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Über das Buch

Finschhafen auf Deutsch-Neuguinea, 1890. Nach ihrer Ankunft muss die junge Lehrerin Isabel Maritz erfahren, dass ihr Verlobter, ein Missionar, vor kurzem gestorben ist. Berthold von Faber, ein Kolonialbeamter, und seine Schwester Henriette kümmern sich in den ersten Tagen um Isabel. Um zu wissen, wie ihr Leben als Missionarsfrau ausgesehen hätte, zieht sie bald darauf nach Simbang, wo ihr Verlobter gelebt hat. In der Missionsstation lernt sie den deutschsprachigen Papua-Mischling Noah kennen, der als Dolmetscher arbeitet und ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit macht. Obwohl sie nicht weiß, was sie von dem jungen Mann halten soll, fühlt Isabel sich von ihm angezogen, und auch Noah scheint ihre Gefühle zu erwidern.

Doch wenig später wird Noah eines Mordes verdächtigt. Auf seiner Flucht nimmt er Isabel als Geisel – und diese ist hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Zuneigung. Wird sie den beschwerlichen Weg durch den Urwald über­leben?

Über die Autorin

Inez Corbi, geboren 1968, studierte Germanistik und Anglistik in Frankfurt/Main. Nach ersten Erfolgen als Schriftstellerin widmet sie sich inzwischen vollständig dem Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann bei Frankfurt am Main.

www.inez-corbi.de

Von Inez Corbi sind in unserem Hause bereits erschienen:

Das Lied der roten Erde

Im Tal des wilden Eukalyptus

Inez Corbi

Im Herzen
der Koralleninsel

Ein Südseeroman

List Taschenbuch


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ISBN 978-3-8437-0668-1


© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Titelabbildung: © Nectarinia Gouldae from ›Tropical Birds‹,
19th century (colour litho), Gould, John (1804–81)/Private
Collection/The Bridgeman Art Library (Vogel); © New York
Harbour, 1850 (oil on canvas), Lane, Fitz Hugh (1804–65)/Museum of Fine Arts, Boston, Massachusetts, USA/Gift of Maxim Karolik for the M. and M. Karolik/Collection of American Paintings, 1815–65/The Bridgeman Art Library (Schiff und Meer); © getty images/Dea Picture Library (Hand, Blüten und Blätter);
© Fine Pic®, München (Karte, Fond und Bullauge)


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eBook: LVD GmbH, Berlin

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1.

Kaiser-Wilhelms-Land, Neuguinea, 1890

Vogel_grau.tifConrad hatte ihr nicht zu viel versprochen. Dieses Fleckchen Erde war das Paradies, wenn auch auf eine wilde, ungezähmte Art. In der Morgendämmerung, die den Himmel wie mit feuerfarbenen Pinselstrichen überzog, hielt Isabel sich an der Reling fest und starrte hinüber auf die Spitze der Halbinsel, die die Ottilie jetzt ansteuerte. Hinter einem schmalen Uferstreifen stiegen in langen Ketten gewaltige Gebirge auf. Düster, majestätisch, erhaben. Das war also Kaiser-Wilhelms-Land, von manchen auch Deutsch-Papua genannt. Die zweitgrößte Insel der Welt, nördlich von Australien gelegen. Seit hier vor sechs Jahren die deutsche Flagge gehisst worden war, gehörte der nordöstliche Teil Neuguineas zur deutschen Südsee. Ein Platz an der Sonne, wie der Kaiser es nannte. Und sonnig war es in der Tat. Sonnig, heiß und unglaublich schwül. Keine noch so leichte Brise wehte über das Wasser. Selbst jetzt, am frühen Vormittag, fühlte Isabel sich bereits wieder klebrig und verschwitzt, dabei hatte sie sich doch erst vor wenigen Minuten in ihrer Kabine gewaschen.

