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Verena Meier

Brasilien – Land der Gegenwart

Verena Meier

Brasilien

Land der Gegenwart

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© 2013 Rotpunktverlag, Zürich

www.rotpunktverlag.ch

Umschlagfoto: Verena Meier

Fotos im Bildteil: Verena Meier und Robert Kruker

Bildbearbeitung: typopoint GbR, Ostfildern

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-85869-534-5

eISBN 978-3-85869-580-2

1. Auflage

Inhalt

Einleitung

Geografie – Demografie – Politik

Das große Land

Die junge Bevölkerung

Die neue Politik

Geschichte und Kultur

Portugiesische Eroberer

Der Zyklus des Kaffees und die neuen Einwanderer

Brasilien im 20. Jahrhundert

Indigene Völker – »Sie können mir mein Leben stehlen, aber niemals meinen Traum«

Afrobrasilien

Wirtschaft

Die Wirtschaft boomt

Rohstoffe für die Welt

Industrie: Zum Beispiel Textilien und Autos

Dienstleistungen: Handel und Haushalt

Städte und Hinterland

Schnell wachsende Städte

Brasília – Der große Wurf

Brasília – Die Reise nach Brazlândia

Zwei Hafenviertel von Recife

São Paulos Alphavilles

Rio de Janeiro – Die Favelas über den Stränden

Hinterland

Die Steinhändler von Minas Gerais

Amazonas

Am Amazonas

Die Entdeckung des längsten Flusses der Erde

Naturraum Amazonas

Tausende Pflanzen und Tiere

Der Zyklus des Kautschuks – Manaus und Belém werden Weltstädte

Land ohne Menschen für Menschen ohne Land

Nachhaltige Zukunft?

Das Land der Gegenwart

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Zeittafel

Einleitung

Brasilien ist ein großes Land. Seine Flagge trägt eine gelbe Raute auf grünem Grund, in deren Zentrum das Firmament mit den Sternen der Bundesstaaten und der Leitspruch »Ordnung und Fortschritt« vereinigt sind. Sie weht für eine Nation, die im 21. Jahrhundert zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht und zu einem wichtigen globalen Player wird. Brasilien ist im Aufbruch. Die reichen Rohstoffvorkommen und die Produkte des weiten Landwirtschaftslands sind zu Ressourcen geworden, die auf dem Weltmarkt zunehmend nachgefragt werden. Der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung und breit angelegten Sozialprogrammen ist es zu verdanken, dass immer mehr der 190 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer am wachsenden Wohlstand teilhaben können. Luiz Inácio Lula da Silva, 2003 bis 2010 Präsident von Brasilien, steht symbolisch dafür, dass es mit großen Anstrengungen möglich ist, Armut und Elend zurückzulassen. Lula, wie er sich später nannte, musste als Kind mit Schuhputzen und Botengängen zum Einkommen der Familie beitragen. Er arbeitete sich bis zum Präsidenten hoch. Seine Regierung hat Unterstützungsprogramme lanciert, die Millionen der ärmsten Familien im ganzen Land ein minimales Einkommen garantieren, mehr Kinder in die Schulen holen, Gesundheitsdienste und Wohnverhältnisse verbessern. Es ist ihm gelungen, Dynamik in den großen Binnenmarkt zu bringen und Arbeitsplätze zu schaffen. Dilma Rousseff, seine Nachfolgerin, führt die Politik und die Programme fort. In einem Land, in dem so viele Menschen lange mittellos waren, ist der Aufholbedarf enorm. Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen boomt, neue Rohstoff- und Landressourcen werden erschlossen. Ein schlafender Riese ist erwacht.

Der Aufbruch ist sichtbar. In den Städten, von Fortaleza im Norden bis Porto Alegre im Süden, schießen Wohn- und Geschäftstürme in die Höhe, Reihenhaussiedlungen breiten sich aus und neue Shoppingcenter gewaltigen Ausmaßes öffnen ihre Tore. In Rio de Janeiro werden Favelas, große städtische Armutssiedlungen, die bis jetzt nur über enge, steile Gassen zugänglich waren, mit Liften und Seilbahnen ausgestattet. Straßenbaustellen ziehen sich quer durch das Gewirr der improvisierten Behausungen. Doch nicht nur in den großen Städten und an den Küsten wird gebaut, auch das Hinterland wird weiter erschlossen. Zum Beispiel bei Manaus, mitten im Amazonasgebiet, wo sich seit 2011 eine dreieinhalb Kilometer lange Brücke über den mächtigen Rio Negro schwingt. Der neue Zugang soll helfen, die zuvor entlegenen Gebiete besser an Absatzmärkte für die Landwirtschaft anzubinden und touristisches Potenzial zu entwickeln. Am Rio Xingu, einem weiter östlich gelegenen Zufluss des Amazonas, haben die Bauarbeiten für das Belo-Monte-Stauwerk begonnen – es wird das drittgrößte der Erde sein. Besondere Schaustücke auf dem Weg dieser Entwicklung sind die Anlagen für zwei große Sportanlässe, die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele von Rio de Janeiro 2016. Viele Brasilianer sind stolz, bei diesen Spielen Gastgeber zu sein. Das Land will der Welt zeigen, was es zu bieten hat: nicht nur modernste Stadien und Verkehrsinfrastruktur, sondern auch die besten Spieler und ein wunderbares Publikum, das verrückt ist nach seinen Stars und weiß, wie Feste zu feiern sind.

Der Blick hinter die Kulissen zeigt, dass der Boom einen Preis hat. So werden für die neuen Bauten Wohngebiete geschleift und Bewohner vertrieben. Die Sportpaläste verschlingen Gelder, die anderswo dringend gebraucht würden. Die großflächige Exportlandwirtschaft, die kräftig mithilft, den Wohlstand zu finanzieren, schädigt das größte Regenwaldgebiet der Welt massiv. Rohstoffextraktion und gesteigerte Energieproduktion gefährden Lebensräume. Beim Belo-Monte-Staudamm ist die ansässige Bevölkerung mit ihren jahrelangen erbitterten Protesten, die von Menschenrechtsaktivistinnen und Umweltschützern aus Brasilien und der ganzen Welt unterstützt wurden, den Energieproduzenten und ihrer politischen Lobby unterlegen. Klientelismus und Korruption, alte Laster des Systems, sind nach wie vor präsent, auch die Regierung Lula erwies sich nicht als immun. Der Blick hinter die Kulissen zeigt aber auch, was gute Politik tatsächlich verändern kann, zum Beispiel, wenn eine Favela dank der Präsenz von besser geschulten, gemeinschaftsorientierteren Polizeieinheiten nicht länger von den permanenten Schusswechseln der Drogenbanden terrorisiert wird. In den Favelas Cantagalo-Pavão-Pavãozinho in Rio de Janeiro spielen die Kinder wieder Fangen in den Gassen. Auf die Mauern von Häusern und Höfen haben Künstler und Künstlerinnen große Bildergeschichten gemalt, die zeigen, wie die ersten Bewohner einst mit ihrem kleinen Bündel und großen Hoffnungen vom Land in die Stadt gekommen sind, wie sie erste Hütten bauten und Wasser auf den Hügel schleppten, später mit ihren Häuserburgen den Stadtteil aufbauten. So gibt sich die Gemeinschaft eine Geschichte und eine zunehmend selbstbewusste Identität. Und wenn im heruntergekommenen Hafengebiet von Santos die Tochter der Hausangestellten mit Englisch- und Computerkenntnissen neuen Berufsoptionen entgegensteuert, so ist das Grund für Hoffnung und Stolz.

