”Nichts“. Um es kulturell auszudrücken: die Hebräer schwammen in einer völlig anderen ”Suppe“, als z.B. Sokrates. Auf jeder Seite der Bibel spiegelt sich dieser Unterschied.
In einem anderen Sinn können wir aber auch behaupten, dass die Bibel überhaupt kein hebräisches Buch ist. Der eigentliche Autor ist nämlich weder Hebräer noch Grieche, sonder Gott höchstpersönlich. Deshalb reden wir hier in Anerkennung der Inspiration der Heiligen Schrift auch oft von ”Gottes Wort“. Letztendlich ist die Bibel kein Erzeugnis einer Kultur, weder der jüdischen noch irgendeiner anderen. Wir sollten genau unterscheiden, dass Gott die menschlichen Autoren, durch welche er die Botschaft aufschreiben ließ, trotz Inspiration nicht einfach überging. Gott entschied sich, seine Botschaft in einer sehr praktischen Art und Weise in menschlicher Sprache und in den Gedankenbahnen genau der Menschen aufschreiben zu lassen, mit denen er reden wollte. Es waren Menschen, die in einer bestimmten Kultur lebten, die bestimmte Gedanken verstehen konnten und bestimmte Gewohnheiten hatten. Mit anderen Worten: die Bibel kam nicht aus der hebräischen Kultur, sondern durch sie.
Dass Gott sich entschied, eine bestimmte Gruppe von Menschen zu erwählen, durch welche er sein Wort mitteilte, schmälert die Wahrheit der göttlichen Inspiration nicht. Auch wird dadurch die Tatsache nicht aufgehoben, dass seine Botschaft sich an alle Menschen jedweder Kultur richtet. Sehen sie es einmal so: Weil die Botschaft den Juden zuerst gegeben wurde, war Gott gut beraten, es so auszudrücken, dass es verständlich für die Empfänger war. Unsere Aufgabe nun ist es, das nicht aus den Augen zu verlieren und Gottes Wort dementsprechend zu lesen. Wenn wir die Bibel so vollständig und klar wie nur möglich verstehen wollen, dann tun wir gut daran, sie durch die Brille der historischen, hebräischen Kultur und ihren Traditionen zu lesen – und das waren Gewohnheiten, die uns oftmals genau so fremd erscheinen, wie sie den antiken Griechen vorkamen.
Der Unterschied zwischen der griechischen und hebräischen Denkweise
Johannes und Marta, jenes junge Paar, das wir schon früher in diesem Kapitel am Altar stehen sahen, waren einander hoffnungslos verfallen. Während der Zeremonie sang der Solist “I Love You Truly” und die beiden Verliebten schienen vollkommen in einer eigenen Welt aufzugehen. Die Liebenden sahen sich gegenseitig tief in die Augen. Auch wenn der Pastor nicht lauschen wollte, so konnte er doch nicht verhindern mit anzuhören, wie sie sich sanft zuflüsterten:
Johannes: ”Mein Liebling, dein Bauch ist wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Rosen!“
Marta: ”Oh, mein Geliebter, du sagst die wunderbarsten Dinge!“
Klingt das nicht ein wenig fremd in unseren Ohren? Es hätte aber nicht fremd geklungen für Salomo oder dem Mädchen, dem er diese Worte vor mehr als 3.000 Jahren sagte, wie wir im Hohelied 7,2 lesen können. Wenn sie dann aber Salomos Liebling mit ihren dicken, runden Hüften sehen würden, dann würden sie merken, wie ihr griechisch geprägter Sinn ins Rotieren gerät.
In unserem griechisch geprägten Gemüt gibt es etwas, das sich nach photographischen Eindrücken sehnt. Bitte verstehen sie mich nicht falsch oder denken hierin zu weit. Es ist nichts Falsches an Photos. Vielmehr legen wir – genau wie bei den antiken Griechen – einen Schwerpunkt darauf, wie unsere Augen etwas sehen.
Die Griechen waren z.B. Vorreiter im Erstellen dreidimensionaler Skulpturen. Ihre architektonischen Schöpfungen sehen wir heute noch als klassische Wunder an. Ihre Säulen formten sie manchmal breiter an der Spitze und nach unten hin schmaler zulaufend. Es gab aber auch solche, die in der Mitte dicker waren, ohne dass es einen praktischen Grund dafür gegeben hätte; sie sollten einfach nur den Sinnen des Betrachters schmeicheln.