Sechs Wochen war sie unterwegs gewesen. Die meisten Passagiere waren in Soerabaya auf Java von Bord gegangen, um von dort nach Australien zu reisen. Auch Isabel hatte die Reise dort einen Tag unterbrechen müssen, bevor sie auf die Ottilie hatte wechseln können.

Die See war ruhig, die Sonne glitzerte auf dem Meer wie von tausend Diamanten und stach in den Augen. Isabel beobachtete einen Vogel, der mit kräftigen Flügelschlägen knapp über der Wasseroberfläche dahinflog. Dann wandte sie sich ab und zog die hinaufgerutschten Ärmel ihrer leichten Bluse wieder hinunter. Jetzt, da sie das Ziel ihrer weiten Reise fast erreicht hatte, überfiel sie die lange unterdrückte Angst erneut. Was, wenn Conrad doch nicht so freundlich wäre, wie er in seinen Briefen klang? Wenn sie ihm nicht gefallen würde? Wenn ihr schwaches Bein ihn doch abstoßen würde? Nein, versuchte sie sich selbst Mut zu machen. Das würde nicht passieren. Auch wenn sie ihren Verlobten noch nie gesehen hatte – aus seinen Briefen hatte stets so viel Wärme, so viel Verständnis gesprochen. Er würde sie mit offenen Armen hier aufnehmen, ganz so, wie er es immer wieder geschrieben hatte. Und in wenigen Tagen würde sie nicht mehr Fräulein Maritz, sondern Frau Conrad Felby, Missionarsfrau, sein.

Sie griff nach ihrer aufwendig mit gestickten Rosen verzierten Handtasche und zog den Umschlag heraus, der sie kurz vor ihrer Abreise aus Zirndorf erreicht hatte. Neben einem Brief enthielt er auch eine schwarzweiße Photographie von Conrad, die er noch in Deutschland hatte anfertigen lassen. Sie zeigte einen jungen Mann von Ende zwanzig, mit ebenmäßigen Zügen, den Blick entschlossen in die Ferne gerichtet. Er trug den strengen schwarzen Lutherrock der evangelischen Pastoren, die vollen Haare waren zurückgekämmt, und ein dunkler, leicht gekräuselter Bart umrahmte wie ein Kranz das stille, ernste Gesicht. Ein hübsches Gesicht, wie Isabel fand.

Ein letzter Blick noch, dann steckte sie die Photographie sorgfältig wieder in ihre Handtasche. Die Küste war nun ganz nah. Ein Strand, an dem ein paar Palmen wuchsen. Eine Ansammlung einfacher, auf Pfählen errichteter Hütten, daneben einige dunkelhäutige Männer, die ein Kanu mit einem seitlichen Ausleger ins Wasser zogen. Isabel hob den Arm und winkte zaghaft. Sie senkte ihn wieder, als keiner der Männer ihren Gruß erwiderte, und ihre Beklommenheit wuchs. Ob das ein schlechtes Omen war?

Ein hölzerner Landungssteg, der auf Stelzen ins Hafenbecken ragte, kam in Sicht, dahinter erkannte sie ein paar einfache Bretterhütten. Eine kleine Straße verlor sich zwischen den Büschen und Palmen am Strand. Isabel konnte einige helle Dächer durch das allgegenwärtige Grün leuchten sehen – wahrscheinlich Finschhafen, der Hauptsitz der Verwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land und das Ende ihrer Reise.

Ihr Herz schlug schneller. Bald würde sie von Bord gehen und ihrem Conrad zum ersten Mal leibhaftig gegenüberstehen. Ihre Hände wurden feucht, und sie wischte sie an ihrer Bluse ab, unter der das Korsett plötzlich viel zu eng schien.