Carolina, die Mutter aus Santos, die mir von den neuen Berufsperspektiven ihrer Kinder erzählte, habe ich im Dezember 2012 getroffen. Das war auch die Zeit, als Kulturvermittler Sidney mir das Open-Air-Museum und die Gassen der Favelas hoch über den Stränden von Ipanema und Copacabana zeigte. Ich sah das Kommen und Gehen der Leute zur Bäckerei und zum Geschäft mit den Baumaterialien. Ich staunte über den roten 24-Stunden-Bankomaten neben der Vitrine mit den goldgelben Hühnern am Grillspieß. Einen Bankomaten in einer Favela hätte ich mir zehn Jahre früher, bei meinem ersten Besuch in der Stadt, nicht vorstellen können. Damals, im Frühjahr 2003, hatte Präsident Lula gerade erst die Macht übernommen. Die Stimmung war zuversichtlich. In den gekühlten Räumen von Petrobras, der staatlichen Erdölfirma, und des Centro Internacional de Negócios CIN, des internationalen Wirtschaftszentrums, sahen wir Grafiken zur Entwicklung eines Landes, das im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit großen Schwankungen bei Wachstum und Einkommen und bis zu vierstelligen Inflationsraten zu kämpfen hatte. Doch jetzt, im neuen Jahrtausend, nach der geglückten Stabilisierung der Währung und mit zukunftsversprechender Politik – links, aber doch pragmatisch –, sollte alles besser werden. Ich besuchte Filmaufnahmen in den Studios des Globo-Medienkonzerns. Es wurde mir klar, dass das brasilianische Publikum emotionsgeladene Dialoge mit viel Lokalkolorit, gespielt vor Kulissen einer US-amerikanischen Konsumwelt, liebt. Diskussionen in einer Privatklinik im Süden von Rio de Janeiro führten mir vor Augen, dass die medizinische Versorgung in Brasilien sehr gut sein kann. Allerdings war schnell berechnet, dass Leute mit einem für Brasilien durchschnittlichen Einkommen nicht die Möglichkeit haben, solche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Um ein anderes Brasilien kennenzulernen, besuchte unsere Studiengruppe in Salvador da Bahia die Nähwerkstatt einer Armensiedlung am Rand der Stadt. Barbara, die vor Ort für verschiedene Hilfswerke arbeitete, hatte dies organisiert. Wir erreichten die Favela nach einer langen Fahrt über eine Straße, die nach einem heftigen Gewitterregen kaum passierbar war. In den schlichten Räumlichkeiten der Werkstatt waren Frauen aus dem Viertel an alten Nähmaschinen am Kleidernähen. Wie sie uns erzählten, waren sie glücklich, etwas zu verdienen, zusammenzukommen und dazuzulernen. Wieder im Zentrum der Stadt, sahen wir eine Capoeira-Vorführung, Kampfsport und Tanz in afrobrasilianischer Tradition, und besuchten das Training der jungen Athleten. In einem Restaurant wurden wir von Lernenden etwas ungelenk, aber enorm charmant bedient. Nähatelier, Capoeira-Ausbildung und Gastronomie-Schule, das waren von Hilfsorganisationen unterstützte Projekte, die Menschen aus Armutsvierteln eine Chance geben wollten, eine Ausbildung zu bekommen und Einkommen zu generieren, Talente und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Ich hatte in Kolumbien gelebt und gearbeitet, kannte andere lateinamerikanische Länder. So kam mir vieles vertraut vor, allem voran die Offenheit und Freundlichkeit der Leute und ihre Geschicklichkeit, mit Unvorhergesehenem umzugehen, die Wärme. Im Materiellen sind die großen Unterschiede zwischen Arm und Reich, die Differenz zwischen den Luxusresidenzen der Oberschicht und den prekären Behausungen der Armutsviertel, nicht zu übersehen. In Brasilien war alles, was ich bis jetzt kannte, potenziert: der enorme Luxus in den größten Shoppingcenter, die schier unzähligen Favelas mit Hunderttausenden von Bewohnern und das wenig erschlossene Hinterland, in welchem möglicherweise noch Völker leben, die noch nie Fremden begegnet sind. Dann gab es etwas, das mich besonders faszinierte: die Brasilianer und Brasilianerinnen, die ich kennenlernte, die Geschäftsleute, die Wissenschaftlerinnen, die Lehrer, die Ärztinnen, die Näherinnen, die überzeugt waren, im besten Land der Welt zu leben. Auch wenn sie mir erklärten, wie manches nicht so gut läuft, wie groß die Ungerechtigkeiten sind, die die Geschichte des Landes begleiten, und welche Pannen den Alltag prägen, für sie hieß das immer auch, dass es besser gehen kann und besser gehen wird.

Stefan Zweig, der österreichische Schriftsteller, der während des Zweiten Weltkrieges in Brasilien Zuflucht fand, schrieb 1941 ein Buch mit dem Titel Brasilien, ein Land der Zukunft1. Dem vom Krieg zerrütteten Europa entronnen, war er begeistert von der Schönheit des Landes und vom – wie er zu sehen glaubte – harmonischen Zusammenleben der Menschen verschiedener »Rassen« in Lateinamerika. Er prophezeite dem Land eine große Zukunft. Ob es Zweigs Idee war, dass Brasilien ein Land mit vielen Ressourcen ist, die nur darauf warten, erkannt und genutzt zu werden, oder ob er vielmehr ein Thema aufgenommen hat, in dem sich das Land schon lange wiegte, weiß ich nicht. Es war auf alle Fälle eine Idee, die den Brasilianern gefiel. Mit der großen Dynamik der letzten zwei Jahrzehnte ist Brasilien jetzt »in der Zukunft angekommen«, wie der brasilianische Schriftsteller Milton Hatoum schreibt.2