Wenn man ihre Literatur liest, wie z.B. Homers ”Ilias“ oder die ”Odyssee“, dann findet man oftmals lebhafte Bilder, die voller Farbe und Details stecken, schon fast wie ein Kinofilm. Der Ozean wird z.B. als ”wein-blaues Wasser“ beschreiben. Als Odysseus ein Floß baut, schneidet er die Stämme mit einer bronzenen Axt mit einem olivgrünen Griff zu, wobei er eine Kreidelinie benutzt, um die Bohlen gerade hobeln zu können.
Den Hebräern war andererseits der Inhalt einer Sache das Wichtigste. Bei ihnen kam der Gehalt immer zuerst, während die äußere Form zweitrangig war. Bei der Beschreibung von Noahs Arche z.B. wird uns die Holzart genannt, die Länge, Breite und Höhe des Schiffes, dass sie ein sich nach oben öffnendes Fenster, eine Tür in der Seite und intern drei Stockwerke hatte. Kurz gesagt wird uns die Arche als hölzernes, wasserdichtes Gefährt dargestellt, das eine Vorrichtung zur Luftzirkulation besaß und groß genug war, um die beabsichtigte Fracht auch tragen zu können.
Im Kern war das Schiff riesig, seetauglich und voll funktionsfähig. Trotzdem wird uns kein einziger visueller Hinweis auf die Form des Schiffes gegeben. Hatte sie einen Spitz-, Rund- oder einen eckigen Bug wie ein Kahn? War ihr Dach flach oder abgeschrägt? Wenn es geneigt war, hatte es dann ein geringes oder ein steiles Gefälle? Auch gibt es keinerlei Beschreibung der Werkzeuge, welche Noah zu ihrer Erstellung benutzte bzw. der Art und Weise wie er sie baute. Die Farbe der Flutwasser wird nicht erwähnt, auch wenn sie wahrscheinlich ”schmutzig braun“ gewesen sein dürften.
Heißt das nun, dass Farben und visuelle Eindrücke den Hebräern nichts bedeuteten? Natürlich nicht. Farbe und Form waren manchmal sehr wichtig, insbesondere wenn ihnen ein essentieller Sinn oder eine wesentliche Bedeutung zugeschrieben wurde, wie z.B. bei den verschiedenen Materialien und Möbelstücken, welche in der Stiftshütte Verwendung fanden. Farbe und visueller Eindruck waren für den Sinn und die Bedeutung von Noahs Arche und ihrer Botschaft jedoch nicht wesentlich.
Diese Tendenz, die Welt durch die Brille des Wesentlichen zu sehen, können wir oft bei biblischen Personenbeschreibungen wieder erkennen. Oftmals werden in der Bibel keine anderen körperlichen Merkmale beschrieben, als dass eine bestimmte Person hübsch (wie bei Esther) oder gut aussehend war (wie bei David) oder ”sein Anblick gefiel uns nicht“ (wie beim Messias). In allen vier Beschreibungen des Lebens Jesu (Evangelien) wird Jesus bemerkenswerterweise von keinem der Autoren beschrieben. Denken sie darüber einen Moment lang nach. Wenn sie Verfasser eines dieser Evangelien gewesen wären, hätten sie dann nicht zumindest eine kure äußerliche Beschreibung Jesu hinzugefügt? Tatsächlich wissen wir nicht einmal, ob er groß oder klein von Statur war. Dennoch würden wir sehr gern wissen, wie er wohl ausgesehen hat. Beweis genug sind die vielen Gemälde von Jesus Christus, die viele verschiedene unserer Künstler so erstellten, wie sie sich ihn vorstellen konnten.
Die Bibel betont Jesu Gedanken, seine Reden und sein Verhalten anderen gegenüber. Der Kern seines Wesens ist der Brennpunkt, seine inneren Qualitäten und nicht seine äußerliche Erscheinung, sein ”Inhalt“ und nicht seine ”Form“. Das erklärt auch das Geheimnis von Salomos seltsam klingenden Worten an das junge Mädchen, wenn er sagt: ”Dein Bauch ist wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Rosen.“ Wir müssen diese Worte mit Sicht auf ihren Gehalt und ihre inneren Charakteristika (Inhalt) lesen und verstehen, statt sie als Beschreibung ihres Bildes oder ihrer äußeren Form zu sehen. Salomos Beschreibung ihrer Hüften stellt nicht das dar, was seine Augen sahen, sondern was es in seiner Seele hervorgerufen hat.