Sie spürte den Schiffskörper erzittern wie vom Fieber geschüttelt, die Schiffsschraube sirrte unangenehm, als der Dampfer die Fahrt verlangsamte. Das türkisfarbene Wasser sprudelte und schäumte weiß, die Turbinen röhrten. Eine Schar bunter Vögel flatterte kreischend auf; Isabel sah ihnen nach, wie sie im dichten Tropenwald verschwanden. Neben und hinter ihr erklangen die Stimmen der anderen Passagiere, die sich nun ebenfalls an Deck versammelt hatten; aufgeregtes Reden war zu hören. Bis auf zwei ältere Engländerinnen, die bereits in Port Moresby auf der britischen Seite Neuguineas ausgestiegen waren, reisten nur Männer auf dem kleinen Überseedampfer. Hauptsächlich Kolonialbeamte, Pflanzer und ein paar Abenteurer, wie sie den Gesprächen bei der Pflichtveranstaltung des gemeinsamen Abendessens hatte entnehmen können. Während der langen Wochen auf See hatte Isabel sich mit niemandem angefreundet. Selbst in ihrer Kabine war sie allein gewesen, denn eine Reisegefährtin hatte im letzten Moment kalte Füße bekommen und die Überfahrt abgesagt.

Rasselnd verschwand die Ankerkette im Wasser. Von der Landungsbrücke legte eine kleine Dampfpinasse ab und näherte sich der Ottilie, um die Passagiere an Land zu bringen.

Am Pier stand eine Handvoll Menschen. Vereinzelt hörte Isabel freudige Ausrufe, und auf dem Schiff wie auch an Land begannen die Leute zu winken und Hüte zu schwenken, als sie Freunde oder Verwandte erkannten. Isabel reckte sich und blickte angestrengt zum Land hinüber. Sie sah einen großen, kräftigen Mann in hellem Anzug und mit Tropenhut, an seiner Seite eine zierliche Gestalt, wahrscheinlich seine Frau. Isabels Beine wurden weich, als sie den Mann daneben erblickte. Auch er trug einen hellen Anzug, und sein Gesicht verschwand fast vollständig hinter einem dunklen Bart. Das musste Conrad sein! Großer Gott, wie lang und dünn er war!

Plötzlich wurde die Angst in ihr übermächtig, und unter ihrem fest geschnürten Korsett blieb ihr die Luft weg. Sie ließ die Reling los, raffte ihren langen dunkelblauen Rock und eilte hinter den freudig winkenden Passagieren leicht hinkend über das Deck. Ungelenk kletterte sie die Treppe ins Zwischendeck hinab, tauchte in das Dämmerlicht und ging mit hastigen kleinen Schritten zu ihrer Kabine am Ende des Gangs. Schnell jetzt, schnell! Es kam ihr vor, als würge sie jemand. Selbst als sie die Kabinentür hinter sich geschlossen hatte und allein war in der vertrauten Enge, löste sich der Druck nicht. Sie glaubte zu ersticken, riss fast die Knöpfe ihrer Bluse ab, als sie das Kleidungsstück mit zitternden Fingern öffnete und schließlich ablegte. Hektisch zog sie an den Schnüren und zerrte an den Häkchen ihres engen Korsetts, das ihren Körper in eine sanduhrförmige Form presste. Als es sich endlich lockerte, lehnte sie sich mit einem erleichterten Aufatmen gegen die Kabinenwand und ließ Luft in ihre Lungen strömen.

Sie kam sich unendlich klein und verloren vor. Da hatte sie allen Nörglern und Bedenkenträgern getrotzt, war allein um die halbe Welt gereist, und nun hatte sie Angst, ihrem Bräutigam gegenüberzutreten. Aber das war ja nicht anders zu erwarten gewesen. Fast glaubte sie die Stimme ihrer Mutter zu hören. »Du willst zu den Wilden reisen und einen Missionar heiraten? Ausgerechnet du?« Dabei hätte sie doch froh sein sollen, dass ihre jüngste Tochter endlich ihr Leben in die Hand genommen hatte.