Die folgenden Texte führen durch ganz verschiedene Stadtquartiere, über Landstraßen und in Hinterhöfe und von Brasilien nach Europa, nach Nordamerika, nach Afrika und nach Asien. Die Ausflüge in die Geschichte sind ausführlich. Im globalen Wettbewerb der Nationen werden die guten Karten immer wieder neu verteilt, das zeigt sich besonders bei den für Brasilien wichtigen Rohstoffen, die einmal viel wert waren, dann wenig und mit zunehmender Knappheit wieder gewinnen. Bei der Frage, wie die Chancen genutzt werden, wer die Opfer erbringt und wem die Gewinne zufließen, ist das Erbe der Vergangenheit präsent. Brasilianer und Brasilianerinnen mit dunkler Hautfarbe verdienen auch heute noch im Durchschnitt deutlich weniger, besuchen seltener eine Universität, bekleiden nur wenige hohe politische Ämter. Das Hinterland ist immer noch Hinterland, mit höheren Analphabetenquoten und insgesamt schlechterer Versorgung. Der Blick in die Geschichte hilft, diese Verhältnisse zu verstehen. Damit soll weder Legitimation noch Determinismus verbunden werden. Über Jahrhunderte praktizierte Beziehungen, wie zum Beispiel diejenige zwischen Hausherren und ihren Hausangestellten, können sich ändern.

In Brasilien haben viele Hochhäuser mindestens zwei Aufzüge. Oft lassen deren unterschiedliche Zugänge, aber auch die Innenausstattung, erkennen, wer mit ihnen fahren soll. In der ersten Wohnung, die ich in Rio de Janeiro bewohnte, war es noch klar, welches der richtige Aufzug für die besitzenden oder mietenden Bewohner und welcher für deren Dienstleister gedacht war. In der zweiten funktionierte einmal der eine, einmal der andere. Wir nutzten denjenigen, der fuhr. In São Paolo schließlich waren beide Aufzüge gleichermaßen zugänglich und genutzt. Orte wie Aufzüge, Straßen, Wohnanlagen, Shoppingcenter oder Strände und die Begegnungen, die sie ermöglichen, sind für mich als Geografin ein zentrales Thema. In den Gesprächen an diesen verschiedenen Orten wurde das Momentane zum mehr oder weniger Wichtigen. Miguel, der Kunsthandwerker im Centro Cultural Povos da Amazônia, im Kulturzentrum der Völker Amazoniens in Manaus, zeigte und erzählte uns, wie die Tukano-Völker am oberen Rio Negro die verschiedenen Fischreusen, die er hier nachgebaut hatte, benutzten. In seinen Ausführungen war die Begeisterung für den Fischfang und eine gewisse Wehmut für das aufgegebene Leben bei seinem Volk zu spüren. Gleichzeitig war er stolz, hier in Manaus einen Staatsposten erhalten zu haben, während seine Verwandten in der nahe gelegenen Freihandelszone malochten oder Tausende Kilometer flussaufwärts von der Sozialhilfe lebten. Bei der Fachliteratur für die Hintergründe faszinierten mich besonders die großen Werke, die entstehen, wenn Forscher und Forscherinnen sich über Jahre oder gar Jahrzehnte in ein Thema verbeißen, wie zum Beispiel der Geograf Nigel Smith von der Universität Berkeley, der in den 1970er- und 1980er-Jahren zehn Jahre lang den Bau der neuen Straßen im Amazonasregenwald erforschte. Internetportale brasilianischer staatlicher und nicht staatlicher Organisationen, wie der große Datenspender des staatlichen statistischen Amtes Brasiliens, des Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística IBGE, oder beispielsweise die Seiten des Instituto Socioambiental ISA, einer Nichtregierungsorganisation, die sich Umwelt- und Sozialthemen widmet, bieten eine Fülle aktueller Informationen. Bei Google müsse ich nachschauen, wenn ich etwas über die aktuelle Situation der indigenen Völker wissen wolle, meinte der Direktor des Kulturzentrums der Völker von Amazonien. Tatsächlich sind da viele Informationen zu finden. Trotzdem war gut, dass der Direktor nach längerem Insistieren, es müsse doch lokale Information geben, zum Telefonhörer griff, um Miguel, den Migranten aus dem entlegensten Zipfel des Landes, an der Grenze zu Kolumbien und Venezuela, zu rufen. Miguel, wie er sich vorstellte, zeigte uns Geräte und Musikinstrumente, erzählte uns die Geschichte seiner Familie, wog die Vor- und Nachteile eines Lebens im Ursprungsgebiet und hier in der Großstadt ab. Begegnungen, Internetportale und Literatur – diese verschiedenen Quellen sind die Kett- und Schussfäden des Gewebes dieses Buches. Nach dem ersten einleitenden Teil zu Geografie, Demografie und Politik stehen die vier weiteren Teile des Buches für sich. Sie sollen einander ergänzen, können aber in beliebiger Reihenfolge gelesen werden.

Auf den Reisen, im Dickicht der Verkehrsströme Brasílias, an den Stränden von Recife und auf dem Amazonasschiff, hat mich Robert Kruker zuweilen begleitet, beim Schreiben war er der unermüdliche Gegenleser. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle danken. Dank gilt auch den anderen Gesprächspartnern und Gastgeberinnen und den vielen guten Geistern, die Rat wussten, wenn eine Informationsstelle »wegen Unterhaltsarbeiten« bis auf weiteres geschlossen war – das kam öfter vor – oder Stadtwanderungen und Fahrten uns an Orte brachten, über die in keinem Reiseführer geschrieben steht. Ihnen verdanke ich die überraschendsten Geschichten.3 Wer erwartet neben dem größten Fußballstadion der Welt einen Garten mit Heilkräutern oder hinter dem Stacheldrahtzaun einer Viehweide eine Turmalinmine?

Geografie – Demografie – Politik

Das große Land

O tesouro dos mapas, der Schatz der Karten, das ist der Titel des sperrigen Buches, das ich von meiner ersten Brasilienreise mit nach Hause schleppte.1 Es enthält Faksimiledrucke der ersten Karten von Brasilien. Diese Karten waren von großem strategischem Wert, denn so wussten zukünftige Reisende, wo die Häfen lagen und wo sie mit Siedlungen rechnen konnten. Die großen bunt kolorierten Kartenblätter, geschmückt mit Schriftzügen und Ornamenten, dienten aber auch der Unterhaltung derer, die nicht selber reisen konnten. Die Kartografen der Zeit zeichneten, was sie den Logbüchern der Seefahrer entnahmen und wovon sie gehört hatten: die Küstenlinien mit den Siedlungen und den Mündungen der Flüsse, die ins unbekannte Landesinnere führen, dazu das Gradnetz zur Orientierung. Mit Segelschiffen und großen Fischen verzierten sie die Meere, mit Bergzeilen, die wie Maulwurfhügel ausschauen, mit fleißigen Menschen und wilden Fabelwesen füllten sie das Landesinnere. Auf der Karte der terra nova von Martin Waldseemüller und Lorenz Fries, datiert 1541, erwartet die Ankommenden ein großes wildes Tier, ein Wolf-Bär-Tapir. Weiter im Landesinnern sind spärlich bekleidete Menschen zu sehen, die Menschenbeine und -arme grillieren und verzehren: »antropophagi hic sunt«, hier sind die Menschenfresser. So fantasievoll geht es auf den Karten von heute nicht mehr zu und her. Überhaupt sind sperrige Kartenblätter im Zeitalter der elektronischen Navigationssysteme altmodisch. Und doch scheint es nützlich, am Anfang eine Karte zur Hand zu nehmen oder zumindest eine Skizze zu zeichnen, was wo liegt. Es dient der Übersicht und dem späteren Zuordnen.2

