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Nachdem ich mich umgezogen habe, machen wir uns auf den Weg zu Leos Garderobe.
Meine Garderobe ist im alten Teil des Theaters untergebracht, Leos hingegen befindet sich im modernisierten, mit nagelneuem Teppichboden ausgelegten Gebäudeteil.
»Deine Garderobe sollte auch im renovierten Teil sein. Die Luft ist dort viel besser.« Marc runzelt die Stirn.
»Ich bin aber nicht so ein großer Star wie Leo.«
»Du bist genauso wichtig für das Stück wie er. Ich werde dafür sorgen, dass du umziehst.«
»Nein, schon gut. Ich mag meine Garderobe. Sie ist mir sogar lieber, weil sie besser zu mir passt.«
Marc hebt eine Braue. »Du warst schon einmal in Leos Garderobe?« Sein Tonfall spricht Bände.
»Ja. Ein paarmal. Sie ist sehr hell, mit rotem Teppichboden und Plakaten an den Wänden. Sehr nett. Passt zu Leo.«
Marcs Kiefer spannt sich an. »Ich vertraue darauf, dass er sich wie der perfekte Gentleman benommen hat.«
Ich zögere. Marcs und Leos Vorstellung von einem perfekten Gentleman könnten ein wenig auseinandergehen.
»Es gibt keinen Grund zur Eifersucht«, erwidere ich.
Marcs Augen verdunkeln sich. »Das freut mich zu hören.«
»Du und Leo habt vor Jahren schon einmal zusammengearbeitet, deshalb solltest du wissen, dass er ein netter Kerl ist.«
»Das Einzige, was mir von Leo Falkirk in Erinnerung geblieben ist, sind seine Unzuverlässigkeit und seine Angewohnheit, zu spät zu kommen. Im Zweifelsfall würde ich ihm nicht trauen. Auch im Hinblick auf dich nicht.«
»Damals war er noch ein Teenager. Seit ich mit ihm zusammenarbeite, ist er kein einziges Mal zu spät gekommen. Er ist wirklich nett, glaub mir.«
»Wenn du mich fragst, muss das erst noch bewiesen werden. Vor allem nach dem Vorfall, als er dich nach der Probe vors Haus gezerrt und einer Horde wild gewordener Fotografen zum Fraß vorgeworfen hat.«
»Das war ein unglücklicher Zufall. Er konnte nicht wissen, dass ich stolpern würde.«
»Ein Mann mit Verantwortungsbewusstsein hätte dich niemals in die Nähe dieser Meute gelassen.«
Einen Moment gehen wir schweigend die Korridore entlang.
»Der Ring ist wunderschön«, sage ich schließlich.
Marcs Kiefermuskeln lockern sich ein wenig. »Er hat zuerst meiner Großmutter und dann meiner Mutter gehört. Natürlich hat mein Vater ihn sofort zu Geld gemacht, als er mitbekommen hat, dass der Brillant echt ist. Ich habe Jahre gebraucht, um ihn aufzustöbern. Am Ende habe ich ihn in einem Pfandleihhaus in Whitechapel gefunden.«
Ich drücke seine Hand. »Du bist wirklich bemerkenswert, Marc Blackwell. Dass du so ein Mann werden würdest … nach allem, was du als Junge durchgemacht hast …«
»Das Bemerkenswerteste an mir bist du.«
Inzwischen stehen wir vor Leos Garderobe, aus der gedämpftes Murmeln und der Gesang von Johnny Cash dringen.
Marc lässt meine Hand los und öffnet die Tür – eine Spur zu energisch für meine Begriffe. Der Gedanke drängt sich auf, dass er sich ausmalt, sie sei Leos Gesicht.
Die Garderobe ist groß, aber brechend voll. Drei Kellner in Smokings reichen den Gästen Champagner.
»Hey.« Ich nehme Marcs Hand. »Sei nett zu ihm, okay? Leo und du, ihr seid keine Feinde.«
»Nein?«
»Nein. Er bewundert dich und spricht voller Ehrfurcht von dir.«
»Mir macht eher Sorgen, wie er über dich denkt.«
Wir gehen hinein. Jen und Dad haben sich mit Tom und Tanya in eine Ecke gequetscht. Tom gibt irgendwelche Anekdoten zum Besten, während die drei abwechselnd lauschen und lachen.
Jen sieht sensationell aus in ihrem cremefarbenen Korsagenkleid mit den goldfarbenen Stickereien. Auch Tom und Tanya haben sich mächtig in Schale geworfen – Tanya trägt ein raffiniert geschnittenes schwarzes Abendkleid und eine Kette mit einem einzelnen Brillanten, und Tom, auffallend wie immer, hat sich für Frack mit roter Fliege und Zylinder entschieden.