Isabel atmete tief durch. Ja, sie würde hier ein neues Leben anfangen. Ein neues, ein besseres Leben.

Wenn da nur nicht die Angst wäre. Wie würde es wohl sein, wenn Conrad sie anfasste? Wenn er sie küsste? Bis auf einen unschuldigen Kuss unter Nachbarskindern, als sie elf Jahre alt gewesen war, hatte sie noch nie jemanden geküsst. Und wie würde es erst sein, wenn sie verheiratet waren und Conrad sein Recht als Ehemann forderte? Sie schluckte und zwang sich, stattdessen an das zu denken, was daraus erwachsen mochte: Dass sie vielleicht bald Mutter werden würde. Bei dem Gedanken an ein kleines Mädchen oder einen kleinen Jungen wurde ihr warm ums Herz. Dafür würde sie alles ertragen.

Fast musste sie über sich selbst lächeln. Da reiste sie in ein Land, in dem angeblich noch Kannibalen hausten, und sie fürchtete sich vor dem Zusammensein mit ihrem Zukünftigen! Dabei hatte niemand sie zu irgendetwas gezwungen. Aus freiem Willen hatte sie dieser Verlobung mit einem ihr fast gänzlich Unbekannten zugestimmt.

Lieber Gott, bat sie stumm, erweise mir Gnade und steh mir bei. Steh uns bei. Schaffe Harmonie zwischen uns. Dann wird alles gut.

Sie hörte Schritte auf dem Deck und das Rufen der Seeleute. Ihr stolpernder Herzschlag beruhigte sich, das kurze Gebet hatte ihr Kraft gegeben. Jetzt würde sie sich ihrem neuen Leben stellen können. Sie warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Herrje, wie blass sie aussah! Die kastanienbraunen Haare, die sie unter dem Hütchen zu einem einfachen Knoten hochgesteckt hatte, waren an den Schläfen schon wieder verschwitzt. Sie kniff sich in die Wangen, um ein wenig Farbe hineinzubringen, dann schnürte sie ihr Korsett zu, diesmal etwas weniger eng, und legte die Bluse wieder an.

*

Ihre ersten Schritte auf der hölzernen Landungsbrücke waren so unsicher, dass sie zu fallen glaubte. Der feste Boden schien zu schwanken nach all den Tagen auf See. Die Überfahrt von Java war unruhig gewesen. Zu Anfang hatte ihr die Seekrankheit sehr zu schaffen gemacht, und Isabel hatte kaum etwas essen können – aber das kam zumindest ihrer Taille zugute, die seitdem wenigstens ein bisschen geschrumpft war, wenn auch bei weitem nicht so viel, wie sie es sich gewünscht hatte.

Immer mehr Menschen bevölkerten den Pier. Nackte Kinder mit buschigen Krausköpfen liefen umher, dunkelhäutige Männer mit nicht mehr als einem Tuch um die Hüften halfen, Koffer, Taschen und andere Gepäckstücke an Land zu bringen. Auch Isabels zwei Koffer wurden von dunklen Händen ergriffen und, ehe sie etwas einwenden konnte, auf die Landungsbrücke getragen. Isabel blieb neben ihrem Gepäck stehen, umklammerte den Bügel ihrer Handtasche und sah sich hilfesuchend um. Als die beiden Männer in den hellen Tropenanzügen, die sie vorhin schon erblickt hatte, zögernd auf sie zukamen, versuchte sie zu lächeln, aber ihr Herz klopfte so laut, dass ihr ganzer Körper zu vibrieren schien.

»Fräulein Maritz?« Der große, massige Mann hatte seinen Tropenhut, den eine schwarz-weiß-rote Kordel zierte, abgenommen und unter den linken Arm geklemmt; der Ärmel seiner leichten Jacke war in Höhe des Ellbogens umgeschlagen, der Unterarm fehlte. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als Isabel nickte. »Herzlich willkommen in Finschhafen. Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin Berthold von Faber, der stellvertretende Leiter der Station Finschhafen.« Mit einer leichten Verbeugung ergriff er Isabels Finger zu einem angedeuteten Handkuss.