So sieht Brasilien aus: »Von Gestalt eine riesige Harfe, kurioserweise mit ihrer Grenzlinie das Profil ganz Südamerikas genau nachzeichnend, ist dieses Land alles zugleich, Bergland, Küstenland, Flachland, Waldland, Flussland und fruchtbar in fast allen seinen Gliederungen.«3 Stefan Zweig, der Brasilien so beschrieb, war mehr Poet als Geograf, doch es ist ein schönes Bild, das Land als Harfe zu sehen, sich die Klänge der verschiedenen Landschaften vorzustellen und zu ahnen, dass jeder Fleck auf seine Art und Weise fruchtbar ist. 8 547 000 Quadratkilometer ist Brasilien groß und füllt damit die Hälfte des südamerikanischen Kontinents. Das ist weltweit gesehen Rang fünf. Nur die Russische Föderation, Kanada, die USA und China sind größer. Im Norden Brasiliens liegt das weite Flussbecken des Amazonas mit seinen vielen Hundert Zuflüssen.4 Es wird flankiert von zwei alten, stark abgetragenen Gebirgen, vom Bergland von Guyana im Norden und vom Bergland von Brasilien im Südosten. Im Westen, wo Brasilien an Kolumbien, Peru und Bolivien grenzt, türmen sich die Anden auf. Deren über 6000 Meter hohe, von Gletschern bedeckte Vulkangipfel liegen alle bereits in den Nachbarländern. Brasiliens höchster Punkt ist der 3014 Meter hohe Pico da Neblina. Er liegt im Norden an der Grenze zu Venezuela. Neben dem dominanten brasilianischen Bergland, das sich bis weit in den Süden des Landes zieht, bestimmen kleinere Flussbeckenlandschaften das Relief. Zu ihnen gehören im Südwesten und Süden, an der Grenze zu Bolivien, Paraguay und Argentinien, das Pantanal und das Paraná-Becken.

Die Flussbecken im Innern des Kontinents sind der Teil des Landes, der am wenigsten zugänglich und erschlossen ist. Das ist das hauptsächliche Rückzugsgebiet jener indigenen Völker, die die fünfhundert Jahre seit dem Einbruch der europäischen Entdecker überlebt haben. Städte und wirtschaftliche Aktivitäten entwickelten sich vor allem an den Küsten und im brasilianischen Bergland. In den geologisch alten Berglandländern gibt es bedeutende Erz- und Edelsteinvorkommen. Sie sind verwandt mit denen an der Südspitze Afrikas. Denn bevor sich vor 150 Millionen Jahren zwischen Afrika und Südamerika der Atlantik zu öffnen begann, war Südamerika Teil des Gondwana-Urkontinents, einer großen Landmasse auf der Südhalbkugel der Erde. Man nimmt an, dass die Diamantvorkommen von Diamantina im Bundesstaat Minas Gerais aus Ablagerungen südafrikanischer Gletscher stammen, die auf der abgebrochenen Kontinentalplatte nach Westen transportiert wurden. Beim Auseinanderbrechen der Kontinente drang flüssiges Magma aus dem Erdinneren an die Oberfläche und bildete beim Abkühlen und Erstarren mächtige Basaltdecken. Über deren Kanten fällt im Süden des Landes, an der Grenze zu Argentinien, der Rio Iguaçu. Die Iguaçu-Fälle sind die größten Wasserfälle der Erde.

Die großen Flüsse, die das Land durchziehen – im Norden der Amazonas mit dem Rio Negro, Solimões, Madeira, Tapajós, Xingu und vielen anderen Hunderte Kilometer langen Zuflüssen, im Osten der Rio São Francisco, im Süden die Flusssysteme des Paraguay und des Paraná –, waren bei der Kolonisation wichtige Verkehrswege. In den entlegenen Gebieten sind sie dies heute noch. Ihre Wassermassen sind auch ein großes Potenzial für Wasserkraftwerke. Bei der geringen Höhe des abgetragenen Berglandes brauchen die Speicherbecken allerdings riesige Flächen.

Das Klima Brasiliens ist hauptsächlich tropisch, denn der größte Teil des Landes liegt zwischen dem Äquator und dem südlichen Wendekreis. Auf den brasilianischen Karten heißt dieser Wendekreis trópico de capricórnio, der Wendekreis des Steinbocks, in dessen Sternbild die Sonne bei der Sonnwende im Dezember steht. Er verläuft durch São Paulo. Wärme und hohe Niederschläge bestimmen das tropische Regenwaldklima des Amazonasbeckens mit seiner vielfältigen Flora und Fauna. Passatwinde bringen Feuchtigkeit vom Atlantik her, aber auch über dem Land ist die Verdunstung groß. So entstehen jeweils am frühen Nachmittag die mächtigen Wolkengebilde, die sich später am Tag in heftigen Regengüssen entleeren. Die üppige Vegetation in diesem Klima war es, die die Entdecker immer wieder mitteilen ließ, Brasilien sei das Paradies auf Erden, mit den Palmen, der Blütenpracht und Tausenden exotischen Früchten in allen Farben. Für andere war es die Hölle, mit Schlangen, blutrünstigen Piranhas und peinigenden Moskitos.