Mein Dad scheint sich ein wenig unwohl in seiner Haut zu fühlen. Er trägt seine Sonntagsjeans – die schwarze ohne Flecken – und ein weißes Hemd, das er sich vor Jahren zur goldenen Hochzeit meiner Großeltern gekauft hat. Er hält sich krampfhaft an seiner Champagnerflöte fest, als wäre sie ein Bierglas, und sieht immer wieder zur Tür hinüber.
Leo und Davina haben neben einer riesigen Stereoanlage Posten bezogen, die vermutlich eigens für die Party aufgebaut wurde. Leo schwenkt eine Champagnerflasche, aus der er immer wieder trinkt, und lacht aus vollem Hals.
»Soph!« Jen entdeckt mich als Erste und schiebt sich durch die Menge. Ihre Absätze sind zwar schwindelerregend hoch, trotzdem schafft sie es, unbeschadet zu uns zu gelangen.
Sie wirft mir die Arme um den Hals. »Du warst der absolute Hammer. Wahnsinn! Los, komm. Die anderen können es kaum erwarten, dir zu gratulieren und dir zu sagen, wie toll du warst.« Sie zieht mich hinter sich her.
Statt mich loszulassen, verstärkt Marc seinen Griff sogar noch, als wir zu den anderen treten.
»Sophia«, trompetet Tom lauthals. »Was für ein Auftritt! Fantastisch. Du warst sensationell. Die endlosen Proben haben sich wohl bezahlt gemacht, was? Du und Leo habt euch nichts geschenkt dort oben. Hätte ich es nicht gewusst, wäre ich nie im Leben darauf gekommen, dass er schon viel länger im Geschäft ist als du.«
»Du warst fantastisch, mein Schatz.« Dad sieht ein wenig müde aus, außerdem schweift sein Blick suchend umher, als warte er auf jemanden.
»Stimmt, du warst wirklich bombastisch, Soph.« Tanya drückt meine Schulter. »Ich war total begeistert – obwohl ich Musicals sonst eigentlich hasse.«
»Tanya!«, tadelt Tom.
»Was denn? Das ist die Wahrheit. Ich hasse Musicals.«
»Aber das will Soph jetzt wohl kaum hören.«
»Schon gut.« Ich lächle. »Ich nehme das als Kompliment.«
»Und was ist mit Weihnachten?«, erkundigt sie sich. »Hast du da etwa eine Vorstellung?«
»Am ersten Weihnachtstag nicht, aber am zweiten und an Silvester und dann von Januar bis Ende März.«
Toms Augen weiten sich. »Und wie findest du das?«
»Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Ich liebe Weihnachten, aber es ist ja nur dieses eine Mal.«
»Das heißt, du kommst nach Hause?«, fragt Jen.
»Aber natürlich. Ich verbringe Weihnachten jedes Jahr zu Hause.«
»Na ja, man weiß ja nie. Vielleicht ist dir der Ruhm plötzlich zu Kopf gestiegen.«
»Ich bin nicht berühmt, sondern eher berüchtigt. Und ich wünschte, es wäre nicht so.«
»Noch magst du es vielleicht nicht sein«, wendet Tom ein, »aber Ende Januar bist du bestimmt auf dem besten Weg dazu.«
»Wie verbringt ihr beide die Feiertage?«
Tom und Tanya tauschen einen Blick, dann erscheint ein verlegenes Lächeln auf Tanyas Zügen. »Meine Eltern feiern dieses Jahr in Spanien, deshalb fahre ich mit Tom zu seiner Familie. Sie haben ein Haus in Surrey, wo genug Platz ist.«
»Unser erstes gemeinsames Weihnachten«, meint er.
»Ich sterbe fast vor Angst. Du etwa nicht?«, sagt Tanya.
»Nicht im Geringsten.«
»Aber was, wenn sie mich nicht mögen? Oder meinen Akzent nicht verstehen?«
»Sie werden begeistert von dir sein. Und notfalls kann ich dolmetschen. Inzwischen verstehe ich ja Schottisch.«
»Das ist doch keine Fremdsprache.« Tanya verdreht die Augen.
»Nein, fremd nicht, aber exotisch, mein Schatz.«
Tanya lacht.
»Ich werde euch vermissen«, werfe ich ein.
Jen legt mir die Hand auf die Schulter. »Keine Sorge, dir wird schon nicht langweilig werden. Ich komme auf einen Drink vorbei, wie jedes Jahr.«
»Und kommt Mr Blackwell auch zum Festtagsbraten vorbei?«, erkundigt sich Tom.