
Sportpsychologie auf einen Blick
Meyer & Meyer Verlag
Psyche in Form
Sportpsychologie auf einen Blick
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Vorwort
1 Diagnose
1.1 Diagnostische Verfahren im Sport
2 Handlungsregulation
2.1 Instanzen der Handlungsregulation
2.2 Die Kopfarbeit
2.3 Orientierungsgrundlage
2.4 Empfindlichkeit der Analysatoren
2.5 Sensibilisierung
3 Gesundheit
3.1 Sport und Gesundheit
3.2 Aspekte der Motivierung im Gesundheitssport
3.3 Unfallvermeidung
4 Motivation
4.1 Triebstärke – Reizstärke
4.2 Aktivitätspotenzial – Verwöhnen
4.3 Motivieren – Basismotive
4.4 Einstellung
4.5 Erfolgserlebnisse
4.6 Gradmesser für Erfolgserlebnisse
4.7 Wirkung von Misserfolgserlebnissen
4.8 Typen der Zielsetzung
4.9 Auswahl der Ziele
5 Pubertät
5.1 Konflikte in der Pubertät
5.2 Das Körperschema in der Pubertät
5.3 Erwachsen werden – Ziel und Widerspruch
6 Psychische Steuerungsfähigkeiten
6.1 Welche Fähigkeiten zählen dazu
7 Konzentration
7.1 Konzentration – Definition
7.2 Konzentrationsrichtungen
7.3 Konzentrationskontrolle – Konzentrationstraining
8 Schwerpunkte des psychologischen Trainings
8.1 Zustandsregulation – mentales Training – Selbstvertrauen
9 Mentales Training
9.1 Mentales Training – Ziele – Methoden – Inhalte
9.2 Mentales Training – Inhalte – Methoden
9.3 Visualisieren
9.4 Psychische Barrieren
9.5 Der Trainingsweltmeister – was tun?
9.6 Mentales Training für Spieler 1
9.7 Mentales Training für Spieler 2
10 Entspannung
10.1 Wirkungen der Entspannung
10.2 Vorbereitung der Entspannungsverfahren
11 Pause
11.1 Pause – Phasen der Pause
11.2 Erholung – wie lange? Die Wiederherstellungsphase
11.3 Psychologisches Wiederherstellungstraining
12 Selbstvertrauen
12.1 Selbstvertrauen – die richtige Dosierung
12.2 Erwartungsdruck – Selbstzweifel – Selbstvertrauen
12.3 Selbstmotivierung
12.4 Methodik der Selbstbekräftigung – Affirmation
12.5 Überzeugungstraining
12.6 Erwerb von Selbstvertrauen
13 Emotionen
13.1 Negative Emotionen
13.2 Aggression und Gewalt – der verhaltensbiologische Ansatz. Aggression ja! Gewalt nein!
13.3 Ansätze der Gewaltentstehung
13.4 Kampfsportarten – als Mittel zur Vermeidung von Gewalt
14 Angst – Stress
14.1 Symptome der Angst
14.2 Formen der Angst
14.3 Wirkungen der Angst
14.4 Bewältigung von Ängsten
14.5 Angst- und Stressabbau
14.6 Stressarten und Erholung
14.7 Wechselbeziehung der Stressfaktoren
14.8 Stressbewältigung – Stressformeln
14.9 Stressbewältigungskatalog
15 Mannschaft
15.1 Die Sportmannschaft als soziale Einheit
15.2 Vier Phasen der Teamentwicklung – wie eine Mannschaft entsteht
15.3 Aufgabenzusammenhalt – Leistung – Sportart
15.4 Leistungsfähigkeit einer Mannschaft
15.5 Mannschaftszusammenhalt
15.6 Was der Trainer tun kann
16 Konflikte
16.1 Konflikte im Sport
16.2 Konfliktbewältigung
17 Aberglaube
17.1 Irrationalität im Sport – Aberglaube – Magie – Rituale – Maskottchen
18 Coaching
18.1 Coaching – Voraussetzungen
18.2 Vier Wirkungen der Sprache
18.3 Nonverbale Botschaften
18.4 Voraussetzung emotionaler Kompetenz
18.5 Maßnahmen des Coachs – unterstützende Maßnahmen des Coachs
18.6 Zielbereiche des Coachings
Bildnachweis
Selbstkontrolle, mentales Training oder Selbstvertrauen spielen in allen Anwendungsfeldern des Sports eine mehr oder minder bedeutsame Rolle. Die facettenhafte Auswahl sportpsychologischer Schwerpunkte soll dazu anregen, sich eigenständig und kreativ mit psychologischen Fragen im Sport zu beschäftigen und zur Lösung persönlicher und sozialer Probleme beizutragen.