Doch nicht überall in den Tropen ist es gleich nass und schwül. Im Nordosten Brasiliens ist das Landesinnere im Südwinter, wenn die Sonne senkrecht über dem nördlichen Wendekreis steht, trocken. Das ist der Sertão. Hier, im Savannenklima, gab es immer wieder große Dürren, die Tausende Menschen von ihrem kargen Land vertrieben. Als Migranten arbeiteten sie Ende des vorletzten Jahrhunderts in den Kautschukplantagen am Amazonas, als Siedler versuchten sie in den 1970er-Jahren im Regenwaldgebiet neue Existenzen aufzubauen. Die Nordestinos waren die Bauarbeiter, die kamen, um die neue Hauptstadt Brasília zu bauen, und noch in diesem Jahrhundert fahren die zähen Bauernsöhne aus dem Nordosten Tausende Kilometer südwärts, um in den Zuckerrohrplantagen im Staat São Paulo saisonale Akkordarbeit zu leisten. Großräumige Klimamodellierungen sagen voraus, dass ausgerechnet dieses Gebiet in Zukunft noch trockener werden wird.5 Der Sertão ist das Herrschaftsgebiet von »König Ziegenbock« und »Königin Ziege«, bode rei e cabra rainha. Ihnen wird in der Volksüberlieferung nachgesagt, dass sie es seien, die die Menschen großziehen, und nicht umgekehrt.6 Hier lebten Lampião und seine Geliebte Maria Bonita. Der Rebell, der in den 1920er- und 1930er-Jahren mit seiner Banditenbande den Großgrundbesitzern, der Polizei und dem Militär das Leben schwer machte, ist ein Volksheld des Nordostens.7 Das mutige Paar – Lampião mit feingliedrigen Gesichtszügen und runder Brille, ausgestattet mit Flinte und breitkrempigem Hut, und Maria Bonita, die schöne Frau an seiner Seite, oft wird auch sie bewaffnet und mit über der Brust gekreuztem Patronengürtel gezeichnet – gibt es als Wandmalerei und Tonfiguren, als Holzschnitt und Fotokulisse, in Tausenden Formen.

Gegen Westen, am Südrand des Amazonasgebiets, wo die Sommer heiß und die Winter etwas regenreicher sind, breiten sich die großen Sojafelder aus. Südöstlich davon, über dem eher trockenen zentralen Hochland des Planalto, steigen im Verlauf des Tages kompakte kleine Bilderbuchwolken auf. Sie gehören zur Kulisse der Parlamenttürme von Brasília. Auf gut tausend Meter Höhe ist das Klima mit Durchschnittstemperaturen um zwanzig Grad Celsius sehr angenehm. Das war einer der Gründe, die neue Hauptstadt hier zu bauen.

Entlang der Ostküste fällt genügend Regen, um die Mata Atlântica, den Atlantischen Regenwald der Küstengebirge und der vorgelagerten Inseln, zu einem üppigen artenreichen Ökosystem mit bis zu sechzig Meter hohen Bäumen zu machen. Hier gedeihen Philodendren, Orchideen, Bromelien, Wachsblumen und Lilien. Hier leben Waschbären, Tukane und Tapire. Der Atlantische Regenwald überzog einst die Morros, die verwitterten Felsköpfe der Bucht von Rio de Janeiro. Hoch über den Favelas, den Häuserbergen der Armutssiedlungen, sind Reste davon zu sehen. Das leuchtende Grün der Pflanzen bringt luxuriöse Natur in die dicht gebauten Viertel. Der Atlantische Regenwald ist stark bedroht. Bei der Entdeckung Brasiliens durch die Europäer hatte er eine Fläche von mehr als einer Million Quadratkilometer, jetzt sind nur noch wenige Prozent davon übrig. Tausende Tier- und Pflanzenarten wurden zerstört, bevor Menschen sie überhaupt wahrnehmen konnten.8

Südlich von São Paulo enden die Tropen. Hier liegen die gemäßigten Zonen der Bundesstaaten Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul. Das Klima ist kühler und regenreich. Hier fanden die meisten der europäischen Siedlerfamilien, die in den letzten Jahrhunderten nach Brasilien kamen, ein neues Zuhause. Im Hinterland von São Paulo arbeiteten sie in den Kaffeeplantagen und halfen dann Industrien aufzubauen. Bekleidung, Lebensmittel, aber auch Autos und Flugzeuge werden heute hauptsächlich in dieser Region produziert, für den Binnenmarkt und für den Export. Im Südosten und Süden Brasiliens wird jedoch bis heute auch intensive Landwirtschaft betrieben. Von hier breiten sich die großen Viehherden, Geflügelzuchten, Zuckerrohr- und Reisfelder in Richtung Norden aus. Ein ganz spezielles Gebiet liegt im mittleren Südwesten des Landes an der Grenze zu Bolivien und Paraguay. Das Pantanal ist eine 230 000 Quadratkilometer große, tief gelegene Ebene, die periodisch überschwemmt wird. Es ist ein Paradies für Vögel und Amphibien, das zunehmend gefährdet ist, weil die Flüsse aus dem landwirtschaftlich intensiv genutzten Hochland immer mehr Kunstdünger und Pestizide ins Gebiet eintragen. Ein Teil des Pantanal steht als UNESCO-Weltnaturerbe unter Schutz.

Die junge Bevölkerung

Mit dem ersten Licht um sechs Uhr morgens beginnt das große Defilee der Menschen an der Copacabana in Rio der Janeiro. Schicke junge Leute joggen in den neuesten Markenklamotten den Strand entlang, Musik im Ohr und Handy an der Taille. Einer, der am Strand genächtigt hat, rollt seine Decke zusammen und wäscht das T-Shirt im Meer. Junge Männer richten die Buden mit den Liegestühlen ein. Reinigungsequipen ziehen in orangefarbener Kleidung ihre Runden. Auf der Strandpromenade mit dem schwarz-weißen Wellenmuster marschiert ein Grüppchen älterer Damen mit braun gebranntem Ausschnitt stramm Kilometer um Kilometer. Drei Männer, auch sie nicht mehr die Jüngsten, nehmen es gemütlicher. Sie debattieren schon am frühen Morgen. Der eine bleibt immer wieder stehen, um mit entschiedenen Gesten seinen Argumenten Gewicht zu verleihen. Händler, junge Männer in Bermuda-Shorts, T-Shirt und Hawaianas, den Gummischlappen, klettern aus den übervollen Kleinbussen, die von São Conrado am Rand der Favela hierherkommen und jetzt in dichtem Rhythmus die Avenida Atlântica entlangfahren. Bei den Strandkiosken trinken inzwischen Touristen ihr erstes Bier – oder ist es das letzte vor dem Schlafengehen? Später am Vormittag füllt sich der Strand. Eine Gruppe schlanker, agiler Buben geht tauchen. Väter helfen Sandburgen bauen und Mütter schmieren ihre Kinder mit Sonnencreme ein. Auf der Promenade fährt ein dunkelhäutiger Pfleger eine hellhäutige Frau im Rollstuhl spazieren. Touristinnen aus Japan posieren vor der Hochhäuserkulisse. Die ganze Welt scheint hier versammelt. Eine halbe Million Menschen kommen an einem schönen Sonntag hierher, zum Neujahrsfest sollen es gar zwei Millionen sein.