Sie senkte den Blick, Hitze flutete in ihre Wangen. So hofiert zu werden war sie nicht gewöhnt.

»Sehr erfreut, Herr von Faber«, murmelte sie. Ihre Hand lag schlaff und klebrig in seiner. Waren ihre Finger so schweißfeucht, oder waren es seine?

»Ach, Berthold, nun gib Fräulein Maritz schon frei und lass das arme Kind doch erst einmal ankommen!« Die Frau in dem vornehmen Kleid, die sie schon vom Schiff aus gesehen hatte, klopfte Herrn von Faber mit einem zusammengelegten Fächer leicht auf den rechten Arm. »Henriette Thi­lenius«, stellte sie sich vor und reichte Isabel die Hand. »Bertholds Schwester. Ich freue mich sehr, wieder einmal ein weibliches Wesen in diesem Junggesellenrefugium zu sehen.«

Herrn von Fabers Schwester war eine Schönheit und so zierlich, wie ihr Bruder massig war. Sie war nicht mehr jung, vielleicht Mitte oder Ende dreißig, aber sie hielt sich kerzengerade, und ihre Taille hätte ein Mann mit seinen Händen fast ganz umfangen können.

Isabel murmelte eine Erwiderung – und verstummte dann, als ihr Blick zu dem großen, dünnen Mann ging, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte und der jetzt zu ihnen trat. Seine dunklen Augen blickten sie freundlich an, und was sie von seinem Gesicht unter dem dicht wuchernden Bart erkennen konnte, war knochig, fast schon ausgezehrt. Er wirkte ganz anders als auf der Photographie, die sie nun schon so oft angesehen hatte. So viel älter. Conrad war doch erst achtundzwanzig – dieser Mann sah aus wie vierzig.

»Conrad?«, flüsterte sie fast ohne Stimme.

Das Gesicht hinter dem Bart verzog sich zu etwas, das Isabel nicht deuten konnte. War es Bedauern? Schmerz?

»Nein«, sagte der Mann dann. »Nein, das bin ich nicht. Ich bin Pater Paul Lorenz. Gott zum Gruß, Schwester Maritz.«

Sein Händedruck war warm und trocken. Isabel nickte verwirrt. Und gleichzeitig erleichtert darüber, dass diese hagere Vogelscheuche nicht ihr Conrad war. Von Bruder Lorenz hatte Conrad ihr geschrieben; er war einer der vier Missionare der Station Simbang.

Jetzt schlug er die Augen nieder. »Bruder Felby konnte … leider nicht kommen«, sagte er leise.

Ihr Herz sank. Dieser Anfang war alles andere als vielversprechend. War Conrad ihrer schon überdrüssig geworden? Hatte er sich etwa doch gegen sie entschieden?

»Er ist vergangene Woche am Schwarzwasserfieber erkrankt.«

»Am Schwarzwasserfieber?«, wiederholte Isabel. Diesen Namen hatte sie noch nie gehört.

»Eine besonders schwere Form der Malaria.« Bruder Lorenz blickte sie traurig an. »Es tut mir unendlich leid, Schwester Maritz. Bruder Felby ist vor vier Tagen gestorben.«

Der Aufschrei erstarb in ihrem Mund. Das weiße Rauschen schien plötzlich von überall her zu kommen. Die Menschen vor ihren Augen flimmerten, und der Sonnenschein war auf einmal entsetzlich grell. Immer heller wurde es, immer heller. Sie spürte schon nicht mehr, wie sie auf dem Landungssteg zu Boden sank.

*

Zuerst war da der Geruch. Leicht süßlich, wie ein Parfüm von unbekannten Blumen. Er wehte an Isabel vorbei, flüchtig wie eine Sommerbrise, kitzelte ihre Nase und verschwand wieder in der Dunkelheit.