Das vorliegende Buch soll durch die farbige Gestaltung der Grafiken und Modelldarstellungen Interesse für die Sportpsychologie wecken, sportpsychologische Grundlagen aufzeigen, in sportliche Anwendungsfelder einführen und zu weiteren, vertiefenden Studien herausfordern.
Die grafische Gestaltung verdeutlicht Zusammenhänge sportpsychologischer Inhalte, ohne dass damit der Anspruch auf vertiefte Kenntnisvermittlung erhoben wird.
Der Umgang mit Sportlern aller Leistungs- und Altersstufen im Freizeit- und Leistungssport verlangt Eigenerfahrung, Menschenkenntnis und psychologisches Grundwissen. Sie sind Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten der Betreuer, Übungsleiter, Lehrer und Trainer in der täglichen Betreuungs-, Trainings- und Wettkampfpraxis.
Prof. Dr. Sigurd Baumann
Ähnlich wie der Arzt vor Verabreichung eines Medikaments eine entsprechende Diagnose stellt, muss auch der Psychologe zunächst möglichst umfangreiche Kenntnisse über Ursachen und Art eines vorliegenden Problems gewinnen. Da jeder Mensch über eine nicht austauschbare, einmalige Lebensgeschichte verfügt, bedarf es grundsätzlich einer individuell ausgerichteten Erkenntnisgewinnung. Hierin liegt auch die Begründung, dass es in der Psychologie keine rezeptartigen Verschreibungen gibt, da gleichartige Phänomene, z. B. Angstreaktionen, bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Ursachen und Voraussetzungen aufweisen können. Je besser ein Trainer seine Schützlinge versteht, desto vielseitiger und effektiver kann er Einfluss nehmen. Trainer und Sportlehrer müssen ihre Diagnose meist in kurzer Zeit stellen. Wissenschaftliche Methoden stehen zwar zur Verfügung, spielen aber nur dann eine Rolle, wenn die diagnostische Zielsetzung eine vertieftere und zeitlich aufwendige Untersuchung verlangt. Der praktisch ausgerichtete Betreuer kann sich neben seinem „gesunden Menschenverstand“ vor allem auf die Anamnese, die Beobachtung und das Gespräch stützen.
Sie stellt die Informationssammlung über Lebensdaten und Vorgeschichte des Sportlers dar. Auf ihrer Grundlage werden weitere Informationen interpretiert. Ein Trainer sollte sich im Klaren darüber sein, dass Kenntnisse über die Lebensumstände des Sportlers eine wichtige Hilfe für seine Maßnahmen darstellen. Sein Interesse sollte auf folgende Bereiche gerichtet sein: Einstellungen und Erziehungspraktiken der Eltern, schulische oder berufliche Situation, sportliche Vergangenheit, Hobbys, private Neigungen, Konflikte, Wünsche und Erwartungen allgemeiner und sportbezogener Art.
Die Beobachtung ist neben dem Gespräch die Hauptmethode des Betreuers. Der Trainer ist meist gezwungen, das Beobachtete mit weiteren Informationen zu verknüpfen, um ein annähernd zutreffendes Urteil fällen zu können. Die pädagogischpsychologische Aufgabe des Trainers besteht in der ständigen Verfeinerung seiner Beobachtungsfähigkeit. Er sollte sich dem Wort Goethes verpflichtet fühlen: „Ihr müsst es lernen, nicht anzusehen, sondern zu durchschauen.“
Die Beobachtung stellt einen gezielten Wahrnehmungsprozess dar, der uns allerdings nur über äußerlich beobachtbares Verhalten Aufschluss gibt. Deshalb stellt das Gespräch eine geeignete Methode zu weiterer, vertiefter Erkenntnis dar.