Vor zweihundert Jahren lebten in ganz Brasilien knapp drei Millionen Menschen, inzwischen sind es bald zweihundert Millionen. Für die Volkszählung 2010 wurden 191 000 Zähler und Zählerinnen bis in die hintersten Hütten des Landes geschickt, um insgesamt 67,6 Millionen Haushalte zu besuchen. Sie zählten exakt 190 732 694 Menschen.9 Brasilien steht, wie bei der Landesfläche, auch bezüglich Bevölkerung weltweit auf Rang fünf, hinter China, Indien, den USA und Indonesien. Dabei ist das Land sehr unterschiedlich dicht besiedelt. Betrachtet man eine Aufnahme der nächtlichen Lichter des Landes, so zeigt sie, wo sich die Bevölkerung konzentriert: Die Küsten mit den Städten sind hell erleuchtet, während das dünn besiedelte Hinterland dunkel erscheint. Brasiliens Bevölkerung wohnt vor allem in den Städten. Im Jahr 2010 lebten 84,4 Prozent der Menschen in urbanen Gebieten und ihr Anteil wird immer größer.

Die Bedeutung der Städte begann mit der Kolonisation durch die Portugiesen im 16. Jahrhundert. Die Invasoren bauten dort, wo sie an Land gingen, Häfen und die ersten Siedlungen, die mit der Zeit zu Städten heranwuchsen. Von hier aus erschlossen sie die Reichtümer des Landes und verschifften die Waren nach Übersee. Das Hinterland war kaum von Interesse, es sei denn, Rohstoffe wie Gold und Diamanten wurden entdeckt. Ins Hinterland floh die aus den Küstengebieten vertriebene indigene Bevölkerung. Später kamen die Landarbeiterfamilien und Kleinbauern. Ihnen folgten Händler und andere Dienstleister. Die Besitzer der großen Ländereien lebten meist in den Städten. So blieben die ländlichen Gebiete schlecht erschlossen und wurden kaum mit dem Nötigsten an Infrastruktur ausgestattet. In den 1950er-Jahren setzte dann die große Wanderung vom Land in die Städte ein. Die Migranten und Migrantinnen waren auf der Suche nach einem besseren Leben – nach Arbeit, Einkommen und Perspektiven für sich und ihre Kinder. In den Städten lebt die große Wählerklientel der Politiker und hier werden Investitionen getätigt. Es ist kein Wunder, dass diese Zentren zum Magnet wurden und es bis heute sind. Allerdings hat sich die Wanderungsbewegung deutlich abgeschwächt: Zwischen 2000 und 2010 sind noch zwei Millionen Menschen vom Land in die Stadt gezogen, in der vorhergehenden Dekade waren es doppelt so viele. Und während lange die großen Metropolregionen wie diejenigen von São Paulo und Rio de Janeiro das hauptsächliche Wanderungsziel waren, wachsen inzwischen vor allem mittelgroße Städte zwischen 100 000 und einer halben Million Einwohner, zum Beispiel Boa Vista, die Hauptstadt des Bundesstaates Roraima im Norden des Amazonasgebietes, Macapá, die Hauptstadt des Bundesstaates Amapá an der Mündung des Amazonas, oder Palmas, die Hauptstadt des Bundesstaates Tocantins, ebenfalls im Amazonasgebiet, aber in dessen Süden gelegen.10

Der Aufbau der Bevölkerung Brasiliens ist in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts sehr günstig, ökonomisch gedacht. Das Verhältnis von Menschen im Erwerbsalter zu denen, die noch nicht oder nicht mehr erwerbstätig sein können, ist optimal. In den 70er- und 80er-Jahren waren die Familien groß, deshalb sind besonders viele Brasilianer und Brasilianerinnen junge Erwachsene. Inzwischen gebären brasilianische Frauen immer weniger Kinder. Doch weil die Müttergeneration groß ist und die Menschen auch in Brasilien immer älter werden, wächst die Bevölkerung vorläufig weiter. Hochbetagte Menschen gibt es noch nicht sehr viele, ihre Zahl nimmt zu. Der Beitrag der internationalen Zuwanderung ist sehr gering.

Der schnelle Rückgang der Geburten ist erstaunlich. Das passt definitiv nicht mehr zum Klischee von Entwicklungsland und »Bevölkerungsexplosion«. Tatsache ist, dass 2010 die Geburtenziffer mit durchschnittlich 1,9 Kindern pro Frau nicht einmal mehr die längerfristige Erhaltung der Bevölkerung sichert. Die Geburtenzahlen stehen in klarer Wechselbeziehung mit der Anzahl der Schuljahre der Frauen: Je besser die Ausbildung, desto kleiner ist die Kinderzahl.11 Am größten sind die Familien im ländlichen Bundesstaat Acre im Norden des Landes, dort wurden im Jahr 2010 durchschnittlich noch 2,8 Kinder pro Frau geboren, im Staat São Paulo waren es 1,67, nahe den Zahlen von Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Es gibt also relativ große Unterschiede zwischen dem reichen städtischen Süden und Südosten des Landes und dem ärmeren ländlichen Norden. Doch auch im Norden und Nordosten sind die Geburtenraten in der letzten Dekade um ein Viertel gefallen.

Es gibt verschiedene Gründe für den Rückgang der Geburten: Einer ist die Migration in die Städte. Wer will in den Siedlungen, die oft am Rand dieser Moloche liegen, viele Kinder haben? War eine große Kinderschar auf dem Land vielleicht noch eine Hilfe und Hoffnung auf Versorgung im Alter, so ist es in der Großstadt »kompliziert«, Kinder aufzuziehen. Das erzählt mir Murcia, eine Kleiderhändlerin, die mit ihrem Kind in São Paulo lebte. Sie selber ist wieder zurück ins Haus ihrer Eltern in einer Landstadt von Minas Gerais gezogen. In der Großstadt ist gutes Wohnen teuer, in den Marginalvierteln ist die Wohnsituation oft prekär. Wenn beide Eltern einer Erwerbsarbeit nachgehen, gibt es kaum jemanden, der nach den Kindern schaut, Grund für Sorge und Stress. Zudem sollen die Kinder eine möglichst gute Ausbildung erhalten und das kostet viel Geld. Gleichzeitig wird die Altersversorgung durch die eigenen Kinder mit der Verbesserung der Renten etwas weniger wichtig, und die gute Ausbildung des Nachwuchses ist auch für die materielle Zukunft der Familien von größerer Bedeutung als eine große Kinderzahl. Mit der besseren medizinischen Versorgung ist zudem die Kindersterblichkeit zurückgegangen. Zur Sicherung des Nachwuchses braucht es also weniger Schwangerschaften und Geburten. Kontrazeptiva sind auf dem Markt zu kaufen und Abtreibungen sind möglich, selbst im mehrheitlich katholischen Brasilien. Was die Kirche dazu sagt, ist offensichtlich weniger wichtig. Nicht zuletzt könnten die novelas für den Geburtenrückgang mitverantwortlich sein. Das sind jene Fernsehserien, welche die brasilianischen Haushalte seit den 70er-Jahren alltäglich überfluten und als neue Kulturvermittler gelten. Die Familien in der Novela sind überwiegend wohlhabend und klein.12