Dann Stimmen. Leise, geflüsterte Stimmen. Ein Mann? Eine Frau? Sie sprachen miteinander.

Weitere Geräusche. Ein leises, aber stetiges Auf- und Abwogen, ein Rauschen, regelmäßig wie Meeresbrandung. Das Schnarren von Zikaden, wie ein unermüdliches Konzert. Das nervtötende Surren eines Insekts, heller werdend, verstummend, dann erneut einsetzend.

Etwas wurde ihr an die Lippen gehalten. »Dringim, misis«, hörte sie jemanden sagen. Der Geschmack einer kühlen, süßen Flüssigkeit auf ihren Lippen, ihrer Zunge. Schlucken.

Unter sich spürte sie eine weiche Unterlage. Wo war sie? Mühsam öffnete sie die Augen und schloss sie gleich wieder. Sie blinzelte und öffnete abermals vorsichtig ein Auge. Sie lag in einem Bett, und der Himmel über ihr war diesig und neblig. Die Augen fielen ihr wieder zu.

Als sie erneut die Lider aufschlug, war die Helligkeit einem dämmrigen Zwielicht gewichen. Nur der Nebel war noch da. Sie zwang sich wach zu bleiben, die Augen offen zu halten. Ihr Blick huschte hin und her, suchte nach einem Fixpunkt, bis sie einen fand: Auf ihrem Handrücken saß eine Mücke. Sie war klein und schmächtig, kaum länger als einen halber Zentimeter, der Kopf duckte sich tiefer als der Hinterleib, als würde sie sich verbeugen, und fuhr eine Art Rüssel aus. Im nächsten Moment verspürte Isabel ein Brennen. Sie zog die Hand zurück, und die Mücke verschwand.

Es war kein Nebel, sondern ein feingewebtes Netz aus Baumwolle, das das ganze Bett wie ein Zelt umgab. Hier und da waren winzige Flickstellen zu sehen. Ein Moskitonetz. Nun, offenbar hatte es seinen Zweck nicht ganz erfüllt.

Unter dem Netz war es stickig; je länger Isabel das feine Gewebe anstarrte, desto schlechter bekam sie Luft. Und ihr war schrecklich warm. Sie schlug das Laken, das ihren Körper bedeckte, nach unten. Obwohl sie nur ein leichtes Nachthemd trug, war sie nassgeschwitzt. Sie blickte an sich hinab. Was hatte sie da überhaupt an? Das war keines ihrer Nachthemden. Es war aus cremefarbener Seide, mit einem zarten Spitzenbesatz am Ausschnitt und an den Handgelenken, und es spannte ein wenig an den Schultern.

Wer immer ihr dieses Nachthemd angezogen hatte, schoss es ihr plötzlich siedendheiß durch den Kopf, hatte sie auch ausgezogen. Und sie unbekleidet gesehen. Trotz des langärmeligen Hemdes kam sie sich nackt vor.

Erst dann kehrte die Erinnerung zurück. Die Ankunft in Finschhafen. Die vielen fremden Eindrücke. Conrad! Schlag­artig fiel ihr wieder die furchtbare Nachricht ein, die Bruder Lorenz ihr überbracht hatte.

Und wo war sie hier überhaupt? Sie gab ein leises, erschöpftes Schluchzen von sich und drehte den Kopf. War sie allein?

»Ist da jemand?«, fragte sie zaghaft.

Hinter dem zeltartigen Moskitonetz erhob sich ein Schatten.

»Yu na slip?«, hörte sie eine tiefe Frauenstimme fragen. Dann hoben zwei dunkle Hände das Netz an, und ein braunes, fülliges Gesicht erschien und begann, auf sie einzureden.