Es erfüllt die Funktionen der Einwirkung, der Therapie und der Informationsgewinnung. Die meisten Sportler haben das Bedürfnis, sich mit jemandem auszusprechen. Bei Gesprächen, die unterdrückte oder verheimlichte Probleme und Konflikte aufhellen sollen, ist auf Ungezwungenheit, Freiwilligkeit und Gesprächsbereitschaft des Sportlers zu achten. Am Anfang sollten Themen positiver Erlebnisse, Wünsche und Erwartungen stehen, um ein Gespräch in Gang zu bringen und anfängliche Widerstandsreaktionen zu verhindern. Der Trainer sollte verhörähnliche Techniken, vorschnelle Kommentare oder übertriebene Verständnisbereitschaft vermeiden.

Eine große Unterstützung des Trainers kann der mit wissenschaftlichen Methoden arbeitende Sportpsychologe sein. Fragebögen zur Selbsteinschätzung, Experimente, Tests und sozialpsychologisch ausgerichtete Methoden (Soziometrie), stellen Verfahren dar, die in die Sportpsychologie Eingang gefunden haben. Interessierte Sportler und Trainer können durch vertieftes Studium der nachfolgenden Literaturhinweise ihr diagnostisches Repertoire erweitern.
| Vertiefende Literatur: | Atteslander, P. (1993). Methoden der empirischen Sozialforschung. Berlin. Baumann, S. (2006). Psychologie im Sport. Aachen. Gorbunov, G. (1988). Der erfolgreiche Sportler. Berlin. Lamnek, S. (1989). Qualitative Sozialisationsforschung, (2. Band). München. |
Sportler, die „ausflippen“, die sich z. B. durch unbeherrschtes Verhalten eine Rote Karte zuziehen, lassen sich von momentanen Gefühlen leiten. Ihr Handeln wird überwiegend emotional gesteuert. Sportler, die kühlen Kopf bewahren, die bewusst ein realistisches Ziel verfolgen und eventuelle Folgen der Handlungsausführung beurteilen können, steuern ihr Handeln kognitiv.
Das äußerlich beobachtbare Verhalten eines Sportlers wird also durch innere, psychische Prozesse programmiert und gesteuert, die sich aus dem Zusammenspiel und der Wechselwirkung kognitiver, emotionaler und motorischer Komponenten ergeben. Man unterscheidet deshalb drei Regulationsebenen (Nitsch, 1996):
Kognitiv gesteuerte Handlungen sind bewusst geplant und willentlich gesteuert. Die Handlungsfolgen werden bewusst erkannt, es liegen bewusste Kalkulationen und Entscheidungen über die einzusetzenden Mittel vor.
Neben den intellektuellen Fähigkeiten (Wahrnehmung, Gedächtnis, Vorstellen, Denken), die für die Qualität der Situations- bzw. Aufgabenbewältigung von wesentlicher Bedeutung sind, spielen bei kognitiv gesteuerten Handlungen im Sport die psychischen Steuerungsfähigkeiten eine wichtige Rolle. Ihr Einsatz wird vor allem dann erforderlich, wenn Hindernisse und Schwierigkeiten oder handlungsbeeinflussende Gefühlserlebnisse auftreten, die es zu steuern oder zu bewältigen gilt (siehe psychische Steuerungsfähigkeiten). Auch sie gehören der kognitiven Regulationsebene an, da ihr Einsatz bewusst erfolgt und deshalb auch trainiert und verbessert werden kann.
Die kognitive Regulationsebene stellt die übergeordnete Steuerungsgröße dar, d. h., emotionale und motorische Regulierungen können intellektuell in ihrer Ausprägung und Richtung beeinflusst werden. Allerdings ist es auch möglich, dass emotionale und motorisch gesteuerte Handlungen ohne bewusste Mitwirkung des kognitiven Systems ablaufen.
Handlungen können durch Gefühle, Stimmungen oder Affekte gesteuert werden. Reize, die mit Emotionen verknüpft sind, lösen spezifische Handlungsweisen aus. Daraus resultieren persönliche Erfahrungen. Im Laufe der individuellen Lerngeschichte können sich Emotionen verselbstständigen, d. h., Handlungen werden nicht mehr durch Reize, sondern von Emotionen ausgelöst.