Die Familien der Telenovelas sind nicht nur wohlhabend und klein, die meisten Menschen, die in den Novelas vorkommen, sind hellhäutig, also eher europäischer Abstammung. Dabei hat Brasiliens Bevölkerung vielfältige Wurzeln. Angela, eine Freundin, zählt die Herkunft ihrer Vorfahren an den Fingern ab: indigen, portugiesisch, libanesisch, polnisch, skandinavisch, italienisch, und wahrscheinlich noch andere dazu – das ist ihr Stammbaum. Der Student, der uns die Geschichte der Hafenstadt Santos erklärt, meint stolz: »So wie die Vereinigten Staaten von Amerika ist auch Brasilien ein Land, in das die Leute von überall her gekommen sind. Hier in Santos, dem großen Hafen, sind sie angekommen, die Italiener, die Japaner, die Polen. Hier haben sie Portugiesisch gelernt. Sie haben dann geholfen, das Land aufzubauen.«

Die ersten Bewohner des Landes waren die indigenen Völker, die vermutlich einst über die Beringstraße aus Asien nach Alaska und dann von Nord nach Süd über den ganzen nordamerikanischen Kontinent bis ins Territorium des heutigen Brasilien gewandert waren. Mit der Entdeckung des Landes durch die europäischen Seefahrer kamen Portugiesen, Franzosen, Holländer und Abenteurer anderer europäischer Nationen. Mit ihren Wirtschaftsinteressen veränderten sie Brasilien radikal. In der Kolonialzeit ließen die Zuckerbarone Hunderttausende afrikanischer Sklaven nach Brasilien bringen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen wieder europäische, jetzt aber auch japanische Migranten, um hier ihr Glück zu suchen. So sind in Brasilien Menschen mit sehr unterschiedlichem kulturellem Hintergrund zusammengekommen. Ihre Begegnungen waren geprägt durch ein großes Machtgefälle. Gegen die Schießeisen der Portugiesen kamen die Pfeile und Speere der einheimischen Bevölkerung nicht an, und wenn der Plantagenbesitzer die junge Sklavin begehrte, hatte sie wenig zu sagen. Darcy Ribeiro, Anthropologe, Soziologe und erster Rektor der Universität von Brasília, analysiert in seinem Buch O povo brasileiro das brasilianische Volk. Es »entstand aus dem Zusammenströmen, dem Zusammenstoß und der Verschmelzung der portugiesischen Invasoren mit den Indios der Küstenregionen und den Afrikanern, die man als Sklaven nach Brasilien brachte«.13 Je nachdem, was eine Region produzierte, entwickelten sich unterschiedliche ökonomische und soziale Organisationsformen. Ribeiro zählt sie auf und gibt ihnen Namen: Es sind die sertanejos des Nordostens, die caboclos von Amazônia, die crioulos der Küstengebiete, die caipiras des Südostens und des Zentrums, die gaúchos des ländlichen Südens, die Italo-Brasilianer, die Teuto-Brasilianer, die Nipo-Brasilianer und andere mehr. Und er sagt, sie seien alle, trotz unterschiedlicher Herkunft und Stellung, vor allem Brasilianer und Brasilianerinnen.14

Das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedenster »Rassen« und Stellung faszinierte den jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig: »Es gibt keine Farbgrenzen, keine Abgrenzungen, keine hochmütigen Schichtungen«, schwärmte er.15 Seinem Gastgeber, dem populistischen und nationalistischen Präsidenten Getúlio Vargas, kamen solche Ausführungen gelegen. Betrachtet man das Kommen und Gehen am Strand, so sind Zweigs Ansichten gut nachvollziehbar – bis zum Moment, an dem sich die Polizei auf einen jungen Mann stürzt, ihn wenig zimperlich fesselt und abführt, während die anderen Strandgäste mit ihren Handys Fotos schießen. Der Abgeführte ist dunkler Hautfarbe und das ist nicht nur Zufall. Gemäß den Sozialindikatoren der brasilianischen Statistik gehören Brasilianer und Brasilianerinnen der indigenen Bevölkerung sowie afrodescendentes, Nachfahren jener Menschen, die als Sklaven aus Afrika nach Brasilien gebracht wurden, auch heute noch deutlich zur »stärker verwundbaren Bevölkerung«. Sie haben unter anderem eine schlechtere Ausbildung als Europa-stämmige Brasilianer, verdienen weniger und sind stärker von Armut und Gewalt betroffen.16

Der Soziologe Ribeiro schildert die Klassengesellschaft Brasiliens so: Eine tief sitzende soziale Distanz zwischen zwei entgegengesetzten Klassen sei Bestandteil der gesellschaftlichen Organisation. Die Eliten, zuerst portugiesisch, dann portugiesisch-brasilianisch und schließlich brasilianisch, fürchteten den Aufstand der Unterdrückten. Ansätze, die Kluft zu überwinden, gebe es kaum, vielmehr einen Modus Vivendi, eine Art, getrennt voneinander zu leben: Die Privilegierten schotteten sich hinter einer Barriere der Indifferenz ab, während die Unterprivilegierten diese soziale Ordnung als quasi vom Himmel gegebenes System hinnähmen.17 Die Analysen Ribeiros stammen aus den 90er-Jahren. Der Blick auf die geschlossenen Wohnsiedlungen, gut bewachte sogenannte condominios fechados, die am Rand der Städte wie Pilze aus dem Boden schießen, zeigt, dass es die Kluft – oder eher die Mauern – auch heute noch gibt. In den abgeschotteten Siedlungen wohnen die Privilegierten: grün, sauber, sicher, wohlversorgt, unter sich. Ein Heer von Hausangestellten nimmt lange Arbeitswege auf sich, um ihnen zu dienen. In ihren eigenen Wohnquartieren kämpfen die Putzfrauen, Pflegerinnen, Gärtner und Wächter um Strom- und Wasseranschlüsse, Müllabfuhr, Schulen, medizinische Versorgung und Sicherheit.