Erschrocken zog Isabel die Decke wieder über sich. Die schwarze Frau hievte ihren gewaltigen Körper nun ganz unter das Moskitozelt und zog das baumwollene Netz hinter sich wieder zu. Isabel konnte zunächst kaum etwas von ihrem Wortschwall verstehen, doch dann glaubte sie einzelne Wörter zu erkennen, die vage an Englisch erinnerten.

»Do you speak English?«, fragte sie hoffnungsvoll. »Oder … vielleicht sogar Deutsch? Wo bin ich hier? Bitte … verstehen Sie mich?«

Die Frau sah sie ruhig an, dann nickte sie. »Wetim, misis. Lukluk misis.« Damit verschwand sie.

Hatte sie das richtig verstanden? Wollte die Frau jemanden holen? Vorsichtig setzte Isabel sich im Bett auf und zog die Decke bis fast hoch zu den Schultern. Ihr Handrücken juckte von dem Mückenstich.

Schon nach kurzer Zeit hörte sie Schritte, dann trat jemand ins Zimmer und schob das Moskitonetz zur Seite: Henriette Thilenius.

»Ach, wie schön, dass Sie wieder aufgewacht sind, Fräulein Maritz«, sagte sie und ließ das Netz hinter sich sinken. »Wir haben uns große Sorgen um Sie gemacht, als Sie am Hafen umgekippt sind, aber Doktor Weinland meinte, das sei nur die Hitze und der Schock gewesen. Wie geht es Ihnen?«

»Ich fühle mich noch etwas schwach, aber es wird schon«, gab Isabel zurück. »Wo bin ich hier?«

»In unserem Haus, das heißt im Haus meines Bruders.«

»Dann ist das Ihr Nachthemd?«

»So ist es. Ich wollte Ihre Sachen nicht ohne Ihre Zustimmung auspacken. Ich hoffe, es passt?«

»Ja, danke. Frau Thilenius, ich möchte mich –«

»Henriette«, unterbrach Frau Thilenius sie. »Bitte, meine Liebe, sagen Sie Henriette zu mir. Ich habe hier doch so wenig weibliche Gesellschaft. Und vielleicht darf ich Sie Isabel nennen?«

»Sehr gerne.« Isabel schwirrte der Kopf. Es war alles noch zu neu und zu viel, dennoch war sie froh über Frau Thilenius’ – Henriettes – Gesellschaft.

»Ist es wahr? Ist Conrad wirklich … tot?«

Henriette schenkte ihr einen kurzen Blick, dann nickte sie, einen leicht verkniffenen Zug um den Mund, der wohl ihr Bedauern ausdrücken sollte. »Ja, meine Liebe, so leid es mir tut. Das Fieber verschont hier nur wenige, und manche trifft es besonders schwer.«

Isabel drängte die Tränen zurück. Das hier war nicht das Paradies, von dem Conrad ihr so viel erzählt hatte. Das hier war ein schreckliches Land, und sie würde zusehen, dass sie so schnell wie möglich wieder nach Hause zurückkehren konnte.

»Ich bin furchtbar müde«, murmelte sie. »Am liebsten würde ich weiterschlafen.«

»Sie haben zwei Tage lang geschlafen, meine Liebe. Es wird Zeit, dass Sie aufstehen! Aber zuvor müssen Sie dringend Ihre erste Dosis Chinin zu sich nehmen. Sie wollen doch nicht gleich an Malaria erkranken? Kiso!«, rief Hen­riette. »Bringim kinin!«

»Yes, misis«, erklang es von irgendwo hinter dem Netz, und schon entfernten sich die schlurfenden Schritte.

Henriette warf einen Blick über die Schulter. »Die Schwarzen arbeiten recht ordentlich, aber man muss sie ständig antreiben.«

Isabel fühlte sich ein wenig unbehaglich. Sie war es nicht gewohnt, mit Dienstboten umzugehen; daheim in Zirndorf hatten sie keine Angestellten gehabt. Henriette Thilenius dagegen sprach mit einer Sicherheit, die langjährige Gewohnheit verriet.