So können sich im Verlauf des Erfahrungsprozesses gleiche Emotionen mit verschiedenen Reizen koppeln. Daraus wird verständlich, dass gleichartige Situationen bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen auslösen können.
Boxer werden z. B. von manchen Menschen als asketische Sportler bewundert, andere verabscheuen sie als aggressive Triebmenschen. Die Kritik eines Trainers kann bei einem misserfolgsorientierten Spieler gänzlich andere Reaktionen auslösen als bei einem erfolgshungrigen jungen Sportler. Der Anblick einer Maus oder eines Löwen kann bei verschiedenen Personen zu ähnlichen Panikzuständen führen.

Emotionale Regulationen treten vor allem dann auf, wenn es um schnelle Handlungsausführungen geht, die einer gedanklichen Steuerung nicht mehr oder nur in geringem Maß unterliegen. Emotional gesteuert sind beispielsweise Handlungen, die durch Angst oder Wut ausgelöst werden, aber auch beim Reagieren auf Finten oder beim Verhindern eines Sturzes durch blitzschnelles Reagieren, kann man von emotionaler Steuerung ausgehen.
Die motorische Regulationsebene enthält überwiegend unbewusste, d. h. nicht oder nur teilweise bewusstseinsfähige Bewegungsmuster, die regulatorisch die Bewegung beeinflussen. Zu nennen sind Regularien, die sich durch Übungsprozesse und Anpassung ausbilden, z. B. das Bewegungsgefühl, das Wassergefühl oder das Gleitgefühl. Automatische Anpassungsprozesse, z. B. das Halten eines Handstands oder die automatische motorische Anpassung an sich verändernde äußere Bedingungen, z. B. Bodenverhältnisse, Pistenbedingungen, können zwar bewusst initiiert, aber in ihrem prozessualen Ablauf nicht bewusst beeinflusst werden.
| Vertiefende Literatur: | Kunath, P. (1991). Tätigkeitsorientierte Sportpsychologie. Frankfurt. Nitsch, J. (1996). Zur handlungstheoretischen Grundlegung der Sportpsychologie. In H. Gabler, u. a. (1996). (Hrsg.), Einführung in die Sportpsychologie. (Band 2). Schorndorf, S. 188. |
Jede sichtbare sportliche Handlung wird durch unsichtbare innere Prozesse veranlasst, programmiert, entschieden und gesteuert.
Am Anfang steht die sportliche Aufgabe, z. B. beim Skilauf einen Hang zu bewältigen oder eine Leistungsbarriere zu überwinden.
Die Aufgabe kann gelöst werden, wenn der Sportler seine Fähigkeiten kennt und er entsprechende Ziele formuliert, die er konsequent verfolgt.
Nicht immer können Ziele sofort formuliert werden. In diesem Falle ist es erforderlich, die Orientierungsphase vor die Zielsetzung zu verlagern. Dies tritt ein, wenn noch zu wenig Kenntnisse vorliegen. Beispielsweise orientiert sich ein Sportler zunächst über die Trainingsbedingungen, ein Skifahrer prüft die Schneeart, ein Leichtathlet seinen Trainingszustand, bevor das Ziel gesetzt wird.
Man orientiert sich über die äußeren Handlungsbedingungen, überlegt die Handlungsschritte und wägt die Handlungsfolgen ab. In dieser Phase stellt der Sportler den Zusammenhang zwischen seinem Können und der Situation dar. Er gestaltet die objektive Situation je nach Aufgabenstellung und Können subjektiv um. Beispielsweise erkennt der Spieler, ob er sich in der Verteidigungsrolle oder im Angriff befindet, der Skifahrer orientiert sich über die Geländebeschaffenheit u. a.
Auf der Basis der subjektiven Orientierungsgrundlage erstellt er einen Handlungsplan, der es ermöglicht, die beabsichtigten Handlungen im Kopf, d. h. gedanklich antizipatorisch durchzuspielen. Der Sportler löst sich von der realen Situation und stellt sich die zukünftige Abfolge seiner Handlung in ihrem Ablauf vor. Man kann es als „Probehandeln im Kopf“ bezeichnen. Wesentlich ist es, dass der Plan den eigenen Fähigkeiten entspricht und ein Gelingen in der praktischen Phase wahrscheinlich ist.