Doch bei diesen Angestellten verändert sich vieles. Sie gehören zur sogenannten Klasse C. In den 70er-Jahren schuf das Medienunternehmen Rede Globo eine Forschungsabteilung, um die Ausrichtung seiner Sendungen, zu denen die berühmten Novelas gehören, zu optimieren.18 Die Forscher teilten die brasilianische Gesellschaft in vier Klassen ein. Da kommerzielle Interessen im Vordergrund standen, nahmen sie das für den Konsum zur Verfügung stehende Einkommen als Abgrenzungskriterium: Zur Klasse A, der Elite, zählten sie Haushalte mit mehr als zehn Mindestlöhnen Einkommen, zur Klasse B, der Mittelklasse, solche mit vier bis zehn Mindestlöhnen, zur Klasse C jene, die zwischen einem und drei Mindestlöhnen verdienen, und zur Klasse D schließlich alle, die bis zu einem Mindestlohn verdienen und deshalb über die existenziellen Ausgaben hinaus kein Geld für zusätzlichen Konsum haben. Der Mindestlohn, als jährlich vom Staat festgesetzte Größe, ist ein wichtiges Maß für den materiellen Status der Haushalte. 2013 beträgt er monatlich 670,95 Reais, umgerechnet etwa 250 Euro. Homero Sánchez, der visionäre Chef der Forschungsabteilung, der damit begann, Zahlen zum Einkommen mit Informationen zu Bildung, Wohnort, Handlungsweisen und Wünschen der jeweiligen Gruppen zu verbinden, identifizierte die Klasse C als die eigentlich interessante: »Klasse C ist groß, die Menschen, die zu ihr gehören, sind optimistisch, sie leben in der Gegenwart und sie haben begonnen, Konsumgüter per Ratenabzahlung zu kaufen, sie sind die Konsumenten par excellence.«19

Klasse C, inzwischen ein Begriff, ist diejenige, die Medienproduzenten, Marktforscher und Politiker gleichermaßen fasziniert. Ihr werden jene Menschen zugeordnet, die aus der riesigen Menge der extrem armen Menschen aufgestiegen sind und sich als Call-centeragenten und Hamburger-Verkäuferinnen, als Konsumenten und Konsumentinnen, als Wähler und Wählerinnen bemerkbar machen. Die Klasse C ist diejenige, die wesentlich dafür verantwortlich war, dass 2006 Präsident Luiz Inácio Lula da Silva wiedergewählt und Dilma Rousseff, die Frau aus Lulas Kabinett, 2010 seine Nachfolgerin wurde. Die Politik hat geholfen, diesen Leuten mehr Chancen zu geben.

Die neue Politik

Als Luiz Inácio Lula da Silva, der Sohn einer armen Arbeiterfamilie aus dem Sertão von Pernambuco, 2002 ins Präsidentenamt gewählt wurde, war es vor allem die städtische Mittelschicht, die mit ihm und seiner Arbeiterpartei einen Wechsel herbeihoffte. 2006 und 2010 sorgte dann eine andere Wählerschaft, jene Klasse C, für die Kontinuität dieser Regierung. Was ist geschehen? Als Lula an die Macht kam, waren die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen günstig. Fernando Henrique Cardoso, Lulas Vorgänger im Präsidentenamt, hatte als wichtige Voraussetzung für ein Wirtschaftswachstum mit seinem Plano Real genannten Maßnahmenpaket den Geldwert stabilisiert. Internationale Investoren suchten nach Standorten, um Industriewaren kostengünstiger als in den alten Industrieländern zu produzieren, und brauchten neue Märkte für ihre Konsumgüter. Die Rohstoffe und Landwirtschaftsgüter, die Brasilien anzubieten hatte, wie Eisenerz oder Zuckerrohr und Soja, wurden auf dem Weltmarkt zu guten Preisen nachgefragt, nicht zuletzt von anderen großen aufstrebenden Märkten wie China. Im Land selber brauchte es nach einer jahrhundertelangen wirtschaftlichen und ökonomischen Entwicklung, die Millionen von Menschen in großer Armut gelassen hatte, relativ wenig, um viele von ihnen ein wenig besserzustellen. Und diese Menschen waren bereit mitzuziehen: zu studieren, zu arbeiten, vorwärtszukommen.

Als 2002 nach vierzig Jahren Rechtsregierung erstmals wieder ein Linker zum Präsidenten gewählt wurde, bedeutete dies keine Revolution. Lulas Wirtschaftspolitik war zumindest am Anfang konservativ. Das in- und ausländische Kapital sollte die Bestätigung erhalten und Vertrauen haben, dass die Verpflichtungen – auch diejenigen der vorherigen Regierung – eingehalten würden. Die bereits hohen Zinsen wurden weiter erhöht und der Anteil des Staatsbudgets für den Schuldendienst stieg. Gleichzeitig wurden die öffentlichen Ausgaben gekürzt und die Kaufkraft des Mindestlohns stagnierte. Das hieß für die Arbeiter und Arbeiterinnen tiefere Einkommen und steigende Arbeitslosigkeit, während die Profite der Investoren stiegen. Neoliberale Privatisierungen wurden nicht rückgängig gemacht, prekäre Arbeitsverhältnisse blieben bestehen. War das wirklich der Sozialist, der sich brüderlich im Kreis der Linkspräsidenten der Nachbarländer, mit Venezuelas Hugo Chávez, Boliviens Evo Morales und Ecuadors Rafael Correa, ablichten ließ?

Dann baute seine Regierung Programme zur Bekämpfung der Armut aus, die sehr erfolgreich waren, auch wenn, oder gerade weil, sie wenig an der bestehenden sozialen Ordnung kratzten. Inclusão, Einschluss, ist ein wichtiges Schlagwort in diesem Zusammenhang: Alle Menschen, die in Brasilien leben, sollen zur brasilianischen Gesellschaft gehören und an ihrem Fortschritt teilhaben können. Das 2004 geschaffene Ministério do Desenvolvimento Social e Combate à Fome MDS, das Ministerium für soziale Entwicklung und den Kampf gegen den Hunger, administriert verschiedenste Hilfsprogramme. Das größte und bekannteste heißt bolsa familia, Familienstipendium. Durch Bolsa Familia erhalten Familien mit sehr tiefem Einkommen seit dem Jahr 2003 eine Grundrente. Die Höhe der Unterstützung, durchschnittlich etwa 35 Euro pro Familie und Monat, wird aus einem Basisbetrag und zusätzlichen Beiträgen je nach Kinderzahl berechnet. Damit die Familien diese Beiträge erhalten, müssen sie verschiedene Auflagen erfüllen. Sie müssen sich registrieren lassen, die Kinder medizinisch untersuchen und impfen lassen, für schwangere Frauen gibt es obligatorische ärztliche Kontrollen. Die Familien haben den Schulbesuch der Kinder nachzuweisen, Kinderarbeit wird bekämpft. Die Gemeinden haben die Verantwortung, das Programm auszuführen, sie werden dafür finanziell und technisch unterstützt.

2012 wurde Bolsa Familia von dreizehn Millionen brasilianischen Familien genutzt.20 Das Programm erwies sich als großer Erfolg. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Von rechts wird unterstellt, dass die Leute keine Anstrengungen für Bildung und Arbeit mehr machen würden, wenn sie das Geld so einfach erhalten könnten, und dass die Zuschüsse falsch verwendet würden, zum Beispiel für ungesunde Snacks oder luxuriöse Haushaltsgeräte. Von links werden die strengen Zugangsbedingungen und die geringe Beitragshöhe kritisiert. Eine Studie des regierungsunabhängigen Sozialforschungsinstituts iBase zeigt jedoch auf, dass die positiven Aspekte des Programms klar überwiegen:2122