Die füllige Papuafrau mit Namen Kiso kam zurück und brachte ein Glas Wasser und einige Tabletten, von denen Henriette zwei in das Glas gab, die daraufhin zu einem weißen Pulver zerfielen.

»Trinken Sie das. Es ist sehr bitter, aber unerlässlich, wenn Sie von der Malaria verschont bleiben wollen.«

Isabel griff pflichtbewusst nach dem Glas. Es roch fruchtig nach Zitrone – offenbar hatte Kiso dem Wasser noch etwas Limettensaft beigegeben.

»Halten Sie sich die Nase zu, und dann in einem Zug hinunter damit«, riet Henriette. »So mache ich es immer. Manchmal gebe ich auch noch etwas Gin dazu, wie die Engländer, aber das haben wir heute nicht im Haus.«

Es war nicht ganz einfach, mit der Hand an der Nase zu trinken, und als es Isabel schließlich gelang, war der bittere Geschmack dennoch so scheußlich, dass sie sich um ein Haar übergeben hätte. Hastig presste sie sich den Handrücken auf den Mund.

»Ich weiß«, sagte Henriette ungerührt. »Man möchte es sofort wieder ausspucken.« Sie nahm das leere Glas an sich. »Ruhen Sie sich noch etwas aus, meine Liebe. In zwei Stunden erwarten Berthold und ich Sie zum Abendessen.«

*

Das Chinin könne unangenehme Nebenwirkungen haben, hatte Henriette erklärt, bevor sie gegangen war. Jetzt lag Isabel auf dem Bett und versuchte, noch etwas zu schlafen. Es gelang ihr nicht. Alles drehte sich. Sie hatte ein Bein über die Bettkante gehängt, einen Fuß auf dem Boden, und versuchte gegen den Schwindel und die Übelkeit anzukämpfen. In ihren Schläfen hatte sich ein hartnäckiger Schmerz festgesetzt. War das jetzt jedes Mal so, wenn sie Chinin nehmen musste? Oder war die Dosis zu hoch gewesen?

In den Schwindel und die Übelkeit mischten sich Geräusche. Erst glaubte Isabel, es wäre Wellenrauschen oder Vogelgezwitscher, bis sie begriff, dass es eine Stimme war. Offenbar stand Henriette fast direkt vor ihrem Fenster und sprach leise mit jemandem. Isabel wollte zwar nicht lauschen, aber sie war schließlich auch nicht verpflichtet, sich die Ohren zuzuhalten. Außerdem tat ihr die Ablenkung gut.

»Du solltest nicht hierherkommen!«, hörte sie Henriette jetzt auf Deutsch flüstern. Sie klang aufgebracht. »Ich habe doch gesagt, nicht hier! Berthold kann jeden Moment zurückkommen.«

Einige Sekunden vergingen. Offenbar gab Henriettes Gesprächspartner ihr eine Antwort, aber sosehr Isabel auch die Ohren spitzte, sie konnte nichts davon verstehen. Sie vermochte nicht einmal zu erkennen, ob Henriette mit einem Mann oder einer Frau sprach.

»O nein!«, vernahm sie dann wieder Henriettes erregtes Flüstern. »So einfach ist das nicht! Was glaubst du, wer –« Sie verstummte, als Schritte zu hören waren. »Schnell, er darf dich hier nicht sehen!«, hörte Isabel sie noch zischen, dann war es still. Gleich darauf erklang Herrn von Fabers tiefe Stimme. Sie hörte sich tröstlich vertraut an, und zu ihrer Erleichterung bemerkte Isabel, dass ihr nicht länger übel war. Auch der Schwindel war fast verschwunden, und sie spürte, wie die Erschöpfung wieder nach ihr griff. Dankbar glitt sie hinüber in einen leichten Dämmerschlaf.