Ist der Handlungsplan erstellt, bedarf es des Entschlusses zur Ausführung. Es gibt Plänemacher mit genialen Programmen, die es jedoch nicht schaffen, den Schritt vom Planen zur motorischen Umsetzung zu vollziehen. Hierzu bedarf es der bewussten Entschlusskraft.
In der Phase des Ausführens tritt zutage, ob das vorausgegangene Orientieren, Planen und Entscheiden richtig war. Aber nicht nur die psychische Vorbereitung ist verantwortlich für das Gelingen, auch der Trainingszustand, die Verbindung zur Muskulatur und deren Funktionsfähigkeit tragen zum Gelingen bei.

Man vergleicht das tatsächliche Ergebnis mit dem Handlungsplan und erkennt, ob der Plan erfüllt wurde oder ob Abweichungen von der Zielprogrammierung auftreten. Im Falle der Nichtübereinstimmung kommt es zu einer inneren Rückmeldung zu den psychischen Instanzen, die entsprechende Änderungen der Orientierung oder der Planung vornehmen.
Diese psychischen Bereiche laufen sowohl chronologisch als auch gleichzeitig ab. Der erfahrene Sportler wird nach dem Wahrnehmen der Situation den Plan sofort erstellen, ohne zeitliche Abfolge der gedanklichen Planung. Ähnlich wie beim Betrachten einer bekannten Landkarte, auf der man den gesuchten Ort mit einem Blick erfasst. Der Ungeübte bedarf einer längeren Abfolge der Orientierungs-, Planungs- und Entscheidungsphase.
Für den Trainer stellt es eine lohnende Aufgabe dar, zu erkennen, ob der Sportler eine unangemessene Orientierungsgrundlage gebildet, einen unrealistischen Handlungsplan erstellt hat oder über mangelnde Entscheidungsfähigkeit verfügt.
| Vertiefende Literatur: | Baumann, S. (2006). Psychologie im Sport. Aachen. Schubert, F. (1981). Psychologie – zwischen Start und Ziel. Berlin. |
Vor der Handlungsausführung muss der Sportler eine Orientierungsgrundlage erstellen, die es ihm ermöglicht, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln eine Situation erfolgreich zu bewältigen und zum Ziel zu gelangen. Sich orientieren, bedeutet also mehr, als nur die Umwelt in ihrer physikalischen Gegebenheit wahrzunehmen. Eine entscheidende Rolle spielen die bisher gemachten Erfahrungen, die Intensität der Motivation und die Bedeutung der Zielstellung.
Ein Skilehrer hat beispielsweise die Aufgabe, eine Gruppe wenig geübter Skiläufer sicher zu Tal zu führen. Er erstellt eine Orientierungsgrundlage, in der das geringe Können der Teilnehmer, seine eigenen Kenntnisse über Gelände und Könnensanforderungen eingehen. Auf Grund dieser Orientierungsgrundlage wählt er eine einfache Route, die eine angemessene Bewältigung der Aufgabe ermöglicht.
Am nächsten Tag befährt er ohne Gruppe den gleichen Hang. Nun bedarf er einer neuen Orientierungsgrundlage, die durch seine Motivation zum lustvollen Skifahren, sein technisches Können und seine Erfahrung mit der gewählten Route gekennzeichnet ist.
Die Orientierungsgrundlage stellt ein inneres Modell dar, das es ermöglicht, vor der Ausführung ein inneres Probehandeln durchzuführen, das die subjektiven Mittel und Zielstellungen beinhaltet.
Die Orientierung in einer sportlichen Situation spiegelt also nicht die objektiven Gegebenheiten wider, sondern ist stets abhängig von den Antriebsfaktoren, den Tätigkeitsbedingungen und der Zielstellung.
Der Sportler wandelt das objektive Abbild der Umwelt in ein handlungsbestimmendes, subjektives Abbild um. Die Informationsaufnahme der objektiven Reize, also die Erregungsleitung vom Sinnesorgan (Auge, Haut) zum Gehirn, wird als Afferenz bezeichnet („an“-kommende Erregung).
Als Efferenz bezeichnet man die vom Gehirn zu den Vollzugsorganen verlaufenden Erregungen („weg“-führende Erregung).