Was aber ist das Wesen eines Weizenhaufens? Im Wesen spricht das von überfließender Fruchtbarkeit und einer überwältigenden Ernte. Angewandt auf die Qualitäten einer jungen Frau redet das von der Hoffnung, dass sie viele gesunde Kinder wird austragen können, was für einen Orientalen von sehr großem Wert war. Gräbt man sich tiefer in Salomos ”Liebessprache“ ein, so findet man noch weitere ungewöhnliche Ausdrücke. Schauen sie sich z.B. einmal diesen Gedankengang an: ”Deine Nase ist wie der Libanonturm, der nach Damaskus schaut.“ (Hohelied 7,4). Oder wie sieht es damit aus: ”Dein Hals gleicht dem Turm Davids, zum Arsenal erbaut [ein Waffenlager!], mit tausend Schildern behängt, allen Schilden der Helden.“ (4,4) Was in aller Welt könnte er ihr wohl damit sagen wollen? Wenn man so etwas liest, dann könnte man manchmal ernsthaft Salomos Weisheit in Frage stellen, wenn man seinen Gedankenhintergrund nicht versteht.
Im Kern haben seine Aussagen viel mit der Idee zu tun, dass dieses junge Mädchen kein gewöhnliches war. Es kann auch sein, dass sie eine große Nase gehabt hat, allerdings ist das nicht die wesentliche Aussage dieser Botschaft. Vor uns steht eine Frau, die Königin werden kann. Sie ist standhaft, stattlich, stabil und sicher. Im Vergleich zur Menge erhebt sie sich wie ein Turm über die anderen. Darüber hinaus sehen wir hier eine Frau, die Salomos Männlichkeit herauskitzelte, wie ein Mann durch den Geruch des Kampfes zum Soldaten wird. Kein Zweifel: er wollte sie erobern. Sie war ihm so wichtig, wie Davids Waffenkammer für 1.000 Soldaten in Kriegszeiten. Für diesen historischen Romeo-König war sie eine Herausforderung, eine herausragende Trophäe, die er sich nicht entgehen lassen konnte.
Solche scharfen Kontraste zwischen griechischer und hebräischer Denkweise haben Gelehrte und Historiker über Jahrhunderte fasziniert. Einige von ihnen kamen sogar zu dem Schluss, dass Hebräer und Griechen die Zeit unterschiedlich sehen würden. Über die Griechen denkt man z.B., dass sie die Zeit als niemals endenden Kreis ständiger, sinnloser Weiderholungen ansahen. Menschen wurden geboren, lebten ihr Leben und starben. Danach kamen weitere Menschen, denen es genau so ging. Häuser wurden neu erbaut, verfielen mit der Zeit und wurden durch neue ersetzt, denen es auch nicht anders ging. Pflanzen und Tiere durchliefen auch alle denselben Kreislauf. Die Geschichte drehte sich im Kreis und wiederholte sich immer wieder, ohne dass ein Sinn erkennbar gewesen wäre. Die Hebräer dagegen sahen die menschliche Geschichte als zielgerichtet an. Sie hatte einen definierten Beginn und lief auf ein klar umrissenes Ziel zu: sie gipfelte in der Herrschaft des Messias als Israels Erlöser. Ihre Sicht der Geschichte war linear und bewegte sich geradlinig wie ein Pfeil in seine Zielscheibe hinein.
Ziel dieses Buches ist es, die Grundannahmen herauszuarbeiten, welche zu den unterschiedlichen Gedanken und Handlungen, zu den verschiedenen Umgangsweisen miteinander, ungleicher Kindererziehung, Arbeit und Anbetung der Griechen und Hebräer führten. Wenn wir damit fertig sind, sollten wir alle zu einem besseren Verständnis dessen gekommen sein, was die grundsätzlichen Einstellungen eines bibelgläubigen Christen sein sollten. Hoffentlich können wir dann auch klarer sehen, was biblisches Denken in einer vorherrschend antibiblischen Kultur, in der wir heute leben, meint.