Das afferente Abbildungssystem stellt zunächst die Grundlage für die Einschätzung der Sportsituation dar. Je nach den Anforderungen des Handlungsvollzugs strukturiert der Sportler dieses Bild in ein efferentes Abbildungssystem um, das als unmittelbare Grundlage für die Entscheidung dient. Die Gesamtheit aller inneren Abbilder eines sportlichen Handlungsprozesses wird als operatives Abbildsystem bezeichnet, das durch die optimale Abstimmung der Orientierung auf das eigene Können und die äußeren Bedingungen gekennzeichnet ist.
Sportler müssen in der Lage sein, bei schnell wechselnden Situationen eine Veränderung der Orientierungsgrundlage vorzunehmen. Als Beispiele können genannt werden: der Wechsel von Abwehr – auf Angriff bei Sportspielen; das Abstimmen des eigenen Verhaltens auf das unterschiedliche Können von Partnern; wechselnde Situationen, die variantenreiche Technik verlangen, z. B. Grundlinienspiel oder Netzangriff im Tennis. Stimmt die Orientierungsgrundlage mit dem Können und den Zielen des Sportlers nicht überein, sind Fehlleistungen, unkontrolliertes Risikoverhalten, Anwendung falscher Techniken oder Taktiken oder gar Unfälle und Verletzungen die Folge.

| Vertiefende Literatur: | Frester, R. & Wörz, Th.(1997). Mentale Wettkampfvorbereitung. Göttingen. Gabler, H, Nitsch, J. R. & Singer, R. (2003). Einführung in die Sportpsychologie. (Band 2). Schorndorf. Kunath, P. & Schellenberger, H. (1991). Tätigkeitsorientierte Sportpsychologie. Frankfurt. Schubert, F. (1981). Zwischen Start und Ziel. Berlin. |
Der Mensch ist in der Lage, sich an wechselnde äußere Reize sowohl physiologisch als auch psychisch anzupassen, um einen Gleichgewichtszustand zwischen Organismus und Umwelt herzustellen. Die von der Umwelt auftreffenden Reize, hauptsächlich des optischen und des akustischen Sinns, sowie des Tast- und Bewegungssinns, werden als Empfindungen von den jeweiligen Analysatoren im Gehirn verarbeitet. In ihrem gegenseitigen Zusammenwirken begründen sie die innere, subjektive Wahrnehmung der Welt.
Je nach Stärke und Dauer der von außen einwirkenden Reize kann der Mensch die Empfindlichkeit des jeweiligen Analysators steigern oder vermindern. Wenn wir uns beispielsweise längere Zeit im kalten Wasser bewegen, wird die Empfindlichkeit des taktilen Analysators vermindert, sodass wir die Kälte weniger stark empfinden.
Die Analysatoren können sich wechselseitig beeinflussen und dabei ihre Empfindlichkeit steigern oder vermindern. Die Anpassung der Analysatoren an die Reizintensität wird als Adaption bezeichnet.
Im Sport gibt es vielerlei Möglichkeiten, die Empfindlichkeit der Sinnesorgane zu beeinflussen und zu trainieren.
Die Empfindlichkeit (Sensibilität) eines Analysators wird durch die Reizschwelle bestimmt. Starke Reize vermindern sie, schwache Reize führen zu ihrer Erhöhung. Ein Golfspieler bedarf beim Einlochen eines äußerst sensiblen Gespürs für Schläger und Ball, d. h., die Reizschwelle des Tast- und Bewegungssinns, insbesondere der Hände, speziell der Finger, muss möglichst niedrig sein, um auch feinste Signale der Schlägerbewegung und des Ballkontakts aufnehmen zu können. Innere Erregung, Ängste und eine damit einhergehende erhöhte Spannung der Muskulatur (Muskeltonus) vermindern die Sensibilität der reizverarbeitenden Analysatoren.
Deshalb ist ein gelassener, ruhiger und konzentrierter Zustand eine Voraussetzung für Feinfühligkeit und präzise Bewegungsausführung.