Christliches und griechisches Denken
Machen sie doch einmal bei folgendem kurzen Quiz mit. Welche Zeit und welchen Ort beschreiben die folgenden Aussagen?
Wählen sie aus folgenden Alternativen die beste Möglichkeit aus:
A. Amerika während der 1950er Jahre.
B. Das antike Griechenland während der späteren Stadien des Verfalls.
C. Das heutige Amerika.
Wenn sie B. und C. gewählt haben, dann liegen sie richtig. Beides stimmt.
Die Überschneidungen zwischen dem dekadenten Griechenland und dem heutigen Amerika sind krass und ernüchternd. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass viele der Beschreibungen, welche für unsere heutige Zeit gut passen, in den 1950er Jahren undenkbar waren. Innerhalb kurzer Zeit haben wir einen weiten Weg zurückgelegt. Die obigen Beschreibungen des antiken Griechenlands stammen aus dem weithin bekannten Buch ”Das klassische Griechenland”1, 1939 von dem Historiker Will Durant herausgegeben. Über diese Charakteristika der griechischen Kultur schreibt er im letzten Teil des Buches, in einem Unterabschnitt mit dem Titel “The Morals of Decay” (”Die Moral des Zerfalls“). Das war der Zustand Griechenlands kurz vor seinem Ende.
Einige Leser mögen vielleicht die Einbeziehung von Kindesmord als unverwechselbares Anzeichen amerikanischer Kultur von heute ansehen. Doch erst im Jahre 2000 wurde Amerikas Gleichheit mit dem sterbenden Griechenland hergestellt, als der Oberste Gerichtshof ein Gesetz des Bundesstaats Nebraska aufhob, welches die so genannte “partial birth abortion” (= ”Abtreibung nach der 20. Woche“) verboten hatte. Die ganze Sache ist nichts weiter als unverhohlener Kindermord und zwar in seiner grausamsten und schmerzhaftesten Variante. Es macht sich die heidnische Vorstellung zu eigen, dass das Leben mancher Kinder besser nicht gelebt werden sollte. Bereits 1973 argumentierte Nobelpreisinhaber Dr. James D. Watson: ”Wenn ein Kind innerhalb von drei Tagen nach der Geburt nicht zum Lebewesen erklärt wird, dann könnte allen Eltern etwas erlaubt werden, was im gegenwärtigen System nur wenige dürfen. Der Arzte könnte dem Kind erlauben zu sterben, wenn die Eltern sich dahingehend entscheiden würden, und dadurch allen Beteiligten eine Menge Elend und Leiden ersparen.“2 Dr. Watsons Vorschlag ist den antiken Griechen um eine Nasenlänge voraus. In Athen hatten Eltern 10 Tage Zeit zu entscheiden, ob ein Neugeborenes in die Familie aufgenommen werden solle.
Als man in Athen über die Abtreibung diskutierte, weigerten sich die Ärzte sie vorzunehmen, weil der Hippokratische Eid ihnen solch ein Vorgehen nicht erlaubte. Es waren die griechischen Hebammen, die Erfahrungen damit sammelten und kein Gesetz hinderte sie daran.3 Solch ein medizinisches Ethos behindert jedoch nicht die Arbeit eines modernen Arztes. Ja, wir sind tatsächlich in kurzer Zeit sehr weit gekommen. Was unseren moralischen Verfall anbetrifft, so haben wir die Griechen sogar überrundet. Wer hätte es in den 1950er Jahren für möglich gehalten, dass wir Zeuge des legalen Mordes an 4.000 ungeborenen Kindern pro Tag in Amerika würden?
Erinnern sie sich noch an die “Lady Be Good”, jenen Bomber aus dem II. Weltkrieg, der auf seinem Rückweg nach Nordafrika unbemerkt in einen kräftigen Nachtrückenwind geriet? Kapitän und Mannschaft kamen zu dem fatalen Schluss, dass es unmöglich sei, in solch kurzer Zeit so weit zu fliegen. Sie können sich sicherlich vorstellen, wie sie sich gefühlt haben müssen, als sie schließlich bemerkten, dass sie so weit in die Sahara geflogen waren, dass sie niemals mehr würden zurückkehren können. Es war unausweichlich, dass ihnen der Sprit ausgehen und sie mit ihrem Flugzeug aufschlagen würden. Sie können sich sicher auch vorstellen, was ihnen am nächsten Morgen durch den Kopf ging, als sie sich in der Hitze der alles versengenden Sonne umsahen und von Sand umgeben waren, so weit das Auge blicken konnte. Sie hatten nur die Möglichkeit, zu Fuß aus dieser Sandwüste herauszukommen. Dabei sind sie umgekommen.
Tragischerweise gaben ihre Instrumente ihnen alle nötigen Signale, um den richtigen Weg nach Hause sicher finden zu können, während ihnen noch mehr als genug Flugbenzin übrig geblieben war, um dorthin gelangen zu können. Als Gesellschaft fliegen wir gerade immer weiter vom richtigen Kurs ab und uns geht schnell der Sprit aus. Die Frage ist, ob wir unseren Kurs Richtung Heimatbasis noch ändern und der Gefahr entkommen werden, bevor wir den Weg des antiken Griechenlands und der “Lady Be Good” zu Ende gehen werden? Die gegenwärtige Situation ist kritisch. Ein US-Senator drückte es einmal so aus: ”Beweise verbergen sich nur vor den Blinden.“
1989 wurde von der Amerikanischen Medizingesellschaft eine Kommission gebildet, welche die amerikanische Jugend untersuchen sollte. Die Kommission kam zum Ergebnis, dass unsere Jugend sich in einem ”Nationalen Notstand“ befinden würde und wir einer ”beispiellosen Krise der Heranwachsenden“ entgegensehen würden. Sie gaben ihrem Bericht den Titel ”Code Blue“, der in einem Krankenhaus eine lebensbedrohliche Situation anzeigt, in der Spezialisten zum Bett dessen eilen, dessen Leben in der Schwebe hängt. Das ganze Ausmaß der Krise wird offensichtlich, wenn man sich einmal vergegenwärtigt, dass heute Sicherheitsleute in den Gängen vieler unserer öffentlichen Schulen patrouillieren. Lehrer und Schüler haben es nicht mehr nur mit gespuckten Papierkügelchen zu tun, sondern sie müssen sich heute über echte Geschosse Sorgen machen.
Während unsere Gesellschaft ihre Flucht in die Wüste fortsetzt, lässt das Instrumentenbrett unseres Flugzeugs Warnleuchten aufblinken und Warnsirenen erklingen überall im Cockpit. Eigentlich leuchten und schrillen die Warnleuchten und Alarmglocken bereits eine ganze Zeit lang. Die Frage ist: Wie sind wir als Gesellschaft mit diesen Warnzeichen umgegangen? Grundsätzlich gibt es ja zwei Wege darauf zu reagieren. Eine Möglichkeit wäre, die Richtung zu ändern und auf den richtigen Kurs zurückzukehren. Der andere Weg wäre, das Instrumentenbrett durch ein solches zu ersetzen, welches nicht blinkt oder schrillt, wenn man vom Kurs abkommt.
Bedauerlicherweise hat sich unsere Gesellschaft insgesamt für die zweite Möglichkeit entschieden. In den letzten 75 Jahren wurde nach und nach, Draht für Draht und Knopf für Knopf, das Instrumentenbrett ersetzt, mit deren Hilfe unsere Urgroßeltern ihren Weg fanden und durch ein anderes ersetzt. Das ist nicht an einem einzigen Tag passiert, sondern über den Zeitraum einiger Generationen. Unsere vorherigen kulturellen Grundannahmen wurden durch neue ersetzt. Für uns erscheinen sie neu zu sein, aber die Geschichte kennt sie bereits; denn genau dieselben Annahmen benutzten bereits die antiken Griechen, um ihre Gesellschaft darauf aufzubauen – nur, um schließlich erleben zu müssen, wie sie dadurch direkt vor den Füßen der Römer zusammenbrachen. Wie beim Trojanischen Pferd übernahmen die Römer viele dieser Annahmen von den Griechen in ihr Reich auf, die schließlich zu ihrer Demontage von innen heraus führten. Jetzt hat unsere Kultur genau dasselbe getan und wir erleben ganz ähnliche Resultate.