Die Anpassung der Sinnesorgane an geringe Reizeinwirkung bezeichnet man als Sensibilisierung. Hohe Reize führen zur Abstumpfung, d. h., die Empfindlichkeit der Sinnesorgane wird geringer, einwirkende Reize werden nur in geringem Maß oder überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Man passt sich der Höhe des belastenden Reizes an, z. B. beim Kugelstoßen oder Gewichtheben, oder man stumpft ab, wird empfindungsloser, z. B. die Anpassung unseres Gehörs an den Verkehrslärm oder die des Schwimmers an kaltes Wasser.
Die Adaption der Sinnesorgane ist eng verbunden mit den Anforderungen der jeweiligen Sportart. Es gibt keine Empfindungsart, die man nicht durch Training verbessern könnte.

Bewegungsgenauigkeit, Orientierungsfähigkeit und zeitliche Abstimmung sind in hohem Maß von der optimalen Sensibilität der jeweils beanspruchten Sinnesart abhängig.
| Vertiefende Literatur: | Baumann, S. (2006). Psychologie im Sport. Aachen. Kunath, P. & Schellenberger, H. (1991). Tätigkeitsorientierte Sportpsychologie. Frankfurt. |
Jeder Sportler entwickelt eine für seine Sportart spezifische Empfindlichkeit der Sinnesorgane. Im Laufe des Trainings erwirbt er eine feine Sensibilität für die Bewegung in ihrem zeitlichen und räumlichen Ablauf sowie für die Intensität des Einsatzes von Kraft und Spannung bzw. Entspannung. Die für die Verarbeitung der jeweiligen Sinnesreize zuständigen Analysatoren im Gehirn stehen miteinander in Verbindung und können sich gegenseitig stützen und ergänzen. So ist bekannt, dass Blinde eine besonders gut entwickelte Sensibilität des Gehörsinns und des Tastsinns besitzen. Wird ein Sinn ausgeschaltet, erreicht man dadurch eine Erniedrigung der Reizschwelle anderer Analysatoren. Diese Methode kann man im Sport nützen, indem man z. B. den optischen Sinn ausschaltet, um Tast- und Bewegungssinn zu schärfen.
Beispielsweise verbindet sich der Schwimmer die Augen, um sein Wassergefühl zu steigern, Turnerinnen steigern dadurch ihr Gleichgewichtsempfinden, der „blinde“ Basketballspieler wird sensibel für den feinen Kraftimpuls, den er dem Ball beim Freiwurf mitgeben muss.
Die Sensibilisierung kann auch durch Unterscheiden verschiedener und unterschiedlicher Reize erhöht werden. Das Verwenden verschiedener Bälle, z. B. Basket-, Volley-, Fuß- und Tennisbälle beim Dribbeln, Passen und Fangen, macht die Stärke der Sinnesempfindung bewusst. Das Training mit dem spezifischen Sportgerät kann im Anschluss daran zu einer weiteren Steigerung der Empfindlichkeit führen.
Für einen Skifahrer ist es wichtig, verschiedene Schneearten zu erfühlen, um Krafteinsatz und Technik darauf abzustimmen. Die Sensibilisierung eines Tennis- oder Tischtennisspielers kann so weit gesteigert werden, dass er die feinen Unterschiede des Verhaltens von Bällen verschiedener Firmen taktil empfindet.
Die wichtigste Methode zur Steigerung der Empfindlichkeit der Analysatoren besteht in der Erniedrigung der Reizstärke.
Dies wird an einigen Beispielen verdeutlicht:
Eine leise Stimme erhöht die akustische Leistungsfähigkeit, da die Reizschwelle des Gehirns erniedrigt wird. Ein Lehrer, der permanent laut schreit oder die Pfeife benutzt, erreicht das Gegenteil der Sensibilisierung – die Abstumpfung.
Die Anwendung kleinräumiger Bewegungen schärft den optischen Sinn. Der Tischtennisspieler kann durch Training verschiedene Schlägerhaltungen und Bewegungen des Gegners erkennen und dadurch das Ballverhalten besser beurteilen. Ein Fechter schult seinen optischen Analysator durch Erkennen der Richtung, Form und Schnelligkeit der Bewegung des Gegners. Der Tennisspieler erkennt an den Haaren des Balls dessen Rotation. Nebel und schlechte Sichtverhältnissen erhöhen die optische Wahrnehmungsfähigkeit des Skifahrers.
